Bürgerrechte Identitätspolitik Populismus Zivilgesellschaft

Die offene Gesellschaft und ihre Kontrolleure (#DHMDemokratie)

geschrieben von: Lucas Schoppe
 

Braucht die Demokratie Eliten, die sie kontrollieren? Über die plötzliche Aktualität einer alten Frage

Ich bin vom Deutschen Historischen Museum eingeladen worden, mich an der Blogparade Was bedeutet mir die Demokratie? #DHMDemokratie zu beteiligen. Mittlerweile sind dort auch schon viele ganz unterschiedliche, wirklich interessante Beiträge veröffentlicht worden, die meisten von Blogs, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Aber auch bei cuncti.net, wo übrigens viele man-tau-Texte zu lesen sind, beteiligen sich gleich mehrere Autoren an der Blogparade.

Mein Beitrag dazu ist einerseits ganz allgemein formuliert, andererseits aber auch sehr persönlich: Mich hat wohl kaum ein Autor so sehr beeinflusst wie John Dewey, auf den ich mich hier beziehe – und ich glaube, es würde der Demokratie sehr gut tun, wenn er in Deutschland stärker rezipiert würde. Jürgen Habermas, immerhin, hat ihn schon vor zwanzig Jahren zum Patron der Berliner Republik erklären wollen.

 

Demokratische Kontrolle oder kontrollierte Demokratie?

Wenn die Mehrheit der Demokratie keinen Wert mehr beimisst, nicht zur Wahl geht und um der Sicherheit willen bereit ist, Freiheiten und Bürgerrechte zu opfern, müssen wir als Minderheit uns dann dem despotischen Willen still beugen? […] Nein! Demokratie muss sich verteidigen.

So fragt und antwortet der ehemalige Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar gleich auf der Titelseite seines Buches Tut was! Plädoyer für eine aktive Demokratie! aus dem Jahr 2018.

Dündars pessimistischer Blick auf die Demokratie, die einst eine stolze Königin gewesen und die nun eine hilflose alte Frau sei, ist auch durch bittere, dramatische persönliche Erfahrungen in Erdoğans Türkei geprägt.  Das macht ihn verständlich, es macht aber die Schlussfolgerungen nicht zwangsläufig richtig.

Denn wie soll eine Demokratie, eine Volksherrschaft sich halten können, wenn das Volk gar nicht herrschen möchte und kein Interesse an der Demokratie hat? Soll dann eine kleine, sich demokratisch fühlende Elite Strukturen durchsetzen, mit der eine Mehrheit der Bevölkerung gar nichts anfangen kann?

Dündar schlägt das nicht vor, aber das Problem, das er anspricht, ist alt. Es wurde schon in den Zwanziger Jahren in einer öffentlichen Kontroverse zwischen dem Journalisten Walter Lippmann und dem Philosophen John Dewey in den USA durchgespielt.

Lippmann, damals eine der wichtigsten Akteure einer progressiven amerikanischen Politik, ging in seinen Schriften Public Opinion (1922) und The Phantom Public (1925) davon aus, dass das Gemeinwohl tatsächlich auf eine relativ kleine Zahl von Spezialisten angewiesen wäre. Die überwiegende Mehrheit der Menschen nämlich sei aufgrund ihrer begrenzten Kenntnisse gar nicht in der Lage zu entscheiden, was ihren Interessen und dem Gemeinwohl diene. (vgl. Westbrook: John Dewey and American Democracy, S. 298)

Wie aber könnten diese Menschen im Interesse aller geleitet werden? Die Strukturen der hochkomplexen modernen Gesellschaften wären uns, so Lippmann, überhaupt nicht direkt zugänglich, sondern könnten uns nur medial über Symbole – über Bilder, Metaphern, Slogans, einfache Konzepte zur Ordnung der vielfältigen Informationen – nachvollziehbar werden. (296)

Wer diese Symbole gezielt platziere, könne also einen demokratischen Konsens herbeiführen: Dieser Konsens bilde sich daher tatsächlich nur scheinbar von unten und werde tatsächlich von oben hergestellt („Consent was manufactured from above; it did not well up from below.“, Public Opinion, zitiert nach Westbrook S. 296).

Braucht Demokratie vor allem gute Slogans? Was bei der Bahn außen und innen ist, versteht jeder – aber was ist es in der Demokratie?

Heute ist Lippmanns Position wieder unerwartet aktuell geworden. Die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung hat beispielsweise gerade eine wissenschaftlich durchaus angreifbare Studie veröffentlicht, die sie Verlorene Mitte – feindselige Zustände betitelt hat und in der sie beklagt, dass rechtspopulistische Positionen bis weit in die Mitte der Gesellschaft verankert wären. Kann die Demokratie also nur noch erhalten bleiben, wenn sie von Wohlmeinenden gegen die für die Demokratie verlorene Mitte der Gesellschaft geschützt wird?

Die ARD wiederum arbeitet mit einem Framing-Handbuch, das sie zur internen Fortbildung benutzt und in dem sie abstimmt, wie die Rundfunkbeiträge nach außen hin vertreten werden – in welche symbolischen Muster sie also eingeordnet werden, um die Finanzierung öffentlich-rechtlicher Sender zu sichern, die doch für die Demokratie so wichtig wären. Das Handbuch verwendet dabei ausdrücklich und ganz unironisch den Ausdruck der „kontrollierten Demokratie“.

Wer aber in dieser Weise die Demokratie gegen die Bevölkerung schützen möchte, wird sich unweigerlich in Widersprüche verstricken. Auch wenn ihm diese Widersprüche nicht wichtig erscheinen, müsste er doch zumindest von der Möglichkeit beunruhigt sein, dass auch ganz andere politische Kräfte sich selbst als gemeinwohldienlich verstehen und ihrerseits ein Modell der von oben verfertigten Demokratie anstreben könnten.

Der österreichische FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache träumt beispielsweise in den gerade veröffentlichen Gesprächen, die zu seinem Sturz führten, davon, dass jemand mit der Kontrolle über die Kronen-Zeitung und noch einen TV-Sender „alles“ bestimmen könnte. 

Es lohnt sich also auch heute noch, gegen Lippmann einen Blick auf die von John Dewey 1927 verfasste Entgegnung The Public and Its Problems zu werfen. Für Dewey kann es gar keine Experten geben, die unabhängig von anderen entscheiden könnten, was gut für unser Gemeinwohl und für die Menschen ist – es gibt in seiner Sicht überhaupt keinen „God’s Eye View“, keinen göttlichen Standpunkt, von dem aus Menschen distanziert objektiv gültige Urteile fällen könnten.

Die Gründe dafür, warum ein solcher Blick nicht möglich ist, sind zugleich gute Gründe für die Demokratie.

 

Der göttliche Blick und die demokratische Bescheidenheit

Der distanzierte Blick von oben ist in Deweys Augen kein Blick, der dem Blick Gottes in irgendeiner Weise näher wäre als ein Blick von unten – in ihm würden sich lediglich soziale Spaltungen ausdrücken. Wer mit dem Gefühl der erhabenen Draufsicht auf die Gesellschaft schaue, könne das nur tun, weil ihm andere zuarbeiten und alltägliche Tätigkeiten abnehmen – ohne dass er die Bedeutung dieser Zuarbeit noch wahrnehmen würde.

Die österreichische Feministin Erica Fischer beispielsweise schreibt in ihrem gerade erscheinen Buch Feminismus Revisited:

Die großen Analysen sind geleistet. Das Grundsätzliche wird nicht mehr in Frage gestellt. Nicht einmal Männer sind heute mehr so verwegen, die Herrschaft ihres Geschlechts auf Kosten der Frauen zu leugnen. (S. 312)

Wer für Gleichberechtigung eintritt (dazu auch dieser Beitrag der Blogparade, und dazu wiederum dieser Beitrag von Gunnar Kunz), braucht die Illusion nicht, sämtliche Analysen schon geleistet zu haben: Gleichberechtigung ist auch bei eingeschränktem Wissen wichtig und sinnvoll. Wer trotzdem so argumentiert wie Fischer, der braucht demokratische Prozesse nicht mehr als gemeinsame Auseinandersetzung mit der Welt vor einem offenen Horizont, sondern er führt den demokratischen Diskurs so, wie ein Lehrer ein fragend-geleitetes Unterrichtsgespräch führt: Alle richtigen Antworten stünden irgendwie immer schon fest, und nun müssten nur noch die, die sie noch nicht kennen, zur Einsicht geführt werden.

Tatsächlich aber sind im demokratischen Diskurs alle Positionen begrenzt, alle haben ihre blinden Flecken, und alle Akteure können ihre eigenen Grenzen nur ausweiten und entwickeln, indem sie sich mit Positionen anderer auseinandersetzen. Wer sich aber sicher ist, alle wichtigen Antworten schon zu besitzen, muss sich eben auch gar nicht mehr weiterentwickeln und kappt damit die eigenen Möglichkeiten.

Aus jeder Perspektive ist immer nur einen Teil sichtbar.

 

Anders als zu Lippmanns Zeiten aber ist es heute kaum noch überzeugend, dieses elitäre Selbstverständnis damit zu begründen, dass es den Massen an Wissen fehle. Die modernen Massenmedien und vor allem das Internet geben allen Menschen zumindest die Möglichkeiten, sich umfassend zu informieren – unabhängig davon, ob Menschen diese Möglichkeiten nutzen, sind sie keiner universitär gebildeten Elite vorbehalten.

Die Notwendigkeit, einen Konsens von oben herab zu verfertigen, wird daher heute weniger mit einem Informationsvorsprung als mit einem Vorsprung an moralischer Integrität begründet. Wenn beispielsweise die Mitte, wie die sozialdemokratische Stiftung suggeriert, rechten Rattenfängern hinterherlaufe oder wenn Privilegierte lediglich ihre eigenen Privilegien verteidigen wollten, dann erscheint es umso wichtiger, die Macht der Institutionen zu stärken, die dagegen menschliche Werte verteidigen würden.

Gerade für die SPD aber ist eine solche Politik offenbar fatal. Die Partei war auch und vor allem deswegen einmal stark und wichtig, weil sie Menschen das Gefühl geben konnte, ihre Stimme hörbar zu machen – in demokratischen Prozessen, die sich von unten nach oben organisierten. Heute konzentriert sich Politik mit linkem Anspruch nicht auf eine solche Organisation eines demokratischen Diskurses von unten nach oben, sondern vertritt stattdessen aus den Institutionen heraus und von oben nach unten Menschen, die sie als Opfer bestehender Verhältnisse ausgemacht hat.

Was aber ist daran zu kritisieren, marginalisierte Gruppen gegen privilegierte Gruppen zu verteidigen und zu stärken? Nichts – solange denn ihre Vertreter auch den Preis dieser Politik wahrnehmen.

Erstens nämlich werden hier nicht mehr politische Institutionen von der Gesellschaft aus kritisiert, sondern umgekehrt wird „die Gesellschaft“ – etwa als „die männliche“, die in den Augen der Sozialdemokraten überwunden werden muss – durch politische Institutionen kritisiert und kontrolliert. Das ist keine demokratische Kontrolle.

Zweitens: Wer Marginalisierte von Privilegierten sauber unterscheiden will, der braucht Institutionen, die diese Entscheidung treffen, der schafft damit einen autoritäreren Staat und verstrickt sich zudem in Widersprüche. Wenn es nämlich zum Vorteil wird, sich als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse präsentieren zu können, dann werden nach aller Wahrscheinlichkeit gerade diejenigen Akteure diesen Vorteil nutzen können, die auch sonst schon Vorteile haben.

Das klingt paradox, ist aber eigentlich simpel und erwartbar: Privilegierte haben natürlich bessere Möglichkeiten als andere, sich erfolgreich als marginalisiert darzustellen. Sie haben bessere Zugänge zu Medien und Institutionen, bessere Kontakte zu anderen wichtigen Akteuren, und sie sind vertraut mit der Sprache entscheidender Milieus.

Warum auch sollten sich ausgerechnet die mächtigsten politischen Institutionen auf die Seite der Ohmächtigsten schlagen, wenn sie doch an der Seite anderer Mächtige ihre Möglichkeiten beträchtlich vergrößern können? Eine Politik, die von oben herab für die Marginalisierten eintritt und die große Gruppen der Gesellschaft zu den Privilegierten zählt, drängt mit hoher Wahrscheinlichkeit lediglich diejenigen Menschen aus dem Blick, die tatsächlich mehr als andere unter sozialen Nachteilen leiden und die Hilfe gebrauchen könnten.

Wer diesen Menschen eine Stimme geben möchte, der darf nicht für sie reden, sondern muss sie reden lassen – und er muss auch dafür sorgen, dass andere ihnen zuhören.

 

Von der unerträglichen und unverzichtbaren Provokation demokratischer Diskurse

Nicht nur die Begrenztheit unseres Wissens aber nimmt uns die Möglichkeit eines „God’s Ey View“, sondern auch ein anderer simpler Sachverhalt: Wir sind immer selbst Teil der Welt, die wir beurteilen möchten, wir sind immer in sie verwickelt und mit eigenen, partikularen Interessen beteiligt. Das ist nicht schlimm, das ist sogar notwendig, weil wir sonst ganz untätig wären – aber auch dadurch wird es nötig, unser eigenes Bild mit dem anderer zu konfrontieren und zu koordinieren.

Das bedeutet, dass wir nicht nur unser Bild der Welt, sondern auch unser Selbstbild wieder und wieder überprüfen müssen. Wer an demokratischen Diskursen teilnimmt, muss es ertragen, dass andere ihn auf eine Weise sehen, die seinem Selbstbild nicht entspricht. Ein weiteres Beispiel aus Österreich:

Als er den FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky interviewt, vergleicht der Moderator Armin Wolf einen Cartoon der steirischen FPÖ-Jugend mit einer antisemitischen Darstellung aus dem Stürmer. Die Klischees der Bilder sind durchaus ähnlich, und der Vergleich ist für die FPÖ sicherlich verletzend, aber nicht willkürlich.

Trotzdem oder gerade deshalb beginnt die FPÖ eine harte Kampagne gegen Wolf und fordert als Regierungspartei seinen Rauswurf. Natürlich hat die Aufregung auch taktische Gründe und dient der Einschüchterung von Journalisten (vgl. diesen Beitrag der Blogparade). Im Kern aber entsteht sie aus der Unfähigkeit von FPÖ-Akteuren, die als unerträglich empfundene Konfrontation des eigenen Selbstbildes einer Partei ehrenwerter Bürger mit einem deutlich kritischeren Fremdbild zu ertragen.

Selbst wenn dieses Fremdbild sich aber als falsch erweisen sollte – solange es nicht strafrechtlich relevant ist, solange Wolf keine Verleumdungen oder Bedrohungen nachzuweisen sind, muss es möglich sein, eine solche Kritik an einer Partei im demokratischen Diskurs zu äußern. Wer die Kritik falsch findet, ist dann zur Korrektur schließlich ebenfalls auf diesen Diskurs angewiesen und muss sich darin äußern können.

Democracy is trash? Braucht noch jemand Demokratie, oder kann die weg? Vielleicht gehen wir deswegen so leichtfertig mit der Demokratie um, weil wir glauben, sie jederzeit recyceln zu können.

Das gilt ebenso auch für Vertreter anderer politischer Richtungen. Wer Slogans wie #killallmen oder #menaretrash witzig findet, verbreitet und propagiert, der muss eben damit leben, dass andere ihn – oder sie – nicht als Vorkämpfer für Geschlechtergerechtigkeit, sondern als Hetzer oder als Menschenfeind wahrnehmen.

Wer beim Protest gegen einen G20-Gipfel Wohnviertel verwüstet, muss damit rechnen, dass er bei anderen eher als Gewalttäter denn als Kämpfer für eine gerechtere Welt ankommt.

Wer die Diskussionen im Netz beschneidet, muss damit leben, dass sein Agieren nicht als Dienst an der Allgemeinheit, sondern als Erfüllung von Lobbyinteressen dasteht (damit beschäftigt sich dieser Beitrag der Blogparade).

Wir müssen es im Rahmen der rechtlichen Grenzen also aushalten, dass Meinungen geäußert werden, die wir für skandalös halten (dazu auch schon dieser Beitrag) – auch Meinungen über uns selbst. Gibt es dann aber überhaupt Grenzen des demokratischen Diskurses? Wer zieht denn die Grenze zwischen nachvollziehbarer, legitimer Kritik und destruktiver Hetze gegen Personen oder Gruppen?

 

Müssen bei dieser Demokratie wirklich alle mitreden dürfen?

Dewey geht von dem alten Grundsatz aus, dass an demokratischen Entscheidungen alle beteiligt sein können, die von ihren Konsequenzen betroffen sind. (302) Natürlich lassen sich leicht Situationen vorstellen, bei denen das kaum zu realisieren ist: In kleinen Einheiten (dazu auch dieser Beitrag der Blogparade) ist er sehr viel praktikabler als etwa bei Konsequenzen in globalem Maßstab. Für viele Fragen bietet der Grundsatz aber eben auch ein praktikables Leitbild.

Die Grenzen des demokratischen Diskurses können nicht durch einzelne Akteure oder Gruppen gezogen werden (das ist z.B. hier oder hier schon Blogparaden-Thema), sondern sie müssen selbst Thema dieses Diskurses sein. Wer bloß über Menschen spricht, nicht aber mit ihnen – der verweigert sich selbst der demokratischen Auseinandersetzung und erschwert noch dazu anderen den Zugang zu  ihr.

Daher haben rechte und linke Identitätspolitik bei allen Unterschieden auch eine Gemeinsamkeit, die mit demokratischer Politik nicht vereinbar ist. Hier finden sich Akteure zusammen, die sich als Mitglieder derselben Gruppe wahrnehmen, die sich gegenseitig in ihren Selbstbildern bestärken und die davon abweichende Fremdbilder als übergriffig, gar als gewaltsam diskreditieren und aus einem gemeinsamen Diskurs ausschließen.

Diskursausschlüsse aber können nur dann gerechtfertigt werden, wenn jemand so agiert, dass er die offene demokratische Auseinandersetzung gefährdet – wenn er also beispielsweise gewalttätig ist. Wer aber Menschen ausschließt, weil er sie für „privilegiert“ hält, oder weil er sie zu moralisch inakzeptablen Zeitgenossen erklärt, oder weil er ihre Beteiligung irrelevant findet, da die großen Analysen ohnehin alle schon geleistet wären – der agiert undemokratisch, auch wenn er davon überzeugt ist, die besten Absichten zu haben.

Demokratie und Schokolade für alle? Es gibt keine soziale Gerechtigkeit ohne demokratische Freiheit.

Gerade Politiker also, die davon überzeugt sind, für eine gerechtere Gesellschaft einzutreten, müssen akzeptieren: Wer Menschen vom Wert der Demokratie überzeugen will, der muss ihnen die Möglichkeit geben, mitzureden und ihre Interessen zu artikulieren, anstatt stellvertretend für sie zu agieren und über ihre demokratische Eignung zu räsonnieren.

Wenn Dewey ausdrücklich für einen demokratischen Sozialismus eintritt, dann geht es ihm nicht um Enteignungen, sondern um eine Überzeugung, die er mit anderen großen linken Demokraten wie George Orwell oder Albert Camus teilt: Wer es gerechtfertigt findet, demokratische Freiheiten einzuschränken, um soziale Gerechtigkeit zu fördern – der schadet damit nicht nur der Freiheit, sondern auch der Gerechtigkeit.

 

 

Ich beziehe mich in der Darstellung der Dewey-Lippmann-Kontroverse vor allem auf das neunte Kapitel The Phantom Public in dieser absolut lesenswerten, wenn auch sehr umfangreichen Auseinandersetzung mit John Dewey: Robert B. Westbrook, John Dewey and American Democracy, Ithaca London 1991

RSS
Follow by Email
Twitter
Google+
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

14 Comments

  • Die Entwicklung der SPD ist vor dem Hintergrund ihrer Geschichte besonders tragisch. In ihrer Entstehung war diese Partei selbst mal in der Situation, sich gegen elitären Dünkel behaupten zu müssen. Allerdings war es da weder intellektuelle noch moralische Elite, sondern eine Elite die ihre elitäre Position als gottgegeben, quasi als Naturgesetz verstand.

    Auch wenn letztlich die ersten Sozialversicherungen von Otto von Bismarck begründet wurden, so war dies gewiss nicht sein elitärer Blick, sein „God’s Eye View“ auf die Gesellschaft, der in ihm das Bewusstsein für eine solche Notwendigkeit reifen ließ, sondern einfach der Versuch, der in der Bevölkerung immer stärker an Rückhalt gewinnenden Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er ihre Themen okkupierte. Ganz nach dem Motto: „Seht her, wer so einen gütigen Kaiser und so einen fürsorglichen Kanzler hat, der braucht doch gewiss keine Sozen mehr…!“.

    Die wahren Interessen der Menschen aus den unteren Schichten lagen für Monarchen und Adelige in weiter Ferne. Selbst hätten sie in schwachen Momenten mal versucht, sich in deren Lage zu versetzen, hätte ihnen dort ihr eigener Horizont im Wege gestanden, weil ihr eigenes Leben nie aus etwas anderem als höfischen Ritualen und „der ganz großen Politik“ bestanden hatte. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer elitären Position fehlte ihnen Kenntnis über Lebenswirklichkeiten fernab ihrer eigenen.

    Das man den Bedürfnissen der Arbeiterschicht ein Stück weit nachgab, war nicht Folge einer eigenen Eingebung, sondern Folge erheblichen sozialen Drucks, der dadurch entstand, dass jene, die den Eliten bisher fröhlich am Allerwertesten vorbeigegangen waren, ihnen durch politische Organisation ihre Sorgen und Nöte aufdrängten. Das war ein, wenn man so will, basisdemokratischer Erfolg unter Federführung der SPD, Jahre bevor man den Versuch wagte, eine bis in ihre Grundfeste in hochverfeindete Lager gespaltene Gesellschaft zu einer demokratischen Republik zusammenzuführen. Ein Experiment, welches leider keine zwei Jahrzehnte überdauerte.

    Was aber früher für die Ständeeliten galt, gilt heute auch für intellektuelle und selbsternannte „moralische“ Eliten. Auch ihnen fehlt, trotz nicht selten anderslautender Einschätzungen, das Wissen über die Interessen aller. Aber dafür verwenden sie heutzutage einen Versuch der Vernebelung eigener Privilegien, wohl nicht zuletzt auch vor sich selbst, den umzusetzen den früheren Ständeeliten wohl zu peinlich gewesen wäre: Ich bezweifele, dass es Wilhelm II. oder Otto von Bismarck je erwogen hätten, zu behaupten, die Männer aus der Arbeiterklasse seien die wahren Privilegierten in der Gesellschaft, die grausam ihre Frauen unterdrückten. „Divide et impera“ war zwar damals schon ein uralter Trick der erfolgreichen Beherrschung der Massen, dies aber über derart plumpe und grotesk unterkomplexe Denkmuster verwirklichen zu können, glauben wohl nur Leute, die die Welt ausschließlich durch institutionalisierte Filterblasen wahrgenommen haben. Da hatten, glaube ich, sogar die Ständeeliten seinerzeit mehr Bezug zur Realität.

    Die SPD mag nun bei Weitem nicht die einzige Partei sein, die sich beinahe ausschließlich nur noch Diskursen eben dieser Eliten zugewandt hat, vor geschildertem Hintergrund ist es aber bei dieser Partei besonders schmerzhaft mit anzusehen, begründet sich doch nicht zuletzt in dieser völligen Verirrung der Sozialdemokraten ihr immer stärker werdender demokratieunwürdiger Habitus (Frauenquoten in Parlamenten, Menschen mit ihnen unappetitlich erscheinenden Meinungen erscheinen für sie nur noch als „Pack“ oder „Abgehängte“, etc., etc.).

  • „Warum auch sollten sich ausgerechnet die mächtigsten politischen Institutionen auf die Seite der Ohmächtigsten schlagen, wenn sie doch an der Seite anderer Mächtige ihre Möglichkeiten beträchtlich vergrößern können?“

    Eben!

    „Wer diesen Menschen eine Stimme geben möchte, der darf nicht für sie reden, sondern muss sie reden lassen – und er muss auch dafür sorgen, dass andere ihnen zuhören.“

    Warum sollte jemand, der regiert, um auf den Knochen seiner Mitmenschen zu parasitieren, das denn tun? Er würde ja seine eigene Subkultur damit zerstören und damit seine einzige Existenzgrundlage.

    „Es gibt keine soziale Gerechtigkeit ohne demokratische Freiheit.“

    Sorry, @Lucas, aber das ist Quatsch. Es gibt keine „demokratische Freiheit“!
    Es ist unter denen, die meinen sich mit so etwas auszukennen, unbestrittener Konsens ( soweit mir bekannt ), daß Demokratie darauf basiert, Freiheiten, oder Teile davon, abzugeben! Die einzige Freiheit in einer Demokratie ist das Recht, dieselbe jederzeit aus freiem Willen verlassen zu können!

    Deshalb heißt die FDGO auch freiheitliche und demokratische Grundordnung, wobei sie trotzdem ein reines Wunschkonstrukt ist, weil es per se keine zentralregierte Demokratie geben kann.

    Ergo: Es gibt keine staatlich-regierte Demokratie und selbst wenn sie rein theoretisch möglich wäre, würde kein Regierungsbeteiligter sie je erlauben!

    Übrigens ( festhalten, jetzt kommt’s ): Demokratie IST identitär!
    Wer sich nicht mit ihr identifiziert, ist auch nicht demokratisch!

    Um so bezeichnender, daß man sich an den sog. „Identitären“ nicht konkret inhaltlich abarbeitet, sondern grundsätzlich die Identifizierung mit der Gruppe an sich verbissen verteufelt! Reine Angst vor demokratischen Identitäten, nix weiter!

    Wieso will eigentlich ein Museum für Geschichte „Blogparaden“ veranstalten? Soll so einer letzten Auswüchse des relativ offenen Internets dokumentiert werden? Natürlich hübsch selektiert und hochglanzverpackt, damit es in der Vitrine schön glänzt?

    So, wie sich die Vorselektionseinrichtungen des Staates „Familienberatungsstellen“ nennen?

    So, wie sich Jugendamtsdienststellen und Satellitenfirmen als „Familienzentren“ benennen, seit der Begriff mal durch die Kinderrechtlerszene geisterte?

    So, wie sich abgehalfterte, für Richter als Subunternehmer die Drecksarbeit erledigende Miet-„Beistände“ und -„Pfleger“ unsteigerbar zynisch anmaßend als „Rechtsanwalt des Kindes“ titulieren?

    So, wie lukrativer Kindesraub zur „Familienhilfe“ erkoren wird ( da fehlen mir die Superlative, das macht mich sprachlos )?

    Ach, noch ein Beispiel: Der ISUV rief gerade dazu auf, sich an einer Aktion zu beteiligen, die vortäuschen soll, es würde sich irgendwer „da oben“ für die vernichteten Kinder und Eltern interessieren.
    Nix gegen J. Linsler und seine Mannen, die meinen es sicherlich gut und hoffen, vermutlich, daß man durch Flutung einer E-Mailadresse mit Gejammer und ein paar Forderungen irgendwen vom vom Kaviarbrötchen weggelockt kriegt.
    Reiner Fatalismus!
    Schon die Aufrufseite ist von der Seite der eigentlichen Veranstaltung strikt getrennt, auf welcher man ( nach kurzer Suche ) dann nachlesen kann ( sinngemäß zusammengefasst ), daß „irgendeine Gesamtschau von den Teilnehmern der Party irgendwie geschätzt werden könnte – vielleicht – oder auch nicht“. Aktive Beteiligungen von normalen Menschen will man ganz offensichtlich konsequent unterbinden.

    Und ich Idiot kämpfe seit der Meldung im „Patriarchatsblog“ mit dem fatalistischen Drang, mich auf die Erniedrigung einzulassen und auch jede Menge Gejammer und ein paar Forderungen nach einem demokratischen „Familienrecht“ einzusenden.

    Frei nach Kästner:
    Was immer auch geschieht, nie sollst Du so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Dich zieht, auch noch zu trinken!

    ( Ansonsten empfehle ich sich mal mit Gruppengrößenforschung zu beschäftigen, ruhig von Calhoun an ).

    • Pardon, der Link zum Aufruf von ISUV anlässlich dieser „Kinderschutz“-Kasperveranstaltung mit „Kummerkasten“ ( falls wer ein wenig mitnörgeln möchte ):

      https://www.isuv.de/bundesregierung-richtet-kummerkasten-fuer-kinder-jugendliche-und-eltern-ein-isuv-fordert-ausgestaltung-zur-ombudsstelle/

      Wie der ISUV auf die absurde Idee kommt, da Forderungen zu stellen, die Show zu einer „Ombudsstelle“ umzudrechseln, ist mir ein Rätsel das ich mir nur durch heftige kognitive Dissonanzen erklären kann.

    • @Fiete „identitär“, „identitätspolitisch“ – das bedeutet eben, dem, was ein Mensch IST, Vorrang zu geben vor dem, was er denkt, tut, oder vor dem, wofür er eintritt, was er erreichen möchte. Nicht was jemand beitragen kann, oder will, ist dann wichtig, sondern was er IST.

      Was er ist, wird wiederum schlicht an einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit abgefrühstückt. Das bedeutet dann, dass Beiträge eines menschen möglicherweise völlig irrelevant sind, wenn er einer ungünstigen Gruppe angehört. Das eben ist ein Punkt, in dem sich Indentitätspolitik der verschiedenen Lager gleicht. Was ein Vater zum Sorge- und Umgangsrecht zu sagen hat, ist dann irrelevant, einfach weil es der Vater ist – und so sind denn Organisationen, die Väter betreffen, zu entprechenden Anhörungen im Bundestag gar nicht erst eingeladen. https://man-tau.com/2019/02/12/der-rechtsausschuss-spricht-nicht-mit-jedem/ Dasselbe Prinzip von rechts: Ein Migrant kann sich möglicherweise noch so sehr für eine liberale deutsche Gesellschaft engagieren, in den Augenm rechter Identitätspolitiker wird er irgendwie kulturfremd bleiben. Was er sagt, ist dann schon deshalb nichtig, weil ER es sagt.

      Identitätspolitik ist aus zwei Gründen mit einer modernen Demokratie nicht vereinbar.

      Erstens ist es Humbug, angesichts der vielfachen funktionalen Differenzierung, nach der moderne Gesellschaften sich strukturieren, Menschen anhand bestimmter Gruppenzugehörigkeiten zu beurteilen. „Identität“ gewinnen wir dadurch, dass wir unsere ganz unterschiedlichen Funktionen – schon beruflich meist vielfältig, dazu als Partner, als Elternteil oder Kind, eben auch als Angehöriger bestimmter Gruppen etc. – miteinander in ein Gleichgewicht bringen.

      Die identitätspolitischen Zuordnungen sind dagegen in ihrer Simplizität Versuche, dieser Zumutung moderner Gesellschaften durch die Illusion zu entkommen, wir könnten uns wie im Modell eines Ständestaats anhand einer einzelnen einfachen Zuordnung ausreichend identifizieren.

      Zweitens ist es demokratisch viel wichtiger, was jemand zum gemeinsamen Diskurs und auch schlicht zum gemeinsamen Leben beiträgt, als was er ist. Wir beziehen uns auf eine gemeinsame Welt, und auch wenn wir uns aus unterschiedlichen Perspektiven beziehen, so sind wir doch prinzipiell in der Lage, darüber auch gemeinsam zu kommunizieren. Die identitätspolitische Bevorzugung bestimmter und Ausblendung anderer Perspektiven tut nicht nur den ausgegrenzten Menschen Unrecht, sondern bestreitet allen Menschen, dass es eine gemeinsame Welt gibt, auf die wir uns allesamt sinnvoll beziehen können.

      Identitätspolitik ist also, egal von welcher Seite sie kommt, mit Demokratie nicht vereinbar. Dass wir gleichwohl eine demokratische Identität gewinnen können, steht dem nicht entgegen.

      • @Lucas:
        Selbstverständlich ist mir klar, was allgemein unter den Floskeln „Identität/identitär/Identitätspolitik“ so verstanden und betrieben wird.
        Mir ging es mal wieder um die populären und teilweise auch arg populistischen Definitionen und „umgangssprachlichen“ Interpretationen der drei Begriffe und was für absurde Schlüsse man daraus ziehen kann.

        Eben deshalb habe ich manche davon einfach mal ( natürlich i.d.F. wohlmeinend ) gespiegelt. Nicht zuletzt um implizit darzustellen, daß bei dem Begriff Identitätspolitik eben gerade NICHT um die die tatsächlich Identität geht, sondern mal um Selbstbeschränkungen derselben, mal um Zuweisungen von außen, meist beides.

        Ich schmeiße mal noch ein paar Beispiele hinterher:

        „@Fiete „identitär“, „identitätspolitisch“ – das bedeutet eben, dem, was ein Mensch IST, Vorrang zu geben vor dem, was er denkt, tut, oder vor dem, wofür er eintritt, was er erreichen möchte. Nicht was jemand beitragen kann, oder will, ist dann wichtig, sondern was er IST.“

        Aber da ging ich doch von aus, Lucas! Und unterstelle:
        Wenn ich mich noch so ungeschickt dabei anstelle, so bleibe ich doch Demokrat durch und durch und will auch gern als solcher identifiziert werden. Das miese ist, daß mir dabei möglw. Dritte eine fremde Identität zuweisen, die gar nicht die meine ist. Die betreiben dadurch Identitätspolitk nach Deiner obigen Definition, wärend ich etwas mache, was meiner Rolle als Zugehörigen einer bestimmten Gruppe ( hier Demokraten ) entspricht, bspw. mich inhaltlich mit jemandem aus einer IB auszutauschen, um mir ein direktes und konkretes Bild über ihn und seine Gruppe zu machen.
        Die identitäre Politik ( im negativen Sinne ) kommt doch in dem Moment weder von jenem IB-Kerl, noch von mir, sondern von dem, der da die Kontaktschuld zum konstituierenden Moment der Gruppenidentität erhebt und mich zur Gruppe IB, oder deren Supporters verschiebt.

        „Was er ist, wird wiederum schlicht an einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit abgefrühstückt.“

        Was ja zunächst nicht schlimm wäre, würde der Gegenüber die Realität er- u. anerkennen.
        Es wäre überhaupt kein Problem für mich, als Demokrat „abgefrühstückt“ zu werden, sofern derjenige dabei meinen realen Standpunkt zum Thema Demokratie ( als souveränen Bestandteil meiner Identität ) anerkennt.
        Übel ist die substanzlose Zuweisung irgendwelcher Eigenschaften, die damit gar nichts zu tun haben.

        Bspw.: „Kinderrechtler sind Nazis, weil sie den Holocaust erneut initiieren und alle Juden aus D. vertreiben“.
        Das war eines der Hauptargumente der identitären Gruppe der religiösen Kindesverstümmeler gegen die Umsetzung der UN-krk in D. nach Maßgabe des Grundgesetzes 2012.
        Es geht also keineswegs um mich als Gruppenangehörigen, mit einer bestimmten Gruppenidentität, sondern um die Beschränkung auf eine völlig falsche Unterstellung.
        Denn ich bin immer noch Demokrat und Kinderrechtler, habe weder mit Juden, noch mit dem Holocaust irgendetwas am Hut und finde eine derartige „IB“ ( „Kinderrechtler und Nazis“ ) so unlogisch u. bizarr, daß ich solche identitären Zuweisungen als untrügliches Zeichen u.a. der identitären Gruppe „intellektuelle Vollidioten“ identifiziere, bestenfalls.

        „Das bedeutet dann, dass Beiträge eines menschen möglicherweise völlig irrelevant sind, wenn er einer ungünstigen Gruppe angehört.“
        Kommt drauf an, ob er als Angehöriger genau dieser Gruppe handelt ( durch und durch, sozusagen ). Nur muß ich dann auch sicher wissen, was die Gruppenidentität exakt und vollständig ausmacht und darf nicht einfach irgendeinen Müll nachplappern, nur weil ein vermeintlicher Angehöriger meiner Gruppe einen Textbaustein vorgibt.

        Wobei man ja – Du sagst es ja bereits – in der Praxis nie wirklich exakt einer Gruppe mit exakt einem konstituierenden Merkmal angehört.
        Ich habe oben ja schon zwei Identitäre Aspekte für mich mich in Anspruch genommen, und das sind längst nicht alle. Bspw. bin ich auch noch Pazifist und auch das durch und durch, ich könnte vermutlich kaum je etwas anderes – dazu im Widerspruch stehendes – sein. Daraus den folgerichtigen Schluß zu ziehen, daß ich – auch als Kinderrechtler – schlecht „Nazi“ ( i.S.v. „findet es richtig, andere Gruppen mit Gewalt anzugreifen und zu beschädigen“ ) sein kann, scheint ausgerechnet manchen, die laut gegen identitäre Gruppen angehen, obwohl sie selbst als solche handeln, äußerst schwer zu fallen ( siehe das Beispiel mit dem „Holocaustkinderrechtler“, das ist real und wurde 2012 inflationär von entsprechenden Lobbies in der deutschen Medienwelt gestreut ).

        Man kann sagen: Nicht jeder, der eine Gruppenidentität annimmt, ist schlecht. Und nicht jeder, der sich über identitäre Gruppen beschwert, ist ein freies, souveränes Individuum ( wohlmöglich mit eigener Identität ), sondern möglw. sogar Angehöriger einer besonders perfiden IB, noch dazu, wenn sich dieselbe als hypermoralisch verkauft und von anderen verlangt/erpresst, Opferstatus eingeräumt zu bekommen. ( Ich will hier den Rahmen nicht sprengen und auch keine seitenlangen Erklärungen abgeben müssen, warum ich ebenfalls als sekulärer Mensch eine Identität habe und das absolut widerspruchsfrei, deshalb führe ich das jetzt nicht weiter aus. Es sollte reichen zu sagen, daß ich keinerlei „historische Schuld“ darob auf mich geladen habe, die, die mich wg. angebl. „Nazitum“ schlechtschreiben das aber genau dadurch ganz direkt tun, völlig ungeachtet der dahintersteckenden religiösen, politischen oder sonstigen Motive ).

        „Das eben ist ein Punkt, in dem sich Indentitätspolitik der verschiedenen Lager gleicht.“

        Auch das wäre nicht verkehrt, wenn es sich um sinnvolle Aspekte handeln würde.
        Das Problem ist die Absurdität mit der die unterschiedlichen Lager sich selbst, oder den jeweiligen Feind um seine Gesamtidentität zu bringen versuchen, indem sie mit ihm um die Definitionshoheit über dieselbe kämpfen.

        „Erstens ist es Humbug, angesichts der vielfachen funktionalen Differenzierung, nach der moderne Gesellschaften sich strukturieren, Menschen anhand bestimmter Gruppenzugehörigkeiten zu beurteilen.“
        Auch nicht unbedingt. Solange man sich an genau diese – tatsächlich vorhande – (Unter-)Gruppe hält und die Zugehörigkeit zu anderen Gruppen nicht kategorisch ausschließt.
        Wer mich als Demokraten behandelt, muß mich nicht gleichzeitig auch als Pazifisten betrachten. Allerdings sollte er mich auch keineswegs religiösen Eiferer einordnen, nur weil SEIN Gruppendruide da ständig irgendeinen Bezug zu konstruieren versucht.

        Kurz gesagt: Das Problem sind nicht so sehr irgendwelche Erweiterungen von Gruppenaspekten durch Dritte ( die kann man auch relativ leicht entkräften ), sondern eher die irrwitzigen Beschränkungen, die mit den Begriffen „Identitätspolitik/Identität/identitär“ zwangsweise verbunden werden.

  • Parteisoldaten neigen dazu, die Demokratie als ein Ideal von Zuständen zu betrachten, die es zu erreichen und gegen die politische Konkurrenz durchzusetzen gilt. Ist dies einmal im Wesentlichen erreicht, wird dieser idealtypische Parteisoldat zwangsläufig zum Reaktionär. Aus diesem verengten Blickwinkel resultiert folgerichtig eine inhaltsleere Pose wie beispielsweise der „Kampf gegen rechts“. Die Frage, warum eine AfD überraschend viel Zuspruch erhält, gerät dabei völlig aus dem Blick.
    Die funktionierende Demokratie ist ein Prozess des Ausgleichs widerstrebender Interessen. Diese Interessen können nicht durch Experten für was auch immer formuliert werden, sondern nur durch den Bürger selbst. Leider sind manche, die sich für die grössten Demokraten halten anderer Auffassung. Sie halten so manche politische Anschauung für illegitim, wobei stets die Erinnerung an die NS-Vergangenheit als Rechtfertigung dient, Teile der Öffentlichkeit von der politischen Willensbildung auszuschliessen. Zwar gibt es durchaus politische Standpunkte, die sich ausserhalb des Grundgesetzes befinden, doch handelt es sich dabei um einen verschwindend geringen Anteil.
    Die Moral von der Geschichte ist: „Gegen rechts“ und „gegen die AfD“ ist kein politisches Programm, sondern nur eine wohlfeile, hohle Pose. Die Linke sollte sich eher fragen, warum sie so viele Wähler an die AfD verloren hat. Das wäre ein produktiver Ansatz, der theoretisch zu einer Erneuerung führen könnte – allerdings nur theoretisch, denn mit diesem Personal ist das schlicht undenkbar.

      • @ uepsilloniks Das ist sehr aufmerksam. Ich hatte schon, als ich meinen Text verfasste, gemerkt, dass nur ein winziger Teil der Texte, die cuncti.net zur Blogparade veröffentlicht hat, überhaupt dort in der Liste erscheint. Auf Gunnars Text bin ich jetzt durch Dich aufmerksam geworden.

        Ich habe hier den Text trotzdem so geschrieben, wie ich ihn geschrieben habe, weil ich einfach einmal sehen wollte, welche Chance eine klassisch sozialdemokratische Position eigentlich hat, bei einer Institution wie dem DHM noch als akzeptabel durchzugehen. Auch das ist nach meinem Verständnis klassisch sozialdemokratisch: Sich, anstatt bestehende Institutionen rundweg zu bekämpfen oder sie abschaffen zu wollen, um Zugänge und Vermittlungen zu bemühen.

        Das lässt sich auch mit der Zivilisationstheorie von Elias begründen, die ich sehr wichtig finde. Zivilisation bedeutet demnach u.a., dass informelle Bereiche der Gesellschaft sich stärker strukturieren (klassischer Fall ist eben die Arbeiterbewegung), während formelle Bereiche sich verflüssigen und öffnen. Ich habe den Eindruck, dass wir uns gegenwärtig politisch genau in die entgegengesetzte Richtung bewegen.

        Dazu passt auch, WIE mir dann gerade seitens des DHM abgesagt wurde – nämlich mit einem rein formellen Grund: Ich hätte kein gültiges Impressum. Es ist gut möglich, dass das ein vorgeschobener Grund ist, weil einige Beiträge, die dabei sind, ebenfalls aus Blogs ohne Impressum stammen – während von cuncti gleich mehrere Beiträge nicht dabei sind, obwohl das Blog ein Impressum hat.

        Zudem hatte ich mich ja nicht von mir aus an das DHM gewandt, sondern war eingeladen worden – damals hatte ich auch kein Impressum mit vollständigem Klarnamen und Privatadresse (geschäftliche Adresse hab ich ja eh nicht).

        Der Anschein zumindest ist: Die Situation ist ein kleines (und gar nicht mal sonderlich wichtiges) Beispiel dafür, dass der Korridor akzeptierter Meinungen in einigen formellen Bereichen unserer Gesellschaft sehr eng ist – und dass auch darüber, wie eng er ist, eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht stattfindet.

        Stattdessen werden formelle Gründe geliefert, die schon nach dem Maßstab simpler alltäglicher Höflichkeitsformen ganz daneben sind. Mir hätten die ja auch statt eine ganz knappen formellen Absage zumindest schreiben können „Vielen Dank für Ihre Mühe und Ihren Beitrag, den wir sehr interessant finden. Leider können wir ihn unter diesen Bedingungen nicht aufnehmen – gibt es für Sie vielleicht irgendeine Möglichkeit, etwas daran zu ändern?“

        Ich finde es aber wichtig, sich gleichwohl um Zugänge zu bemühen – und sei es nur, um deutlich zu machen, wo die Grenzen der Zugänglichkeit liegen. Denn immerhin ist es ja auch eine schöne Ironie – dass ein Beitrag, der sich gegen eine elitär-ausschließendes Verständnis von Demokratie wendet, seinerseits ausgeschlossen wird.

        Bitte verstehe das von mir aus aber bitte nicht als beleidigt oder bitter. Es ist einfach ein kleines Experiment, und das liefert Informationen, ganz gleich, wie es ausgeht – und ist daher interessant.

        PS. Nachtrag: Es kann übrigens durchaus sein, dass die formellen Gründe nicht vorgeschoben sind. Kevin Fuchs von cuncti hat mir geschrieben, dass das DHM pro Blog nur einen Beitrag akzeptiert, daher sind viele von cuncti nicht dabei – und Gunnars Blog hat, wenn ich das recht sehe, auch kein Impressum. Man kann es trotzdem anders machen.

        • Ah, gut, dass ich hier noch mal reingeschaut habe! Gerade hatte ich ein Posting für den Selbermach-Mittwoch bei Alles Evolution vorbereitet mit der Bitte, ob jemand, der bei Twitter ist, nicht mal dort nachhaken könnte, warum eure (Lucas + Uepsi) und meine Artikel nicht genommen wurden, und wollte mich hier nur noch mal vergewissern, dass ich nichts übersehen habe. Und jetzt merke ich, dass ihr bereits darüber diskutiert habt.

          Ich habe übrigens ein Impressum. Von meinem Blog wird dort auf meine Website verlinkt (weil ich bei zu viel SPAM die Mailadresse ändere und das dann nur 1x machen muss), dort findet sich meine Mailadresse und eine Telefonnummer. Und mit Klarnamen blogge ich ja ohnehin.

          Mir hat man vom DHM nicht mal geantwortet. Schäbig.

          Falls jemand per Twitter nachfragen möchte (Ich selbst bin, wie gesagt, nicht bei Twitter):
          https://twitter.com/hashtag/DHMDemokratie

          Darüber hinaus würde mich interessieren, wer noch alles an der Blogparade teilgenommen hat und nicht veröffentlicht wurde.

          Viele Grüße

          Gunnar

          • @ Gunnar Ja, dass Du nicht einmal eine Antwort bekommen hast, ist sehr seltsam – zumal Dein Text ja seinerseits als direkte Antwort auf einen Text der Blogparade zu lesen ist und Menschen mit Interesse an einer demokratischen Diskussion eigentlich an einer solchen Gegenüberstellung sehr interessiert sein müssten.

            Im Blog „Demokratiegeschichten“ wird Elisabeth Selbert als unverzichtbare Kämpferin für Glichberechtigung gefeiert, die „auch wegen ihres unerschütterlichen Duchhaltewillens“ die Gleichberechtigung ins Grundgesetz gebracht habe.
            https://www.demokratiegeschichten.de/elisabeth-selbert-und-der-kampf-fuer-die-gleichberechtigung/

            Dein eigener Text relativiert die Suggestion eine tapferen Alleingangs von Selbert. https://alternativlos-aquarium.blogspot.com/2019/05/elisabeth-selbert-die-andere-haelfte-der.html

            Gerade weil die Texte ja gut zueinander passen, finde ich es komisch, dass hier nichtmal eine Antwort kommt. Völlig unabhängig von der Frage, ob das Impressum hier eigentlich wirklich eine Rolle spielt.

            Den von Dir erwähnten Beitrag von uepsiloniks kannte ich nicht. Als Kritik an einer scheinbar linken Legitimation von Gewalt, nämlich durch Jusos, und als Qualifizierung des Islam als „rechts“ ist der Text sicher streitbar, und was den Islam angeht, ist er auch m.E. zu knapp – aber im Kontext einer Debatte über Demokratie ist er ja auch offensichtlich relevant.
            https://uepsilonniks.wordpress.com/2019/05/22/demokratie-meinungsfreiheit-fuer-rechte-dhmdemokratie/

          • @ Lucas und Gunnar

            Ich finde es auch sehr schade, dass ihr nicht veröffentlicht wurdet. Vielleicht war dein Text, @ Lucas, einfach nur nicht Jubelperserich genug und dabei aber auch noch argumentativ wiederum so gut, dass man ihn nicht zumindest in einer Art Nebensparte unter „Die Trolle die wir weckten“ zum Zwecke der Vorführung hätte verwenden können.

            Gunnars Text dringt wohl hingegen einfach viel zu tief geradezu in den Atomkern feministischer Mythenbildung ein, wenn er sich doch erlaubt, die Lichtgestalt Elisabeth Selbert anhand von gewiss auch jederzeit mit Quellen belegbarer Zitate ein Wenig zu erden, als dass man ihn ruhigen Gewissens neben einen eben diese Person behandelnden Jubelartikel zu stellen.

            Gerade aber letzteres hat ein ungutes Geschmäckle. Da wird eine Blogparade veranstaltet zum Thema „was bedeutet mir Demokratie“ und dann wird zu einer Person ein Artikel veröffentlicht, der diese in teils schon einfach völlig unglaubwürdiger Art und Weise verklärenden Form hochleben lässt und ein Artikel, der sich derselben Person wesentlich differenzierter und, berücksichtigt man die unzähligen Zitate, scheinbar wesentlich sachkundiger nähert, wird außen vor gelassen.

            Wie gern macht man sich über die von außen lächerlich wirkenden Personenkulte etwa in Nordkorea oder auch in unserer Geschichte in der DDR lustig, aber wird hier im Kleinen nicht exakt dasselbe durchexerziert? Über bestimmte, in erkennbarer Häufung weibliche Personen will man einfach nichts hören, was an der Göttlichkeit kratzen könnte.

            Witzig: Immerzu wird die geringe Anzahl an Frauen unter den historisch bedeutenden Menschen damit erklärt, dass die gewiss Milliarden von großen Frauen aus der patriarchal unterdrückerischen Geschichtsschreibung getilgt worden sind. Weist nicht alleine diese Causa auf ein eigentlich genau gegenteilig verlaufendes Verhalten in der Gesellschaft hin. Also dass man tatsächlich viel eher gewillt ist, Frauen weit über das Maß ihrer eigentlichen Verdienste hinaus nach vorne zu pushen. Ich verwette mein Hinterteil darauf, dass die Autoren des Jubelartikels zu Selbert nicht ein einziges männliches Mitglied der Verfassungskommission ohne zu googlen aus dem Stegreif benennen könnten, aber trotzdem davon überzeugt sind, dass es Frau Selbert ist, die böswillig unsichtbar gemacht wird.

            Darüber hinaus greift Gunnars Artikel natürlich auch noch ein weiteres im feministischen Zeitgeist einfach zu lieb gewonnenes Narrativ an: dass z. B. die Festschreibung der Gleichberechtigung von Frauen gegen den Widerstand von Männern erkämpft worden ist. Wer von solchem Quatsch überzeugt ist, hört natürlich nicht gerne, dass den ach so aufrechten Streiterinnen bei ihrem „Kampf“ von allen Seiten die roten Teppiche nur so entgegengerollt kamen.

            Grundsätzlich ist dies ein trauriges Bild, berücksichtigt man das Thema der Blogparade, welches sich dort abzeichnet über das Verständnis von Demokratie innerhalb elitärer Kreise in unserer Gesellschaft. Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Sichtweisen scheint dort nicht mehr Teil der Definition zu sein. Auch oder wohl gerade, wenn diese, wie in Gunnars Text, auch noch schlagend gut untermauert werden.

            Und das schlägt wieder den Bogen zu deinem Text, Lucas. Vielleicht hast du die hohen Herrschaften mit deinen Ausführungen über elitären Dünkel einfach dort getroffen, wo es ihnen richtig weh tut. Vielleicht hat sich der eine oder andere zu sehr davon ertappt gefühlt, als dass er dann auch noch einer Veröffentlichung hätte zustimmen können.

            Wie auch immer. Es zeichnet sich teils ein Bild der Armseligkeit ab… 🙁

          • @Billy, yx Jetzt gerade liegt es auch an mir selbst. Ich hatte bis gerade eben mit Abikorrekturen zu tun, und erst als ich den letzten Artikel geschrieben habe, konnte ich mich wieder um meine Mails kümmern.

            Ich wurde vom DHM um meinen Klarnamen gebeten, dann würde der Text in die Liste aufgenommen. Die anderen Klarnamen der impressumsfreien Blogs wären dort bekannt. Ich hab dann einen Moment überlegt, ob ich meinen Namen wirklich rausschicke. Nun schauen wir mal. 🙂

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.