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Der Wandel des linken Selbstverständnisses

geschrieben von: Gunnar

Ich freue mich, hier wieder einen Text von Gunnar Kunz veröffentlichen zu können, der zur selben Zeit auch in seinem Blog erscheint. Gunnar stellt sich, unter anderem, eine Frage, die ich mir bei meinen eigenen Texten auch schon oft gestellt habe und die ich selbst so formulieren würde: Welchen Sinn hat es, sich beständig an der real existierenden linken Politik abzuarbeiten, wenn es doch rechts eine ganze Menge Positionen gibt, die ebenso viel Kritik und Auseianndersetzung verdient hätten?

Nur sind diese rechten Positionen eben nicht die Positionen der eigenen – ehemaligen – politischen Heimat. Ich habe den Eindruck, dass es links eine ganze Menge politischer Heimatvertriebener gibt, die sich eher von linker Politik verlassen fühlen, als das sie selbst die Linke verlassen hätten. Allerdings können die meisten, zum Beispiel, ohne die SPD deutlich besser leben, als die SPD es ohne sie kann: Bei den letzten Umfragen zur Wahl in Sachsen ist sie auf 7% gefallen und kämpft nicht mehr um das Amt des Ministerpräsidenten, sondern um den Einzug ins Parlament.

Diese Linke  verrät und diskreditiert eben die Positionen, die in der Auseinandersetzung mit rechts gebraucht werden – und daher ist die Auseinandersetzung mit dem Wandel des linken Selbstverständnisses indirekt auch eine Auseinandersetzung mit Rechten. Soviel als kleine Einleitung – der Rest des Textes stammt von Gunnar. Lucas Schoppe

Ich habe nie viel von Links/Rechts-Schubladen gehalten, die verführen nur dazu, das eigene Lager als gut und den politischen Gegner als böse zu etikettieren. Für Linke ist derzeit jeder, der nicht ihrer Meinung ist, ein Nazi. Für Rechte sind Linke schuld an allem, was heutzutage schief läuft. In beiden Fällen werden Andersdenkende diskreditiert und Parolen als Ausrede vorgeschoben, um notwendige Debatten zu ignorieren. Mich hingegen interessiert nicht Gesinnungspolitik, sondern ob jemand etwas zu sagen hat und seine Meinung begründen kann. Ich möchte mich mit Argumenten auseinandersetzen, nicht mit Befindlichkeiten.

Und was ist eigentlich so schwer daran, das Prinzip „Teile und herrsche“ zu begreifen? Was ist so schwer daran zu sehen, dass man mit einem sinn- und substanzlosen Schwarzweiß-Denken, mit Frauen gegen Männer, Schwarzen gegen Weiße, Jungen gegen Alte oder eben Linken gegen Rechte genau denen in die Hände spielt, die vom desolaten Zustand der Welt profitieren?

Dass ich mich besonders gegen linke Heuchelei und Doppelmoral wende, liegt nicht daran, dass ich Konservative für die besseren Menschen halte. Wer so tut, als sei die CDU eigentlich eine prima Partei und alles Übel läge nur an Angela Merkel, erinnert mich immer an Rechtfertigungsversuche 1945, wonach die eigentlich guten Deutschen allesamt von einer einzelnen Person verführt und missbraucht worden seien.

Die neoliberale Agenda, die dafür verantwortlich ist, dass man heutzutage mit einem einzelnen Einkommen kaum noch eine Familie ernähren kann, ist eine Erfindung der Konservativen, auch wenn Helmut Kohl nie gewagt hätte, diese so umfassend durchzudrücken wie die Regierung Schröder/Fischer. Dass die Bundeswehr wieder überall auf der Welt Polizei spielen darf, ist ebenfalls ursprünglich eine Fantasie der Rechten. Und dass sich das Glaubensbekenntnis Linker, Frauen seien irgendwie engelsgleiche Wesen, die vor jedem Kontakt mit der Wirklichkeit bewahrt werden müssten, prima mit der Zurück-an-den-Herd-Ideologie konservativer Kreise verträgt, ist eine Binsenweisheit.

Dass ich mich besonders gegen linke Heuchelei und Doppelmoral wende, liegt also nicht daran, dass mir konservative Weltanschauungen sympathischer wären, sondern daran, dass es mich aufregt, wenn jemand meine Ideale (Demokratie, Meinungsfreiheit, Vielfalt, Toleranz, das Infragestellen von Geschlechterstereotypen) als Lippenbekenntnis im Munde führt, um eben diese Ideale zu verraten und damit zu diskreditieren. Ich betrachte mich immer noch als linksliberal, und an meinen Werten hat sich nichts geändert.

Nicht ich bin es, der eine inhaltliche Wende vollzogen hat, sondern diejenigen, die heute in der linken Bewegung den Ton angeben, haben ihre Werte an den Neoliberalismus und die Identitätspolitik verkauft.

Früher bedeutete links zu sein, die Herrschenden zu kritisieren. Heute bedeutet es, die Beherrschten zu kritisieren. Früher bedeutete links zu sein: Opposition, heute: Opportunismus. Früher ging man auf die Straße, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren, gegen die Volkszählung oder gegen Berufsverbote, eben gegen Vorhaben der Regierung. Heute geht man auf die Straße, um „gegen rechts“ zu sein. Damals ging es bei Demonstrationen um Politik, heute nur noch darum, sich auf die Brust zu trommeln und zu bekunden: „Seht her, ich stehe auf der richtigen Seite, ich bin einer von den Guten!“

Was ich besonders schockierend an denen finde, die sich heutzutage als Linke verstehen, ist, dass sie sich immer noch von anderen sagen lassen, was sie denken sollen. Jetzt ist es halt nicht mehr Moskau, sondern irgendjemand, der die richtigen Worthülsen („sexistisch“, „homophob“) im Munde führt und die richtigen Knöpfe drückt. Dann stürmen sie los, stören Veranstaltungen und diffamieren Redner als rechtsradikal, ohne auch nur ein Wort von ihnen gelesen zu haben, nur weil es ihnen irgendein Guru befiehlt.

Kein Wunder, dass diese autoritätshörigen Linken die Aufklärung auf die Müllhalde der Geschichte werfen wollen, Demokratie infrage stellen und Meinungsfreiheit ablehnen. Freiheit geht immer mit Verantwortung einher, mit der manchmal mühevollen Bereitschaft, für seine Überzeugungen geradezustehen. Das bedeutet zwangsläufig, sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen. Inhaltlich, nicht mit Fäusten und Trillerpfeifen – das ist etwas für die Dummen, die keine Argumente haben, sondern nur diffuse Gefühle.

Oft habe ich die Einschätzung gelesen, die CDU unter Angela Merkel sei „rotgrün“ geworden. An dieser Einschätzung ist manches dran, sie erweckt jedoch den falschen Eindruck, die CDU würde jetzt originär linke Politik machen. Es ist daher notwendig, darauf hinzuweisen, dass zunächst einmal die rotgrüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer einen Rechtsruck vollzogen hat, hin zum Neoliberalismus, hin zu einer antisozialen Politik und hin zu Kriegstreiberei. Was wir derzeit haben, mag mit linken Parolen garniert sein, es hat aber mit einer linken Politik, wie sie vor vierzig Jahren verstanden wurde, nichts gemein.

Und wenn sich Protagonisten der SPD als Bollwerk der Demokratie gegen die AfD inszenieren, ist das Heuchelei angesichts solcher Totengräber eben dieser Demokratie wie Heiko Maas mit seinen Zensurmaßnahmen, Katarina Barley und Franziska Giffey, die Wahlen manipulieren wollen, oder Manuela Schwesig, die im Fall Gina-Lisa Amtsmissbrauch betrieben und versucht hat, in ein laufendes Verfahren einzugreifen, um ihre Ideologie durchzupeitschen. Heutige Linke wollen offenbar nicht wahrhaben, dass sie mit ihrem verlogenen Verhalten den kritisierten Rechtsruck erst provozieren.

Ich halte es für eine gute Sache, dass die Menschen in unserem Land wachsam sind gegenüber Versuchen, eine nationalistische oder ausländerfeindliche Politik zu betreiben. Leider trübt ein einseitiger Blick häufig die Urteilsfähigkeit. Die eigentliche Gefahr für die Demokratie kommt derzeit nicht von den Nationalisten, zumal die Großindustriellen im Gegensatz etwa zur Weimarer Republik auf globale Märkte setzen und deshalb keinerlei Interesse haben, sektiererische Parteien zu unterstützen.

Die Frage, die man sich stellen sollte, lautet also: Wen unterstützen die Bertelsfrauen oder Milliardäre und ihre Stiftungen heute? Vor wem sollte man sich daher in acht nehmen? Wie immer natürlich vor denen, die uns regieren. Und die gerieren sich im Augenblick nun mal links. Allein Heiko Maas und Manuela Schwesig haben die Demokratie in den letzten fünfeinhalb Jahren schlimmer unterhöhlt (Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Verschärfung des Sexualstrafrechts, Staatstrojaner etc.), als es Helmut Kohl und der CDU in sechzehn Regierungsjahren gelungen wäre.

Es gibt auch einen privaten Grund, weshalb mich die Verlogenheit derer aufregt, die uns regieren. Spießer jedweder politischen Coleur eint, dass sie Menschen, die sich nicht ihren beschränkten Vorstellungen von erlaubtem Betragen unterwerfen, mit sozialer Ächtung zu bestrafen suchen. Aber ich habe nicht als junger Mann die Kleinstadt, aus der ich komme, und die konservativen Spießer dort verlassen, um mir jetzt von linken Spießern vorschreiben zu lassen, in welch schmalem Korridor an zulässigen Meinungen und Verhaltensweisen ich mich aufhalten darf. Und deshalb werde ich die Meinungsfreiheit mit Zähnen und Klauen verteidigen. Gegen jede Art von Reaktionären. Auch die von links.

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91 Comments

  • Danke, danke, danke! Ich bin auch so ein politisch Heimatvertriebener, der an der Heuchelei und Doppelmoral der heutigen „Linken“ schier verzweifelt. Der Artikel spricht mir aus der Seele.

  • „Ich habe nie viel von Links/Rechts-Schubladen gehalten, die verführen nur dazu, das eigene Lager als gut und den politischen Gegner als böse zu etikettieren.“

    Nein, ich denke, mal kann ganz klar sagen, daß „links“ soviel bedeutet, einen universalistischen Egalitarismus zu vertreten und „rechts“ bedeutet, irgendeine Art von Hierarchie in Gesellschaft oder Staatsorganisation zu vertreten. So ist Identitätspolitik z.B. eindeutig rechts.

    Ob man links oder rechts als böse geneigt ist, zu deklarieren, hängt klarerweise davon ab, ob man – wie Humanisten es tun – Menschen für gleichwertig halten oder nicht. Damit meine ich nicht, daß man seine Menschenwürde nicht partiell aufgeben kann, indem man sich aus allen Moral erzeugenden Systemen, die eine Gesellschaft entwickelt hat, verabschiedet. Für gewisse Straftäter ist das denkbar, weshalb wir ja auch eine Gefängnisstrafe als Einschränkung von Art. 2 GG für akzeptabel halten.

    Frauen, die eine Ideologie der Weiblichkeit verteten, nach der Frauen qua Geburt als Frau mit Eigenschaften begabt sind, welche sie wertvoller macht als Männer, wären z.B. Personen, die aus privaten Gründen eine hierarchische Weltordnung für natürlich halten und entsprechend viel mit Identitätspolitik und Neoliberalismus anfangen können. Auch der Feminismus hat als vorausschauender Ideologiehändler immer ein Auge auf Wertigkeit: Frauen sollen oben stehen, wertvoll sein, die Existenz von Hierarchien wird in der Praxis nie hinterfragt.

    „Für Rechte sind Linke schuld an allem, was heutzutage schief läuft.“
    Ich kann diese Beobachtung nicht teilen. Stattdessen scheint es sich eher so zu vehalten, daß die Rechten versuchen, die Linken zu kopieren – was vermutlich weniger mit echter Überzeugung als mit politischen Pragmatismus zu tun hat.

    „als Lippenbekenntnis im Munde führt, um eben diese Ideale zu verraten und damit zu diskreditieren“
    Volle Zustimmung. Doch wie ich bereits in einer Diskussion mit upsilonntiks schrieb, spielen die besseren Argumente keine Rolle mehr: Der Keynesianismus hat auch die besseren Argumente, und doch dominiert seit Jahrzehnten der Neoliberalismus.

    Macht kann man am Ende an zwei Anzeichen erkennen:
    a) Wer Macht hat, braucht keine Argumente, denn er kann seine Interessen auch so durchsetzen. Das machen die USA so und der Feminismus und die Frauen machen es auch – denn eines ihrer sozialen Privilegien besteht ja gerade darin, daß man sie als Sozialpartner ernst nimmt, obwohl sie widersprüchliche Positionen vertreten und widersprüchliches Verhalten zeigen. Woran das liegt? Na, ganz einfach – weil sie die Macht haben.
    b) Wer keine Macht hat bzw. überlegen ist, der argumentieren, wie er will, er erreicht damit gar nichts. Wer sich an seine Kindheitskonflikte mit seinen Eltern erinnert, der weiß genau, was gemeint ist. Und Männer reden seid Jahren vergeblich und dennoch – wie z.B. auf diesem blog – wird so getan, als könne man etwas erreichen, indem an Einzelne überzeugt. Aber das ist nicht so: Auch die Mehrheit kann weniger Macht haben als eine Minderheit. Diese Einsicht fehlt imho flächendeckend.

    Entsprechend:

    „Inhaltlich, nicht mit Fäusten und Trillerpfeifen – das ist etwas für die Dummen, die keine Argumente haben, sondern nur diffuse Gefühle.“
    Das ist etwas für Leute, die es sich leisten können, andere niederzuschreihen, weil das für die politische und gesellschaftliche Durchsetzung ihrer Ausbeutungsinteressen völlig ausreicht.

    „Früher bedeutete links zu sein: Opposition, heute: Opportunismus.“ Danke für diese Vorlage: Es ist in meinen Augen wesentlich, zu verstehen, daß diese Wendung erst dadurch erreicht werden konnte, daß man Frauen in öffentliche Verantwortung schob. Denn als sozial Privilegierte sind Frauen es von jeher gewöhnt, sich von langfristigen Klassenvorteilen korrumpieren zu lassen, selbst wenn es kurzfristige Nachteile gibt. Einfach gesprochen: Frauen halten im Mittel zum sozialen System, da es für sie arbeitet. Männer hingegen werden vom sozialen System nur verarscht und sie haben im Mittel ein Motiv, sich korrumpieren zu lassen – lokale Abweichungen gibt es natürlich. In öffentlicher Verantwortung setzt sich diese Art von Strategie, Entscheidungen zu fällen nur zu leicht fort. Männer sind an Widerstand gewohnt und da sie nicht vom System profitieren, profitieren sie nur von der Lösung der Probleme. Doch diese Erfahrung ist den meisten Frauen fremd.

    Hinzufügen möchte ich zwei Dinge. Erstens etwas für diejenigen, wie ein wenig Hilfe beim Denken benötigen: „Es ist meine feste Überzeugung, daß Männer mit den Privilegien der Frauen dasjenige Verhalten zeigen würden, welches wir jetzt bei Frauen beobachten. Die Gleichheit der Menschen ist nicht nur deontologisch die richtige Alternative, sondern auch von einem utilitaristischen Standpunkt aus.“. Und zweitens möchte ich Gunnar sagen: „Wir kommen zwar nicht persönlich miteinander klar – aber: ein ausgezeichneter Artikel, danke.“.

    • „Für Rechte sind Linke schuld an allem, was heutzutage schief läuft.“
      Ich kann diese Beobachtung nicht teilen.

      Findet öfter mal auf maskulistischen Seiten statt.

      Wer Macht hat, braucht keine Argumente,

      Klar, da stimme ich dir zu.

      Wir kommen zwar nicht persönlich miteinander klar

      Das ist übertrieben. 🙂

      Viele Grüße und vielen Dank für deinen Kommentar (und auch die aller anderen)

      Gunnar

  • Wo sind die ganzen Linken, die mit der derzeitigen, sich links gerierenden Politik nicht einverstanden sind, politisch und publizistisch zu finden? Leitmedien haben sie keine, Parteien von Gewicht repräsentieren sie derzeit auch nicht. Es gibt einige kleine Blogs, vielleicht noch die „Nachdenkseiten“, die zum Teil aber auch speziell sind und sich beim Thema (Staats-)Feminismus auffallend zurückhalten. Die Bewegung „Aufstehen“ wäre vielleicht noch zu nennen, aber die ist im Moment auch nicht mehr (medial) präsent und vielleicht schon wieder politisch tot.

    • @ Adrian: All diejenigen natürlich, die nicht an die wirklichen Probleme in diesem Land heran wollen. Politiker, die lieber über Transtoiletten reden statt über Zuwanderung oder Arbeitslosigkeit. Konzerne, die es sicher prima finden, wenn nicht über Arbeitsbedingungen geredet wird, sondern darüber, dass die bösen Männer die armen Frauen übervorteilen. Etc.

      • Deine Linke will Zuwanderung von kulturfremden Menschen. Das ist ihr Beitrag zur Zerstörung des neoliberalen, kapitalistischen Westens, den sie – genau wie Du – insgeheim verachten, weil er Eurer sozialistischen Utopien den Garaus gemacht hat.
        Die Dekonstruktion der westlichen Gesellschaft ist Teil jedweder linken Agenda. Identitätspolitik, Feminismus und die linke Liebe zum Islam sind Teil dieser Strategie.

        • Au wei, jetzt projizierst du ja nach Kräften. Deine Pseudo-Psychologisierungen, wen ich angeblich „insgeheim verachte“, kannst du dir sparen. Aber du hast dich offenbar durch meine Artikel richtig angesprochen gefühlt als jemand, der es sich mit Links-/Rechts-Schablonen einfach macht.

          • Wer den Begriff „Neoliberalismus“ für die Wirtschaftsform der Bundesrepublik Deutschland verwendet ist ein Dogmatiker.
            Die Hälfte des Gehalts geht in Deutschland für Steuern und Abgaben drauf, um eine nie zufriedene Sozialindustrie zu füttern.

          • Wer den Begriff „Neoliberalismus“ für die Wirtschaftsform der Bundesrepublik Deutschland verwendet ist ein Dogmatiker

            Na, dann brauchen wir ja nicht mehr weiter zu diskutieren.

          • „Na, dann brauchen wir ja nicht mehr weiter zu diskutieren.“

            Fein. Du kannst Dich ja dann weiter über den Zustand der Linken ausweinen, obwohl die Linke heutzutage genau das tut, was auf Grund ihrer politischen Philosophie zu erwarten ist.

            Gulags kommen nicht über Nacht. Identitätspolitik auch nicht.

          • Was ich gerade faszinierend finde, ist die Tatsache, dass du feministische Diskussionstaktiken anwendest: Nie auf irgendwas eingehen, sondern ständig das Thema wechseln.
            Du fragst, wer die Profiteure sind – ich antworte dir – du springst zu „kulturfremden Menschen“.
            Du redest vom deutschen Wirtschaftswunder – ich antworte darauf – du springst zu den Ostblockstaaten und dass Politik ein Faktor ist – ich antworte dir darauf – du kommst mit einem blöden Spruch (ich würde alles auf Neoliberalismus zurückführen) – Ich gehe selbst darauf ein und frage dich, wo ich das tue – du antwortest nicht darauf, sondern suchst dir irgendein anderes Detail, dass du angreifen kannst.
            Interessant.
            Ich werde es jetzt also mit dir halten wie mit diskussionsunwilligen Feministinnen: Ich beende dieses sinnlose Gespräch.

          • Oder anders gesagt: Ich liefere Dir den großen Rahmen dessen, warum die Linke tut, was sie tut. Aber das hat ja schon der Blogbetreiber nicht hören wollen 🙂

          • Die Hälfte des Gehalts geht in Deutschland für Steuern und Abgaben drauf, um eine nie zufriedene Sozialindustrie zu füttern.

            Schon mal deine Abrechnung näher angeschaut. Ein ziemlich großer Teil deiner Abgaben geht für die Krankenversicherung drauf.
            Dabei geht es aber nicht um „sozial“, sondern um Profit. Nämlich ein von den Kosten her ausuferndes Gesundheitssystem bei dem sich ganz soziale Pharmakonzerne eine goldene Nase verdienen.

        • „Wer den Begriff „Neoliberalismus“ für die Wirtschaftsform der Bundesrepublik Deutschland verwendet ist ein Dogmatiker.“

          Auch ich finde die Einstufung „Neo-Liberalismus“ für die Wirtschaftsordnung Deutschlands nicht besonders glücklich. Soweit ich mich erinnere, hat Schoppe in früheren Beiträgen mehrfach von „Neo-Feudalismus“ gesprochen. Zwischen der Kennzeichnung als Neo-Feudalismus und der Kennzeichnung als Neo-Liberalismus besteht eine gewisse Spannung …

          Vielleicht kommt man weiter, wenn man zwischen der (offiziellen) Theorie des Neo-Liberalismus und der inoffiziellen Praxis des Neo-Liberalismus unterscheidet. Man könnte dann sagen: Die Wirtschaftsordnung Deutschlands widerspricht zwar der offiziellen Theorie, entspricht aber einer häufig anzutreffenden Praxis.

          Das müßte man dann freilich genauer begründen. Wieso gehört es zur Praxis des Neo-Liberalismus, sehr hohe Steuern, sehr hohe Sozialabgaben, sehr hohe Strompreise usw. der Bevölkerung abzuverlangen? Usw.

  • „Die neoliberale Agenda, die dafür verantwortlich ist, dass man heutzutage mit einem einzelnen Einkommen kaum noch eine Familie ernähren kann“

    Damals, als Mann mit einem einzelnen Einkommen noch eine Familie ernähren konnte, gab es noch keinen ausufernden Sozialstaat, der dem Arbeitnehmer die Hälfte seines Gehaltes abnimmt.
    Die Grundlagen des deutschen Wirtschaftswunders beruhten nicht auf linken Fantastereien, sondern auf neoliberalen ökonomischen Rezepten.

    • Ich gebe zu, dass „Neoliberalismus“ ein Schlagwort ist, das man erst mal definieren müsste. Dass eine Gesellschaft nach einem Krieg besondere Bedingungen vorfindet und sich das Wirtschaftswunder daher wohl kaum lediglich der Anwendung einer wie auch immer gearteten Wirtschaftspolitik verdankt, dürfte allerdings auch klar sein. Aber lustig, wie du mit deiner simplen Links-Rechts-Rhetorik genau das Problem illustrierst, welches das eigentliche Thema meines Artikels ist.

      • Lustig wie Du über den Fakt hinweggehst, dass es in den Ostblockstaaten ein derartiges Wirtschaftswunder nicht gab.
        Politik ist halt ein wichtiger Faktor, damit eine Wirtschaft blüht.

        • „Politik ist halt ein wichtiger Faktor, damit eine Wirtschaft blüht.“

          In der Tat. Deshalb ist es ja auch lächerlich, alles auf einen einzigen Faktor zurückzuführen wie etwa „Neoliberalismus“. Statt dessen spielt z.B. die Tatsache mit hinein, dass der Westen fleißig in die BRD investiert hat, während die Russen in der DDR alles abmontiert haben, was nur möglich war. Und die Alternative zu „unkontrollierter Marktmacht“ ist auch nicht Planwirtschaft; es ist argumentativ eher dürr, seine Optionen auf schwarz/weiß und entweder/oder zu verengen.

    • Nein. Es gab damals kaum Konkurrenz aus Fernost für industrielle Produkte. China war auf dem Weltmarkt praktisch inexistent, Korea ebenso. Die Ostblockstaaten waren auch keine wirkliche Konkurrenz auf dem Weltmarkt. DAS sind die wahren Gründe. Nicht der Ausbau des Sozialstaats ist Ursache, sondern das Resultat der Anpassung an die veränderten Bedingungen, d.h mehr Arbeitslosigkeit – offene und versteckte – wegen der Konkurrenz auf dem Weltmarkt durch – vor allem, aber nicht nur – Fernost.

      • Und wenn es so wäre? Dann wäre die Ernährung einer Familie mit einem Gehalt ein ungerechtfertigtes Privileg einer Wirtschaft ohne Konkurrenz.

    • Die da wären?

      Tut mir leid, die von dir behaupteten »Konzepte« als eine Art »Selbstregulierungsmechanismus«, freiheitlich gemeint in jeder Hinsicht und unter dem Ideal des »ehrlichen Kaufmanns« gab und gibt es nicht. Ich rede nicht von notorischen Markt-Betrügern mit von vornherein krimineller Absicht, sondern von den feinen Herren und Damen u.a. in Stahl-, Kartoffel- oder Sanitär-Kartellen und ähnliches mehr, wo gegenseitige Absprachen über den Gewinn entscheiden, nicht die Qualität der Produkte oder »Angebot vs. Nachfrage«. Ich rede von Großkonzernen, die jedes Jahr auf wundersame Weise hier in Deutschland kaum Steuern zahlen. Ich rede vom Raubbau am Mittelstand, der die Innenstädte zu Geisterstädten mutieren lässt (nicht vielleicht sofort sichtbar in Metropolen, die innerstädtisch meist auf Erlebnistourismus setzen). Ich rede von den exorbitanten Summen, die 2008 während der Bankenkrise an die Geldinstitute geflossen sind, völlig unbürokratisch und auffallend zügig. »Hier nimm meine 4.600 Milliarden«, rief die geliebte Bundesregierung damals den Banken zu. Und nein, es ist nicht die Schuld eines H4-Empfängers, dass es diesen offensichtlich miserabel geführten Instituten plötzlich so schlecht gegangen ist. Es war deren Gier. DAS war ihr einziges »Konzept«.

      Ich bin es leid, diese Diskussionen unter dem Label des »Sozialneids« zu führen. Dass Google, Amazon etc. pp. kaum Steuern zahlen, der Optikermeister im Mittelstand aber mit seiner 60-Stundenwoche manchmal noch weniger netto übrig hat als seine eigenen Angestellten, bricht diesem Mittelstand gerade das Rückgrat.

      Man kann sich (wie du, nehme ich anhand deiner dürren Worten an) auf den Standpunkt stellen »alles prima, niemand muss eingreifen und alles regelt sich irgendwann von selber«. Nein, die Rechnung kommt am Ende auf jeden Fall und zwar mutmaßlich mit den allergrößten sozialen Verwerfungen, wenn man so rein gar nicht reguliert. Aber gut, dann soll es halt »die Straße« regeln; Beispiel »Gelbwesten«, London Riots oder vielleicht sogar ein kleiner, unterhaltsamer Bürgerkrieg. Das wird teuer! Für die individuelle Sicherheit in solchen Krisenzeiten kann niemand garantieren und zwar ganz egal, wieviel Kohle jemand besitzt. Sie ist aber ein Kernbestandteil in dieser »Rechnung«.

      Im übrigen, lieber Adrian, gab es das von dir bemühte Wirtschaftswunder mitnichten unter dem Label »Neoliberalismus«, sondern hatte die Bezeichnung »Soziale Marktwirtschaft«. Neoliberalismus ist eine Umschreibung aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert und hat als Theorie einen völlig anderen Drall bekommen als der klassische »Liberalismus«, von dem er lediglich den Namensteil gestohlen hat. »Neoliberalismus« ist die Propaganda der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)«, ein Arbeitgeberverband. Ziel war es, Lohnkosten zuungunsten der einfachen Arbeiter und Angestellten zu beeinflussen. Die Ergebnisse hießen »Niedriglohnland, fehlende Planbarkeit für die Lohnabhängigen, Einkommensverluste, Familienzerstörung, Feminismus u.a.m«. Auf keinen Fall ist »Neoliberalismus« eine vollwertige politische Weltanschauung. Sie ist ein schnödes Marktmittel der INSM.

      Sorry, manchmal machst du es dir extrem einfach mit deinen Onelinern. Ich schätze dich als Person und bei vielen anderen Themen (Geschlechterpolitik z.B.), aber sobald es um wirtschaftliche Aspekte geht, fällst du regelmäßig mit deinen plakativen Behauptungen auf die Nase. Das wird nur noch übertroffen von deiner »Ich will aber jezz Recht haben«-Attitüde. Wie sonst ist erklärbar, dass du immer wieder mit denselben schwachen Argumenten um die Ecke kommst, die in der Historie schon so oft debunked wurden.

      Think again.

      • Die unsichtbare Hand des Marktes hätte es zumindest nicht zugelassen, dass Banken mit Steuergeld gerettet werden. Das war ein politischer Eingriff in die Wirtschaft, also gleichsam ein sozialistischer Akt.

        Dass Konzerne kaum Steuern zahlen ist übrigens auch so eine Behauptung, für die mir noch keine Belege geliefert wurden.

        Apropos Gelbwesten. Das sind in meinen Augen verwöhnte Nichtsnutze, auf einer Stufe mit Feministen und Friday-for-Future-Jüngern.
        Kaum jemand lebt so fett, wie Arbeitnehmer in Frankreich. Aber Wohlstand ohne Leistung erzeugt halt eine immer größere Anspruchshaltung. Leider.

        • Schade! Aber jeder soll sein Recht auf Irrtümer haben, du genauso wie ich. Für mich ist »unsichtbare Hand des Marktes« reiner Hokuspokus, für dich halt nicht.

          Niemand steht übrigens in deiner Schuld für die Beweiserbringung der »Steuerflucht der Konzerne« – sofern du sie denn überhaupt sehen wolltest. Ich bezweifle außerdem, dass du das Gegenteil davon »belegen« kannst.

          Die Aburteilung der Gelbwesten und die »fett lebenden Franzosen« mögen wie ein Argument klingen, sie sind es aber nicht. Ich kann mit so einer Polemik nichts anfangen, obwohl ich grundsätzlich dem Polemischen nicht abgeneigt bin. In diesem Zusammenhang ist sie aber fehl am Platz.

          Alles Gute weiterhin!

          • „Für mich ist »unsichtbare Hand des Marktes« reiner Hokuspokus, für dich halt nicht. “

            Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Idee zu kritisieren:

            a) Die erste Option ist szs. intern und sie wurde von Prof. Bofinger – Wirtschaftsweiser seit 15 Jahren – genutzt. Man kann sich seinen entsprechenden Vortrag auf youtube anhören oder sein Lehrbuch lesen (steht nur in der letzten Auflage drin). Seine Kritik läuft darauf hinaus, daß die Idee der unsichtbaren Hand in sich eigentlich unverständlich ist und sich nicht sinnvoll in die neoklassische Sprache zur Beschreibung ökonomischer Phänomene übersetzen läßt.

            b) Die zweite ist gewissermaßen extern und wurde von Eric Beinhocker genutzt. Seine Kritik läuft im Wesentlichen darauf hinaus, daß es die unsichtbare Hand höchstens dann geben kann, wenn die entsprechende Wirtschaftsdynamik linear ist. Aber selbst im Keynesianismus von Wirtschaftswunderdeutschland war die Wirtschaftsdynamik komplex. Eine komplexe Dynamik kann man sich über den Daumen gepeilt als Mischung zwischen linearer und chaotischer Dynamik vorstellen. Der Neoliberalismus hat die chaotischen Anteile in den letzten Jahren massiv verstärkt, so daß Wirtschaft so gut wie unkontrollierbar geworden ist.

            All das ist leider für Adrian zu schwierig und erfordert akademische Arbeit … na ja, man darf es ihm nicht übelnehmen. 😉

        • Die unsichtbare Hand des Marktes hätte es zumindest nicht zugelassen, dass Banken mit Steuergeld gerettet werden. Das war ein politischer Eingriff in die Wirtschaft, also gleichsam ein sozialistischer Akt.

          Du meinst, die reine Lehre der Marktwirtschaft hätte die Rettung der Banken nicht erlaubt. Unglücklicherweise gibt es dieses Utopia nirgends und es hat es auch nie gegeben. Bei dir ist sogar die Rettung der Bakrotteure, aka. Banker – der Inbegriff des Kapitalisten – ein sozialistischer Akt. Tja, was soll ich dazu noch sagen.

          • Bei dir ist sogar die Rettung der Bakrotteure, aka. Banker – der Inbegriff des Kapitalisten – ein sozialistischer Akt.

            Genau das ging mir auch durch den Kopf.

          • „Bei dir ist sogar die Rettung der Bakrotteure, aka. Banker – der Inbegriff des Kapitalisten – ein sozialistischer Akt.“

            Das ist deshalb so, weil ich ein Wirtschaftsliberaler bin. Staatseingriffe in die Wirtschaft sind ein Kennzeichen jedes sozialistischen Wirtschaftssystems. Eben das Ggenteil der „unsichtbaren Hand“. Möchtest Du das leugnen?

            Möglicherweise verwenden wir einfach nur Begriffe unterschiedlich und verstehen uns deshalb nicht.

          • Was du vertrittst ist Libertarismus, manchmal auch „Anarchokapitalismus“ genannt, der staatliche Eingriffe stark beschränken oder gar völlig abschaffen will. Das Ideal, was da propagiert wird gibt es nur in fail states, wo der Staat de facto gar nicht mehr existiert oder so schwach ist, dass er kaum eine Rolle spielt – z.B Somalia. Das kann aber selbstverständlich nicht als reales, erstrebenswertes Beispiel dienen, weil an die Stelle des Staates als Ordnungsmacht die Warlords getreten sind.
            Der Libertarismus oder Anarchokapitalismus sieht im Staat den Handlanger der Interessen des Kapitals, insbesondere den Schutz des Eigentums im Innern sowie die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen im Äusseren, was auch militärische Interventionen mit einschliesst. Der Staat hat also sehr wohl auch in diesen Modellen Aufgaben, nämlich den Schutz des Eigentums der Kapitalisten und ihrer Interessen. Es ist die Philosophie der Bonzen, die um ihr Eigentum, das sie sich ergaunert haben, fürchten. Und wie gesagt: Der real existierende Anarchokapitalismus kann in Somalia bewundert werden. Keine staatlichen Eingriffe nirgends. Die totale Eigenverantwortung.

          • „Bei dir ist sogar die Rettung der Bakrotteure, aka. Banker – der Inbegriff des Kapitalisten – ein sozialistischer Akt. Tja, was soll ich dazu noch sagen.“

            „Genau das ging mir auch durch den Kopf.“

            Zumindest an der Stelle ist Adrian schlicht konsequent. wenn euch das als erstes durch den Kopf geht, liegt das wohl eher an tribalistischer Denke von Eurer Seite?

            „Unglücklicherweise gibt es dieses Utopia nirgends und es hat es auch nie gegeben“

            Es ist aber natürlich auch unfair, dass der Marktwirtschaft oder „dem libearlismus“ vorzuwerfen, wenn genau diese „bankenrettung“ zutiefst nicht-neoliberalistisch war. Nach reinen Marktgesetzen hätten die gescheiterten Banken eben gnadenlos Konkurs gehen müssen. Auch das gehört seit jeher zum Kerngedanken jeder Art von Liberalismus.

            Angenommen, man hätte das so gemacht – was meint ihr, wie schnell überlebende Banken sicherheitshalber Regeln und vielleicht Gesetze eingefordert hätten, um eine Wiederholung zu verhindern, bei der man möglicherweise selbst in die Falle tappt.
            Hat man aber nicht gemacht. Man hat diese Banken als „systemrelevant“ betrachtet, was auch immer verschiedene Leute alles darunter verstehen mögen.
            (neue Regulierungen hat man danach trotzdem geschaffen)
            Die Frage nach den Auswirkungen und Schockwellen auf die gesamte Wirtschaft, hätte man diese Banken tatsächlich einfach bankrott gehen lassen, wird natürlich unbeantwortet bleiben – man hat es eben verhindert.
            Möglicherweise sollte daher so mancher HIV-Empfänger ganz froh sein, dass das so gemacht wurde und unsere Sozialsysteme danach wegen Zusammenbruchs der Wirtschaft mit weggebrochen sind.
            Aber das ist, wie gesagt, spekulativ. Aber immerhin, wie sowas aussehen kann, ließ sich in Griechenland beobachten.

          • Zumindest an der Stelle ist Adrian schlicht konsequent. wenn euch das als erstes durch den Kopf geht, liegt das wohl eher an tribalistischer Denke von Eurer Seite?

            Es ist einfach ein Widerspruch in sich.

          • @ maddes8acht

            Ist dir für Hartz IV echt keine bessere Abkürzung eingefallen? Oder muss man das echt überhaupt abkürzen?

            HIV-Empfänger klingt irgendwie… Naja, ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwer freiwillig „empfangen“ möchte. Und wo doch jeder weiß, dass Kondome schützen…

            Sorry, war nur so eine Sache, über die ich beim Lesen echt gestolpert bin… 😉

          • „Ist dir für Hartz IV echt keine bessere Abkürzung eingefallen?“

            Es gibt durchaus vieles, wofür man die Hartz 4- Gesetzgebung ein bisschen als krank betrachten kann, und seit mir aufgefallen ist, dass man das prima sinnvoll in die Abkürzung HIV packen kann, benutze ich diese Abkürzung eigentlich recht oft…
            nein, eine bessere Abkürzung gibt’s deshalb nicht 😉

          • „Es ist einfach ein Widerspruch in sich.“

            Erklärs mir.
            Offenbar nur in deiner, nicht in meiner denke.
            Worin liegt der widerspruch, liberales handeln auch auf protagonisten des liberalismus anzuwenden, die üblicherweise zu den gewinnlern gehören, auch dann, wenn es mal nicht zu deren vorteilen ist?
            Möchtest du liberalismus an der stelle zu doppelstandards verpflichten, nach der die eigenen prinzipien je nach vorteilslage befolgt werden?

            Fändest du solche doppelstandards „wiederspruchsfreier“?

            Ächt, ich verstehs nicht, erklärs mir.

          • Sozialismus basiert auf Enteignung und nicht auf Stärkung von Kapitalisten.
            Pjotr hat die Frage schon beantwortet:
            „Und es ist nicht stimmig, jeden staatlichen Eingriff als sozialistisch zu bezeichnen, vor allem dann nicht, wenn diese Eingriffe Partikularinteressen von wenigen bedienen.“
            Was das mit „tribalistischer Denke“ zu tun haben soll, ist mir unklar. Es ist halt ein Etikett mehr, das man jemandem umhängen kann, um sich nicht von Individuum zu Individuum unterhalten zu müssen, nicht wahr?

            Die ganze Diskussion führt im Übrigen von meinem Artikel weg. Auch wenn die Frontenbildung und der gelegentlich sichtbar werdende Unwille, sich vom Lagerdenken zu lösen, eine schöne Illustration meines Artikels darstellen, habe ich dennoch kein Interesse daran, mich weiter an Nebenkriegsschauplätzen abzuarbeiten. Zumal es offensichtlich ist, dass wir uns dabei ohnehin nicht annähern werden. Ich bitte also darum, zum eigentlichen Thema zurückzukehren.

          • Es ist aber natürlich auch unfair, dass der Marktwirtschaft oder „dem libearlismus“ vorzuwerfen, wenn genau diese „bankenrettung“ zutiefst nicht-neoliberalistisch war.

            Naja, Adrian ist ja der erste, der auf den REAL-existierenden Sozialismus verweist, also verweise ich ebenso auf den REAL-existierenden Anarchokapitalismus und nicht auf Utopia. Sofern dieses Modell irgendwo existiert, dann allenfalls nur in failed states, wo keine staatlichen Strukturen mehr vorhanden sind und deswegen auch keine staatlichen Eingriffe in den Markt.

            Und es ist nicht stimmig, jeden staatlichen Eingriff als sozialistisch zu bezeichnen, vor allem dann nicht, wenn diese Eingriffe Partikularinteressen von wenigen bedienen.

          • „Und es ist nicht stimmig, jeden staatlichen Eingriff als sozialistisch zu bezeichnen, vor allem dann nicht, wenn diese Eingriffe Partikularinteressen von wenigen bedienen.“

            Weil staatliche eingriffe in sozialistischen Regimen keine partikularinteressen von wenigen bedienen? Oder wie soll ich das verstehen? (zumindest in keinem „echten“ sozialismus, den es bekanntlich noch niemals gab?)

            Nicht, dass ich Adrians etwas einseitige Sicht hier (bedingungslos) teile, die Art der Kritik daran lässt mich allerdings auch den Kopf schütteln.

            „Du meinst, die reine Lehre der Marktwirtschaft hätte die Rettung der Banken nicht erlaubt. Unglücklicherweise gibt es dieses Utopia nirgends und es hat es auch nie gegeben.“

            Nun ja, man hat Herstatt seinerseits durchaus an die Wand fahren lassen.
            Man ist mit Griechenland in einiger Hinsicht rigoroser umgegangen.
            Es lohnt sich ein Blick darauf, was die Herstatt-Kleinanleger seinerzeit davon gehalten haben mögen, oder Mittelständler, die auf deren Kredite angewiesen waren, oder eben die Griechen, deren Wirtschaft in der Folge vom Fußboden gekehrt werden konnte.

            Natürlich ist an den Bankenrettungen skandalös, dass da Banken sich verzockt haben und dann deren Verluste sozialisiert wurden, während Gewinne immer schön privatisiert werden und bleiben.
            Die konsequenzen für die Gesellschaft, wenn man auf diese Rettung verzichtet hätte, werden von Kritikern allerdings gerne verschwiegen.

            An der Stelle ist Politik eben „die Kunst des möglichen“.
            Das agieren der banken mag man als „neoliberal“ betrachten, allerdings wäre es in der letzten konsequenz eben auch deren scheitern.
            Die Rettung der Banken hingegen war eben nicht „neo“-oder sonstwie liberal.
            Dahinter steckte durchaus gesamtvolkswirttschaftliche betrachtung – mit viel „sozialer Marktwirtschaft“ denke dabei, um die konsequenzen der akteure für die Gesellschaft zu puffern.
            Ohne Bankenrettung hätte es nunmal eine nette Wirtschaftskrise als unmittelbare Folge gegeben.

            Ein Witz an (wirtschafts-)liberalem denken ist durchaus, dass Leute oder institutionen – z.B. die Banken – durchaus jedes Recht haben, ihre (partikular-)interessen zu vertreten und zu versuchen, sie durchzusetzen, sogar durch inanspruchnahme des Staates – es ist aber eben nicht Aufgabe des Staates, dem auch nachzugeben.

          • „Sozialismus basiert auf Enteignung und nicht auf Stärkung von Kapitalisten.“

            Sozialismus beruht aber auch auf der Steuerung der Wirtschaft durch den Staat. Subventionen für Branchen ist alltäglich im Sozialismus. Eben weil es keinen marktwirtschaftlichen Wettbewerb gibt.

            „Es ist einfach ein Widerspruch in sich.“

            Es ist ein Widerspruch in sich, dass ich Marktwirtschaft ohne staatliche Eingriffe auch im Bankensektor befürworte?
            Könnte es nicht einfach sein, dass ich eine Position vertete die heißt Marktwirtschaft für jeden, ob groß oder klein?

            Wenn bankenrettung neoliberal ist, dann bin ich ncih neoliberal, sondern klassisch liberal: Soviel Markt wie möglich, soviel Staat wie nötig.

          • Die Rettung der Banken war eine Maßnahme aufgrund der negativen Erfahrungen mit den Folgen der Pleitewelle von Banken, die der großen Depression Anfang des letzten Jahrhunderts voranging. Um diese wirtschaftlichen Verwerfungen zu vermeiden, wurden die Banken diesmal gerettet. Dabei ging es aber nicht nur um Banken, sondern insbesondere um von den Banken ausgegebene Wertpapiere, die z.B. bei Versicherungen lagen und liegen und den Gegenwert des von den Versicherten eingezahlten Geldes darstellen. Es wurden also nicht nur die fetten Investmentbanker mit den obszönen Boni gerettet, sondern Krethi und Plethi auch.

            In den USA ist der Staat auch eingestiegen (z.B. bei den Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac [sic! die heißen wirklich so]) und mit Gewinn(!) für den Steuerzahler wieder aus. Gleichzeitig wurde eine Regulierung aufgebaut (die derzeit wieder abgebaut wird) In Europa bekommen wir so etwas nicht leider nicht hin – auch wegen der divergierenden Volkswirtschaften innerhalb einer Währung und den sich daraus ergebenen divergierenden politischen Interessen.

            Dass die Banken gerettet wurden, war nur Mittel zum Zweck und das dabei einige Milliarden gescheffelt haben, war unangenehmer Nebeneffekt, nicht das politische Ziel.

            Ja, Banken konnten voll auf Sieg setzen und den Ertrag einstreichen, weil sie den Verlust nicht fürchten müssen (den dann neben „den Bankern“ auch die Aktionäre bekommen – meist Fondsgesellschaften, die das Geld auch von vielen kleinen Leuten eingesammelt haben). Allerdings lag das an der geringen Eigenkaptialquote. Fährt man diese hoch, sieht das nicht mehr so verzerrt aus … aber die Rendite sinkt. Das diese Maßnahme nur halbherzig umgesetzt wurde (von RotGrün), ist sicher erfolgreicher Lobbyarbeit zu verdanken. Allerdings hat Deutschland davon nichts. Unsere Banken wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben, weil wir uns weniger protektionistisch verhalten haben als beispielsweise die Franzosen (oder die Italiener mit ihren vielen Zombie-Instituten).

            Die holzschnittartige Betrachtung, die sich hier im Thread vom phösen Neoliberalismus findet, wird der Realität genauso wenig gerecht, wie Adrians verkürzte Argumente. Das soll nicht heißen, dass der Kapitalismus als Wirtschaftsordnung nicht gesetzmäßig zur Pareto-Verteilung neigt und ab einer gewissen Marktmacht Ineffizienzen bewusst geschaffen werden, um ungerechtfertigt Gewinne einstreichen zu können. Trotzdem ist die Wirklichkeit komplexer als die alten Feindbilder.

  • By the way – ich hatte ja schon vor Jahren argumentiert, daß es klug wäre, sich mit der free-speech-Bewegung zu solidarisieren. Damals schwanken im linken bzw. biologistischen Maskulismus die Reaktionen zwischen Hohngelächter, Kopfschütteln und Ignorieren.

    Eventuell ist ja inzwischen etwas mehr Bereitschaft aufgelaufen, sich sie Sache noch mal zu überlegen. Eine Möglichkeit wäre eine neues Interview mit einem prominenten Gesicht aus den alternativen Medien: Dirk Pohlmann verrät seine Ansichten über Frauen in diesem video:

    https://www.youtube.com/watch?v=mJrA1lnMcv8
    ca. ab Minute 30:30

    wo er Ansichten zur biologisch-moralischen Überlegenheit der Frauen emittiert.

    Ist bei einem sonst so aufgeklärten Typ eine seltsame Sache.

    Aber da ich heute den genderama-Gedächnis-link auf diesen Artikel vermißt habe – sonst zuverlässig vorhanden – nehme ich an, daß hier wenig Bereitschaft besteht, die offenbar liebgewonnene Isolation zu verlassen.

    Schade.

    • Die Cherokee-Kriegshäuptlinginnen-Story, ein Hit unter – hust! – „Femipazifisten“. Daß Pohlmann auf derartigen Blödsinn hereinfällt, ist schon bedenkenswert.
      Danke für den Hinweis auf die Stelle wo das los geht, ich habe mir den Beitrag nämlich derzeit eben deswegen nicht angeschaut, weil ich mir lieber sage „etwas Schund ist immer“, als mich durch so peinlichen Mode-Müll zu quälen und weil ich Pohlmann als Doku-Macher ungefähr so hoch schätze, wie Gaby Weber.

      Zu der Diskussion über irgendwelche Ismen und welche ideologisch vorbelastete Definition nun zutreffender oder gar besser ist, mag ich mich nicht beteiligen.
      Selbst Mausfeld ist in dem Punkte nicht wirklich ernst zu nehmen. Neulich sagte er sinngemäß, daß man gar nicht nicht links oder nicht rechts sein kann, da man sich sonst als „irgendwie Mitte“ verstehen und im Endeffekt entweder alles gut heißen, oder in totaler Lethargie versinken müsse.
      Völliger Bullshit in meinen Augen!
      Sicherlich hat Mausfeld aus seiner Sicht oberflächlich formal Recht, wenn man als Gegenüber postuliert, daß er seinen eigenen ( von wem auch immer übernommenen ) Begriffsdefinitionen folgt. Vermutlich die akademischen Klassiker, die relativ direkt von der französischen Revolution ausgehen. Nur gelten die weder auf der Strasse, noch am Stammtisch, noch in der Spitzenpolitik, noch in den Mainstreammedien. Der nicht in Mausfeld’s Clubgeheimnisse eingeweihte Normalmensch kann sie demzufolge auch gar nicht exakt verstehen, oder gar nachvollziehen.

      Und damit wären wir wieder bei @Adrian. Der wirft auch gern mir seinen Lieblingsbegriffen um sich und man kann sagen ( er selbst deutet das oben ja auch schon an ), daß er wohl ziemlich sicher nicht genau das damit meint, was die allermeisten Mitleser ( laut Tagesshow, Spülgel, Transatlantifa, BILD o.w.a.i. ) darunter verstehen.
      Ich sehe das als hübsch provokantes Spielchen an, um auf sich aufmerksam zu machen und Stammtischschwadronierereien zu beflügeln.

      Kann man machen, warum nicht? Es gibt sicherlich viel dümmere Spielchen, die uns als „hohe Politik“ untergejubelt werden. Hat einen gewissen diskordischen Touch und kann u.U. auch zum individuellen Nachdenken, mit viel Glück sogar zum Reflektieren anregen.

      Ist aber einfach nicht mein Humor, zumal es teilweise um ernste Themen geht, über die lieber selbst erstmal gründlich nachdenke, als sie zu Witzeleien zu verarbeiten. Derartiges überlasse ich lieber der Anstalt.

  • @Adrian:

    Du lieferst mal wieder eine Bullshitparade vom Feinsten.

    »Damals, als Mann mit einem einzelnen Einkommen noch eine Familie ernähren konnte, gab es noch keinen ausufernden Sozialstaat, der dem Arbeitnehmer die Hälfte seines Gehaltes abnimmt.«

    Nicht der Sozialstaat nimmt den Arbeitnehmern das Geld ab, sondern der Steuerstaat. Und diese Steuern werden nicht den Arbeitnehmern in den Arsch geblasen, sondern den Banken.

    »Die Grundlagen des deutschen Wirtschaftswunders beruhten nicht auf linken Fantastereien, sondern auf neoliberalen ökonomischen Rezepten.«

    Wie bereits »Stadtmensch« anmerkte, beruht das deutsche Wirtschaftswunder auf der sozialen Marktwirtschaft, nicht auf der neoliberalen Marktwirtschaft. Also auf einem starken Sozialstaat.

    »Neoliberalismus« ist eine ökonomische Ideologie, die sich des Staats bedient, um eine marktkonforme Gesellschaft und marktkonforme Menschen herzustellen, und zwar ausdrücklich auch dann, wenn das auf Kosten der Demokratie geht:

    Quinn Slobodian, Globalists. The End of Empire and the Birth of Neoliberalism. (Rezension)

    Philip Mirowski, Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist

    Als in Chile der Neoliberalismus entfesselt wurde

    Das Märchen von den Chicago Boys

    »Die unsichtbare Hand des Marktes hätte es zumindest nicht zugelassen, dass Banken mit Steuergeld gerettet werden. Das war ein politischer Eingriff in die Wirtschaft, also gleichsam ein sozialistischer Akt.«

    Neoliberalismus ist ausdrücklich kein Laissez-faire-Kapitalismus, sondern fordert genau dann staatliche Eingriffe, wenn diese Eingriffe zugunsten von Unternehmen ausfallen.

    »Dass Konzerne kaum Steuern zahlen ist übrigens auch so eine Behauptung, für die mir noch keine Belege geliefert wurden.«

    Googlen hilft, aber nur denjenigen, die sich für die Realität interessieren:

    Warum die EU Amazon & Co. nicht zu fassen bekommt
    Amazon zahlt null Dollar Steuern
    Amazon muss keine Steuern auf Milliardengewinn zahlen
    Amazon soll keine Steuern auf Multimilliarden-Gewinn gezahlt haben

    • „beruht das deutsche Wirtschaftswunder auf der sozialen Marktwirtschaft, nicht auf der neoliberalen Marktwirtschaft. Also auf einem starken Sozialstaat.“

      Genau! Denn ein Sozialstaat kann sich ja Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum im Katalog kaufen. Weiß doch jeder, dass das Einkommen umso höher ist, je mehr Steuern und Abgaben man zahlt 🙂
      Aber ie grundlegende Erkenntnis, dass Sozialstaat nur dann funktioniert, wenn die Wirtschaft läuft, haben Linke ja noch nie begriffen.

      „Neoliberalismus ist ausdrücklich kein Laissez-faire-Kapitalismus, sondern fordert genau dann staatliche Eingriffe, wenn diese Eingriffe zugunsten von Unternehmen ausfallen.“

      Ist das die übliche linke Definition von Neoliberalismus? Wenn, dann bin ich auch gegen Neoliberalismus.

      • Du tust dir nicht wirklich einen Gefallen damit, auf der einen Seite das Verwenden von „Schlagwörtern“ zu kritisieren und selbst in einer höchst unterkomplexen und undurchdachten Weise gegen das „Monster“ Sozialstaat zu polemisieren.

        Sozialstaat ist zuvorderst so etwas wie kostenloser und somit für jeden zur Verfügung stehender Zugang zu schulischer Bildung. Sozialstaat ist ein ebenfalls jedem, unabhängig von den persönlichen finanziellen Möglichkeiten, zur Verfügung stehendes Gesundheitswesen. Sozialstaat bedeutet, dass nicht jede Arbeitslosigkeit oder gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit sofort das Risiko mit sich bringt, sich binnen weniger Monate unter irgendeiner Autobahnbrücke wiederzufinden.

        Und ja, Sozialstaat bedeutet auch das Implementieren von Gesetzen und Regelungen, die durchaus unternehmerische Freiheiten einschränken können; z. B. so Dinge wie Arbeitszeitgesetz, Urlaubsgesetz oder Kündigungsschutzgesetz.

        Wenn du dich persönlich in einer finanziellen Lage befindest, dass dir dies und vieles mehr egal sein kann, weil du es dir auch so alles leisten könntest, dann ist das sehr schön und freut mich für dich. Aber man sollte doch auch mal in der Lage sein, weiter als bis zur eigenen Nasenspitze zu denken.

        Zu glauben, dass es allen besser ginge, wenn man möglichst wenig Sozialstaat hat, ist eben genau die depperte Einstellung, die du anderen hier unterstellst. Zumal dies auch ganz nebenbei in der Geschichte schon oft genug als Quatsch bewiesen worden ist. Oder willst du ernsthaft behaupten, dass etwa das 19. Jahrhundert ein Zeitalter überbordenden Wohlstandes für die Bevölkerung gewesen wäre? Dann stellt sich wirklich die Frage, warum in dieser Zeit der gesellschaftliche Druck auf die Machthaber so groß wurde, dass selbst ein Hardliner wie Bismarck nicht umhin kam, die ersten Sozialversicherungen ins Leben zu rufen (ja, es war keiner dieser bösen Linken, die dein Utopia verraten haben). Aber wahrscheinlich war das auch nur der ungerechtfertigte Sozialneid ihres eigenen Wohlstandes gar nicht gewahr seiender Menschen, die einfach nur noch mehr haben wollten. Und die Geschichtsbücher, die das irgendwie anders darstellen, sind alles nur sozialistische Propagandaschriften.

        • Keine Ahnung, wie Du/Ihr darauf kommt, ich würde Schulbildung oder Krankenversicherung abschaffen wollen.
          Was ich am Sozialstaat kritisiere ist die immer größere Förderung linksliberaler Wohlfühlprojekte wie Gender-Studies, Gleichstellungsbeauftragte, „Kampf gegen Rechts“, Förderung von „Vielfalt“ etc., und die Gängelung des Individuums in seiner Eigenschaft als persönliches und wirtschaftliches Subjekt.

          • Dann musst du das auch klarer darlegen und solltest es nicht pauschal als Fundamentalkritik am Sozialstaat verpacken. Zumal nichts von dem genannten auch nur das Geringste mit Sozialstaatlichkeit zu tun hat. Sozialstaat bedeutet Absicherung und Abfederung (beileibe keine komplette Nivellierung) sozialer Ungleichheiten. Die von dir angebrachten Beispiele haben damit aber nichts zu tun. Was hilfst es einem Arbeitslosen, wenn eine privilegiert Tusse aus finanziell gutsituiertem Hause (das Musterexemplar einer Genderistin also), von Geldern, welche nicht zuletzt auch von Arbeitern auf Mindestlohnniveau erwirtschaftet werden, ihre Genderprofessur auf Lebenszeit finanziert zu bekommen, ohne auch nur einmal in der Pflicht zu stehen, einen Nachweis wissenschaftlicher Arbeit oder überhaupt irgendeiner Arbeit erbringen zu müssen?

            Welchen Nutzen haben stinknormale Arbeitnehmer davon, wenn Parteien „Kampf gegen Rechts“ inszenieren und den in erster Linie dafür nutzen, ihre eigenen Stiftungen mit Steuergeldern zu füttern, welche dann darüber in nicht unerheblichem Maße letztlich bei ihnen selber landen (illegale Parteienfinanzierung über Bande halt).

            Das ist alles schlichte Verschwendung von Steuergeldern ohne jeglichen sozialen Nutzen, also geradezu im Widerspruch zum Grundgedanken der Sozialstaatlichkeit stehend. Und natürlich auch politische Vorteilsnahme, Korruption und Vetternwirtschaft. Und das findest du nun wirklich überall. Das dem Sozialstaat anzulasten, ist jetzt wirklich das recht klare Gegenteil von fair.

    • „Nicht der Sozialstaat nimmt den Arbeitnehmern das Geld ab, sondern der Steuerstaat. Und diese Steuern werden nicht den Arbeitnehmern in den Arsch geblasen, sondern den Banken.“

      Upsi.

      Und wenn wir nun einfach den sauber abtrennbaren Steuerstaat abschaffen, wovon bekommt der Sozialstaat dann sein Geld, das er ausgibt?

      Du nimmst hier Trennungen vor, die keiner oberfächlichen überprüfung standhalten.

      https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d0/Bundeshaushaltsplan_2016.png/650px-Bundeshaushaltsplan_2016.png

      Aus
      https://de.wikipedia.org/wiki/Bundeshaushaltsplan_(Deutschland), dort mit Belegen nachprüfbar und in solchen Details meistens sehr gut.

    • „Wie bereits »Stadtmensch« anmerkte, beruht das deutsche Wirtschaftswunder auf der sozialen Marktwirtschaft, nicht auf der neoliberalen Marktwirtschaft.“

      Ach? Gar? Auf sonst nix?
      Kann es vielleicht sein, daß da ganz andere Interessen, mindestens hochbeteiligt waren?
      Kann es vielleicht sein, daß erstens die Kriegsgewinner das Abflachen des Militärbedarfs durch Im-u. Exportwirtschaft abzupuffern suchten?
      Daß man v.dh. zweitens ein ziemlich lukratives Interesse daran hatte, erstens die Sowjetunion und zweitens die DDR richtig schön alt aussehen zu lassen, wobei es sehr praktisch war, daß die richtig Geschichte teuer war, weil Kosten einer von insgesamt zwei relevanten Faktoren des BIP sind, welche sich übrigens konsequent und immer addieren?

      Warum sollte sich überhaupt ein Chef von General Motors ( siehe auch der Opel-Blitz-Krieg ), oder von Chicita, mit Kommunismus, Kapitalismus, oder sonst einem Ismus befassen? Dafür hat der eine PR-Abteilung, die steuert das schon. Der Chef regelt seinen Profit und scheißt drauf.

      Deshalb sind mir Bananendiskussionen auch egal, einfach weil sie an der Realität vorbei gehen, Ablenkungsmanöver.

  • Mir fällt auf, wie schwer wir alle uns wirklich innerlich lösen können, von althergebrachten rechts-links-Kategorisierungsschemata, die wir aber nach wie vor fleißig nutzen, um daraus immer noch oder mehr denn je(?), grundlegend substanzielle Bewertungen abzuleiten.
    Die faktische Auflösung der ehemaligen „Sicherheiten“ ist im Beitrag von Gunnar ja unabweisbar belegt worden, wenngleich die konsequente Ab-Lösung von diesen, vermeintlich Sicherheit bietenden kollektiven Selbst-Kategorisierungen (links-rechts), noch in den Kinderschuhen steckt!
    Es sind die derzeit herrschenden „anarchistischen Mechanismen permanenter Kultur-Revolution“, die uns alle binden, und uns mit der überholten kollektiven Selbst-Verortung (rechts-links) für ihre Ziele optimal gefangen halten, durch ständige Weiterentwicklung des Ausspielens von „spalte und herrsche“.

    • „Die faktische Auflösung der ehemaligen „Sicherheiten“ ist im Beitrag von Gunnar ja unabweisbar belegt worden,“

      Eigentlich hat er das nicht. Er hält die Unterscheidung nur für psychologisch unklug. Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber seine Diagnose besteht darin, daß die Linken nicht mehr links sind im Sinne der französischen Revolution – eine Diagnose, der ich und auch einige andere Kommentatoren hier zustimmen.

      Meine Diagnosevariante besagt sogar, daß die sog. linken Parteien inzwischen rechtsradikal sind und die sog. politische Mitte an Demokratie das Interesse an Volksherrschaft verloren hat.

      Ich kann nicht einsehen, welcher Sinn darin besteht, uns allen zu unterstellen, daß wir zu weicheiig wären, um uns von einem billigen Schwarz-Weiß-Denken abzuwenden.

      Aber ich vermute sowas fühlt sich gut an – für eine Frau.

      • „Ich kann nicht einsehen, welcher Sinn darin besteht, uns allen zu unterstellen, daß wir zu weicheiig wären, um uns von einem billigen Schwarz-Weiß-Denken abzuwenden.“
        ———————————-
        Wer sich angesichts der von Gunnar skizzierten Gegebenheiten immer noch in die kollektiven Selbst-Etikettierungen (links-rechts) „flüchten“ muß, scheint doch die „passenden“ alten Schuhe gefunden zu haben?
        ——————————————–
        Gunnar beklagt zutreffend das Problem:
        Wer „offensichtlich nur in Rechts-Links-Schablonen denken kann, genau den von mir kritisierten Unwillen, sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen.“

      • ‚…daß die Linken nicht mehr links sind im Sinne der französischen Revolution – eine Diagnose, der ich und auch einige andere Kommentatoren hier zustimmen‘

        Die Linke im Sinne der französischen Revolution waren die Republikaner, und die Rechten waren die Royalisten. In diesem Sinne sind praktisch alle in Deutschland links. Ja, diese Definition aus der Zeit der Französischen Revolution gilt tatsächlich schon lange nicht mehr – zu Recht.

        Die ersten Linken im Sinne der Französischen Revolution waren die Liberalen, gefolgt von den Nationalisten, denn sie waren alle Republikaner. Die Sozialisten, die heute den Begriff ‚links‘ für sich gekapert und ihn auch ad absurdum geführt haben, traten erst etwa 50 oder 60 Jahre nach den Liberalen auf den politischen Plan.

        Heute gibt es jede Menge Linke, die sich offenbar den Begriff gegenseitig streitig machen. Als Nichtlinker (nicht im Sinne der Französischen Revolution) schaue ich den linken Flügelkämpfen mit einer Tüte Popcorn zu.

        Was den Begriff ‚Neoliberalismus‘ angeht, hat Adrian vollkommen Recht. Definiert ihn doch endlich einmal sauber, anstatt all Eure neurotischen Phantasien über böse antisozialistische Widerlinge in diesen Begriff reinzupacken! Von Liberalismus habt Ihr erkennbar keine Ahnung, sonst würdet Ihr nicht irgendwelche antiliberalen Varianten als ‚Neoliberalismus‘ bezeichnen. Im Grunde genommen schlagen sich diverse antiliberale Strömungen (zu denen die zahlreichen sozialistischen Gruppen und Grüppchen ebenfalls gehören) verbal gegenseitig die Köpfe ein, und manche bezichtigen einander des ‚Neoliberalismus‘, weil das unter Antiliberalen als übles Schimpfwort gilt. Sonst ist da nichts dahinter.

        Der einzige Liberale hier, der obendrein auch weiss, was das ist, ist Adrian.

        • Von Liberalismus habt Ihr erkennbar keine Ahnung, sonst würdet Ihr nicht irgendwelche antiliberalen Varianten als ‚Neoliberalismus‘ bezeichnen. I

          Diesen neoliberale Staat, der auch nur einigermassen dem beschworenen Ideal entspricht ist so real wie die kommunistische Gesellschaft, in der alle gleich sind. Wer an dieses Utopia glaubt, bitteschön, aber mit der Realität hat das gar nichts zu tun, und das hat Gründe, warum es nur ein Utopia ist.
          Noch was zum Tribalismus: Konservative haben ein ausgesprochen ausgeprägtes Bedürfnis, alles was irgendwie als links wahrgenommen wird, zu bekehren. Man sieht es wieder einmal an der Anzahl der Beiträge zu diesem Artikel, auf einer Webseite, die bekanntlich eher links zu verorten ist.

          • ‚Diesen neoliberale Staat, der auch nur einigermassen dem beschworenen Ideal entspricht ist so real wie die kommunistische Gesellschaft‘

            Das war gar nicht mein Argument. Wenn es den neoliberalen Staat nicht gibt, weshalb wird dann permanent von den Linken davon geschwafelt? Ist das Realitätsverweigerung? Wie kann man etwas so leidenschaftlich bekämpfen, das es doch gar nicht gibt? Die Antwort ist einfach: der Kampf gegen Neoliberalismus oder gegen rechts ist identitätsstiftend für die Linken – selbst wenn es nur ein Kampf gegen die eigenen Phantasiegebilde ist, der sie eint. Die Linken mit einer (auf Illusionen konstruierten) Identität als antineoliberalistische Kämpfer, linke Identitäre sozusagen – das entbehrt nicht einer gewissen Komik.

            ‚Noch was zum Tribalismus: Konservative haben ein ausgesprochen ausgeprägtes Bedürfnis, alles was irgendwie als links wahrgenommen wird, zu bekehren.‘

            Ach Gottchen! Denselben Vorwurf kann man den Linken auch machen. Jeder, der nicht ihrer Meinung ist, ist ein Rechtspopulist, ein Neoliberaler oder sonstwas übles. Das ist das Niveau, auf dem der gemeine Linke heutzutage argumentiert. Sogar Lucas Schoppe und Arne Hoffmann thematisieren das inzwischen regelmässig in ihren Blogs, auch wenn sie beide letztendlich nicht aus ihrer linken Haut können.

            Die Realsozialisten sperrten einst die Unbekehrbaren und Unbelehrbaren in Gefängnisse, Gulags oder psychiatrische Kliniken oder erschossen sie gleich als Klassenfeinde.

            Der Unterschied zwischen den bösen Konservativen und den doppelplusguten Linken ist, dass letztere heute die mediale Macht weitgehend innehaben und damit auch die Machtmittel zur Belehrung und Bekehrung der Massen haben. Mal sehen, wie lange es dauert, bis die Gulags (wenn auch vielleicht in einer humaneren Version) wiederkehren. An der Pathologisierung der Rechten wird ja medial schon längst gearbeitet; psychiatrische Kliniken mit entsprechender medizinischer Behandlung sind bereits heute eine greifbare Option.

            Und was diese weitverbreitete Bekehrungssehnsucht spezifisch mit Tribalismus zu tun hat, weiss ich auch nicht. Weisst Du es vielleicht, Pjotr? Wenn ja, magst Du es nicht erläutern?

          • Das war gar nicht mein Argument. Wenn es den neoliberalen Staat nicht gibt, weshalb wird dann permanent von den Linken davon geschwafelt?

            Das ist die Eine-Million-Euro-Frage: Weil es die gleichen Leute sind, die ein Ideal propagieren und sich nicht daran halten, wenn es nicht zu ihrem Vorteil ist. Ich mache es hier nicht anders als die Rechten: Nicht die Propaganda ist der Massstab, sondern die Realität, nicht der Sozialismus als Ideal ist der Massstab, sondern der, der real existierte.
            Ein kleines Beispiel aus der Schweiz gefällig? Wer schwafelt dauernd vom Markt und dessen Selbstheilungskräfte? Von Eigenverantwortung? Von der Schädlichkeit staatlicher Eingriffe in den Markt? Das ist die FDP und die stärkste Partei der Schweiz, die SVP, die Partei, die es den Bauern hinten und vorne reinschiebt. Allein die Direktzahlungen betragen im Kanton SG 65 000 Fr. pro Hof und Jahr durchschnittlich und das sind noch längst nicht alle Subventionen und staatlichen Markteingriffe für unsere „marktkonformen“ Oberschweizer. Ich orientiere mich an der Realität, nicht an propagierten Idealen, die so gar nichts mit der Realität zu tun haben. Wie soll ich solche Heuchler ernst nehmen? Sag es mir doch bitte.

          • Ach Pjotr! Schon wieder argumentierst Du an der Sache vorbei. Dass die FDP oder SVP jemals von einem angeblichen neoliberalen Staat, der hier existieren soll, schwafelten, wäre mir neu. Und dass sie als Parteien den liberalen Grundsätzen nicht verpflichtet sind, was die SVP allerdings auch noch nie für sich reklamierte, ist so offensichtlich wie in dieser Diskussion um Neoliberalismus irrelevant.

            Dein Argument ist zusammengefasst: die Linken dürfen ruhig von einem neoliberalen Staat schwafeln (auch wenn das kompletter Blödsinn ist), weil die vorgeblichen Liberalen (FDP) und nichtlinke Antiliberale (SVP) ja auch nicht liberal handeln und damit Heuchler sind. Diese Argumentation ist derart schräg, dass man sie gar nicht ernstnehmen kann.

            Die FDP war übrigens schon immer eine republikanische Sammelbewegung, in der die Liberalen nur einen Teil ausmachten, auch wenn sie im 19. Jhd. in den ersten Jahrzehnten des Bundesstaates die FDP vorübergehend politisch dominierten. In der Westschweiz gab es bis vor wenigen Jahren die (klassischen) Liberalen und die etatistischen Radikalen als separate Parteien; ausgerechnet letztere waren Teil der FDP Schweiz und nicht etwa die Liberalen. Wer die FDP als rein liberal hinstellt, verkennt somit die historische Realität dieser traditionell ziemlich zusammengewürfelten Partei.

            Ansonsten: was Du persönlich machst oder nicht machst, ist vollkommen irrelevant. Meine Argumentation bezog sich auf die Linken, die ganz real einen inexistenten Neoliberalismus als reale Bedrohung konstruieren, und damit offenkundig die grosse Mehrheit unter ihresgleichen bilden. Ob Du Dir diesen Schuh als Linker anziehst, ist mir dabei vollkommen wurscht. Deine allfälligen ideologischen Differenzen mit den Mehrheitlern unter den Linken musst Du mit Deinesgleichen und nicht mit mir ausdiskutieren. Ich schaue mir das als Nichtlinker von aussen an. Selbst hier im Blog ist der Glaube an einen bösen neoliberalen Staat populär, und dieser wird als Strohmann lustvoll bekämpft. Da kommt ein Liberaler wie Adrian denen gerade recht, denn ihm kann man dann alle Phantasien, die man über Neoliberalismus hat, wie einem Sündenbock aufbürden und ihn weitgehend argumentfrei fertigmachen. Ob Du Dich dieser Meute dann anschliessen willst oder nicht, ist natürlich Deine eigene freie Entscheidung.

          • Meine Argumentation bezog sich auf die Linken, die ganz real einen inexistenten Neoliberalismus als reale Bedrohung konstruieren, und damit offenkundig die grosse Mehrheit unter ihresgleichen bilden.

            So wie du einen nicht-existenten Sozialismus kritisierst und als Bedrohung beschwörst. Ich sage es gerne auch noch ein drittes mal und schreibe auch ganz langsam: Es sind nun mal doppelte Massstäbe, wenn der Sozialismus nur an den real existierenden oder mal existierten Varianten gemessen wird, während du uns dein Utopia verkaufst.

            Und dass sie als Parteien den liberalen Grundsätzen nicht verpflichtet sind, was die SVP allerdings auch noch nie für sich reklamierte, ist so offensichtlich wie in dieser Diskussion um Neoliberalismus irrelevant.

            Hier muss zwischen dem gesellschaftspolitischen und dem wirtschaftlichen Feld unterschieden werden. Gesellschaftspolitisch ist die SVP natürlich nicht liberal, wirtschaftspolitisch aber schon, solange das Bauernvolk vom bösen Markt abgeschottet bleibt und es kräftig hinten und vorne reingeschoben bekommt.

            Dein Argument ist zusammengefasst: die Linken dürfen ruhig von einem neoliberalen Staat schwafeln (auch wenn das kompletter Blödsinn ist), weil die vorgeblichen Liberalen (FDP) und nichtlinke Antiliberale (SVP) ja auch nicht liberal handeln und damit Heuchler sind.

            Ich nehme an, dass du, konsequent wie du bist, nie mehr den Sozialismus kritisieren wirst, weil das Ideal niemals verwirklicht wurde und es ihn in diesem Sinne auch nie gab. Das ist dein Ernst, oder?

          • @Pjotr. Ich kritisiere nicht einen nicht-existenten Sozialismus sondern die Aussagen von ganz konkreten Leuten, von denen zumindest einige von sich behaupten Sozialisten oder Linke zu sein. Dass der von Linken imaginierte Neoliberalismus nicht existiert, brauchst Du mir nicht zu sagen. Ich bin ja nicht der, der wider besseren Wissens solches behauptet. Deswegen verstehe ich auch nicht, worauf Du hier überhaupt herumreitest. Stattdessen machst Du immer neue Fässer auf (FDP/SVP, Tribalismus). Wahrscheinlich versuchst Du mir damit etwas zu sagen; aber ich weiss nicht so recht was.

            Was den Liberalismus als Ideal angeht, dem offensichtlich (auch) Adrian anhängt: Natürlich ist der Liberalismus in einer zutiefst antiliberalen (=freiheitsfeindlichen) Welt ein Utopia. Was soll er denn sonst sein, ist man versucht zu fragen.

            Und was die sozialistischen Utopien angeht (es gibt ja eine ganze Reihe davon), so interessiert mich diese abstrakte Diskussion schlichtweg nicht, weswegen ich sie mir auch nur von aussen betrachte. Diese Diskussionen und Flügelkämpfe sollen die Sozialisten schön unter sich selbst austragen.

            Hingegen gibt es eben eine real existierende, politische Ordnung. Inwieweit diese irgendwelchen sozialistischen Utopien entspricht, ist mir sowohl als Nichtsozialist als auch als Nichtlinker ziemlich egal. Ich checke einfach ab, inwieweit sie meinen liberalen Idealen entspricht.

            Die Gretchenfrage für die Linken ist wohl, was denn nun eigentlich der Kern linker Politik ist. Offensichtlich toben hier unter allen möglichen linken Strömungen ausgedehnte Grabenkämpfe, und jede Strömung reklamiert den Begriff ‚links‘ für sich allein, während dem jeweiligen Gegner nicht selten ein ‚Neoliberalismus‘ angedichtet wird, der aber eben keine (neue) Form des Liberalismus ist, wie der Begriff selbst insinuiert, sondern jeweils eine Form des Antiliberalismus bezeichnet. Exakt diese idiotische Praxis der Linken habe ich kritisiert.

            Ausgangspunkt dieses Diskussionsfadens war Elmars Posting, wo er sich explizit auf die Deutung von ‚links‘ im Sinne der Französischen Revolution bezog. Diese Deutung war auf einer abstrakten Ebene zu jener Zeit sehr klar (links = Republikaner, rechts = Royalisten). Nur dass sowohl die Royalisten als auch die Republikaner jeweils für sich sehr heterogene Gruppen waren. Heute gibt es zumindest in Deutschland so gut wie keine Royalisten mehr, wodurch die klassische Bedeutung von ‚rechts‘ im Sinne der Französischen Revolution obsolet geworden ist, was Elmar ja auch richtig anmerkte; faktisch sind heute alle ‚links‘ in diesem Sinne.

            Trotzdem liefert man sich gewaltige Wortgefechte – angeblich – zwischen ‚links‘ und ‚rechts‘, wobei kein Aas weiss, wer denn nun eigentlich diese ominösen Rechten sind. So gut wie niemand bezeichnet sich selbst als rechts; niemand definiert den Begriff einigermassen sauber – schon gar nicht die achso sachbezogen diskutierenden Linken. Vielmehr dient das Etikett ‚rechts‘ als Behälter, in den man alles mögliche Verwerfliche und Sündhafte reinwirft, sei es (Neo-)Liberalismus, Nationalismus, konservative Verhaltensweisen, wirtschaftlicher Korporatismus, Globalismus, Lobbyismus, Klimaleugnertum usw. usf. Es kommt ganz auf den jeweiligen Linken und seine spezifische Ideologie an, wobei ich den Eindruck habe, dass mancher Linke hier täglich, wenn nicht stündlich, zwischen diversen Linksideologien hin- und herspringt, wie es ihm gerade in den Kram passt.

            Ich schätze Elmar sehr, wegen seiner analytischen Vorgehensweise in den Geschlechterfragen, obwohl ich politisch mit ihm wenig gemein habe. Deshalb hat es mich auch überrascht, dass er einen solch ausgelutschten und irrealen Begriff wie ‚Neoliberalismus‘ überhaupt in den Mund nimmt.

            Also, Pjotr. Mach doch mal Nägel mit Köpfen und sage uns, was Du unter Neoliberalismus verstehst und inwiefern das eine Art neuer Liberalismus sein soll, wie der Begriff insinuiert. Erkläre uns desweiteren, was ‚rechts‘ und ‚links‘ heute sein sollen, wo doch alle sich so sehr darüber ereifern. Oder ist das hier lediglich viel Lärm um nichts?

            Ich kann dir immerhin meine Meinung über ‚links‘ und ‚rechts‘ darlegen. Ich kann diese beiden Begriffe unter heutigen Bedingungen nicht definieren; es sind meiner Meinung nach blosse Worthülsen ohne spezifischen Inhalt. Folgerichtig kann ich auf dieser abstrakten Ebene auch nicht sagen, ob das vorherrschende politische System ‚links‘ oder ‚rechts‘ oder was sonst auch immer ist. Dasselbe gilt für den Begriff ‚Neoliberalismus‘, so wie er heute verwendet wird; was immer jedoch dieser von Linken kolportierte ‚Neoliberalismus‘ sein soll, mit Liberalismus hat er erkennbar nichts zu tun. Jedoch kann ich Dir sehr genau sagen, wer die Linken und die Rechten sind. Die Linken sind Leute, die sich selbst als ‚links‘ bezeichnen; die Rechten sind Leute, die sich selbst als ‚rechts‘ bezeichnen. Ganz pragmatisch also. Rechte gibt es nach meiner Erfahrung so gut wie gar nicht, da sich fast alle irgendwie als ‚links‘ oder vielleicht noch verschämt als ‚Mitte‘ bezeichnen. Deswegen erscheint mir auch der ganze Kampf gegen ‚rechts‘ als reine Spiegelfechterei und als ‚virtue signalling‘, wie man heute zu sagen pflegt.

          • Nun. mit den Wirtschaftsliberalen ist es wie mit dem Feminismus: Er kann nicht kritisiert werden, weil es DEN „Neoliberalismus“ nicht gibt. Auch mich interessieren die Fünftausend Varianten des Wirtschaftsliberalismus nicht sonderlich und überlasse diese Kämpfe den Wirtschaftsliberalen selbst.
            Wenn wir mal über den „grossen Teich“ schauen, dann stellen wir fest, dass es dort Libertaristische und gar Anarchokapitalistische Strömungen gibt, die mehr oder weniger politischen Einfluss geltend machen. Ich nehme an, dir sind die Propheten dieser Ideologien und ihre Bestrebungen bekannt. Wenn der Begriff „Neoliberalismus“ auch oft als Kampfbegriff verwendet wird, sind die Ideen der vorher Genannten doch bekannt. Ludwig van Mises? Hayek?
            Nebst anderen haben ich mir mal Mises angetan und ich konnte nicht glauben, dass so etwas Seichtes von einem stammt, der als grosser Denker verehrt wird und wurde. Seitdem halte ich Libertaristen und Anarchokapitalisten für, naja, was auch immer.

  • Bedauerlicherweise gerät bei der Diskussion um Wirtschaftskonzepte das eigentliche Thema des Artikels in den Hintergrund.
    Adrian belegt mit der Tatsache, dass er offensichtlich nur in Rechts-Links-Schablonen denken kann, genau den von mir kritisierten Unwillen, sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen. Ich fand die Kritik, dass „Neoliberalismus“ ein Schlagwort ist, ja legitim. Da hätte man dann anfangen können, sich gegenseitig zu erklären, was man eigentlich meint. Aber ihm dient es halt nur als „Beweis“, dass alles Übel der Welt von Linken kommt. Wie für Feministinnen alls Übel der Welt von Männern kommt. Und das ist keine Diskussion, sondern das Verfestigen von Feindbildern.

    • Nicht alles Übel der Welt kommt von Linken. Aber die momentane Situation, die unsere westlichen Gesellschaften zu zerreißen droht – Islam, Einwanderung, Identitätspolitik, Gender – kommt von links bzw. wird von Linken gefördert.

      • Klar. Genau das kritisiere ich ja in meinem Artikel.
        Ohnehin habe ich den Eindruck, dass alle, die sich hier äußern, im Detail nicht weit auseinander liegen (Ich vermute, keiner von uns hält etwas von Genderförderung, jeder kritisiert die Alimentierung der Banken), deswegen wundere ich mich oft über die Vehemenz, mit der über den theoretischen Überbau gestritten wird.

      • Ich glaube, diese Punkte müsste man einzeln betrachten und sich dann entscheiden, auf welcher Ebene man sie diskutiert.
        National? In Europa? Global?

        Hier bliebe dir nicht erspart genau zu definieren, was du eigentlich meinst.
        Dass die Förderung der Arbeitsmigration in Gestalt der „Gastarbeiter“ in der BRD von den Linken erfunden worden ist, ist z.B. nachweislich falsch.

        Die ius sanguinis hat ab den späten 80ern zu einer Welle von Spätaussiedlern geführt – bis heute ca. drei Millionen Menschen.
        Das komische ist übrigens, die damalige Argumentation war, es handle sich ja um Deutsche, weshalb diese problemlos einen deutschen Pass erhielten.
        In der aktuellen Statistik werden sie jedoch als Migranten geführt, denn sie sind schließlich im Ausland geboren worden.
        So erhältst du auch den Befund, dass die Hälfte der Migranten Deutsche sind.
        Statistiken frisieren kann so viel Spaß machen! 🙂

        Die damalige Begründung für die alternativlose Notwendigkeit der Integration dieser Spätestaussiedler erfolgte durch einen gewissen Herrn Kohl (CDU): „Facharbeitermangel“.
        Kommt dir bekannt vor?

        D.h. „die momentane“ Situation ist Produkt von politischen Entscheidungen, an denen „Linke“ nicht oder nur per Teilhabe (große Koalition) beteiligt war.
        Die „Gender“-Lehrstühle sind bspw. unter Schavan (CDU) eingerichtet worden.

        Mir ist dein Schema erstens zu simpel und zweitens ist es an vielen Punkten falsch. Kritik an dieser offensichtlichen Sündenbockideologie ist also notwendig.
        Noch wichtiger aber: Hinter deiner Zuweisung verschwindet die politische Motivation und eine Interessenlage, die offensichtlich parteiübergreifende Unterstützung erfuhr und erfährt.

        Das blockiert die Diskussion, weil sie noch nicht einmal anfängt, sondern an der Oberfläche verbleibt.

        • „… eine Interessenlage, die offensichtlich parteiübergreifende Unterstützung erfuhr und erfährt.“

          !!! !!! !!!

          Einen Spezialfall hiervon hat Schoppe mehrfach thematisiert: Wie kann es sein, daß in puncto Väterdiskriminierung von Der Linken bis zur AFD harmonische Einigkeit besteht?

  • ich geb auch mal meinen Senf (Kommentar) dazu:

    Ich wurde relativ kurz vor einer Bundestagswahl 18 und habe
    a) voller Stolz gewählt
    und
    b) aus überzeugung die SPD

    Mehrere Bundestagwahlen später kann ich inzwischen aber leider keine „etablierte“ PArtei mehr aus Überzeugung wählen, da ich mich je nach Thema inzwischen tatsächlich von fast ganz links bis irgendwo fast ganz rechts bewege.

    Was ich beobachte ist, (wurde hier ja auch schon oft genannt), dass man sich tatsächlich für eine (von nur zwei) Seiten, eben links oder rechts entscheiden muss/soll.
    ,dass sich eben jede Seite als die Gute und die andere als die Böse deklariert.
    (Wobei in den Mainstreammedien die Linke (Seite) die Gute und die Rechte die Böse ist.(Bei anderer Machtverteilung denke ich wäre es aber genau umgekehrt)).

    Im meinem demokratischen Verständnis finde ich genau das aber sehr schade, das es immer um die konkrete inhaltliche Auseinandersetzung gehen sollte, unabhängig davon welches Argument von welcher Seite kommt, anstatt zu argumentieren:
    Deine Lösung kann nicht besser sein als unsere, weil du auf der bösen Seite stehst.

    Ich gehe immer noch stolz wählen,
    bin aber dabei verzweifelt, weil ich nicht mehr weis wen (ich betone die Mehrdeutigkeit des letzten Teilsatzes)

    • „Mehrere Bundestagwahlen später kann ich inzwischen aber leider keine „etablierte“ PArtei mehr aus Überzeugung wählen, da ich mich je nach Thema inzwischen tatsächlich von fast ganz links bis irgendwo fast ganz rechts bewege.
      Was ich beobachte ist, (wurde hier ja auch schon oft genannt), dass man sich tatsächlich für eine (von nur zwei) Seiten, eben links oder rechts entscheiden muss/soll.
      ,dass sich eben jede Seite als die Gute und die andere als die Böse deklariert…
      Ich gehe immer noch stolz wählen,
      bin aber dabei verzweifelt, weil ich nicht mehr weis wen (ich betone die Mehrdeutigkeit des letzten Teilsatzes).“
      ———————————–
      Angesichts der richtigen, zuvor skizzierten Erkenntnis, erstaunt mich die schlußendliche „Konsequenz“!
      Wenn ich mir vor Augen führe, welches Mandat Diejenigen für alles „Mögliche und Unmögliche“ ableiten, und wes Geistes Kind die sind, die bei einer Wahl die meisten „abgegebenen Stimmen“ in anschließend oftmals kunterbunt zusammengewürfelten Koalitionen auf sich vereinigen konnten, dann stellt sich doch wohl die Sinnfrage dieser „stolzen“ Zeremonie fundamental!

      • Weil, nach fließendem Trinkwasser und einem strukturellen Bildungssystem (nicht die Ausgestaltung, sondern allein der Umstand, dass es eins gibt!), das Wahlrecht das größte Privileg ist, welches wir genießen (dürfen)!
        Für mich sind alle drei übrigens wesentlicher Bestandteil eines Sozialstaates!

        • Ein leider weit verbreitete Geisteshaltung,die nicht erkennen lässt
          ob sie ihre Ursache in Naivität oder Ignoranz hat.
          Trinkwasser und ein Bildungssystem sind beide prima ohne
          (Sozial)Staat möglich.Ohnehin nutzt jeder Staat sein Bildungsmonopol fast ausschließlich zur Gehirnwäsche
          seiner Untertanen in der gerade angesagten Geschmacksrichtung.

          Das Wahlrecht zwischen Pest und Cholera kann man natürlich als grosse Errungenschaft feiern,wenn einem Kritik und Zweifel an der
          Herrschaftsform Demokratie schon im (sozial)staatlichen „Bildungssystem“ ausgetrieben werden.
          Nicht erst seit der Todesstrafe für SOKRATES,mit 51 zu 49 Stimmen
          wunderbar demokratisch beschlossen,kannten die alten Griechen
          die schöne Fabel die sich kurz so zusammenfassen lässt:
          Demokratie herrscht,wenn 6 Füchse und 4 Hasen drüber
          abstimmen was es zum Abendessen gibt.

  • Mich hat der Artikel von Gunnar sehr angesprochen. Ich kann sehr vieles davon persönlich nachvollziehen. Interessant finde ich, dass ihr in der folgenden Diskussion in die links/rechts Muster zurückfallt. Jedenfalls wirkt es auf mich so.

    Gunnar liefert übrigens nebenbei eine gute Erklärung dafür, weshalb Robert Habeck im Land so beliebt ist. Ich habe ihn so wahrgenommen, dass er in seinen Diskussionsbeiträgen die limitierten Positionen anderer Politiker verlassen und – möglicherweise nur dialektisch – überzeugendere Ansätze vorgestellt hat. Inzwischen scheint sich dieser Vorteil (in meinen Augen) etwas abzuschleifen.

    Die öffentlichen Debatten über verschiedenste Themen werden mit einem Grad an Intoleranz geführt, dass mir angst und bange wird. Und da geben meiner Meinung nach, nicht die Rechten den Ton vor. Die Diskussion um Gaucks Buch „Toleranz – einfach schwer“ ist ein Beispiel. So viele Fehl- und Missdeutungen von Linken kann sich keiner ausdenken.

  • Hallo,

    ich bin neu in der Riege der Kommentierenden, aber seit langem passiver Mitleser. Möchte ohne konkreten Anlass ein paar Gedanken in die Runde werfen, die vielleicht irrelevant, möglicherweise aber auch wichtig sind. Zunächst zu meinem Hintergrund: Ende 50, altlinks, Grünenmitglied, ehe sie Parteistatus hatten.
    Ich lese Blogs wie diesen, weil sie meine einzige Hoffnung in einer ziemlich verkorksten Medienlandschaft sind. Als Mensch, der seine Brötchen mit Journalismus verdient, hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass ich derart resigniert auf die vorherrschende Situation blicken würde. Man-Tau ist für mich die Quintessenz demokratischer Ausdrucksform: intellektuell, ausgewogen, zurückhaltend, emphatisch, stets das Gegenüber mitbedenkend – und genau da könnte bald ein Problem liegen.
    Die Gegenseite, wenn ich sie mal pauschal so bezeichnen darf, hat enorm aufgerüstet. Vom Mainstream, der heute, etwas überspitzt formuliert, von der TAZ bis zur FAZ reicht, wird alles niedergewalzt, was sich ihm entgegenstellt. Die feingeistigen Differenzierungen eines Herrn Schoppe sind den Haufdraufs in den Redaktionen komplett egal. Es reicht völlig aus, dass er in einem Punkt nicht ihrer Meinung ist.
    Ich sehe mittlerweile die ernsthafte Gefahr, dass der Gesinnungsfuror in absehbarer Zeit auch die Liberalen mit voller Wucht treffen wird. Hätte ich früher nicht für möglich gehalten, jetzt schon. Wenn Haltung mehr zählt als tatsächliche Handlungen, ist niemand mehr sicher. Bedingt durch meine Vita habe ich im Laufe meines bisherigen Daseins jeden Kontakt zu „Rechten“ gescheut wie der Teufel das Weihwasser. Die Frage, die ich mir inzwischen immer häufiger stelle, ist aber: Wo genau ist eigentlich rechts? Wenn ich als überzeugter Umweltfreund (?!) seit Jahrzehnten kein Auto mehr fahre, auf Fernreisen verzichte, Plastikverpackungen wo möglich vermeide und mich vegetarisch ernähre – aber DENNOCH den FFF-Hype für Blödsinn halte –, wo soll ich mich dann einordnen? Ich fühle mich mittlerweile völlig isoliert, da mein eigener Lebensstil nirgends mehr vorkommt.
    Ich sehe die Gefahr, dass all die Differenzierungen, die nach 68 in die Gesellschaft vorgedrungen sind und die dieses Land lebenswert machen, vom Untergang bedroht sind. In der aktuellen Diktion gibt es PC nur als Gesamtpaket: Entweder du bist Freund oder Feind. Wer dazugehören will, darf in keinem einzigen Punkt – Migration, Feminismus, Gender, Antifaschismus, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, um nur die wichtigsten zu nennen – von der „richtigen“ Meinung abweichen. Warum findet ein Meinungsaustausch, der diesen Namen verdient, nur noch in einigen handverlesenen Blogs statt? Ich bin zunehmend rat-, aber noch nicht ganz hoffnungslos. Vielleicht gibt es ja mehr Vernünftige in diesem Land, als die mediale Öffentlichkeit vermuten lässt.
    Liebe Grüße an alle, die noch Lust am Widerspruch und Widersprüchlichen haben.

    • „Wo genau ist eigentlich rechts? Wenn ich als überzeugter Umweltfreund (?!) seit Jahrzehnten kein Auto mehr fahre, auf Fernreisen verzichte, Plastikverpackungen wo möglich vermeide und mich vegetarisch ernähre – aber DENNOCH den FFF-Hype für Blödsinn halte –, wo soll ich mich dann einordnen?“

      Is doch klar, extremmittig zwischen Bioreichsbürger und Ökonazi …. 😉
      Quatsch! Ich denke, so absonderlich und rar bist Du nicht. Im Gegenteil, ist differenziertes Denken einfach z.Zt. ziemlich aus der Mode, weshalb es in den momentanen Mainstreankommunikationsarten kaum noch zu praktizieren gewagt wird.

  • Ich veruche noch mal ein paar Gedanken zu formulieren, was hier im Kommentarbereich passiert ist und warum.

    Grundsätzlich begrüße ich den Artikel und stimme ihm zu.

    Später in den Kommentaren beklagt Gunnar mehrfach, dass bei der Diskussion das „eigentliche Thema“ des Artikels in den Hintergund trete und bittet, zum Thema zurückzukehren.
    Mit schöner Regelmäßigkeit begleitet er dies mit dem Vorwurf an seine Gegenseite (konkret Adrian), sich in das von ihm kritisierte Feindbild-Schema rechts-links zu begeben.

    „Aber lustig, wie du mit deiner simplen Links-Rechts-Rhetorik genau das Problem illustrierst, welches das eigentliche Thema meines Artikels ist.“

    „Auch wenn die Frontenbildung und der gelegentlich sichtbar werdende Unwille, sich vom Lagerdenken zu lösen, eine schöne Illustration meines Artikels darstellen, habe ich dennoch kein Interesse daran, mich weiter an Nebenkriegsschauplätzen abzuarbeiten. […] Ich bitte also darum, zum eigentlichen Thema zurückzukehren.“

    und
    „Bedauerlicherweise gerät bei der Diskussion um Wirtschaftskonzepte das eigentliche Thema des Artikels in den Hintergrund.
    Adrian belegt mit der Tatsache, dass er offensichtlich nur in Rechts-Links-Schablonen denken kann, genau den von mir kritisierten Unwillen, sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen.“

    Gunnar befeuert damit den Konflikt, weil er etwas grundlegendes nicht zu bemerken scheint:
    Adrian argumentiert gar nicht in einem links-rechts-Schema.
    Er kritisiert zwar Linke, aber auch nur, weil du eine erkennbar linke position einnimmst.
    Er argumentiert nicht für „rechts“. Adrian „rechts“ einzuordnen ist völliger Unfug.
    Adrian argumentiert Liberal.
    Und einige weiter Kommentatoren tun dies später ebenfalls.

    Der eigentliche Witz ist, dass Gunnar, Pjotr und noch ein paar andere überhaupt nicht merken, dass sie in ihren Kommentaren dabei zunehmend ein Feindbild Liberalismus aufbauen – und sich dann wundern, dass sich als liberal verstehende Menschen in Abwehr gehen und den Liberalismus verteidigen.

    Und das hat dann doch wieder sehr viel mit dem Thema des Artikels zu tun.
    Wie kommt es, dass Gunnar hier die Feindbildpflege zwischen links und rechts beklagt, ohne zu bemerken, dass er offenbar sehr anfällig dafür ist, es durch sein eigenes Feindbild Liberalismus zu ersetzen?

    Wie kommt es, dass es ihm passiert, unterhalb seines eigenen Artikels zum Thema anzufangen, argumentative Gegner mit völlig analogen Vorwürfen (lediglich in einem anderen Schema) zu belegen, die er eben noch im Lagerkampf links-rechts beklagt hat?

    Ich habe keine Antwort darauf, hänge aber noch mal eine Bemerkung zum von mir verwendeten Begriff „tribalistischer denke“ an, um zu illustrieren, was ich dort gemeint hatte, weil das möglicherweise damit zu tun hat:

    Ausgegangen war meine Aussage von pjotrs Kommentar „Bei dir ist sogar die Rettung der Bakrotteure, aka. Banker – der Inbegriff des Kapitalisten – ein sozialistischer Akt.“
    den Gunnar bestätigt und auf rückfrage glaubte mit „Es ist einfach ein Widerspruch in sich.“ zur Seite schieben zu können.

    Die „tribalistische denke“ dahinter bezieht sich darauf, dass beide offenbar der Meinung sind, Liberale hätten die Bankenrettung nicht zu kritisieren, weil man das Bankenwesen als „innbegriff des Kapitalismus“ sieht und das wiederum insgeheim gleichsetzt mit (neo-)liberalismus, man also den Schluss zieht, das seien ja deren „eigene Leute“, also deren „Stamm“ bzw. tribe.

    Dass ich persönlich als klassisch liberaler mit neoliberalistischem Wirtschaftsliberalismus nicht viel am Hut habe – geschenkt.
    Was hier argumentativ gemacht wurde:
    Der „Gegenseite“ wurde „tribalistisches denken“ nicht einfach nur unterstellt, sondern geradezu eingefordert – nicht ohne die moralische selbstgewissheit, dass eben dieser tribalismus (des Gegners) natürlich trotzdem verwerflich sei.
    Das ist eine ganz bemerkenswerte Konstruktion von Kafkatrapping, die ich, glaube ich, so auch noch nicht gekannt habe.

    So.
    Lieber Gunnar, auch wenn es so klingen mag, es geht nicht darum, dich anzugreifen.
    Ich mag Dein Blog, ich mag (die meisten) Deiner Artikel.
    Aber trotzdem, das ist meine Wahrnehmung zu dem, was hier im Kommentarbereich passiert ist.

    • Hallo Madde,

      ein ernst gemeintes Danke für deinen Versuch, die Diskussion nachträglich zu analysieren.

      Dennoch von meiner Seite ein paar Richtigstellungen:

      Meine Bedauern über die Links-Rechts-Schablonen bezog sich prinzipiell auf beide Seiten und keineswegs nur auf Adrian. Da er mir aber immer gleich geantwortet hat, habe ich natürlich auch immer wieder auf ihn Bezug genommen.

      Dass Adrian für „Rechts“ argumentiert, habe ich nie behauptet (Ich habe Adrian überhaupt nirgends eingeordnet, was man umgekehrt allerdings nicht sagen kann), sondern nur, dass er ein Feindbild Linke pflegt:
      “ Deine Linke will Zuwanderung…
      Du kannst Dich ja dann weiter über den Zustand der Linken ausweinen…
      … linken Fantastereien,
      … linke Definition von Neoliberalismus?“ etc.

      Ich habe später versucht darzulegen, was mich stört (worauf allerdings niemand eingegangen ist), indem ich sagte, dass es selbstverständlich legitim sei, die Verwendung von „Neoliberalismus“ als Schlagwort zu kritisieren (wobei das natürlich auch für die Art der Verwendung des Wortes „Sozialstaat“ gilt), daran hätte sich eine individuelle Auseinandersetzung bei gegenseitigem Respekt anschließen können – was verstehst du darunter, was ich? – statt Unterstellungen („verachten“, „Eurer sozialistischen Utopien“) und Lagerdenken wie „deine linke“ zu kultivieren. Das halte ich für kontraproduktiv und bringt niemanden weiter.

      „… und sich dann wundern, dass sich als liberal verstehende Menschen in Abwehr gehen …“
      Das ist eine bemerkenswerte Sichtweise. Denn es war Adrian, der zunächst – aus meiner Sicht völlig grundlos – aggressiv und mit Unterstellungen in die Diskussion grätschte. Selbstverständlich kann man die Meinung, die ich in meinem Artikel vertrete, kritisieren, aber warum geht das nicht, ohne mich lediglich als Stellvertreter für etwas zu benutzen? Ich lehne es ab, Projektionsfläche zu sein, da reagiere ich allergisch drauf. Ich hätte ja, wie gesagt, die Kritik, „Neoliberalismus ist ein Schlagwort“, angenommen. Wobei ich es schon schade finde, dass sich letztlich die komplette Diskussion um ein einziges Wort gedreht hat, das zudem im Rahmen des Artikels nicht mal wichtig, sondern nur ein Beispiel war. Eben weil es mir um etwas anderes ging.

      Nun ja, geschehen ist geschehen.

      Trotz allem viele Grüße

      Gunnar

  • Die „tribalistische denke“ dahinter bezieht sich darauf, dass beide offenbar der Meinung sind, Liberale hätten die Bankenrettung nicht zu kritisieren, weil man das Bankenwesen als „innbegriff des Kapitalismus“ sieht und das wiederum insgeheim gleichsetzt mit (neo-)liberalismus, man also den Schluss zieht, das seien ja deren „eigene Leute“, also deren „Stamm“ bzw. tribe.

    Was ja nicht so ganz abwegig ist. Mir ist schon klar, dass die reine Lehre des Libertarismus eine Rettung der Banken durch staatliche Unterstützung nicht vorsieht und als nicht den Prinzipien entsprechend gilt. Mein Thema aber war, dass so salopp mal alles als sozialistisch gilt und sich diese Ideologie an der Realität messen lassen muss, während andrerseits ein Ideal als Massstab angeführt wird, ein Ideal, das nirgends verwirklicht wurde, wenn man mal von failed states absieht, die ja nicht als Vorbild taugen. Mein Thema war, was der gültige Massstab sein soll, die Realität, und nicht das utopische Ideal.
    Was das links-rechts-Schema betrifft: Ein eindimensionales Gebilde kann die Komplexität der unterschiedlichen Ansichten und politischen Verortungen nicht abbilden. Im Grunde müsste eine grafische Darstellung multidimensional sein, was aber bei drei Dimensionen sein Ende findet. Es sind beide Seiten, die sehr grossen Wert auf das Etikett „rechts“ oder „links“ legen. Hat auch was mit dem Parteiengefüge zu tun und deren Bestrebungen, sich gegenüber der Konkurrenz zu profilieren und abzugrenzen.

  • Dass ich mich besonders gegen linke Heuchelei und Doppelmoral wende, liegt nicht daran, dass ich Konservative für die besseren Menschen halte.

    @ Gunnar

    Du hast dich einige male beschwert, dass zu wenig auf deinen Ursprungsartikel eingegangen wurde und die Diskussion abdriftete – möglicherweise zu Recht. Jetzt habe ich ein wenig ein schlechtes Gewissen.

    Die SPD als Inbegriff einer linken Partei hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Man mag es kaum glauben, aber die SPD war mal einwanderungskritisch, weil sie Einwanderung als Konkurrenz für die hiesigen Arbeiter ansah. Das ist allerdings schon eine Weile her.
    Was mich aber wirklich auf die Palme treibt, ist, wenn einerseits medial der Eindruck vermittelt wird, jeder Immigrant sei willkommen, wenn doch gleichzeitig ein Deal mit Erdogan abgeschlossen wurde, um den Zustrom von Immigranten zu unterbinden. Wie soll so eine vernünftige Diskussion stattfinden? Und wer fordert, was im Grunde bereits getan wird, der wird von eben jenen als rechtsradikal verortet? Das ist doch Absurdistan. Ehrlich wäre es zu sagen: Ja, wir haben einen Deal mit Erdogan abgeschlossen, weil wir den Zustrom begrenzen wollen und wir letztendlich überfordert wären, wenn wir es nicht täten. Das wäre eine mögliche Begründung. Dann würde man wenigstens über das diskutieren, was Sache ist und nicht die Problematik als Vorlage für die Selbstdarstellung und Abgrenzung gegen andere missbrauchen. Ich erwarte nur etwas Ehrlichkeit. Dann liesse sich über die Dinge ernsthaft diskutieren. Das ist nur ein Beispiel für die Verlogenheit und Heuchelei der SPD. Sie haben sich als Juniorpartner der Grünen positioniert und wundern sich jetzt, dass sie genau das geworden sind und von den Grünen abgehängt werden. Der Arbeiter, der Angestellte auf Zeit, die unteren sozialen Schichten, sie wählen nicht mehr die SPD, weil sie sich völlig zu Recht von der SPD nicht mehr vertreten fühlen.

    • Danke für deinen Beitrag.
      Sorry, dass ich mich im Augenblick immer nur sehr sporadisch melde, aber ich habe gerade sehr viel um die Ohren. Trotzdem verfolge ich weiter, was hier gepostet wird.
      Viele Grüße
      Gunnar

  • Eine dümmliche Diskussion. Ein unscharfes Thema „linkes Selbstverständnis“ was zum Teufel soll das sein und wie will der Autor das dann belegen?“. Eine Aneinanderreihung von Floskeln ist kein Beitrag sondern bestenfalls eine Unverschämtheit.

    Da kommen mangels Inhalt nur Streitereien bei raus weil da Thema nun mal vieldeutig und in jede beliebige Richtung interpretierbar ist.

    Mangelnde Geistesschärfe, um es mal freundlich zu sagen, wenn das (linker) Diskurs sein sein dann gute Nacht Marie.

    • @ Trebon

      Also ich finde Gunnars Artikel sehr gut.

      „Ein unscharfes Thema „linkes Selbstverständnis“ was zum Teufel soll das sein“

      Mit dem hier von Gunnar kritisierten zeitgenössischen linken Selbstverständnis sind wohl Perspektiven, Ideen, Werte und Normen gemeint, die im heutigen linken politischen Spektrum in westlichen Gesellschaften in den öffentlichen und medialen Verlautbarungen vorherrschend oder zumindest sehr verbreitet sind, die aber signifikant von einem traditionell-linken Selbstverständnis, das Links-Sein als Synthese der besten Elemente von Liberalismus und Sozialismus versteht, abweichen.

      Kurz: Es geht um den Unterschied zwischen einer traditionellen freiheitlich-sozialen Linken und einer autoritären politisch korrekten postmodernen Linken.

      Links-Sein bedeutet gemäß der Zielsetzung der klassischen freiheitlich-linken Theorie-Traditionen Gleichheit und Gerechtigkeit einerseits mit einer Wertschätzung für persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung andererseits zu verbinden, daher sind Gerechtigkeit/Gleichheit UND Freiheit hier die zentralen Werte.

      Zu den klassischen freiheitlich-linken Theorie-Traditionen zählen unter anderem:

      – der Links-Liberalismus (von John Stuart Mill bis zum egalitären Liberalismus)
      – Sozial-Anarchismus und Individual-Anarchismus
      – libertärer Marxismus und Neomarxismus
      – die Kritische Theorie der Frankfurter Schule
      – die Diskursethik
      – der Kommunitarismus, (insoweit er liberale Elemente integriert)
      – der französische Poststrukturalismus (und andere nicht-politisch-korrekte Varianten des Postmodernismus/Poststrukturalismus).

      Diese freiheitlich-linken Theorie-Traditionen, welche für verschiedene Varianten stehen, zu versuchen die Teilwahrheiten von Liberalismus und Sozialismus zu verbinden und Gerechtigkeit und Freiheit in eine angemessene Synthese zu bringen, sind innerhalb der zeitgenössischen Linken in westlichen Gesellschaften leider in den Hintergrund gedrängt worden zugunsten einer theoretischen Strömung, in der weder die Teilwahrheiten des Liberalismus, noch die Teilwahrheiten des Sozialismus gewürdigt und einbezogen werden und die daher aus traditionell-linker Perspektive als pseudo-links erscheint.

      Dabei handelt es sich um eine Sonderform des Postmodernismus/Poststrukturalismus, die an US-amerikanischen Universitäten entwickelt wurde (sich aber vom ursprünglichen französischen Poststrukturalismus/Postmodernismus deutlich unterscheidet), nämlich der politische korrekte Postmodernismus.

      Dieser ist mit den Interessen politischer und ökonomischer Herrschaftseliten bestens kompatibel,

      https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/11/02/gastartikel-nutzt-die-postmoderne-political-correctness-den-neoliberalen-oekonomischen-herrschaftseliten/

      hat aber wenig mit dem Selbstverständnis der traditionellen Linken (in ihren verschiedenen Strömungen) zu tun.

      „und wie will der Autor das dann belegen?“

      Ich würde dir empfehlen diesen Blog häufiger zu lesen. Er enthält viele Belege für Gunnars These, Gunnars eigener (sehr lesenswerter) Blog übrigens auch.

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