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Deutschlands vergessene Kinder

geschrieben von: Lucas Schoppe

PISA, die Schulen und die Jungen: Wie die deutsche Schulpolitik eines ihrer größten Probleme ignoriert

Die Ergebnisse des neuen PISA-Tests zeigen etwas, das schon seit Jahrzehnten bekannt ist: Jungen leiden in der Schule unter erheblichen geschlechtsspezifischen Nachteilen. Warum aber ist das konsequent kein Thema für Bildungspolitiker und universitäre Schulpädagogik – obwohl die Folgen gravierend sind, nicht allein für die betroffenen Jungen?

  1. Hunderttausende betroffener Jungen – aber kein ernsthaftes Thema
  2. Zu faul fürs Gymnasium! Von politisch opportuner Bildungsforschung
  3. Gibt es in dieser seltsamen Erwachsenenwelt eigentlich auch Männer?
 

Hunderttausende betroffener Jungen – aber kein ernsthaftes Thema

Die Kompetenzen der Jugendlichen in Deutschland driften stärker auseinander: Vor allem bei den Jungen gibt es mehr schwache Schüler. Die Forscherinnen und Forscher suchen nach einer Erklärung.

So leitet die Süddeutsche Zeitung unter dem seltsamen Titel „Das schwächelnde Geschlecht“ Bernd Kramers Bericht über die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie ein, die gerade veröffentlicht wurden.

Mitunter werden die Jungen sogar zu Sorgenkindern in Domänen, die eigentlich zu ihren Stärken zählten. ‚Wir müssen auf die Jungen aufpassen‘, sagt Kristina Reiss, die Leiterin der deutschen Erhebung.

„Wir verlieren die Jungen“: Das hat mir eine Ausbilderin schon während meines Referendariats gesagt – es ist schon seit zwanzig Jahren bekannt. 2002 veröffentlichten Heike Diefenbach und Michael Klein in der renommierten „Zeitschrift für Pädagogik“ ihren Text „Bringing Boys Back In“ und stellten damals schon  fest:

Sie beenden ihre Sekundarschulausbildung häufiger ohne oder mit Hauptschulabschluss und seltener mit einem Realschulabschluss oder der Hochschulreife.

Das gilt bis heute: Jungen sind in Förder-   und auf Hauptschulen deutlich überrepräsentiert, beim Abitur aber deutlich unterrepräsentiert. Wenn noch im Jahr 2019 eine empirische Bildungsforscherin feststellt, dass wir „auf die Jungen aufpassen“ müssten, als wäre das eine neue Erkenntnis, dann bedeutet das also vor allem:

Die „Forscherinnen und Forscher“ müssen nicht nur nach einer Erklärung dafür suchen, warum Jungen offenbar erhebliche Nachteile in der schulischen Bildung erleben – sondern auch nach einer Erklärung dafür, warum sich Bildungspolitik, universitäre Schulpädagogik und Medien für die offensichtlichen Nöte vieler Jungen kaum interessieren.

Das Wohl der Schule ist das Wohl der Bürgerschaft – der ganzen Gesellschaft. Was an den Schulen falsch läuft, hat aber ebenfalls Auswirkungen für alle.

Obwohl seit dem Schock der ersten PISA-Untersuchung beständig und detailliert Daten über Schulen und ihre Ergebnisse erhoben werden, ist es gar nicht einfach, Daten dazu zu finden, wie viele Mädchen und Jungen eigentlich Abitur machen. Es gibt kaum Artikel dazu, aber im Datenportal des Bildungsministeriums finden sich unter anderen diese Zahlen:

2018 sind mit der allgemeinen Hochschulreife 154.455 Mädchen und 128.094 Jungen von der Schule abgegangen, das sind 54,66% zu 45,33%. Ganz ohne Abschluss hingegen blieben 33.573 Jungen und 20.025 Mädchen, das sind 62,63% zu 37,36%.

Die Zahlenverhältnisse haben sich seit 1999 (!) kaum verändert, damals blieben 53.833 Jungen (64,26%) und 29.928 Mädchen (35,73%) ohne Schulabschluss. Die allgemeine Hochschulreife erhielten damals 125.826 Mädchen und 100.019 Jungen, das sind 55,71% zu 44,28%.

Die Zahlenverhältnisse sind also bemerkenswert stabil – beim Abitur haben Mädchen gegenüber Jungen einen Vorsprung von etwa 10%, die Jugendlichen ohne Schulabschluss sind hingegen zu beinahe zwei Dritteln männlich. Förderschüler sind sogar zu mehr als zwei Dritteln Jungen. 

Diese Daten sind umso erstaunlicher, als wir davon ausgehen können, dass die Jungen und Mädchen insgesamt aus vergleichbaren sozialen Hintergründen stammen und dass die unterschiedlichen Abschlüsse nicht durch Unterschiede in der durchschnittlichen Intelligenz, der besseren körperlichen Konstitution oder ähnlichem erklärt werden können. Entscheidend ist offenkundig allein die Geschlechtszugehörigkeit der Kinder und Jugendlichen.

Wie enorm ein Vorsprung von 10% im Abitur ist, zeigt sich beim Vergleich der absoluten Gesamtzahlen. Seit 1999 haben 2.913.552  (55,49%)  Mädchen und 2.336.916 (44,5%) Jungen Abitur gemacht – das sind insgesamt fast 600.000 mehr Mädchen als Jungen. Ohne Schulabschluss blieben in der Zeit 817.423 Jungen (62,63%) und 487.723 Mädchen (37.36%), also über 300.000 mehr Jungen als Mädchen.

Wie aber passt das zusammen? Da bekämpft die Bundespolitik mit großem öffentlichen Einsatz und großer publizistischer Unterstützung („Nein, der Gender Pay Gap ist kein Mythos“ ) den Gender Pay Gap, obwohl der zu großen Teilen durch eigenständige und rationale Entscheidungen von Männern und Frauen erklärbar ist – weshalb das eigens eingeführte „Entgelttransparenzgesetz“ auch faktisch wirkungslos bleibt. Angesichts der gewaltigen, lebensentscheidenden Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bei den Schulabschlüssen bleiben Politik und Medien hingegen völlig ungerührt.

Wie passt das zusammen? Da verpflichten sich alle EU-Länder, auch Deutschland, auf das Gender Mainstreaming, was bedeutet, dass politische Entscheidungen immer auch im Hinblick auf die Geschlechtszugehörigkeit Betroffener beurteilt werden müssen – und zugleich finden sich in der schulischen Bildung gewaltige Unterschiede, bei denen offensichtlich Kinder und Jugendliche des einen Geschlechts erhebliche Nachteile erleben, mit vielen Hunderttausenden Betroffenen: Aber sowohl in der Bildungspolitik als auch in der universitären Schulpädagogik sind diese Unterschiede schlicht kein Thema.

Zwei typische Schulversager

Gerade hatte ich beispielsweise ein Lehrbuch zur Schulpädagogik in der Hand, mit dem Lehrkräfte an Universitäten ausgebildet werden. Der Zustand des deutschen Schulsystems wird darin ermüdend ausführlich dargestellt – aber eine der gravierendsten Auffälligkeiten, die Nachteile der Jungen, wird kommentarlos ausgelassen.

Dabei ist das grundsätzlich nicht einmal ein männerrechtliches oder jungenpolitisches Thema: Wir haben als Erwachsene den Kindern und Jugendlichen gegenüber eine Verantwortung, und wenn große Gruppen von ihnen offensichtliche Nachteile erleben und wir das über Jahrzehnte hinweg desinteressiert zur Kenntnis nehmen, ohne etwas zu tun, werden wir dieser Verantwortung nicht gerecht.

Noch dazu hat die erhebliche geschlechtsspezifische Schieflage des Bildungssystems natürlich auch ökonomische Folgen, und nicht nur im Hinblick auf die Konsequenzen, die es hat, wenn jährlich Zigtausende von Kindern ohne Schulabschluss bleiben.

Wir können davon ausgehen, dass der seit Jahren beklagte Fachkräftemangel unter anderem auf die Vernachlässigung der Probleme zurückzuführen ist, mit denen Jungen an den Schulen offensichtlich konfrontiert sind. Dies umso mehr, als sehr viel mehr Männer als Frauen in Vollzeit arbeiten. Der Mangel, der durch das Wegrutschen der Jungen entsteht. kann also auch ökonomisch kaum durch die Erfolge der Mädchen ausgeglichen werden.

Wie aber ist die bildungspolitische und akademische Ignoranz gegenüber diesem wichtigen Thema zu erklären?

 

Zu faul fürs Gymnasium! Von politisch opportuner Bildungsforschung

Die Süddeutsche Zeitung weiter zu den neuesten PISA-Ergebnissen:

Lesen ist weiterhin sehr viel eindeutiger eine Mädchenkompetenz, als Mathematik oder Naturwissenschaften je Jungendomänen gewesen wären.

Nun ist Lesen eine Schlüsseltechnik, die nicht nur für den Deutsch-Unterricht wichtig ist, sondern auch für jeden anderen Unterricht, außerdem natürlich für die Teilnahme an öffentlichen Diskursen.

Zur Behebung der Nachteile von Mädchen in MINT-Fächern, in der Wochenzeitung Die Zeit schon als „Problem, das keines ist“ dargestellt, werden gleichwohl viele große öffentliche Programme initiiert – so viele, dass es kaum möglich ist, den Überblick zu bewahren. Dies, obwohl auch hier, so der Spiegel, der Erfolg der Programme auf sich warten lasse. 

Mit den Nachteilen hingegen, die Jungen beim Lesen erfahren, beschäftigen sich lediglich ein paar Webseiten, die zu einem guten Teil – zum Beispiel bei der bekannten Jungenleseliste von MANNdat – ganz ohne öffentliche Förderung auskommen müssen.

Haben Jungen schlicht keine Lust auf Anstrengungen – oder könnte es nicht sein, dass ihnen irgendetwas anderes fehlt?

Dies ist umso seltsamer, als Jungen keineswegs prinzipiell größere Schwierigkeiten als Mädchen beim sinnentnehmenden Lesen haben – nach einer französischen Studie können Jungen Texten sogar besser als Mädchen  gezielt Informationen entnehmen. Das bedeutet: Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die schlechteren Ergebnisse der Jungen von den Schulen nicht allein diagnostiziert, sondern dort überhaupt erst produziert.

Die Germanistin und Professorin Christine Garbe hat zur Lesesozialisation geforscht und schon 2003 festgestellt:

Ein wichtiger Indikator […]  ist der ‚Spaß am Deutschunterricht‘: Antworten in der zweiten Klasse noch 65,6 % der Mädchen und 51,7 % der Jungen, der Deutschunterricht würde ihnen sehr viel Spaß machen, sind es in der dritten Klasse nur noch 50,8 % Mädchen und 43,4 % Jungen und in der vierten Klasse nur noch 40,5 % Mädchen und 28,6 % Jungen. (Der Hinweis auf diesen Text stammt aus einem Kommentar Crumars bei Alles Evolution, der auch sonst sehr lesenswert ist.)

Die Kinder kommen in aller Regel mit Freude an Geschichten in die Schule – und schon in der vierten Klasse hat nicht einmal mehr ein Drittel der Jungen Spaß am Deutschunterricht, deutlich weniger als Mädchen. Dass die Mädchen gleichwohl ebenfalls den Spaß verlieren, zeigt aber auch: Wer sich mit den Nachteilen von Jungen in der Schule beschäftigt, muss dabei nicht Jungen gegen Mädchen ausspielen, sondern analysiert dabei ganz im Gegenteil Strukturen, an denen durchaus auch Mädchen leiden können.

Es spricht in jedem Fall einiges dafür, dass die Nachteile von Jungen in der Schule durch die Schulen selbst produziert werden. Umso dringlicher wird die Frage, warum das eigentlich in den Bildungsministerien oder Universitäten kaum jemanden interessiert. Eine deprimierende Antwort ist: Es liegt auch daran, dass tonangebende Forscher*innen sich vor allem darauf konzentrieren, Gründe zu suchen, sich mit diesem Problem überhaupt nicht beschäftigen zu müssen.

 

Zum Beispiel Marcel Helbig, der seit Jahren erfolgreich und öffentlichkeitswirksam verkündigt, dass nicht die Schulen, sondern die Jungen selbst die Verantwortung für ihr schlechtes Abschneiden trügen.  Eine Krise der Jungen sei ein „Mythos“, und Mädchen wären eigentlich immer schon besser in der Schule gewesen, denn:

Sich für gute schulische Leistungen anzustrengen und selbst zu disziplinieren, passt nicht in das geschlechtstypische Konzept von Männlichkeit. Jungen wird suggeriert, dass sie anstrengungslos aufgrund ihrer natürlichen Begabung die Lerninhalte verstehen könnten. (Helbig 2015, S. 29)

Dass Jungen einfach nur zu faul für das Gymnasium wären, wurde dann auch gleich von der taz genüsslich schon in der Überschrift aufgegriffen. Tatsächlich ist Helbigs unbelegte Behauptung wohl gerade deswegen erfolgreich, weil sie Ressentiments anspricht: Jungen wären nun einmal, ebenso wie Männer, privilegiert – würden deshalb erwarten, dass ihnen alles zufliegt – und es geschähe ihnen eigentlich ganz recht, wenn sie damit auf die Nase fallen.

Es ist jedoch, leider, politisch durchaus opportun, die Verantwortung für die schulischen Nachteile von Jungen auf die Jungen selbst zu schieben – denn auf diese Weise müssen weder die Schulen selbst, noch die Bildungspolitiker, noch die universitären Schulpädagogen tätig werden.

Der Laie sieht hier einfach zwei Kinder. Erst im Blick des Fachmanns wird deutlich, dass das Mädchen interessiert, diszipliniert und fleißig, der Junge hingegen faul und desinteressiert ist.

Denn die verfügbaren Daten zeigen schon lange eine deutliche Korrelation zwischen dem Verschwinden von Männern aus den Schulen, insbesondere den Grundschulen, und dem Bildungsmisserfolg von Jungen. Auch Helbig räumt das ein, besteht aber darauf, dass die Korrelation hier gewiss keine Kausalität wäre. Seine Forschungen an Grundschulen hätten nämlich ergeben, dass Jungen durch männliche Lehrer keineswegs profitieren würden.

Mehr noch: Für Helbig ist, so schreibt er durchaus denunzierend in seinem Text „Es sind nicht die Lehrerinnen“, der

„Ruf nach (mehr) Männern im Lehrberuf […] das historische Erbe hegemonialer Männlichkeit, obligatorischer Heterosexualität und Homophobie“.

Nun wäre die Behauptung tatsächlich sinnlos, dass jeder einzelne Lehrer für Jungen besser wäre als jede einzelne Lehrerin. Der Hinweis auf das Verschwinden der Männer aus den Schulen zielt aber stattdessen darauf, dass viele Kinder bis in die weiterführenden Schulen hinein, also mindestens bis zum elften Lebensjahr, in Krippen, Kindergärten, Schulen eine fast ausschließlich weibliche Erwachsenenwelt erlebten. Verschärft wird dies dadurch, dass die Kinder, die nur bei einem Elternteil aufwachsen können, fast immer bei der Mutter leben.

Dazu aber hat Helbig schlicht nicht geforscht – wenn er Daten zu Grundschulen auswertet, dann vergleicht er einzelne Lehrkräfte miteinander, die allesamt und gleichermaßen an Schulen mit rein oder weit überwiegend weiblichen Kollegien arbeiten. Die erfolgreiche These, Helbigs größter Hit, dass der Männermangel an Schulen nichts mit den offenkundigen Problemen von männlichen Schülern zu tun hätte, ist mit seinem Forschungsdesign überhaupt nicht zu belegen.

Das ist umso schlimmer, als die berühmte, riesige Meta-Studie von John Hattie ja deutlich herausgestellt hat, wie wichtig die Lehrkräfte für den Schulerfolg sind, weit wichtiger jedenfalls als die angewandten Methoden oder die Menge der Hausaufgaben: „The teacher matters“. 

Helbig räumt das selbst durchaus auch ganz selbstverständlich ein, aber nur dann, wenn es um Mädchen geht. Er erklärt die deutlichen schulischen Nachteile von Jungen schlicht mit der Potentialentfaltung der Mädchen durch die vorgelebten Bildungs- und Berufspartizipationschancen von Frauen nicht nur in pädagogischen Berufsfeldern.“ Mädchen hätten lange keine weiblichen Vorbilder gehabt, aber seit sie die haben, würden sie ihr deutlich größeres Potenzial auch entfalten können.

Damit interpretiert Helbig die schulischen Nachteile von Jungen als eine Normalisierung: Mädchen wären eigentlich Jungen immer schon überlegen gewesen, aber durch den Abbau geschlechtsspezifischer Nachteile für Frauen wären Mädchen heute in der Lage, diese Überlegenheit auch ausspielen zu können. Was offensichtlich ein erheblicher Nachteil für Hunderttausende von Jungen ist, wird so in eine überwundene Benachteiligung von Mädchen uminterpretiert.

Dieser Gedanke projiziert einen klassischen sexistischen Topos – nämlich die Phantasie der durchgehenden Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere – auf Menschen, die sich ganz besonders schlecht dagegen wehren können, nämlich auf Kinder und Jugendliche. Das wiederum verbindet sich mit der ebenfalls klassischen Überzeugung der autoritären Schulpädagogik, dass allezeit die Schulen immer schon ganz richtig und nur die Kinder ein Problem wären.

 

Gibt es in dieser seltsamen Erwachsenenwelt eigentlich auch Männer?

Stattdessen müssten wir eigentlich fragen: Auch wenn wir feststellen sollten, dass Jungen weniger zuverlässig arbeiten als Mädchen – woran liegt das denn? Wenn wir, zum Beispiel, vor allem bei männlichen Jugendlichen Merkmale einer Computerspielsucht feststellen, erklärt das sicherlich zum Teil schlechtere schulische Leistungen   – aber es erklärt nicht, warum diese Jungen überhaupt von Computerspielen abhängig werden.

Hier ermöglicht gerade die so schnell und opportun beiseite gewischte These, dass der Bildungsmisserfolg von Jungen unter anderem mit dem Männermangel in den Bildungsinstitutionen zusammenhängt, gute Erklärungsansätze. Die Grundschulleiterin und Autorin Birgit Gegier Steiner illustriert dies in ihrem Buch „Artgerechte Haltung. Es wird Zeit für eine jungengerechte Erziehung“ mit einem Beispiel:

An meiner Schule wurden vor zwei Jahren zwei Kinder eingeschult: ein Mädchen und ein Junge. Beide haben eine ähnliche Biografie: Kinder alleinerziehender, berufstätiger Mütter, seit ihrem ersten Lebensjahr in einer Ganztageskita, fehlender Kontakt zu den leiblichen Vätern, beide wurden in der Ganztagsschule angemeldet. Schon nach wenigen Wochen spürte die Klassenlehrerin eine gewisse Traurigkeit  bei den beiden. In Gesprächen sagten beide unabhängig voneinander: ‚Ich wäre lieber zu Hause (bei meiner Mama).‘

Wie reagierte das Mädchen im Weiteren? Sie suchte die Nähe zur Leiterin oder einer Betreuerin, ließ sich auch gern einmal in den Arm nehmen und kuschelte beim Vorlesen. Sie passte sich an.

Wie reagierte der Junge: Bei der Hausaufgabenbetreuung störte er penetrant durch Zwischenrufe, Umherlaufen und Anrempeln seiner Mitschüler. An Bastel- oder Spielangeboten nahm er nicht teil. Waren die Kinder im Freien, rannte er bis zur Erschöpfung durch das Spielgelände und suchte Konflikte mit seinen Kameraden. Zweimal lief er einfach weg. Er rebellierte.“ (Steiner, S. 34)

Was Steiner hier als fehlende Möglichkeit des Jungen präsentiert, die fehlenden erwachsenen Bezugspersonen der Familie durch Erwachsene in der Schule auszugleichen, lässt sich noch allgemeiner formulieren:

Während Mädchen sich in eine als weitgehend oder vollständig weiblich erlebte Erwachsenenwelt einfügen können, müssen Jungen ihre Identität gegen diese Erwachsenenwelt entwickeln.

Die Schulverweigerung – von der lieblosen Anfertigung schulischer Aufgaben bis hin zum Wegbleiben – kann so gerade für Jungen eine durchaus nachvollziehbare Funktion erfüllen. Wenn wir als Erwachsene das fatal finden, dann müssen wir uns um eine Änderung der Bedingungen bemühen. Dass Jungen, wie 2013 zum Beispiel die Studie Herkunft zensiert gezeigt hat, für gleiche Leistungen schlechter benotet werden als Mädchen, lässt sich erst recht nicht mit ihrem Verhalten rechtfertigen.

Dass sich Schwierigkeiten besonders beim Lesen zeigen, ist so ebenfalls unschwer zu erklären. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben ist eine klassische Schwelle zwischen der Erwachsenen- und der Kinderwelt. Wenn Kinder in der Erwachsenenwelt sinnvoll agieren und sie verstehen wollen, dann müssen sie mit der symbolischen Ordnung dieser Welt möglichst souverän umgehen können – und dafür müssen sie lesen und schreiben können.

Lesen zu können garantierte einmal den Zugang zu einer Erwachsenenwelt, die zu erobern sich lohnte. Viele Kinder, insbesondere Jungen, machen diese Erfahrung nicht mehr.

Wenn aber Kinder eine Erwachsenenwelt erleben, in der anscheinend für sie ohnehin kein Platz vorgesehen ist, dann fehlt die Motivation, die Welt zu betreten, in ihr zu agieren, sie zu erobern – und dafür das Notwendige zu lernen.

In Computerspielen hingegen können sie schnell aktiv sein, und mehr noch: Hier erleben sie eine große Welt, die sie selbst in aller Regel sogar deutlich besser kennen, als es die Erwachsenen tun. Dann zeigt sich völlig selbstverständlich: Auch Jungen sind keineswegs „faul“, sie können sogar stunden- und tagelange Anstrengungen investieren, um sich in Spiele einzuarbeiten und dort Fertigkeiten zu erwerben, die nötig sind, um dort erfolgreich zu sein.

Es fehlt ihnen allerdings die Erfahrung, dass Anstrengungen nötig sind, um sich eine Erwachsenenwelt zu erobern, die ihnen zunächst verschlossen scheint, deren Eroberung sich aber lohnt – und es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass dies für Jungen noch stärker gilt als für Mädchen.

Wenn auf der anderen Seite Erwachsene von den Problemen der Kinder und Jugendliche nichts wissen wollen, auch wenn diese Probleme offensichtlich sind – wenn Erwachsene sogar akademische Karrieren machen können, obwohl sie ihre erwachsene Verantwortung für diese Kinder von sich weisen – dann verfestigt auch das die Erfahrung von Kindern und Jugendlichen, alleingelassen zu sein und einer Erwachsenenwelt gegenüberzustehen, für die sich keine Anstrengungen lohnen.

Eine wesentlicher Aspekt der Probleme in der Schule, mit denen Jungen konfrontiert sind, ist also die selbstgerechte, ressentimentgeladene, manchmal sogar hämisch ausformulierte Ignoranz Erwachsener gegenüber diesen Problemen.

Was Jungen und vermutlich auch Mädchen hingegen brauchen, sind mehr Männer, die sich in den Familien und Institutionen um Kinder und Jugendliche kümmern – eine Bildungspolitik, die Hindernisse dabei abbaut – eine universitäre Pädagogik, die eigenständig forscht, anstatt politisch opportune Ergebnisse zu produzieren – und insgesamt die Bereitschaft Erwachsener, es offen anzusprechen, wenn die Interessen von Kindern und Jugendlichen verletzt werden.

 

PS. Mit einem Freund, der auch Lehrer ist, habe ich einmal ein paar Hinweise Über den Umgang mit Jungen gesammelt.

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25 Comments

  • Die OECD weist in Ihrem Bericht über die PISA-Studie über Österreich auf Seite 4 zwar in einer Grafik unter „Gender gap in reading performance“ aus, dass Mädchen beim Lesen um 28 Punkte besser abschneiden als Buben, was bei den drei beobachteten Kriterien den weitaus größten Geschlechterunterschied darstellt. Auf Seite 5 fällt aber dieser Punkt, im Gegensatz zu den beiden anderen, im Abschnitt „Equality related to gender“ wohl nicht zufällig unter den Tisch!

    https://www.oecd.org/berlin/themen/pisa-studie/PISA2018_CN_AUT.pdf

    Österreichs Medien, mit Ausnahme von Armin Wolf in der ZIB 2 des ORF, haben diesen Geschlechterunterschied in ihren PISA-Berichten nicht erwähnt und auch meinen Leserbrief nicht veröffentlicht:
    >>Bei den Berichten über das PISA-Untersuchungsergebnis fällt die Geschlechterverteilung unter den Tisch. Buben lesen laut der Studie deutlich schlechter und hätten daher höheren Förderbedarf, was aber angesichts einer auf Frauenförderung fixierten Politik schwerlich durchsetzbar wäre. Der vorgesehene Lesestoff in den Schulen ist übrigens eher auf die Interessen von Mädchen als von Buben ausgerichtet.<<

  • Was sollen die Jungen denn auch erfahren, wenn sie den Blick vom Computerspiel heben?

    Dass sie mit Eintritt in die Pubertät „toxisch“ werden, dass sie später dann ihren Partnerinnen Gewalt antun werden, ob verbal oder physisch? Dass sie irgendwann ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen, weil sie jetzt schon hautnah erleben, dass Kinder immer nur in der Obhut von Frauen sind?

    Irgendwann fristen sie dann ihr Leben als Paketzusteller oder Müllwerker, um als „alter weißer Mann“ fünf Jahre früher als Frauen die Welt zu verlassen.

    Na, dann lieber wieder schnell zum Computerspiel zurück…

    • Ich habe mit einer befreundeten Psychomotoriktherapeutin, die ebenfalls mit verhaltensauffälligen Tieren arbeitet, geredet. 2 Dinge, welche sowohl auf Tiere, wie meiner Meinung nach auf Menschen (hier: Jungen), zutrifft, sind mir dabei aufgefallen.
      Wenn ein Individuum nicht deterministisch Folgen implizieren kann, d.h. ich mache A, dann folgt B, hat es Stress. Wichtig für die Jungen wäre in meinen Augen, dass sie sehen, dass Ihnen Erfolg winkt, wenn sie sich anstrengen. Dass es in ihren Möglichkeiten liegt, zu erreichen, was Ihnen wichtig ist. Das erfahren sie vielleicht in der Gruppe, aufm Fussballplatz und beim Gamen, aber imho zuwenig in Erziehung und Schule. Ihre Qualitäten und Fähigkeiten werden selten gewürdigt, ihre Initiative zu häufig abgeblockt.
      Wenn ein Hund Stress hat, wiederholt er sinnlose stupide Aktionen und/oder wird agressiv. Z.B. jagt seinen Schwanz, gähnt, krazt sich, etc. Dieses Wiederholen von Routinen, so irrational es scheint, gibt ein Gefühl von Sicherheit.

      Weshalb verplempern Jungs mit sinnlosen Handyspielen Stunden ihrer Zeit und strengen sich nicht in der Schule an. Werden ausfällig und agressiv, wenn man sie zu Ordnung, Schulaufgaben und/oder Strafaktionen anhält und egal was man macht, sie ziehen sich noch mehr ins Schneckenhaus und ihre Spielwelt zurück?

      Ich für mich habe meine Erklärung gefunden.

  • Bevor man sich mit irgendwelchen Diskriminierungen beschaeftigt, sollte man sich die biologischen und psychologischen Forschungsergebnisse mal anschauen.

    1. Die Streubreite des IQ ist bei Jungs hoeher als bei Maedchen. Salopp: Bei Jungs gibt es mehr Genies, aber auch mehr Volldeppen. Das erklaert, warum mehr Jungs als Maedchen nicht mal die Hauptschule schaffen. Es erklaert aber nicht, warum mehr Maedchen Abitur schaffen. Geh mal in ein beliebiges Mensa Treffen : 90-100% Maenner.

    2. Es hat sich wohl nie geaendert, dass in der Schule auswendig lernen sehr belohnt wird und mit Noten ueberdurchschnittlich gut bewertet wird. Maedchen entwickeln kristalline Intelligenz einige Jahre frueher als Jungs. Letztere sind staerker in fluider Intelligenz. Kristallin = aus Wissen schoepfen; Fluid = flexibel auf neue Probleme eingehen. Die besseren Noten der Maedels spiegeln also vor allem deren Faehigkeit, frueher besser auswendig lernen zu koennen. Das erklaert warum Jungs in MINT durchschnittlich besser als Maedchen sind, in Deutsch, Geschichte, usw. aber schlechter. Wenn die MINT Faecher im Abi aber „verdummt“ werden, und Jungs wegen einer 5 in Geschichte/Deutsch/Englisch abbrechen muessen, ist die Differenz bei den Abiturienten z.g.T. erklaerbar.

    Doch mit ca. Mitte 20 gleicht sich das alles (kristallin/fluid) wieder an, d.h. wenn die Gehirne ausgewachsen sind. Dann ist es fuer die Jungs leider zu spaet fuer ein Studium.

    • Der Proporz Junge:Mädchen ist im letzten Perzentil 7:1 – das zu erklären kommst Du mit (fraglichen) Intelligenztypen nicht weiter, ich bleibe bei „g“. Es ist auch nicht so sehr ein Verstehens- als ein Verhaltensproblem. Mädchen lieben Grenzen, weil sie Sicherheit geben – das lieben Lehrer. Jungen lieben Grenzen, weil man sie überschreiten kann – das macht sie für Lehrer anstrengend (und Eltern). Dazu kommt das Bewertungsproblem, wenn ich sehe, dass ich sowieso für die gleiche Leistung eine erheblich schlechtere Zensur bekommen werde … wozu dann aufdrehen???! Und: Lasst den Marcel Helbig in Ruhe, der ist halt auf dem Frauenschienesessel in sein Professursbüro geschoben worden, wer will ihm das ernsthaft verübeln??!

  • Jeder Junge, der im Bildungssystem scheitert und arbeitslos auf der Straße landet, ist ein Gewinn für die Frauenquote. Deshalb wird der Gender Education Gap zuungunsten der Jungen nicht als Problem, sondern als positive Rückmeldung einer Geschlechterpolitik wahrgenommen, die sich auch trotz Gender Mainstreaming heute immer noch ausschließlich auf die Frauenfragte reduziert. Und darum ist seit etwa 2008 ein bereitwilliges Totschweigen der Bildungsprobleme von Jungen festzustellen, wenn man sich z.B. die Bildungsberichte anschaut. Deshalb ist auch das Gejammer nach einem angeblichen Fachkräftemangel so verlogen. In einem Land, in dem Bildung der wichtigste volkswirtschaftliche Faktor darstellt, würden die politisch und wirtschaftlich verantwortlichen das Bildungs- und damit das Fachkräftepotential von Jungen nicht so bereitwillig brachliegen lassen, wenn es wirklich ein Fachkräftemangel gäbe.

    • Das hier: „Deshalb wird der Gender Education Gap zuungunsten der Jungen nicht als Problem, sondern als positive Rückmeldung einer Geschlechterpolitik wahrgenommen“ – sehe ich genauso.

      Der Tenor „So lange in den Chefetagen Männer die Mehrheit stellen, sind uns Nachteile und Benachteiligung von Jungen in der Schule egal!“

      Von daher ist „Überschussproduktion“ von besser qualifizierten Mädchen und jungen Frauen ebenso zwingend, wie die Bereitschaft, männliche Bildungsverlierer zu produzieren.
      Die geradezu sadistische Freude an diesem Umstand empfinde ich als abstoßend.

      Nur hat sich am Ausbildungsspektrum und Studienwahl von jungen Frauen nichts geändert und die Erwerbsneigung unterscheidet sich bei diesen zwischen Osten und Westen drastisch.

      Mir ist erstens nicht klar, woher in Deutschland die in Vollzeit arbeitenden Fachkräfte in zwanzig-dreißig Jahren kommen sollen.

      Mir ist zweitens nicht klar, was dann mit von Frauen dominierten Bereichen, wie z.B. der Veterinärmedizin passieren soll. Gibt es diesen Bedarf nach in Teilzeit arbeitenden Frauen in urbanen Gemeinschaftspraxen für Kleintiere überhaupt?
      Sehe ich nicht.

      • Erst einmal: Es tut mir leid, dass ich ich in den letzten Wochen hier wenig an den Diskussionen teilnehme. Ich habe privat einiges zu klären und bin deshalb wenig online und komme kaum dazu, mitzudiskutieren.

        @ Bruno Köhler, crumar „„Deshalb wird der Gender Education Gap zuungunsten der Jungen nicht als Problem, sondern als positive Rückmeldung einer Geschlechterpolitik wahrgenommen“ Es gibt ja tatsächlich triumphierende Rückmeldungen dieser Art – etwa von Hanna Rosin, die sich angesichts der Probleme, die Jungen auch im amerikanischen Schulsystem haben, darüber freute, dass die Mädchen die Jungen überholt haben. „Das Ende der Männer“.

        Ob ein Kalkül dahintersteckt in dem Sinne, dass jeder Misserfolg von Jungen oder Männern als Erfolg von Frauenpolitik wahrgenommen wird, weiß ich nicht. Es gibt allerdings Beispiele dafür. Ich kann mich z.B. daran erinnern, dass die taz (ich glaube, es war Simone Schmollack) sich einmal sehr positiv darüber geäußert hat, dass der Frauenanteil in der SPD gestiegen sei. Tatsächlich hatte sich die Zahl der Mitglieder ziemlich genau auf die Hälfte verringert – es waren zwar sehr viele Frauen ausgetreten, aber noch mehr Männer – was in den Augen der taz dann eben für den Frauenanteil gut war.

        Ansonsten glaube ich aber, dass hinter der klammheimlichen Freude über die Schwierigkeiten der Jungen kein Kalkül steckt, sondern eher eine politische Erlösungsphantasie, die in einigen Milieus (Parteien, Unis, einige Medien, …) eine bemerkenswert dauerhafte Konjunktur hat, während viele Menschen außerhalb dieser Milieus darüber weitgehend befremdet sind.

        Weiblichkeit steht darin für ein irgendwie unentfremdetes Leben, unkorrumpiert durch die Teilhabe an den unüberschaubaren Machtstrukturen moderner Gesellschaften (die zu diesem Zweck als „Patriarchat“ imaginiert werden).

        Der Gedanke einer Unterdrückung von Frauen durch Männer ist dabei eigentlich überhaupt nicht empirisch gemeint, und deshalb lässt er sich durch empirische Daten wie die über die enormen Nachteile von Jungen auch überhaupt nicht irritieren. Eher geht es darum, die Idee DER FRAU als unentfremdetes, integres Leben zu stützen. Die UNTERDRÜCKUNG erklärt dann auch sogleich, warum die beseligende Kraft des weiblichen sich nicht stärker auswirkt: Die Männer lassen sie halt nicht.

        Es braucht wohl ein solche Erlösungsphantasien, um die realen Nachteile Hunderttausender Kinder und Jugendlicher galant ignorieren zu können. Nach einigen Untersuchungen sind übrigens Migrantenjungen von den Nachteilen besonders betroffen – aber auch das ist den Verfechtern einer jungenignorierenden Schulpolitik weitgehend egal – auch wenn sie sich in anderen Fällen gern entschlossen und empört für Migranten einsetzen und ihre Marginalisierung beklagen.

        Es geht eben nicht um soziale Realitäten. Es wohl die Phantasie einer Erlösungskraft des Weiblichen, die es Helbig plausibel macht, dass mehr des Guten (Weiblichen) und weniger des Schlechten (Männlichen) in jedem Fall nur gut sein kann – und dass Leute, die mehr männliche Lehrer für gut halten, dabei ledigliche männliche Hegemonialität sichern wollten.

        Hier verbindet sich die Trägheit von Institutionen, deren Akteure eigene Fehler auf keinen Fall einräumen wollen, mit einer politischen Erlösungsreligion, die soziale Realitäten immer nur dann wahrnimmt, wenn sie die eigenen Vorannahmen bestätigen. Das ist offensichtlich eine sehr stabile Verbindung.

      • Mir ist erstens nicht klar, woher in Deutschland die in Vollzeit arbeitenden Fachkräfte in zwanzig-dreißig Jahren kommen sollen.

        Darauf weiß Danisch eine recht einfache wie einleuchtende Antwort.
        Aus dem (nicht) europäischen Ausland. Die AusgeMERKELte rührt ja gerade wieder die Werbetrommel für Immigration von Fachkräften, damit unsere Wirtschaftsunternehmen nicht am Ende noch abwandern, weil sie hier keine geeigneten (billigen) Arbeitskräfte finden.

        Wenn man selbst Fachkräfte ausbilden wollte, müsste man ja selbst investieren und/oder wieder für eine ordentliche Bildung sorgen. Und das kann ja niemand wollen, so teuer wie das ist.

        Und vor allen Dingen natürlich sexistisch… Denkt denn niemand an die armen Frauen?

  • Dieser großartige Artikel zeigt an, welche Nachteile die Jungen in der Schule haben, wobei nicht auf die „Vorschul“pädagogik“ eingegangen werden kann – verständlich. In diesen zu Kinderverwahranstalten verkommenen Kinderkrippen und Kitas, zusätzlich mit den fehlenden Vätern, wird ja bereits die Benachteiligung anerzogen und das Bewusstsein, später nicht mehr gebraucht zu werden, da die männlichen Vorbilder fehlen oder diskriminiert werden. Die Schulen führen dieses „Angebot“ nur noch weiter fort.
    Früher wurde immer davon geschwafelt, dass das Fehlen von Frauen im Beruf die Verschleuderung von Human Capital sei, heute wird nicht einmal bei den Jungen davon gesprochen, sondern dieses Thema wird tabuisiert und mit weiteren Millionen Fördergeldern für Mädchen- und Frauenprojekte übertüncht. Dafür werden von der Wiege bis zur Bahre die Mädchen und Frauen als besonders benachteiligt und hilflos dargestellt, um mit Hilfe von staatlich geförderten Frauenverbänden weitere Gelder für z.B. sinnlose Projekte, die lediglich zur Folge haben, dass Frauen gut bezahlte Arbeitsplätze erhalten, abzusahnen. Männer haben sich dagegen selbst zu erhalten.
    Eine Revolution der Familien- und Bildungspolitik – eine Reform reicht nicht, sie wird zu oft zum Rohrkrepierer – ist dringend erforderlich. Hierzu gehört auch die Gleichstellung von Vätern und Müttern bei der Geburt eines Kindes.

  • Die Männer haben das Feld in der Schule freiwillig und kampflos geräumt, zuerst in der Grundstufe, dann in der Oberstufe. Früher waren wir in der Überzahl. Das schleckt keine Geiss weg.

    Die negativen Folgen für das psychische Wohlergehen der Jungs sind sichtbar und werden im Artikel ausgezeichnet dargestellt. Die Folgen für das materielle Wohlergehen werden die ganze Gesellschaft hart treffen. Diese Einsicht ist noch nicht angekommen, bei Männern und Frauen gleichermassen. Wohlgenährte Trägheit im geheizten Denkerstübchen.

    • „freiwillig und Kampflos“ trifft es nicht. Der Lehrerberuf ist minderwertig. Sein Sozialprestige liegt am Boden. Bezahlt wird er mittelmäßig. Mehr noch: Es gibt kaum eine größere Bestrafung, als sich mit pubertierenden Jugendlichen befassen zu müssen. Mir ist kaum ein Lehrer bekannt, der seine Pensionierung nicht herbeigesehnt hätte. Viele Lehrer bekommen einen bleibenden Dachschaden.

      Die Überlegenheit von Mädchen im Alter von 10-17 Jahren ist so evident, dass sie auch bei Vollausstattung mit männlichen Lehrern, speziellen Jungenförderungsprogrammen und Revision der Lehrpläne zu jungenaffineren Bildungsinhalten erhalten bliebe. Der gegenüber Jungen offen gezeigte Sexismus, ihre wissentlich betriebene Benachteiligung kaschiert diese Tatsache, aber sie erklärt sie nicht.

      Der Mädchenvorsprung vermindert sich meiner Erfahrung nach in der gymnasialen Oberstufe und wird in der 12. Klasse spürbar gegenläufig. In der persönlichen Begegnung mit ihnen, werden Jungen farbiger und interessanter. Es fällt nun leichter, sich ihnen zuzuwenden.

      8. Klasse: Ein Junge und ein Mädchen werden zur Tafel gerufen, um eine Mathematikaufgabe zu rechnen. Das Mädchen tritt, frühreif und hübsch aufgemacht, lächelnd zur Tafel, schreibt die Aufgabe in gut lesbarer Mädchenschrift hin. Es war alles richtig. sie lächelt und setzt sich wieder.

      Der Junge kommt wie eine infantile Peinlichkeit nach vorne, findet die Kreide nicht, findet sie auf Zuruf dann doch, läuft vor der Tafel orientierungslos hin und her, weiß nicht wo er anfangen soll, obwohl an der Tafel nur zwei Wörter stehen. Versucht einen Platz zu finden, indem er die Tafel ganz nach unten zieht, muss sich dann bücken und steht völlig verkrampft, fängt an zu schreiben und merkt, dass er in die zwei schon vorher stehenden Wörter schreiben würde. Will es wieder wegwischen, weiß aber nicht, wo der Schwamm liegt. Wischt deshalb mit der Hand und dem Hemdärmel. Es staubt und die Klasse fängt an zu lachen. Junge fängt erneut an und schreibt wieder in die beiden Wörter rein. Lehrer weist ihn an, auf dem linken Tafelflügel zu schreiben und die Tafel etwas hochzuschieben. Junge fängt wieder an und bricht nach zwei Zeilen ab. Weiter sei er nicht gekommen, er habe die Aufgabe nicht verstanden.

      Solange überhaupt Mädchen anwesend sind, wird sich kein/e Lehrer/in besonders freudvoll mit den Jungen abgeben. Mir ist ein Deutschlehrer in Erinnerung, der seine Erleichterung darüber, dass in seinem Kurs nur noch drei Jungen waren, offen bekannte. Am schlimmsten ist die Diskrepanz in künstlerischen Fächern oder beim Theaterspielen. Am geringsten ist sie in Physik. Umgekehrt gepolt sind die Verhältnisse meines Erachtens nur in der Informatik.

      • Mir fehlt es gerade an Zeit und ich komme vielleicht noch ausführlich darauf zurück, aber das Folgende muss einfach raus:
        Der Junge in deinem Beispiel tut mir zutiefst leid. Was für eine sadistische Didaktik, einen Menschen in seiner Unsicherheit und in seinem Noch-nicht-Wissen zu blamieren, statt ihm beizubringen, was er noch nicht kann! Was war wohl das Lernziel in dieser Unterrichtssequenz und was hat der Junge tatsächlich mitgenommen?

      • In den 60er-, 70er- und 80er- Jahren hat die Volksschule drei wesentliche Veränderungen durchgemacht.

        1.
        Kinder wurden jetzt als Menschen betrachtet und als Individuen respektiert. Ihre besondere Schutzwürdigkeit wurde allgemein erkannt und akzeptiert.
        Vorher herrschten viele Lehrer despotisch und tyrannisch und entsprachen damit durchaus einer Erwartung der Gesellschaft.
        https://www.youtube.com/watch?v=YR5ApYxkU-U

        2.
        Im Nachgang zur 1968 wurde die Führungsrolle des Lehrers in Frage gestellt, eigentlich war es der politische Kampf gegen das Führerprinzip und damit eine Aufarbeitung der ersten Jahrhunderthälfte; irgendwie verständlich aber auch abseits jeder pädagogischen Vernunft. Der lehrerzentrierte wurde durch den sogenannt schülerzentrierten Unterricht abgelöst. Vorzeigen-Nachmachen, Erklären-Fragen-Verstehen, das galt plötzlich als unfein. Die verächtliche Abwertung dieser effizienten Methoden lebt heute im Begriff Mansplaining wieder auf. Das Lehrerpult wanderte nach hinten, das Vorbild wurde unsichtbar gemacht, die Verantwortung für die Ergebnisse ging vom Lehrer zum Kind über, der gütige und rollenbewusste Chef wurde zur Unperson. Es war und ist die totale Überforderung der Kinder, über lange Zeit von einer akademisierten Lehrerbildung gepusht. Das sogenannte selbstgesteuerte Lernen erschöpft sich im Ausfüllen von vorgekauten A4-Blättern, brave Sekretärinnenarbeit, keine Auseinandersetzung, keine Reibung, keine Wärme, nichts für Jungen, nichts für Männer.
        Zum zielgerichteten Unterrichten braucht es 33% Menschenbildung, 33% gesellschaftliches Bewusstsein und 33% handwerkliche Routine. Akademisches Wissen ist vernachlässigbar, wenn nicht kontraproduktiv.

        3.
        In meiner ersten Klasse waren 43 Kinder. Dafür standen 34 Lektionen zur Verfügung, davon 30 bei mir. Mit Ausnahme der Zensuren- und Absenzenlisten führte ich keine Akten. Keine Schulpsychologie, keine Sozialarbeit, keinerlei Therapieangebote. Dass es dann Unterstützung für die Schwächsten gab, war zwar erst einmal hilfreich. Aber das Helfersystem hat die Tendenz auszuufern, die verqueren Methoden treiben immer mehr Kinder in seine Arme und dort werden sie zu einer Verlaufsakte. Die Pädagogik kennt Menschen, die Psychologie kennt Fälle. Gelernt haben die Menschen schon Jahrtausende bevor es Schulen gab. Der zuversichtliche Pädagoge begleitet, was im Menschen schon angelegt ist. Er hat Arbeit, solange es Kinder gibt. Der Therapeut heilt. Er hat Arbeit, solange es Patienten gibt.

        Und zum Schluss dieser vielen Worte die eigentliche Nachricht:
        Ich habe mich mit meiner pädagogischen Grundhaltung nie aufgegeben, nicht als Lehrer an verschiedenen Stufen und auch nicht als Schulleiter einer sogenannten Brennpunktschule. Das sinkende Prestige des Berufstandes hat mich zwar gestört, aber diese Talsohle ist seit über zehn Jahren durchschritten. Mein persönliches Ansehen war immer hoch. Die Menschen egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft und welchen sozialen Standes haben mich dafür respektiert, dass ich für alle da war, und die Schlaueren unter ihnen haben sogar begriffen, dass die Volksschule der sichere Sockel ist, auf dem jede demokratische Gesellschaft aufbaut.

        Unterrichten heisst Hinstehen, Führen und Verantworten. Es ist Zutrauen und Zuwendung. Es ist Engagement und Arbeit an einem gesellschaftlichen Ideal. Es ist Niederlage und Wiederaufrappeln.

        Dafür braucht es Männer mit Eiern.
        Die schaffen es auch mit den Buben.

  • Das ist ein Problem. Damit soll man etwas machen. Dass es in Deutschland Leute ohne Schulabschluss gibt, wusste ich nicht. Jeder soll midestens einen Schulabschluss besitzen.

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