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Kleine Handreichung für Menschenfeinde

Bild zeigt einen Man mit ausgestrecktem Arm
geschrieben von: Lucas Schoppe

Vernünftige Positionen im Diskurs zu vertreten ist bekanntlich etwas für Amateure und Anfänger. Solche Positionen erhalten möglicherweise wohlwollende Zustimmung, tragen zur Versachlichung von Diskussionen bei, aber produzieren eben das nicht, was in der Ökonomie sozialer Netze zu den wichtigsten Gütern gehört: Aufregung und Aufmerksamkeit.

Sehr viel anspruchs- und reizvoller, und nur etwas für echte Diskurs-Profis, ist hingegen eine ganz andere Aufgabe: nämlich Positionen zu etablieren, die zwar aufregend, aber auch so bescheuert und menschenfeindlich sind, dass kein vernünftiger Mensch ihnen in irgendeinem zurechnungsfähigen Zustand zustimmen würde.

Wie aber ist es möglich, gewinnbringend Positionen im allgemeinen Diskurs zu etablieren, die eigentlich alle Menschen ablehnen, die noch ein paar ihrer Tassen im Schrank haben? Da man-tau ja auch ein Fachblog für Diskurspflege ist, präsentiere ich hier also ein paar wertvolle Handreichungen für Menschenfeinde.

1. Vom mutigen Kampf gegen den Block des Bösen

2. Vom sorgfältigen Auswählen der zulässigen Wirklichkeit

3. Vom Säubern der Diskurse: Putzteufel und Jagdmeuten

4. Kontaktschuld: Wer mit Menschen redet, die mit Menschen reden, die ich ablehne, wird geblockt

5. Ironie: Rebellen, die nach unten treten

6. Feld und Festung: Von der Unschuld der Aggression

7. Was tun? Bach- und Böhmermänner und andere Scheinriesen

 

1. Vom mutigen Kampf gegen den Block des Bösen

Wer Menschenfeindlichkeit professionell in den Diskursen etablieren möchte, muss sie bekanntlich überzeugend als Kampf für das Gute verkaufen können. Grundsätzlich hat es sich daher bewährt, die anderen, die es treffen soll, als einen geschlossenen, aber mächtigen Block des Bösen zu präsentieren.

Das hat erstens den Vorteil, dass jeder Angriff gegen sie per definitionem Notwehr ist, vorgetragen aus der Position von Opfern, die sich glücklicherweise zur Gegenwehr aufraffen konnten – und zweitens verschwinden damit die gegnerischen Individuen in einer Masse, so dass Anwandlungen von Mitleid oder Mitgefühl effizient unterbunden werden.

Das gilt selbst für das Mitgefühl mit Menschen, die offensichtlich in großer Not sind. Der Pegidist Lutz Bachmann hat beispielsweise das Kofferwort „Rapefugees“ bekannt gemacht und so den Eindruck erweckt, Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen, wären dabei aus ungeklärten Gründen vor allem von Vergewaltigungswünschen motiviert. Dass etwa 99,8% Prozent aller männlichen Migranten über 16 Jahren keine sexuellen Straftaten begehen, bleibt dabei im Interesse einer effektiven Verbreitung von Menschenfeindlichkeit selbstverständlich unerwähnt.

Ähnlich funktioniert das Gerede von den „rot-grün Versifften“, das auf die unangenehme Geschlechtskrankheit Syphilis anspielt. Damit verschwinden dann in einem gemeinsamen Krankheitsbild – und übrigens auch in der unterschwelligen Phantasie sexueller Exzesse – die Unterschiede zwischen Roten und Grünen, oder auch die zwischen unterschiedlichen Politikern derselben Partei.

Der Grüne Cem Özdemir zum Beispiel ist einer der wenigen deutschen Politiker, die ab und zu wirklich vernünftige Dinge sagen. Der Grüne Winfried Kretschmann repräsentiert überzeugend den Typus den guten Patriarchen, den seltsamerweise gerade die Grünen so dringend brauchen. Der Grüne Robert Habeck hingegen ist ein sehr begabtes Model, aber wenn er den Mund aufmacht, habe ich nach einigen schlechten Erfahrungen mit ihm immer Angst, dass er gleich etwas ganz Unsinniges sagen könnte.

Solche und andere durchaus relevanten Unterschiede sind für den professionellen Menschenfeind unwichtig.

Ähnlich grobschlächtig wie Lutz Bachmann agiert der Spiegel-Hof-Haudrauf Margarete Stokowski. Sie empfiehlt beispielsweise gerade erst, Männer sollten „aufhören ihre Partnerinnen und Ex-Partnerinnen zu ermorden. Und so weiter. Think outside the box.“  So sind sie halt, die Männer: Wenn Frau Stokowski sie nicht eigens darauf aufmerksam macht, kommen sie von selbst gar nicht auf die Idee, dass sie mit Partnerinnen auch irgendetwas Konstruktiveres anstellen könnten als sie umzubringen.

Die international gefeierte kenianische Dichterin Shailja Patel wiederum erklärte gerade erst frei heraus, dass alle Israelis, ausdrücklich auch die kleinen Kinder, „de facto und de jure“ als feindliche Kombattanten gelten müssten.

Damit legitimiert sie ganz nebenbei auch die Ermordung israelischer Kinder, und keiner ihrer vielen aufgeklärten Fans weist sie darauf hin, dass die nationalsozialistische Ermordung der europäischen Juden, unter anderem, auch der größte gezielte Kindermord der Geschichte war.

Natürlich ist Frau Patel als Afrikanerin, Frau und Feministin nicht nur automatisch Israel-Expertin, sondern hat auch im linken politischen Spektrum einen Startvorteil, den zum Beispiel Donald Trump nicht hätte. Doch wie sie diesen Vorteil nutzt, um eine erstaunliche Menschenfeindlichkeit unerschrocken im politischen Diskurs zu platzieren, und dies ohne dabei als Riesenarschloch dazustehen: Das ist in rein technischer Hinsicht zweifellos gekonnt.

 

2. Vom sorgfältigen Auswählen der zulässigen Wirklichkeit

Wer diese Kunst selbst erlernen möchte, muss sich unbedingt im selektiven Zitieren üben. Patel beispielweise zeigt eine Grafik, nach der Israel verhältnismäßig die höchsten Militärausgaben im Vergleich zu anderen Ländern hat. Da sie den naheliegenden Grund dafür aber völlig übergeht, entsteht der Eindruck, Israelis würden einfach nur aus lauter Jux und Dollerei in Waffen und Soldaten investieren.

Ganz ähnlich geht denn auch die deutsche Tagesschau vor, die es schafft, den tagelangen Beschuss Israels durch Hunderte von Raketen aus dem Gaza-Streifen zu ignorieren und lediglich den israelischen Gegenangriff zu erwähnen – als würden Israelis öfter einfach mal aus Langeweile oder schlichter Bosheit Raketen in den dichtbesiedelten Wohngebiete ihrer Nachbarn schicken.

Doch auch in ganz anderen Fällen und gegen Einzelne lässt sich die Grundtechnick des selektiven Auslassens effizient verwenden. Als der Welt-Blogger Don Alphonso beispielsweise gerade einer anderen Twitter-Nutzerin gegenüber von einer „Quittung“ schrieb, die andere erhalten werden, stellte er gleich im nächsten Tweet klar, dass er damit juristische Schritte meint.

Das nutzte der öffentlich-rechtliche Moderator Jan Böhmermann, zitierte lediglich die erste Äußerung und warf Don Alphonso – wohl wider besseres Wissen – vor, mit der „Quittung“ wären Schlägertruppen von Nazis gemeint. Vorsorglich wandte er sich mit dieser Interpretation sogleich öffentlich an Don Alphonsos Arbeitgeber. 

Schnell zogen viele andere nach, unter anderem der Deutschlandfunk.  In dieser Phase eines Shitstorms ist es schließlich entscheidend, auf keinen Fall zu überprüfen, ob die herumgereichten Informationen eigentlich vollständig oder in landläufigem Sinne richtig sind, sondern sich unbedingt darauf zu verlassen, dass sie von guten Menschen stammen und gar nicht so ganz falsch sein können. Sonst würden ja auch nicht so viele Menschen dasselbe behaupten, gelle?

 

3. Vom Säubern der Diskurse: Putzteufel und Jagdmeuten

Prinzipiell würde sich für ein solches Wegräumen störender Zeitgenossen aus den Diskursen bzw. gleich ganz aus der Welt das Bild der „Säuberung“ eignen, weil es so unschuldig an den Hausputz erinnerte – wären da nicht die unangenehmen Assoziationen mit den Säuberungen Stalins, Hitlers oder anderer totaler Herrscher.

Es ist daher eine seltsame Idee, dass Markus Frohmeier von der AfD diesen Einwand ignoriert und „linken Gesinnungsterroristen“ erklärt, was geschähe, wenn „wir“ an die Macht kämen: „dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet“.  Björn Höcke tritt ganz ähnlich und ganz ohne Angst vor überzogenen Selbstbildern als Herkules auf, wenn er den „Saustall ausmisten“ möchte.  Marc Jongen redet derweil von einer „Entsiffung des Kulturbetriebs“. 

Der Journalist Sebastian Pertsch fiel vor einer Weile dadurch auf, dass er in Hunderten von Tweets bei Twitter andere Nutzer mit anderen Meinungen beleidigte (hier ein kleiner Ausschnitt als Collage). Es ist keine Kunst, Menschen rundum zu beschimpfen, das kann jeder – es ist aber eine Kunst, es als politisch sinnvolle Aktion zur Säuberung der Diskurse zu verkaufen.

Alle politischen Säuberungsbedürfnisse gehen von dem gemeinsamen Grundgedanken aus, das Gute wäre vor allem dadurch durchzusetzen, dass das Schlechte aus dem Weg geräumt wird und aus der Welt verschwindet.

Für dem professionellen Menschenfeind reicht es dabei nicht, wenn andere einfach nicht mitreden können. Es kommt entscheidend darauf an, sie nicht als Subjekte, sondern bloß als Objekte des Diskurses zu behandeln. Denn nur wer über andere redet anstatt mit ihnen, wird sie effizient als Feinde  der Wohlmeinenden etablieren können.

Für den Verkauf solcher Prozesse nach außen mag die Metapher der Säuberung nützlich sein, solange sich die naheliegenden Hitler- und Stalin-Assoziationen vermeiden lassen. Für die Durchführung selbst aber ist die Metapher der Jagd geeigneter.

Die Kommunikation der „Jagdmeute“, die Elias Canetti in seinem Werk „Masse und Macht“ beschreibt, äußert sich lediglich „in Rufen von einem Jäger zum anderen, die den Blutdurst steigern“.  Es geht dabei nicht einmal mehr darum, warum jemand eigentlich gejagt wird: Die Jagdmeute strukturiert sich nicht an irgendwelchen Gründen oder Legitimationen, sondern an einem Ziel, nämlich an dem Ziel, die Beute zu erledigen. Ist dieses Ziel erst einmal etabliert, legitimiert es sich jederzeit von selbst und braucht keine weiteren Gründe mehr.

Aus Elias Canetti: Masse und Macht

Im erwähnten Fall des Don Alphonso war es beispielsweise bald ganz egal, dass die Äußerungen, die Anlass zum Halali waren, sich längst als Falschdarstellungen erwiesen hatten. Da die Mitglieder der Meute sich jederzeit gegenseitig bestätigten, dass ihre Jagd ausreichend begründet wäre, geriet niemand mehr in die Verlegenheit, tatsächlich ernsthafte Gründe vorzulegen.

So konnte sich jeder ganz auf die Jagd konzentrieren.

 

4. Kontaktschuld: Wer mit Menschen redet, die mit Menschen reden, die ich ablehne, wird geblockt

Wer dann immer noch findet, dass solcherlei Jagdgesellschaften in zivile Diskurse eigentlich nicht so gut hineinpassen, kann dann gefragt werden, ob er denn tatsächlich einen Nazi / einen Vernichter des deutschen Volks / einen Frauenfeind / einen Lügenpressevertreter etc. verteidigen wolle. Der Gedanke, dass jemand kein Fan von Don Alphonso ist, aber trotzdem die Stimmungmache gegen ihn ablehnt, ist unbedingt als logisch widersprüchlich zu betrachten.

Vorbildlich ist hier die Reaktion Sascha Lobos bei Maybritt Illner auf den Bild-Journalisten Rafl Schuler, der behauptete, es wäre falsch, zu Hass auf Menschen aufzurufen, selbst bei Nazis. „Ach, Sie lieben Nazis?“ fragte Lobo, souverän und ganz ohne unnötige Angst davor, möglicherweise als aggressiver Kindskopf dazustehen.

Wer andere Menschen ablehnt, weil er sie mit dem Bösen assoziiert, vermeidet die lästige Aufgabe, sich damit beschäftigen zu müssen, was sie denn nun tatsächlich inhaltlich so zu sagen haben. Außerdem setzt er Wankelmütige, Unentschlossene oder liberale Weicheier unter Druck, sich für eine Seite entscheiden zu müssen.

So verwehrt die AfD einem Journalisten den Zutritt zur Pressekonferenz, weil er schlicht für die falsche Zeitung – in diesem Fall die taz – schreibt.  Die Ablehnung von Journalisten ist insgesamt so groß, dass die Partei sich die Möglichkeit geschaffen hat, sie rundweg von Parteitagen auszuschließen. 

In einer anderen politischen Partei, der SPD, hat gerade ein Genosse einen anderen öffentlich dafür getadelt, dass er für den Cicero geschrieben hat, der ein Einfallstor für rechte Narrative wäre. Anstatt sich also mit dem Text auseinanderzusetzen, assoziiert er ihn öffentlichkeitswirksam mit einer Zeitung, die er mit Akteuren assoziiert, die von allen Beteiligten abgelehnt werden. Dass er sich bei diesem Spiel der Assoziationen mit Assoziationen ausgerechnet auf den rechtsidentitären Martin Sellner beruft, ist nicht ganz frei von Ironie – aber das würde nur dann auffallen, wenn hier Inhalte irgendwie von Bedeutung wären.

 

5. Ironie: Rebellen, die nach unten treten

Ohnehin ist Ironie ein sehr geeignetes Instrument der Streuung von Menschenfeindlichkeit, auch wenn es nicht ganz einfach zu handhaben ist. Ironie, als uneigentliches Sprechen, lässt sich nämlich sowohl von Unterdrückern wie von Unterdrückten als Waffe verwenden. In einem totalitären Staat kann sie den herrschenden Sprachgebrauch aufgreifen und ihn so verwenden, dass er als lächerlich und hohl erscheint.

Sie kann aber auch von oben nach unten angewandt werden – was jeder weiß, der schon einmal von einem Lehrer genüsslich und vor der ganzen Klasse für eine vortreffliche Leistung gelobt wurde, wenn der ihm eine 5 oder 6 zurückgab.

Wer ironisch spricht, kann also nach unten treten und so tun, als würde er nach oben boxen. Das ist praktisch, er muss aber aufpassen, dass er selbst dabei nicht durcheinanderkommt.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird auch nicht sagen: Ich bin der Antifaschismus. Er wird sagen: Ich mein es nur ironisch.“

Wenn Flüchtlinge und andere Migranten zum Beispiel von rechts aus als „Goldstücke“ oder „Fachkräfte“ verhöhnt werden, dann ironisiert das oberflächlich Äußerungen von Politikern, mit denen sie die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung verteidigt haben. Vor allem aber stellt es Menschen als wertlos dar – sie würden eben tatsächlich gar nichts mitbringen und nichts können. Ein klassisches Beispiel für Tritte nach unten, die als mutiges Ausschlagen nach oben verkauft werden.

Wenn Valerie Solanas mit ihrer Massenmordphantasie „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ detailliert an die Ideologie des Nationalsozialismus anknüpft, wird das von ihren Verteidigerinnen schon lange dadurch für salonfähig erklärt, dass sie es als Ironie hinstellen – ohne dass bislang irgendjemand hätte erläutern können, was genau dort denn eigentlich ironisiert wird.

Als jetzt gerade Lena Weber, eine Journalistin der Spiegel-Kinderzeitschrift bento, bei Twitter gesperrt wurde, weil sie Männern rundweg einen qualvollen und langsamen Tod durch den Klimawandel gewünscht hatte, gaben sich ihre Verteidigerinnen wie die öffentlich-rechtliche Journalistin Dunya Hayali betont entsetzt: Natürlich nicht über die Äußerung, sondern darüber, dass Twitter solche Todeswünsche partout nicht als Ironie werten wollte.

Lena Weber selbst erklärte bei bento, dass „weiße Cis-Männer (…) kein Problem mit Diskriminierung“ hätten, „wirklich nicht.“ Als würde jemand, der gegen Männer tritt, irgendwie immer nach oben treten.

 

6. Feld und Festung: Von der Unschuld der Aggression

Was bei Frau Weber als umfassende Freude am Leid der anderen beginnt, ist damit schließlich nur noch ein netter, aufgeklärter Versuch, herrschende Herrschaftsstrukturen zu entlarven. Als „Feld und Festung“ (engl: Motte and Bailey) ist diese Taktik schon lange bekannt, und sie bietet dem engagierten und professionellen Menschenfeind eine ganze Reihe wertvoller Vorteile. Das funktioniert folgendermaßen:

Zunächst verbreitet er Aussagen, die möglichst große Gruppen von Menschen möglichst hart treffen: Er agiert damit gleichsam auf einem weiten Feld. Sobald er dafür jedoch kritisiert wird, zieht er sich auf seine uneinnehmbare Festung zurück und reduziert seine Aussagen auf Positionen, denen doch eigentlich jeder nur zustimmen könne. Wichtig ist, dass er dabei treuherzig und ohne lachen zu müssen versichert, ganz gewiss niemals etwas anderes als allein diese harmlose Version seiner Aussage im Sinn gehabt zu haben – wie könne nur jemand etwas anderes behaupten?

„Wir riefen Gastarbeiter, bekamen aber Gesindel“, schreibt der AfD-Funktionär Nicolaus Fest beispielsweise in seinem Blog. Wer das so versteht, dass hier Migranten rundweg als Gesindel dargestellt würden, kann sogleich darauf verweisen werden, dass es hier doch bloß in einer sprachlichen „Zuspitzung“ um ganz bestimmte kleine Gruppen ginge, die „leider größtenteils Migrationshintergrund“ hätten.

Eine der erfolgreichsten Feld-und-Festung-Platzierungen von Menschenfeindlichkeit in den Diskursen ist der Begriff der „toxischen Männlichkeit“, der mittlerweile selbst von Magazinen mit wissenschaftlichem Anspruch wie ein ganz normaler sachlicher Begriff behandelt wird. Dabei ist es eine unübersehbar faschistoide Bildlichkeit, ganze Gruppen von Menschen als „toxisch“ hinzustellen. Stillschweigend wird dabei ein gesunder Volkskörper vorausgesetzt, der durch das Wirken einer bestimmten Gruppe vergiftet werde.

Wer den Begriff „toxische Männlichkeit“ verwendet, kann sich jedoch routiniert darauf berufen, dass selbstverständlich nicht alle Männer gemeint wären, sondern nur bestimmte – oder dass es um keine Vergiftung der Gesellschaft ginge, sondern um ein selbstschädigendes männliches Verhalten – oder dass es gar nicht um Männer ginge, sondern um ein bestimmtes Männerbild – usw.usw.

Nachdem der Begriff dergestalt erfolgreich vor kritischen Einwänden auf die Festung zurückgezogen wurde, kann er dann wieder frohgemut auf das Feld losgelassen werden – versehen mit dem praktischen Hinweis, dass doch alle Kritikpunkte längst geklärt wären.

 

7. Was tun? Bach- und Böhmermänner und andere Scheinriesen

Es ist wohl schon klar geworden, dass dieser Text eigentlich keine Handreichung für Menschenfeinde, sondern eine über den Umgang mit Menschenfeinden ist. Es geht dabei weder um einen Kampf von Links gegen rechts, noch umgekehrt, noch um die Behauptung, beide wären gleich schlimm, was immer das auch heißen mag.

Wichtig ist: Wer menschenfeindliche Positionen etabliert, folgt damit zwangsläufig einer Logik der Diskurse, die er nicht völlig ignorieren kann – und diese Logik ist unabhängig davon wirksam, ob er sich als rechts oder als links ansieht. Sie zeigt sich zum Beispiel daran, dass Rechte und Linke zwar auf verschiedenen Spielfeldern agieren, sich aber gegenseitig die Bälle zuwerfen, auch wenn sie das möglicherweise gar nicht merken.

Ein paar Aspekte dieser Logik habe ich hier beschrieben. Wesentlich dabei ist, dass in der Ökonomie sozialer und anderer Medien Aufmerksamkeit eines der wichtigsten Güter ist, und dass eben gerade harte, aufgeregt formulierte, massive und aggressive Positionen Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während abgewogene, vorsichtig und freundlich formulierte Positionen daneben untergehen.

Das zu wissen wiederum kann auch für Menschen nützlich sein, die Menschenfeindlichkeit ablehnen, und sie können dabei ausgerechnet von der Werbebranche etwas lernen. Die Firma True Fruits macht immer mal wieder Werbung, die sexualisiert ist und die mit Sprüchen oder Bildern hantiert, die eher dämlich als lustig sind.

Ganz überzogen sind aber vor allem die organisierten Shitstorms und Boykottaufrufe, die damit regelmäßig provoziert werden. Die relativ kleine Firma ist jedoch auch dadurch zum Marktführer aufgestiegen, dass sie sich von diesen massiven, aufgeregten Vorwürfen demonstrativ nicht beeindrucken lässt. 

Wer über soziale und andere Medien Feindschaft und Aggressionen in die Diskurse sprüht, ist eben oft ein Scheinriese, der in der verzerrten medialen Aufmerksamkeitsökonomie deutlich größer wirkt, als er ist.

Die sozialen und andere Medien bieten tatsächlich auch klügere Möglichkeiten als die, im Schatten von Scheinriesen in die Schlacht zu ziehen.

Es ist also wichtig, sich nicht durch die Bach- und Böhmermänner beeindrucken zu lassen, sondern darauf zu vertrauen, dass eine große Mehrheit mit den medialen Aufheizungen nicht viel anfangen kann. Dies nicht einmal deshalb, weil wir allesamt rundum gute Menschen wären, sondern einfach deshalb, weil die meisten Menschen beruflich und familiär in Strukturen der Kooperation eingebunden sind, in denen es schlicht unsinnig ist, sich regelmäßig und rituell in Schützengräben einzubuddeln.

Was aber auch wichtig ist: Dass auch solche Menschen den Mund aufmachen, die ruhiger argumentieren, die Situationen ab und zu auch einmal aus der Perspektive anderer wahrzunehmen versuchen, die für demokratische Debatten einstehen und die tatsächlich mit der Möglichkeit rechnen, dass andere Menschen, die anders denken als sie selbst, dies nicht aus purer Bosheit tun – sondern deshalb, weil sie damit vielleicht sogar recht haben könnten.

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10 Comments

  • schöner Artikel über aktuelle Grabenkampfdiskussionen, bei denen es nicht um den Austausch von Ansichten und fairen Wettbewerb, sondern selbstsüchtiges, geiferndes Vernichten und Selbstbestätigen geht.

    Eine Anmerkung:
    „Ganz ähnlich geht denn auch die deutsche Tagesschau vor, die es schafft, den tagelangen Beschuss Israels durch Hunderte von Raketen aus dem Gaza-Streifen zu ignorieren und lediglich den israelischen Gegenangriff zu erwähnen –“

    Da hast du den verlinkten Artikel anscheinend nicht genau gelesen. Im Artikel steht explizit und relativ am Anfang, dass dies eine Reaktion auf palästinensische Raketenangriffe ist.
    Dass die Tagesschau (und andere Medien) in erster Linie über israelische Gegenangriffe berichten und die Angriffe der Hamas und des Islamischen Jihads dabei manchmal nur am Rande vorkommen, liegt im allgemeinen auch nicht daran, dass die Medien Israel nicht mögen, wie du intendierst. Es liegt daran, dass die ständigen Raketenangriffe auf Israel in den betroffenen Landesteilen schlicht nichts besonderes sind. Sie passieren seit Jahren regelmäßig und genauso regelmäßig verpuffen sie wirkungslos im Sand oder im Iron Dome; Opfer sind selten. Die israelischen Gegenangriffe sind dagegen einzigartige Aktionen und unvergleichlich heftiger. Es kommt zu vielen (u.a. zivilen) Opfern und viel Zerstörung und hin und wieder stirbt irgendein Terrorführer dabei oder ein Krankenhaus wird zerbomt. Also viel Interessantes zu berichten. Sie sind folglich der Aufhänger in Medienberichten, in denen aber meiner Erfahrung nach grundsätzlich erwähnt wird, dass dies Reaktionen auf Angriffe der Hamas oder des Isl. Jihads sind. Dass für internationale Medien oder dt. Medien wie die Tagesschau die israelische Gegenreaktion interessanter ist, ist daher naheliegend und hat nichts mit Menschenverachtung und unehrlichen Diskursstrategien zu tun, über die du hier schreibst. Dass du diesen Tagesschau-Artikel dann noch mit dieser verückt gewordenen Kenianerin in Verbindung stellst, erinnert da selbst schon an die Grabenkampf-Attitüde, die du zu Recht kritisierst.

    • Ich habe mir den Artikel jetzt auch mal durchgelesen. Meine Meinung:

      „Im Artikel steht explizit und relativ am Anfang, dass dies eine Reaktion auf palästinensische Raketenangriffe ist.“

      Sehr relativ am relativen Anfang, aber gut. Interessanter die Formulierung (Zitat):

      „…,als nach israelischen Angaben fünf Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert wurden.“

      Schlaue Formulierung. Heisst auf gut deutsch: kann so gewesen sein, oder auch nicht (sprich: Vorwand, arme Palis zu killen). Waren vllt. auch nur „Raket(chen)“, irgendwo im Acker aufgeschlagen. Die (israelische) Reaktion war dann natürlich völlig überzogen.

      Es wird nicht einmal der Versuch gemacht, die (bei beiden Kombattanten vorhandene) Propaganda zu hinterfragen oder mit Fakten zu beleuchten (wozu sind „da unten“ eig. mehrere Korrespondenten der Öffis?).

      Für mich ist diese Art medialer Begleitmusik mittlerweile einer der tragenden Ursachen, dass beide Seiten nicht mal mehr ansatzweise den Versuch ernsthafter Verhandlungen unternehmen können (Israel) oder müssen (Palistinenser / Hamas etc).

      Statt dessen werden lieber Täter-Opfer-Spielchen inszeniert (da kann dann sogar der Linke seinen Antisemitismus ausleben, und womit? Mit Recht, natürlich)

      Selbst in der Uno wird gar nicht mehr groß hinterfragt, und ein Land mit „Verantwortung!“ („Haltungzeigen“ Maas) wie Deutschland stimmt antiisraelischen Resolutionen zu (derselbe „Haltungzeigen“ Maas).

  • „Wer über soziale und andere Medien Feindschaft und Aggressionen in die Diskurse sprüht, ist eben oft ein Scheinriese, der in der verzerrten medialen Aufmerksamkeitsökonomie deutlich größer wirkt, als er ist.“

    So, dann sind deiner Meinung nach also #Aufschrei und #metoo überschätzte Diskurse, die lediglich Feindschaft und Aggressionen schüren, ja? Die ganzen Beteuerungen, auch Männer sähen hier größere gesellschaftliche Probleme, waren dann wohl doch nicht ganz so ernst gemeint, was?
    /Iromie off 😜

    Ja, wenn man sich an cathy „so, you’re sayiing…. Blabla Gegenteil vom Gesagten“ orientiert, ist es gar nicht SCHWierig. Ich glaube, Incels argumentieren ähnlich, aber das nur am Rande. Und Don Alfonso wehrt sich wohl mittlerweile mit der Justiz; wie ich gehört habe…vielleicht das einzige was in solchen festgefahrenenen Stellungskriegen noch hilft.

    PS: Lukas, wirklich, ich sauge Deine Texte auf und surfe jeden tag einmal vorbei, um zu eehen, ob es etwas neues von dir gibt. Aber dass du immer „von“ Dingen berichtest, geht mir etwas auf den Keks. Abgesehen von den wortlaut-ähnlichen Beschreibungen der Unterpunkte (vom dies…, vom jenes….), die einfach etwas variabler klingen könnten, erinnert mich das auch immer an Sterne-Köche, die kein „Fleisch mit Soße“ anbieten, sondern immer sowas wie „Nudeln an Parmesan“ in ihre Karten schreiben.
    Oder „Lachs an Creme von der Bernaise“, „Steak an Krauterbutter“ und mitunter gar „Pommes an Ketchup“ 🤪

    Es ist schon klar, dass du hauptsächlich so schreibst, weil du die angerissenen Themen nicht vollständig aufarbeitest (nehm ich an…) und daher eine eingeschränkte Formulierung wählst. Es ist aber nicht unstatthaft auch in solchen Fällen statt „von der Säuberung der…“ einfach „Die Säuberung der…“ zu schreiiben, auch wenn das ggf die Erwartungshaltung etwas erhöht. Andererseits wird ja eben doch niemand eine umfassende Aufarbeitung des Themas erwarten, insofern klingt die „von“-Formulierung auch etwas übertrieben zurückhaltend…und wie du selbst ja schreibst, werden leise Stimmen eben auch gern überhört….
    Aber wenn es keiner hört, dann wäre es ja auch die ganze Liebesmüh nicht wert gewesen und das wäre ja schade um den Aufwand, den du dir machst…
    Insgesamt würde ich daher sagen: weg mit der falschen Zurückhaltung.
    Aber das ist natürlich auch nur meine Meinung…lesen werd ich sowieso trotzdem weiterhin alles von dir

    cheers

  • „Es ist wohl schon klar geworden, dass dieser Text eigentlich keine Handreichung für Menschenfeinde“

    Gelesen habe ich den Titel gleich als „KEINE Handreichung für Menschenfeinde“ und mir war gleich klar, dass dies der bessere Titel sein müsste 😀

    Endlich eine Beschreibung modernen Verständnisses von „Ironie“ und wie sie als Herrschaftsinstrument genutzt wird! Überaus wichtig, das zu erkennen!

  • Ich finde, das ausgewählte Bild ist überaus passend. Ein Feminist erblickt eine Maskulisten, einen Männerrechtler, der „Jehova“ sagte.
    Was die Diskussionskultur insbesondere auf den sogenannten sozialen Medien betrifft: Völlig irrational, pathologisch, oder etwas moderater ausgedrückt, eine hochgradig gestörte Kommunikation, die vorwiegend auf der Beziehungsebene stattfindet. Mehr als die Botschaft an sich zählt die Mitgliedschaft zur jeweiligen Kampfgruppe.
    Ist jetzt Peak-Nazi erreicht oder lässt sich das noch steigern?

    Zu den so zahlreichen Helden im Kampf gegen rechts: Wie viele von denen wären wohl im Widerstand, wenn tatsächlich Nazis oder ähnlich gestrickte Fanatiker die Macht ergriffen? Wenn der so demonstrativ zelebrierte „Mut“ richtig gefährlich wäre? Die grosse Mehrheit dieser Helden würde ganz schnell zu Mitläufern, da habe ich nicht die geringsten Zweifel. So allmählich finde ich diese Selbstdarsteller nur noch albern bis peinlich. Gibt es da was zu kompensieren?

    • Die lautesten der von dir @ Pjotr beschriebenen „Helden“ wären wohl nicht nur Mitläufer sondern überzeugte Nazis gewesen. Klingt jetzt nach böser Unterstellung, aber für mich ist bei diesen ganzen „von der Couch in die Welt Twitter“-Helden erkennbar, dass sie, so sehr sie sich selbst als hochaufgeklärte, alles Hinterfragende Schlauköpfe halten, doch hochgradig manipulierbare Lemminge sind, die jedem aktuellen Empörungshype, der medial oder / und politisch veranstaltet wird, hinterherlaufen. Regt sich die Presse / Politik über Gender Pay Gap auf, schon sind sie da und empört, pumpen Presse / Politik Kampagnen „gegen Rechts“, schon sind sie da und signalisieren Tugendhaftigkeit und finden es Presse und Politiker ganz toll, wenn man fürs Klima hopst, dann hopsen sie fürs Klima.

      Demonstrationsrecht gibt es eigentlich in erster Linie als Möglichkeit der Bürger, Opposition gegen Regierungsentscheidungen zu beziehen. Die Regierungskonformität der mehrheitlichen Demos, die man derzeit so erlebt, irritiert mich dementsprechend. Dieser Effekt geht wohl zeitlich einher mit der teils schon an Hofberichterstattung grenzenden Regierungskonformität der Presse.

      Unter dieser Prämisse muss man sich vor Augen führen, was die Presse in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland so verlautbarte, mit dem Einfluss der Nazis natürlich in steigender Intensität.

      Ich sehe wenig Gründe zu vermuten, dass sich jene, die heute jedem Medienhype nachhecheln, in den 1930ern anders verhalten hätten.

      • Klingt jetzt nach böser Unterstellung, aber für mich ist bei diesen ganzen „von der Couch in die Welt Twitter“-Helden erkennbar, dass sie, so sehr sie sich selbst als hochaufgeklärte, alles Hinterfragende Schlauköpfe halten, doch hochgradig manipulierbare Lemminge sind, die jedem aktuellen Empörungshype, der medial oder / und politisch veranstaltet wird, hinterherlaufen.

        Diesen Gedanken hatte ich auch schon, wollte aber in meinem Beitrag nicht ganz so weit gehen. Es ist doch einigermassen amüsant, dass die grössten Opportunisten glauben, sie seien die Widerstandskämpfer in der Tradition derjenigen, die sich gegen den NS auflehnten. Was für Leute auch immer im Widerstand waren, Opportunisten waren das nicht.

      • @Billy Coen:

        »Die Regierungskonformität der mehrheitlichen Demos, die man derzeit so erlebt, irritiert mich dementsprechend.«

        Michael Klein von sciencefiles hat mal die treffende Idee formuliert, dass Demonstrationen, sobald sie regierungs- und systemkonform werden, eigentlich Aufmärsche sind.

  • Ich denke mir auch immer, wie sich diese Leute, die von anderen grundsätzlich erwarten, Helden zu sein und absolut uneigennützig die Moral über alles zu stellen, wohl in einer wirklich schwierigen Situation, einem gewaltsamen Umsturz oder einer Diktatur, verhalten würden.

    Andererseits sind es ja auch grade solche Leute, die Diktaturen herbeiführen und dann die Menschheit mittels Zwangsarbeit und Umerziehung verbessern wollen. Ich habe vor kurzem „Die Tragödie eines Volkes“ von Orlando Figes gelesen. Darin wird die russische Revolution von 1917 und ihre Vorgeschichte beschrieben, sehr lesenswert.

    Da war genau dieser Menschentyp aktiv wie heute wieder, eine Theorie im Kopf, von der man sich völlig unkritisch angeeignet hat (damals der Marxismus in Lenins Fassung), eine tiefe Überzeugung von der eigenen moralischen Überlegenheit, großer Fanatismus, der sich über alle Einschränkungen hinwegsetzt. Warum soll man da keine Gewalt anwenden?

    https://www.amazon.de/Die-Trag%C3%B6die-eines-Volkes-russischen/dp/3827008131

  • Im Bürgerkrieg in Kolumbien war es meist nur Folge zufälliger Umstände, ob sich ein Armer auf dem Land der Guerilla anschließt, den paramitlitärischen Trupps der Großgrundbesitzer, der Armee oder den Drogenhändlern.

    Wer grade in der Nähe war und eine Möglichkeit bot, jeden Tag essen zu können, der machte das Rennen. Moral spielte keine Rolle.

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