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Brücken statt Schützengräben

geschrieben von: Lucas Schoppe

Warum eigentlich sind deutsche Journalisten viel stärker an Schützengräben als an Brückenbauern interessiert? Eine Antwort am Beispiel des Bandes „Gleichberechtigung beginnt zu zweit“, herausgegeben von Arne Hoffmann

 

Von der Lust, nur ein Teil einer Gruppe zu sein

Eine Liste der beliebtesten Schullektüren, basierend auf einem Leservoting, führt mit großem Abstand ein Buch aus dem Jahr 1981 an: Morton Rhues „Die Welle“. Der Text ist unkompliziert, nicht zu lang, kaum verrätselt – die Handlung spielt in einer Schule, eine kleine Liebesgeschichte ist auch eingewoben: Es gibt ganz nachvollziehbare Gründe, warum sich viele offenbar gern an dieses Buch erinnern.

Vor allem aber ist das Thema interessant und noch immer aktuell. An einer amerikanischen Schule macht dort nämlich ein Lehrer mit seinen Schülern ein Experiment zur Verführungskraft des Faschismus und muss es schließlich abbrechen, weil es zu erfolgreich wird.

Wer das Buch liest, kommt selbst nicht um die Fragen herum, um die es kreist – vor allem nicht um die Frage, warum es für Menschen so wichtig ist, sich als Teil einer Gruppe zu fühlen. So wichtig, dass sie dafür sogar das eigenständige Denken aufgeben, sich freiwillig uniformieren und rücksichtslos selbst gegenüber besten Freunden werden.

Eben dadurch ist der Text auch noch immer aktuell. Die politischen Debatten, die wir im Netz und in den traditionellen Medien erleben, sind weitflächig bestimmt durch Konfrontationen zwischen Gruppen und durch harte Anfeindungen, durch den Bau von Schützengräben, nicht durch den Bau von Brücken.

Wer sich etwa für die Einreise von Migranten ausspricht, ist für einige Feinde der deutschen Migrationpolitik nicht einfach jemand, der eine andere Meinung hat, sondern eine Marionette diffuser Mächte, die Europa zerstören wollten, oder ein Protagonist des „großen Austauschs“. Wer die Migrationspolitik kritisiert, steht schnell als Feind der offenen Gesellschaft, als Rassist, gar als Nazi dar, auch wenn er ohne Hetze formuliert.

Und nein, beides ist natürlich nicht dasselbe – die Schnittmenge ist aber die große Bereitschaft, andere als Feinde zu betrachten, und nicht nur als persönliche Feinde, sondern als Feinde der ganzen zivilisierten Welt.

Diese Bereitschaft hat direkt mit einem großen Bedürfnis der Gruppenzugehörigkeit zu tun: Menschen sehen sich selbst als Teile der Gemeinschaft, des „deutschen Volkes“ oder der „offenen Gesellschaft“ – und wer ihre Meinung, womöglich scharf, kritisiert, erscheint damit nicht nur als ihr persönlicher Gegner, sondern als Feind aller.

Verloren geht das Gefühl, dass wir mit unserer Position eben immer nur eine Position unter vielen möglichen vertreten, dass es für andere, konträre Positionen gute Gründe geben kann, und dass die eigene Position aus der Sicht anderer vielleicht nicht so überzeugend aussieht wie für uns.

Verloren geht also das Gefühl, dass wir zwar zu einer Gemeinschaft gehören, aber nicht in ihr aufgehen, und dass wir sie ebenso wenig repräsentieren, wie sie uns repräsentiert.

 

Personen und Positionen

Damit verschwindet auch eine zweite Wesentliche Unterscheidung, nämlich die zwischen Person und Position. In einem demokratischen Diskurs können wichtige, bereichernde, augenöffnende Positionen durchaus von Menschen formuliert werden, die uns herzlich unsympathisch sind – während wir akzeptieren müssen, dass auch Menschen, die wir verehren, manchmal schlicht Blödsinn reden (ich war in seinem ersten Wahlkampf begeistert von Barack Obama, ich weiß also, wovon ich hier schreibe).

In der Identitätspolitik von links und rechts wird diese so wichtige Unterscheidung systematisch geschliffen. Von rechts erscheint ein Migrant als kulturfremd, auch wenn er sich intensiv und wohlwollend mit der deutschen Kultur auseinandersetzt. Von links wird der Wert politische Positionen von Geschlecht und Rasse der Menschen abhängig gemacht, die diese Positionen beziehen – eine Idiotie, die längst überlebte rassistische und sexistische Ideologien wieder salonfähig macht, indem sie kurzerhand für progressiv erklärt werden.

Der Mord an Walter Lübcke ist, wenn er tatsächlich – wonach es aussieht – rechtsradikale Motive hatte, ein besonders bitteres, brutales Beispiel für die Weigerung, zwischen Positionen und Personen zu unterscheiden: Weil dem Mörder die politische Position nicht passt, wird der Mann getötet. Auch wenn an dieser Gewalttat Linke natürlich überhaupt keine Schuld tragen, zeigt sie doch uns allen und nicht nur den Rechten, wie wichtig es ist, sich mit den politischen Positionen von Menschen auseinandersetzen zu können, ohne die Person anzugreifen.

Die Unterscheidung von Person und Position bietet uns allen einen Schutz, ohne den sich viele Menschen gar nicht mehr äußern würden.

 

Scannen statt lesen

Auch die Art und Weise, wie wir Texte lesen, ändert sich – das zumindest ist mein Eindruck. Kaum einmal geht es darum, zunächst einmal zu verstehen, was denn die wesentlichen Argumente und Positionen des Textes sind – dann darum, sie in andere Kontexte zu setzen, um zu überprüfen, welche Aspekte davon sinnvoll sind und welche eher nicht überzeugen – und damit dann eine eigene Position zu finden.

Stattdessen scannen wir in Texten so nach politischen Reizworten, wie allzu sexualisierte Leser alle möglichen Texte nach pornografischen Passagen durchsuchen – und jeweils geht es dann darum, den Autor oder die Autorin blitzschnell einzuordnen. Rechter. Linker. Linksgrünversifft. Bedient rechte Diskurse. Masku. Femi.

Dabei bleiben wir nicht nur immer an der Textoberfläche, sondern wir bestätigen jeweils nur das, was wir ohnehin immer schon wussten. Eine Großmeisterin einer solch unterstellenden Lektüre, die sich nach meinem Eindruck für die Aussageabsicht hinter einem Text konsequent nicht die Bohne interessiert, ist beispielweise Margarete Stokowski. Als sie gerade im Magazin der Süddeutschen Zeitung selbst Hauptperson einer großen Titelgeschichte war und dieser Text zwar nicht vernichtend, aber auch nicht hymnisch ausfiel, reagierten Stokowski und ihre Fans demonstrativ verschnupft.

Wer daran gewöhnt ist, andere Texte jeweils nur als Bestätigung des Immer-schon-Gewussten zu lesen, und wer daher gar nicht mehr daran gewohnt ist, auch die eigene Position kritisch zu überprüfen – der fühlt sich dann eben schon durch verhaltene Kritik erheblich verletzt.

 

Gleichberechtigung beginnt zu zweit: Und wann beginnt sie im Feuilleton?

Es passt in diese mediale Landschaft, dass  ein wichtiges Buch bislang überhaupt keine Aufmerksamkeit erhält, das sich wie Stokowskis Texte mit Geschlechterthemen auseinandersetzt, das anders als sie aber „Brücken statt Schützengräben“ (erster Text, Seite 1) bauen soll: der von Arne Hoffmann herausgegebene Sammelband „Gleichberechtigung beginnt zu zweit“, der gerade im letzten Monat erschienen ist.

In vielfacher Weise schlägt dieser Band Brücken: Hier schreiben Frauen und Männer, Feministinnen und Maskulisten, Sozial- und Erziehungswissenschaftler, Therapeuten, Blogger und etablierte Autoren, Menschen mit der Erfahrung ganz unterschiedlicher Länder, Migrantinnen, Immer-schon-Einheimische, eine Amerikanerin und eine Kanadierin, Berühmtheiten  wie Mithu Sanyal und Christina Hoff Sommers und andere, aber auch Akteure, die in den Diskursen weitgehend unbekannt sind. Und mehr.

Zusammengehalten wird alles durch die Frage Hoffmanns, ob und wie Feminismus und Maskulismus „für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken“ können.

Das ist nicht nur eine interessante Frage, wichtig ist – gerade in einer Zeit, in der viele Akteure der Diskurse sich in ihren Schützengräben häuslich einrichten – die Anlage des Bandes.

Die Positionen sind durchaus spannungsreich. Ich selbst bin auch beteiligt, und natürlich enthält der Band auch Texte, die ich selbst ganz anders geschrieben hätte, und Positionen, die mich gar nicht überzeugen.

Das aber ist ja gerade interessant daran: Hier gehen die Texte eben nicht in einer stimmigen, kohärenten Gemeinschaft auf, durch die sich jeder repräsentiert fühlen kann – sondern es wird sichtbar, dass wir die Welt aus unterschiedlichen Positionen und mit unterschiedlichen Erfahrungen wahrnehmen, dass wir unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen und in unterschiedlichen Stillagen darüber schreiben.

Trotzdem ist es möglich, dass daraus ein gemeinsamer Band entsteht, ohne dass alles auseinanderfällt.

Die Feministin Robin Urban schreibt zum Beispiel darüber, warum „die Beschneidung von Jungen ein feministisches Thema sein sollte“, und betont eine Verantwortung Erwachsener gegenüber Kindern, anstatt Belange der Geschlechter gegeneinander auszuspielen:

„Wenn man ‚Privilegien‘ mit ‚struktureller Macht‘ gleichsetzt, Marginalisierung‘ also als ‚Abwesenheit von Macht‘ definiert, sind Kinder die marginalisierteset Gruppe auf diesem Planeten.“ (S. 234)

Ingbert Jüdt, bekannt als Blogger „djadamoros“, setzt sich hingegen mit dem „Patriarchatsmythos“ auseinander und wirft dem zeitgenössischen Feminismus vor, sich

„von einer ursprünglichen Emanzipationsbewegung in ein Laboratorium kultureller Herrschaftstechniken verwandelt“

zu haben (187).

Das sähe Mithu Sanyal in ihrem Beitrag „Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist“ natürlich ganz anders. Sie antwortet dort auf verbreitete Kritiken am heutigen Feminismus, auch auf die, dass es das „Patriarchat“ gar nicht gäbe. (110/111) Männer sollten, so schließt sie, nicht mit Neid auf die Aufmerksamkeit reagieren, die Feministinnen medial und institutionell erhalten, sondern eben auch selbst über Verletzungen und Bedürfnisse sprechen, so wie Feministinnen es tun – und sie sollten dabei Hilfe erhalten. (119)

Darüber  wiederum würde Gerd Riedmeier vermutlich etwas erstaunt den Kopf schütteln, der beschreibt, wie er als Vertreter des Forum Soziale Inklusion und der Interessengemeinschaft Jungen Männer Väter immer wieder in den politischen Institutionen aufläuft – und wie insbesondere das Familienministerium, vor allem unter den Ministerinnen Schwesig und Giffey, systematisch spezifische Belange von Jungen und Männern ausgrenzt. Allein schon dieser Text schreibt eine politische Skandalgeschichte, bei der es ein zweiter Skandal – gleichsam ein Meta-Skandal – ist, dass sie den etablierten Medien ganz egal ist.

Andere, aber ebenfalls ernüchternde Einblicke in parteipolitische bietet Maike Wolf, die wegen einer De-Facto-Frauenquote mittlerweile aus der FDP ausgetreten ist und die sie sich in einem ihrer beiden Beiträge noch mit dieser Quote auseinandersetzt – die FDP solle „als Bollwerk gegen die ewige Gruppeneinteilung der Menschen stehen“ (371).

Ebenfalls liberal, tatsächlich ganz ähnlich wie Wolf, aber eher in einem geistesgeschichtlichen als in einem parteipolitischen Kontext argumentiert Christina Hoff Sommers, die sich für einen „Freiheitsfeminismus“ einsetzt, der – unter anderem – „Männer und Frauen nicht als verfeindete Stämme“ betrachte. (362)

Das sind nur wenige der vielen möglichen Beispiele aus dem Buch, das insgesamt 22 Texte enthält. Dass ich diese ausgewählt habe, bedeutet nicht, dass sie stärker wären als die anderen: Es war mir aber wichtig zu zeigen, wie vielfältig die Beiträge sind, und wie sie sich doch aufeinander bezogen werden können.

Arne Hoffmann erklärt in seinem ausführlichen Beitrag über eine verzerrende üble Nachrede, die der Journalist Sebastian Eder in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung als journalistische Arbeit über ihn veröffentlichte, eigentlich schon vieles über das Desinteresse etablierter Medien. Er vermutet, dass „die primäre Zielgruppe vieler Journalisten in erster Linie nicht eine heterogene Leserschaft darstellt, sondern die eigene In-Group.“ (303)

Stimmt das, dann lässt sich damit schon erklären, warum der Band in den etablierten Medien schlicht nicht wahrgenommen wird, obwohl prominente Autorinnen darin vertreten sind, obwohl er Wichtiges zu den vieldiskutierten Geschlechterthemen beiträgt und obwohl die ganze Anlage des Buches angesichts der bitteren Verfrontungen in dem öffentlichen Debatten wohltuend zivil und vielfältig ist:

Möglicherweise sind viele Journalisten schlicht nicht mehr in der Lage, mit einem Buch umzugehen, dass sie nicht mit einem knappen Blick auf die Autoren und einem oberflächlichen Scan nach Reizworten in irgendeine Ablage sortieren können.

Ich weiß aber: Auch das ist natürlich klischeehaft, in diesem Fall gegenüber Journalisten. So please, prove me wrong!

Für Journalisten und für alle anderen: Ich würde das Buch auch dann empfehlen, wenn ich nicht daran beteiligt wäre. Es enthält eine enorme Fülle an interessanten, überzeugenden, provozierenden Ansätzen zu Geschlechterthemen, und mehr noch: Es wirkt wie ein Buch aus einer irgendwie besseren Zeit, in der Menschen tatsächlich mit anderen Menschen reden, anstatt lediglich empörte Tweets über sie abzusetzen oder hit pieces über sie zu veröffentlichen.

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4 Comments

  • Okay, Bücher kaufen und lesen, besonders wenn sie sich auf Ingroups beziehen, habe ich mir komplett abgewöhnt. V.dh. ist mir das Buch ziemlich unwichtig und ich kann es auch zukünftig gar nicht bewerten.

    Was mich aber sehr freut, ist die Erwähnung von „Die Welle“. Der Film ( angepasste deutsche Fassung mit Jürgen Vogel ) dazu ist, gerade in der heutigen Zeit ( wie Du ja selbst schreibst, ist mühsames Lesen ziemlich out, grobes Abscannen in ), mit das Beste, was man auf populär verarbeitete Weise zum Thema Identitätspolitik konsumieren/empfehlen/verbreiten kann. Das begreifen sogar „Bildungsferne“ ( wie z.B. ich ) ohne dafür besondere Denkleistungen bringen zu müssen UND trotzdem regt er zu prinzipiellen Betrachtungsweisen und zum Differenzieren an.

    Das mag aus akademisch-intellektueller Sicht kein großes Ding sein, aber ich gehe einfach davon aus, daß die meisten Leute „da draußen“ mit ellenlangen detaillierten Abhandlungen wenig anfangen können, wie man ja schon am Erfolg von kommerziellen Produkten wie „Greta“ oder „Rezo“ ( „wer nicht hüpft, der ist für Kohle/ein Nazi [bevorzugtes Hasslabel hier eintragen]“ ) leicht ablesen kann.

    Anders gesagt: Das Problem ist, überhaupt erstmal eigene Überlegungen zu triggern und „Pauschalideologien“ als das zu zeigen, was sie sind, nämlich letzendlich inakzeptable Abziehbilder zum Zwecke der ( i.d.R profitorientierten ) eskalierenden Polarisierung.

    Keine leichte Aufgabe in einer Zeit, wo ganze Universitäten sich dem Grabenkrieg verschrieben haben.

    • Semi-OT:
      „Warum eigentlich sind deutsche Journalisten viel stärker an Schützengräben als an Brückenbauern interessiert?“
      Da hätte ich den Herrn Freud ja zur Hochform auflaufen lassen und Schützengräbern auch mit 2 R geschrieben … 😉

  • Im Artikel oben heißt es:

    „Das aber ist ja gerade interessant daran: Hier gehen die Texte eben nicht in einer stimmigen, kohärenten Gemeinschaft auf, durch die sich jeder repräsentiert fühlen kann – sondern es wird sichtbar, dass wir die Welt aus unterschiedlichen Positionen und mit unterschiedlichen Erfahrungen wahrnehmen, dass wir unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen und in unterschiedlichen Stillagen darüber schreiben.
    Trotzdem ist es möglich, dass daraus ein gemeinsamer Band entsteht, ohne dass alles auseinanderfällt.“

    Hier nur ein ganz subjektiver Eindruck von mir. In der heutigen Meinungsvielfalt kann ich kein gemeinsames Band finden, „ohne dass alles auseinanderfällt.“ Stattdessen hab‘ ich sehr oft den Eindruck, dass da Leute von einem anderen Planeten diskutieren. Die Meinungsverschiedenheiten sind derart groß – so, als ob die Leute von ganz verschiedenen Dingen reden würden, und nicht verschiedene Meinungen über dieselben Dinge hätten.

    Um hier mal ein vielleicht eher untypisches Beispiel zu erwähnen: Vor etwa zwei Jahren habe ich mit einem Kollegen (Ingenieur) gesprochen über die Betriebssysteme Windows und Linux. Er selbst verwendet Linux privat, hat aber auf der Arbeit fast ausschließlich mit Windows zu tun. Und das findet er ganz schlecht. Er hat mir dann Dutzende von Dingen aufgezählt, die bei Windows angeblich nicht richtig funktionieren, oder zumindest schlecht designed sind. Kleines Problem: Ich wusste wirklich nicht, wovon er redet. Keines der Probleme, die er mir nannte, kannte ich auch nur dem Namen nach. Auch ich nutze Windows beruflich, bin nicht begeistert, aber komme damit gut zurecht. Für ihn war schon das Einloggen unter Windows eine einzige Katastrophe.

    Mir geht diese ganze Meinungsvielfalt ungeheuer auf den Sack.
    – Zum einen ist das ein reines Kapazitätsproblem: Es ist einfach mühsam, auch nur einige der vielen Meinungen zu den vielen Themen zur Kenntnis zu nehmen und geistig einzuordnen.
    – Zum anderen bringen mich abweichende Meinungen meist nicht weiter. Sie sind so gravierend abweichend, dass sie nicht mal anschlussfähig sind an meine eigene Denke und deshalb keine Vermittlung möglich ist. Wenn ich höflich sein muss, sage ich dann: „Ja, stimmt schon, das muss man auch berücksichtigen.“
    Was manchmal vorkommt: dass mir auffällt, dass ich in meiner Position eine Art von Lücke entdecke: darüber hab‘ ich noch nicht nachgedacht. Oder dass ich sehe: da könnte man den-und-den Einwand formulieren, darauf hab‘ ich noch keine Antwort. Das war’s dann auch schon an Mehrwert.

    Vor allem hab‘ ich bei den meisten Meinungen den Verdacht: die kommen gar nicht um der Sache Willen, sondern hauptsächlich, weil der Meinungsmakker sich irgendwie darstellen oder aufspielen will. Alles nur Show – Inhalte sind bloß Mittel zum Zweck. Hauptsache EGO.

    Und dann diese ständige Politisierung. Praktisch jedes Thema ist politisch aufgeladen. Alles ist irgendwie Programm. Das hält mein Kortisol-Spiegel nicht aus.

    Hinzu kommt mein Eindruck, dass ein Großteil dieser politisierten Meinungen verlogen ist. Ich hab‘ auch Kollegen, die schwärmen von E-Mobilität. Und interessieren sich einen Scheißdreck, wie die Materialien für die erforderlichen Akkus gewonnen werden:
    – welche Humanschäden durch die Förderung von Kobalt im Congo verursacht werden (weil kein Arbeitsschutz)
    – Welche Umweltschäden durch die Förderung von Lithium in Chile verursacht werden (weil keine Umwelt-Standards).
    Alles völlig egal – Hauptsache der Deutsche hat ein reines Umweltgewissen. Ähnlich, wenn die Medien verkünden, Feminismus wäre auch gut für Männer.

    Ich glaube, das wurde sogar hier im Board mal irgendwann gesagt: Bei vielen dieser Meinungen, die in der Öffentlichkeit kursieren, handelt es sich um eigentlich totalitäre Vorstellungen, die unter einem progressiven Label vermarktet werden: Klimaschutz, Feminismus, Willkommenskultur, Europäische Identität … Ja, so macht der Faschismus wieder Spaß.

  • „Möglicherweise sind viele Journalisten schlicht nicht mehr in der Lage, mit einem Buch umzugehen, dass sie nicht mit einem knappen Blick auf die Autoren und einem oberflächlichen Scan nach Reizworten in irgendeine Ablage sortieren könne“

    Die sind da vielleicht schon in der Lage zu, es läßt sich damit aber unter Umständen nicht so einfach Geld verdienen wie mit Waffenhandel im Kulturkampf.

    Bei diesem Interview mit dem Schweizer Sägewerksbesitzer in der Süddeutschen waren ja auch viele Leute der Meinung, der hätte die Interviewerin aufflaufen lassen, bzw. sie wäre typisch überaggressiv gewesen. Auf Twitter hat dazu ein Journalistenkollege von der NZZ bemerkt, das sie eine „der besten und lustigsten“ sei, und so ein Interview „nur als Schlagabtausch“ funktionieren würde.

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