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Fehlende Väter und große Erzählungen – Todd Phillips‘ „Joker“

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Film „Joker“ ist ein gigantischer Publikumserfolg, und während ihn einige Kritiker als Meisterwerk feiern, warnen andere vor ihm oder machen ihn lächerlich. Er wird als Männerfilm verstanden, aber auch als verdeckte rassistische Parabel. Vor allem ist er ein durchdachter und stimmiger Film über eine sozial gespaltene Gesellschaft, in deren Debatten sich viele Menschen nicht mehr wiederfinden.

Der Text enthält natürlich Spoiler!

Vom Lachen, das ein Weinen ist. Oder umgekehrt.

Der Film beginnt mit einem Lachen, das ebenso gut ein Weinen sein könnte. Lange sehen wir in Großaufnahme das Gesicht von Arthur Fleck, gespielt von Joaquin Phoenix – und der lässt das Schluchzen weder in ein eindeutiges Lachen  übergehen noch umgekehrt das Lachen in ein Schluchzen, bis seinem Arthur Fleck die Luft wegbleibt.

Es passt zum Film, dass er mit einer wortlosen, aber lauten und irritierenden Geste beginnt. Fleck kann selbst nicht erklären, was er da tut, er kann es auch nicht kontrollieren, aber er hat beständig eine kleine, offiziell aussehende Karte bei sich, mit der er irritierte Mitmenschen darüber informieren kann, dass sein Lachen auf einer medizinisch beschreibbaren Störung („medical condition“) beruht. Das erklärt zwar nichts, versieht das Lachen aber mit einem Label und zeigt so anderen, dass es von zuständigen Autoritäten begutachtet und eingeordnet worden ist.

Fleck lebt in Gotham zu Beginn der 80er Jahre, einer Stadt, die deutlich an New York erinnert und in der sozialer Zusammenhalt verloren gegangen ist. In einer weiteren Szene zu Beginn des Films wird er von einigen Jugendlichen verprügelt, als er in einer Clownverkleidung auf der Straße Werbung für ein Geschäft macht. Das Schild, das ihm dabei zertrümmert wird, muss er von seinem ohnehin knappen Lohn bezahlen.

Gegenbild zu ihm ist der schwerreiche Thomas Wayne, der aus den Batman-Comics als Vater von Bruce Wayne bekannt ist und der hier als Bürgermeisterkandidat antritt. Die Menschen, die so wie Fleck nichts aus ihrem Leben machen, würdigt er öffentlich als „Clowns“ herab. Er präsentiert sich als Philanthrop, als letzte Hoffnung der Menschen in Gotham, die ein besseres, gerechteres Leben suchen – aber er versteht und kennt die Situation der Menschen nicht, die er regieren will.

Fleck wiederum verliert seinen kleinen Job, als ihm bei einem Auftritt in einem Kinderkrankenhaus eine Pistole aus der Tasche rutscht, die ihm ein Kollege nach dem Überfall auf ihn  gegeben hat. In einer U-Bahn wird er, als Clown geschminkt, von einigen weißen Jugendlichen angegriffen und erschießt sie in einem Notwehrexzess. Die Tat macht die Clownsmaske mit den grünen Haaren berühmt, sie wird ikonisch.

Der psychisch kranke Arthur Fleck, dem aufgrund von Etatkürzungen auch noch seine dringend benötigten Medikamente gestrichen werden, hat keine besonderen Kräfte oder Fähigkeiten, die ihn zum bekannten Superschurken Joker prädestinieren würden: Weder ist er besonders geist- oder ideenreich, noch kann er irgendetwas, was niemand sonst kann. Bedeutend wird er erst durch seine mediale Verarbeitung, durch das, was er anderen bedeutet.

Er inspiriert eine anarchische Volksbewegung gegen die ungerechte, erstarrte Ordnung Gothams, die von Wayne repräsentiert wird – eine gewaltsame Bewegung von Menschen mit Clownsmasken, die offenbar keine erkennbaren politischen Ziele hat und die Gotham ins Chaos stürzt. Am Ende werden Thomas und Martha Wayne von einem der Männer in Clownsmasken erschossen, während ihr kleiner Sohn Bruce dabei steht. Die Tat, die als grundlegende Inspiration für den Superhelden Batman ebenfalls längst ikonisch ist, wird hier als zufälliger und sinnloser Tod präsentiert.

Die überraschende Anziehungskraft Flecks für viele Menschen auf der Ebene des Films wiederholt sich, ebenso überraschend, im enormen Erfolg des Filmes in den Kinos. Auch wenn er in wenigen Situationen auf die bekannten Batman-Comics anspielt, hat er insgesamt deutlich mehr Ähnlichkeit mit einer Außenseiter-Geschichte wie Scorseses legendärem Taxi Driver als etwa mit den umfangreich auf Vermarktung angelegten Filmen des Marvel-Universe.

Warum aber spricht die Geschichte eines psychisch kranken Mannes, der bei seiner Mutter wohnt und der nichts Besonderes aus einem Leben machen kann, so viele Menschen so sehr an? Er begründet schließlich nicht einmal irgendeine Revolution mit humanen politischen Zielen, und während seine erste Tat als Notwehr verstanden werden kann,  wirken weitere Gewaltakte absurd überzogen.

 

Arthur Fleck stellt fest, dass er existiert

Eine Erklärung liefert Fleck selbst in einem Gespräch mit seiner Sozialarbeiterin, das er führt, als sein Leben nach dem Verlust seines Jobs und seiner ersten Gewalttat scheinbar endgültig in einer Abwärtsspirale geraten ist. Er sagt ihr, dass er sein ganzes Leben lang Zweifel daran gehabt hätte, überhaupt zu existieren – er sich nun aber sicher sei, dass es ihn gebe. Er habe sein Leben auch immer für eine Tragödie gehalten, wisse nun aber, dass es eine Komödie sei.

Das leitmotivische Lachen, das gleichzeitig ein Weinen ist, erscheint hier damit zum ersten Mal nicht mehr nur als zwanghafte körperliche Geste, die Fleck nicht unterdrücken kann. Im Bezug auf die Traditionen von Komödie und Tragödie kann Fleck nun über sich selbst sprechen, anstatt lediglich ein Kärtchen vorzuzeigen, das ihm eine Störung attestiert.

Eine Tragödie ist sein Leben vor dem Horizont der sozialen Ordnung, für die Thomas Wayne steht. In dessen Welt kann jeder etwas aus sich machen, und wer trotzdem armer Außenseiter bleibt, hat es einfach nicht wirklich versucht. Ein Clown, der in seinem Elend lebt, stellt die Ordnung der Welt nicht in Frage, weil er selbst für dieses Elend die Verantwortung trägt.

Zur Komödie wird diese Welt in eben dem Moment, in dem Fleck diese Ordnung bricht und merkt, dass sie nicht verbindlich ist. Nun kann die Gewichtigkeit, mit der Wayne auftritt, als hohl und pompös erscheinen, und vor allem: Diejenigen, die in der von ihm repräsentierten Ordnung keinen Platz haben, haben nun plötzlich Spielraum und Luft zum Atmen, sie können plötzlich existieren.

Da Wayne sie abschätzend und vernichtend als Clowns hingestellt hat, können sie sich mit Fleck als Vorbild diese Zuschreibung zu eigen machen und die Welt gewaltsam in eine Komödie verwandeln, in der sie endlich eine Rolle spielen.

Nicht nur im Film ist der Joker eine ikonische Figur. Graffiti in Grenoble.

Die Gewalt der grünhaarigen Clowns, die sich massenhaft auf den Straßen zusammenfinden, ist so nicht einfach nur sinnlos, sondern sinnzerstörend. Sie richtet sich gegen eine saubere, lückenlose Ordnung, die sich jederzeit mit überlegener Rhetorik erklären kann, in der aber viele Menschen schlicht überhaupt keinen Platz haben.

Das Problem von Menschen wie Fleck ist nicht einmal materielles Elend, obwohl ihre ökonomischen Möglichkeiten wohl hoffnungslos unterlegen sind. Ihr Problem ist, dass sie überhaupt nicht repräsentiert sind in einer Welt, die sich medial jederzeit gewandt als human, gerecht und wohlgeordnet präsentiert.

Einer ihrer Repräsentanten ist der Showmaster und Talkshow-Gastgeber Murray Franklin, gespielt von Robert de Niro. Fleck erinnert sich, vielleicht wahnhaft, an eine Situation, die ihm ganz besonders wichtig war. Franklin hatte ihn damals aus dem Publikum auf die Bühne geholt, seine Sorge für seine Mutter bewundert und ihm leise gesagt, dass er gern einen Sohn hätte wie ihn.

Nun erinnert sich Franklin längst nicht mehr an diese Szene, wenn sie denn jemals außerhalb von Flecks Phantasien geschehen  ist, aber er macht Fleck unabsichtlich berühmt, weil er ihn ganz nebenbei lächerlich machen will. Von einem Auftritt, bei dem sich Fleck als Stand-Up-Comedian versucht hat, zeigt Franklin in seiner Show verachtungsvoll einige Ausschnitte: Nur Fleck selbst habe dort gelacht, sei aber völlig unkomisch gewesen.

Anstatt Fleck mit seiner weit überlegenen medialen Präsenz sozial zu vernichten, macht Franklin ihn allerdings bekannt, und die Zuschauerreaktionen auf die erbärmlich wirkenden Ausschnitte sind so positiv, dass er ihn schließlich sogar als Gast in seiner Sendung einlädt.

Dort erscheint Fleck dann als Joker, gesteht, dass er die drei jungen Männer in der U-Bahn getötet habe – und erschießt Franklin auf offener Bühne. In der Vorbereitung auf die Sendung hatte er einen Selbstmord geprobt, aber nun richtet er die Aggression drastisch und ohne weitere Erklärung nach außen. Anstatt nun am Ende seiner Geschichte zu stehen, inspiriert er die Straßengewalt, der am selben Abend auch Thomas und Martha Wayne zum Opfer fallen.

 

Wichtige Warnungen vor einem belanglosen Film. Oder umgekehrt.

Die Rezeption des Filmes ist auf eine ganz ähnliche Weise gespalten wie die Welt, die der Film darstellt. Er ist ein enormer Publikumserfolg, aber auch Anlass zu heftiger Kritik, sogar zu Warnungen. Angeblich würden Zuschauer aufgrund der massiven Gewalt den Kinosaal verlassen, und auch eine positive Kritik der Jungle World, die den Film als „abgründiges cineastisches Meisterwerk“ feiert, warnt davor, „dass ein emotional aufgeladenes Produkt des Mainstream-Kinos weniger der Dekonstruktion als vielmehr der Schaffung tödlicher Männerrollenbilder“ dienen könne.

Allerdings sind die schärfsten Kritiker sich nicht ganz einig, ob sie nun lieber vor der überwältigenden Attraktivität der Gewalt, die der Film angeblich präsentiere, oder lieber vor seiner Leere und Belanglosigkeit warnen sollten. Für A.O Scott in der New York Times ist der Film schlicht nicht interessant genug, um darüber zu streiten.

Hanna Pilarzcyk übernimmt das Urteil gern für den Spiegel und findet den Film „vor allem: nichtssagend.“

Ganz in diesem Sinn vermutet auch Susanne Gaschke in der Welt, dass die, die den Film vorzeitig verlassen hätten, „vermutlich vor unerträglicher Langeweile und geradezu gewalttätiger Banalität geflohen wären.

Tatsächlich: Das Leben dieses Mannes ist banal, zumindest wenn wir von ihm den Stoff für eine glänzende Filmerzählung erwarten. Das hat er zudem mit dem Leben der meisten Menschen gemeinsam, und schon allein das ist ja vielleicht ein Grund, warum sich viele angesprochen fühlen.

Banal ist dieses Leben, weil weder eine revolutionäre Weltverbesserung noch irgendeine anderweitige Erlösung daraus zu gewinnen ist, noch nicht einmal eine Erklärung für die Gewalt, die der Protagonist schließlich ausübt.

Aber das ist eben dann doch besonders an diesem Helden – aus ihm lassen sich keine großen Erzählungen gewinnen, und das verwechseln Menschen, die nur große Erzählungen interessant finden, möglicherweise mit Leere und Belanglosigkeit. Was aber geschieht, wenn große beliebte Narrative über Flecks Geschichte gleichsam drübererzählt werden, zeigen die Filmkritiker Lawrence Ware in der New York Times und Richard Brody im New Yorker, für den der Film ein Ausdruck der „white supremacy“ (Ware) ist.

Brody assoziiert die Jugendlichen, die Fleck zu Beginn des Films zusammenschlagen, mit den Central Park Five – fünf schwarzen Jugendlichen, die 1989 fälschlich der Vergewaltigung einer weißen Frau beschuldigt und jahrelang eingesperrt wurden. Die Erschießung der drei weißen Jugendlichen wiederum nimmt der Kritiker als rassistischen Akt eines Weißen gegen Schwarze wahr: Hier klänge nämlich die Erschießung dreier schwarzer Jugendlicher in  der New Yorker  U-Bahn durch den Weißen Bernhard Goetz an. Die Darstellung der Jugendlichen als Weiße sei ein „whitewashing“ des Falls, die jedes rassistische Motiv eliminiere.

Es irritiert Brody nicht weiter, dass sich mit beliebigen Assoziationen und Unterstellungen natürlich jeder beliebige Vorwurf begründen ließe. „Guten Tag!“ – „Unglaublich, Du hat mich belohnt und beleidigt!!“ – „Ich hab doch nur Guten Tag gesagt…?“ – „Das war EIGENTLICH eine Bedrohung und Beleidigung, die du dann durch eine Höflichkeitsfloskel verdeckt hast. Politewashing!!“

Lawrence Ware geht mit dem Film genauso um. Er unterstellt, dass Fleck eine schwarze Mutter und zudem ihr Kind umbringt, als er realisiert, dass die Liebesgeschichte, die er mit ihr erlebt hat, lediglich eine Wahnfantasie war. Ein Mord an ihr wird allerdings weder gezeigt noch angedeutet, überhaupt kein Gewaltakt, nicht einmal ansatzweise. Ware versteht das nicht als Beleg dafür, dass Fleck dieser Frau möglicherweise nichts getan hat, sondern ganz im Gegenteil als Beleg für die Wertlosigkeit schwarzer Figuren in diesem Film: Nicht einmal ihr Tod wäre es wert, gezeigt zu werden.

Tatsächlich tötet Fleck, der am Ende Anstaltsinsasse ist, wohl eine schwarze Psychologin, doch deren Tod ist keinesfalls bedeutungslos, sondern setzt dem Film eine zynische Pointe: Wir erfahren vom ihm durch Flecks blutige Fußspuren auf dem weißen Anstaltsboden.

Auch Wares Behauptung, Fleck würde konsequent als Gegenspieler schwarzer Frauen aufgebaut, ist gleich doppelt falsch. Erstens sind diese Frauen sehr unterschiedlich, und dass Ware sie allein aufgrund ihrer Hautfarbe als geschlossene Front ansieht, ist nicht zu begründen: Die Sozialarbeiterin solidarisiert sich mit Fleck und erklärt ihm, in der Stadt würden Menschen wie er und sie nicht zählen – eine Mutter im Bus ist sehr unwirsch – die alleinerziehende Mutter, in die er sich verliebt, ist freundlich und zugewandt – die Psychologin erscheint lediglich als Repräsentantin der Institution.

Zweitens ist Fleck tatsächlich Antagonist einer Frau, aber einer alten Weißen. Er tötet am Ende des Filmes seine Mutter, die er lange liebevoll versorgte. Er erstickt sie mit einem Kissen, nachdem er erfuhr, dass sie ihn über seine eigene Herkunft belogen und zudem den sadistischen Quälereien eines Freundes ausgeliefert hat, als er selbst noch Kind war.

Das Problem bei Wares und Brodys Fantasien zum Film sind nicht diese Fantasien selbst, für die es ja durchaus Gründe geben mag – das Problem ist, dass die Kritiker ihre Fantasien nicht als ihre Fantasien, sondern als Merkmale des Films wahrnehmen.

Sie verstehen schon gar nicht, wie enorm privilegiert ihre Machtposition ist, in weltweit gelesenen Publikationen einen Film allein aufgrund ihrer eigenen Fantasien dazu verdammen zu können. Dass diese Macht durch den Anspruch, für Marginalisierte einzutreten, verdeckt wird, macht sie nur noch destruktiver.

 

Stop Making Sense: Wie man das Leben von Menschen unter großen Erzählungen verschüttet

Stop Making Sense: Der Titel eines Talking Heads-Films war einmal ein Schlachtruf postmoderner Künstler und Intellektueller. Heute sind es Akteure einer postmodernen identitätspolitischen Linken selbst, die  mit betonierten Sinnbrocken die politische Landschaft zustellen und die beliebige Situationen beliebig zu den immergleichen Erzählungen von Rasse und Geschlecht, Marginalisierung und Diskriminierung verwursten.

Es passt dazu, dass der Film als Murray Franklin ausgerechnet Robert De Niro besetzt, der in Scorseses Taxi Driver den Außenseiter Travis Bickle gespielt hatte. Der ehemalige einsame, am Ende gewalttätige Rebell gegen die bestehende Ordnung ist nun selbst zum wortgewandten Repräsentanten dieser Ordnung geworden, und nur seine Gewaltsamkeit ist ihm geblieben.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Film von Gegnern und Befürwortern als Männerfilm verstanden wird, der – so ein Kritiker aus der männerpolitischen Seite A Voice for Men, die Arne Hoffman ins Deutsche übersetzt –

die Behauptung der Linken und explizit der feministischen Ideologie in Frage stellt, dass wir in einem Patriarchat leben, das das Wohlbefinden der Männer über das Wohlbefinden der Frauen stellt.

Die Zuspitzung auf männlichen Perspektiven ist durchaus möglich. Deutlich ist vor allem die große Bedeutung, die das Motiv des fehlenden Vaters hat: Für Fleck sind sowohl Thomas Wayne als auch Murray Franklin Wunschväter, und die Sehnsucht nach der Liebe des Vaters erscheint hier zugleich als Sehnsucht, dazugehören zu können in der Gesellschaft, die Wayne und Franklin repräsentieren.

Die Abhängigkeit von der Mutter wiederum ist nicht erst am Ende katastrophal. Die Mutter liefert ihren Sohn nicht nur der Gewalt eines Freundes aus, sondern belügt ihn auch beliebig über seine eigene Geschichte – ohne dass er eine andere erwachsene Perspektive als Gegengewicht hätte.

Dass der Film sich auf die demütigenden, enorm verletzenden Erfahrungen eines Mannes konzentriert, bedeutet allerdings nicht, dass es den Frauen hier besser ginge. Die alleinerziehende Mutter kommt mit ihrem Kind irgendwie über die Runden, die Sozialarbeiterin fühlt sich von dem System, das sie vertritt, im Stich gelassen wie Fleck. Anknüpfungspunkte bietet der Film so nicht einfach Männern, sondern insgesamt Menschen, die sich in den dominanten politischen Debatten und medialen Inszenierungen nicht mehr repräsentiert fühlen.

Dass zu diesen Menschen viele Männer gehören, ist jedoch selbstverständlich, auch in Deutschland – wo beispielsweise Ministerinnen mit Vertretern von Männern und Vätern nicht einmal ein Gespräch führen wollen, weil sie lieber über sie als mit ihnen sprechen. 

Ein weiteres, persönliches Beispiel: Für mich ganz persönlich zählt dazu die Erfahrung als Vater, und als Trennungsvater – und der Eindruck, einem System gegenüberzustehen, das mir und auch unserem Kind gegenüber nicht nur gleichgültig, sondern feindselig ist.

Eine Beraterin riet mir zum Beispiel offen, ich solle mich doch nicht weiter um den Kontakt zu unserem Sohn bemühen, sondern einfach mit einer anderen Frau ein anderes Kind haben. Eine andere Beraterin brüllte mich an, weil ich mich darüber beschwert hatte, dass die Mutter fast zwei Drittel aller vereinbarten Gespräche kurzfristig absagte.

Als dann endlich ein Gespräch zu Stande kam, bestand es fast vollständig aus einem Monolog der Mutter, in einer endlosen Reihe von Vorwürfen, zu denen ich mich nicht äußern konnte, obwohl ich sie entweder sehr einseitig oder ganz grundlos fand. Am Ende sagte ich wenigstens noch, dass ich zumindest die Möglichkeit einer Entgegnung haben müsse – und dass ich auch die Möglichkeit haben müsse, eigene Anliegen zu formulieren.

In der nächsten Sitzung las die Beraterin dann demonstrativ aus ihrem Protokoll vor: „Der Vater hat Schwierigkeiten, der Mutter zuzuhören.“ Da dieses Protokoll bei möglichen gerichtlichen Auseinandersetzungen wichtig gewesen wäre, hatte es trotz seiner Absurdität ein Gewicht, das ich nicht ignorieren konnte.

Das ist, anekdotisch, nur ein Beispiel für Erfahrungen, die es möglich machen, an den Film anzuknüpfen, so wie andere Menschen das mit anderen Erfahrungen tun können: Eben die Erfahrung, nicht über das eigene Leben bestimmen zu können, sondern abhängig zu sein von beliebigen, klischeehaften, primitiven Erzählungen, die beliebige andere über dieses Leben kippen.

Im Film ist die Gegenwehr dagegen entsprechend wortlos. Der Joker versucht erst gar nicht mehr, ins Gespräch zu kommen, sondern er agiert.

Die Verweigerung gesellschaftlicher Kommunikation mündet so auf vielen Ebenen in Gewalt, und wer diese Gewalt nicht möchte, muss sich um gesellschaftliche Vermittlung und offene Diskurse bemühen. Gerade weil die Gewalt hier beunruhigend und erschreckend ist, anstatt als Rachefeldzug oder als Mittel zur Herstellung von Gerechtigkeit zelebriert zu werden – gerade dadurch klagt der Film eine demokratische Vermittlung ein, anstatt die Fantasie eines Umsturzes zu glorifizieren.

Das ist sehr wohl auch ein politischer Kommentar, den nur jemand „nichtssagend“ finden kann, der gar nicht mehr an ein Leben außerhalb etablierter Diskurse glaubt.

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12 Comments

  • Ich empfand den Film „Joker“ als sehr vielschichtig und tue mich daher schwer mit einer stimmigen Interpretation.
    Wer allerdings wie Hanna Pilarzcyk vom Spiegel den Film für nichtssagend hält, der sollte sich eben die Relotius-Geschichten nochmal zu Gemüte führen. Da ist die Welt noch in Ordnung, die Guten gegen die Bösen und der Trump-Wähler dumm, ein Waffennarr sowieso, der nie sein kleines Kaff verliess, genau so, wie man sich das beim Spiegel so vorstellt.
    Die Geschichte des Jokers erinnert mich an Kafkas Geschichten. Das zentrale Motiv ist die Ohnmacht gegen einen nicht fassbaren Widersacher, der zwar durch Personen repräsentiert wird, aber nicht mit ihnen gleichgesetzt werden kann.

  • Danke, Lucas, für die aufschlussreiche Rezension. Habe auch schon abseits der Mainstreammedien ähnliche Dinge über den Film gelesen, was mich doch sehr neugierig macht. Bei den ersten Ankündigungen dachte ich noch: „Och nee, nicht schon wieder ein Film der Marke „Wie alles begann“!“. Zumal ich gerade beim Joker Zweifel hatte, ob man der Figur einen Gefallen tut, ihr einen allzu klar definierten Hintergrund zu geben.

    Meines Wissens hatte der Joker früher mal eine Hintergrundgeschichte, die, wo der Film ein kleines Stück anzuknüpfen scheint, tatsächlich die eines erfolglosen Komikers war. Ich bin nicht genug Comicfachmann, um zu beurteilen, ob diese Backstory auch in den neueren Comics noch Kanon ist oder man sie als irgendwie doch zu albern und konstruiert gänzlich begraben hat. Grundsätzlich wurde der Joker über die Zeit enorm gewandelt. Früher mehr ein grotesker, clownesquer Krimineller, heute eher so ein durch und durch unberechenbarer, bösartiger Soziopath, der die teils perversesten Dinger dreht. Die Figur hat ganz sicher nochmals erheblich an Popularität gewonnen durch die Interpretation in Christopher Nolans „The Dark Knight“, in der der bis dahin oft nur als Schönling geltende Heath Ledger, ganz dem Schönling entgegenwirkend mit permanenter, fetthaariger Optik, in seiner leider letzten Rolle beweisen konnte, dass er ein echt starker Schauspieler war, indem er den Joker keine Sekunde witzig aber jederzeit, trotz körperlich wenig beeindruckenden Auftretens, unfassbar bedrohlich darstellte. Das ist wohl auch die Vorstellung vom Joker, die ihn gemeinhin zum bekanntesten und „beliebtesten“ Superschurken aus den Comicuniversen gemacht hat. Er stellt so das reine, unverfälschte Böse dar. Die meisten Gegenspieler Batmans, wie auch anderer Superhelden, agieren zwar böse, aber in der Regel mit rationalen Zielen und Motiven. Die moderne Interpretation des Jokers agiert konsequent irrational. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für das, was er tut. Er tut es einfach nur, weil er das Gefühl hat, es tun zu müssen und sei es nur zum Zwecke des eigenen Amüsements. Eben das dürfte ihn zu solch einer ikonischen Figur gemacht haben. Er ist eine perfekte Projektionsfläche für alles Böse, was man sich nur vorstellen kann, ohne durch so etwas wie Ansatzpunkte für Nachvollziehbarkeiten zu irritieren.

    Das ist aber der Punkt, weswegen ich Bedenken hatte, ob man der Figur des Jokers mit einer Inszenierung seiner vermeintlichen Vorgeschichte einen wirklichen Gefallen tut oder ihr nicht doch viel eher einen Bärendienst erweist.

    Wie leicht man eine der größten Ikonen der Kinogeschichte erheblich entzaubern kann, indem man einfach nur versucht, eine angebliche Vorgeschichte zu erzählen, damit aber etwas erzeugt, was eigentlich, egal wie gut gemacht, im Vergleich zum Unbekannten letztlich doch nur banal wirken kann, demonstriert seit einigen Jahren Altmeister Ridley Scott mit seinen Prequels zu „Alien“. Das Alien ist meines Erachtens eines der besten, wenn nicht sogar das beste je geschaffene Filmmonster. Das liegt natürlich zum einen an dem genialen Design. Die meisten Monster aus 40 Jahre alten Filmen wirken für Kinogänger der Gegenwart oft einfach nur noch lächerlich. Das Aliendesign funktioniert auch heutzutage noch ungebrochen als Zuschauerschreck. Aber es ist wohl auch immer dieses rätselhafte an den Aliens gewesen, was sie zu solch ikonenhaften Figuren hat werden lassen. Diese durchaus auch heute noch verstörend anmutende Art der Reproduktion, aber auch die immer mitklingende und nie wirklich beantwortbare Frage: wo kommen diese Viecher her? Und dann liefert Scott die Antwort: sie sind im Prinzip nichts anderes als ein mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt aus einer biologischen Waffe, mit welcher die außerirdischen „Konstrukteure“ ihre Schöpfung, also das Leben auf unserer Erde, wieder auslöschen wollten, warum auch immer… Effektiver hätte man das Alien nicht erzählerisch entmystifizieren können.

    Ähnlich könnte man das mit dem Joker nun wohl auch sehen, sollte überhaupt die Geschichte des Films jemals Kanon werden, was ich stark bezweifle, denn selbst die Vorgeschichte des Jokers aus Tim Burtons „Batman“ fand nie Einzug in den Comickosmos, obwohl dieser Film mit den Comics noch deutlich verbandelter war (wenn auch schon teils sehr frei), als der aktuelle Film „Joker“.

    Dennoch würde das den Joker nicht gleich in ähnlicher Weise schädigen, wie z. B. die arg konstruierte Vorgeschichte zu „Alien“. Selbst wenn man so die Herkunft des Jokers aus dem Dunst des Ungewissen zöge, wäre es doch immer noch ziemlich beängstigend, wenn ein Typ mit jeder Menge Problemen, der aber trotzdem nicht gewöhnlicher und harmloser sein könnte, durch Umstände, wie sie uns allen wohl hier und da erschreckend vertraut und alltäglich erscheinen, zu dem gemacht wird, den wir alle als den gefährlichsten kriminellen Soziopathen der Welt kennen. Joker ist somit zwar nicht mehr dieses reine, unverfälschte Böse, aber er wird zu einem Produkt gesellschaftlicher Zustände, die nicht allzu weit von denen unserer alltäglichen Wirklichkeit entfernt liegen. So wird das verstörend böse auf einmal viel eher zu einer äußerst beunruhigenden Warnung.

    Nicht annähernd so detailliert dargestellt, aber zumindest in Vermutungen angerissen, folgte auch der Joker in „The Dark Knight“ schon dieser These. Zwar war er auch dort, vor allem selbsterklärt, die Antithese zu Batman, aber es wurde in Teilen auch so dargestellt, dass Joker quasi das Destillat dessen ist, was eine kaputte Gesellschaft wie die in Gotham City fast zwangsläufig, früher oder später, hervorbringen MUSS. Was dabei aber fehlte, war die recht klare Verortung des Jokers als Sprössling der Unterschicht.

    Ein kleines Detail aus deinem Text teile ich so aber nicht:
    „Das Problem bei Wares und Brodys Fantasien zum Film sind nicht diese Fantasien selbst, für die es ja durchaus Gründe geben mag…“
    Nach meiner Auffassung sind bereits diese Fantasien ein Problem, denn sie sind Symptome der kognitiven Sackgasse, in die sich große Teile der Medienschaffenden, der Politik und der institutionell Privilegierten manövriert haben. Da scheint ein Film recht deutlich gesellschaftskritisch zu sein, äußert aber nicht die Gesellschaftskritik, wie man sie linksidentitär hören will, er prangert also nicht möglichst plakativ die Unterdrückung von Frauen, Nichtweißen, Transpersonen, etc. an, sondern erdreistet sich doch glatt, den Protagonisten weiß und männlich zu machen und lässt ihn Dinge erleben, die ihm das Mitgefühl des Publikums zufließen lassen. Das geht ja mal gar nicht, eine vielfach privilegierte Person so rumopfern zu lassen. Dass viele der Probleme, die er hat, auch mit der gesellschaftlichen Schicht, der er angehört, zu tun haben, so etwas zu erkennen, sind, wie die vollkommen miserable „Kritik“ der Frau Gaschke erkennen lässt, selbst Sozialdemokraten nicht mehr im Stande. Wer sich längst jegliche Empathie für Menschen nur aufgrund ihres männlichen Geschlechts und ihrer weißen Hautfarbe hat aberziehen lassen, der ist natürlich völlig gelangweilt von einer Geschichte, in der mal nicht die geliebten, plumpen, linksidentitär holzschnittartigen Opfernarrative rauf- und runtergebetet werden.

    Darüber hinaus grenzt es für viele Medienschaffende wohl auch an eine narzisstische Kränkung, wenn sie sich in einer gesellschaftskritischen Geschichte, die unter anderem auch soziale Schichten thematisiert, logischerweise auf der Seite der Privilegierten, der Reichen und der Spötter wiederfinden, wo sie sich doch selbst so gerne als die großen, gerechten Streiter für die „Marginalisierten“ sehen. Da wird ihnen in einem Film gezeigt, wie Lebenswirklichkeiten vieler Menschen, völlig unabhängig von deren Rasse, Geschlecht oder sexuellen Orientierung, aussehen und wie Vertreter der oberen Schichten, denen sie zugeordnet werden, nichts als bestenfalls Desinteresse wenn nicht gar einfach nur Verachtung übrig haben. Und wie reagieren sie auf solch einen Film? Mit Desinteresse oder gar Verachtung. Sie bestätigen also im Prinzip den Film in seiner Aussage während sie vorgeben, ihn zu kritisieren. Und um das zu tun, gibt es halt für viele nur noch einen Modus Operandi: man konstruiert wild irgendwelchen angeblichen Rassismus, Sexismus, Xenophobie und was die Mottenkiste linksidentitärer Buzzwords noch so hergibt, welcher angeblich „IM SUBTEXT“ des Filmes mitschwingen würde. Dabei versuchen sie damit nur das Unwohlsein zu rationalisieren, welches der Film bei ihnen auslöst, weil es ihnen selbst nicht mehr möglich ist, mit einem Charakter mitzufühlen, der weiß, männlich und heterosexuell ist. Sie projizieren also ihre eigenen Persönlichkeitsmängel hemmungslos diametral auf den Film. Ein Film, der die Geschichte eines „abgehängten“, weißen Mannes erzählt, ist rassistisch gegen Schwarze, weil er diese, wie man sich dann wild zusammenkonstruiert, angeblich marginalisiert. „Ah ja“ würde Loriot diesen kognitiven Stunt wohl angemessen kommentieren, sofern er denn noch lebte.

    Für mich ist es bemerkenswert, wie Menschen, die doch eigentlich nicht rundweg unintelligent sein können, so ohne Not Offenbarungseide leisten. So wie Privilegierte durch die Art ihrer Kritik an dem Film dessen Darstellung der Gesellschaft nur bestätigen, so sind es ja auch im angloamerikanischen Raum die völlig durchgeknallten Reaktionen auf das Trigger-Meme „It’s OK to be white“, die genau das liefern, was die Schöpfer desselben bezweckten und somit den tiefsitzenden Rassismus der linksidentitären offen und ungeschönt zu Tage fördern.

    Das elitäre Naserümpfen über seinen Film wird dessen Macher im Übrigen nicht überraschen, äußerte der sich doch unlängst, dass er Filme wie seine „Hangover“-Komödien heute so nicht mehr machen wollen würde, weil ihm diese Kultur des permanenten Gekreisches, diese Lust am Skandalisieren lächerlichster Petitessen dabei nur im Wege ständen und er darauf keine Lust hätte. Diese merkwürdige Diskrepanz dazwischen, wie der Film beim „Pöbel“ auf der einen und bei „unseren Eliten“ auf der anderen Seite ankommt, dürfte ihn sowohl in dieser Einschätzung bestätigen, als ihm auch zeigen, dass er mit seiner Skizze unserer Gesellschaft in seinem neuesten Film absolut ins Schwarze getroffen hat.

    • @ Billy „Nach meiner Auffassung sind bereits diese Fantasien ein Problem, denn sie sind Symptome der kognitiven Sackgasse, in die sich große Teile der Medienschaffenden, der Politik und der institutionell Privilegierten manövriert haben.“ Ja, das stimmt. Ich finde trotzdem: Welche Fantasien Menschen zu Filmen oder Büchern haben, ist in den allermeisten Fällen ihre eigene Sache, und Assoziationen sind ja auch gar nicht immer kontrollierbar. Aber niemand verbietet es Menschen, ihre Fantasien zu reflektieren und zu überlegen, ob sie mehr mit ihnen selbst zu tun haben oder mehr mit dem Buch oder Film.

      Das ist wie in dem uralten Witz des Mannes, der beim Psychologen bei einem Rohrschach-Text Tintenklecksbilder gezeigt bekommt, Assoziationen nennen soll und jedes mal nur sagt: „Sex“ Als ihm der Psychologe dann sagt, dass er tatsächlich sehr häufig an Sex denke, entgegnet er empört: „Ist doch nicht meine Schuld, wenn sie mir ständig so versaute Bilder zeigen.“

      Dass der Mann im Witz ständig an Sex denkt, sei ihm ja gegönnt, ebenso wie ich mich nicht in die Gewaltfantasien des NYT-Kritikers einmische, der meint, Fleck habe eine junge Mutter und ihr Kind ermordet. Aber verrückt ist es doch, wenn sie überhaupt nicht unterscheiden können, dass diese Fantasien zunächst einmal von ihnen selbst stammen.

      Eben das aber ist in linksidentitären Positionen Programm. Eigentlich geht es gar nicht einmal mehr darum, ein verzerrtes Bild sozialer Realität zu zeichnen, sondern darum, sich von der Wahrnehmung sozialer Realität ganz abzukoppeln und immer schon ohne weitere Auseinandersetzung zu wissen, was richtig ist und wie Situationen zu interpretieren sind. Soziale Daten sind dann immer nur gerade dann wichtig, wenn sie die eigenen Positionen bestätigen – und das heißt, sie werden gar nicht ALS DATEN, sondern bloß als beliebige Bestätigungen von Positionen benutzt, die zur Not auch ohne Bestätigung auskommen würden.

      „Das geht ja mal gar nicht, eine vielfach privilegierte Person so rumopfern zu lassen.“ Eben in dieser Selbstbezüglichkeit wird das Immer-Schon-Vorher-Gewusste gegen störende Auseinandersetzungen mit sozialen Realitäten abgeschottet. Er ist privilegiert, also soll er nicht noch weitere Aufmerksamkeit beanspruchen, von der bekäme er eh schon immer zu viel – und weil seine Situation nie ernsthaft zum Thema wird, kann auch die Fantasie aufrechterhalten werden, dass er privilegiert wäre.

      So funktioniert dann auch die Auseinandersetzung mit Texten und Filmen: Wir lesen einfach beständig zwischen den Zeilen, anstatt die Zeilen selbst zu lesen, und können dadurch hineindenken, was immer wir wollen. Selbst eine bittere Auseinandersetzung mit sozialen Außenseitern wird dann leicht zu einem selbstgerechten rassistischen Statement der white supremacy gedeutet, mit dem lediglich Privilegien perpetuiert würden.

  • Heute beim Essen, am Nebentisch sagte jemand, im Trtminator gestern, Mittwoch, also dem letzten Tag der Kinowoche, waren 5 Personen drinn.

    Joker, so wie ich es lese, ohne viel Action, macht die Kinos voll. Die Frage ist nun, wie wird Batmen auf Joker reagieren, wo dieser doch eher ein Opfer der Umstände, wie die meisten Kriminellen, ist, als ein durch und durch böser Charakter. Jetzt müsste Batman zum Sozialarbeiter und Therapeuten werden, der durch seinen Reichtum auch noch Sozialprojekte in den sozial schwachen Vierteln anwirft.

    Os: danke für die Zusammenfassung. Ist der Film für nen 14jährigen geeinigt?

    • @ Kai Für einen 14jährigen? Der Film ist ab 16 freigegeben, und anders als bei der FSK12-Freigabe kann diese Freigabe meines Wissens nicht unterschritten werden, auch nicht, wenn ein Elternteil dabei ist.

      Andererseits bin ich z.B. in dem Alter in einen Alien-Film gegangen, weil ich den gerne mal sehen wollte, und ich fand es toll. Die Gewalt im „Joker“ ist schon schockierend, aber das finde ich auch gut so – und sie ist überhaupt kein Vergleich zu solchen Gewaltorgien wie „John Wick“, der ca. Hunderte umbringt, weil jemand ihm seinen Hund getötet hat.

      Bei Twitter schrieb allerdings jemand, „Joker“ sei eigentlich ein Arthouse-Film, der sich durch die Anknüpfung an einen etablierten Superhelden/Superschurken-Stoff einen enormen Schub verpasst habe. Das kommt hin. Verglichen mit den Marvel-Superhelden-Filmen ist das „Joker“-Erzähltempo provozierend langsam. Es ist sehr ermutigend, das damit die Masse der Zuschauer deutlich kompetenter umgehen kann als ein paar Filmkritiker**innen, die demonstrativ gähnend ihre Hände zum Gähnen vor die Münder halten.

      Aber es kann gut sein, dass ein Vierzehnjähriger hier etwas ganz anderes erwartet. Das ist m.E. eher kritisch als die Gewalt, die es in anderen Filmen viel bedenkenloser gibt. Auf jeden Fall ist es, auch für Erwachsene, ein Film, bei dem es gut ist, wenn man die Möglichkeit hat, sich hinterher darüber zu verständigen – er ist schon ziemlich beunruhigend.

      • Das mit der Freigabe wusste ich nicht, dachte wie alle Superheldenfilme ist er auf FSK14 ausgelegt… Aber danke für den Hinweis, warten wir bis er auf Video kommt.

        • FSK 14 gibt’s nicht. Es gibt nur 0, 6, 12, 16 und 18. FSK12 dabei mit der Besonderheit, daß auch 6-12jährige diese Filme in Begleitung eines Personensorgeberechtigten ansehen dürfen.
          Aber bitte: sei ein guter Vater, und nimm dein Kind mit ins Kino. Sollte in den modernen Multiplexen kein Problem sein. Wir haben das früher nicht anders gemacht, und meinen Kindern hat es auch nicht geschadet – der „Reiz des Verbotenen“ will befriedigt werden, und da ist so ein Kinobesuch doch deutlich harmloser als Drogen oder Alkohol 🙂

        • @ Kai „Aber danke für den Hinweis, warten wir bis er auf Video kommt.“ Musst Du, glaube ich, nicht. Ich fürchte, ich formuliere manchmal ein wenig staatstragend, möglicherweise eine deformation professionelle. 🙂

  • Mal wieder ein sehr guter Artikel. Allerdings kommen mir ein zwei Sachen zu kurz. Die Gesellschaftskritik in dem Film ist bspw mMn tiefgehender, als nur den Unsinn des white privilege, intersektionale bla etc anzuprangern und mehr Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und Fairness auch fur gepeinigte (Unter)Durchschnittsmänner einzufordern. In meinem Verständnis bekam Arthur den ganz großen Knacks, als man ihm die Medikamente vorenthalten hat.

    Ich sag mal ganz profan, Ich als Raucher fände es zum Beispiel ein Unding, wenn die EU allgemein das Rauchen verbieten würde (war schon im Gespräch). Erst haben sie die Menschen abhängig gemacht, im Fall von Arthur und vielen adhs oder asperger Kindern auch mit der Behauptung, sie wären erst „richtig“ wenn sie ihre Medizin eingenommen hätten – ohne den „Stoff“ seien sie praktisch nicht gesellschaftsfähig, ja im Kern Mangelwesen, die nur durch Zufuhr gewisser Mittel von außen fur sich und andere erträglich seien. Es wird behauptet, dass er die Mittel unbedingt braucht und auf diese Weise macht man ihn abhängig
    Und wenn man abhängig ist, haben natürlich andere Macht über einen.

    Arthurs Wut ist also auch die Wut eines Abhängigen auf seinen Herrn, in dem fall Übervater Papa Staat (vielleicht auch als Konfliktprozess mit einem Ersatzvater beschreibbar, an dem man sich aufgrund seiner Ferne und Größe aber nicht reiben kann -> hier deuten sich dann unaufgelöste Konflikte und weiteres Wutpotential an) und auf seine eigene daraus erwachsene Hilflosigkeit.

    Das loch in das Arthur dann gefallen ist, kann ich gut verstehen, aber er hat halt auch tatsächlich diese chizophrenen Züge und ohne Medikamente Halluzinationen. Ich denke zum Beispiel nicht, dass der Aufstand der tausenden anderen Clowns sich in der filmischen Realität abspielt, sondern eigentlich nur in seinem Kopf. Ich hab nen Bekannten, der leidet an solchen chizophrenen Wahnvorstellungen und man weiß absolut nie, ob er grade in der Realität, einer fiktiven Geschichte, einem Hollywood Movie oder – auch gerne – in der Vergangenheit schwelgt.
    Metaebene uber Metaebene, ganz offensichtlich auch für ihn selbst nicht zu entschlüsseln – nicht mal, worauf er hinaus wollte oder ob es überhaupt etwas bestimmtes mitzuteilen gab, lasst sich irgendwie herausfinden. Eigentlich wie bei Arthur
    Der joker verkörpert daher auch die Grenze derjenigen, die man eigentlich nicht ohne hilfe dastehen lassen kann…es fragt sich allerdings wie viele das wohl mittlerweile sind und ob das überhaupt noch geht….so auf die echte Realität übertragen

    Die Meldung, dass es Ausschreitungen in Gotham gab, stand ja in der Zeitung die neben Arthur lag während er auf Entzug war. Bei praktisch allen Details nach der Absetzung der Pillen kann man sich abet einfach nicht sicher sein, dass sie in der filmischen Realität gespielt haben sollen.

    Klar wird am ende für mich vor allem, dass er die irdische Ebene verlassen hat und praktisch ausschließlich in seiner Fantasie lebt. Möglicherweise die einzige Station auf der er einigermaßen schmerzfrei leben kann.

    Ach und zu Billys Aussagen möchte ich noch anmerken, dass der Joker doch in dark knight schon sowas gesagt hat, wie“vertraue niemandem, am besten auch nicht dir selbst“ und das steht für mich in keinerlei Widerspruch mit dem aktuellen Joker

    cheers

    • Ich hab doch gar nicht geschrieben, dass da ein Widerspruch bestände. Ich habe doch sogar darauf hingewiesen, dass gerade in „The Dark Knight“, wenn auch nur in Gesprächsinhalten nebenbei, recht ähnliche Gründe für das Entstehen eines Jokers benannt wurden: eine kranke Gesellschaft, die kaputte Menschen hervorbringt.

      Es wurde auch nicht von mir und auch sicher nicht von Lucas gemeint, dass der Film nur die schablonenhafte Weltsicht der Linksidentitären umdreht im Sinne von „weiße Männer auch“. Es ging dabei viel eher darum, dass der Grund vieler Verrisse des Films offenkundig in dieser sehr verengten Weltsicht liegt, wenn man z. B. einem Film versteckten Rassismus vorwirft, weil man offensichtlich nicht mehr in der Lage ist, eine Gesellschaftskritik zu verstehen, in der ein Filmemacher, der sich offensichtlich um Geschlecht und Rasse keine wirklichen Gedanken gemacht haben dürfte, Zustände karikiert, die mit Geschlecht und Rasse erst einmal nichts zu tun haben.

      Was man aus Lucas‘ und deinen Ausführungen erkennen kann, ist ja, dass die Hintergründe für Flecks Entwicklung enorm vielgestaltig sind, was mir auch sinnvoll erscheint, weil es gerade in einem Film, der sich weitgehend geerdet und realistisch gibt, befremdlich wirken würde, wenn eine derart radikale Charakterentwicklung monokausal hergeleitet werden würde.

      Wer aber kritisiert, dass auch der Film nur Vehikel irgendwelcher kruden Überzeugungen einer „White Supremacy“ wäre, der beweist eben, dass er nicht mehr in der Lage ist, Gesellschaft als etwas anderes wahrzunehmen, als eine Ansammlung sich oppositionell gegenüberstehender, größtenteils biologisch determinierter Gruppen, bei denen beständig immer nur die Angehörigen derselben Gruppen entweder allzeit Opfer oder Allzeit Unterdrücker sein können. Zustände, bei denen Angehörige einer vermeintlichen Unterdrückergruppe als Opfer erscheinen, eventuell sogar, weil ihre Gruppenzugehörigkeit mit der dazu führenden Situation gar nichts zu tun hat, das variiert dann in der Wahrnehmung solcher Menschen zwischen absurd bis hin zu obszön und empörend.

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