Literatur Political Correctnes Väter

„Peter Handke bin I“ – Die einzig gültige Wirklichkeit ist die mit einem Kind

geschrieben von: Lucas Schoppe

Bernhard Lassahn über Peter Handkes „Kindergeschichte“

Anmerkung von Lucas Schoppe: „Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten“, kommentiert der Literaturkritiker Denis Scheck den diesjährigen Literaturnobelpreis für Peter Handke – die polnische Autorin Olga Tokarczuk erhält den Preis rückwirkend für 2018. Ein Autor, so Scheck über Handke, könne sich politisch völlig verlaufen und gleichzeitig Weltliteratur schreiben.

Nun sind Ohrfeigen für die politische Korrektheit ja nicht immer schon ein Zweck an sich, und bekanntlich kann etwas politisch unkorrekt und gleichzeitig völlig bescheuert sein. Wie sieht es mit dem Literaturnobelpreis 2019 aus?

Ich hatte lange Zeit ein zwiespältiges Verhältnis zu Peter Handke. Einerseits habe ich Freunde, deren Urteil ich hochschätze und die von Handke sehr angetan, sogar begeistert sind. Andererseits konnte ich selbst mit den meisten seiner Texte nichts anfangen. Publikumsbeschimpfung fand ich ganz lustig, aber, zum Beispiel, Die Stunde der wahren Empfindung ging mir auf die Nerven mit der permanent vorgeführten übergroßen Empfindsamkeit des personalen Erzählers.

Nicht mehr zwiespältig, sondern eindeutig war dann mein Bild von Handke, als ich Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien und den dazugehörigen Sommerlichen Nachtrag gelesen hatte, beide aus dem Jahr 1996. Handke verteidigt in den Texten, noch nach den Massakern von Srebrenica im Jahr zuvor, die serbische Position.

Mir blieb in Erinnerung, wie liebevoll und sorgfältig er Tongefäße beschrieb, in denen Serben ihm auf seiner Reise durch das Land etwas zu trinken reichten – als ob diese Empfindung ein ganz eigenes Gewicht hätte, das angesichts der Empörung über die Morde viel zu wenig geschätzt würde.

Für Michael Martens geht es beim diesjährigen Nobelpreis daher nicht einfach nur um kleinliche politische Korrektheit – er werde ein Autor geehrt, der „einige der schlimmsten Verbrechen seiner Zeit kleinredet oder relativiert hat“. Doch auch dieses Urteil über Handke ist keineswegs einhellig – der grüne österreichische Bundespräsident beispielsweise bejubelt die Entscheidung. 

Mich machte in Handkes Serbien-Texten der Kontrast wütend zwischen der stolz demonstrierten enormen Sensibilität, der vorbildlich genauen Beobachtung auf der einen Seite – und der ebenso demonstrativen Empathielosigkeit und der desinteressierten politischen Schludrigkeit auf der anderen. Es waren die letzten Texte, die ich vom diesjährigen Literaturnobelpreisträger gelesen habe.

So freut es mich aber besonders, dass der Schriftsteller Bernard Lassahn, der das Werk von Peter Handke deutlich besser kennt als ich und der dessen Werk insgesamt viel besser beurteilen kann, mir einen Text zu Handkes Kindergeschichte geschickt hat, den er in großen Teilen selbst schon 2017 veröffentlicht hatte (siehe Anmerkungen unten). Da es in der Kindergeschichte um Vaterschaft geht, passt er hier sehr gut in die Themen dieses Blogs, und es lohnt sich, ihn zum aktuellen Anlass hier zugänglich zu machen.

Handke war, in heutigem Jargon, alleinerziehender Vater einer Tochter, Amina. Die ist längst erwachsen und selbst Künstlerin, und die Eingangsseite ihres Webauftritts benutzt eben dieselbe Zeichnung wie der Einband des Buches: eine Umrisszeichnung einer Hand, wohl die des Kindes Amina selbst.

Schon in einem Film, den Georg Stefan Troller 1975 über Handke gedreht hat, erzählt dieser, dass er nicht mehr „einfach so in die Welt hinein dichten“ könne, sondern dass für ihn die „Knochenarbeit“ mit dem Kind unverzichtbar wäre (hier etwa ab Minute 21, danke an Bernhard Lassahn für den Hinweis).

Es ist aber auch typisch für Handke, dass er – was er sich aufgrund seines Erfolgs früh leisten konnte – ökonomische Aspekte ignoriert, die Vater- und Elternschaft unmäßig überhöht und nicht für sie einstehen kann, ohne die Kinderlosigkeit abzuwerten. Das Empfinden, das ganz Richtige zu tun, lässt keinen Raum für die abstrahierende Überlegung, das etwas anderes für andere auch das ganz Richtige sein könnte.

Ich verstehe diese Unfähigkeit, die eigene Erfahrung der Elternschaft in einen anderen Kontext zu setzen und sie aus anderer Perspektive, gar mit Distanz zu betrachten – es ist nun einmal eine existentielle Erfahrung, die alles im Leben noch einmal neu sortiert. Obwohl ich selbst sehr glücklich darüber bin, Vater zu sein, teile ich Handkes Ressentiment überhaupt nicht –  finde es dann aber wiederum insgeheim gut, dass in Zeiten, in denen tatsächlich ein Manifest gegen des Kinderkriegen erfolgreich ist, auch die Gegenposition betont wird.

Jetzt aber genug von mir  – der gesamte folgende Text stammt von Bernhard Lassahn. Lucas Schoppe

Manuskriptseite der Kindergeschichte, Ausschnitt (Quelle)

„Peter Handke bin I“ 

Die einzig gültige Wirklichkeit ist die mit einem Kind

Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis. Ich bin ein Handke-Leser der ersten Stunde – mal hingerissen, mal hergerissen –, bin froh über die Ehrung und möchte auf einen Aspekt hinweisen, der mich damals schwer beeindruckt hat, als ich den Film von Corinna Belz über Handke gesehen habe.

Ich war mit Ludwig Lugmeier im Kino, in dem Dokumentarfilm über Peter Handke – wie bitte? Was soll das denn? Würden wir da etwa einen Showdown virtuoser Formulierungskünstler erleben, als würde ein Herausforderer wie Michael Krüger zum Kampf der Wortgiganten gegen Peter Handke antreten und sich einen Show-Kampf liefern, bei dem sich selbst in der neunten Runde nur ein knapper Sieg nach Punkten abzeichnet und bislang noch keiner den anderen k.o.-quatschen konnte, dass er wortlos bis Neun auf die Bretter gehen musste?

Die Eintrittskarte ließ nichts Gutes ahnen. Der vollständige Titel „Peter Handke – bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte“, war auf der Eintrittskarte nicht in voller Länge ausgedruckt, der ganze Titel passte nicht in eine Zeile und mitten in „bin im Wald“ hörte die Zeile auf und ließ nur das i aus dem „im“ zurück, so dass auf der Eintrittskarte der Film auf gut Bayrisch hieß: „Peter Handke bin i“ – und damit zu Befürchtungen Anlass gab, dass wir es wir es mit einer Beweihräucherung zu tun haben würden, die das abgehobene Ego des Großschriftstellers in den Mittelpunkt stellt.

Doch nein, so war es nicht. Es war ein bewegender Film zu der großen Frage: Wie sollen wir leben?

Tatsächlich gelangt wenig von Handke Privatleben in die Öffentlichkeit. Zwar wusste ich schon, dass er jahrelang allein mit seiner Tochter – wie wir heute sagen würden als „Alleinerziehender“ – gelebt hatte, doch ich hatte es wieder vergessen und war überrascht, Peter Handke als Kinder- und damit auch als Menschenfreund kennen zu lernen. Als Kinderfreund war er bisher kaum aufgefallen, gar als Kinderbuchautor, auch wenn seine Bücher in einer Schriftgröße geliefert werden, die der von Kinderbüchern entspricht. So konnte ich also Handke wiederentdecken als jemanden, für den das Leben mit einem Kind zu einer bedeutenden Selbstverständlichkeit gehört.

Sein Buch mit dem unscheinbaren Titel Kindergeschichte war sein letzter Bestseller gewesen, jedenfalls fand es sich auf entsprechenden Listen – doch das war, lang ist es her, im Jahre 1981, da war er als „Heranwachsender“ mit seinem Kind zusammen.

Peter Handke spricht auch heute noch über sich selbst in der dritten Person, das tut er offenbar gerne, so wie ich es auch gerne getan habe, immer wenn ich als Kinde Indianer gespielt und mich dabei als großer Häuptling Spitze Feder gesehen habe.

Es heißt in der Kindergeschichte:

Ein Zukunftsgedanke des Heranwachsenden war es, später mit einem Kind zu leben. Dazu gehörte die Vorstellung von einer wortlosen Gemeinschaftlichkeit, von kurzen Blickwechseln, einem Sich-dazu-Hocken, einem unregelmäßigen Scheitel im Haar, eine Nähe und Weite in glücklicher Einheit.

Schon beim ersten Anblick des Kindes spürt dieser Heranwachsende, dass er nun ein für alle Mal mit dem Kind eine verschworene Gruppe bilden wird, die ihm zur einzig gültigen Wirklichkeit wird. Er nimmt es der Mutter übel, dass sie das Berufsleben vorzieht und sich nicht der unbedingten Notwendigkeit stellt, und er verachtet all diejenigen, die ihm ein anderes Leben aufreden wollen. Er spürt deutlich, dass er den gesamten Zeitgeist gegen sich hat und dass ihn die Dringlichkeit des Lebens von außerhalb immer wieder herausruft aus der Enge und der Gefangenschaft des Häuslichen mit dem bequemen Glück der Zweisamkeit.

Es ist kein reines Glück. Es ist nicht nur das Anwehen des Paradieses zu spüren, das sowieso nur unauffällig und beiläufig auftritt, es gibt ebenso tiefe Moment des Versagens, des Ungenügens und der Schuld, die so heftig sind, dass er das Gefühl hat, als würde er – um es ausnahmsweise mit meinen Worten zu sagen – vor der höchstmöglichen Instanz in Ungnade fallen. Oder um es wieder in den Worten von Peter Handke zu sagen, der beschreibt, was ihm widerfährt, als er sein Kind in einem Zornesanfall geschlagen hat.

Das Entsetzen des Täters war fast gleichzeitig. Er trug das weinende Kind, selber bitter ermangelnd der Tränen, in den Räumen umher, wo überall die Tore des Gerichts offenstanden, mit den schalltoten Hitzestößen der Posaunen …

Diese Formulierung von den „schalltoten Hitzestößen der Posaunen“ fand ich damals übertrieben, ja geradezu lächerlich, das war 1981, als ich, selber kinderlos, das Buch zum ersten Mal gelesen hatte. Doch womöglich war es gerade diese Übergröße der Formulierung, die bewirkt hatte, dass mir der Wortlaut bis heute in Erinnerung geblieben war.

Weiter heißt es über die erwähnte dritte Person – über den Täter:

Erstmal sah sich der Erwachsene da als einen schlechten Menschen; nicht bloß ein Bösewicht war er, sondern ein Verworfener; und seine Tat konnte durch keine weltliche Strafe gesühnt werden. Er hatte das einzige zerstört, das ihm je das Hochgefühl von etwas dauerhaft Wirklichem gegeben hatte, das einzige verraten, das er je zu verewigen und zu verherrlichen wünschte. Als Verdammter hockt er sich zu dem Kind und redet es an …

Ludwig, der selber keine Kinder hat, erzählte mir immer noch beeindruckt vom Film, als wir noch ein wenig im Kinosaal sitzen blieben, dass er vor vielen Jahren einer Frau ins Gesicht geschlagen und das es das Widerwärtigste gewesen wäre, das er jemals getan hätte. Zwar wäre er besoffen gewesen, aber das könne keine Entschuldigung sein. Auch weiß ich von einer Frau, die vor zwanzig Jahren ihren Dreijährigen verprügelt hat, die es immer noch bereut, ihn schon mehrfach um Verzeihung gebeten hat und es immer noch tut. Von einer anderen Frau wiederum, die sich inzwischen in Frömmigkeit geflüchtet hat, weiß ich, dass auch sie eine unselige Zeit mit ihrem Kleinkind hatte und dass sie dann, wie sie es nannte, „den anderen Weg“ gegangen ist.

Der Film löst große Gefühle aus. Das sollte man nicht denken. Man erwartet von Peter Handke, dass er andersgelbe Nudeln in Einzelheiten beschreibt und jedes Blatt, das vom Baum gefallen ist, zweimal umwendet, ehe er es wieder beiseitelegt, und dass er sich im Kleinen verliert.

Doch er schreibt über die großen Tatsachen des Lebens, die erst erkennbar werden, wenn wir uns ungeschützt ausliefern, wenn das Gerümpel des Vorgestanzten und Vorgemeinten beiseite geräumt ist und die eigengesetzliche Lebenswelt mit seiner ganzen Wucht wirksam werden kann. Dann erscheinen auch seine übergroßen Worte, die ins Subjekt gegossenen Gedenksteine aus den persönlichen Weltkriegen am rechten Platz.

Es erklärt sich damit auch seine Gegnerschaft zu den Kinderlosen, zu den Wustmenschen, zu denen, die die Kulissen der Aktualität für die Wirklichkeit halten.

So lässt er den großen Häuptling, der bekanntlich niemals mit gespaltener Zunge spricht, noch einmal zu Wort kommen:

Später sollte er es noch des öfteren mit weit ärgeren überzeugt-Kinderlosen zu tun bekommen, einzeln oder in Paaren. In der Regel hatten sie einen scharfen Blick und wussten auch, selber in furchtbarer Schuldlosigkeit dahinlebend, im Expertisendeutsch zu sagen, was an einem Erwachsenen-Kind-Verhältnis falsch war; manche von ihnen übten solchen Scharfsinn sogar als ihren Beruf aus.

Der Heranwachsende, der unmerklich zum Erwachsenen geworden war, der Täter, der Schuldbeladene, der Alleinerziehende lebte also im ständigen Zerwürfnis mit den Besserwissern und ihren wohlfeilen Naseweisheiten, die doch selber nur in die eigene Kindheit und in das eigene fortgesetzte Kindsein vernarrt waren und sich in der Nähe sogar als ausgewachsene Monstren erwiesen.

Er verfluchte diese selbstgerechten kleinlichen Propheten als den Auswurf der modernen Zeiten, hob vor ihnen das Haupt und schwor ihnen die ewige Unversöhnlichkeit. Bei dem antiken Dramatiker fand er den ihnen gebührenden Bannfluch:

„Sind Kinder allen Menschen doch die Seele. Wer dies nicht erfuhr, der leidet zwar geringer, doch sein Wohlsein ist verfehltes Glück.“

Peter Handke mit seiner Tochter Amina, 1974 (Quelle)

 

Lucas Schoppe: Bernhard Lassahn hatte seinen Text zu großen Teilen schon 2017 auf seiner Webseite veröffentlicht und auch bei der Achse des Guten, wo er regelmäßig schreibt. Mir ist der Text hier wichtig, weil er – wieder aktuell – einen Literaturnobelpreis für einen deutschsprachigen Schriftsteller kommentiert, der vielen bekannt ist, und weil er zugleich auf eines meiner Kernthemen bezogen ist. Vater oder Mutter zu werden ist eine existentielle Erfahrung, und mir war zuvor überhaupt nicht bekannt, dass sie bei Peter Handke einen solch großen Stellenwert hatte.

Dass ich damit nicht alle Texte von der Achse richtig finde, ist ohnehin klar, angesichts der Aufregungsbereitschaft im Netz ist es aber vielleicht nützlich, darauf noch einmal hinzuweisen.

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15 Comments

  • Es ist sehr witzig, dass ein Moment der Ewigkeit im Moment der Erfahrung der Endlichkeit und Bedingtheit erst so richtig klar wird. Schade für den, der diesen Moment nicht gehabt hat, es ist als hätte er nicht gelebt. Auch der Liebe wird diese transzendentale Kraft zugeschrieben.

    Absolut toller Post, der völlig überraschend war 🙂

      • Verstehst Du Handke nicht, oder Lassahn nicht, oder mich nicht? 🙂

        Mir ist bei dem Text ein Aspekt wichtig, der bei vielen Diskussionen um Elternschaft, Vaterschaft, Sorgerecht etc. nicht oft genannt wird, obwohl er eine große Bedeutung hat. Vater oder Mutter zu werden hat eine EXISTENTIELLE Bedeutung – es ist nicht nur eine Erfahrung, die man macht, sondern es ändert das, was man IST. Es ist daher nicht völlig objektivierbar, messbar, verrechenbar, ebenso wenig wie die Beziehung eines Kindes zu den Eltern, gerade zu den leiblichen Eltern.

        Politische und juristische Entscheidungen sind hingegen darauf angewiesen, verrechnen, also beispielsweise Rechtsgüter abwägen zu können. Dem, was die Elternschaft für Eltern und Kinder bedeutet, wird Politik daher nie wirklich gerecht werden können.

        Andererseits verlieren Menschen, wenn sie existentielle Erfahrungen machen, schnell den Sinn für andere Perspektiven und Kontexte – bei Handke merkt man das m.E. an den Ressentiments gegen Kinderlosigkeit.

        Das findet sich dann auch in Sorgerechstdebatten wieder: So sehr beispielsweise Mütter auch rechtlich bevorzugt sind, so ist es für viele doch völlig selbstverständlich und fraglos skandalös, dass ihnen das Recht nicht gerecht wird.

        In gewisser Weise stimmt das sogar: Dem, was die Beziehung zu einem Kind bedeutet (insbesondere, wenn man so blöd ist, sie unbedingt allein und ohne Vater gestalten zu wollen), kann eine rechtliche Ordnung nicht gerecht werden. Nur liegt das eben in der Natur der Sache ist ist keine Frage der Gestaltung der Gesetze und erst recht keine Schuld der Väter – die ja mit ihren eigenen existentiellen Erfahrungen ohnehin allein klarkommen müssen.

        Selbst wenn wir Vätern und Kinder sämtliche Rechte nehmen und Müttern ein großzügiges Grundeinkommen bis zum Lebensende garantieren, könnten Mütterlobbyistinnen sich daher immer noch darüber aufregen, dass das alles Müttern nicht gerecht wird.

        Für mich ist also interessant, wie Handke sein Vatersein als existentielle Erfahrung beschreibt – und wie damit seine Perspektive aber auch begrenzt ist.

      • @Adrian, es geht um den Moment der Ewigkeit…
        Darum geht es auch in diesem Poem von Rumi, welches hier „multikulturell“ inszeniert ist, eine wirklich hervorragendes Musikstück ist hier in dem Film „Swing“, ein Höhepunkt im Film:

        swing & le chant de la paix swing (tony gatlif)

        https://vimeo.com/184070831

        Die mit der hohen Stimme singt, dass sie im Moment des Sterbens in der Liebe vom Kelch der Ewigkeit getrunken hätte, sinngemäss. Das ist die Klimax des Stücks.

        Übrigens meinen Geschichtskenner, Rumi sei nicht zuletzt wegen seiner Ausdeutungsweise es ginge bei der „Liebe“ auch um Homosexualität nicht gerade wohlgelitten gewesen 😉
        Wie auch immer, Rumi ist ein epochaler Dichter.

        Ironischerweise hat unter seinen Fittichen, der tanzenden Derwische von Konya, das osmanische Reich überdauert, das jetzt die säkulare Türkei übernommen hat. Auch eine merkwürdige politische Fussnote, geradezu wie bei Peter Handke 😉

  • Was ist denn nun von Bernhard Lassahn und was hast du, Lucas, geschrieben. Ich finde es so wie oben recht verwirrend, da mir die Zuordnung ganz einfach fehlt. Normalerweise kenne ich es so, dass man eine Vorbemerkung als Blogbetreiber macht und ggf., wie bei dir, noch zu einer Nachbetrachtung ansetzt.

    Dass Bernhard dazu neigt, des öfteren mal ausschweifend zu formulieren, wo ich mich schon oft gefragt habe, was willst du eigentlich, macht die Sache nun auch nicht so unbedingt einfacher. Soweit mein konstruktiv gemeintes Feedback dazu.

  • Für Michael Martens geht es beim diesjährigen Nobelpreis daher nicht einfach nur um kleinliche politische Korrektheit – er werde ein Autor geehrt, der „einige der schlimmsten Verbrechen seiner Zeit kleinredet oder relativiert hat“.

    Ich frage mich, was Handke dazu getrieben (?) hat. Meine Spekulation – und es ist wirklich nur eine Spekulation – ist, dass er sich durch die mediale Berichterstattung, die den Serben eindeutig die Rolle des Bösen zuschrieb, aufgefordert fühlte, andere Blickwinkel zuzulassen. Ohne die serbische Position zu verteidigen, geht es mir manchmal auch so. Wenn mir eine Sache als völlig eindeutig und klar als Sache von Gut und Böse präsentiert wird, suche ich nach anderen Blickwinkeln. Kann es sein, dass er sich, ursprünglich nur um eine andere Perspektive bemüht, derart exponierte, so dass kein Zurück mehr gab?
    Ist nur so ein Gedanke, eine Spekulation.

    • Ungefähr die gleichen Gedanken hatte ich auch beim Lesen des Artikels. Mir fielen sofort die Kriegslügen ein, die Josef Fischer über die MSM hier streute.
      Da ich von irgendwelchen Poeten keine Ahnung habe, sie auch nicht lese, kann ich inhaltlich nix dazu sagen. Aber es ist wohl naheliegend, daß Handke mit dem illegalen Bombardement des zivilen Belgrad durch die EU derzeit Probleme hatte.
      Gerade fiel mir ein Beitrag in den Nachdenkseiten von Tobias Riegel auf, der für Handke Position bezieht. Ich habe ihn noch nicht durchgelesen, verlinke ihn der Vollständigkeit halber aber auf Verdacht:
      https://www.nachdenkseiten.de/?p=55611

      Wobei ich Nobelpreise sowieso für Unfug halte, egal ob sie der EU, dem Kriegsverbrecher Obama, oder sonstwem verliehen werden. Propagandamüll!
      Gerade las ich, daß die Reklameabteilung der dahinterstehenden Lobbies sich sogar einen Nobelpreis für „Wirtschaft“ ausgedacht haben, welcher den Grundssätzen der Nobelstiftung diametral widerspricht.

  • Toller Artikel, in der Tat überraschend, und: den Hinweis, dass nicht Serbien, sondern die NATO diesen Krieg wollte, kann ich mir gerade nicht sparen. Fand es damals schon bemerkenswert von Handke, dass er eben nicht Partei für die mediale Einheitspartei ergriffen hat.

    • Doch, Milosevic und Karadzic wollten Krieg, nur eben nicht unbedingt mit der NATO.

      Bei Handke kann man m.E. gut sehen, was passiert, wenn die Medien allgemein an Glaubwürdigkeit verlieren. Da wirkt dann irgendwann jede Position gut und vertretbar und aufklärerisch, wenn sie nicht der allgemeinen medialen Position entspricht.

      Dabei argumentiert Handke in den von mir erwähnten Büchern fast überhaupt nicht politisch. Er macht halt persönlich gute Erfahrungen auf seiner Reise durch Serbien und tut dann so, als ob daher ja wohl alles nicht so schlimm sein könne. Das ersetzt die politische Argumention durch die persönlicher Erfahrung und Empfindung – und das ist ausgerechnet ein Aspekt, der heute gerade an der linken Identitätspolitik so abschreckend und destruktiv ist. Wenn ich das auf der einen Seite kritisiere, kann ich es nicht auf einer anderen Seite ganz okay finden.

      Das ficht den Nobelpreis für Handke nicht an. Auch wenn ich persönlich mit seinem Stil fremdele, kenne ich – wie erwähnt – eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Menschen, die von seinen Büchern sehr angetan sind.

      • „Doch, Milosevic und Karadzic wollten Krieg, nur eben nicht unbedingt mit der NATO.“

        Darüber kann jeder seine eigene Meinung haben, es wird wohl ungeklärt bleiben, da man den beiden auch nur vor den Kopp schauen kann.

        Schröder, als Teil der hauptverantwortlichen Kriegstreibertroika ( Fischer, Schröder, Scharping ), hat übrigens seinen Anteil an dem völkerrechtswidrigen Angriff auf die Zivilbevölkerung der Hauptstadt eines souveränen Landes, noch dazu ohne formelles Mandat des Sicherheitsrates der UN ( wenn auch in stark relativierender Absicht, „Das war einfach so“ ), öffentlich bekannt:
        https://www.youtube.com/watch?v=1WCxYNZZJbA

        „Bei Handke kann man m.E. gut sehen, was passiert, wenn die Medien allgemein an Glaubwürdigkeit verlieren. Da wirkt dann irgendwann jede Position gut und vertretbar und aufklärerisch, wenn sie nicht der allgemeinen medialen Position entspricht.“

        Das scheint mir der wichtigere Aspekt der Diskussion zu sein. Leider ist es wohl so, daß ein gewisser Teil der Bevölkerung „denkfaul“ genug ist, Positionen, unabhängig vom Fakteninhalt, für gut oder schlecht zu halten. Wobei ich allerdings stark bezweifele, daß die Wortwahl „gut und vertretbar und aufklärerisch“ irgendeine Relevanz entfaltet. Es ist m.E. simples tribalistisches Schwarz-Weiß-Denken, was dahinter steckt ( denkfaulheit i.Vm. Obrigkeitsglauben halt, „die da oben machen das schon richtig und die Tagesschau sagt das ja auch“ ). Außer man bedient sich der postmodernen Terminologie, welche ja wild und extrem unscharf alles Mögliche mit unmöglichem Humbug synonymisiert ( Gleichstellung und Gleichberechtigung etwa, oder das älteste mir bekannte Beispiel, der Nonsensebegriff „womöglich“, der überhaupt keinen Inhalt hat, aber drei exakte Termini – wo möglich, wohl möglich und wohlmöglich – ersetzen soll; neuerdings kommt noch völliger Sprachmüll, wie Klimawandelleugner, Klimawandelstopper, Rechtsruck u.ä. vollkommener Schwachsinn hinzu, selbst der Duden stellt es mittlerweile frei, ob man „der Teil“ o. „das Teil“ sagen möchte und macht so z.B. Elternteile und defizitäre linguistische Surrogate – bspw. „Mutter aller Schlachten“ – zu ein und demselben vertauschbaren Matsch ).

        Schlimm finde ich, daß derartiges von oben nach unten durchgedrückt wird und sich die ( mittlerweile großteils intellektuell prekäre ) „Akademikerszene“ daran aktiv beteiligt, anstatt sich mit aller Kraft dagegen zu stemmen.
        DAS ist m.E. der eigentliche politische Aspekt an der Sache ( gezielte Lenkung in Richtung vorsätzliche Volksverdummung ).
        Diese Form geistiger Ghettoisierung IST ein gravierendes kulturelles Problem!
        Mir kommt es wie ein rasant beschleunigendes „race to the bottom“ vor.

        Handke, als reinen „Sprachpoeten“ ( Wortspieler, nix weiter ) halte ich dabei für völlig unwichtig, da er der Durchschnittsbevölkerung ( außer als irgendein Prominame ) unbekannt ist. Der letzte „Sprachpoet“ ( im Unterschied zu Romanschriftstellern o.ä. Literaten ) der mich – noch in der Volksschule – beeindruckt hat, war Wolfgang Borchers, den heute kein Schwein mehr kennt ( Kästner schließe ich da insofern aus, weil er sich auch in Wenigzeilern stets auf konkret ausformulierbare Inhalte bezog, es ging ihm erkennbar nicht um das Wortspiel an sich, außer evtl. mal rein zum Spaß. Wobei ich allerdings befürchte, daß selbst sein „primitivstes“ Poesiestückchen – „Es gibt nichts gutes, außer man tut es“ – die geistigen Fähigkeiten vieler postmoderner Literaturwissenschaftler schon weit übersteigt ).

        Die Frage, die ich mir in dem Zusammenhang immer wieder stelle ist, was „unsere Bildungseliten“ letztendlich dazu antreibt, sich ausgerechnet mittels Selbstverblödung zur überlegenen Kaste zurechtdefinieren zu wollen.

        Liegt es vielleicht einfach nur an ( wodurch entstandener? ) Empathieunfähigkeit?
        An selbstinitiierter Entfremdung?
        Tribalismussucht?
        Nackter Angst?

        So, zum Abschluss dieses ( hoffentlich nicht allzu überkomplexen ) Kommentars möchte ich noch eine Warnung in Form einer realen Anekdote aussprechen:
        Unterschätzt die Jugend von heute nicht!
        ( Trotz der Haken-F-HJ! Das sind relativ wenige Ferngesteuerte )

        Ich unterhalte mich u.a. gern mit einer Dame, die ich sehr schätze, welche Leiterin der Außendienstabteilung einer sozialen Einrichtung und ungefähr in meinem Alter ist.
        Bei einer Gelegenheit stellte ich ihr, rein aus Prinzip schon, meine Lieblingsfrage an „Sozies“:
        Was ist wichtigste, vordringlichste und auch vornehmste Aufgabe jeglicher sozialer Hilfstätigkeit?
        Sie wußte es entweder auf Anhieb nicht, oder rechnete nicht damit, daß ich es wüßte.
        Akzeptierte die Auflösung aber sofort.

        Vor einigen Wochen lernte ich zwei blutjunge duale Studentinnen der Soziologie kennen ( beide knallfrische Erstsemester ). Einer davon stellte ich die Frage auch, löste allerdings auch gleich auf ( ergab sich kontextuell so ). Ich maß dem in dem Gespräch keine besondere Bedeutung zu, dachte lediglich, daß ihr „das Rätsel“ vielleicht irgendwann wieder zu Bewußtsein kommen könnte, was ja schon mal nicht schlecht wäre.

        Vor ein paar Tagen hatten wir wieder eine recht lockere Unterhaltung, sie war gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt. Nach etwas Smalltalk erzählte sie mir, daß sie ( vermutlich kurz vor dem Urlaub ) ein beeindruckendes Erlebnis im Einführungskurs „Grundlagen und Geschichte der Soziologie“ ( oder wie das heißt ) gehabt hatte.

        Der Prof. begann die erste Vorlesungsrunde mit exakt der von mir oben gestellten Frage und löste ( nach geistigem Gedankenstrich ) auch genau so auf!

        ( „Sich selbst so schnell, gründlich und umfassend wie möglich überflüssig zu machen!“ )

        BINGO!
        Nicht nur, daß es sehr erfreulich ist, daß es ( ein paar ) solche Profs noch gibt.
        Es gibt auch noch zumindest einige Studenten, die die ihnen gebotenen Infos selbstständig sortieren und verarbeiten können!
        Die gilt es unbedingt zu fördern!

        ( Und das sage ich, als oller Unterschichtler, Ex-Hilfsarbeiter, ohne Abi )

      • „die politische Argumention“ ohne einen Kontext gibt es einfach nicht bzw. kann ich mir eine solche gar nicht vorstellen. „die persönliche Erfahrung“ stellt einen Kontext erst her, in dessen Rahmen man dann denken, schlussfolgern und letztendlich politisch agrumentieren kann.

  • „Publikumsbeschimpfung“ hab ich in den Sixties im (relativ kleinen) Berliner Forum-Theater (Ku’damm Ecke Knebeckstr. im ersten Stock) als Zuschauer erlebt. Meine Freundin und ich kamen etwas zu spät und wir drängelten uns an den schon sitzenden Zuschauern vorbei auf unsere Plätze.
    Die Schauspieler (hier besser: Textaufsager) am vorderen Bühnenrand nahmen uns Zuspätkommer sofort in ihre Tiraden mit auf. Improvisierten also. Damals war’s für uns etwas peinlich, heut‘ bin ich doch ein wenig stolz, darüber berichten zu können.
    Jahrzehnte später:
    Allein schon, dass Handke in Sachen Serbien gegen die offizielle Linie verstieß, gefiel mir. Egal, wer Recht hat. Er hatte & zeigte jedenfalls Mut. Dass er zudem mit der deutschen Sprache besser umgeht als jeder „unserer“ Politiker und Parteibonzen …auch DAS spricht für ihn.

  • Der Artikel oben hat mir schön vor Augen geführt, was mir an Handkes Literatur nicht so gut gefällt: prätentiöse Texte mit kultureller Attitüde. Handke nimmt für sich in Anspruch, existentielle Momente, existentielle Konstellationen u. dgl. sprachlich zu vermitteln, und tut genau dies nicht, weil er dem Leser demonstrieren muss, was für ein sensibler und kultivierter Literat er doch ist.

    In Handkes Text ist Vater-sein, Erziehung von Kindern, Auseinandersetzung mit Kindern eben gerade keine existentielle Erfahrung, sondern gerade mal Anlass, um kulturelle Bezüge (letztlich Intertextualität) herzustellen: Sünde, Verdammnis, Posaunen, Tore des Gerichts (Kafka …?), weltliche Strafe, antike Dramatiker … Ja, dieser Handke kennt sich aus – vielleicht sollte er einen Beitrag im Handbuch zur Kulturgeschichte der Kindheit (natürlich bei Metzler!) verfassen.

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