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Ein bisschen Faschismus

geschrieben von: Lucas Schoppe

Wie Zeit und Spiegel mit einer autoritären Politik flirten

Eine von der Wochenzeitung Die Zeit beworbene Forderung nach der Abschaffung von Familien und ein Interview im Spiegel zur Abschaffung von Väterrechten zeigt, wie politische Debatten heute medial geführt werden: nicht als Konfrontation demokratischer Positionen mit autoritärer Politik, sondern als provokative Inszenierung eines Konflikts verschiedener autoritärer Positionen, in der demokratische Politik zerrieben wird.

 

Die Abschaffung der Eltern und der Nutzen der Provokation

Die Zeit, einst eine betuliche, seriös-langweilige Wochenzeitung zur Dekoration von Studienratswohnzimmertischen, wird von ihrer Redaktion schon seit einer ganzen Weile windschnittiger und marktgerechter an Reiz-Reaktions-Muster des Internets angepasst. Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen dort Artikel, die mit souveränem Verzicht auf ablenkende Gedanken ganz für die Herstellung einer möglichst großen Erregung bei Kritikern und Verteidigern produziert werden.

Ein Beispiel solcher erregungsfördernder Provokationen ist vor einer Woche erst erschienen, hatte innerhalb weniger Tage zufriedenstellend mehr als 1000 Kommentare provoziert und zeigt, warum auch oberflächliches Clickbait gefährlich sein kann.

Lukas Hermsmeier verkündet darin die „elternlose Gesellschaft“ und verkauft das als „Kapitalismuskritik“. Laut Sophie Lewis‘ Buch „Full Surrogacy Now“ würde diese Gesellschaft nämlich „vollständige Schwangerschaftsgerechtigkeit“ herstellten, was immer das auch sein mag, „weil wir alle Leiheltern würden“, so dass „wir Familien nicht mehr bräuchten, weil die Gesellschaft ausreichend Fürsorge und Nähe spendete“.

Dies würde, so zitiert Hermsmeier die Autorin direkt, mit „Polymutterschaften“ und „Schwangerschaftskommunismus“ bewerkstelligt werden, denn:

Wir müssen Wege finden, um der Exklusivität und Vormachtstellung ‚biologischer‘ Eltern im Leben von Kindern entgegenzuwirken.

Warum genau wir diese Wege eigentlich finden müssten, wird im Text nicht so ganz klar, aber das macht auch nichts – denn was so dringlich ist, hat selbstredend eh keine Zeit für ausführliche Begründungen.

Der Ausgangspunkt ist noch ganz schlüssig, aber dann rutscht der Text sehr schnell ab. Leihmütter in Indien, Kambodscha oder Kenia „produzierten unter meist prekären Bedingungen“ – der Begriff „produzieren“ wird hier im Sinne von „eine Schwangerschaft austragen“ verwendet. Diese „neokolonial-ausbeutende Praxis der Leihelternschaft“ würde sich erledigen, wenn wir alle Leiheltern würden.

Erstens aber ist hier der Begriff „Eltern“ offenbar falsch, es geht im Kontext eindeutig um werdenden Leihmütter – so lange Männer keine Schwangerschaften austragen können jedenfalls. Dann passt allerdings das „wir alle“ nicht mehr, es sei denn, Männer gehörten ohnehin nicht dazu.

Warum aber müssen überhaupt „wir alle“, wer immer das sein mag, zu Leiheltern werden, um eine „neo-kolonial-ausbeutende Praxis“ zu beenden? Warum würde es dafür nicht reichen, die Leihmutterschaft in Deutschland zu legalisieren und gesetzlich sauber zu regulieren?

Der Zeit-Text gibt keine Antwort darauf, wie er von Leihmüttern in Kambodscha plötzlich bei der generellen Abschaffung von Familien in Deutschland, Großbritannien oder den USA landet. Selbst eine umfassende Versorgung mit kostenfreien Leihmüttern würde schließlich nicht in einer Abschaffung der Familie oder der Elternschaft münden. Da vielen Menschen weiterhin die existentielle Bedeutung von Eltern-Kind-Beziehungen bewusst ist, würden sie nur mit massivem staatlichen Druck verschwinden.

Der Zeit-Autor kaschiert diese offenen Fragen mit ein paar wuchtigen Zitaten. Im Mittelpunkt von Konservatismus und Neo-Liberalismus stünde weiterhin, so schreibt er mit Bezug auf die australische Professorin Melinda Cooper, „die weiße, heterosexuelle Familie, als moralische und ökonomische Norm“ – irgendwie, weiter erklärt wird das hier nicht.

Unübersehbar eine Keimzelle des Faschismus

Er zitiert Marx und Engels (immerhin schreibt er ja eine Kapitalismuskritik) und ihre „Kritik der Familie“, überspielt aber, dass Marx und Engels die bürgerliche Familie angriffen – und scharf kritisierten, dass sie mit der „erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier“ einherginge. (hier, Absatz 478)

Der Satz „Wer über die Familie, vor allem wie wir sie im Westen kennen, nicht reden will, soll über soziale Ungerechtigkeiten schweigen“ schließlich stammt zwar wohl von Hermsmeier selbst, spielt aber offen auf das Horkheimer-Bonmot an, dass jemand, der nicht vom Kapitalismus reden will, auch vom Faschismus schweigen solle.

Dass Familie, irgendwie, faschistisch wäre, zitiert der Zeit-Journalist mit Wilhelm Reich („zentrale reaktionäre Keimzelle“) und erneut Horkheimer („Keimzelle des Faschismus“) herbei, als ob es damit dann auch schon endgültig bewiesen wäre. Dass beide Autoren gern auch eine Menge ziemlichen Blödsinns von sich gegeben haben und Horkheimer eigentlich alles, was ihm nicht passte, irgendwie faschistisch fand, kann die Schlüssigkeit dieses Beweises an keiner Stelle trüben.

Aber im Ernst: Der Unernst ist erstaunlich, mit dem Hermsmeier ein „Gebilde“ (tatsächlich ein Zitat aus dem Text) zur Abschaffung markiert, das für Menschen rundweg eine existentielle Bedeutung hat. Dabei geht es tatsächlich nicht einmal um die Familie, von der es ja ganz unterschiedliche Formen geben kann, sondern vor allem – ohne dass das weiter erwähnt würde – um die Beziehung von Menschen zu ihren leiblichen Eltern und Eltern zu ihren Kindern.

Warum diese Beziehungen – selbst dann, wenn sie dysfunktional sind – für Menschen eine existentielle Bedeutung haben, versucht Hermsmeier gar nicht erst zu klären, weil es ihn schlicht nicht interessiert. Er interessiert sich nicht für Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung – nicht für die Kinder von Samenspendern, die ein existentielles Bedürfnis haben, ihre Väter kennenzulernen – er interessiert sich nicht für die Erfahrung der bleibenden Bedeutung leiblicher Eltern auch bei Adoptierten.

Das heißt: Die Belange der Betroffenen dieser „emanzipatorischen Revolution“, nämlich der Abschaffung von Elternschaft, interessieren hier ebenso wenig wie die empirischen Erkenntnisse zum Thema. Interessant ist für den Zeit-Autoren lediglich der politische Kontext, und dies auch bloß auf einer plakativen Ebene, auf der er Familie irgendwie mit Faschismus und ihre Abschaffung irgendwie mit einer Befreiung assoziiert.

Wie hohl und anmaßend dieses Wort-Spiel ist, zeigt sich auch an dem Begriff, den Lewis und andere Familienabschaffungssbefürworterinnen für sich selbst verwenden, nämlich den der „Abolitionisten“. Das ist im politischen Feld ein traditioneller Name für Kämpfer gegen die Sklaverei: Hermsmeier, Lewis und andere bedienen sich hier aus der Tradition von Befreiungsbewegungen, nutzen ihr moralisches Kapital für sich, aber nehmen sie nicht ernst.

Was aber sollte daran nun „kapitalismuskritisch“ sein? Tatsächlich werden hier existentielle, einzigartige und nicht austauschbare menschliche Beziehungen durch Beziehungen ersetzt, die über ihren Tauschwert auf dem Markt platziert werden können.

Was als „Kapitalismuskritik“ verkauft wird, ist tatsächlich eine Radikalisierung und Totalisierung von Marktlogiken. Die  Beschwörung der faschismusnahen Familie erfüllt vor allem den Zweck, faschistoide Anteile der eigenen Position nicht wahrnehmen zu müssen.

Und was soll daran nun feministisch sein?

 

Brauchen Samengeber Rechte? Von totalitären Dystopien

Würden Männer- und Väterrechtler eine Liberalisierung der Leihmutterschaft fordern, dann wäre das ja noch irgendwie nachvollziehbar. Frauen, die ohne Partner ein Kind haben wollen, können heute zu den Samenbanken europäischer Nachbarländer fahren und sich dort mit einem Kind versorgen. Wenn Männer ohne Partnerin ein Kind wollten, müssten sie auf Leihmütter zurückgreifen können.

Wären Väterrechtler also tatsächlich, so wie ihnen das von Mütterlobbyistinnen unterstellt wird, allein an ihren eigenen Interessen und nicht an denen der Kinder interessiert, dann wäre die Legalisierung der Leihmutterschaft längst ihre Kernforderung. Ist es aber nicht.

Und Feministinnen? Was Lewis entwirft, setzt selbst die ebenfalls schrägen Fantasien der Radikalfeministin Shulamith Firestone nur scheinbar fort. Firestone hoffte schon 1970 die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu eliminieren, indem Maschinen Schwangerschaft und Geburt erledigen und so die weiblichen Körper davon entlasten.

Lewis hingegen betont die Geschlechterunterschiede, wenn sie die spezifisch weibliche Möglichkeit der Schwangerschaft als spezifisch weibliches Kapital auf dem Markt etablieren möchte – und eben nicht nur auf dem Beziehungsmarkt, sondern auf dem allgemeinen Tauschmarkt für Güter und Dienstleistungen.

Was an Lewis‘ „Feminismus gegen die Familie“, der im Untertitel des Buches behauptet wird, feministisch ist, lässt sich allerdings mit der Begeisterung der Differenz- und Versorgungsfeministin Antje Schrupp erklären, die dringend eine deutsche Übersetzung des Buches fordert.

Für Schrupp sind Väter, wie sie gerade ungestört im Spiegel erklärt, schlicht „Samengeber“, und natürlich ist sie „dagegen, dass reines Samengeben bereits Vaterschaftsrechte konstituiert“. Wenn sie fortsetzt, dass „Vaterschaft freiwillig“ sein müsse, dann ist das irreführend und räumt Vätern keinesfalls Rechte ein: Freiwillig ist die Vaterschaft zuerst und vor allem für die Mutter. Sie wird grundsätzlich von staatlichen Institutionen versorgt, kann sich aber dafür entscheiden, mit dem Vater des Kindes zu kooperieren und ihn seine Vaterschaft realisieren zu lassen.

Weder der Vater noch das Kind, das bei Schrupp gar nicht erst als eigenständiges Lebewesen vorkommt, haben also Rechte gegenüber dem Willen der Mutter.

Die ganze Pointe dieses reaktionären versorgungsfeministischen Modells ist, dass damit der notwendige Zusammenhang zwischen Versorgung und Abhängigkeit scheinbar gekappt wird. In einer traditionellen Partnerschaft, in der die Frau vom Partner und Vater der Kinder ganz oder weitgehend finanziell versorgt wird, muss sie sich auch mit den Abhängigkeiten auseinandersetzen, die dadurch entstehen – so wie übrigens im traditionellen Modell auch der Mann auf andere Weise von der Frau abhängt.

In Schrupps Modell der staatlichen Versorgung von Müttern bei vollständig entrechteten Vätern und Kindern hingegen begibt sich die Mutter faktisch in noch größere, nämlich ganz einseitige Abhängigkeiten. Da diese Abhängigkeiten aber von persönlichen Beziehungen abstrahiert auf Institutionen überführt werden und die Frau den finanzierenden Männern, die ja weiterhin den Löwenanteil der Steuerlast aufbringen, überhaupt nicht persönlich begegnen muss, kann sie in einer Illusion der Unabhängigkeit leben.

Angesichts der Schrupp’schen Kombination von Mutter- und Staatsfixierung lässt sich dann der Reiz von Lewis‘ Modell für sie leicht erklären.

Eltern haben jeweils für ihre Kinder eine existentielle Bedeutung, und so wird in Elternbeziehungen eine prinzipielle Gleichwertigkeit der Eltern niemals ganz zu vermeiden sein – ganz gleich, wie stark hier auch staatliche Institutionen intervenieren.

Wenn aber Eltern-Kind-Beziehungen ganz aufgelöst und in Beziehungen der einzelnen Akteure zu staatlichen Institutionen überführt werden, dann lässt sich diese prinzipielle Gleichwertigkeit durch die vertrauten Klischees – Opfer/Täter, Ohnmächtige/Mächtige, hilfsbedürftig/privilegiert etc. – ersetzen, die dann immer eine hierarchische Ordnung der Eltern legitimieren.

Eine Politik, die sich auf Freund-Feind-Strukturen festlegt, ist auf Kanonenfutter angewiesen – das Modell des „disposable male“, wahlweise auch als „Samengeber“ einsetzbar.

Natürlich spricht Hermsmeier ebenso wenig wie Schrupp ausdrücklich von staatlichen Institutionen, Schrupp deutet lediglich ominös – und ohne dass vom Spiegel nachgefragt würde – an, dass die Versorgung der Mütter „anders gewährleistet werden“ müsse als durch Väter. Weder diese Versorgung noch die Entrechtung der Väter ließe sich aber ohne massives Eingreifen staatlicher Institutionen realisieren.

Als „Kapitalismuskritik“ sind Lewis‘ Ideen wiederum nur dann zu deuten, wenn der Markt, in den die Familienbeziehungen überführt werden, zugleich durch staatliche Institutionen kontrolliert wird

So ist also weder Schrupps noch Lewis‘ Modell ohne umfangreiche staatliche Versorgung und ohne massiven staatlichen Druck überhaupt denkbar. Was Hermsmeier in der Zeit als „Neudenken der Familienkritik“ anpreist, hat weder mit Familien noch mit Kritik allzuviel zu tun, weil die realen Bedingungen und Bedeutungen von Familien hier gar nicht interessieren.  Er entwirft mit Lewis eine totalitäre Dystopie, die er als Utopie verkauft – weil hier auch existentielle Beziehungen zwischen Menschen auf der Ebene der Lebenswelt umgewandelt werden in Beziehungen der Abhängigkeit zu staatlichen Systemen.

Selbst Hermsmeier müsste wissen, dass der möglichst vollständige staatlich-institutionelle Zugriff auf Kinder und die Schwächung eigenständiger Familienstrukturen ein durchgehendes zentrales Interesse totalitärer Systeme ist. Wie ist es überhaupt möglich, dass ihm diese Fantasie als etwas Positives erscheinen kann?

 

Schützengräben statt Brücken: Die Rhetorik des Überwindens

Wesentlich ist dabei eine Rhetorik des Überwindens. Utopien seien, so Hermsmeier, schwer vorstellbar, weil sie eben immer auf das Bekannte bezogen wären und wir das radikal Neue gar nicht fassen könnten: Das gelte etwa für

die Ideen einer postkapitalistischen und postpatriarchalen Gesellschaft, die sich, wie die Begriffe schon verraten, eben vor allem auf das beziehen, was sie überwinden möchten.

Und natürlich für die Überwindung der Familie.

Tatsächlich sind diese Überwindungsphantasien vor allem deshalb schwer vorstellbar, weil der Autor überhaupt kein Interesse an dem hat, was überwunden werden soll. Was er mit Kapitalismus meint, mit Patriarchat, mit Familie, bleibt jeweils diffus. Zwischendurch wirft er die Namen Trump, Bolsonaro und Orbán als Platzhalter für politische Feinde in den Text, als ob seine Ideen allein dadurch immer schon legitimiert wären. Irgendwie.

Deutlich wird allein der Gestus des Überwindens an sich.

Dass das politisch höchst gefährlich ist, müsste eigentlich jeder verstehen, der sich beispielsweise schon einmal mit dem Nationalsozialismus befasst hat. Die Überwindung des bestehenden „Systems“, der irgendwie falschen Ordnung, deren angebliche Falschheit für alle möglichen Sorgen der (deutschen, arischen) Menschen verantwortlich wäre, wurde in der nationalsozialistischen Rhetorik als Anbruch von etwas radikal Neuem verkauft.

Die Gefahr von Überwindungspolitiken ist offensichtlich: Je irrationaler sie sind, je weiter sie sich von wesentlichen und wichtigen Erfahrungen distanzieren, desto kraftvoller, ja vernünftiger und überzeugender können sie ihren Anhängern erscheinen. Ihre Irrationalität und Erfahrungsferne kann ja gerade als Nachweis dienen, dass diese Politik sich vom falschen Bestehenden gelöst habe und für etwas ganz Neues stehe.

Dass die Ähnlichkeit von Hermsmeier/Lewis zu einer Politik von rechtsaußen keine willkürliche Konstruktion ist, lässt sich an einem Vergleich mit einem der wichtigsten deutschen Impulsgeber weit rechter Politik erklären.

Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht ein Stehplatz im Salon, sondern eine Beendigung der Party. (Kubitschek, Provokation, 2018, S. 25)

Wie zu erwarten entschärft Götz Kubitschek sein berüchtigtes Zitat aus dem Aufsatz „Provokation“ aus dem Jahr 2007 nachträglich – es ginge ihm gewiss nicht um die Beendigung des demokratischen Diskurses, sondern bloß um das Ende von dessen Selbstbezogenheit. (85) Diese Entschärfung ist schlicht nicht glaubwürdig, denn die angeprangerte Selbstbezogenheit wäre ja zwangsläufig beendet durch eben die „Beteiligung am Diskurs“, die Kubitschek ablehnt.

Wichtig ist hier: Das Bestehende wird nicht als veränderungsfähig angesehen, so dass jede reale Veränderung nur in seiner Abschaffung, eben seiner Überwindung als möglich erscheint.

Der Überwindungsgestus ist so radikal auf Freund-Feind-Strukturen angewiesen: Es geht eben nicht um Überzeugung, sondern um Überwindung, nicht um Veränderung, sondern Beendigung und Abschaffung, nicht um Entwicklungen auf der Basis des Bestehenden, sondern um das Etablieren von etwas ganz anderem.

Das kann auch in einem linkstotalitären Muster münden, zur Politik von rechtsaußen aber wird es, weil es sich an die Vorstellung von einem irgendwie reinen, unschuldigen, ursprünglichen Menschsein knüpft, das durch ein falsches abstraktes System und seine Agenten bedroht werde. Hermsmeier und Kubitschek unterscheiden sich lediglich im Register, mit dem sie diese Unschuld bestimmen: Bei Kubitschek ist es das (deutsche) Volk, bei Hermsmeier das (weibliche ) Geschlecht.

Und natürlich weisen beide auf die Gewalt der jeweils anderen hin. Bei Kubitschek werden deutsche Jugendliche von muslimischen Jugendbanden  „beleidigt, gedemütigt, verfolgt, bedroht, erpreßt, mißhandelt“ usw. (10), bei Hermsmeier steht die feministischen Autorin Lewis „geiferndsten Kritikern“ gegenüber, und als der „stramm rechte“ Radiomoderator Carlson „seine Fans auf Lewis hetzte, erhielt die Autorin nach eigenen Angaben unzählige Morddrohungen.“

Der Feind ist jeweils gewaltbereit und skrupellos. Kubitschek stellt mit Bezug auf Peter Sloterdijk die Konsequenz solcher moralisierender Feindbilder selbst dar:

Der Krieg, der mit einem diskriminierenden, moralistischen Feindbild geführt wird, ist kein hegbarer Krieg mehr, sondern die Säuberungsaktion einer moralischen Instanz (…). (78)

Das ist durchaus schlüssig und ist zugleich absurd durch das völlige Fehlen von Selbstreflexion – denn wenn Kubitschek die destruktiven Konsequenzen des moralisierenden Feindbildbaus beschreibt, dann ja eben nur deshalb, um den eigenen Feind moralisch so weit wie möglich abzuqualifizieren.

Für die Überwindungsrhetorik ist es nämlich unwichtig, welche Positionen der Feind tatsächlich vertritt oder wie gar die Welt aus seiner Perspektive aussieht – wichtig ist nur, dass er der Feind ist. Manchmal ließe sich eine Idee eben am besten durch ihre Gegner verstehen: Dieser Satz stammt dann nicht von Kubitschek, sondern von Hermsmeier. Er meint damit „Männerrechtler, die sich als Familienrechtler ausgeben“.

Was Männer- oder Väterrechtler tatsächlich fordern, welche Positionen sie vertreten, weshalb sie nur angeblich für Familien eintreten würden – all das ist hier demonstrativ völlig gleichgültig. Am Feind ist weiter nichts interessant, als dass er eben der Feind ist – und diese ebenso radikalisierte wie inhaltlich entleerte Logik der Feindschaft begründet dann überhaupt erst die eigene Position.

So arbeiten sich dann verschiedene Ausprägungen einer militanten Logik von rechts gegenseitig zu. Kubitschek hätte nichts zu bieten ohne das raunend präsentierte Bild einer feindseligen allgemeinen Ordnung, gegen die er leise schaudernd den „Vorbürgerkrieg“ (10) herbeiprophezeit – Hermsmeier nichts ohne die Beschwörung rechter Kräfte, die eine angeblich emanzipatorische Politik bedrohen.

Wenn der Zeit-Autor die offene Forderung nach einer Abschaffung der Familie als Feminismus feiert, dann bestätigt er damit ein schon lange etabliertes Feindbild von rechts, bedient inhaltlich also – im modischen Jargon formuliert – „rechte Narrative“. Denn dass es im Feminismus tatsächlich um die Vernichtung der Familie ginge, ist beständig ventilierte Behauptung einer Feminismuskritik von rechts.

Provokationen, die sich gegenseitig füttern.

So spielen scheinbar unterschiedliche extreme Positionen einander in die Karten und haben dabei tatsächlich einen gemeinsamen Feind: eine demokratische Politik und, vor allem, eine demokratische Linke. Hermsmeier, Schrupp und Kubitschek haben deutlich mehr miteinander gemein, als es ihnen allen lieb sein kann.

Die Zeit hätte statt eines großen Artikels über die autoritären Träume einer  Feministin mit Familienaversion ja auch einfach einmal ein Buch empfehlen können, das tatsächlich im gegenwärtigen politischen Diskurs einzigartig ist. Im von Arne Hoffmann herausgegebenen Buch „Gleichberechtigung beginnt zu zweit“, treffen ganz unterschiedliche Positionen und Perspektiven auf eine zivile Weise aufeinander und loten Möglichkeiten der Kooperation aus. Ich konnte dazu auch einen Beitrag leisten, würde das Buch aber auch ganz ohne ihn dringend empfehlen.

Verständigung statt Überwindung, Pragmatismus statt neuer Weltordnung, unterschiedliche Perspektiven statt Durchsetzung der einen richtigen, Brücken statt Schützengräben: Daran fehlt leider der reizvolle Provokationswert der gewaltsamen Grenzverletzung durch antiliberale und antidemokratische Positionen, der schnelle Aufmerksamkeit generiert.

So pflegt dann das deutsche Bildungsbürgertum – oder das Milieu, das sich dafür hält – wieder seine Flirts mit dem Faschismus, als wäre nie etwas gewesen.

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67 Comments

  • Lucas, danke für den schönen Artikel!

    Das erste Problem an Kopisten wie Hermsmeier ist, sie schreiben von „progressiven“ US-Utopisten ab, die nicht nur keinerlei Zugang zur empirischen Realität ihres Landes haben, sondern diese entweder verleugnen oder auf den Kopf stellen.

    Ich hatte bereits an anderer Stelle ausgeführt, die Gilette-Werbung zeigt das Dilemma einer feministischen Überzeugung auf, wonach sich patriarchale Vorstellungen vom Vater auf den Sohn übertragen.

    Hier zur realen Situation in den USA: „More than half (58%) of black children are living with an unmarried parent – 47% with a solo mom. At the same time, 36% of Hispanic children are living with an unmarried parent, as are 24% of white children. The share of Asian children living with unmarried parents is markedly lower (13%).“ (1)

    Wenn man so will, ist das Projekt „family abolition“ für die schwarze community in den USA bereits vorbildlich umgesetzt, denn am Vater kann nichts „problematisch“ sein, er existiert nämlich mehrheitlich nicht. /sarcasm off

    Die bereits über ein Jahrzehnt vorher getätigten Analysen: „Thomas, Krampe, and Newton relies on a 2002 survey that shows how the father’s lack of presence has resulted in several negative effects on children ranging from education performance to teen pregnancy. Whereas the father presence tends to have an opposite effect on children, increasing their chances on having a greater life satisfaction.“ (2)

    Matthias Matussek bezog sich bereits 1997 auf soziologische Untersuchungen in den USA, die negative Effekte der Vaterlosigkeit feststellten:

    „Amerikanische Soziologen haben längst begonnen, die Verheerungen einer vaterlosen Gesellschaft zu untersuchen. Aus vaterlosen Familien stammen in den USA
    * 63 Prozent der jugendlichen Selbstmörder,
    * 71 Prozent der schwangeren Teenager,
    * 90 Prozent aller Ausreißer und obdachlosen Kinder,
    * 70 Prozent der Jugendlichen in staatlichen Einrichtungen,
    * 85 Prozent aller jugendlichen Häftlinge,
    * 71 Prozent aller Schulabbrecher,
    * 75 Prozent aller Heranwachsenden in Drogenentzugszentren.“ (3)

    Vor diesem Hintergrund ist ein 2019 erscheinender Artikel, der die Auflösung der Familie fordert als eine weitere Flucht aus und vor der Realität zu werten, nicht als „der radikale Schritt“ vorwärts, als der er sich präsentiert.

    Der Kopist Hermsmeier schließt nicht zufällig mit den „Männerrechtlern, die sich als Familienrechtler“ ausgeben.
    Sein letzter Satz ist das eigentliche Thema des kompletten Artikels: Eine sich pseudo-radikal gebende Verleugnung der Realität.

    (1) https://www.pewresearch.org/fact-tank/2018/04/27/about-one-third-of-u-s-children-are-living-with-an-unmarried-parent/
    (2) https://en.wikipedia.org/wiki/African-American_family_structure#African-American_extended_families
    (3) https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8822898.html

    PS, in dem Artikel saukomisch: „Auch die Berliner Philosophin Bini Adamczak näherte sich in ihrem Buch Beziehungsweise Revolution (Suhrkamp, 2017) – einer brillanten Synthese der Revolutionen von 1917 und 1968 – bereits Ideen zu einer familienlosen Gesellschaft.“

    Es gab 1968 keine Revolution – von daher fällt die „Synthese“ flach.

    „Wenn Kinder von großen demokratischen und antiautoritären Institutionen aufgezogen werden, Essen nicht mehr in Kleinküchen, sondern öffentlichen Kantinen zubereitet wird, Alte und Kranke nicht länger von sogenannten Angehörigen gepflegt werden und die Reinigung der Wohnungen nicht mehr privat organisiert wird“, schrieb Adamczak, „dann ist die Familie gänzlich überflüssig.“

    Nach dieser vulgär-materialistischen Deutung erschöpft sich die Funktion der Familie in Haus- und „care“-Arbeit…nun ja.
    Davon unbenommen, wie hieß noch einmal das Geschlecht, das überwiegend Haus- und „care“-Arbeit verrichtet?
    Wird dieses Geschlecht nicht als erstes überflüssig? 😉

    • Die Vorstellung, Leute sollten nicht mehr in Familien kochen, sondern alle in die Suppenküche gehen, da das den Kommunismus (und damit Glück und Gerechtigkeit) befördere ist keine Utopie, sondern Geschichte. Es geht hier um eine Übertragung des gescheiterten Sozialismus in den utopischen Feminismus – eine Übertragung im dreifachen Hegel-schen Sinne: beenden, aufheben und transzendieren. Und nicht zu vergessen: Schreiberling Hermsmeier heult mit den Mächtigen, wenn er fordert, was er fordert. Diese Lutherische Pose des „ich bin einer der wenigen, die …“ ist beim Thema Väterentrechtung so unangebracht wie kaum bei einem anderen Thema.

    • und die Reinigung der Wohnungen nicht mehr privat organisiert wird

      Hier muss ich ein klein wenig schmunzeln. Gibt es dann ein Bundesamt für Wohnungsreinigungen, das man anrufen kann, wenn wieder mal eine Reinigung der Badewanne und des Kochherds fällig ist? Oder gibt es dann keine Privatwohnungen mehr, sondern nur noch Kummunen mit Putzplan? Ich persönlich stelle mir unter Sozialismus dann doch etwas anderes vor, als die Vergesellschaftung aller Lebensbereiche unter ökonomischen Prämissen – die ganze Chose womöglich noch zentralistisch gesteuert mit einer einer Unzahl von Apparatschiks als Vermittler. Wer Marx liest, sollte den historischen Kontext beachten. Es ist nicht mehr 1850.

      Die Familie wurde von Marx als die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft aufgefasst und diese wiederum, von „späteren Sozialisten“ (ich glaube, Marx hat das so nicht gesagt, konnte er gar nicht, da der Begriff Faschismus als solcher gar nicht existierte) als protofaschistisch eingestuft. Das halte ich für falsch, denn der Faschismus ist eine totalitäre Ideologie, die sich den Zugriff auf die Familie ebenso sichern will wie der Stalinismus, weil in der Familie Solidaritätsbanden wirken, die nicht notwendigerweise der politischen Doktrin folgen und nur mangelhaft kontrollierbar sind – die Familie ist in diesem Sinn vielmehr eine Keimzelle der Konterrevolution.

      Wird dieses Geschlecht nicht als erstes überflüssig?

      Nein, die werden alle Genderprofessorinnen. Davon hat man nie genug!

    • Ja das klingt wirklich alles nach sozialistischen Ideen aus dem 19. Jahrhundert, wie Lenin und seine Bolschewiki sie dann in die Realität umzusetzen versuchten. Und krachend scheiterten, ebenso wie die Kibbuzim in Israel. Haben die davon noch nichts gehört?

      • Du machst aber hier ein Fass auf!

        Was in der Verherrlichung der Makarenko-Pädagogik mündete, war in der damaligen Zeit die Reaktion auf ein bitteres Problem: Was macht man mit sieben Millionen Waisenkindern, die auf der Straße leben?
        https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_Bürgerkrieg#Lage_der_Bevölkerung

        Faktisch waren sie von der Lage völlig überfordert und die Erfolge wurden überhöht dargestellt.

        Nächste mythische Verklärung: Im Kibbuz lebten in Israel nie mehr als 8% der Bevölkerung.
        Der Charakter der Wehr-Siedlung hat verhindert, dass sie sich dort ansiedelten, wo es besonders ertragreich gewesen wäre. Stattdessen waren sie dort, wo sie gebraucht worden sind.

        Dass der israelische Staat das „vergessen“ hat hängt mit dem Umstand zusammen, die Siedler, die nunmehr von staatlichen Subventionen profitieren sind treue Wähler des Likud und anderer rechter und religiöser Parteien.

    • Deine Übersicht über die Väter in Familien bezogen auf die verschiedenen Ethnien verhält sich genau umgekehrt proportional zu den Einkommen in den USA, Mit Asiaten an der Spitze, gefolgt von Weiße, Hispanics und Schwarzen. Und diese Progressiven wollen das alle da landen wo die Schwarzen heute sind.

      Die einzigen, die daran ein Interesse haben können, sind die Machthaber.

      • @Matze

        Das ist notwendig so, wenn man „Haushaltseinkommen“ von gut gebildeten Doppelverdienern mit einer allein Erziehenden vergleicht, die früh schwanger geworden ist und maximal die high school abgeschlossen hat.

        Den sich dann anschließenden Teufelskreis aus Armut und Unbildung zu verherrlichen, ist kompletter Irrsinn.

    • @Mrkus (korrekt?)

      Jetzt wird es ironisch, denn es geht um einen Fall von Marx „lost in translation“.

      Im Original „Manifest der Kommunistischen Partei“ auf Deutsch heißt es mit Hervorhebung durch mich:

      Aufhebung der Familie! Selbst die Radikalsten ereifern sich über diese schändliche Absicht der Kommunisten.“ – wobei klar gemacht wird, er stellt die bürgerliche Familie der „erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier und der öffentlichen Prostitution gegenüber“. (MEW 4, S. 478)

      Im mir vorliegenden Nachdruck der englischen Ausgabe von 1888 wird dies auf S. 19 jedoch so übersetzt: „Abolition of the family! Even the most radical flare up at this infamous proposal of the Communists.“

      D.h. aus dem Hegelschen Begriff der „Aufhebung“ wurde die „Abschaffung“, was eine völlig falsche Übersetzung ist.
      Sie hätten aber mindestens eine Seite gebraucht, um den Begriff zu erklären und das hätte den Textfluss des Manifests torpediert.

      Also wurde eine Übersetzung gewählt, die in der englischen Sprache radikal klang und eine (gewollte?) politische Analogie zum „Abolitionism“ herstellte – womit die Abschaffung der Sklaverei gemeint war.

      Selbstverständlich spielte das US-amerikanischen Feministinnen in die Hände, die gedachten, die schwarzen Sklaven als Opfer zu beerben.
      Denn was ist schon die historische Tatsache wert, dass die Sklaven und Sklavinnen Familienbesitz waren und demzufolge hälftig der Ehefrau gehörten, wenn diese sich als Co-Sklavin immerhin fühlen darf? /sarcasm off

      Anyway, die radikal utopistische Bewegung des „Familien-Abolitionismus“ beruht nicht auf Marx, sondern auf einem idiotischen Übersetzungsfehler.

      • Verstehe ich das richtig? Im Original heißt es „Aufhebung“ (i.S. von Hegel), dies wurde fälschlich ins englische übersetzt mit „Abolition“, und jetzt haben wir es mit einem Idioten zu tun, dessen Traktat sich wesentlich auf die Rückübersetzung Abolition = Abschaffung stützt? Also einmal im Kreis gedreht und dabei komplett die Orientierung verloren?

        Das ist ja an Absurdität kaum zu überbieten…

        Vor allem weil es zeigt dass die idiotischen Schreiberlinge sich genau 0 (in Worten: Null) für die tatsächlichen Aussagen interessieren, denn sonst wäre ihnen dieser offensichtliche Fall von Lost in translation aufgefallen. Die nehmen sich einfach das was ihnen gerade in den Kram passt und was maximale Aufmerksamkeit generiert.
        Gerade Genderfeministen werfen ihren Kritikern doch immer wieder mal gerne vor, sie mögen doch erstmal die relevante Literatur lesen. Herr wirf Hirn vom Himmel. Oder, wie es andere Kommentatoren schon oft gesagt haben: Femininismus (sic) ist zu 90% Projektion.

        • „Verstehe ich das richtig?“ Ja!
          Das ist leider nicht der einzige Fall, wo der Export und Re-Import von Theorie gnadenlos in die Hose gegangen ist.

          Leszek hat seitenweise geschrieben, wie die US-Rezeption von französischen Poststrukturalisten mit deren eigentlichen Gedanken nichts mehr zu tun hatte.

          Aber genau diese werden von den deutschen Kopisten aufgegriffen.

          • Und warum jagt man diese Kopisten (sowohl deutsche als auch US), die ja offensichtlich so gar keine Ahnung haben und hauptsächlich auf Aufruhr aus sind, nicht mit dem nassen Fetzen aus den Universitäten bzw. Redaktionen?

          • @pingpong

            Weil sie mit großer Zuverlässigkeit irreale Scheinprobleme produzieren und durch die Generierung von emotionalem „outrage“ Aufmerksamkeit sicherstellen. Davon leben Medien, in denen sie arbeiten.

            Zugleich ist das Kopistentum und die Weigerung, sich mit der empirischen Realität zu beschäftigen der beste Einstieg in die individuelle Arbeitszeitverkürzung.

            Recherche kostet Zeit und setzt die Bereitschaft voraus, seine Überzeugungen in Frage zu stellen, wenn die empirische Realität nicht zur Theorie über diese passt.

            Weder möchten sie die Zeit investieren, noch sehe ich die Bereitschaft zur Selbstkritik, sondern sie radikalisieren sich im Zuge einer fortwährend irrealen Selbstradikalisierung ins Nirwana.

            Aktuelles Beispiel: Sie stellen die Familie „radikal“ in Frage. Dufte. Was war noch einmal ihre Antwort auf gesellschaftliche Zerfallsprozesse und ihre Folgen?
            Es gab und sie haben keine.
            Nächster Halt: Nieder mit der Schwerkraft! 😉

          • @crumar: Dann konstatiere ich sowohl für die Redaktionen als auch für die Universitäten ein völliges Versagen der Qualitätssicherung sowie von korrigierenden Maßnahmen zur Vermeidung der Produktion von Bullshit.

            Das ist in den Redaktionen zumindest noch einigermaßen nachvollziehbar, denn es gab schon immer solche und solche Blätter. Grund zur Verwunderung liefert allenfalls die Tatsache, dass der Bullshit in (ehemals) seriösen Blättern erscheint und nicht in den untersten Etagen der Yellow Press wo er hingehört. Aber das hat Lucas in seinem hervorragenden Artikel ja bereits herausgearbeitet.

            Mehr Sorgen bereitet mir das Fehlen von Korrekturmechanismen an den Universitäten. Du schreibst „Recherche kostet Zeit und setzt die Bereitschaft voraus, seine Überzeugungen in Frage zu stellen, wenn die empirische Realität nicht zur Theorie über diese passt.“ Das ist m.M.n. eine kurze und prägnante Beschreibung des Wesens und Aufgabe einer Universität, genau dafür gibt es diese Institution überhaupt. Wie kann es also sein, dass quasi ein ganzer universitärer Zweig von Leuten beherrscht wird, denen obige Qualitäten nicht nur offensichtlich fehlen, sondern die auch noch in einer unfassbar präpotenten Art und Weise genau das Gegenteil machen?
            Wo sind die universitären Stimmen die sich gegen diesen Ausverkauf von Wissenschaft wehren? Wo sind die inneruniversitären Korrekturmechanismen?

            Leszeks Hinweise in allen Ehren, aber das wird ein Kampf gegen Windmühlen bleiben, denn es ist reine Symptombekämpfung: Kritiker aus anderen Fachgebieten (d.h. ohne die notwendige Expertise) reagieren natürlich auf die Präsentation des Poststrukturalismus lt US-Rezeption, denn das ist die vorherrschende Präsentation. Und sie reagieren natürlich auf die Argumente wie sie von den US Genderfeministen vorgebracht werden. Dass sowohl die Präsentation des Postrukturalismus als auch die entsprechenden Argumente falsch sind, ist in erster Linie nicht den Kritikern anzulasten, sondern denen die diese falsche Präsentation und Argumente vorbringen. Leszeks unermüdliche Bemühung zuerst die Kritiker zu belehren bleibt also notwendigerweise fruchtlos.
            Eine Ursachenbekämpfung wäre es, die Idioten an den Universitäten zu kritisieren und nicht die Kritiker, die die Idioten kritisieren. Denn letztere nehmen den Hinweis auf die falsche Rezeption des Postrukturalismus ja in aller Regel dankbar auf (adrian ausgenommen 😉 ). Nicht umsonst wurde wiederholt die absurde Tatsache festgestellt, dass mittlerweile eigentlich fachfremde Menschen mehr Ahnung von feministischer Theorie, Postrukturalismus etc haben, als die eigentlichen „Experten“ in den entsprechenden universitären Zweigen.
            Wie konnte es soweit kommen?

          • Tja, insofern ist Aprache nämlich doch eine Waffe, die Inhalte verändert, nämlich dann, wenn Begriffe vorsätzlich falsch kodiert werden, um die dahintersteckenden Inhalte zu verzerren, bspw. von einer zutreffenden Bezeichnung zu einer kontextuellen Abwertung. Über Bande angewandt, eine äußerst erfolgreiche Taktik.

            Man denke nur an die in Juristik und Institutionen gebrauchten, also über die Medien transportierten und vom „Rest“ als korrekt empfundenen Termini im familienrechtlichen Bereich, wie z.B. KM, KV, KE, leibliche, oder biologische Eltern, Kindeswohl, Wechselmodell etc. und deren Verklammerungen.

          • @pingpong

            „Wie konnte es soweit kommen?“

            Das ist eine Frage, die ich mir heute noch stelle.

            Wenn man Butler liest, dann existiert außer der Beschäftigung mit de Beauvoir nicht eine einzige Auseinandersetzung mit irgendeinem Vertreter der klassischen Linken. Kein Marx, keine Frankfurter Schule. Nichts. Sie zu einer Vertreterin eines „cultural marxism“ zu machen ist ein Witz.

            Als das Buch schließlich 1990 (1991 in Deutschland) erschien, traf es einerseits auf die Leerstelle, die der Untergang des „real existierenden Sozialismus“ gelassen hatte.
            Andererseits ist das Buch gleichzeitig ihre Promotion – setze ich nur drei Jahre für diese an, so war demnach spätestens 1987 die klassische Linke und irgendein links/sozialistisch argumentierender Feminismus an den US-Universitäten Geschichte geworden.
            Diese Kräfte müssen bereits so marginalisiert gewesen sein, dass sie in ihrer Gedankenwelt keine Rolle mehr gespielt haben.

            Auch dass der ursprünglich aus der US-Linken geborene Gedanke der „Intersektionalität“ so einfach von durchgeschallerten Linksliberalen übernommen werden konnte, in der „Klasse“ nur noch unter „ferner liefen“ vorkommt zeigt mir, bereits zu diesem Zeitpunkt war die klassische Linke in den USA zu schwach, sich dieser Übernahme zu erwehren.

            Der Re-Import wiederum wurde m.E. begünstigt durch die Verblödungsprozesse, die durch die Bologna-Reform der Studiengänge ausgelöst worden sind und durch die mit dem Internet einsetzende Krise der klassischen Printmedien.

      • Der Begriff „aufheben“ hat zwei mögliche Bedeutungen, zwei sich widersprechende Bedeutungen. „Aufheben“ kann im Sinne von „bewahren“ wie auch als „ein Ende bereiten“ gebraucht werden, was zwei gegensätzliche Bedeutungen einschliesst. Es ist somit im wahren Sinn des Wortes nicht eindeutig, sondern zweideutig.
        Die (gewollte) Zweideutigkeit bei u.a. Hegel soll, so zumindest ist mein Verständnis, darauf hinweisen, dass nach der Aufhebung nicht einfach nichts ist, sondern sich das neue aus dem Alten verwirklicht hat. Aber jetzt kommt sicher Leszek daher und scheisst mich zusammen, weil ich wieder mal alles falsch verstanden habe. 🙂

        • Hmmm…

          „Ist die Raupe erwachsen, beginnt sie mit der Verpuppung, indem sie sich zum letzten Mal häutet. Danach findet die Metamorphose zum Schmetterling statt. Dabei werden die Raupenorgane abgebaut oder umgeformt und zu Falterorganen umgebildet und auch die gesamte äußere Gestalt der Tiere ändert sich.“ (Wiki)

          In der Metamorphose zum Schmetterling findet sich m.E. ein recht hübsches Beispiel in der Natur für das, was im dialektischen Sinne „Aufhebung“ meint. Abgesehen von der unguten Tatsache, dass diese bereits fest angelegt ist. Ich überlege mir noch etwas…

        • Die kognitive Entwicklungspsychologie wird manchmal als Beispiel für die dialektische Aufhebung verwendet.

          Erreicht jemand z.B. die Stufe des formal-operationalen Denkens im Sinne Jean Piagets, dann werden die mit den vorherigen kognitiven Stufen einhergehenden magisch-mythischen Weltbilder zwar zerstört, aber die kognitiven Fähigkeiten, die man auf den vorherigen Stufen entwickelt hatte, bleiben erhalten. Es kommen nur neue kognitive Fähigkeiten hinzu und dadurch verändert sich die Weltsicht.

          Was an der vorherigen Stufe im Sinne der nun erforderlichen Komplexität „unzureichend“ war, wird also überwunden, aber alle Errungenschaften der vorherigen Stufen bleiben bewahrt und trotzdem ist die neue Stufe qualitativ anders, weil komplexer als die vorherige.

          Manchmal wird argumentiert, dass es bei den Moralstufen im Sinne Lawrence Kohlbergs anders sei, weil man in moralischer Hinsicht nicht gleichzeitig egozentrisch (präkonventionell), soziozentrisch (konventionell) oder weltzentrisch (postkonventionell) sein könne. Ich halte diese Interpretation allerdings für falsch. Wenn jemand z.B. die weltzentrische Stufe erreicht, dann bleibt die Fähigkeit zur Sorge für die Mitglieder der eigenen Bezugsgruppe m.E. genauso bewahrt wie die Fähigkeit zur Selbstsorge – man ist nur nicht mehr darauf beschränkt.

          Daher finde ich, dass die dialektische Aufhebung auch bei den Moralstufen wirksam ist.

          Bezogen auf gesellschaftliche Transformationsprozesse bzw. kulturelle Evolution meint die dialektische Aufhebung, dass beim Sprung auf eine „höhere“ Kulturstufe wesentliche kulturelle Errungenschaften der vorherigen Kulturstufen erhalten bleiben.

          Marx und Engels waren z.B. genauso wie die meisten anarchistischen Theoretiker der Ansicht, dass eine freiheitlich-sozialistische Gesellschaft die Demokratie und die Möglichkeiten zur persönlichen Selbstverwirklichung erweitern müsse und gleichzeitig die kulturellen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft bewahren müsse. Das Erreichen einer sozialistischen Gesellschaft bedeutet für sie daher keinesfalls den Wegfall der Errungenschaften z.B. bürgerliche Kunst, Literatur, Philosophie oder Wissenschaft (oder diejenigen der vorherigen Kulturstufen). Sie beinhaltet vielmehr, dass diese Errungenschaften allen Menschen zugänglich sein sollten.

          Manchmal gab es in der klassischen Arbeiterbewegung aber auch kleine radikale Sekten, die z.B. einen völligen Bruch mit der bürgerlichen Kultur wünschten (Proletkult etc.), bei diesen fehlt – im Gegensatz zu Marx und Engels – also die dialektische Aufhebung.

          Noch ein Zitat von Marx zur Familie:

          „So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage FÜR EINE HÖHERE FORM DER FAMILIE und des Verhältnisses beider Geschlechter. Es ist natürlich ebenso albern, die christlich germanische Form der Familie für absolut zu halten als die altrömische Form, oder die altgriechische, oder die orientalische, die übrigens untereinander eine geschichtliche Entwicklungsreihe bilden. Ebenso leuchtet ein, daß die Zusammensetzung des kombinierten Arbeitspersonals aus Individuen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, obgleich in ihrer naturwüchsig brutalen, kapitalistischen Form, wo der Arbeiter für den Produktionsprozeß, nicht der Produktionsprozeß für den Arbeiter da ist, Pestquelle des Verderbs und der Sklaverei, unter entsprechenden Verhältnissen umgekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen muß.“ (Hervorhebung von mir.)

          (aus: Karl Marx – Das Kapital Band 1, MEW Bd. 23, 514)

          Mit Aufhebung der Familie dürfte Marx also gemeint haben, dass im Kontext der kulturellen Evolution eine „höhere Form der Familie“ entstehen würde, die einerseits die Errungenschaften der bürgerlichen und proletarischen Familie bewahrt und die andererseits die durch den Kapitalismus bedingten Entfremdungserscheinungen, die er in der bürgerlichen Familie und proletarischen Familie seiner Zeit analysierte, beseitigt.

          Wie eine solche nicht-entfremdete höhere Form der Familie aber nun genau aussieht, darüber sagt Marx nichts, denn gemäß seines geschichtsphilosophischen Verständnisses lässt sich – von sehr allgemeinen Aussagen abgesehen – nichts darüber aussagen, wie die Institutionen in einer befreiten Gesellschaft beschaffen sein werden, (das müssen die Menschen sozusagen selbst herausfinden).

          • Hi Leszek! 🙂

            Engels würdigt Hegel und die Dialektik wie folgt (kursiv von mir):

            „Ihren Abschluß fand diese neuere deutsche Philosophie im Hegelschen System, worin zum erstenmal – und das ist sein großes Verdienst – die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und Entwicklung begriffen dargestellt und der Versuch gemacht wurde, den inneren Zusammenhang in dieser Bewegung und Entwicklung nachzuweisen. Von diesem Gesichtspunkt aus erschien die Geschichte der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalttätigkeiten, die vor dem Richterstuhl der jetzt gereiften Philosophenvernunft alle gleich verwerflich sind und die man am besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der Entwicklungsprozeß der Menschheit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu verfolgen und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde.

            Daß Hegel diese Aufgabe nicht löste, ist hier gleichgültig. Sein epochemachendes Verdienst war, sie gestellt zu haben.“
            F. Engels MEW 20 S. 22-24

            Dein Beispiel: „dann werden die mit den vorherigen kognitiven Stufen einhergehenden magisch-mythischen Weltbilder zwar zerstört, aber die kognitiven Fähigkeiten, die man auf den vorherigen Stufen entwickelt hatte, bleiben erhalten. Es kommen nur neue kognitive Fähigkeiten hinzu und dadurch verändert sich die Weltsicht.“ finde ich nicht so gelungen.

            Es findet ein qualitativer Sprung statt, indem die magisch-mythischen Weltbilder von einem rationalen Weltbild abgelöst worden sind.

          • @ Crumar

            „Es findet ein qualitativer Sprung statt, indem die magisch-mythischen Weltbilder von einem rationalen Weltbild abgelöst worden sind.“

            Das wollte ich nicht bestreiten.

            Ich wollte nur darauf hinaus, dass dieser qualitative Sprung sich auf eine Art und Weise vollzieht, bei der die bereits entwickelten kognitiven Fähigkeiten bewahrt bleiben, aber neue kognitive Fähigkeiten hinzukommen.

            „Zerstört“ werden durch diesen qualitativen Sprung die magisch-mythischen Weltbilder, nicht aber die kognitiven Fähigkeiten, die diesen zugrundeliegen. Diese werden in der neuen kognitiven Struktur bewahrt und gleichzeitig werden die kognitiven Fähigkeiten erweitert.

            Ähnlich ist es ja auch, falls wir jene entwicklungspsychologischen Modelle zugrundelegen, die dialektisches Denken als die auf das formal-operationale Denken folgende kognitive Stufe betrachten, also die entwicklungspsychologischen Theorien der sogenannten post-formalen kognitiven Stufen:

            https://en.wikipedia.org/wiki/Postformal_thought

            Wer im Sinne dieser entwicklungspsychologischen Theorien die post-formale kognitive Stufe erreicht, der bewahrt trotzdem die Fähigkeit zum formal-operationalen Denken.

          • „Hegel, Marx, Horkheimer…. könnte es sein, dass ihr ein wenig hinter der Zeit zurück seid?“ Meine Schuld, ich hatte hier ja Horkheimer und Marx ins Spiel gebracht. Aber natürlich nur, weil Herr Hermsmeier damit angefangen hatte.

            Noch eine kleine Ergänzung zu Hegels „Aufhebung“. Oft wird „aufheben“ in einer dreifachen Bedeutung interpretiert, die gut zur dialektischen Bewegung passt (das geht auf den Post von Pjotr zurück und fügt noch eine Bedeutung hinzu).

            Aufheben lässt sich demnach mit den lateinischen begriffen „conservare“ (aufbewahren), „negare“ (verneinen) und „elevare“ (hochheben) übersetzen. Bei Marx können wir mir Sicherheit davon ausgehen, dass er mit dieser dreifachen Bedeutung des Begriffs vertraut war. „Aufheben“ einfach nur mit „abolish“ zu übersetzen, reduziert das auf eine einzige Bedeutung, nämlich die des „negare“. Der anmaßende Anschluss an die Anti-Sklaverei-Bewegung als „Abolitionisten“ macht die Verblödung dann komplett.

            @ Leszek Sehr schön, wieder von Dir zu lesen, auch wenn ich das womöglich nur durch eine verkürzte Darstellung von Horkheimer getriggert habe 🙂 ! Kohlbergs Modell funktioniert eigentlich tatsächlich nur, wenn das „conservare“-Element enthalten ist. Dort wird die Entwicklung von einer Stufe zur nächsten ja durch Dilemmata nötig – moralische Probleme, die auf der jeweiligen Stufe nicht zu lösen, die aber auch nicht zu ignorieren sind. Aber auf den weiteren Stufen verschwindet dann ja nicht einfach die Kompetenz zur Lösung der vorangegangenen Probleme – es kommt nur etwas hinzu.

            @ElMocho Natürlich schleppen diese Diskussionen alte, z.T. (Hegel) uralte Positionen an. Aber ich finde das an dieser Stelle auch wichtig. Die Positionen, die Hermsmeier in der ZEIT, immerhin der wohl wichtigsten bildungsbürgerlichen Zeitung, vertritt, können eigentlich nur dann irgendwie plausibel wirken, wenn jemand (unter anderem) überhaupt keine Ahnung davon hat, in welchen Traditionen sich dieser Text überhaupt bewegt. Und hier ist es zum Beispiel schon über die philologische Fingerübung hinaus auch sachlich wichtig, dass „aufheben“ nicht einfach nur „abschaffen“ bedeutet.

          • @liebe Leute,
            Diese „dialektische Aufhebung“ ist sicherlich vom biologischen Evolutionsgedanken inspiriert, dieses kreiste immer schon um das Problem, wie aus „einer Qualität“ eine ganz neue wird – und das auch noch durch den puren Zufall der Veränderung, die rein passiv wirksam wird. Eine perfekte Veranschaulichung war das mit der Metamorphose von crumar, nicht zufällig ein Beispiel aus der Biologie. Diese diente ja vielfach für gesellschaftliche Vorstellungen der verschiedensten politischen Strömungen und Ideen!
            Die Sozialisten waren überzeugt, dass der Mensch die Familie transzendentieren würde und die Gesellschaft würde zur Familie des neuen Menschen werden oder das Volk oder wie auch immer Kollektive von Menschen definiert wurden. Auf der anderen Seite wird aber eine andere Seite der Moderne negiert, nämlich das Individuum und sein Eigeninteresse, welches sich dem Kollektiv unterzuordnen hätte. Die Familie war eine vormoderne Institution, die den Menschen „an die Kandarre“ nahm und dann ersetzte der Staat inn der Moderne diese Stelle, man müsse sich ihm statt der Familie unterordnen. Andere Ideologien sind religiöser Art, die typischerweise vom „Anfang der Zeit“ und mythologisch argumentieren. Religionen können die Familie glorifizieren oder auch ablehnen, je nach Bedarf. Die Familie hat ja auch positive Aspekte, biologisch gesehen: Arbeitsteilung und soziale Kohäsion. Überdies: Die Familie ist evolutionär gesehen ja der Lehrmeister des Sozialen beim Menschen. Also keine Gebote, Vorschriften durch Götter oder ewige Gesetze.
            Wenn der Staat sich nun an der Familie statt setzen will, dann möchte er alles bestimmen. Das ist das, was man als „totalitär“ bezeichnet, hier wird der Mensch eingespannt, um gewisse Ziele zu erreichen. Da muss die Konkurrenz Familie ausgeschaltet, überwunden werden. Das ist das, was „Aufheben“ bedeutet: Überwindung, Metamorphose, Transformation.

          • @Alex

            „Diese „dialektische Aufhebung“ ist sicherlich vom biologischen Evolutionsgedanken inspiriert, dieses kreiste immer schon um das Problem, wie aus „einer Qualität“ eine ganz neue wird“

            Es war (leider 😉 ) genau anders herum.

            μεταμόρφωσις = metamórphosis = Metamorphose stammt nicht umsonst aus dem Altgriechischen.
            διαλεκτικέ = dialektiké = Dialektik als Begriff gibt es seit Platon.

            Heraklit von Ephesos (gestorben 460 vuZ): „Das Grundprinzip des Kosmos ist nach Heraklit nicht – wie etwa für Parmenides von Elea – ein statisches, gleichbleibendes Sein, sondern das Werden. Während Parmenides das Nicht-Sein und damit das Werden radikal leugnet, betont Heraklit das gegensätzliche, aber in untrennbarer Einheit verschränkte Verhältnis von Sein und Werden.“ (Wiki)

            Georg Wilhelm Friedrich Hegel (* 27. August 1770 in Stuttgart; † 14. November 1831 in Berlin) bezieht sich in seinem Verständnis von Dialektik eben auf Heraklit (und reicht über ihn hinaus).

            Die von Darwin angestoßene Evolutionslehre beruhte auf geistigen Vorüberlegungen, die über 2000 Jahre vor ihm getätigt worden sind.
            Das Hauptwerk von Newton hieß nicht umsonst: Philosophiae Naturalis Principia Mathematica = Die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie.
            Die Idee, dass Philosophie die tragende Kraft des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses ist spricht noch aus dem Titel.

            Die Biologie ist ein – vergleichsweise – junge Naturwissenschaft, der das erben lernen sehr gut zu Gesicht stehen würde.

            „Auf der anderen Seite wird aber eine andere Seite der Moderne negiert, nämlich das Individuum und sein Eigeninteresse, welches sich dem Kollektiv unterzuordnen hätte.“

            Erst mit der Moderne gibt es ein Individuum, welches von den Interessen des Kollektivs unterscheidbar ist.
            Die Freiheit, dein „Eigeninteresse“ zu artikulieren und>/i> durchzusetzen kannst du überhaupt nur erlangen, wenn dir bewusst ist, du lebst in Zwängen und in sozialen Bindungen, die es dir unmöglich machen, ein Eigeninteresse zu artikulieren.
            D.h. es muss dir erst einmal bewusst werden, du lebst in Unfreiheit, um eine Vorstellung von „Freiheit“ zu entwickeln.

            Das ist der soziale Hintergrund, vor dem Marx und Engels formulieren: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht“ – Geburtswehen des Individuums.
            Was natürlich erscheint, wirkt auf einmal künstlich.

            „Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht, die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken.“ formuliert Heiner Müller

            „Das ist das, was „Aufheben“ bedeutet: Überwindung, Metamorphose, Transformation.“

            Ich würde vorschlagen, „aufheben“ in seiner dreifachen Bedeutung als als „empor hebend, überwindend“, für „beendet, nicht oder ungültig“ und „aufbewahrend, erhaltend“ zu verstehen.

            Der Unterschied zum biologischen Beispiel „Schmetterling“ liegt darin, dass der Transformationsprozeß von der Raupe zum Schmetterling bereist genetisch in diesem angelegt ist.
            Er ist daher niemals ergebnisoffen.

            Das ist der Unterschied zwischen einen bewussten Plan haben oder ihn nur unbewusst zu vollziehen.

          • @crumar
            Diese Idee ist wirklich sehr wichtig, daher muss ich sie nochmal rausarbeiten.
            Dialektik war bei den Griechen schlicht und einfach die Unterhaltung, bei Platon und Co das geeigneste Mittel zur Wahrheitsfindung. Die dementsprechenden Dialoge sind daher nach dem Muster: der Heldenphilosoph schlägt argumentativ alle seine Gegner und nebenbei kommt das Gute, Schöne, Wahre raus.
            Die Hegelsche Dialektik scheint wenig mehr als eine Abstraktion dieser alten griechischen Idee: These – Gegenthese – Synthese.
            Bei den Griechen gab es nun zwei Vorstellungen über den grundsätzlichen Zustand der Welt. Einmal den statischen Zustand einer ewigen Welt und dann die Vorstellung einer sich permanent verändernden Welt, „alles fliesst“, dein Heraklit.

            Und jetzt mein Punkt: Die erst mal intermediär erscheinende Idee von Zuständen, die lange statisch sein können, dann aber schnell sich zu etwas Neuem abwandeln kam mit der Evolutionstheorie auf und war eine notwendiges Hilfsidee, um überhaupt begreifen zu können, wieso zufällige und unwirksame Mutationen die Ursache für erhebliche Veränderungen sein können. Irgendeine Art der Dialektik hat mit dieser Idee vom konzertiert-zufälligem Wandel gar nichts zu tun, sie kam quasi automatisch beim Erarbeiten wie die Tier und Pflanzenwelt entstanden sein muss!
            Die evolutionäre Idee finde ich auch höchst brauchbar, wenn es um das Verstehen von Ideengeschichten geht, also wenn man den Ursprung und die Entwicklung solcher Ideologien wie dem Feminismus begreifen will. Es fasziniert mich ungemein, dass diese Ideen sich evolutionär wie Organismen zu verhalten scheinen und könnte mir sogar vorstellen, dass die Soziologie hier mal einen ungeahnten Durchbruch erleben könnte. Deshalb finde ich es wichtig zu betonen, dass die Idee des „diskontinuierlichen Wandels“ aus der Biologie stammt, denn so könnte es möglich sein, Ideen und Ideologien mal naturwissenschaftlich zu erklären.

          • „Der Unterschied zum biologischen Beispiel „Schmetterling“ liegt darin, dass der Transformationsprozeß von der Raupe zum Schmetterling bereist genetisch in diesem angelegt ist.“

            Der Evolutionsprozess muss beide Zustände unabhängig voneinander entwickelt haben. Aber wieso können sie dann so scheinbar planmässig angelegt sein. Das ist das Rätsel. Vor allem, wenn du annehmen musst, dass kleinste, aber möglicherweise diskrete, Veränderungsschritte, die zudem noch zufällig sein sollen, das verursacht haben sollen – vor der eigentlichen Wirkung auf diese Mutation, die dann beschleunigt sich fortpflanzen soll, weil sie einen Vorteil bedeutet. Ein defensiveres und passiveres System kann man gar nicht annehmen. Und das soll all die wunderbar perfekt Anpassung erzeugt haben, die das Leben und den Evolutionsprozess erklärt?

            Das Merkwürdige ist, dass die Evolutionstheorie keine wirkliche Ergänzung seit Darwin erfahren hat, obwohl es an Versuchen nicht gemangelt hat. Eine unendliche Anzahl an Einzeldaten ist hier beschrieben, aber die Befunde von Darwin werden zur Gänze von allen genetisch-biochemischen Untersuchungen bestätigt, in glänzender Weise könnte man sogar sagen.

            Die Idee von den Ideen als vergleichbar mit Lebewesen ähnelt der Vorstellung von diskreten Ideeinhalten, die Dawkins als „meme“, in Annehnung an „gene“, Informationseinheit der Vererbung, nannte. (Witzig, nebenbei dass der Begriff in der internetwelt davon diskret abgehoben erscheint)

            Das ist so ähnlich wie in der Hieroglyphologie: man weiss nicht, ob Wörter, Silben oder sonstwas mit einer scheinbaren Informationseinheit zusammenhängen.
            Die Soziologie könnte auch einen „Rosettastein“ gebrauchen, um die ideologische Weitergabe von Ideen und Gedankeninhalten zu erforschen, in heute ungeahnter Weise 🙂

          • @Alex

            Ich schreibe gerade an einer längeren Antwort und hasse abtippen, was ich aber leider tun muss.

            Nur so viel für den heutigen Abend:
            „Die Hegelsche Dialektik scheint wenig mehr als eine Abstraktion dieser alten griechischen Idee: These – Gegenthese – Synthese.“

            Wenn du nach „These – Antithese – Synthese + Hegel“ suchst, wird dir eventuell auffallen, dass du tausende Ergebnisse bei Google finden.
            Die aber alle eine Schwachstelle aufweisen: Keinen Beleg.

            Es sollte einfach sein, eine Stelle bei Hegel anzugeben, wo kurz und knackig oder im Kontext auftaucht: „Dialektik ist zu verstehen als ein Dreischritt: 1. These, 2. Antithese, 3. Synthese.“

            Diese Quelle findet sich deshalb nicht, weil sie nicht existiert.
            Im Schulstoff wird Hegel vermittelt, als wäre dies die Quintessenz der hegelschen Dialektik – weder hat Hegel dies behauptet, noch ist es wahr.

            Das größte Hindernis Hegel zu begreifen besteht leider darin, sich von dieser „Wahrheit“ zu befreien, die durch tausendfache Wiederholung „wahr“ geworden ist – „These – Antithese – Synthese“ existiert nicht bei Hegel.

          • @crumar

            Hegel legitimiert die Redeweise von These, Antithese, Synthese zumindest:
            [Kontext: Kants Antinomien] „Allein die tiefere Einsicht in die antinomische oder wahrhafter in die dialektische Natur der Vernunft zeigt überhaupt jeden Begriff als Einheit entgegengesetzter Momente auf, denen man also die Form antinomischer Behauptungen geben könnte.“ [So wie Kant in seinen Antinomien von Thesis und Antithesis spricht].
            Hegel, Wissenschaft der Logik, Werke Bd. 5 (Suhrkamp), S. 217.

            Was es bei Hegel aber ganz sicher gibt, ist der Dreischritt von: Unmittelbares, bestimmte Negation, und Negation der Negation.

          • Hi! 🙂

            Nimm es mir nicht übel, aber so zu zitieren (mit meiner Herv.):
            „Hegel legitimiert die Redeweise von These, Antithese, Synthese zumindest:
            [Kontext: Kants Antinomien] „Allein die tiefere Einsicht in die antinomische oder wahrhafter in die dialektische Natur der Vernunft zeigt überhaupt jeden Begriff als Einheit entgegengesetzter Momente auf, denen man also die Form antinomischer Behauptungen geben könnte.“ [So wie Kant in seinen Antinomien von Thesis und Antithesis spricht].
            Hegel, Wissenschaft der Logik, Werke Bd. 5 (Suhrkamp), S. 217.“
            HASSE ich.

            Denn auf meine Kritik, dass sich kein einziger Beleg dafür findet, Hegel habe geschrieben, was ihm unterstellt worden ist geschrieben zu haben, kommt ein ganz neues Argument: Er habe es „legitimiert“.

            Nicht indem das Argument sich in dem findet, was er über seine eigene Philosophie geschrieben hat.
            Sondern in dem, was er über Kant gesagt hat.

            Dann fängt dein Zitat (ebd. und meine Herv.)) über das von Kant gesagte nicht am Anfang an, nämlich so: „Zunächst bemerke ich , dass Kant seinen vier kosmologischen Antinomien durch das Einteilungprinzip, das er von seinem Schema der Kategorien, einen Schein von Vollständigkeit geben wollte. “

            Sondern du setzt ein mit dem obigen Zitat und unterschlägst die Hervorhebung von Hegel, man könne so „jeden Begriff als Einheit entgegengesetzter Momente“ auffassen.

            Und die eigentliche Kritik, „(D)ie kritische Auflösung (…) durch die sogenannte transzendentale Idealität der Welt der Wahrnehmung hat kein anderes Resultat, als dass sie den Widerstreit zu etwas Subjektivem macht, worin er freilich noch immer derselbe Schein (Anm. !!!), d.h. so unaufgelöst bleibt als vorher.“ entfällt.

            Eine Seite später führt er seine Kritik aus (kursiv im Original): „Die Kantischen Antinomien, näher betrachtet, enthalten nichts anderes als die ganz einfach kategorische Behauptung eines jeden der zwei entgegengesetzten Momente einer Bestimmung, für sich isoliert von der anderen.“

            Seine Sicht hat er einen Satz vorher formuliert, wonach „zwei Bestimmungen, indem sie entgegengesetzt sind und einem und demselben Begriff notwendig sind, nicht in ihrer Einseitigkeit. jede für sich gelten können, sondern dass sie ihre Wahrheit nur in ihrem Aufgehobensein, in der Einheit ihres Begriffs haben.“

            Er bringt auf S. 218ff sehr anschauliches Beispiele, was seine Kritik an den „Kantschen Antinomien und Behauptungen“ ist.

            Nichts davon „legitimiert“ „die Redeweise von These, Antithese, Synthese“.

          • Hallo crumar,
            mir scheint, du fühlst dich da etwas zu schnell angegriffen.

            > „Denn auf meine Kritik, dass sich kein einziger Beleg dafür findet, Hegel habe geschrieben, was ihm unterstellt worden ist geschrieben zu haben, kommt ein ganz neues Argument: Er habe es „legitimiert“.“ „Nicht indem das Argument sich in dem findet, was er über seine eigene Philosophie geschrieben hat.
            Sondern in dem, was er über Kant gesagt hat.“ „Dann fängt dein Zitat (ebd. und meine Herv.)) über das von Kant gesagte nicht am Anfang an, nämlich so: „Zunächst bemerke ich , dass Kant seinen vier kosmologischen Antinomien durch das Einteilungprinzip, das er von seinem Schema der Kategorien, einen Schein von Vollständigkeit geben wollte. ““ „Sondern du setzt ein mit dem obigen Zitat und unterschlägst die Hervorhebung von Hegel, man könne so „jeden Begriff als Einheit entgegengesetzter Momente“ auffassen.“ „Und die eigentliche Kritik, „(D)ie kritische Auflösung (…) durch die sogenannte transzendentale Idealität der Welt der Wahrnehmung hat kein anderes Resultat, als dass sie den Widerstreit zu etwas Subjektivem macht, worin er freilich noch immer derselbe Schein (Anm. !!!), d.h. so unaufgelöst bleibt als vorher.“ entfällt.“ „Eine Seite später führt er seine Kritik aus (kursiv im Original): „Die Kantischen Antinomien, näher betrachtet, enthalten nichts anderes als die ganz einfach kategorische Behauptung eines jeden der zwei entgegengesetzten Momente einer Bestimmung, für sich isoliert von der anderen.““ „Seine Sicht hat er einen Satz vorher formuliert, wonach „zwei Bestimmungen, indem sie entgegengesetzt sind und einem und demselben Begriff notwendig sind, nicht in ihrer Einseitigkeit. jede für sich gelten können, sondern dass sie ihre Wahrheit nur in ihrem Aufgehobensein, in der Einheit ihres Begriffs haben.““ „Nichts davon „legitimiert“ „die Redeweise von These, Antithese, Synthese“.“ <

            Ich bin anderer Ansicht.

          • Das ist etwas schief gelaufen mit dem Formular. Neuer Versuch:

            Hallo crumar,
            mir scheint, du fühlst dich da etwas zu schnell angegriffen.

            (Zitat) „Denn auf meine Kritik, dass sich kein einziger Beleg dafür findet, Hegel habe geschrieben, was ihm unterstellt worden ist geschrieben zu haben, kommt ein ganz neues Argument: Er habe es „legitimiert“.“

            Ja und? Deine Kritik ging an Alex, nicht an mich. Was stört dich daran, wenn ein anderer eine Zwischenposition zur Sache einnimmt?

            (Zitat) „Nicht indem das Argument sich in dem findet, was er über seine eigene Philosophie geschrieben hat.
            Sondern in dem, was er über Kant gesagt hat.“

            In dem erbrachten Zitat spricht Hegel nicht eigentlich über Kant, sondern über das Wesen der Vernunft bzw. von Begriffen, d.h. über die Sache, d.h. über seine eigene Philosophie.

            (Zitat) „Dann fängt dein Zitat (ebd. und meine Herv.)) über das von Kant gesagte nicht am Anfang an, nämlich so: „Zunächst bemerke ich , dass Kant seinen vier kosmologischen Antinomien durch das Einteilungprinzip, das er von seinem Schema der Kategorien, einen Schein von Vollständigkeit geben wollte. ““

            Was hätte das zur Sache beigetragen? Ich habe zitiert, was relevant ist, nämlich das, wo nicht mehr über (!) Kant gesprochen wird.

            (Zitat) „Sondern du setzt ein mit dem obigen Zitat und unterschlägst die Hervorhebung von Hegel, man könne so „jeden Begriff als Einheit entgegengesetzter Momente“ auffassen.“

            Ich unterschlage gar nichts. Ich habe nur keine Ahnung, wie man hier im Formular kursiv schreibt.

            (Zitat) „Und die eigentliche Kritik, „(D)ie kritische Auflösung (…) durch die sogenannte transzendentale Idealität der Welt der Wahrnehmung hat kein anderes Resultat, als dass sie den Widerstreit zu etwas Subjektivem macht, worin er freilich noch immer derselbe Schein (Anm. !!!), d.h. so unaufgelöst bleibt als vorher.“ entfällt.“

            Das ist eine Kritik an Kants Lösung, nicht an seiner Darstellung im Sinne von These und Antithese, was man so machen könnte (!), wie Hegel schreibt. Kant hat bloß keine richtige „Synthese“.

            (Zitat) „Eine Seite später führt er seine Kritik aus (kursiv im Original): „Die Kantischen Antinomien, näher betrachtet, enthalten nichts anderes als die ganz einfach kategorische Behauptung eines jeden der zwei entgegengesetzten Momente einer Bestimmung, für sich isoliert von der anderen.““

            Dieses „nichts anderes“ wendet sich gegen Kants apagogische Beweise, die Hegel für verfehlt bzw. auf die Behauptungen reduzierbar hält.

            (Zitat) „Seine Sicht hat er einen Satz vorher formuliert, wonach „zwei Bestimmungen, indem sie entgegengesetzt sind und einem und demselben Begriff notwendig sind, nicht in ihrer Einseitigkeit. jede für sich gelten können, sondern dass sie ihre Wahrheit nur in ihrem Aufgehobensein, in der Einheit ihres Begriffs haben.““

            Niemand hat behauptet, dass die Bestimmungen in ihrer Einseitigkeit jede für sich gelten können, gerade dann nicht, wenn Alex für die Herkunft von der These, Antithese, Synthese Form auf griechische Dialoge verweist. Auch da gibt es eine Entwicklung, die Momente werden nicht für sich isoliert gelten gelassen.
            Und denkst du Hegel würde in der Darstellung anders als Kant die Begriffsmomente nur zusammen betrachten wohingegen letzterer nur isoliert? Selbst für Kant waren beide Seiten der Antinomie notwendig, sonst gäbe es ja keine Antinomie. Bloß seine Auflösung ist verfehlt. Und bei Hegel kommen auch (!) z.B. Realität unterschieden von Negation, oder Endlichkeit unterschieden von Unendlichkeit vor. Und das obwohl sie je einen Begriff ausmachen. Aber ohne die Trennungen des Verstandes würden wir überhaupt nichts erkennen, das wäre die Nacht, in der alle Kühe schwarz sind. Bloß braucht man eben auch die Vernunft zur Verflüssigung der Momente. Dies spricht aber nicht gegen eine Darstellung der Momente in antinomischen Sätzen, denn sie widersprechen sich durchaus. Man kann die Wissenschaft der Logik als Abfolge ebensolcher Sätze mit deren Kritik und Übergängen lesen.

            (Zitat) „Nichts davon „legitimiert“ „die Redeweise von These, Antithese, Synthese“.“

            Ich bin anderer Ansicht.

          • Hi,
            man sieht in diesem Formular genau sechs Zeilen und das ist entschieden zu wenig. Diese Scrollerei geht mir schwer auf die Nerven. Ebenso fehlt die Möglichkeit, mal eben auf einen Beitrag zu antworten, sondern man muss sich zu Tode scrollen, um den Anfang des threads zu finden…
            Nur am Rande.

            „Hallo crumar,
            mir scheint, du fühlst dich da etwas zu schnell angegriffen.“

            Nein, ich kritisiere eine Methode.
            Nämlich erstens Zitate aus dem Kontext zu reißen.
            Bei jedem Dialektiker, der Sachverhalte erörtert, also auch das Gegenteil seiner eigenen Überzeugung darstellt zweitens ein gefundenes Fressen für jeden Propagandisten, um diesem Meinungen und Überzeugungen zu unterstellen, die er gar nicht hat.

            (Zitat meines Zitats) „Denn auf meine Kritik, dass sich kein einziger Beleg dafür findet, Hegel habe geschrieben, was ihm unterstellt worden ist geschrieben zu haben, kommt ein ganz neues Argument: Er habe es „legitimiert“.“

            Zitat deiner Aussage: „Ja und? Deine Kritik ging an Alex, nicht an mich.“

            Nein, meine Kritik galt explizit DIR.
            Denn du kamst mit deiner These um die Ecke, zwar keinen Beleg für die Aussage zu liefern, dafür ein Zitat an Stelle des Belegs, von dem du meintest, es legitimiere diese Aussage.

            Wie ich gezeigt habe, kann davon keine Rede sein.

            „Was stört dich daran, wenn ein anderer eine Zwischenposition zur Sache einnimmt?“

            Das ist keine „Zwischenposition“, sondern eine Position.

            Mein Zitat: (Zitat) „Eine Seite später führt er seine Kritik aus (kursiv im Original): „Die Kantischen Antinomien, näher betrachtet, enthalten nichts anderes als die ganz einfach kategorische Behauptung eines jeden der zwei entgegengesetzten Momente einer Bestimmung, für sich isoliert von der anderen.“

            Zitat: „Dieses „nichts anderes“ wendet sich gegen Kants apagogische Beweise, die Hegel für verfehlt bzw. auf die Behauptungen reduzierbar hält.“

            Nein.
            Du hast den Hegelschen Punkt nicht verstanden.
            Was er ihm vorwirft lässt sich besser verstehen, wenn man statt „Antinomien“ den uns eher vertrauten Begriff der „Dichotomie“ verwendet.

            Mein (Zitat) „Seine Sicht hat er einen Satz vorher formuliert, wonach „zwei Bestimmungen, indem sie entgegengesetzt sind und einem und demselben Begriff notwendig sind, nicht in ihrer Einseitigkeit. jede für sich gelten können, sondern dass sie ihre Wahrheit nur in ihrem Aufgehobensein, in der Einheit ihres Begriffs haben.““

            Zitat: „Niemand hat behauptet, dass die Bestimmungen in ihrer Einseitigkeit jede für sich gelten können, gerade dann nicht, wenn Alex für die Herkunft von der These, Antithese, Synthese Form auf griechische Dialoge verweist. Auch da gibt es eine Entwicklung, die Momente werden nicht für sich isoliert gelten gelassen.“

            Man hat versucht zu rekonstruieren, woher das Schema „These/Antithese/Synthese“ philosophiegeschichtlich herkommt und landet bei den Auseinandersetzungen in der christlichen Religion, wonach die „These“, die Position ist, die von der katholischen Amtskirche vertreten wurde und die „Antithese“ vom Protestantismus vertreten worden ist.

            Die Rekonstruktion war deshalb notwendig, weil dieses schematische Denken sich bei Hegel eben nicht findet.

            Es ist doch ganz einfach: Bei Gutenberg müssten sich alle Werke von Hegel finden lassen und nun starte eine Suche nach den Begriffen „These, Antithese, Synthese“ über das Gesamtwerk und unterrichte uns alle über deine Erkenntnisse.

            „Selbst für Kant waren beide Seiten der Antinomie notwendig, sonst gäbe es ja keine Antinomie.“

            Hegel hat ein schönes Beispiel verwendet, warum – neudeutsch – eine „Dichotomie“ eben keine „Dichotomie“ ist.
            Davon (hoffentlich) morgen mehr.

          • (Zitat) „Nämlich erstens Zitate aus dem Kontext zu reißen.
            Bei jedem Dialektiker, der Sachverhalte erörtert, also auch das Gegenteil seiner eigenen Überzeugung darstellt.“

            Das Zitat wurde nicht aus dem Kontext gerissen. Hegel spricht eindeutig erkennbar über das Wesen von Begriffen bzw. über die „antinomische oder wahrhafter [] die dialektische Natur der Vernunft“, also auch nicht über das Gegenteil seiner eigenen Überzeugung.

            (Zitat) „Nein, meine Kritik galt explizit DIR.“

            Achja? Du willst mich also schon kritisiert haben, noch bevor ich mich in die Diskussion einbrachte? Wie willst du denn das geschafft haben?

            (Zitat) „[…] von dem du meintest, es legitimiere diese Aussage.
            Wie ich gezeigt habe, kann davon keine Rede sein.“

            Nichts dergleichen hast du gezeigt.

            (Zitat) „Das ist keine „Zwischenposition“, sondern eine Position.“

            Kontext! Es ist eine Position zwischen deiner und jener von Alex.

            (Zitat meines Zitats): „Dieses „nichts anderes“ wendet sich gegen Kants apagogische Beweise, die Hegel für verfehlt bzw. auf die Behauptungen reduzierbar hält.“

            (Zitat) „Nein.
            Du hast den Hegelschen Punkt nicht verstanden.
            Was er ihm vorwirft lässt sich besser verstehen, wenn man statt „Antinomien“ den uns eher vertrauten Begriff der „Dichotomie“ verwendet.“

            Doch. Denn weiter heißt es bei Hegel: „Aber dabei ist diese einfache kategorische oder eigentlich assertorische Behauptung in ein schiefes, verdrehtes Gerüst von Räsonnement eingehüllt, wodurch ein Schein von Beweisen hervorgebracht und das bloß Assertorische der Behauptung versteckt und unkenntlich gemacht werden soll“. (S. 218)
            Darauf bezieht sich die Aussage, dass die Kantischen Antinomien „nichts anderes“ als je die Behauptung der Momente beinhalte.
            Den Terminus Antinomie mit Dichotomie zu ersetzen, ist nicht sinnvoll. Denn in der Dichotomie fällt der Widerstreit zweier Notwendiger weg und es bleibt eine starre Trennung zweier Gleichgültiger. Insofern unterschätzt du Kant mit diesem Vorschlag.

            (Zitat) „Es ist doch ganz einfach: Bei Gutenberg müssten sich alle Werke von Hegel finden lassen und nun starte eine Suche nach den Begriffen „These, Antithese, Synthese“ über das Gesamtwerk und unterrichte uns alle über deine Erkenntnisse.“

            Nun versuchst du mir eine Position zu unterstellen, die ich gar nicht vertrete. Ich sage nicht, Hegel lehre die Termini als seine Methode. (Sie kommen wohl von Kant und Fichte her.) Ich sage: es ist sachlich nicht unbedingt falsch oder unhegelianisch so über die hegelsche Vorgehensweise zu sprechen. Und Hegel legitimiert eine solche Darstellung mit zitierter Stelle eben auch. Obwohl die Termini Unmittelbares, bestimmte Negation und Negation der Negation sicher richtiger sind.

          • @crumar:

            man sieht in diesem Formular genau sechs Zeilen und das ist entschieden zu wenig. Diese Scrollerei geht mir schwer auf die Nerven.

            Es gibt im Eingabeformular rechts unten einen Anfasser, mit dem kann man das Formular zu beliebiger Größe aufziehen. Ich habe sehr lange gebraucht bis ich darauf gekommen bin 😉

            Ebenso fehlt die Möglichkeit, mal eben auf einen Beitrag zu antworten, sondern man muss sich zu Tode scrollen, um den Anfang des threads zu finden…

            Das ist in der Tat sehr lästig und ich wünschte ich hätte eine ebenso einfache Lösung wie für das „nur 6 Zeilen sichtbar“ Problem 🙁

          • @pingpong

            „Es gibt im Eingabeformular rechts unten einen Anfasser, mit dem kann man das Formular zu beliebiger Größe aufziehen. Ich habe sehr lange gebraucht bis ich darauf gekommen bin.“

            Vielen Dank, pingpong!
            Scroll, schroll, scroll, scroll, scroll!

          • „Das Zitat wurde nicht aus dem Kontext gerissen. Hegel spricht eindeutig erkennbar über das Wesen von Begriffen bzw. über die „antinomische oder wahrhafter [] die dialektische Natur der Vernunft“, also auch nicht über das Gegenteil seiner eigenen Überzeugung.“

            Mein Zitat: Der Kontext zeigt sehr deutlich, er spricht über die Antinomien von Kant.
            „Nein, meine Kritik galt explizit DIR.“

            Deine Rede: „Achja? Du willst mich also schon kritisiert haben, noch bevor ich mich in die Diskussion einbrachte? Wie willst du denn das geschafft haben?

            Indem ich aufzeige, was du nicht geleistet hast, nämlich deine Position auf der Basis der Quelle hergeleitet zu haben.
            (Zitat) „Das ist keine „Zwischenposition“, sondern eine Position.“
            (Zitat deines Zitats) Kontext! Es ist eine Position zwischen deiner und jener von Alex.
            (Zitat meines Zitats): „Dieses „nichts anderes“ wendet sich gegen Kants apagogische Beweise, die Hegel für verfehlt bzw. auf die Behauptungen reduzierbar hält.“
            (Zitat) „Nein.
            Du hast den Hegelschen Punkt nicht verstanden.
            Was er ihm vorwirft lässt sich besser verstehen, wenn man statt „Antinomien“ den uns eher vertrauten Begriff der „Dichotomie“ verwendet.“

            Doch. Denn weiter heißt es bei Hegel: „Aber dabei ist diese einfache kategorische oder eigentlich assertorische Behauptung in ein schiefes, verdrehtes Gerüst von Räsonnement eingehüllt, wodurch ein Schein von Beweisen hervorgebracht und das bloß Assertorische der Behauptung versteckt und unkenntlich gemacht werden soll“. (S. 218)
            Darauf bezieht sich die Aussage, dass die Kantischen Antinomien „nichts anderes“ als je die Behauptung der Momente beinhalte.
            Den Terminus Antinomie mit Dichotomie zu ersetzen, ist nicht sinnvoll. Denn in der Dichotomie fällt der Widerstreit zweier Notwendiger weg und es bleibt eine starre Trennung zweier Gleichgültiger. Insofern unterschätzt du Kant mit diesem Vorschlag.

            Dass es sich um einen „Widerstreit zweier Notwendiger“ überhaupt handelt, müsste sich auf der von dir zitierten Seite bei HEGEL doch finden lassen.
            ODER?

            (Mein Zitat) „Es ist doch ganz einfach: Bei Gutenberg müssten sich alle Werke von Hegel finden lassen und nun starte eine Suche nach den Begriffen „These, Antithese, Synthese“ über das Gesamtwerk und unterrichte uns alle über deine Erkenntnisse.“

            Das Zitat deiner Aussage:

            Nun versuchst du mir eine Position zu unterstellen, die ich gar nicht vertrete. Ich sage nicht, Hegel lehre die Termini als seine Methode. (Sie kommen wohl von Kant und Fichte her.) Ich sage: es ist sachlich nicht unbedingt falsch oder unhegelianisch so über die hegelsche Vorgehensweise zu sprechen. Und Hegel legitimiert eine solche Darstellung mit zitierter Stelle eben auch. Obwohl die Termini Unmittelbares, bestimmte Negation und Negation der Negation sicher richtiger sind.

            Das ist – Pi mal Daumen – ungefähr eine MEILE von dem entfernt, was du Ausgangs behauptest hast.
            ODER?!

            Holy shit, das ganze Teil kostet mich wesentlich mehr Zeit, als ich dafür eingeplant hatte,

          • Du hast da ein paar unserer Zitate bloß aneinandergereiht. Hat die Technik da etwas verschluckt?

            (Zitat) „Dass es sich um einen „Widerstreit zweier Notwendiger“ überhaupt handelt, müsste sich auf der von dir zitierten Seite bei HEGEL doch finden lassen.
            ODER?“

            Das muss dort nicht stehen, da das gemeinhin die Bedeutung des Terminus Antinomie ist. Ich sehe nicht, wo Hegel leugnet, dass es sich um Antinomien handelt.

            (Zitat) „Das ist – Pi mal Daumen – ungefähr eine MEILE von dem entfernt, was du Ausgangs behauptest hast.
            ODER?!“

            Oder! Zitiere doch mal, was ich Ausgangs behauptet habe.

            P.S.: Wie macht man diese schönen eingerückten Zitate?

  • Ich glaube nicht, dass der Schreiberling Hermsmeier das nur als Provokation meinte, auch sein Utopiebegriff ist grundfalsch. Selbstverständlich übersteigen die Utopien das Vorstellungsvermögen ja gerade NICHT, in diesem Fall sind sie noch nicht einmal Utopien, sondern geschichtliche Erfahrungen, die sich als recyclete Utopien ausgeben. Schon heute werden Kinder durch die Gesellschaft enteignet, einmal, indem Familien weniger verdienen (können), zum zweiten, da ihre Steuern und Abgaben später nicht den eigenen Eltern zu gute kommen, sondern „allen“, in besonderem Maasse aber Kinderlosen denn – hier schliesst sich der Teufelskreis – die haben ja mehr im Beruf verdient und bekommen daher auch mehr Rente bzw. Pension. Das IST also bereits so, dass Kinder (als zukünftige Steuerzahler) „allen“ gehören.

  • Danke. Wieder einmal eine brillante und fundierte Analyse von Lucas.
    Manchmal frage ich mich schon, weshalb es die grössten Polemiker in die grossen Medienhäuser schaffen, aber so wenig Sachverstand und Vernunft.

  • Leihmütter in Indien, Kambodscha oder Kenia „produzierten unter meist prekären Bedingungen“ – der Begriff „produzieren“ wird hier im Sinne von „eine Schwangerschaft austragen“ verwendet. Diese „neokolonial-ausbeutende Praxis der Leihelternschaft“ würde sich erledigen, wenn wir alle Leiheltern würden.

    Wenn es erstmal allen gleich schlecht geht, geht es niemanden mehr besser! Krabbenkorbeffekt live in Action!

    Das wirkt immer völlig durch den Wind das sie denken es ist besser wenn es allen gleich schlecht geht, wie wenn es ein paar Menschen besser geht (außer natürlich man selbst gehört zu denen). Leute die sowas fordern, sind dann aber meist nicht bereit selbst diesen Schritt zu gehen. Nein, diesen Verzicht sollen doch bitte andere leben.

  • Der moderne säkulare Staat will manchmal Gott spielen. So auch diesmal, wenn die Regelung der menschlichen Geschlechtlichkeit den Weg in den totalen Staat begründen soll, mit der erz-totalitären notorischen Forderung nach Negierung der Familie zugunsten von Ideologien und Weltanschauungen – die Quelle sovieler moderner Inhumanitäten, den alten religiösen in nichts nachstehend.
    Aus diesem Grund ist das mit der Gleichheit so entscheidend, die steht dagegen .)
    Die totalitäre Ideologie braucht hingegen immer ein unbedingtes Feindbild, wie zB „der Mann“, sonst funktioniert es auch nicht.

    Das „Zeit“-Stück hier scheint ja ein echtes highlight in der Entwicklung dieser Zeitung zu sein! Unfassbar, welche antiliberalen Ideen hier salonfähig geworden sind. Kein Wunder aber, in den 1990ern fing das mit Ernst Jünger an und anderen.

  • Mal ganz einfach betrachtet handelt es sich um einen Antifamiliarismus, der

    1. sexistisch ist (als gegen „den Mann“ begründet, bzw als letzte Begründung gebracht)
    2. rassistisch ist (paradoxerweise als Antirassismus auftritt)
    und sich internationalistisch (antiwestlich, aber im Westen endemisch!) gibt.

    Ob das jetzt „rechts“ oder „links“ ist, erscheint eher als Nebensache. Es ist völlig irre und falsch 😉

  • @ Lucas Schoppe

    Gerade befinde ich mich wieder beim Lektorat eines m.E. für die Männerrechtsbewegung wichtigen Buches.
    Daher fehlt mir leider die Zeit ausreichend auf alles einzugehen.
    Ich werde dies aber im Laufe des Jahres nachholen und Max Horkheimer und Wilhelm Reich verteidigen.

    „Dass Familie, irgendwie, faschistisch wäre, zitiert der Zeit-Journalist mit Wilhelm Reich („zentrale reaktionäre Keimzelle“)“

    Bei der entsprechenden Stelle in Wilhelm Reichs Buch „Die Massenpsychologie des Faschismus“ – ein m.E. gutes und lesenswertes Buch – geht aus dem Zusammenhang und aus zahlreichen weiteren Stellen des Buches hervor, dass eine autoritäre Form der Familie gemeint ist – eine Art der Familienorganisation, wie sie heute z.B. noch im orthodoxen Scharia-Islam in einer bestimmten kulturspezifischen Variante verbreitet ist.

    „und erneut Horkheimer („Keimzelle des Faschismus“) herbei,“

    Ich finde die entsprechende Stelle in Max Horkheimers Text „Autorität und Familie“ auf Anhieb nicht und bitte daher um eine genaue Angabe, wo diese Formulierung zu finden ist.

    Max Horkheimers 1936 erschienener Text „Autorität und Familie“ ist – m.E. zu Recht – ein Klassiker der Familiensoziologie.
    In dem Text wird, ausgehend von dem damaligen Forschungsstand, sowohl die bürgerliche als auch die proletarische Familie in Deutschland jeweils sowohl in ihren positiven und funktionalen als auch in ihren negativen und dysfunktionalen Aspekten analysiert. Es ist ein differenzierter Text und nirgendwo in dem Text fordert Horkheimer eine Abschaffung der Familie.

    Horkheimer hatte übrigens eine Neigung zum Konservatismus, die mit den Jahren bei ihm immer stärker wurde. Es gibt in seinem Spätwerk mehrere Stellen, in denen er den Niedergang der Familie beklagt.

    „als ob es damit dann auch schon endgültig bewiesen wäre.“

    Es macht nicht wirklich den Eindruck, dass du die genannten Schriften von Reich und Horkheimer gelesen hast. Vielleicht solltest du das erstmal tun, bevor du sie kritisierst.

    „Dass beide Autoren gern auch eine Menge ziemlichen Blödsinns von sich gegeben haben“

    Alle großen Denker reden bei manchen Themen auch großen Unsinn – das ändert aber nichts an ihren sonstigen Leistungen und Errungenschaften. Wilhelm Reich gilt m.E. zu Recht als Klassiker der Tiefenpsychologie und Max Horkheimer gilt m.E. zu Recht als Klassiker der Philosophie und Soziologie. Es gibt m.E. viele Errungenschaften und Teilwahrheiten in ihren Werken.

    „und Horkheimer eigentlich alles, was ihm nicht passte, irgendwie faschistisch fand,“

    Es ist sehr bedauerlich, dass Horkheimer sich abwertend über einige andere philosophische Schulen (z.B. Pragmatismus, Positivismus) äußerte und es sogar Bemerkungen von ihm gibt, in denen er andere philosophische Schulen versuchte (ungerechtfertigt) in die Nähe des Faschismus zu rücken. Aber solche Bemerkungen scheinen mir trotzdem eher selten zu sein.

    Und Horkheimer hat in seinem Spätwerk z. B. demokratische Konservative mehrfach gegen Faschismusvorwürfe verteidigt, das sollte man vielleicht auch erwähnen.

    • Max Horkheimer geht in „Autorität und Familie“ natürlich u.a. auf die autoritären Aspekte der deutschen Familie der 30er Jahre ein, wie er sie sah, aber Horkheimer macht in dem gleichen Text auch deutlich, dass die Familie aus seiner Perspektive auch ein antiautoritäres Potential besitzt:

      „Ebenso wie die anderen Elemente des gegenwärtigen kulturellen Zusammenhangs befindet sich die Familie zu ihnen wie zum Ganzen nicht bloß in einem fördernden, sondern auch in einem antagonistischen Verhältnis. Wenn selbst in der Blütezeit der bürgerlichen Ordnung das gesellschaftliche Leben nur unter den größten Entbehrungen für die Mehrzahl der Menschen sich erneuert hat, war die Familie ein Ort, wo sich das Leid frei ausgesprochen und das verletzte Interesse der Individuen einen Hort des Widerstands gefunden hat. (…) Im Gegensatz zum öffentlichen Leben hat jedoch der Mensch in der Familie, wo die Beziehungen nicht durch den Markt vermittelt sind und sich die Einzelnen nicht als Konkurrenten gegenüberstehen, stets auch die Möglichkeit besessen, nicht bloß als Funktion, sondern als Mensch zu wirken. (…) Die Entfaltung und das Glück des anderen wird in dieser Einheit gewollt. Dadurch entsteht der Gegensatz zwischen ihr und der feindlichen Wirklichkeit, und die Familie führt insofern nicht zur bürgerlichen Autorität, sondern zur Ahnung eines besseren menschlichen Zustands.“

      (aus: Max Horkheimer – Autorität und Familie (1936), in: Max Horkheimer – Gesammelte Schriften Band 3: Schriften 1931 – 1936, Fischer, 2009, S. 403 f.)

    • @ Leszek Du hast völlig Recht, ich kenne die genannten Schriften von Reich und Horkheimer nicht gut. Ich habe sie in meinem Text aber auch nicht kritisieren, sondern lediglich deutlich machen wollen, dass es als Begründung für Hermsmeier nicht reicht, einfach mal zwei Zitatbrocken in einen Text zu schmeißen und damit irgendwie den faschistoiden Charakter der Familie belegt zu haben.

      Du hast auch richtig vermutet, dass ich Horkheimer insbesondere die Verdammung nicht nur des Pragmatismus, sondern insbesondere Deweys übelnehme, die er sich in seiner „Kritik der instrumentellen Vernunft“ leistet. Er kennt Dewey da nicht, muss er meinetwegen auch nicht, obwohl der ja schon einer der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war.

      Aber da er Dewey zuglich desinteressierte Naivität gegenüber dem Nationalsozialismus unterstellt und ihm zugleich einen Vernunftbegriff zuschreibt, „der in Europa in den totalitären Verfolgungen der Intellektuellen kulminierte“ (Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, FaM 1990, S. 59f), stellt er ihn zugleich als Zuarbeiter der Nazis hin. Das war daneben und eine Sauerei.

      Ich glaube auch, dass so etwas folgenreich ist. Es ist aber auch eine frühe Version („Zur Kritik der instrumentelle Vernunft“ Kritik ist ja direkt nach dem Krieg erschienen und beruht auf Vorlesungen, die Horkheimer noch in den letzten Kriegsjahren in den USA gehalten hat) eines zirkulären Manövers, das heute nervtötend alltäglich ist: Positionen, die man gar nicht ernsthaft kennt, irgendwie mit dem Faschismus zu assoziieren – und sich dann mit diesen Positionen gar nicht mehr beschäftigen zu müssen, weil sie ja eh irgendwie Nazi sind.

      • @ Lucas Schoppe

        „Ich glaube auch, dass so etwas folgenreich ist.“

        Also, so wirklich gravierende negative Folgen für den Pragmatismus scheinen mir in der zeitgenössischen Philosophie im Allgemeinen und in den linken Theorie-Traditionen im Besonderen allerdings nicht so einfach aufzufinden zu sein. 🙂

        Der Pragmatismus ist heute – zu Recht – eine bekannte und anerkannte Strömung der westlichen Philosophie, die hinsichtlich der Anerkennung, die sie genießt, nicht hinter den anderen zurücksteht.

        – Und nicht erst Jürgen Habermas, schon Theodor W. Adorno hat Horkheimers Dewey-(Miß-)Interpretation nicht geteilt.

        In einer Vorlesung von Adorno heißt es z.B.:

        „Das impliziert, dass Philosophie, die ihren Gegenstand gewinnen will, diesen nicht garantiert hat. Sonst wäre sie schon Tautologie, prinzipiell kann sie stets fehlgehen (…). Skepsis und Pragmatismus, zuletzt noch DESSEN ÜBERAUS HUMANE VERSION, DIE JOHN DEWEYS, haben das einbekannt (…).“ (Hervorhebung von mir.)

        (aus: Theodor W. Adorno – Vorlesung über Negative Dialektik, Suhrkamp, 2014, S. 232)

        Und in einer dazugehörigen Anmerkung (Anmerkung 155) heißt es dann:

        „Adorno, ohne allzuviel Affinität zur Philosophie seines amerikanischen Gastlandes, hat von John Dewey stets im Ton größter Hochachtung, wo nicht Bewunderung gesprochen. Dewey, der „seine Philosophie Experimentalismus“ nannte und den Adorno der Intention des eigenen Denkens ins Offene, Ungedeckte nahe wusste, war für ihn „ein zeitgenössischer Denker, der trotz seines Positivismus Hegel näher ist als ihrer beider angebliche Standpunkte“ (GS 5, S. 373). In diesem Sinne bestätigte Adorno auch Popper, er „appellier(e), ähnlich wie in der jüngeren Vergangenheit Dewey und einst Hegel, an offenes, nicht fixiertes, nicht verdinglichtes Denken. Diesem ist ein experimentierendes, um nicht zu sagen spielerisches Moment unabdingbar. (…)“ (GS 8, S. 555) Noch in der späteren „Ästhetischen Theorie“ wird, während „der Empirismus von der Kunst abpralle, von der er im übrigen (…) nicht viel Notiz nahm“, davon der „eine und wahrhaft freie John Dewey ausgenommen“ (GS 7, S. 498).

        (aus: Theodor W. Adorno – Vorlesung über Negative Dialektik, Suhrkamp, 2014, S. 304 f.)

        Und bei Jürgen Habermas wird der Bezug auf den Pragmatismus dann bekanntlich noch stärker:

        „Seit über fünfzig Jahren lässt sich Habermas von den klassischen amerikanischen Pragmatisten, insbesondere von Charles S. Peirce, John Dewey und George Herbert Mead inspirieren und grundlegend beeinflussen. Er hat viele der wichtigsten Anliegen dieser Denker aufgenommen, rekonstruiert und in sein eigenes umfassendes philosophisches Programm eingebaut (…).“

        (aus: Hauke Brunkhorst, Regina Kreide & Christina Lafont (Hrsg.) – Habermas Handbuch, J.B. Metzler, 2015, S. 116)

        Ein wichtiger Bezugspunkt ist John Dewey zudem für Axel Honneth. Er ist Fan von John Deweys Demokratietheorie und sieht John Dewey außerdem als wichtigen Anknüpfungspunkt für einen zeitgemäßen demokratischen Sozialismus. Von einigen von Honneths Schülern wurde die Rezeption von John Dewey fortgeführt.

        – Und z.B. im US-amerikanischen Anarchismus war John Dewey von jeher anerkannt. John Dewey war mit Emma Goldman befreundet gewesen, die ihn fast als einen der ihren betrachtete. Leonard Abbott und später Paul Goodman und George Dennison haben sich auf John Dewey bezogen.

        Noam Chomsky hatte als Kind eine nach den pädagogischen Ideen von John Dewey geführte Schule besucht…und ist bis heute Fan von John Dewey:

        Chomsky on Dewey

        https://www.youtube.com/watch?v=uZFuOZ0yTNM

        – Und im Postmodernismus gibt es eine explizite Synthese zwischen Postmodernismus und Pragmatismus bei Richard Rorty, einem der Hauptvertreter des Neo-Pragmatismus. (Rorty gehörte, obwohl US-amerikanischer Postmodernist, der nicht-politisch-korrekten Variante des Postmodernismus an.)

      • Das Buch „Full Surrogacy Now. Feminism Against Familiy“ von Sophie Lewis liegt mir jetzt vor. (Aus Zeitgründen werde ich es erst in den nächsten Wochen vollständig lesen, bisher habe ich es nur überflogen.)

        Das Buch enthält ein Sach- und Personenregister (S. 207 – 216):

        – Max Horkheimer wird in dem Register nicht erwähnt.
        – Wilhelm Reich wird in dem Register nicht erwähnt.
        – Friedrich Engels wird in dem Register nicht erwähnt.
        – Karl Marx wird in dem Register erwähnt mit Bezug auf gerade mal 2 Seiten (S. 61 und S. 125) in dem Buch. Bei beiden Erwähnungen von Marx in dem Buch geht es aber nicht um „family abolition“.

        • „Arguably the most infamous demand of The Communist Manifesto is the “abolition of the family.” The family, Marx and Engels noted, was where patriarchy and capitalism worked in tandem to produce willing, alienated workers, where women became little more than “instruments of production” for the men who lorded over them. Radical queer politics in the 1960s and ’70s added to their critique of the bourgeois family when activists challenged the heteronormativity of familial relations. That demand, however, has since almost completely vanished from the leftist imaginary.

          Sophie Lewis, a feminist theorist and geographer, takes up this forgotten struggle in her work. Her new book, Full Surrogacy Now: Feminism Against Family (Verso, 2019) specifically links family abolition to a radical reconceptualization of pregnancy itself. The act of carrying a child to term, she insists, is work—labor that has long been exploited and overlooked by the academy—and so is mothering.“
          https://www.thenation.com/article/want-to-dismantle-capitalism-abolish-the-family/

          Und die Parallele wird rein zufällig in dieser Rezension gesehen?
          Nachdem der Arbeitsbegriff – rein zufällig – auf „emotionale“ und „care-Arbeit“ ausgedehnt worden ist und wir nun wissen, auch Schwangerschaft ist „Arbeit“?

          Die zufälligerweise damit zu tun hat, dass beim Bestehen eines Geschlechtsdimorphismus, es keine „Schwangerschaftsgerechtigkeit“ geben kann.
          Nur wer leugnet, dass ein biologischer Geschlechtsdimorphismus existiert, stellt sich überhaupt die Frage nach der „Gerechtigkeit“.

          Während in dem „Manifest“ des „Feminismus für die 99%“ von Fraser, Arruzza und Bhattacharya (aus purem Zufall) auf S. 9 steht „And by redining what counts as „work“ and who counts as „worker“, it rejects capitalism´s structural undervaluation of women´s labor – both paid and unpaid.“?

          Aus dem folgenden Interview von „The Nation“ (s.o.) die erste Antwort auf die erste Frage:

          „Sophie Lewis: There’s a line in the famous Wages for Housework manifesto that goes“ – spank my ass and call me Charly, irgendwie dachte ich bereits, darauf wird es hinauslaufen.
          Nämlich bezahlte Hausarbeit – das klassische Projekt des bürgerlichen Feminismus.

          Aber weiter mit Sophie Lewis und meiner Herv: „I found myself stating the obvious: Gestation was work already, before it got commodified as commercial surrogacy. So how do we build a politics that bridges these two workplaces, and build solidarity between paid and unpaid gestators?

          Und noch einmal das „total linke Manifest“: „And by redining what counts as „work“ and who counts as „worker“, it rejects capitalism´s structural undervaluation of women´s labor – both paid and unpaid.“

          Wie viele Finger brauchst du, um 1+1 zusammen zu zählen?
          Antikapitalistische Phrasen zur Durchsetzung der Forderungen des bürgerlichen Feminismus.
          Es geht wirklich darum, sich die Vagina vergolden zu lassen.

          Wenn wir MÄNNER nämlich anders herum argumentieren würden, der Marktpreis einer Schwangerschaft ist das, was Frauen aus Vietnam dafür verlangen.
          Angenommen du bezahlst dieser Frau 30.000 Euro, um dein Kind auszutragen, holst das Kind ab und gehst dann – als allein erziehender Vater – voll in den bezahlten Elternurlaub.
          Auf dein Rentenkonto spülen jetzt übrigens drei Jahre Erziehungstätigkeit als bezahlte Arbeit; nur zum Thema return on investment.
          Dann gehst du auf eine Dreiviertelstelle und kannst leider am späten Nachmittag oder Abend nicht mehr arbeiten – wegen Kind.

          Niemand hat Ansprüche gegen dich, weil du keine Beziehung wegen des Kinds eingegangen bist.
          Du kassierst aber alle gesellschaftlichen Boni, weil du formal „allein erziehender Vater“ bist.

          Wie populär wäre ein solches MGTOW-Manifest?
          Oder anders herum: Wie schnell wäre es verboten?

          In dem Moment, wo du dir ANMASST zu behaupten, die als weiblich beschriebene „Arbeit“ wäre von einem Mann ebenso zu bewältigen, weil die eigentliche „Arbeit“ nicht die Schwangerschaft ist, sondern alles was danach kommt, wird dir geballter Zorn bürgerlicher Weiblichkeit (und ihre linken Tarnkappe) entgegen schlagen.

          Wie möchte die bürgerliche Weiblichkeit den Trennungsunterhalt berechnen, wenn MGTOW ihr den Teppich unter den Füßen weggezogen hat, weil es kein Kind gibt, dass in den „weiblichen Aufgabenbereich“ fällt erzogen zu werden?

          Die Botschaft ist nämlich: Du kannst einfach gehen!
          Und/aber: Du bekommst nicht einen Cent.

          Von dieser richtig NEGATIVEN Botschaft aus dem MGTOW-Lager können wir noch einmal hochrechnen, welche vorgestellten EIGENTUMSVERHÄLTNISSE den bürgerlichen Feminismus veranlassen, solche lustigen Forderungen zu stellen.

          Wenn ihr das Kind nämlich NICHT GEHÖRT, weil du auf der Eierbank das Ei gekauft, mit deinem Sperma befruchtet hast und es eine Leihmutter austrägt, dann verschwinden – es ist Magie! – auch alle weiblichen Ansprüche auf Versorgung als Co-Kind.

          Bzw. ihre Ansprüche schrumpfen auf den Betrag zusammen, den du bereits bist zu zahlen, um dein Kind in Vietnam austragen zu lassen.
          Wenn der bürgerliche Feminismus das Vagina-Gold als Ziel ausruft und global der Marktpreis der Vagina 30.000 Euro pro Kind ist, dann sollten Männer anfangen die Bleistifte zu spitzen…
          Könnte sich lohnen.

  • „Bei Kubitschek werden deutsche Jugendliche von muslimischen Jugendbanden „beleidigt, gedemütigt, verfolgt, bedroht, erpreßt, mißhandelt“ usw. (10), bei Hermsmeier steht die feministischen Autorin Lewis „geiferndsten Kritikern“ gegenüber, und als der „stramm rechte“ Radiomoderator Carlson „seine Fans auf Lewis hetzte, erhielt die Autorin nach eigenen Angaben unzählige Morddrohungen.““

    Zynisch! Erst vor ein paar Monaten hat eine moslemische Jugendbande drei 16 jährige vor einen Zug geworfen, zwei sind tot. Tot. Lewis hingehen hat noch nicht einmal einen Stalker.

    • @ Blubb Ja, es gibt natürlich reale Gewalt von Muslimen, so wie es natürlich auch reale Gewalt von Männern gibt. Aber daraus ergibt sich kein allgemeines Bild des deutschen bzw. weiblichen Opfers und des muslimischen bzw. männlichen Täters.

      Gemeinsam ist den zitierten Positionen hier, dass sie an Gewalt nur insoweit interessiert sind, wie sie als Unterstützung für die eigene Argumentation herangezogen nützlich ist.

  • Ich beziehe mich jetzt nur auf den ersten Teil, deine Kritik an der ZEIT, dass sie diesen Artikel zur „elternlosen Gesellschaft“ bringt.
    Was ist daran falsch, auch mal extreme Meinungen in einem Mainstreammedium zu Wort kommen zu lassen? Wir haben doch schon lange keine Verhältnisse mehr, in denen jeder Artikel der „Gesamtmeinung“ der Medienverantwortlichen entsprechen muss. Sogar in der WELT sind schon stellenweise Artikel erschienen, die ich eher der TAZ zugerechnet hätte!

    Ich hab von dem Artikel über Twitter Kenntnis erlangt und ihn dann gelesen. Zu deiner Frage
    „Warum genau wir diese Wege eigentlich finden müssten, wird im Text nicht so ganz klar“
    habe ich eine Antwort: Es sind nicht „wir alle“, die solche Wege finden müssen, sondern es ist eine kleine Minderheit queerer Menschen, die aus ihrem Problem, nicht in die „heteronormativen“ Schubladen zu passen, neue Utopien/Dystopien (je nach Sichtweise) kreiert, die „alles“ ändern.

    Die Ideen selbst halte ich für Nonsens, denn es ist lange klar, dass Kinder feste Bezugspersonen über viele viele Jahre brauchen – und das ist mit Heimen und Horten etc. nicht zu leisten.

    Gleichwohl dient die Ausformulierung solcher Extrempositionen durchaus dem Reflexionsprozess: Angesichts der intendierten „Abschaffung“ kommt man schnell darauf, darüber nachzudenken, was uns Familie bedeutet und an positivem Nutzen bringt.
    Dass Familie oft auch Ort der Gewalt, Unterdrückung und Verwahrlosung ist, kann nur heißen, an Hilfen und Verbesserungen zu arbeiten – nicht aber, sie gänzlich abschaffen zu wollen.

    • @Claudia

      „Was ist daran falsch, auch mal extreme Meinungen in einem Mainstreammedium zu Wort kommen zu lassen?“

      Ist dir vielleicht schon aufgefallen, dass es nicht ein einziger Maskulist in die MSM geschafft hat?
      Wie radikal werden denn unsere Meinungen eingeschätzt, nicht ein einziges Mal veröffentlicht zu werden?
      Faktisch ist Arne Hoffmann Opfer eines nicht explizit formulierten Berufsverbots geworden.

      Warum glaubst du reagiere ich auf den Artikel, indem ich ihn mit realen Zahlen zum Stand der Familie in den USA konfrontiere?
      Weil sie weder in den modischen „Theorien“ aus den USA eine Rolle spielen, noch von den deutschen Kopisten kritisch überprüft werden.

      „Die Ideen selbst halte ich für Nonsens“ – die „Idee“ ist bereits praktisch umgesetzt in der schwarzen community (s.o.).

      Die Minderheit der Kinder hat eine funktionierende Familie erlebt.
      Die Weigerung, sich mit dieser Realität zu beschäftigen und den konkreten Erfahrungen und Folgen der Vaterlosigkeit führte erst zu diesen absurden „Ideen“.

      Du schreibst, die „Ausformulierung solcher Extrempositionen (dienten) durchaus dem Reflexionsprozess“ und dem widerspreche ich.
      Der Utopismus entsteht, wenn die Reflexion der realen Probleme der Gegenwart mit Hilfe der existierenden Theorie versagt und es keine Reflexion über das Versagen gibt.

      Wenn die (radikal-) feministische Theorie Familie als „Ort der Gewalt, Unterdrückung und Verwahrlosung“ beschrieben hat, zugleich der Mann und Vater für diese Zustände verantwortlich ist, da sie einseitig von ihm ausgehen, dann müsste ihn aus dieser Gleichung zu entfernen – faktisch die Kleinfamilie zu zerstören – zu paradiesischen Zuständen führen.
      Das Gegenteil ist eingetreten.

      Spätestens ab Mitte der 90er hätte sich die Gesellschaft in den USA den Problemen schwarzer Jungs und der junger schwarzer Männer widmen müssen und das ist nicht erfolgt, weil eifersüchtig feministische Pfründe bewacht worden sind.
      Diese heutigen Utopistinnen haben tatsächlich eine Generation schwarzer Jungs und Männer über die Klinge springen lassen.

      Also anders herum: Sie wollen sich mit dem drängenden Problem der Vaterlosigkeit nicht beschäftigen, ergo den Folgen der eigenen Theorie.
      Deshalb wäre es besser, wenn die Familie insgesamt keinerlei Bedeutung mehr hat.
      Denn wenn es keine Familien mehr gibt, dann haben sie auch nichts falsch gemacht.

      Diese putzmunteren Narzisstinnen retten sich in die Utopie, weil sie sonst ihr Totalversagen einzugestehen hätten.

        • Ähhh, danke! 🙂
          Ich bin nur unendlich sauer über die Gestalten, die vorgeben „links“ zu sein und sich vor der Auseinandersetzung mit der realen Realität drücken.
          Was sich als „Utopie“ verkleidet ist eine einzige Flucht.
          Nichts davon ist real.

          • Ich denke, ein wesentlicher Kernsatz @Claudias ist jener in welchem sie betont, daß Kinder Bezugspersonen ( über längere Zeit ) brauchen. Das ist, soweit mir bekannt, der rein formelle (!) Forschungsstand etwa der 40er u. 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, der sich zudem kaum in die Gesellschaft durchsetzen konnte ( da er unzulässig verkürzt und durch Erfahrung leicht – als „Halbwahrheit“ – widerlegbar ist ).
            Und zumindest hinter vorgehaltener Hand wird er heute noch von Femis intern genutzt ( z.T. auch mal extern ) um irgendwelches Wunschdenken scheinzurechtfertigen.
            Die etwas schlauer erscheinenden verzerren die Sache dann und tun so als ob sie zwar für die Familie eintreten würden, tatsächlich definieren sie den Begriff dazu aber in völlig hanebüchene Richtungen um ( z.B. schwules Pärchen mit einem – wie auch immer erworbenen – Pflegekind ), bis wieder der Satz von Claudia herauskommt. Daher auch die lächerlichen Versuche Eltern zu beliebigen Elter1+Elter2 ( Elter3 u. Elter4 sind auch schon in der Diskussion ) umzudeuteln, um ja nicht zugeben zu müssen, daß ein Kind nun mal exakt 2 Eltern hat und diese DER Vater und DIE Mutter sind. Und eben keine „sozialen-„, „rechtlichen-„, „herbergs-„, „- aller Kanonen“ oder sonstwie zu Recht per Atttribution als reine Surrogate ausgewiesenen Drittpersonen, oder -gegenstände.

            Insofern ist die Elternschaft für Femis immer noch reinstes Weihwasser mit Knoblauch im hellen Sonnenlicht.

      • Richtig! Absolut widerlich wie hier unwidersprochen und mainstream-medial legitimiert Raubbau an der Gesellschaft stattfindet. Ein Hoch auf die Massenpsychose der menschlichen Spezies, auf dass sie immer kränker werde.

  • Eine Rezension von Sophie Lewis Buch „Full Surrogacy Now. Feminism Against Familiy“ von der neoliberalen Seite „Building Tomorrow Libertarianism.org“:

    Die radikal-liberale/neoliberale Rezensentin Pamela J. Hobart findet Sophie Lewis Buch gar nicht so schlecht:

    Pamela J. Hobart – The Ethics of Surrogate Pregnancy. A review of Sophie A. Lewis’s „Full Surrogacy Now: Feminism Against Family“

    https://www.libertarianism.org/building-tomorrow/full-surrogacy-now

  • „Was als „Kapitalismuskritik“ verkauft wird, ist tatsächlich eine Radikalisierung und Totalisierung von Marktlogiken.“

    Es ist ein Negieren der Marklogik des Reziproken, der Gegenseitigkeit. Hier wird eine Seite als Unbedingte, die andere als die einfach nur falsche, dargestellt, also vollkommen einseitig.
    Der Kapitalismus ist deshalb so verhasst, weil er gegenseitig ist und Ideologien, die Einseitigkeit wollen sind notwendigerweise anti-Markt und Gegenseitigkeit.

    Das ist aber eigentlich unwichtig, bei der tollen Analyse hier, aber Feminismus hat keine Beziehung zu Marklogiken. Die hassen das als patriarchal.

  • Ich fasse es nicht! Wie kann es sein, dass die Qualität eines Artikels als auch die Kommentare in einem Blog um Welten besser ist als dass, was man in einem Flagschiff der deutschen Presse zu lesen bekommt?

    Ganz herzlichen Dank an alle. Artikel wie Kommentare sind hochinteressant und sehr bereichernd.

  • „Die Beschwörung der faschismusnahen Familie erfüllt vor allem den Zweck, faschistoide Anteile der eigenen Position nicht wahrnehmen zu müssen.“

    Das ist für mich die entscheidende Schlussfolgerung zu den im Anfangsteil thematisierten Darlegungen.

    Wer wirklich glaubt, Kinder wären besser dran in Obhut eines derart abstrakten Substituts wie „der Gesellschaft“ als umgeben zu sein von Eltern, Großeltern und sonstiger Verwandter (vulgo: Familie), der vertritt zu 100 % dieselbe Meinung wie bisher alle faschistischen bzw. allgemein totalitären Regime der Menschheitsgeschichte. Eine elementare Lebensgrundlage des Faschismus ist flächendeckende Gleichschaltung. Der stehen autonome Familienbünde aber in der Regel klar im Weg.

    Warum gab es wohl im dritten Reich HJ und BDM? Warum war es sowjetsozialistischen Staaten wie der DDR so wichtig, dass die Kinder möglichst früh in staatliche Einrichtungen kommen konnten (das Interesse, dass beide Eltern schnellstmöglich wieder an ihre Arbeitsstätten kommen war nur einer der Gründe…)? Warum setzten sowohl GESTAPO als auch STASI stark auf Informationen aus der Bevölkerung, die sie zum nicht unerheblichen Teil von Erziehungs- und Lehrkräften erhielten, die diese über hinterlistige Ausfragerei der Kinder verdächtig gewordener Eltern akquiriert hatten? Dahinter steckte stets: a) das Ziel frühkindlicher Ideologisierung; b) die Entfremdung des Kindes von seinen Eltern, speziell sollten diese im Verdacht der Konterrevolution gestanden haben; c) im Falle von (b) des bösartigen Missbrauchs von Kindern als unfreiwillige Spitzel gegen ihre Eltern, indem man ihre kindliche Unbedarftheit gegen sie ausnutzte. All das waren ganz klar Maßnahmen von Staaten gegen Familien gerichtet, weil sich nun einmal diese der unmittelbaren Kontrolle darüber entzogen, was dort gedacht und getan wurde und (ganz gefährlich) dies noch unsteuerbar als Multiplikator an ihre Kinder weitergaben. Und all das ist historisch eindeutig wesenstypisch für faschistische, totalitäre und entsprechend antiliberale Staaten und darüber auch geformte Gesellschaften.

    Wer also eine Abschaffung traditioneller Familien fordert, fordert die Vollendung dessen, worauf die Nazis, die Stalinisten, die Maoisten und wie sie alle hießen, mit Hochdruck hingearbeitet haben. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Geisteshaltung, kann ich da nur sagen…

    • „Eine elementare Lebensgrundlage des Faschismus ist flächendeckende Gleichschaltung. Der stehen autonome Familienbünde aber in der Regel klar im Weg.“

      An diese Stelle hänge ich mal aus Benda „Verrat der Intellektuellen“ geschr. 1946 an:

      „Die wahren Männer der Ordnung haben das (s.o.!) übrigens begriffen: Der Nationalsozialismus verlangte, dass die Kinder nicht der Familie, sondern ihm gehören sollten. „Wir ergreifen das Kind schon in der Wiege“ erklärte einer ihrer Anführer – und fügte, ganz Mann der Ordnung, hinzu: „Und wir lassen den Menschen erst im Sarg wieder los“.

      Das finde ich die eindringliche Beschreibung, was Totalitarismus überhaupt bedeutet.

      • ich muss noch anfügen: die Textstelle war in eine Erörterung eingebettet, dass die Idee die Familie sei Keimzelle der gesellschaftlichen Ordung nur allzudeutlich an der Realität des Familienegoismus scheitern würde und zeichnete Bilder der familiären Komplizenschaft beim Drücken vor dem Kriegsdienst, um dem „Heldentod“ zu umgehen.
        Man sieht, auch diese Idee ist schon älter als man denken würde.

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