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Die infantile Republik

geschrieben von: Lucas Schoppe

Nicht die Fridays for Future oder das Rezo-Video sind kindisch, sondern die Reaktionen darauf.

 

Über die Vermeidung von Gesprächen durch Umarmungen

„Schule schwänzen für Klima: Wie lange noch?“  Die stillschweigende Unterstellung in dieser Überschrift beim Deutschlandfunk ist nicht unrealistisch: Ganz sicher werden bei den Fridays for Future auch Schüler dabei sein, denen es vor allem darum geht, einen guten Grund zum Vermeiden von Unterricht zu finden. Wer sich aber auf solche persönliche Motive Einzelner fixiert, übersieht, dass eine politische Bewegung auch ganz unabhängig von solchen Motiven einen Sinn haben kann.

Schließlich wird es Schülern schon immer erklärt, dass sie zur Schule gehen müssten, um ihre Zukunft zu sichern. Also signalisieren fragen die Jugendlichen demonstrativ: Warum sollten wir uns auf eine Zukunft vorbereiten, die es vielleicht gar nicht geben wird?

Die Frage der Verantwortung für künftige Generationen ist gerade für Demokratien ganz besonders wichtig. Schließlich ist es ein alter Grundsatz, dass an demokratischen Entscheidungen die Menschen beteiligt sein müssen, die auch von ihren Folgen betroffen sind. Wenn es um Generationen geht, die heute noch Kinder oder die noch nicht einmal geboren sind, ist das aber offensichtlich kaum oder gar nicht zu realisieren. Wer für sich beansprucht, demokratisch zu sein, darf dann aber wenigstens die Situation nicht ausnutzen, dass viele Betroffene heute schlichtweg noch nicht gehört werden können.

Das bedeutet: Wer Entscheidungen demokratisch treffen will, darf nicht außer Acht lassen, was Menschen, die zukünftig leben werden, nach allem menschlichen Ermessen über sie denken werden. Natürlich ist dann davon auszugehen, dass zukünftige Generationen nicht verständnisvoll darüber nicken werden, dass wir ihre Lebensgrundlagen gefährden, damit wir heute die Möglichkeit haben, problemlos nach Neuseeland oder Südostasien zu fliegen oder mit dem SUV zum Brötchenkaufen zu fahren.

Fridays for Future hat, weil die Bewegung auf diese Interessen hinweist, also nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine demokratische Bedeutung – und zwar ganz unabhängig von den Motiven der Einzelnen.

Erwachsene Akteure haben vor allem zwei nur scheinbar gegensätzliche Methoden gefunden, die Auseinandersetzung mit dieser Bewegung zu vermeiden – den Hinweis auf Formalitäten und die freudige Umarmung. Wer sich darauf konzentriert, dass die Schüler gefälligst zur Schule gehen sollten, weist auf formale Bestimmungen hin und kann damit inhaltliche Auseinandersetzungen vermeiden.

Das aber können die Umarmer noch effektiver. Angela Merkel stellt sich hinter die Fridays for Future-Bewegung, als ob sie nicht seit 13 Jahren Bundeskanzlerin wäre und als ob sie eigentlich gar nichts zu tun hätte mit der Politik, gegen die sich diese Bewegung richtet.  Andrea Nahles verspricht der Bewegung, mehr Tempo zu machen – als wüsste sie schon ganz genau, in welche Richtung sie denn losrennen will, und als wäre die SPD nicht in den letzten zwanzig Jahren an fast allen Bundesregierungen beteiligt gewesen. Robert Habeck vereinnahmt die Bewegung offen für seine Partei („Lasst uns beweisen, dass es gelingt. Jetzt.“), erwähnt aber selbstverständlich nicht, warum Länder wie Frankreich oder Schweden bei den CO2-Emissionen pro Kopf deutlich besser dastehen als Deutschland: Sie setzen auf Kernergie.

Nicht Fridays for Future selbst, aber diese Vereinnahmung durch erwachsene Politiker ist infantil. Erwachsene machen sich hier die Positionen von Kindern und Jugendlichen bequem zu eigen, vermeiden dabei aber notwendige Konflikte und müssen sich ihrer erwachsenen Verantwortung nicht stellen.

Die Gründe für Konflikte mit dieser Bewegung wiederum lassen sich kaum übersehen. Ich selbst beispielsweise habe seit Jahrzehnten kein Auto mehr, und als ich das erste Mal geflogen bin, war ich schon über dreißig Jahre alt – und seitdem habe ich es nur selten wiederholt. Wenn mir nun ein Monster der Ressourcenverschwendung wie Louisa Neubauer, deutsches Gesicht von Fridays for Future, vorhält, ich alter weißer Mann würde ihr mit meinem Lebensstil die Zukunft klauen – dann finde ich das natürlich unehrlich und selbstherrlich.

Angesichts des Lebensstils vieler heutiger Kinder und Jugendlicher ist es keine riskante Schätzung, davon auszugehen, dass vermutlich noch nie eine Jugendgeneration so viele Ressourcen verbraucht hat wie die Fridays for Future-Generation. Das aber macht die politischen Ziele nicht unwichtig – die Sorgen, die dort ausgedrückt werden, sind real ganz unabhängig vom Lebensstil der Einzelnen. Nur: Wer bloß an andere appelliert, dass die doch bitteschön Lösungen für Probleme finden sollten – der spricht sich selbst davon frei, sich mit Realitäten auseinandersetzen zu müssen.

Bei Jugendlichen ist das noch ganz stimmig. Was sollen sie denn anderes tun, als zu appellieren – sie haben schließlich keine erkennbare politische Macht? Es ist aber albern, wenn diese Position ausgerechnet von Politikern vereinnahmt wird, die gemeinsam mit ihren Parteien schon seit Jahren und Jahrzehnten beauftragt sind, sich mit eben den angesprochenen Problemen auseinanderzusetzen.

Die politische Umarmung von Fridays for Future ist, mehr noch als der Rückzug auf formalistische Positionen, eine Verantwortungsflucht, und es ist zugleich eine Verweigerung des Gesprächs.

 

Eltern als Mit-Kinder

Eben eine solche Haltung Erwachsener kritisiert in ganz anderem Zusammenhang gerade der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff an deutschen Schulen, und er wirft dem deutschen Bildungssystem vor, die Zukunft unserer Kinder zu verbauen.

Winterhoff kennt Schulen vor allem von Hörensagen, und das ist seinem auf Krawall gebürsteten Buch „Deutschland verdummt“ anzumerken. Offener Unterricht ist beispielsweise längst nicht so weit verbreitet, wie er glaubt – und wenn Lehrer ihn gut strukturieren und präsent bleiben, ist er keineswegs so schädlich, wie Winterhoff ihn darstellt.

In einem wichtigen Aspekt aber hat Winterhoff völlig recht: Zentral für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind tragfähige, funktionale, nicht ausbeutende Beziehungen zu Erwachsenen, in denen sie ernst- und wahrgenommen werden. Solche Beziehungen werden durch Erwachsene auf zwei scheinbar entgegengesetzte Weise vermieden: durch Distanzierung und durch Symbiose.

Ein Beispiel, nicht aus der Schule: Bei einer Fahrt im ICE-Großraumwagen erlebte ich, wie zwei etwa acht- bis zehnjährige Jungen den ganzen Wagen aufmischten, pausenlos schrien, sich prügelten, über die Sitze kletterten und anderes. Die Mutter war in den Nebenwaggon gegangen, der Vater saß ruhig in der Nähe seiner Kinder und tat so, als würde er ein Buch lesen.

Da ich zu arbeiten hatte, bat ich ihn, sich doch bitte um seine Kinder zu kümmern, damit sie etwas ruhiger wären. Er sagte mir, dass er nun einmal lebhafte Kinder hätte – ich sagte ihm, dass ich auch einen lebhaften Sohn hätte, mit dem ich oft Zug fahre, und so wisse ich auch, dass Kinder sich anders verhalten könnten – er aber wollte nichts weiter tun, und ich fragte ihn schließlich, ob er mir denn wohl erzählen wolle, dass er für seine Kinder nicht verantwortlich ist. Er ging dann mit seinen Söhnen in den Nebenwagen.

Wenig später sprach schräg hinter mir ein anderer Mann, offenbar ein Bekannter des ersten, zu seinem Sohn kurz vor dem Aussteigen laut und deutlich über den „intoleranten Mann da vorn“. Er meinte mich, brachte es aber nicht über das Herz, mich direkt anzusprechen, sondern nutzte seinen Sohn, um mir seine Botschaft mitzuteilen. Ich überlegte kurz, ob ich den Jungen gleichfalls als Relaisstation für die Kommunikation Erwachsener verwenden sollte, wollte ihm das dann aber nicht zumuten.

Die Eltern haben hier jeweils große Schwierigkeiten, ihre Kinder überhaupt als eigenständige Wesen wahrzunehmen, die Aufmerksamkeit brauchen und die – so bei den prügelnden Jungen – auf Reaktionen Erwachsener angewiesen sind, weil sie ihr eigenes Verhalten noch nicht völlig einschätzen können. Die Nichtwahrnehmung der Kinder wird gespiegelt in einer Nicht-Wahrnehmung der Außenwelt und ihrer Anforderungen – also ob Eltern und Kinder selig gemeinsam in einem Reich der Harmonie leben würden, das durch keine Störungen von außen irritiert werden dürfe.

Anstatt eine Rolle als Erwachsene wahrzunehmen, werden die Eltern dabei gleichsam zu Mit-Kindern. Das ist eine Erziehung von systematischer Irrealität.

Fast alle Lehrkräfte, die ich kenne, berichten darüber, dass die Menge der nicht-schulfähigen, aber eingeschulten Kinder stark zugenommen habe. Winterhoff fordert deshalb, dass Schulen heute ersetzen müssten, was viele Eltern nicht mehr leisten – aber das wäre ein falsches Versprechen. Denn Kinder  können von Schulen umso mehr profitieren, je mehr sie bereits von zu Hause mitbringen. Wenn Kinder eine Konzentrationsspanne von unter zehn Sekunden haben oder kaum zu einer basalen Interaktion mit anderen fähig sind, dann hat eine Schule tatsächlich wenig Möglichkeiten.

Es geht dabei nicht um komplexe elterliche Unterstützungen für Kinder, sondern um Basics – wie etwa, dass Kinder etwas zu essen brauchen oder dass es wichtig ist, ab und zu mal mit ihnen zu kommunizieren. Es ist irreal, aber auch größenwahnsinnig zu glauben, Schulen könnten das ausgleichen, wenn Eltern es nicht leisten.

Eine solche elterliche Verantwortungsflucht mit einer verrückten Gleichzeitigkeit von totaler Distanzierung und absoluter Symbiose spiegelt sich jedoch auf politischer Ebene in seltsamer Weise wider.

 

Frieden durch Schweigen: Vom Outsourcing der Konflikte

„Dass die Ministerin nichts sagt, hält jeder, mit dem man über den Fall spricht, für geradezu zwingend, um eine solche Affäre politisch zu überleben.“ So die Süddeutsche Zeitung über das „große Schweigen“ um die Doktorarbeit Franziska Giffeys. Ich habe selbst eine Doktorarbeit geschreiben, habe dafür Jahre gebraucht, habe mir das Geld dafür selbst erarbeitet, und ich weiß, wie viel Arbeit eine seriöse Dissertation macht. Wenn ich die Beispiele auf der Plattform vroniplag lese, kann ich es Giffey nicht abnehmen, dass sie tatsächlich guten Glaubens davon ausging, ihre Arbeit wäre korrekt.

Giffey müsse aber laut SZ, anders als vor einigen Jahren Annette Schavan, nicht gehen, weil sie eben nicht für Bildung und Wissenschaft, sondern „für Familienpolitik zuständig sei, für Frauen, Kinder und Senioren“ – und für Jugend, nebenbei. Lehrer haben heute dank des Internet deutlich mehr als früher mit Plagiaten zu tun – wie sollen wir Jugendlichen erklären, dass Plagiate absolut nicht in Ordnung wären, wenn sich selbst die für sie zuständige Ministerin trotz offenkundiger Verstöße keinen Konsequenzen stellen muss?

Schlimmer noch aber ist wohl, dass Giffeys Schweigen nicht einfach nur Resultat persönlicher Defizite ist, sondern Teil eines Systems, in dem es ernsthaft als politische Klugheit verkauft wird, zur eigenen Verantwortung nicht zu stehen.

„Schnuller“ heißt auf Englisch übrigens „Pacifier“ – zugleich auch ein Wort für „Friedensstifter“ Quelle

Ein Vorbild dafür ist sicherlich Ursula von der Leyen. Deren Dissertation wurde ebenfalls überprüft und von der Hochschule nicht zurückgezogen, aber angesichts der katastrophal zerbröselnden Infrastruktur der Bundeswehr, der Berater- und der Gorch-Fock-Affäre hätte sie eigentlich viele Gründe, Verantwortung zu übernehmen, sich von ihrem Ministerium zu verabschieden oder sich zumindest deutlich zu erklären. Doch um die Ministerin herrscht Stille.

1996 war Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Justizministerin zurückgetreten, weil sie die Entscheidung der damaligen Regierung für den großen Lauschangriff nicht mittragen wollte. Diese klare Übernahme politischer Verantwortung ist erst etwas über zwanzig Jahre her und wirkt heute wie ein Beispiel aus einer anderen Welt.

Als Kanzlerin hat Angela Merkel es sich zum Prinzip gemacht, nicht mit negativen, sondern nur mit positiven Ereignissen assoziiert zu werden. Als Deutschland Fußballweltmeister wurde, war sie sogleich in der Kabine – als auf dem Berliner Weihnachtsmarkt bei dem schlimmsten Terroranschlag in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg zwölf Menschen ermordet wurden, brauchte Merkel ein Jahr, um mit den Angehörigen zu sprechen. Sie traf sich zudem erst mit ihnen, nachdem sie ihr in einem offenen Brief vorgehalten hatten, sie habe ihnen „auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert“ .

Diese systematische Konfliktvermeidung ist eine Voraussetzung für eine seltsame Einmütigkeit, die Merkel umgibt – eine Windstille, als lebten wir von den Grünen bis hin zu konservativen Unionsmitgliedern in einer großen angenehmen Symbiose und als wäre ein offener Angriff auf Merkel und ihre Politik irgendwie in sich schon anrüchig. Wer heute Merkel so attackieren würde, wie in den achtziger Jahren völlig selbstverständlich Helmut Kohl angegriffen wurde, der müsste den Vorwurf fürchten, sich außerhalb eines demokratischen Konsenses zu begeben.

Selbst Alphamänner der Union wie Friedrich Merz oder Roland Koch schmissen lieber alles hin, als den offenen Konflikt mit Merkel zu wagen – was ihrerseits nicht sonderlich erwachsen war. Erst vor dem Hintergrund solch umfassender Konfliktvermeidung wird es verständlich, warum ein Video über die „Zerstörung der CDU“ zu einem gigantischen Hit werden konnte. Rezo äußert eine so klare, offene und aggressive Kritik, wie sie im demokratischen Diskurs eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber längst nicht mehr zu finden ist.

Auch hier aber werden Konflikte, denen sich Erwachsene längst hätten stellen müssen, gleichsam in eine Jugendkultur ausgesourcet. Die Reaktionen darauf sind bezeichnend: Während Merkel selbst nach der für ihre Partei deprimierenden Europawahl wie gewohnt tagelang vollständig abtaucht und Kritik überhaupt nicht wahrzunehmen scheint, bezieht Kramp-Karrenbauer eine aggressiv-autoritäre Position und stellt das Recht auf Meinungsäußerung im Netz offen in Frage. Dass sie nicht von Meinungsfreiheit, sondern von „Meinungsmache“ redet, zeigt zugleich, wie sehr sie Menschen als infantil wahrnimmt: Als würden alle, die Rezos Video gesehen haben, gedankenfrei einfach dessen Position übernehmen.

Beide Positionen, die eingeübte Nicht-Präsenz Merkels, die andere gar nicht wahrnimmt, und die Über-Präsenz Kramp-Karrenbauers, die anderen ihren Raum streitig macht, sind zwei nur scheinbar gegensätzliche Weisen der Verweigerung von Auseinandersetzung.

Zu der gehörte auch, die auch von Rezo formulierten Sorgen um den Klimawandel ernst zu nehmen, sich aber eben auch mit realistischen Handlungsmöglichkeiten zu beschäftigen und möglicherweise sogar die eigene Position zu ändern. Wenn ich die vielen Texte, die ich bislang dazu gelesen habe, richtig verstehe, haben wir prinzipiell drei Möglichkeiten, die allesamt große Nachteile haben: ein Trilemma, mit dem eine Politik nichts anfangen kann, die sich bloß mit guten Nachrichten schmücken möchte.

Wir können mit der Energieerzeugung durch Kohle weiter machen und hoffen, dass alles nicht so schlimm werde wie befürchtet – was offenbar verantwortungslos ist. Wir können unseren Lebensstandard – und eben nicht nur gelegentliche Flugreisen, sondern auch unsere Industrieproduktion – erheblich senken, was überhaupt nicht wünschenswert und politisch schlicht nicht durchsetzbar ist. Oder wir können, zumindest für eine Übergangszeit, wie andere Länder auf Kernergie setzen.

In meinen Augen war der Ausstieg aus der Kernenergie eine der wesentlichen Leistungen der rot-grünen Koalition, neben dem großen Verdienst, Deutschland weitgehend aus dem irren Irak-Krieg herausgehalten zu haben. Trotzdem finde ich heute ein Statement wie das der Umweltministerin beunruhigend:

Schulze fragt gar nicht erst, ob andere Länder nicht vielleicht gute Gründe haben, nicht zugleich aus Kohle und Atomenergie auszusteigen. Sie hat auch keine Antwort auf die Nachfrage, wie denn eigentlich das Speicherproblem gelöst werden könnte, das die regenerativen Energien Sonne und Wind zwangsläufig aufwerfen. Die Antwort müsste sie aber geben können:

Wenn Kinder glauben, die richtigen Wünsche zu haben genüge, um diese Wünsche auch wahr werden zu lassen, dann ist das in einigen Entwicklungsstadien ganz normal und angemessen. Wenn aber Erwachsene immer noch oder schon wieder glauben, sie könnten die Auseinandersetzung mit Realitäten als Mittelglied zwischen Wunsch und Wunscherfüllung einfach auslassen, dann ist das infantil und verantwortungslos.

Annalena Baerbock hat in ganz ähnlicher Weise vor etwas mehr als einem Jahr im Deutschlandfunk das „Netz als Speicher“ angepriesen.  Das war bestenfalls irreführend, sie hat sich auch später zu korrigieren versucht – bezeichnend aber war, wie sie ihre Meinung begründete.

Ich habe irgendwie keine wirkliche Lust, mir gerade mit den politischen Akteuren, die das besser wissen, zu sagen, das kann nicht funktionieren.

Die Vorsitzende einer der wichtigsten deutschen Parteien erklärt zu einem der Kernthemen ihrer Partei, sie wolle sich nicht besser informieren, weil sie dazu „irgendwie keine wirkliche Lust“ habe: Das ist ein irritierend selbstbewusst und selbstverständlich vorgeführtes frühkindliches Verhalten. Natürlich ist es auch eine Pose, und es ist zu hoffen, dass Baerbock sie nicht tatsächlich ernst meint – aber es ist eben eine Pose, die zu politischer Verantwortung überhaupt nicht passt.

Baerbock ist respektlos gegenüber Menschen, die wissen, dass und warum das Stromnetz nicht als Speicher genutzt werden kann – sie ist aber vor allem respektlos gegenüber Menschen wie vielen Jugendlichen in der Friday for Future-Bewegung, die ernsthaft um das Klima besorgt sind und die glauben, in den Grünen dabei Bündnispartner gefunden zu haben.

Diese Infantilisierung, mit der Erwachsene Kindern und Jugendlichen scheinbar nach dem Mund reden, ohne sie ernst zu nehmen – mit der Erwachsene Kinder und Jugendliche als Projektionsfläche für die Konflikte missbrauchen, die sie selbst vermeiden – diese Infantilisierung kommt unschuldig daher, sie ist aber destruktiv.

Wenn Kinder sich verhalten wie Kinder, ist das angemessen, konstruktiv und sinnvoll. Wenn sich aber Erwachsene wie Kinder verhalten, dann stimmt etwas nicht.

Wir sollten werden wie die Kinder, hat Jesus uns zwar empfohlen, falls sich noch jemand erinnert. Aber wie werden die Kinder?  Erwachsen werden sie.

Wenn wir sie nicht daran hindern.

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18 Comments

  • Fridays for Future ist, wie ich finde, ein sehr schönes Beispiel, wie wir unseren Kindern eben die Vermeidung mit der Auseinandersetzung/Konfliktvermeidung, abkehr von der Verantwortungsübernahme beibringen.
    Eben dieses Verhalten ist nicht auf den politschen Diskurs beschränkt, sondern findet sich in vielen Teilen der Gesellschaft wieder. Bleiben wir in der Schule:
    Du hast sicher mal was davon gehört, dass es Lehrer geben soll, die lieber die vier anstelle der fünf geben, nur um keine Auseinandersetzung zu bekommen, sei es mit dem Schüler selbst, dessen Eltern, dem eigenen Schulleiter oder gar der übergeordneten Administration.
    Interessanterweise beobachte ich exakt die gleiche Verhaltensweise „keine Probleme, um jeden Preis“ auch in der Schulleitung bzw. den Schulbehörden.

    In gleicherweise geht man mit dem Friday for Future um. Die Schüler die Freitags nicht in die Schule gehen, haben hier eine ideale Gelegenheit zu lernen, wie man Verantwortung übernimmt.
    Ihnen fehlt der Unterrichtsstoff von diesem Tag. Was je nach konkretem Unterrichtsinhalt in den Folgestunden zu defiziten führen kann, wenn es eben nicht nachgearbeitet wird.
    Aktuell habe ich Freitags gleich zwei Klassen mit einer Doppelstunde (Mathe/Physik).
    In der nächsten Woche höre ich dann nur:
    Ich versteh das nicht. Ich konnte die Hausaufgaben nicht machen. etc.
    Ich erwarte aber, dass wenn ein Schüler fehlt, dass er das versäumte im Rahmen seiner Möglichkeiten nacharbeitet, da er insbesondere, wenn er bewusst vom Unterricht fernbleibt um zu demonstrieren, für die Folgen auch die Verantwortung zu übernehmen hat.
    Genau das wird aber von Eltern/Schulleitung und sogar der Schulbehörde von mir erwartet. Ich soll mehr oder minder, die jeweilige Doppelstunde einfach „wiederholen“, damit die Lieben auch nichts verpassen.

    Wie sollen wir unsren Kindern bitte die Übernahme von Verwantwortung beibringen, wenn gerade die unmittelbaren Bezugspersonen ihnen Vorleben, dass sie genau das nicht brauchen.

    Und ich möchte betonen, dass es mir nicht darum geht, dass meine Schüler gefälligts im Unterricht zu bleiben haben.
    Ich finde es sogar gut, wenn Schüler bewusste Entscheidungen treffen. Und ich kann davon ausgehen, dass diejenigen die fehlen, das ernst meinen und eben nicht eine Gelegenheit suchen, Mathe/ Physik zu schwänzen.
    Aber ich bin schlicht der Ansicht, dass sie dann auch die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Wohlgemerkt ich rede von einem 11er und 12er Kurs, also keine Kleinkinder mehr.

    • „Genau das wird aber von Eltern/Schulleitung und sogar der Schulbehörde von mir erwartet. Ich soll mehr oder minder, die jeweilige Doppelstunde einfach „wiederholen“, damit die Lieben auch nichts verpassen.“

      Ich selbst bin kein Lehrer und verstehe weder etwas von Schule noch von Kindern. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Eltern, Schulleitung und -behörde deshalb von Lehrern erwarten oder gar verlangen, die versäumten Stunden im regulären Unterricht zu wiederholen, weil die Kinder oder Jugendlichen den verpassten Lernstoff selbst nicht nacharbeiten werden, sich vielleicht sogar in eine Opferhaltung hineinsteigern werden: „Der Pauker will uns bestrafen, weil wir am letzten Freitag für unsere Zukunft demonstriert haben.“ Ich vermute: Eltern, Schulleitung usw. sind einfach realistisch. Entweder der Lehrer wiederholt den Lernstoff, oder die Schüler werden diesen Stoff niemals lernen.

      Wir leben in einer Zeit, in welcher der gute Zweck jedes Mittel heiligt, und in der die Konsequenzen immer die anderen zu tragen haben.

      • Ich vermute: Eltern, Schulleitung usw. sind einfach realistisch. Entweder der Lehrer wiederholt den Lernstoff, oder die Schüler werden diesen Stoff niemals lernen.

        Na und? Ist doch nicht das Problem der Lehrer. Ich finde die Ansicht durchaus richtig. Wer etwas tut, muss auch mit den Konsequenzen leben. Und die heißen bei den Schulboykotteuren (Streik ist eh Quatsch) entweder schlechte Noten oder aber selbstständiges Nacharbeiten und lernen.
        Das darf man imho auch schon in früheren Jahrgängen lernen, nicht erst aber zweistelligen Klassenstufen.

        Was dabei raus kommt, wenn man Erziehung und insbesondere auch Erziehung zu eigenverantwortlichem Handeln vernachlässigt, sieht man doch heutzutage tagtäglich, übrigens nicht nur bei den heutigen Kindern, sondern auch deren Eltern.

      • „…weil die Kinder oder Jugendlichen den verpassten Lernstoff selbst nicht nacharbeiten werden, sich vielleicht sogar in eine Opferhaltung hineinsteigern werden: „Der Pauker will uns bestrafen, weil wir am letzten Freitag für unsere Zukunft demonstriert haben.““

        In der Tat wiederholen die wenigsten. Das tun sie aber genau es dem angesprochenen Grund. Eine große Mehrheit lebt es ihnen ja genau so vor, dass sie für ihr verhalten nicht die Verantwortung zu übernehmen brauchen.

        Ich respektiere, dass einige meiner Schüler zu den Demos gehen. Sie beziehen Position und stehen dazu. Und ich kann bei denen die ich kenne davon ausgehen, dass sie es aus Überzeugung machen.
        Nur ist die Konsequenz eben, dass sie im Unterricht etwas verpassen.
        Ich bin der Ansicht die Verantwortung dafür liegt bei den Schülern.
        Damit stehe ich nur leider in einer Minderheit.
        Und Mario hat recht, dass es nicht die erste Generation ist, die das so sieht und lebt. Nur die aktuelle Generation hat hier einen deutlich besseren Nährboden und wie ich finde, steigert sie das ganze nochmal.
        Diese Menschen werden später in allen teilen der Gesellschaft, sei es Politik, Medien, Industrie etc. wirken und eben genau dieses Verhalten fortführen.
        Das was Lucas schreibt, wird sich also nochmal deutlich verstärken.

        • Wer ist denn, für die Bildung der Kinder verantwortlich? Die Schüler selbst, die Lehrer oder die Eltern?

          Und was bewirken die politischen, juristischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in dem Zusammenhang?

          Nur mal so aus der Hüfte in den Raum geschmissen.

          Ich z.B., vorausgesetzt ich hätte ein Kind in dem Alter ( in einem Rechtssstaat wäre dem so, hier wurde es dem Kind und mir verboten ), würde sinngemäß sagen: „Okay, einmal darfst Du da hin gehen, aber auf meine Verantwortung und unter meinem Versicherungsschutz, damit wir uns darüber wohlinformiert unterhalten können. Das Risiko mit der willkürlichen Richterrechtsprechung nehme ich auf mich.
          Ansonsten bestehe ich darauf, daß die Auftragnehmer ( Lehrer ) ihren Job machen und unterrichten, da ich sonst keinen Grund hätte, Dich zur Schule zu schicken“.

          • Zu Frage 1:
            Ich meine es stammt von Hattie (habs nicht überprüft)

            „Lernen findet statt, wenn leidenschaftliche Lehrpersonen, Lernende und Peers am Lernprozess teilnehmen.“

            Unter der Annahme, Bildung mit Lernerfolg und Verantwortung mit Einfluss, gleichzusetzen,

            hat der Schüler etwa 50% Verantwortung
            der Lehrer etwa 30% Verantwortung
            Familie und Peers etwa 12% Verantwortung
            Den Rest subsumiere ich mal unter sonstiges

            Je nachdem nach wem du gehst, sind die Zahlen anders, alle die ich kenne geben dem Schüler aber den größten Anteil.

            Zu Frage 2:
            Poltisch:
            „Die faulen Säcke.“
            sagt denke ich genug (nicht alles).

            Juristisch:
            Infolge der Elternis Klageritis achten Lehrer mehr darauf formal korrekten Unterricht zu geben, anstatt den Schüler selbst ins Zentrum zu stellen.

            Gesellschaftlich:
            siehe politisch
            persönliche Erfahrung
            Ein Schüler kam wegen Umzugs erst kurz vor den Herbstferien in den Unterricht. Ich habe dem Schüler die Themen genannt die wir bereits behandelt haben und gebeten, er solle sich bei seinen Mitschülern erkundigen und das Heft nacharbeiten.
            Grundsätzlich sammel ich immer drei Hefte ein bis ich alle habe. Diesen Schüler habe ich dann als letztes eingesammelt (Ende November!)
            a) nicht nachgearbeitet und b) ab dem da sein kaum Mitgeschrieben. Note 5

            Aussage der Mutter dazu:
            „Was sind Sie für ein Lehrer.“ Ihre Argumentation war, einem 15 jährigen sei es nicht zuzumuten, 5 Wochen Unterricht in 9 Wochen nachzuarbeiten. Wobei es hier nur um den Heftmitschrieb geht. Aber selbst die 9 Wochen wo er da war, war das Heft wegen der großen Lücken nur eine 5, mehr nicht.

            Bitte den Hüftschuss nochmal erklären.

          • @ Andreas:
            „Bitte den Hüftschuss nochmal erklären.“
            Ich weiß zwar nicht, ob Du ihn wirklich verstanden hast, beantwortet hast Du ihn aber. Nämlich mit dieser seltsamen Prozentrechnung, die irgendwelche Praxisanteile mit Verantwortung verwechselt.
            Denn dadurch beschreibst Du u.a. eine tatsächliche gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte und unterstreichst dieselbe noch durch das Beispiel der Mutter, die sich offensichtlich NICHT zu 100% für die Bildung ihres Kindes verantwortlich fühlt.
            Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: Mit Verantwortung hebe ich natürlich auf den ( nicht delegierten ) rechtlichen Aspekt ab, welcher grundsätzlich der wichtigste bezüglich familiärer ( triangulärer Eltern-Kind-)Konstellationen ist.

            Ich vermute, dieser antiaufklärerische Trend wird sich in den nächsten Jahren sogar noch ( möglw. eklatant ) verstärken.

  • Das hier geht unvermittelt auf den Kern so vieler Probleme los: auf eine anheimelige Wohlfühl- und Konsenzkultur, die mit aller Macht Probleme aussitzt beziehungsweise diesen als eine Art Königshof, der sich über allem inthronisiert hat, vorsteht. Den aristokratische Vor- und Aussitzer hat Kanzler Kohl erfunden, aber erst seine Meisterschülerin Merkel machte daraus die Perfektion, die einen tatsächlichen Gesellschaftskonsenz begründete und der sie zur zu einer ungekrönten Kaiserin Merkel machte. Es bräuchte nur noch den Papst, der Merkel wegen ihrer Verdienste gegen den Klimawandel krönte und salbte, im Angesicht der Friday for Future-Bewegung, um das perfekt zu machen.

    Ist das alles nur „infantil“ und eine grosse Unfähigkeit erwachsen und selbstbestimmt zu sein? Es ist sicher das – aber auch mehr, nämlich die Weisheit eines fernöstlichen Fatalismus, der sich geduldig die Nöte aller Welt anhört, sofern sie nur dem passenden Narrativ entspricht: die Apokalypse komme doch bitte in Form des Klimawandels, aber bitte nur nicht als Euro-Währungskrise!

    Die letzten Jahre ist mir verstärkt aufgefallen, dass irgendwelche Leute lieber hochglanzpolierte Phrasen auftischen, statt mit eckigen und persönlichen Peinlichkeiten anzuecken. Das machen sie, weil sie wissen, dass letzteres nur schadet und dass es besser und vorteilhafter ist keine „eigene“ Meinung zu haben. Man muss den Ball immer schön flach halten und den anderen nach dem Mund reden, etwas anders will eh keiner hören. Kinder toben im Zug umher? Das darf niemanden stören, also beglückwüschen wir noch demonstrativ die liberalen Eltern, die ihre Kinder im freiheitlich-antiautoritären Geist aufwachsen lassen, dem allein glücklichmachenden. Nur keinen Stress machen und wenn nebenan jemand zusammengehauen wird, dann hat man besser nichts gesehen, denn man wird von schlechten Leuten nur in Sachen reingezogen.

    Am Ende möchte ich den Verdacht äussern, dass es weniger eine Infantilisierung, sondern eine Japanisierung ist, die unsere Gesellschaft erfasst hat: immer nur im grösstmöglichen Konsenz leben und dort seine Position durch erdrückende Präsenz – wie die eines Sumoringers – behaupten. Die Ursache dafür ist finanziell, die Nullzinspolitik, die die Deutschen (also „Europa“) den Japanern nachmachte, nachdem diese das schon seit 20 Jahren so machen!

    • „… dass es weniger eine Infantilisierung, sondern eine Japanisierung ist, die unsere Gesellschaft erfasst hat“

      Das kommt mir auch so vor.

  • „bezieht Kramp-Karrenbauer eine aggressiv-autoritäre Position und stellt das Recht auf Meinungsäußerung im Netz offen in Frage. Dass sie nicht von Meinungsfreiheit, sondern von „Meinungsmache“ redet, zeigt zugleich, wie sehr sie Menschen als infantil wahrnimmt: Als würden alle, die Rezos Video gesehen haben, gedankenfrei einfach dessen Position übernehmen.“

    Bestimmt glaubt Sie nicht, dass es auf Alle eine Wirkung hat. Aber es ist ja wohl klar, dass ein Video nicht viral geteilt wird, wenn es nicht bewegt. Natürlich muss man dabei auch berücksichtigen, dass es von YouTube, Ströer Media aktiv und den Medien passiv gepusht wurde.

    Ich halte die Kritik an AKK für überzogen. Es war sicher unklug, diese Äußerung im direkten Anschluss an das Wahlergebnis zu formulieren, der Schmerz saß halt zu tief. Aber im Grunde halte ich eine Diskussion über Regeln (definitionsgemäß keine Gesetze) für angebracht. Das müssen keine Verbotsdiskussionen sein. Wer den wahlentscheidenden Einfluss von Fake-News beklagt, kann bei Rezos Video auf Stammtischniveau nicht einfach den Grundgesetzgedanken, der Redefreiheit, erkennen. Die Verankerung der Redefreiheit im Grundgesetz ist sicherlich nicht unter dem Aspekt von medial gepushten Influencern entstanden, sondern sollte dem Staat – nach den Erfahrungen aus der NS-Zeit – die Meinungshoheit entziehen. Die Redefreiheit soll daher stets meinungsbildend wirken. Sie muss nicht zwingend auf einem wahrheitsgemäßen Kern beruhen, denn der Grundgedanke ist, dass es in der Breite immer auch differenzierte Gegenmeinungen gibt.
    Besitzen jedoch einzelne Personen eine überproportional hohe Anhängerschar, wird dieses ungefähre Gleichgewicht empfindlich gestört. Aus diesem Grund, dürfen auch Medienhäuser nicht einfach meinungsbildende Unwahrheiten behaupten und sich dabei auf die Redefreiheit berufen. Influencer, die teilweise mehr Menschen erreichen dürfen dies hingegen, sofern Sie nicht gegen Gesetze verstoßen. Da kann man schon einmal eine nachdenkliche und sensibilisierende Debatte anstoßen, vor allem wenn Influencer, wie Rezo, Teil eines Ströer Marketingkonzepts sind.

    • Ein wichtiger Punkt, @Uwe und es enttäuscht mich mittelschwer, daß Du der erste bist, von dem ich lese, daß er nicht die vordergründige populistische Empörung einfach im Kreis bestätigt.
      Da hätte ich mehr kritische Geister erwartet.
      Nun, daß AKK möglw. tatsächlich gern die Meinungsfreiheit einschränken würde, ist keinesfalls auszuschließen.
      Aber bei der ungeschickten Formulierung halte ich es ebenso für möglich, daß sie schon einige Schritte weiter war und bemängeln wollte, daß eine von einem Riesenkonzern gegen Geld per se und ohne konkreten Bezug GARANTIERTE Meinung nicht unerheblicher Wählermengen sicherlich dem Geist der Meinungsfreiheit widerspricht.
      Und in dem ( bis jetzt ungeklärten ) Punkte gebe ich ihr ggf. Recht.

  • Ich dachte jedenfalls auch ich träume, als ich sah, dass sich die Führung der größten Regierungspartei genötigt sah, auf irgendein Video eines jungen Mannes mit blauen Haaren zu reagieren. Helmut Kohl hätte mit Sicherheit kein Wort dazu gesagt, und die Sache wäre in ein paar Tagen vergessen gewesen.

    Wir erleben wirklich ein massive Infantilisierung des gesamten politischen Prozesses.

  • Ich persönlich rätsele ja schon eine ganze Weile, wieso die Infantilisierung der Gesellschaft so zunimmt. Ein Thema, zu dem mir echt nicht viel einfällt.

    Dass analog Fr. Baerbock zunehmend Menschen zu allem eine feste „richtige“ Meinung haben, aber es oft bei diesen Themen an Faktenwissen mangelt, ist ebenfalls wahrzunehmen.
    Diskussionen oder selbst das Aufzählen von Fakten unerwünscht. Widdewitt, bitte nicht stören.

    Aber eine Beobachtung sei mir dann doch gegönnt:
    Die nächste Stufe wird ja schon erklommen, Zauberwort CO2-Zertifikate. Ablasshandel 2.0, Politik wird zur Religion.

  • „Glaubt man den Worten von Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater aus Bonn, laufen wir auf eine Katastrophe zu. Denn so, wie unsere Gesellschaft funktioniert, wird sie mit den Kindern und Jugendlichen, die derzeit heranwachsen, nicht weiterbestehen. Den Kindern fehle soziale Kompetenz, in Jobs sind das die sogenannten Soft Skills. Ein Gespür für Situation, das Setzen von Prioritäten, das Erkennen von Handlungsbedarf – Fehlanzeige. Auf 50 Prozent der Kinder trifft das heute zu, sagt der 64-Jährige. Und er führt diese Entwicklung nicht auf mangelnde Erziehung zurück, sondern auf die fehlende „erworbene Intelligenz“. Und das liege daran, dass Kindern ein Gegenüber fehle, eine menschliche Person, mit der sie sich auseinandersetzen. Das Bildungswesen habe sich in die falsche Richtung entwickelt: autonomes Lernen (Kinder erarbeiten sich alles alleine), individuelles Lernen (Kinder entscheiden, auf welchem Niveau sie lernen) und Lehrer und Erzieher, die ihrem eigentlichen Beruf gar nicht mehr nachgehen, sondern nur noch sogenannte Lernbegleiter sind.“

    https://www.stern.de/familie/kinder/michael-winterhoff–jugendliche-schueler-sind-auf-dem-niveau-von-kleinkindern-8728324.html

    • Dieser Kollaps könnte vielleicht früher eintreten, als man es denken möchte. Im von dir zitierten Passus geht es ja in erster Linie um Schüler. Aber man muss einfach mal anschauen, was an Unis teils los ist. Philosophiestudenten, die sich weigern Nietzsche oder Kant zu lesen, weil die (unter vielem anderen) auch mal was (aus heutiger Sicht) rassistisches oder / und frauenfeindliches gesagt haben. Oder Jurastudenten, die in den Staaten einen Dekan wegmobben, weil der sich in seiner Profession als Anwalt doch tatsächlich erdreistet hat, Harvey Weinstein zu vertreten. Alle Jurastudenten, die sich an so etwas beteiligen, müssten über ihr Studium hinaus eigentlich mit einem lebenslangen Berufsverbot für alles, was mit Juristerei zu tun hat, belegt werden, denn deutlicher kann man völliges Unverständnis für Rechtsstaatlichkeit nicht mehr demonstrieren.

      Oder die regelmäßigen, nicht selten äußerst aggressiv vorgetragenen Proteste gegen Leute, die an Unis Vorlesungen geben sollen, aber in irgendeiner Form nicht mit einer bestimmten Gruppe von Studenten auf ideologischer Linie sind. Und dabei reden wir gar nicht mal von – wie auch immer geartet – extremen Vertretern wie etwa überzeugten Neonazis, sondern um Leute mit in der Regel sozialliberalen oder „schlimmstenfalls“ konservativen Ansichten. Diese die Grenzen zum Absurden schon weit überschritten habende Hypersensibilität für „noch Sagbares“ und schon „nicht einmal mehr Denkbares“, in Kombination mit beispielloser Toleranzunfähigkeit im Umgang mit anderen Meinungen ist sehr besorgniserregend, wenn man bedenkt, dass man es dort a) nicht mehr mit Teenagern zu tun hat und – b) das Leute sind, die dort ausgebildet werden, um in Zukunft zur Elite unserer Gesellschaften zu zählen.

      Dass diese Durchgeknallten unter den Studenten wohl eher in der Minderheit sind, ist dabei nicht wirklich beruhigend, denn, wie die Geschichte sowie auch deren Erfolge an ihren Unis zeigen: kommen ideologische Fanatismen ins Spiel, setzt sich leider selten die in der Regel völlig vernünftige Mehrheit durch, sondern diejenigen die stets am lautesten Plärren und, last but not least, am wenigsten Hemmungen davor haben, ihren Kopf auch unter Verwendung von Gewalt, seelischer wie körperlicher, durchzudrücken. Dass eine erschreckende Anzahl von Verantwortlichen an Unis vor diesen Studenten, deren ideologischer Fanatismus die Grenzen zum Wahnsinn längst gerissen hat, einknicken und denen jede noch so verstiegene Nummer durchgehen lassen oder gar noch Unterstützung signalisieren, würde ich zumindest in vielen Fällen auf schlichten Schiss vor dieser Meute zurückführen.

      • Word!
        Tatsache ist, eben diese z.T. für das Thema Recht erheblich zu blöden, oder zu verbohrten „Elitestudenten“ werden definitiv zu einem großen Teil auf weltführenden Posten landen und uns dann diktieren, was okay ist und was nicht. Mit viel Gewissen beim Abwürgen unerwünschter Tatsachen und Meinungen braucht man da kaum zu rechnen.

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