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Wir hier oben, ihr da unten

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Umgang mit der Dissertation von Franziska Giffey illustriert soziale Spaltungen

Die seltsame Entscheidung der Freien Universität Berlin, der Ministerin Franziska Giffey trotz nachgewiesener Plagiate den Doktortitel nicht abzuerkennen, hat auch eine politische Dimension – aber eine, die mit ihrer Familienpolitik nichts zu tun hat.

  1. Die Freie Universität Berlin ermittelt in eigener Sache
  2. Wer sich mit fremden Federn schmückt…ach, der schmückt sich halt
  3. Wofür genau steht eigentlich „FU“?

An der Schule machen wir unsere Klassen und Kurse schon lange und mit durchaus drastischen Drohungen darauf aufmerksam, dass Plagiate verboten sind und scharf sanktioniert werden.

Ich hatte zum Beispiel einmal Schüler einer neunten Klasse Buchvorstellungen schreiben lassen und vorher ausdrücklich mit ihnen besprochen, was Plagiate sind und warum sie absolut nicht erlaubt sind. Ich fand dann in mehr als der Hälfte der Texte Übernahmen aus dem Internet, die nicht als Zitate gekennzeichnet waren.

Ich habe dann nicht nur alle diese Arbeiten als „ungenügend“ bewertet, sondern nach Rücksprache mit der Schulleitung auch in jedem Fall die Eltern angerufen und sie aufgefordert, mit ihren Kindern noch einmal ausführlich darüber zu sprechen, warum Plagiate nicht erlaubt werden können.

Schulen geben, ebenso wie Universitäten, mittlerweile eine ganze Menge Geld aus, um auf entsprechenden Plattformen Arbeiten von Schülern auf Plagiate hin überprüfen zu können. Das Internet hat das Plagiieren nun einmal deutlich erleichtert – und so ist es nicht nur wichtig, Regeln dagegen aufzustellen, sondern auch zu zeigen, dass Plagiate entdeckt und geahndet werden.

Ausgerechnet eine Universität, die besonders zur Einhaltung wissenschaftlichen Regeln verpflichtet ist, grätscht den Schulen und anderen Universitäten nun dazwischen und demonstriert offen, dass Plagiate eigentlich halb so wild wären. Das Präsidium der Freien Universität Berlin hat gerade einstimmig beschlossen, der Familienministerin Franziska Giffey trotz einer enormen Menge von Plagiaten in ihrer Dissertationsschrift den Doktortitel nicht zu entziehen, sondern es bei einer Rüge zu belassen. Das entspricht, in Alltagskommunikation übersetzt, etwa einem augenzwinkernden „Na, das macht man aber nicht!“

Sind also die Vorwürfe gegen  Giffey tatsächlich nur halb so wild?

 

Die Freie Universität Berlin ermittelt in eigener Sache

Es lohnt sich, noch einmal in den Bericht des VroniPlag Wiki zu schauen, in dem sehr sorgfältig und ausführlich die Mängel in Giffeys Schrift nachgewiesen werden.

Plagiate Insgesamt wurden auf 76 der gut 200 Seiten des Textes Plagiate gefunden – bei 64 Seiten sind weniger als 50% des Textes ungekennzeichnete Übernahmen, bei 11 Seiten 50-75%, immerhin bei einer Seite mehr als drei Viertel der ganzen Seite.

Willkürliche Angaben In 72 Fällen gibt Giffey für zitierte Passagen eine Quelle an, die nicht nachweisbar ist und die offenbar willkürlich gewählt wurde. Der „Verdacht einer bewusst irreführenden, wider besseres Wissen erfolgten Angabe“ ist schwerwiegend, weil damit die Überprüfung der Aussagen eines Textes gezielt erschwert wird.

Fehlende Nachweise Von den 427 Quellen, die Giffey im Literaturverzeichnis ihrer Arbeit angibt, tauchen 135, also „gut 31,6% (…) lediglich in Plagiatskontexten auf.“ Weitere 61 Titel des Literaturverzeichnisses, „knapp 14,3%“, werden in der Arbeit gar nicht erwähnt. Das heißt, hier bleibt unklar, wie Giffey die Texte überhaupt verwendet hat.

Das ist durchaus gravierend. Plagiate müssen der Autorin nachgewiesen werden, und das tut VroniPlag auch ausführlich. Bei den von Giffey selbst angegebenen Literaturnachweisen muss sie jedoch selbst zeigen, wo und wie sie die Quellen für ihre Arbeit verwendet hat. Das ist eine Bringschuld, deren Sinn darin besteht, dass Autoren ihre Literaturverzeichnisse nicht willkürlich mit Angaben von Quellen aufblasen können, die sie nie gelesen haben.

Bei 196 von 427 der Quellen, die Giffey angibt, bestehen damit begründete Zweifel, dass sie diese Texte jemals gelesen hat – bei fast der Hälfte also.

Was Giffey vorzuwerfen ist, geht also deutlich über die ohnehin schon schwerwiegende Feststellung vielfacher Plagiate hinaus. Doch selbst das ist noch nicht alles.

Eine Illustration aus der verlinkten Seite des VroniPlag Wiki, bei der die Fundstellen der Plagiate in Giffeys Arbeit als Barcode dargestellt werden.

Im April beschrieb der Politikwissenschaftler Peter Grottian für die Süddeutsche Zeitung „das eigentliche Problem“ von Giffeys Arbeit:

Giffey beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Beteiligung der Zivilgesellschaft an der EU-Politik am Beispiel von Berlin-Neukölln. Als damalige Europabeauftragte von Neukölln schrieb sie damit direkt und indirekt über sich selbst. Das kann mangelnde wissenschaftliche Distanz nach sich ziehen. Giffey gelingt es nicht, diese Vorbehalte auszuräumen; eine ausreichende Reflexion über die Fallstudie, die den Kern ihrer empirischen Arbeit bildet, liefert sie nicht.

Das bedeutet: Giffey hätte ihre Disserationsschrift gar nicht zu dem Thema verfassen dürfen, zu dem sie geschrieben hat, weil Interessenkollisionen und mangelnde wissenschaftliche Distanz kaum vermeidbar waren. Sie wurden von ihr auch tatsächlich nicht vermieden. Das aber ist nicht allein Giffeys eigene Verantwortung, sondern auch die ihrer Doktormutter, der Professorin Tanja A. Börzel. 

Dem Prüfungsgremium der Freien Universität wiederum gehörten nach einer Erklärung der Universität

drei Hochschullehrerinnen/Hochschullehrer der Freien Universität Berlin, eine externe Hochschullehrerin/ein externer Hochschullehrer sowie eine promovierte akademische Mitarbeiterin/ein promovierter akademischer Mitarbeiter der Freien Universität Berlin an.

Also sind vier von fünf Mitgliedern des Gremiums Angehörige eben der Universität, die Giffey auch den Doktortitel verliehen hat. Die FU hat hier ganz offensichtlich auch in eigener Sache ermittelt, und sie hatte ein ganz eigenes Interesse daran, dass das Urteil nicht zu hart ausfällt. Heike Schmoll in der FAZ dazu  (via Genderama):

Für die FU hing an der Beurteilung dieser Dissertation wesentlich mehr als der Doktorgrad Giffeys. Denn Giffeys Doktormutter, die Politikwissenschaftlerin Tanja Börzel, ist Direktorin des Jean Monnet Exzellenz-Zentrums „The EU and its Citizens“ und als solche ein Aushängeschild für den Exzellenzstatus der FU. Sie leitet außerdem die Arbeitsstelle Europäische Integration. Wäre Giffey der Doktorgrad entzogen worden, wäre auch Börzel beschädigt.

Wie aber ist es angesichts der enormen Zahl von Unkorrektheiten in der Arbeit überhaupt möglich, dass die Universität es bei einer bloßen Rüge belässt?

 

Wer sich mit fremden Federn schmückt…ach, der schmückt sich halt

Die Universität beruft sich in ihrer Erklärung mit Verweis auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts darauf, dass auch „die quantitative und qualitative Relevanz der plagiierten Textstellen zu berücksichtigen“ wären. Die Plagiatsstellen befänden sich aber vorwiegend in einem der vorderen Kapitel zur Begriffsklärung – die Arbeit wäre danach vorwiegend eine empirische Arbeit, deren Wert als wissenschaftliche Arbeit durch die Plagiate im ersten Teil nicht in Frage gestellt werde.

Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht hanebüchen, und nicht nur deshalb, weil es schlichtweg nicht stimmt, dass die Plagiate sich auf ein Kapitel beschränken würden – auch wenn eine Ballung im ersten Teil der Arbeit offensichtlich ist.

Die Universität beruft sich ausgerechnet auf ein Urteil, in dem das Bundesverwaltungsgerichts  die Revision einer Frau abgelehnt hat, die gegen den Entzug der Doktorwürde aufgrund festgestellter Plagiate geklagt hatte. Ihr Fall hat sogar offensichtliche Ähnlichkeiten mit dem von Giffey, ohne dass die Universität auch nur ein einziges Wort dazu verlieren würde, warum sie Giffeys Arbeit ganz anders bewertet, als das Gericht die Arbeit der damaligen Klägerin bewertet hat.

Es gibt zudem schlichtweg keine Regelung, die besagt, dass Plagiate in weniger wichtigen Teilen wissenschaftlicher Arbeiten ganz okay wären. VroniPlag zitiert dazu eine Warnung („Streng verboten!“) von Giffeys Doktormutter an ihre Studenten: 

Plagiasieren! Wer sich mit fremden Federn schmückt, wer anderer Leute Gedanken oder gar Texte abschreibt oder übernimmt, ohne sie angemessen zu zitieren, braucht sich in meinen Lehrveranstaltungen nicht mehr blicken zu lassen! Die Arbeit gilt automatisch als „nicht bestanden“, weitere Konsequenzen behalte ich mir vor. Andere DozentInnen werden von Plagiarisierungsversuchen in Kenntnis gesetzt. Und noch etwas: Rechnen Sie damit, dass Täuschungsversuche entdeckt werden! Das Zeitalter des Internet macht es auch für Dozenten leichter, Plagiate zu entdecken!

Kein Lehrer käme auf die Idee, seinen Klassen zu erklären, dass sie Plagiate doch bitteschön auf die unwichtigeren Teile ihrer Arbeiten beschränken sollten. Die Unterscheidung zwischen belangreichen und belanglosen Teilen wissenschaftlicher Arbeiten ist nämlich haltlos: Wenn Kapitel belanglos sind, dann sollten sie einfach weggelassen werden.

Von oben betrachtet sehen die anderen so klein aus, dass es tatsächlich nicht mehr so recht verständlich ist, warum für alle gemeinsame Regeln gelten sollten. Oder?

Zudem ist der Teil, in dem sich Giffeys Plagiate ballen, natürlich nicht unwichtig. Die Klärung von Begriffen, Kategorien und Methoden ist tatsächlich oft ein lästiger Teil wissenschaftlicher Arbeiten, beim Lesen wie beim Schreiben. Gerade für mangelhafte und unprofessionelle Arbeiten ist es typisch, dass solche Teile unverbunden angeklatscht wirken.

In einer seriösen wissenschaftlichen Arbeit hingegen wird mit den geklärten Begriffen, Kategorien und Methoden systematisch weiter gearbeitet – so wie umgekehrt die Methoden und Begriffe, mit denen gearbeitet wird, vorher geklärt worden sind. Eben gerade dadurch unterscheidet sich eine wissenschaftliche empirische Arbeit von einer Reportage, einem Erlebnisbericht oder einer Anekdotensammlung.

Also kann, wie vom Bundesverwaltungsgericht gefordert, „die restliche Dissertation den inhaltlichen Anforderungen an eine beachtliche wissenschaftliche Leistung“ gar nicht genügen, wenn die vorangegangenen Teile aufgrund von Plagiaten ungenügend sind. Die Universität beruft sich ausgerechnet auf eine Gerichtsentscheidung, nach deren Maßstäben sie Giffey die Doktorwürde hätte entziehen müssen.

 

Wofür genau steht eigentlich „FU“?

Der Eindruck ist unvermeidlich, dass die Freie Universität sich hier irgendwie Gründe zusammengesucht hat, um Giffey und sich selbst den Entzug ihres Titels zu ersparen. Zum Vergleich mit diesem Vorgehen eine persönliche Erfahrung.

Vor ein paar Monaten habe ich auf ihre Bitten hin die Hausarbeit einer Studentin durchgesehen, der ein Plagiat vorgeworfen worden war. Nach allem, was ich erkennen konnte, hatte sie ihre Quellen sehr umfassend und durchgehend belegt. Weit wichtiger noch: Der Dozent, der ihr das Plagiat vorwarf, war über Monate hin nicht in der Lage anzugeben, aus welcher Quelle und an welcher Stelle sie denn nun plagiiert haben sollte. Sein Vorwurf begründete sich offensichtlich auf ein reines Bauchgefühl, das er sachlich nicht fundieren konnte.

Für die Studentin gab es nur zwei Möglichkeiten – nämlich die, vor Gericht zu gehen, oder die, im folgenden Semester das Seminar bei einem anderen Dozenten zu wiederholen und dort die Arbeit noch einmal zu einem anderen Thema neu zu schreiben. Dafür entscheid sie sich schließlich, auch wenn sie dadurch ein halbes Jahr verlor.

Es waren Erfahrungen wie diese, aufgrund derer ich vor Jahren die Universität verlassen habe und in die Schule gegangen bin. Ich hatte nach meinem Studium als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität gearbeitet und eine Doktorarbeit geschrieben – ich weiß also, wie viel Mühe das kostet, wenn sie ehrlich verfasst wird. Nachdem ich promoviert war, legte mir mein Doktorvater eine Habilitation ans Herz, aber ich wollte gern an die Schule.

Denn es ging mir, auch wenn ich einige fantastische Leute an der Uni kennengelernt hatte, auf die Nerven, wie viel Energie und Aufmerksamkeit dort auf die Sicherung des eigenen Status und des eigenen Territoriums verwendet wird. Es ging mir vor allem auf die Nerven, wie klar die Unterschiede waren zwischen denen, die dazugehörten, und denen, die draußen blieben. Es war ganz selbstverständlich, dass Regeln zwar für alle galten – dass aber diejenigen, die sich besser auskannten und die schon familiär an ein akademisches Umfeld gewöhnt waren, wussten, wie sie die Regeln zum eigenen Vorteil umgehen konnten.

Eben deshalb ist die Giffey-Entscheidung so fatal. Sie signalisiert, dass diejenigen, die dazugehören, sich an bestehende Regeln nicht halten müssen – während diejenigen, die nicht dazugehören, mit voller Härte abgestraft werden, sobald ihnen ein Regelbruch auch nur unterstellt werden kann („braucht sich in meinen Lehrveranstaltungen nicht mehr blicken zu lassen“).

Der Fall hat also eine politische Dimension, aber anders, als es erscheint. Ich habe nun schon viele Kommentare von SPD-Anhängern gelesen, die sich erleichtert über die Giffey-Entscheidung zeigen und die sogar allen Ernstes bedauern, dass sie womöglich wegen der Plagiatsvorwürfe nicht für das Parteipräsidium kandidiert habe.

Dass das von SPD-Anhängern kommt, ist besonders gravierend, denn es geht hier nicht um die Verteidigung einer irgendwie linken, irgendwie progressiven und irgendwie modernen Politikerin gegen Angriffe von konservativen Hatern – sondern um die Verteidigung der Privilegien von Insidern gegen die Ansprüche von Outsidern auf faire Verfahren.

Wer bei der Google-Bildersuche „FU“ eingibt, sieht zunächst ganz andere Bilder als Darstellungen der Freien Universität… Sie passen aber zufällig ausgezeichnet zu ihr.

Die Gegner von Giffeys Familienpolitik wiederum haben eigentlich kein vernünftiges Interesse daran, dass sie über ihre Plagiate stürzt. Sicher, sie interessiert sich als Familienministerin nicht für die Belange von Vätern, anderen Männern oder Söhnen, so wie sie sich als Jugendministerin nicht für die Belange von Jungen interessiert. Sie ist nicht einmal zum Gespräch mit Vertretern von Vätern bereit – als wäre es selbstverständlich, dass sie als Ministerin einen Großteil der Bevölkerung einfach ignorieren kann.

Die Interessen von Männern und Frauen, Müttern, Vätern und Kindern wiederum sind so eng und vielfältig miteinander verwoben, dass diese Ignoranz gegenüber Männern und Jungen nicht nur Männern und Jungen, sondern allen schadet.

Giffey muss aber über eben diese dysfunktionale, inhumane Politik stürzen, nicht über ihre Dissertation. Denn wenn sie aufgrund ihrer Plagiate aus dem Ministerium verschwindet, wird ihre Politik aller Voraussicht nach lediglich von einer anderen Sozialdemokratin fortgesetzt.

Der eigentliche Schaden dieser Affäre entsteht ohnehin anderswo. Nach dem Stand der Dinge sollten wir Schüler und Studenten für Plagiate nicht mehr sanktionieren. Denn wenn wir das tun, signalisieren wir ihnen angesichts der FU-Entscheidung nicht, dass Plagiate schlecht und unseriös sind – was ja ein ganz richtiges Signal wäre.

Wir signalisieren ihnen, dass Regeln und Vorschriften nur für die gelten, die unten stehen, aber nicht für die, die oben sitzen – und dass sie als Schüler und Studenten nunmal das Pech hätten, unten zu stehen. Das mag, so bitter es ist, realistisch sein, es ist mit einer demokratischen Erziehung aber nicht vereinbar.

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14 Comments

    • @ El Mocho Ich weiß nicht, ob das “korrupt“ ist oder einfach eine Mischung aus Arroganz und Egoismus. Klar ist wohl, dass diejenigen, deren Interessen hier verletzt werden, keine Möglichkeit zum Einschreiten haben – nämlich vor allen die Schüler und Studis, die sich an die Regeln halten müssen, und die Lehrer und Dozenten, die auf das Einhalten der Regeln achten müssen. Es sieht schon sehr nach einer Entscheidung zum gegenseitigen Nutzen aus.

      Dazu passt noch eine wichtige Information aus der Süddeutschen Zeitung, die Arne Hoffmann verlinkt hatte.

      „ Die CDU-Politikerin [Annette Schavan] klagte gegen die Entscheidung der Uni Düsseldorf, ihr den Doktorgrad zu entziehen – eine Rüge hätte es in ihrem Fall doch auch getan, argumentierte sie. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf entschied aber, „etwaige mildere Mittel, z.B. in Gestalt einer Rüge“ hätten nicht zur Wahl gestanden. Es enthalte „weder die Promotionsordnung eine Ermächtigungsgrundlage hierzu, noch ist eine solche sonst ersichtlich“. Für Plagiatsexperte Dannemann folgt daraus: Eine Uni darf einen Doktorschummler erst mit einer Rüge davonkommen lassen, wenn sie diese Möglichkeit zuvor ausdrücklich geschaffen hat.

      Genau das scheint an der FU nicht der Fall zu sein. Sowohl in der Promotionsordnung von 2008, die für die Doktorandin Giffey galt, noch in der aktuellen Fassung steht etwas von Sanktionen jenseits des Titelentzugs. „Die Entziehung eines Grads gemäß § 1 richtet sich nach den gesetzlichen Bestimmungen“, heißt es lediglich. Zur Rüge – kein Wort. Ein FU-Sprecher verweist gegenüber der SZ auf den Ermessensspielraum, den das Hochschulgesetz bei der Entscheidung über „Entziehung oder sonstige Maßnahmen“ lasse. Aber von einer Rüge oder anderen „sonstigen Maßnahmen“, die die FU im Gesetz zu finden meint, ist darin keine Rede. Die Paragrafen kennen in Berlin nur die Aberkennung des Titels, nichts weiter.

      (…) Ob die FU Berlin im Fall Giffey ihren Spielraum nun überreizt hat, dürfte sich wohl endgültig nicht klären lassen. Die Ministerin, der Vroniplag Wiki unsauberes Arbeiten auf 76 von 205 Seiten nachgewiesen hat, müsste gegen die Rüge klagen. Wenn sie gut beraten ist, lässt sie das bleiben.“

      https://genderama.blogspot.com/2019/11/warum-eine-bloe-ruge-fur-giffeys.html

      • Den Unterschied sehe ich nur darin, dass In Südamerika i.d.R. Geld im Spiel ist. Hier reicht es, dass man isch kennt Eine Hand wäscht die andere.

  • Folgendes ist aus meiner Sicht offensichtlich: akademisch ist diese Arbeit wohl sowohl inhaltlich (mangelnde Wissenschaftlichkeit) als auch der Form nach (Plagiate) ungenügend – der Titel gehört selbstverständlich entzogen.

    Wäre Frau G. in der Wissenschaft tätig sollte dies auch harte Konsequenzen haben. Warum dies aber in der Politik harte Konsequenzen haben muss ist mir nicht klar – es handelt sich um ein Fehlverhalten, klar – aber es passiert ausserhalb der politischen Tätigkeit und moralisches Verhalten bei Politikern absolut einzufordern ist falsch.
    Ich halte politisches Fehlverhalten (insb. auch wenn es moralisch ansprechendes Fehlverhalten ist) für viel gravierender.

    Kurzum, der Titel sollte weg – die Politikerin kann bleiben und sich der Wahl durch den Souverän stellen. Vielleicht kommt es ja manchen Wähler eher darauf an, was ein Politiker tut als wer ein Politiker selbst ist.

    Aus meiner Sicht ein würde vieles besser, wenn der Fokus stärker von den politischen Personen weg auf auf politische Ideen und Handlungen wechseln würde. Frei nach: Eleanor Roosevelt: Great minds discuss ideas; average minds discuss events; small minds discuss people.

    • Was für Ideen oder gar Taten?
      Die Dame ist, ähnlich wie Schwesig und Barley, leistungsfrei und ( soweit ich weiß ) ohne je ein Mandat gewonnen zu haben, im gläsernen Listenfahrstuhl in die Regierungsebene hochgevögelt worden, hat ihrer Vorgängerinnen blödeste Hassideen nachgeplappert ( Barunterhaltsnichtzahlern den Führerschein stehlen ) und pumpt gerade weitere zusätzliche 120 Millionen €uro in die geheimen Männerhassbruchbuden, während sie sich strikt weigert, sich mit Vertretern der Männer- und Väterverbände ( Förder-Budget 0€ ) auch nur unverbindlich zu unterhalten!
      Und seit wann ist die SPD bitte „der Souverän“?
      Von ihrer gerade anlaufenden „Gewalt ja, außer gegen Frauen“- Kampagne mal ganz zu schweigen.

      Die ist genau so ein wertloses Parteianhängsel, wie die Dame ( Klara irgendwas ) , die sie überredet haben, dat Püppie für den Scholz zu spielen.

      Einziger Punkt, wo sie mir ggü. an Respekt gewinnen kann, ist ihre Vorankündigung für Vorstand und Kanzlerkandidatur gerade NICHT zur Verfügung zu stehen, sofern sie das denn, trotz der Bettelkampagne, die jetzt durch die Medien gescheucht wird, konsequent durchhält.

    • @Semi Ich finde die Unterscheidung gut. In der Universität gibt es klare Regeln für wissenschaftliche Arbeiten, und es ist ebenfalls klar, dass Giffey die in erheblicher Weise missachtet hat. Da ist eigentlich kein Spielraum vorhanden, wenn man die Regeln nicht insgesamt verändern will.

      Was den politischen Posten angeht, ist ihr Verbleib im Amt allerdings eine Ermessenssache. Ich schreibe ja auch schon im Text, dass sie über ihre bescheuerte Politik stürzen sollte, nicht über ihre Diss.

      • Wer bescheißt, hat in der Politik nichts verloren.

        Schließlich geht es auch um ein gewisses Maß an Vertrauen, u.a. in die Redlichkeit eines Menschen, der uns alle vertreten soll.

        Btw. Muss man nicht meistens eine eidesstattliche Erklärung zur Dissertation abgeben?
        Dann hätte sie sich ja ggf. auch wegen Meineides strafbar gemacht.

        Huch – im Text ist von einer eidesstattlichen Erklärung die Rede In der „Selbstständigkeitserklärung“ dann zwar nicht.
        https://business-and-science.de/eidesstattliche-erklaerung/
        Aber hier wäre doch ein Ansatzpunkt gewesen, der zwingend zur Aberkennung des Doktortitels hätte führen müssen.

        • Grundsätzlich sehe ich das ähnlich. Aber eine eidesstattliche Versicherung ist kein Eid, sondern wird eben an Eides statt versichert ( und nicht erklärt, das ist überflüssig ). Der Straftatbestand dazu heißt „Falsche Versicherung an Eides Statt“.
          Mögliche Formulierung:

          „EIDESSTATTLICHE VERSICHERUNG

          Über die Bedeutung einer zur Vorlage bei Gericht bestimmten eidesstattlichen Versicherung und strafrechtlichen Folgen vorsätzlich und fahrlässiger unrichtiger Angaben, namentlich über die Strafandrohung gemäß § 156 StGB bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bei vorsätzlicher Tat bzw. gemäß § 161 Abs. 1 StGB bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bei fahrlässiger Begehung, belehrt, erkläre ich
          Name
          Straße Hausnummer
          PLZ Wohnort

          folgendes an Eides statt:

          ( Text, möglichst objektiv )
          Datum … Unterschrift“

          https://dejure.org/gesetze/StGB/156.html
          https://dejure.org/gesetze/StGB/161.html

          Bei der Auffälligkeit ihrer Falschangaben ( mindestens grob fahrlässig ) könnte man ihr also zumindest bis zu ein Jährchen Knast verordnen, bei erwiesenem Vorsatz auch bis zu drei.

          Das könnte allerdings eine heftige Lawine nach sich ziehen, da jede Menge Leute in derartiges relativ gewohnheitsmäßig verstrickt sind.

          Entzug des Doktorgrades und Berufsverbot im entsprechenden Fachbereich ( wg. mangelnder Verantwortungsfähigkeit ) wäre m.E. aber dringend geboten.

  • Ich würde das ganze positiv sehen,
    hat die FU doch nun einen Präzedenzfall für ihre Studis und Dozenten geschaffen.

    Warum sollten Studis/Dozenten dies zukünftig nicht für sich „nutzen“ können?
    Spätestens dann verliert die FU ihr Glaubwürdigkeit.

  • Mal abgesehen von der FU, ist doch viel interessanter das es nur HIER in einigen Blogs angeprangert wird. Wie Arne schon schrieb, die Presse ist mit Jubeln über die Ministerin so sehr beschäftigt, das sie hierzu keine Zeit mehr haben.

    Man hat da als Aussenstehender den Eindruck das wegen der AfD die Parteien und die Presse so viel Panik schieben, dass es zu solchen bizarren Fällen wie diesem kommt, wo die FU hier absoluten Mist baut, und die Presse noch dazu jubelt. Das führt dann dazu dass noch mehr zur AfD wechseln, weil sie die Strukturen eben nicht mehr als logisch ökonomische Alternative sieht, die ihre Macht und ihren Einfluss vernünftig einsetzt…

    Während ein Präsident über Monate durch die Presse vorgeführt wurde, obwohl sich ein Grossteil des Volkes nicht für drei Bier die er ausgegeben bekommen hatte interessierte, geht man hier den gegenteiligen Weg. Wie man da noch Vertrauen gewinnen will, ist mehr als fraglich…

  • Eine Anregung – OT:

    Wir leben in einer ausserordentlich schnellebigen Welt, wo eine Nachricht die nächste jagt. Was heute aktuell ist, ist eine Woche später schon wieder aus dem Fokus geraten und vergessen. Ich würde mir wünschen, dass nach einiger Zeit ab und zu mal eine Rückschau erfolgt. Als Beispiel: Hat der Spiegel aus der Relotius-Affäre gelernt? Hat er sich verändert?
    Ich finde es schade, dass so vieles, was eingehender betrachtet werden sollte, so schnell durch andere Nachrichten verdrängt und vergessen wird.

  • Dr.m.R. (Doktor mit Rüge). Toll, was es jetzt alles so gibt. So eine Art Doktor light. Habe meiner Nichte erst letztens abgeraten zu promovieren. Der Titel wirft mehr Fragen auf als er akademische Kompetenz beweist.

  • Lange Rede, kurzer Sinn: der alte Lateiner hätte einfach gesagt „Quod licet jovi non licet bovi“. Nix neues unter der Sonne.

    Das Schlimme ist letztendlich diese dauernde Wahlkampfhilfe für die AfD durch diese offensichtlich zweierlei Maßstäbe, mit denen gemessen wird.

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