Deutschland Moderne/Postmoderne Rechtsradikalismus Zivilgesellschaft

Grönemeyer und die sieben Faschos

geschrieben von: Lucas Schoppe
  1. Rockmusik und Faschismus. Und Herbert Grönemeyer.
  2. Von betonierter Unschuld und verrücktem Pack
  3. Toxische Deppenwörter und das Narrativ vom Narrativ

Höcke oder Kalbitz wären noch vor wenigen Jahren einfach Politiker irgendeiner rechten Kleinstpartei mit Stimmen im Promillebereich gewesen. Wenn sie heute landes-, irgendwie sogar bundespolitische Bedeutung bekommen haben, dann müssen wir als ihre Gegner etwas falsch gemacht haben. Die Posse um einen Auftritt Herbert Grönemeyers zeigt, warum es so schwer ist, nach diesen Fehlern auch nur zu fragen.

 

Rockmusik und Faschismus. Und Herbert Grönemeyer.

Wenn ich in Zeitungen, Kommentarspalten oder sozialen Netzwerken Äußerungen von AfD-Anhängern lese, dann bleibt vor allem ein Eindruck zurück: Kritik an der eigenen Partei kommt dort nicht vor, und Kritik von außen wird abgewehrt mit der Klage darüber, dass die Partei einer feindlichen Medienwelt gegenüberstünde – dass die Kritiker manipuliert und gleichgeschaltet wären – oder dass sie gar Teil einer gewaltbereiten Front gegen die AfD oder praktischerweise gleich gegen das ganze Land wären.

Wer aber dagegen eine offene Gesellschaft vertreten will, der kann nicht auf dieselbe Weise in der eigenen Perspektive festgetackert bleiben, sondern muss akzeptieren, dass es andere Perspektiven als die eigene gibt. Er muss vor allem akzeptieren, dass auch er selbst von anderen womöglich anders wahrgenommen wir, als er sich selbst sieht, und anders, als er sich selbst sehen möchte.

Das bedeutet: Wir können eine offene Gesellschaft gegen einen Rutsch nach rechts nicht mit derselben Verbitterung, demselben Gefühl des permanenten Unverstandenseins, derselben Verweigerung des Perspektivewechsels und demselben Mangel an Selbstkritik verteidigen, die wir bei AfD-Politikern kritisieren. Das gilt auch, zum Beispiel, für den Umgang mit der jüngsten medialen Aufregung um einen kurzen Ausschnitt aus einem Konzert von Herbert Grönemeyer, der sogar vom Außenminister weiterverbreitet wurde.

Nein, natürlich ist Herbert Grönemeyer kein Nazi. Trotzdem ist der Auftritt  irritierend, wenn er ruft, dass WIR „diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“ – und er ist unfreiwillig komisch, wenn er wie ein Hitler-Soundalike brüllt, dass „diese Gesellschaft (…) offen und demokratisch“ ist.

Natürlich wurde der Ausschnitt aus der AfD und von ihren Anhängern angegriffen, auch unmäßig und schäumend. Aber auch eine Reihe von Menschen, die mit der AfD überhaupt nichts zu tun haben, waren irritiert von der Wortwahl oder dem Anheizen des Publikums.

Dabei ist eigentlich nicht Grönemeyers Auftritt beunruhigend, der kann sich durch den Kontext eines Rockkonzertes durchaus erklären lassen. Beunruhigend aber ist die weitflächige, ganz selbstverständlich daherkommende und unerschütterliche Weigerung, auch nur die Möglichkeit einzuräumen, dass an solch einem Auftritt tatsächlich irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. Als müsste jemand, der aus der AfD kritisiert wird, allein schon deshalb über jeden Zweifel erhaben sein.

Bei der Klärung helfen zwei Beispiele aus der Rockgeschichte, eines von einem Weltstar, das andere von einer einst sehr erfolgreichen deutschen Gruppe.

David Bowie erzählte 1974 in einem Playboy-Interview offen von seiner damaligen Faszination für den deutschen Faschismus.

Rock stars are fascists. Adolf Hitler was one of the first rock stars.

Bowie schämte sich später für diese Faszination, beschrieb sie als schrecklich („ghastly“) und erklärte sie mit einer psychischen Ausnahmesituation: „I was out of my mind, totally, completely crazed.” Im Laufe seines langen Aufenthalts in West-Berlin und der Auseinandersetzung mit den bleibenden Schäden, die der Nationalsozialismus angerichtet habe, sei die Faszination verflogen.

Der „New Musical Express“ warf Bowie 1976 vor, seinen Fans mit einem Hitlergruß begegnet zu sein. Bowie selbst berief sich darauf, lediglich gewunken zu haben. (Die Quelle gibt an, er habe mit dem Gruß seinen damaligen Charakter des „Thin White Duke“ ausgestaltet – das entspricht nicht Bowies eigener Darstellung.)

Doch auch ganz ohne den Kontext dieser Faszination wird Bowies Bezeichnung Hitlers als „erster Rockstar“ noch heute immer wieder zitiert – wohl deshalb, weil sie auf eine zynische Weise stimmig ist. Die Lenkung und Instrumentaliserung der Massen – ihre gezielte Nutzung für die Selbst-Inszenierung – die Einordnung der Einzelnen in einem gemeinsamen Rhythmus, mit dem sie in der Masse untergehen – ihre Ausrichtung auf eine charismatische, herausgehobene, diffus religiös verehrte Zentralfigur: Die typischen Inszenierungungen der Rock- und Popmusik haben offensichtliche Ähnlichkeiten mit den Inszenierungen des Faschismus.

Dass diese Ähnlichkeiten auch dann wirksam werden, wenn Musiker das überhaupt nicht möchten, erlebte die damals sehr wichtige deutsche Band BAP in den achtziger Jahren mit ihrem Lied „Kristalnaach“.

Inhaltlich ist das Lied in Erinnerung an die antijüdischen Novemberpogrome 1938 eine Auseinandersetzung mit einem erstarkenden Rechtsradikalismus. Musikalisch aber ist es, abgesehen von ein paar sehr düsteren Tönen ganz zu Beginn, ein typisches, durchaus auch klischeehaftes Abtanzstück: Ein langsamer Beginn steigert sich, und dann explodiert das Lied im treibenden Rhythmus.

Bei Konzerten wurde das ein wenig peinlich, weil das wohlwollende Publikum ganz den eingeübten Mustern der Musik entsprechend tanzte, hopste, rhythmisch mitklatschte und „Kristallnaach…Kristallnaach“ schrie. So bat die Band dann bei Auftritten denn auch darum, das doch bitte angesichts des Themas zu unterlassen – was natürlich wiederum seltsam war, weil die Musik offenkundig zum Mittanzen gemacht war.

So linkisch und unbeholfen der Umgang von BAP mit dem Lied denn auch wirkte – immerhin räumte die Gruppe offen ein, dass sie unübersehbar einen Widerspruch zwischen Form und Inhalt produziert hatte.

Eben dazu sind heute die Verteidiger Grönemeyers ums Verrecken nicht in der Lage. Was würde denn dagegen sprechen, dessen Ziel – eine Verteidigung einer humanen, offenen Gesellschaft gegen Rechtsradikalismus – zu unterstützen, aber zugleich einzuräumen, dass das Anheizen des Publikums, das Gebrüll und die Wortwahl die inhaltliche Absicht konterkarieren?

 

Von betonierter Unschuld und verrücktem Pack

Stattdessen erwecken gleich reihenweise Verteidiger Grönemeyers den falschen Eindruck, er werde lediglich dafür angegriffen, dass er rechte Politik kritisiert habe. Nicole Diekmann zum Beispiel, immerhin Korrespondentin des ZDF:

Im Spiegel tut Margarete Stokowski so, als würde Grönemeyer bloß kritisiert werden, weil er zu laut gewesen sei – was natürlich ein Vorwand wäre, um Kritik an rechter Politik zu verteufeln: „Die Debatte darüber entsteht, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen sich von so einer schlichten Aussage angegriffen fühlen.“ 

In der Zeit fragt Johannes Schneider unschuldig:

Wer aber könnte sich nun von einem flammenden Appell gegen Rassismus und Intoleranz angegriffen fühlen?

Ja, wer wohl, außer Rassisten und Intoleranten?

Im Vorspann zum Artikel wird es Problem herausgestellt, dass „die Deutschen Faschismus zuerst als Form und nicht als Inhalt begreifen“. Ganz insgeheim räumt das einen Widerspruch zwischen Inhalt und Form ein – stellt das aber nicht als Problem des Sängers, sondern als das seiner Kritiker an.

Im „Deutschlandfunk Kultur“ erklärt die Politik-Professorin Ulrike Guérot Grönemeyers Auftritt schlicht damit, dass er – wie sie – aus dem Rheinland komme: „Da sind die Menschen noch echt und authentisch und schreien sich auch schon mal an.“ So ist er halt, der Rheinländer – wenn die Politikwissenschaft das sagt, dann muss es ja stimmen.

Der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim stellt die Menschen, die sich bei Grönemeyers Auftritt an Goebbels‘ Sportpalastrede erinnert fühlen, der Einfachheit halber gleich rundweg als „Pack“ hin, das blockiert gehöre – und verteidigt dann Grönemeyers Wortwahl.

Nun war Deutschland 1945 bekanntlich in einer anderen Situation als heute. Deutsche hatten gerade erst Europa und Länder außerhalb davon in einem irrwitzigen Krieg in Schutt und Asche gelegt und mit dem Massenmord an den europäischen Juden ein Menschheitsverbrechen begangen. Das Land war in jeder Hinsicht zerstört: in seiner Infrastruktur, seinem politischen System, aber natürlich auch in seiner moralischen Integrität. Es war auf Hilfe von außen angewiesen, und nicht nur auf Care-Pakete, sondern auch auf Hilfe und Lenkung beim politischen Neuaufbau.

Doch selbst im Hinblick auf diese Situation, die sich von der des heutigen Deutschland grundsätzlich unterscheidet, würden wir nicht jede Einwirkung von außen als gut und richtig ansehen – das sowjetische Diktat für den Osten des Landes wird heute jedenfalls nicht mehr allgemein als wohltuend betrachtet. Ohnehin hätten damals lediglich Nazis von einem amerikanischen „Diktat“ für Deutschland gesprochen, so wie sie vorher von einem „Versailler Diktat“ sprachen – der Begriff „diktieren“ passt nun einmal nicht in eine demokratische Politik, sondern in eine autoritäre.

Wenn der Spiegel-Korrespondent das heutige Deutschland umstandslos mit dem in jeder Hinsicht zerstörten Land von 1945 gleichsetzt und eine Politik des Diktats befürwortet, verkauft er also autoritäre Impulse als Dienst an der Demokratie.

Die komplette, flächendeckende Weigerung einzuräumen, dass die eigene Position problematische Aspekte haben könnte, verhindert eben die offene Debatte, die von den Verteidigern der offenen Gesellschaft doch angeblich angestrebt wird: keine Debatte mit Rechtsradikalen, sondern schlicht schon eine Debatte unter Demokraten, die sich in Teilfragen uneins sind.

Wenn sich Maas, Diekmann, Stokowski und co. als Verteidiger einer offenen Gesellschaft inszenieren,  agieren so so, als lebten sie in einer versimpelten Märchenwelt, in der die eigene Position immer so rein und unschuldig ist wie Schneewittchen und die der Kritiker verkommen wie die böse Stiefmutter (die zu allem Überfluss auch noch meist als alter weißer Mann imaginiert wird). Den Kritikern der eigenen Position gestehen sie nicht einmal zu, ihre Kritik überhaupt erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, bevor sie dann empört abgelehnt wird.

Natascha Strobl, die in Österreich zur identitären Bewegung forscht, kanzelt solche Kritiker denn auch pauschal-herablassend als „7 Fascho-Accounts auf Twitter“ ab: Du bist ein Nazi, weil Du mich Nazi genannt hat. – Nein, Du bist ein Nazi, weil du mich Nazi genannt hast. – Nein, du…

Johannes Schneider schreibt über diese Kritiker denn auch:

„Vor allem aber sind es Leute, die Faschismus und Antifaschismus für ‚gleich schlimm‘ halten, respektive für die zwei sich nahenden Enden eines Hufeisens.“

Nun hatte von der tatsächlich bescheuerten Hufeisen-Theorie überhaupt niemand geredet, bevor Schneider darauf kam. Vor allem geht es der Kritik eben gerade nicht darum, Faschismus und Antifaschismus gleichzusetzen – sondern darum, dass von Gegnern des Faschismus natürlich etwas anderes erwartet werden muss als von Faschisten selbst. Das stellt Faschisten keinen Freibrief aus, sondern signalisiert lediglich, dass bei ihnen ohnehin niemand mit einem nennenswerten Beitrag zu einer humanen Gesellschaft rechnet – anders als bei ihren Gegnern.

Das heißt dann eben auch, dass es einem Menschen auffallen sollte, wenn er inhaltlich antifaschistische Statements liefert, sie aber in eine Form packt, die faschistische Muster kopiert. Er wird dadurch nicht zum Faschisten, produziert aber Widersprüche.

Es heißt vor allem auch, das Vertreter der offenen Gesellschaft zu einer Selbstkritik in der Lage sein müssen, mit der bei Faschisten ohnehin kein vernünftiger Mensch rechnen würde. Herrje – was ist denn eigentlich passiert, dass Antifaschisten sich heute allen Ernstes weinerlich-empört darüber beschweren, wenn von ihnen mehr erwartet wird als von Faschisten?

 

Toxische Deppenwörter und das Narrativ vom Narrativ

Ich habe mir schon seit einer ganzen Weile eine private Liste toxischer Deppenwörter zurechtgelegt: Begriffe, die so bescheuert sind, dass wir mit Fug und Recht den gesamten Text für idiotisch halten können, wenn sie unironisch in ihm auftauchen.

Dazu gehört zum Beispiel der Begriff „selbsternannt“ (ich weiß nicht, wie oft ich schon den Quatsch-Begriff „selbsternannte Männerrechtler“ gelesen habe – als ob es ein Amt für die ordnungsgemäße Ernennung zum staatlich geprüften Männerrechtler gäbe).

Dazu gehört auch der Begriff „angedacht“ (etwas sei angedacht – nicht im Sinne von Andenken, sondern im Sinne von „Ich habe da mal angefangen zu denken, dann aber ziemlich schnell die Lust verloren“).

Ganz ähnlich ist die Formulierung „auf den Weg gebracht“ (im Sinne von „Ich habe da mit etwas angefangen, dessen Konsequenzen ich mir nicht so richtig überlegt habe, was aber auch egal ist, weil jetzt sowieso andere dafür verantwortlich sind“).

Regelrecht unangenehm ist mir der Begriff „Stellschrauben“ oder „an Stellschrauben drehen“, wenn er metaphorisch gebraucht wird (im Sinne von „Ich habe zwar nicht die geringste Ahnung davon, wie das alles hier gerade funktioniert, aber lass uns einfach mal an der Kurbel da vorne drehen“).

Der Begriff „Framing“ wiederum war eigentlich einmal sehr nützlich, gehört aber spätestens seit Elisabeth Wehlings „Framing-Manual“ für die ARD mit auf die Liste (im Sinne von „Wenn jemand etwas anderes denkt als ich, kann das nicht mit rechten Dingen zugehen, sondern muss auf irgendwelchen Manipulationen beruhen“).

Ganz ähnlich gilt das denn auch für den Begriff „Narrativ“, den ich gleich mehrfach im Zusammenhang mit Grönemeyer gelesen habe. Er wird heute routiniert als Warnung gebraucht, dass auf gar keinen Fall das Narrativ des Gegners unterstützt werden dürfe.

So klischeehaft-selbstverständlich der Begriff heute auch daherkommt, so fatal ist er, zumindest außerhalb der Erzähltextanalyse. Er entstammt einer bestenfalls viertelverdauten Rezeption postmoderner Theorien und macht klar, dass wir uns gar nicht auf eine gemeinsame Welt beziehen können, sondern dass wir lediglich verschiedene Erzählungen hätten, in denen die Welt irgendwie vorkommt bzw. konstruiert werde – eben „Narrative“.

Da wir keine gemeinsame Welt hätten, an der wir gemeinsam die Funktionalität dieser Erzählungen überprüfen können, und an der wir unsere Erzählungen ändern, kombinieren und sich gegenseitig beeinflussen lassen können – daher stehen sich in dieser Vorstellung lediglich ein paar feindliche, sich gegenseitig ausschließende „Narrative“ gegenüber.

Alles, was wir dann tun können, ist, dafür zu sorgen, dass das richtige Narrativ sich durchsetzt, das natürlich zufällig immer gerade unseres ist. Wir müssen es hingegen unbedingt vermeiden, dem Narrativ des Feindes zuzuarbeiten.

Unterschiede lassen sich hier nicht durch unterschiedliche Perspektiven auf eine gemeinsame Welt erklären, sondern werden zwangsläufig moralisierend begründet: Der andere sieht etwas anders als ich, weil es ihm an gutem Willen fehlt. Und da das gemeinsame Interesse fehle, sich trotz aller Unterschiede in einer gemeinsamen Welt wirklichkeitsgerecht zu verhalten, hat es denn auch überhaupt keinen Sinn, die eigene Perspektive zu kritisieren, auf Fehler hin zu überprüfen und dafür womöglich gar die Perspektive der anderen zu nutzen.

Wie feindselig dann eben nicht nur Menschen von ganz rechts, sondern auch von links werden, habe ich nach einem Kommentar zu Grönemeyer bemerkt. Ich hatte bei Twitter am Beispiel von Nicole Diekmann gar nicht einmal Grönemeyer direkt, sondern die Unfähigkeit zur Selbstkritik kritisiert. Das wurde dann von einem User so rezipiert:

Es ist nicht schlimm, hat keine Folgen für mich – aber es ist ein kleines Beispiel für die Enthemmung, die auf den Mangel an Selbstkritik ebenso folgt wie auf die Weigerung, dem Gegner irgendeine gute Absicht zu unterstellen. Ein Wüten gegen „Vollidioten“ und „Spasten“, dazu „liberal“, „aufgeklärt“ und „rational“ als Schimpfwörter: Was ist eigentlich so schwer daran zu verstehen, dass das kein Dienst an einer humanen und offenen Gesellschaft ist?

Höcke oder Kalbitz wären noch vor wenigen Jahren einfach Politiker irgendeiner rechten Kleinstpartei mit Stimmen im Promillebereich gewesen. Wenn sie heute landes-, irgendwie sogar bundespolitische Bedeutung bekommen haben, dann müssen ihre Gegner etwas falsch gemacht haben. Wer sich fragt, welches die Fehler sind, mit denen die AfD stark gemacht wird – der findet bei der Posse um Grönemeyer einen guten Anfang.

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39 Comments

  • Ich habe das Video von Grönemeyer nicht unvoreingenommen gesehen, zumal ich schon etliche Tweets vorher darüber gelesen habe, bei dem gesagt wurde, wie man das Geschehen kontextualisieren könnte. Ich weiss nicht, ob ich dann auch den Eindruck bekommen hätte, dass dies an gewisse Spielarten der Nazis erinnert. Aber es ist klar: Die ganze Szene (grosser Saal mit vielen Zuschauern, dann Geschrei, das das Publikum irgendwie „aufstachelt“) erinnert an die Massenpsychologie von Gustav Le Bon und ihren möglichen destruktiven Auswirkungen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Psychologie_der_Massen
    Die Problematik bei Grönemeyer sehe ich natürlich darin, dass jegliche Ursachenforschung für Rechtspopulismus oder Rechtsextremismus ausgeblendet wird. Man muss einfach gegen rechts bzw. die Nazis oder die Rechtsextremisten oder Rechtspopulisten sein und das ist ein moralischer Imperativ und der Zweck heiligt die Mittel und Ursachen sind sowieso egal, zumal keine Ursache eine solche Präferenz oder Wahl oder Mitgliedschaft etc. rechtfertigt.
    Das finde ich noch eine interessante Aussage, wenn man sagt, dass keine Ursache es rechtfertigt, dass jemand die Rechtspopulisten oder Rechtsextremisten wählt. Das ist natürlich eine normative Aussage! Aber: Ursachen scheren sich nicht um Normativität und wenn man mit der Normativität argumentiert, kann man eigentlich nur sagen: Die Ursache ist schlussendlich das amoralische Subjekt: Der Faschist, der Rassist, der Nazi oder der Rechtsextremist, also das böse Individuum.
    Nur müsste man sich dann fragen, wenn schlussendlich das amoralische Subjekt die Ursache für Faschismus etc. ist, dann können wir ja die Geschichtswissenschaft oder die Sozialwissenschaften, die Ursachenforschung betreiben, auf Moral reduzieren, wenn es um die Erklärung von Faschismus geht.
    Nur würde vermutlich kein Historiker sagen, der Nationalsozialismus lasse sich auf Moral reduzieren. Die Ursachen des Nationalsozialismus sind vielfältig und komplex, ökonomische, politische, soziale, gesellschaftliche, kulturelle, historische etc. Faktoren dürften eine mehr oder weniger grosse Rolle gespielt haben. Wenn man ja eigentlich etwas gegen Rechtspopulismus machen möchte, dann sollte man ja auch die Ursachen dafür beheben. Nur das interessiert Grönemeyer nicht, es reicht ihm, wenn man einfach moralisch gegen Nazis ist. Am liebsten würde er vermutlich die AfD verbieten oder den Leuten das Wahlrecht entziehen oder sie stigmatisieren, diffamieren und ausgrenzen, wie man das teilweise mit den Maskulisten, die ja auch irgendwie halbe Nazis sind, ab und zu macht. 🙂 Wenn man natürlich die Ursache von Rechtsextremismus etc. nur im verkommenen Subjekt ansiedelt, dann ist man natürlich auch entlastet, weil wir, die Guten, haben nix damit zu tun und somit erübrigt sich auch jegliche Selbstreflexion.
    Ich würde jetzt mal ein bisschen böse behaupten: Grönemeyer geht es vor allem um sich selbst und um sein Image (Vermehrung von symbolischem Kapital), zumal sich für das Gute und Edle einsetzen, vielfach auch mit einer Dividende bzw. Gratifikation verbunden ist.

    • Ich sehe das ähnlich, aber nicht ganz genau so: Ich denke, Herr Grönemeyer hält sich, wie viele andere zur Zeit, für einen von den Guten – und darum gelten für ihn keine demokratischen Regeln mehr. Demokratie wird verstanden als eine Übergangslösung bis ‚Die Guten‘ an die Macht kommen; dann stört Demokratie nur noch und muss weg. Aber gegen rechts zu sein, heißt noch lange nicht, zu den Guten zu gehören; wer weiß denn, was Herr Grönemeyer noch so diktieren würde, wenn man ihn ließe?

      Dass es gerade die Idee der Demokratie ist, genau das zu verhindern, übersteigt die intellektuellen Kapazitäten vieler Leute: das Volk entscheidet in Wahlen und muss immer wieder die Gelegenheit haben, seine Entscheidung zu revidieren. Und den Rahmen um alles zieht die Verfassung, nicht der Demagoge.

    • Das Bizarre ist ja gerade, dass sich das Moralverständnis „moralischer Imperativ und der Zweck heiligt die Mittel“ mit dem des Nationalsozialsmus decken dürfte. Es haben sich nur die Inhalte gewandelt und wer als parasitär gilt. Die Gesellschaft strebt einem Autoritarismus auf der Mirco-Ebene (in Abgrenzung zum staatlichen Autoritarismus) entgegen und merkt es nicht. Unterdessen fragt man sich, wie es damals soweit kommen konnte und wähnt sich selbst, eine Bastion gegen wiederkehrenden Nazis zu bilden. Dabei bräuchte man sich nur anschauen, was gerade auf der eigenen Seite passiert und man könnte die Mechanismen „wie es damals soweit kommen konnte“ einzeln sezieren. Den Faschismus will man an ähnlichen (d.h. rechten) Inhalten festmachen und ist dabei blind für das Allgemeine, für die Form von Faschismus (und mit Form ist nicht bloß die Tonalität einer Rede gemeint, das gehört sogar eher zum bloß äußerlich Ähnlichen; als ob allgemeine Form an solch Oberflächlichem festzumachen wäre).
      Eine Ursachenforschung für „rechts“ wird ab und an schon (zumindest der Rede nach) betrieben, wenn z.B. Medien fragen, was im Osten schief läuft. Aber das geschieht dann natürlich in einer ebenso moralisierenden Manier. Man spricht von den armen Abgehängten, also macht Qualitäten geltend, die eigentlich Steigbügelhalter für Shaming sind. Es müssen immer die qualitativ Missratenen, Irrationalen sind, die so etwas über uns „Gute“ bringen.

  • „Doch auch ganz ohne den Kontext dieser Faszination wird Bowies Bezeichnung Hitlers als „erster Rockstar“ noch heute immer wieder zitiert – wohl deshalb, weil sie auf eine zynische Weise stimmig ist. Die Lenkung und Instrumentaliserung der Massen – ihre gezielte Nutzung für die Selbst-Inszenierung – die Einordnung der Einzelnen in einem gemeinsamen Rhythmus, mit dem sie in der Masse untergehen – ihre Ausrichtung auf eine charismatische, herausgehobene, diffus religiös verehrte Zentralfigur: Die typischen Inszenierungungen der Rock- und Popmusik haben offensichtliche Ähnlichkeiten mit den Inszenierungen des Faschismus.“

    Ich finde in dem Absatz greifst du zu kurz. Faschismus und die von dir beschriebenen Inszenierungen haben nur deshalb Ähnlichkeiten, weil sie denselben (evolutionspsychologisch geprägten) menschlichen Verhaltensweisen folgen. Die Parallele, die du ziehst, könnte direkt einen ganz anderen Geschmack haben, wenn du nicht gerade die wohl negativste Ausprägung in den totalen Exzess dieses Verhaltens heranziehst. Vergleichen wir doch einfach mal Rockmusik mit Gandhi. Auch der sammelte schnell Anhänger um sich, die ihn teils wie einen Gott verehrten. Auch das führte dazu, dass tausende sich an eine Person hängten und ihn zu imitieren versuchten. Dasselbe Verhalten vollzieht sich übrigens auch in der derzeitigen Klimahysterie (Greta und ihre Jünger).

    Zum Faschismus wird so etwas, wenn dieses menschliche Verhalten gezielt genutzt wird zur repressiven Steuerung einer ganzen Bevölkerung.

    Gandhi war kein Faschist, hätte aber alles gehabt, um mit einem Handstreich einer zu werden; es waren im Wesentlichen seine eigenen humanistischen Grundsätze, die es verhinderten, dass aus seiner Protestbewegung heraus eine faschistische Revolution wurde. Das einzige, was er von seinen Anhängern forderte, war Friedfertigkeit, er hätte aber gewiss alles von ihnen verlangen können.

    Deshalb finde ich das Gleichnis im zitierten Absatz etwas unglücklich, weil es schon eine Wertungsstufe zu weit geht. Rock- und Popmusik haben nur Ähnlichkeit mit faschistischen Inszenierungen, weil sie beim Menschen auf dieselben Knöpfe drücken. Man könnte sie aber auch genauso mit so ziemlich jeder von einer Einzelperson, einer Ikone, dominierten Protestbewegung vergleichen, egal ob diese nun positiv oder negativ gewertet wird.

    Und zu dem Text von Johannes Schneider in der Zeit: der ist nun wirklich an Dummheit nicht mehr zu überbieten. Erst einmal schon der plumpe Versuch des Framings… Jeder der Grönemeyers Ausruf kritisiert, kann ja nur rassistisch und intolerant sein. Und da wundern sich diese unbegabten Tastaturvergewaltiger, dass immer häufiger von DDR 2.0 die Rede ist? Schließlich war ja auch jeder Kritiker der Mauer offensichtlich ein Fan des Faschismus, kritisierte er doch den „antifaschistischen Schutzwall“.

    Und dann seine Aussage, dass Leute einfach immer Faschismus nicht als Inhalt sondern als Form begreifen… Ohne Worte!

    Faschismus IST in erster Linie Form. Faschismus ist ein leeres Gefäß, das mit nahezu jedem Inhalt gefüllt werden kann. Selbst die teils eher etwas albern anmutende Klimaapokalyptik gepaart mit der medial gepushten Gretaverehrung (wofür das Mädel selbst nichts kann; sie selbst scheint mir eher ein armes Ding mit einigen „Problemen“ zu sein, das von seinen Eltern und korrupten Lobbygruppen vor sich hergeschoben wird) bringt schon einiges mit, dass sich daraus ohne weiteres ein knallharter Faschismus entwickeln könnte.

    Das, was Herr Schneider sich da zusammenphantasiert, ist der übliche Selbstbetrug von Leuten, die, ohne es zu wissen, mit faschismuswesenstypischen Methoden durchaus sympathisieren, solange diese eben nur dem „Guten“ dienen. Die Vorstellung, dass jedes faschistische System aus der Überzeugung entstanden ist, Gutes zu tun, diese Vorstellung übersteigt in der Regel bei weitem den geistigen Horizont solcher Leute.

    Die Denke, eine Haltung könne ja gar nicht faschistisch sein, weil sie sich ja eben gegen die Faschisten richte, entspringt der zeitgeistig en vogue gewordenen, groben Verkürzung des Konzeptes „Faschismus“ auf „irgendwas, was Rechte machen“. Das führt ja auch dazu, dass sich Leute aus voller Überzeugung als Antifaschisten bezeichnen, die Menschen mit der „falschen“ Meinung bei Arbeitgebern und Geschäftspartnern denunzieren, ihre Häuser verschandeln, ihre Autos anzünden und ihnen ggf. auch mal eine aufs Maul hauen, sich also derselben Methoden bedienen, wie einst die SA, dies aber nicht zu erkennen im Stande sind, weil sie ja „gegen Rechts“ sind.

    Das ist eben dadurch entstanden, weil einfach zu viele Menschen sich in Bezug auf „Faschismus“ ebenso haben verblöden lassen, wie Herr Schneider, und nicht wissen, dass man diesen ausdrücklich NICHT auf Basis des Inhaltes sondern auf Basis der Form erkennt. Nicht jeder Rechte ist automatisch ein Faschist, wie auch nicht jeder Linke automatisch kein Faschist sein kann. Mir fiele es zumindest schwer, Mao als Rechten einzuordnen. Und, um diesen wieder einmal sehr langen Kommentar mit einer meiner gewohnten Spitzen zu beenden: auch der hat seinen Anhängern gewiss das eine oder andere Mal zugerufen, dass es nun an ihnen ist, zu diktieren, wie die Gesellschaft auszusehen hat. Er und seine Anhänger haben das dann nur auch in die Tat umgesetzt und alleine daraus erwuchs lupenreiner Faschismus. Wir gegen die. Und wer nicht „wir“ sein will oder wen wir nicht als einen von uns haben wollen, der muss beseitigt werden.

    • Hallo Billy
      Ich finde, deine Ausführungen zum Wesen des Faschismus etwas ambivalent, wenn Du Lukas kritisierst, dass seine Deutung der Inszenierung von Grönemeyer zu kurz greife, andrerseits betonst, dass Faschismus vor allem Form sei.
      Etwas polemisch sage ich, dass Grönemeyers Auftritt – und nicht nur seiner – als ästhetisierte Inszenierung des Führerprinzips verstanden werden kann. Ein Individuum artikuliert den Willen, dem die gesichtslose Masse bedingungslos folgt, wobei der Führer in diesem Fall einer der Guten ist, dem man getrost folgen darf. 🙂 Ich denke, das ist es, was manche irritiert und was andere wiederum ums Verrecken nicht wahrnehmen wollen.

      • Hi Pjotr.

        Mit zu kurz greifen meinte ich auch nur, dass Faschismus zwar in erster Linie Form ist, aber auch eine exzessive Ausartung dieser Form. Darum meine Vergleiche zu Bewegungen, die ebenfalls auf Ikonen aufbauen, denen Leute teils relativ blind gefolgt sind, die aber nicht ernsthaft als faschistisch eingestuft werden können. Ich denke, es ist dabei entscheidend, wie bewusst sich dabei die jeweilige Ikone ihrer Position ist und wie sie mit diesem Wissen umgeht. Es gab unzählige Menschen in der Geschichte, die durchaus faschistische Bewegungen hätten initiieren können, ihren Einfluss auf Massen aber genutzt haben, um deren Energien positiv zu lenken.

        Ich fand dein Beispiel mit den Stones übrigens ziemlich gut. Mick Jagger forcierte das ihm aufgefallene „Lemmingverhalten“ erst, indem er es in einer eigentlich unvertretbaren Weise zuspitzte, um das Ergebnis dessen dann klar abzuwerten, zurückzuweisen. Das hat unter Umständen sogar bei dem einen oder anderen ihn Anhimmelnden das eine oder andere Rädchen im Kopf in Gang versetzt…

        Das meinte ich, dass ich typische Konzertinszenierungen nicht gleich mit der übelstmöglichen Ausprägung des damit angesprochenen menschlichen Verhaltens vergleichen würde, auch wenn sie natürlich grundsätzlich auf denselben menschlichen Verhaltensmustern, gerade im Sinne von Gruppenverhalten auf ganze Massen ausgeweitet, folgen.

        Aber vielleicht war in diesem Sinne „zu kurz gegriffen“ ein tatsächlich ungeschickter Ausdruck meinerseits, denn faktisch griffe nach meiner Deutung Lucas‘ Vergleich nicht zu kurz, sondern „moralisch“ eher sogar zu weit… 😉

  • Ich komme nochmal auf meine Ansicht zurück, dass wir es mit einer hochgradig gestörten Kommunikation zu tun haben, eine bewusst und damit willentlich gestörte Kommunikation, wenn „links“ gegen „rechts“ – was auch immer „links“ und „rechts“ bedeuten mag – antritt.
    Nach Watzlawick hat jede Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Wenn ich die Kommunikation von den „Wir gegen die AfD/rechts“ anschaue, dann neige ich zu der Auffassung, dass da entgegen Watzlawicks Auffassung nur noch der Beziehungsaspekt eine Rolle spielt und der Inhalt nur noch marginal oder gar keine Rolle mehr spielt. Ist das nicht eine infantile Regression? Die erwachsene, reife Persönlichkeit ist fähig, die Nachricht vom Überbringer zu trennen, d.h. den Beziehungsaspekt zu marginalisieren und den Inhaltsaspekt zu zentralisieren. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir beobachten.

    Die Kommunikation ist deshalb eine willentlich, bewusst gestörte, weil gewisse Dinge bewusst und willentlich ignoriert werden. Im Ursprungstext findet sich dazu eine gutes Beispiel. Lucas verweist auf Form und Inhalt, die nicht zueinander passen. Was ist die Antwort darauf? Im Grunde ein „ich finde dich scheisse, ich mag dich nicht, du gehörst nicht zu uns“.

    Ein weiteres Beispiel für eine gestörte Kommunikation ist die Diskussion um die Seenotrettung. Die Kritiker kritisieren in aller Regel die Überführung nach Europa, nicht die Rettung als solche, was in der Diskussion ignoriert wird. Es wird unterstellt, dass die Kritiker die Leute absaufen lassen wollen und sich einen Dreck um ihr Leben scheren.

    Form und Inhalt: Ich kritisierte einmal das Hissen der Regenbogenflagge mit dem Argument, dass Form und Inhalt nicht zueinander passten, womit ich mich für meine Kritiker ganz selbstverständlich als übelster Nazi geoutet hatte. Das Hissen einer Flagge ist ein Symbol, das aus dem Krieg – dem ultimativen Kampf – bekannt ist und den Sieg markiert. Es passt als Symbol nicht zur Werbung für Toleranz und ein friedliches Miteinander. Nun wäre ich durchaus empfänglich für eine andere Deutung der Symbolik, aber leider wird mit „Nazis“ wie ich einer bin nicht diskutiert.

    Ich kann mich an ein Konzert der Rolling Stones“ in Basel erinnern. Jagger veralberte das Publikum, das mit ihm und seinen Gesten synchron ging, indem er den faschistischen Gruss zeigt, worauf die grössten Fans, die sich ganz vorne, nahe an der Bühne befanden, den Gruss erwiderten, worauf er eine abschätzige Handbewegung machte.

  • Musiker, die explizite politische Stellungnahmen abgeben, waren mir schon immer ein Gräuel. Jemand mag ja ein großer Künstler sein (Grönemeyer ist das nicht, aus meiner Sicht), aber das heißt ja nicht, dass er deshalb auch über ein besonders Urteilsvermögen im Bereich der Politik verfügt. Er ist politisch nicht kompetenter als jeder Hinz und Kunz auf der Straße, und er nutzt nur seine Bekanntheit und Popularität aus, um Politik zu machen.

    Ansonsten stimme ich Lucas zu; es findet in der Politik keine Kommunikation zwischen den Lagern mehr statt, man schlägt nur noch aufeinander ein (wobei n Deutschland die Linken schlimmer sind als die Rechten, die AfD meidet das Zusammentreffen und Diskutieren mit Linken Journalisten nicht, obwohl die regelmäßig nur versuchen, sie in die Pfanne zu hauen).

    Diese Unfähigkeit zur Selbstreflexion, dieses Beharren auf der eigenen Position, kann eigentlich den Konflikt nur auf die Spitze treiben, und Gewalttätigkeiten sind da vorprogrammiert.

    Ich habe inzwischen auch den Eindruck, dass die Linken Angst haben, davor, dass die AfD Erfolg haben könnte wie etwa Salvini in Italien, der den Menschen offenbar das Gefühl vermittelt, sich für ihre Interessen einzusetzen. Wenn das Interesse der Mehrheit, nicht mit immer mehr Migranten um Arbeitsplätze und Sozialleistungen konkurrieren zu müssen, illegitim ist und nur moralische Verdammungsurteile nach sich zieht, dann wählen die eben die, die ihnen den Eindruck vermitteln, sich für dieses Interesse einzusetzen.

    • Zum Thema „politische Stellungnahmen von Musikern“ gibst ein schönes Zitat von Alice Cooper

      „I don’t like to mix politics and rock ’n‘ roll,
      I don’t look at Bono, Sting and Bruce Springsteen as political. I look at them as being humanitarian. I’ll contribute to anything humanitarian. Helping people who can’t help themselves. But when musicians are telling people who to vote for, I think that’s an abuse of power. You’re telling your fans not to think for themselves, just to think like you. Rock ’n‘ roll is about freedom — and that’s not freedom.“
      Alice Cooper

  • Mir fehlt in deiner Aufzählung der Deppenwörter noch „Haltung“, meine persönliche Nr. 1 in dieser Klasse. Passt aber gut zum „Narrativ“. Denn beide müssen stimmen, alles andere ist egal.

    • „Passt aber gut zum „Narrativ“.“

      Man könnte eigentlich sogar so weit gehen, das ganz im Sinne von Danisch (bei all seinem teils unterkomplexen Gekoffere sind doch manchmal durchaus gute Gedanken bei) als eines dieser Begriffspärchen zu sehen, die man, je nach Position verwendet. Das eine als „gut“, das andere als abwertend.

      Bezeichnet werden damit gerne eigentlich dieselben Denkweisen, die oft aus groben Widersprüchen bestehen, die eigentlich dadurch verursachten kognitiven Dissonanzen aber vermieden werden, indem man es halt irgendwie als „höherwertiges Denken“ verklärt. Für mich ist eine dieser grob widersprüchlichen Denkweisen bei denen, die sich heute so als links verstehen, die, dass sie auf der einen Seite klar gegen Schwulenfeindlichkeit sind, aber das Besprechen dessen, dass viele Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind aus Kulturen stammen, in denen das Ausleben von Homosexualität teils gar unter Todesstrafe steht und als schwere Versündigung gegen ihren Glauben betrachtet wird, einfach nur als islamophob abtun und scheinbar meinen, dass sich absehbare Herausforderungen für unsere Gesellschaft im Umgang damit einfach dadurch erledigen, indem man sie ignoriert oder schlankweg als illegitim darstellt.

      Diejenigen, die diese oft verkrampften Bewältigungen von Widersprüchen bloßstellen wollen, bezeichnen sie halt polemisch als Narrative, diejenigen, die dies stützen, bezeichnen es als Haltung.

      Der Begriff Haltung zeigt im Übrigen auch, dass es tatsächlich oft mehr um Form als um Inhalt geht. Haltung ist letztlich doch nichts weiter als eine Positur in die man sich wirft; eine bloße Inszenierung, als ein Zeichen: „ich gehöre dazu!“.

      Für mich verwunderlich ist, dass doch gerade die, die heute gerne für Haltung werben, diejenigen sind, die in der Rhetorik anderer permanent fast schon manisch nach vermeintlichen „Naziworten“ suchen, um diese damit angreifen zu können. Und denen fällt nicht auf, dass auch die Nazis sehr groß darin waren, Haltung einzufordern? Und war es nicht mindestens implizit die „Haltung“ des deutschen Wehrmachtssoldaten, die in der berühmtberüchtigten Posener Rede von Himmler in blumigen Worten gelobpreist wurde?

      Ja, ja! Und dann kommen wiederum von denselben Leuten Phrasen nach dem Motto „nie vergessen“ oder „wehret den Anfängen“. Vielleicht sollten sich einige mal lieber zuerst eine andere alte, deutsche Redensart zu Herzen nehmen: immer als erstes vor der eigenen Haustür kehren…

      • … und scheinbar meinen, dass sich absehbare Herausforderungen für unsere Gesellschaft im Umgang damit einfach dadurch erledigen, indem man sie ignoriert oder schlankweg als illegitim darstellt.

        Ich denke, die Sache ist defiziler. Da das Problem eingeengt auf die Gruppe nicht benannt werden kann wird generalisiert. Deshalb konnten meines Erachtens so krude Behauptungen wie die Oktoberfestlüge und völlig an der Realität vorbeigehende Label wie rape culture überhaupt bei uns Fuss fassen. Weil eben ein Problem gesehen wird, aber (aus ideologischen Gründen) nicht in den beobachteten Grenzen existieren kann, wird es generalisiert und in pastoralem Ton an alle gesendet.

      • „Für mich verwunderlich ist, dass doch gerade die, die heute gerne für Haltung werben, diejenigen sind, die in der Rhetorik anderer permanent fast schon manisch nach vermeintlichen „Naziworten“ suchen, um diese damit angreifen zu können. Und denen fällt nicht auf, dass auch die Nazis sehr groß darin waren, Haltung einzufordern? Und war es nicht mindestens implizit die „Haltung“ des deutschen Wehrmachtssoldaten, die in der berühmtberüchtigten Posener Rede von Himmler in blumigen Worten gelobpreist wurde?“

        Darauf wollte ich sinngemäß hinaus:
        „Haltung“ haben/hatten Nazis, Kommunisten, Sozialisten, ISIS-Kämpfer, die christlichen Kirchen, die roten Khmer, die Schergen von Bokassa, Stalin, Pinochet usw usf.. Die dazu jeweils passende Moral und das passende Narrativ auch.

        Von daher bekomme ich immer politische Allergiepickel, wenn die Narration von „Haltung“ und „Moral“ handelt.

    • Da gibt es ganze Lexika zu, wie „Dummdeutsch“ von ein paar „Titanic“-Schreibern, Eckhard/Heinscheid. Natürlich schon was älter, schade, dass es nichts Zeitgenössisches gibt, die müssten Urstände feiern.

      • Der Autor heißt Eckhard Henscheid. Erstveröffentlichung seines „Dummdeutsch“ war 1985; seitdem wird der Klassiker alle paar Jahre um weitere Beiträge ergänzt neu herausgegeben.

  • Wenn die Linke begreifen würde das alle Argumente zum Thema „kein Milimeter nach rechts“ für sie selber gelten, wäre schön viel gewonnen. Das Kritikverbot bzw. Diskussionsverbot das bei vielen Themen erhoben wird und nun auch Grönemeyer gilt, ist genau das Gegenteil einer freien Gesellschaft. Und es macht dann keinen Unterschied ob es um rechte oder linke Positionen geht, denn mit Kritikverboten zerstöre ich die Demokratie.
    Und das liegt nicht an der AfD. Radikale Parteien wie die AfD und die LINKE bekommen gerade dadurch Zulauf!

  • Und auch meinen Senf zum Thema:

    Grönemeyer ist Musiker. Was er macht, macht er gut („Mensch“ oder „Männer“ sind tolle, bleibende Lieder …), dass ein Musiker bei so viel Erfolg auch abheben kann ist vermutlich unvermeidlich. Ich beneide ihn durchaus um seinen Erfolg. Es liegt nahe für ihn, dass er ästhetische Phänomene (die Zustimmung zu seiner Musik, die ja vor allem emotional funktioniert) nutzt um auch politische Statements abzugeben (obwohl diese rational-kalt und abwägend zu Stande kommen müssen, wenn sie etwas taugen sollen). Er wird sagen „Was ich sage ist nicht schlecht, also ist es unproblematisch …“ (und das ist es ja auch, wer wäre heute noch für „Faschismus“?) Das Problem ist das Publikum. Diese Willigkeit mit der man in eine politische Verschmelzung begeistert eintaucht, diese schwitzend-orgiastische, fast pornographische Heiserkeit … und das Erschrecken darüber dann der AfD anlastet (auf welcher AfD-Veranstaltung käme so viel Volksverschmelzung zu Stande ?? Das sind doch eher bieder-verbitterte Ossies ohne Bock auf Sozialismus light, ausgelacht und dämonisiert …) Irgendwie habe ich den Eindruck, alle Mainstream-Kommentatoren fühlen sich „ertappt“ wie kleine Kinder und schimpfen jetzt auf das böse Nachbarskind, das nicht aufgepasst habe und deshalb an allem Schuld sei.

    Zur „Hufeisentheorie“ – ich würde eher von der „Totalitarismustheorie“ von der grossen Hannah Arendt sprechen. Ästhetisch funktionierten Nazis und Kommunisten tatsächlich weitgehend gleich, dazu gibt es unendlich viel Literatur („Traumfabrik Kommunismus“ etwa) -> bewusst billige, für jeden akzessible, oft fast pornographische Inszenierungen, kurze, ständig wiederholte hämmernde Phrasen („XY sind unser Unglück, ohne die wäre alles gut und wie früher!“), ein einziger, klarer, sichtbar gemachter, entmenschlichter Feind, keine Zwischentöne oder Schattierungen … das ganze im Dienst des Dauerjubels für staatliche Herrschaft … und die Möglichkeit, die soziale Wirklichkeit in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und die Notwendigkeit zu Reflexion, Kompromiss und konkretem Handeln, auch die Möglichkeit des Irrtums (etwa in der Flüchtlingspolitik …), als „offensichtlich absolut unbegründet und/oder unzumutbar“ zurückzuweisen.

    HErr, lass d i e s e Messe bald zu Ende gehen …

    • Guter Musiker, gute Musik? Auch darüber kann man trefflich streiten.
      Sekundenglück ist ein geiler Titel. Deshalb dachte ich, das Album wäre auch gut.
      Die restlichen 12 Tracks kann man in die Tonne kloppen.

      Unabhängig davon hat mir niemand zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. Denn damit steht er gar nicht so weit weg von Faschisten, wie er denkt.

  • Es gäbe sehr viel dazu zu sagen, aber ich bin zu unfit und fasse ich daher ganz kurz:

    Es wurde 45 keine Demokratie diktiert, sondern ein relativ billig zu installierendes Symbol ( die sog. parlamentarische Repräsentativdemokratie, das doppelte Attribut ist bezeichnend ), daß sich nie zu einer Demokratie entwickelt hat. Das wurde seitdem in diversen Ländern gemacht und mir ist kein Fall bekannt, wo sich daraus eine tatsächliche Demokratie entwickelt hätte. Am weitesten kamen immer noch die Schweizer und die haben das selbst gemacht.

    Zu BAP:
    Die sagten ihr Stück sinngemäß ( und auch sehr zornig ) so an:
    „Das ist für die, die aus dem Faschismus nix gelernt haben, aber REIN GARNIX!“

    Und zogen m.E. damit exakt die Grenze, die nicht überschritten werden darf!

    Dröhnemeier stellt sich vor seine willige identitäre Bewegung und fängt sofort hinter dieser Grenze an ( ebenfalls sinngemäß ):
    „Keinen Millimeter den anderen! WIR MÜSSEN DIKTIEREN!“
    Und mein geistiges Ohr ergänzt: „…und morgen die ganze Welt!“

    Übrigens haben sich auch die Hitlernazis zeitweise intern als „Die Bewegung“ identifiziert.

    Siehe auch der Film „Die Welle“.

    Das exakt gleiche Muster bei den „Wir sind mehr Deppen“ -Hüpfern ( „Wer nicht hüpft, der ist ein Nazi, auf nieder, auf nieder!“
    Oder jetzt bei den Schulkindern, die von 7 Megaphonen gleichzeitig den Befehl entgegengebrüllt kriegen, wieder heißt es: „Auf nieder, auf nieder, im Gleichschritt, Marsch!“, diesmal für einen „Umwelt“-Investmentkonzern, der die Kohle der Eltern an der Börse verwettet, aber weder im Impressum der 3F-Websites, noch in den Registrierungen der Demos zu finden ist.

    Es gibt keinen systematischen Unterschied! KEINEN!

  • „So ist er halt, der Rheinländer – wenn die Politikwissenschaft das sagt, dann muss es ja stimmen.“

    Grölemeyer brauchte dieses Image dringend, es ist durch das Lied „Bochum“ eingeführt worden. Auf der Welle surfte auch Marius-Müller-Westernhagen.

    Das mit dem BAP-Song „Kristallnacht“ ist ganz ähnlich wie mit dem „Sunday Bloody Sunday“, wozu unpassenderweise „abgetanzt“ zu wurde.

    Der Fall Roger Waters von Pink Floyd ist auch erwähnenswert. Von der Warnung vor dem Faschismus, The Wall, abgedreht zum politischen Irrsinn des Antisemitismus.

    „tatsächlich bescheuerten Hufeisen-Theorie“

    Das ist keine Theorie, sondern eine Zustandsbeschreibung der Ähnlichkeit von autoritärem Gebärden und Freiheitsfeindlichkeit und Ressentiment (siehe gegen „SUVs“ (!) derzeit, „Gewalt gegen Sachen“ ist ja ok).

    „entstammt einer bestenfalls viertelverdauten Rezeption postmoderner Theorien“

    Faschismus ist halt buchstäblich Kacke.

    Wieder exzellent geschrieben! Wie immer eigentlich.

  • Was ich hier auch so interessant finde: Die Leute die jetzt sagen, dass man Grönemeyer nicht für seine Wortwahl und sein Auftreten kritisieren sollte gehören überwiegend zu genau dem Lager, das in den letzten Jahren im Namen der politischen Korrektheit ständig die Ausdrucksweise über den eigentlichen Inhalt gestellt hat. Die kritisieren also an Anderen genau das, was sie jahrelang selber gemacht haben.

  • Wie er sich anhört: Grönemeyer klingt ähnlich dem berüchtigten Freisler, dem obersten Volksgerichtshofscharfrichter. Hab meinen Ohren kaum getraut.
    Grönemeyer gröhlt hier aber nicht in faschistischer Weise, sondern nur in allgemein totalitärer („Wir und Die“ und alles ist absolut und trotzdem höchst persönlich), ja und fanatisch tönt es obendrein.
    … aber wenn es doch für die gute Sache ist?!
    Übrigens finden die gleichen „Antifaschisten“ zB den Iran und andere mörderische Regime harmlos! Venezuela und alle Bananenrepubliken, Palästinenser, Islamischer Staat, etc ff

  • Soweit ich den Haupt-Beitrag oben verstanden habe, wird mit einigen Formulierungen die Kritik an Grönemeyer zu milde formuliert, z. B.:

    „Das heißt dann eben auch, dass es einem Menschen auffallen sollte, wenn er inhaltlich antifaschistische Statements liefert, sie aber in eine Form packt, die faschistische Muster kopiert. Er wird dadurch nicht zum Faschisten, produziert aber Widersprüche.“

    Ich denke, es greift zu kurz, wenn man Grönemeyer lediglich so eine Art Formfehler ankreidet. Sein Fehltritt ist auch inhaltlicher Art, er hat nämlich gesagt: „… dann liegt es an uns zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat!“

    Das ist eindeutig autoritär. Manche Leute würden sagen: es ist totalitär (dann müßte man freilich genauer definieren, was man unter „totalitär“ versteht).

    Und diesen Punkt sollte man Grönemeyer sehr wohl inhaltlich vorwerfen. Auch wenn wir zugestehen, daß jede Demokratie auch autoritäre Aspekte aufweist – siehe Gewaltmonopol des Staates, siehe „Rule of Law“ -, so müssen wir doch darauf bestehen, daß Grönemeyers autoritäre Forderungen in einer Demokratie keine Berechtigung haben, haben dürfen.

    Zur Begrifflichkeit: Nicht jeder, der autoritär ist oder gar totalitär, ist auch faschistisch bzw. nationalsozialistisch. Aber umgekehrt gilt: Wer faschistisch bzw. nationalsozialistisch ist, der ist auch autoritär. Insofern sollte man Grönemeyer nicht vorschnell faschistisches Gehabe vorwerfen.

    Sehr wohl berechtigt bleibt gleichwohl Schoppes Punkt oben, daß wir von einem engagierten Demokraten erwarten, ja fordern dürfen, daß er irreführende Parallelen zwischen seinem Gehabe und faschistischen bzw. nationalsozialistischen Praktiken vermeidet.

    • Dann füge ich meinen Beitrag mal als Antwort hier an- hier passt es am besten hin.

      „Ich denke, es greift zu kurz, wenn man Grönemeyer lediglich so eine Art Formfehler ankreidet. Sein Fehltritt ist auch inhaltlicher Art, er hat nämlich gesagt: „… dann liegt es an uns zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat!““

      Mir selbst ging es schon beim ersten hören dieser Rede so, dass ich den Anspruch von „keinen Milimeter nach rechts“ als eindeutige Botschaft der Intoleranz wahrgenommen habe.

      Denn tatsächlich – seit wann ist rechts überhaupt sowas schlimmes?

      Also eben grade nicht rechtsextrem, sondern einfach nur rechts – so rechts wie Helmut Kohl zum Beispiel.

      Wer jetzt in stöhnen verfällt und meint mir sagen zu müssen, dass es aber so doch nicht gemeint sei, dem muss ich entgegenhalten: selbst wenn ich anerkenne (und schon dabei bin ich mir nicht sicher), dass Grönemayer es nicht so gemeint haben will, so bin ich mir doch ziemlich sicher, dass es von allzu vielen dennoch so verstanden wird.

      Man beachte das in dem ganzen Spiel der zunehmenden Verschiebung der Begriffe:
      Wie schnell jemand als „Nazi“ verunglimpft wird, der auch nur ein paar kritische Bemerkungen wie z.B. hier bezüglich Grönemayer macht, das hat zumindest hier doch jeder schon bemerkt.
      Da entsteht sehr schnell viel Aggression und Vorratshaltung.
      Es genügt ja oft schon, mal vorsichtig nachzuhaken, was denn „ein Nazi“ überhaupt sei.

      Angesichts der Entwertung des Begriffs Nazi könnte man eigentlich damit rechnen, dass dies mit immer härteren begriffen getoppt werden muss. Das geschieht aber gar nicht – der Nazi ist und bleibt die höchstmögliche Entwertungsformel. Sie trifft lediglich immer mehr Menschen. So ziemlich die einzige bekante Steigerung ist die Gleichsetzung mit dem Ober- Nazi, also der Hitlervergleich.

      Diesen Hintergrund sollte man wahrnehmen, wenn man vom „kampf gegen rechts“ hört. Nicht etwa Kampf gegen rechtsextremismus – das ist ja bereits die ausgeburt der Hölle.
      „keinen millimeter nach rechts“ diskreditiert aber unterschiedslos alles, was sich irgendwie „rechts“ einordnen lässt.

      Niemand soll mir erzählen, dass es im linken und weiter linken Spektrum nicht massenhaft Leute gibt, die das auch genau so verstehen und meinen.

      Und ich verstehe schon, dass Menschen, die auch nur in begrenzten Bereichen „rechte“ (nicht rechtsextreme) Ansichten haben, dies als bedrohlich wahrnehmen.

      „dann liegt es an uns zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat“ und „keinen Millimeter nach rechts“ sind in diesem Sinne eindeutig Botschaften der Intoleranz, die keinerlei Bereitschaft mehr zulässt, Menschen mit irgendwie „rechts“ konnotierten Meinungen oder Haltungen auch nur eine Stimme zuzugestehen.

      Das ist totalitär. Und auch faschistoid. Und vor allem beängstigend, wie widerspruchslos es wiedergekäut wird.

      • Das sehe ich auch so, obwohl ich mich politisch nicht rechts einordne. Mich erstaunt bei diesen Nazi-Nazi-Schreiern immer wieder ihre historische Unbedarftheit. Der Nationalsozialismus war ein Sammelsurium von zusammengekleisterten Anleihen aus verschiedensten Ideologien. In mancher Hinsicht waren die Nazis konservativ, in manch anderer aber ganz und gar nicht. Da waren sie Revolutionäre, die die Gesellschaft grundsätzlich verändern wollten. Alles, was irgendwie politisch (weit) rechts verortet wird, wird als Nazi tituliert. Es ist zu einem Schimpfwort geworden, nichts weiter.

        Was dieses „keinen Millimeter nach rechts“ anbelangt: Das ist in der Tat an Dummheit nicht zu überbieten. Der klassische Konservative steht ganz und gar auf dem Fundament des Grundgesetzes.

      • @maddes8cht:

        »„keinen millimeter nach rechts“ diskreditiert aber unterschiedslos alles, was sich irgendwie „rechts“ einordnen lässt.«

        Diesen Punkt fand ich noch auffälliger als der Tonfall, den ich gar nicht so schlimm finde, weil Grönemeyer auf der Bühne immer schon in diesem Tonfall geschrien hat. Denn seit wann ist der »Millimeter« ein sinnvolles politisches Abstandsmaß? Eine andere Größenordnung ist uns ja geläufiger, etwa bei: »Unsere Standpunkte sind meilenweit voneinander entfernt!« Ein solcher Raum der Standpunkte, der in Meilen mißt, fühlt sich auch viel geräumiger an, lässt Platz für Bewegungen und Manöver, ohne dass man gleich mit einem Andersdenkenden zusammenrempelt, lässt Luft zum Atemholen und Überdenken.

        Wo kommt es demgegenüber auf Millimeter an? Vielleicht, wenn ein Schrapnell oder das Geschoss eines Scharfschützen »um Haaresbreite« an mir vorbeifliegt. Aber bei politischen Standpunkten? Politischen Diskussionen? Warum darf sich da nichts bewegen? »Kein Millimeter nach rechts« heißt: kein Millimeter Bewegung. Und dann die Richtungsangabe: wenn ich mich am äußersten linken Rand positioniere, dann ist per definitionem jeder »rechts«, der nicht meiner Meinung ist. Genauso verhalten sich viele auf der Linken: für sie ist ganz nordpolmäßig überall nur Süden, weil sie sich selber für die Achse halten, um die sich alles dreht.

        Wer sich keinen Millimeter bewegt, muß seine Körperhaltung einfrieren. Leider fühlt sich die politische Debatte »gegen rechts« heute genauso an: erstarrt in Posen und Haltungen. Womit wir wieder beim Künstler wären: Grönemeyer bellt einen Haltebefehl (den es historisch sowohl in einer Hitler- als auch in einer Stalin-Variante gibt), der zugleich ein Haltungsbefehl ist. »Haltung zeigen« ist anscheinend alles, worauf es ankommt, denn dann kann man immerhin sagen, man wäre »sich selber treu geblieben« und hätte »seine Ideale nicht verraten«. Konkrete Argumente haben da gar keinen Platz mehr, weil man »mit denen« ja eh nicht diskutiert.

        Aber dieser Verlust der konkreten Inhalte und der diskursiven Bewegung ist leider das, was die heutige Situation kennzeichnet: lauter gekränkte Liberale – aber keine politische Antwort.

        • „lauter gekränkte Liberale – aber keine politische Antwort“
          Wenn da nicht mal wieder einer US-amerikanische „liberals“ (also demokraten – nzw. linke) mit dem verwexelt, was man bei uns mit „liberalen“ meint.
          Sind es doch eher gekränkte linke, die die bezeichnung als „liberale“ empört zurückweisen würden.

          Die einzigen aus dem politischen Spektrum, die gegen die genannte Diskursverweigerung und Abschottung auch mal den Mund aufmachen, sind neben der AFD, die sich dabei v.a. als betroffene sieht, doch in erster Linie Liberale.

          • @maddes8cht:

            »Die einzigen aus dem politischen Spektrum, die gegen die genannte Diskursverweigerung und Abschottung auch mal den Mund aufmachen, sind neben der AFD, die sich dabei v.a. als betroffene sieht, doch in erster Linie Liberale.«

            Ok, missverständlich. Ich meine das in dem weiten Sinne eines kulturellen Liberalismus, der auch den Linksliberalismus jenseits einer gelben Parteiaffiliation einschließt. Ich erlebe das immer wieder mal in meinem persönlichen Umfeld, dass Menschen in Diskussionen tatsächlich in einer Art auf die Erfolge der AfD (oder Trump-Amerikas) reagieren, die eine persönliche Kränkung verrät – weil sie nicht begreifen können, warum Menschen in immer größerer Zahl aus dem Wertehorizont, den sie persönlich für eine kulturelle Selbstverständlichkeit halten, ausscheren. Aber es bleibt bei dem Kränkungsgefühl. Politisch haben sie mögliche Gründe dafür nicht von der Wand bis zur Tapete durchdacht. Und das betrifft Leute, die von ihrer Persönlichkeit her eigentlich überhaupt nicht ideologisch vernagelt sind. Es erwischt sie bloß kalt, dass sie auf dieser Ebene herausgefordert werden.

  • Ein selbsternannter Sprachrichter und Begriffspfleger hat mir im Gymnasium ziemlich viel Schwung genommen mit der Bemerkung, meine Sprache sei nicht fertig entwickelt und bestehe aus unausgegorenem Quatsch und aus Deppenbegriffen. Später habe ich eingesehen, dass meine Sprache nie ausgereift sein wird, und dass ich, aus Angst mich zu blamieren, gar auf ewig stumm und damit garantiert fehlerlos bleiben könnte. Heute hüte ich meine eigenen Aversionen, zeige sie aber nur ungern her, weil ich Deppenbegriffe bis heute nicht annähernd sattelfest als solche einordnen kann.
    In meinem Kopf ist so viel An-Gedachtes. Oft bleibt es drin, aber manchmal muss ich wissen, ob es an-klingt, an-kommt, an-stösst, auch wenn sich eine mögliche Tiefe erst leise an-deutet. Ich muss an-fangen, an-packen, wissen wie es sich an der frischen Luft und bei Tageslicht an-fühlt. Der Herrgott hat sein Werk in sechs Tagen zur Perfektion gebracht, am siebten Tag mit Gefallen draufgeschaut und sich dann aus dem Staub gemacht. Das kann ich nicht.

    Ob Rockkonzert, Fussballstadion, Massendemo oder Exerzierdrill in der Armee ist einerlei. Da ist eine Faszination, der auch ich mich nicht entziehen kann. Das kommt von tief unten hoch. Faschismus aber ist nicht, wenn einer die gebündelte Masse zu seinen Zwecken missbraucht. Faschismus ist erst, wenn sich der einzelne missbrauchen lässt und im Rausch die Verantwortung für sein eigenes Tun und Lassen aufgibt. Ein wirklicher Antifaschist arbeitet an sich selbst. Und wenn er ganz sicher zur richtigen Haltung gefunden hat, geht er über die Bücher.

    Für die Einstellung von komplexen mechanischen Maschinen war der Schraubendreher das Werkzeug der Wahl. Ein austariertes politisches System lässt sich nicht mit dem Holzhammer steuern. Für die Feinjustierung verlangt die Sorgfalt oft nur eine Achteldrehung an der einen oder anderen Stellschraube, gerade weil man die Auswirkungen nicht immer vollständig vorhersehen kann. Mir gefällt das Bild.

    Die Nazigefahr ist nicht zu verharmlosen. In der aktuellen deutschen Diskussion vermisse ich aber sehr die konkreten Beispiele und deren nüchterne Einordnung ins Gesamtgeschehen. Wie will man sich gegen die Gefahr wappnen, wie will man wirksam gegen Nazis vorgehen, wenn jede missliebige politische Position dumpfbackig als ‘faschistisch’ abgetan wird? Man schafft sich so ohne Not ein Dunkelfeld, man überzieht das Land mit einem dauernden Lärmteppich, unter dem sich braunes Pack ungestört sammeln kann. Tragt Sorge zu euch.

    Lucas, ich habe heute ein wenig wider den Stachel gelöckt 😉
    Aber ich teile deine Auffassung, dass nicht der Ausrutscher vom Grönemeyer besorgniserregend ist, die Reaktion bzw. Nichtreaktion bis in höchste Stellen hingegen schon. Ich danke dir für deine Stimme der Vernunft und für dein Blog.

  • Welche Wörter anstatt Framing oder Narrativ fänden Sie denn geeigneter um die mediale Reaktion auf den Grönemeyer-Vorfall zu beschreiben? Offenbar wird da etwas geframet, wenn die Schlagzeilen lauten „Grönemeyer bezieht Stellung gegen Rechts und Hetzer verlieren den Verstand“ oder ähnliches. Propaganda vielleicht?
    Dabei haben Sie die extremsten Reaktion der Presse, die den Goebbels-Vergleich irre oder gar bösartig nennen, in Ihrem Artikel gar nicht gezeigt. Dazu:
    https://dekadenzkritik.wordpress.com/2019/09/23/gronemeyer-will-diktieren-presse-straft-kritiker-ab/

  • Ich bin, ehrlich gesagt, hin- und hergerissen. Faschismus ist mehr als die Form; wenn jemand sagen würde, dass die Form egal ist, wenn der Inhalt stimmt, oder dass man die Faschisten mit ihren eigenen Waffen küssen, äh, treffen sollte, wären das erstmal Argumente.
    Aber diese Sparte wurde ja outgesourcet.

    • @Mycroft
      Also, ich kann nachvollziehen, dass man im Faschismus nur „Form“ sieht. Denn die ideologischen Inhalte scheinen wenig plausibel oder logisch. Dabei wird aber leichtfertig übersehen, dass der Faschismus doch ein echtes Charakteristikum hat, nämlich seine Beziehung zur Macht. Im Faschismus ist Macht der höchste Zweck und Selbstzweck. Daher der Eindruck, er wäre blosse „Form“.
      So betrachtet, kann man auch die links-progressive Ideologie als bona fide Faschismus verstehen. Diese behauptet ja, dass Macht die einzige wirksame und reale Kraft ist und es lediglich auf die Identität und den „Standpunkt“ ankäme.

      • Mit Form meine ich solche Sachen wie eben: eine Person hält eine Rede, und alle schreien „JA!“
        Wie will man von außen beurteilen, ob die wirklich zustimmen, oder aus reinem Herdentrieb mitschreien?
        Und, falls zumindest einige letzteres tun, ist das ok, wenn die Zustimmung berechtigt ist, oder schlecht, weil es eben Herdentrieb ist.

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