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Die seltsamen sechs Könige

geschrieben von: Lucas Schoppe

Eine Weihnachtsgeschichte

Immerhin eine Krippe, dachte Josef, so musste das Kind nicht auf dem Boden schlafen. Der Kleine lag auf dem Stroh in eine Decke eingehüllt, Maria saß mit müdem Gesicht neben ihm. Mehr als diesen Stall hatten sie nicht für ihr Kind, trotzdem hatte er das Gefühl, dass seine Frau und das Kind leise strahlen würden vor Glück. So wie er selbst.

Das Kind lachte im Schlaf, als würde es sich auf etwas Lustiges freuen. Da hörte Josef laute Stimmen, die er nicht kannte und die nicht zu den Hirten vor dem Stall gehörten. Auch Maria hatte das Gesicht zur Tür gewandt, verärgert über den Lärm, als drei Menschen hereintraten.

Sie redeten noch lauter, als sie das Kind gesehen hatten, einer schüttelte den Kopf, eine andere beklagte die schlechte Beleuchtung, eine Dritte hob mit ausgestrecktem Arm ein glänzendes Gerät in die Luft und erklärte, dass es hier keinen Empfang gäbe. Alle drei trugen ungewöhnliche Kleidung, und nicht nur wegen der Kronen, die sie auf den Köpfen trugen, sahen sie wohlhabend aus. Wie ein König und Königinnen.

Sie sprachen so, als ob sie es gewohnt wären, dass andere ihnen zuhörten, und eine der Frauen wandte sich nun an Maria. Wir haben euch etwas mitgebracht, sagte sie.

Ratschläge, sagte der Mann.

Listen and believe, sagte die andere Frau.

Als hätte die Welt wirklich noch auf noch ein Kind gewartet, sagte der Mann, für die CO2-Bilanz ist das absolut beschissen.

Hashtag birthstrike, sagte die Frau mit dem Gerät in der Hand, aber hier ist ja nichtmal Empfang.

Ich versuch trotzdem mal ein Bild zu machen, sagte die andere Frau, holte auch ein Gerät aus ihrer Tasche, die sie über die Schulter trug, stellte sich neben die Krippe, hielt ihr Gesicht direkt neben das Gesicht des Kindes und blickte lächelnd in das Gerät, das sie mit ausgestrecktem Arm in der Hand hielt. Als sie wieder aufstand, war ihr Lächeln verschwunden.

Josef und Maria schauten sich an, erstaunt und verwirrt, und gerade als Josef aufstand, um die drei seltsamen Könige aus dem Stall herauszuschmeißen, kam ein Hirte herein und sprach die drei Gestalten leise an.

Geht jetzt und lasst den Jungen schlafen.

Hast du ernsthaft gerade sein Gender assumed? fragte der König laut und sichtlich empört.

Was? fragte der Hirte.

Das Kind ist gerade auf der Welt, und schon wird es in die heterosexistische Matrix hineingepresst, sagte die Königin mit der Tasche zum Hirten, offensichtlich wütend. Tu nicht so, als wüsstest du nicht, was du tust. Heterosexistische Kackscheiße.

Könnt ihr bitte leiser sein, der Kleine schläft, flüsterte der Hirte.

Und nochmal. Check deine Privilegien, sagte die Königin zum Hirten und drohte damit, ihm ihre Krone an den Kopf zu werfen.

Ich weiß nicht, was du damit meinst.

Sich seiner Privilegien nicht einmal bewusst zu sein ist das sicherste Zeichen dafür, dass man sie hat, sagte die andere Königin.

Das begreifst du aber natürlich nur, wenn du PoCs wie mir auch mal zuhörst, anstatt mich zu silencen, sagte der König und schrie nun fast. Ich hab das so satt!

Seit wann bist du Weißbrot denn eine PoC? fragte die Königin mit der Tasche amüsiert.

Ach, jetzt kommt die Not-black-enough-Karte, oder was? fragte der König und lächelte schräg. Ist dir offenbar ganz egal, dass damit Marginalisierte gegeneinander ausgespielt werden, um die weißen Machtstrukturen zu reproduzieren. Willst du als Weiße definieren, wer PoC ist und wer nicht? Das können logischerweise nur PoCs selbst definieren. Wie ich halt.

Josef verstand nicht, was der Mann sagte, hatte aber Angst um das Kind, und er sah, dass es Maria ähnlich ging. Geht jetzt alle raus, ihr weckt das Kind auf! sagte er und gab sich Mühe, nicht laut zu werden.

Vielen Dank, Random Man, deine Meinung ist notiert, sagte eine der Königinnen, und Josef wusste nicht, warum sie dabei so spöttisch klang.

Ist das der Samenspender? fragte die andere Königin, während sie Maria ansah.

Lass dir das von ihm nicht bieten, sagte der König und sah ebenfalls Maria an. Solche Typen wollen Rechte ohne Pflichten, und sie normalisieren damit das historische Erbe hegemonialer Männlichkeit, obligatorischer Heterosexualität und Homophobie.

Der Entwicklung postpatriarchaler Familienformen ist es jedenfalls nicht dienlich, dass er hier rumsteht, sagte die Königin mit der Tasche zu Maria.

Die patriarchalische Struktur der Ehe und Kleinfamilie verbindet in ihrem Kern die sexuelle Unterwerfung der Frau mit der Nachrangigkeit ihrer eigenständigen Lebensinteressen und entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten, erläuterte ihr schließlich die andere Königin, aber Maria konnte schon nicht mehr zuhören.

Raus, sagte sie, einfach raus.

Ihr habt es gehört, sagte Josef, und der Hirte versuchte, den König am Arm zu fassen und hinauszuschieben. Der aber ließ sich blitzschnell fallen, hielt sich den Arm und gab Schmerzenslaute von sich. Die Königinnen stießen den Hirten beiseite und eilten dem König zu Hilfe.

Ich fühl mich hier nicht mehr safe, sagte eine von ihnen. Wir müssen raus hier.

Schaffst du es, aufzustehen und zu gehen? fragte die andere Königin den König. Vielleicht ist draußen ja Empfang, das müssen alle erfahren, was hier abgeht. Der König nickte mit schmerzverzerrtem Gesicht, kam mühsam auf die Füße und wurde von den beiden Königinnen hinaus begleitet.

Ich hab ihm doch nichts getan, sagte der Hirte erschrocken.

Das wissen wir, sagte Josef beruhigend, danke dir.

Es sind seltsame Heilige, sagte Maria. Hoffentlich kommen sie nicht wieder.

Was meinten die damit, dass ich nicht hier sein sollte? fragte Josef. Und warum haben die mich „Samenspender“ genannt? Am Ende behauptet noch jemand, ich wär gar nicht der Vater des Kindes.

Das wär’s noch. So bescheuert wird nun wirklich niemand sein, sagte Maria und schüttelte den Kopf.

Der Junge lag währenddessen so ruhig in der Krippe, als hätte nichts seinen Schlaf gestört. Der Hirte ging wieder hinaus, um aufzupassen, ob die drei wiederkommen würden. Josef überprüfte, ob der Kleine noch richtig zugedeckt war, sah das kleine schlafende Gesicht an und hatte das Gefühl, es schützen zu müssen.

Als sie wieder laute Stimmen von draußen hörten, dachten sie erschrocken, die drei seltsamen Menschen wären zurückgekehrt. Doch die Frau und die beiden Männer, die nun in den Stall traten, sahen anders aus. Sie trugen andere Kleidung und hatten strengere Frisuren. Auch sie aber hatten kleine Kronen auf dem Kopf und sprachen so, als ob sie es gewohnt wären, dass andere ihnen zuhören.

Hier muss mal ausgemistet werden, in diesem Saustall, sagte einer von ihnen, der einen Anzug trug und eine Krawatte, auf der Bilder von Hunden abgebildet waren.

Da ist ja das Goldstück, sagte die Frau und blickte auf das Kind. Josef fand die Bezeichnung passend, aber er verstand nicht, warum die Frau dabei zynisch lachte.

Ich versuche mal, ob ich ein Bild von dem Loch hier machen kann, sagte der andere Mann und zeigte auf den Ochsen und den Esel, die im hinteren Teil des Stalls standen. Tja, die Eltern waren Geschwister und die Haustiere auch nicht weit, fügte er hinzu und lachte seltsam.

Wir haben euch etwas mitgebracht, sagte die Frau.

Einen guten Ratschlag, sagte der Mann mit der Hundekrawatte.

Und wer nicht hören will, muss fühlen, sagte der andere Mann, und es klang für Josef wie eine Drohung. Auch Maria war jetzt ganz dicht an die Krippe herangetreten und stellte sich vor das Kind.

Besorgt um die künftige Fachkraft? fragte der König mit der Hundekrawatte und lachte.

Es hat nun einmal keiner den Mut, euch die Wahrheit zu sagen, sagte die Königin. Euch braucht kein Mensch. Bleibt, wo ihr seid.

Gerade zu Weihnachten ist es wichtig, klare Worte zu finden, sagte der andere König.

Was ist Weihnachten? fragte Josef und fuhr entschuldigend fort: Wir haben es vielleicht einfach nur nicht mitbekommen, weil heute unser Sohn geboren wurde.

Jetzt kann man es nicht einmal mehr Weihnachten nennen! schrie die Königin auf, und Maria hatte das Gefühl, dass die Empörung der Königin künstlich war.

Mit den Bildern von niedlichen Kindern wird Propaganda gemacht, sagte der andere König, der beständig durch ein Gerät schaute, das ganz ähnlich aussah wie die Geräte der anderen Könige zuvor. Aber wir denken an die kleinen Mädchen, die dann später mal ausbaden müssen, dass so ein Typ zu uns kommt.

Dabei zeigte der Mann auf den schlafenden Jungen in der Krippe. Josef verstand nicht, was er meinte, aber er war wütend und sah, dass es seiner Frau ähnlich ging.

Man wollte uns mit Stumpf und Stil vernichten, erklärte die Frau. Man wollte unsere Wurzeln roden. Aber wir werden der Unterwerfung unseres Volkes nicht einfach zusehen. Es muss Schluss sein mit Politikern, denen unsere eigenständigen Lebensinteressen und Entfaltungsmöglichkeiten nachrangig sind.

Denn wer uns richten will, den werden wir richten, sagte der Mann mit der Hundekrawatte.

Raus! Geht einfach raus, rief Josef, der nun nicht mehr daran dachte, dass er den Jungen aufwecken könnte. Auch Maria stand auf und fasste die Königin am Arm, um sie herauszuschieben.

Fass mich nicht an, schrie die. Meinst du, ich will Krätze bekommen?

Von draußen kam der Hirte wieder hinein, sah sich erschrocken um und sagte dann: Sie kommen wieder.

Im selben Moment waren auch die anderen Könige in den Stall getreten, und die beiden Königsgruppen standen nun einander gegenüber und blickten einander wütend und voller Abscheu an.

Wusste ich doch, dass ihr mit Nazis paktiert, sagte die Königin mit der Handtasche und sah Maria und Josef angeekelt an.

War mir klar, dass ihr mit den Linksversifften unter einer Decke steckt, sagte der König mit der Hundekrawatte und sah so aus, als wollte er sich unbedingt die Hände waschen.

Wir mit denen? rief der König aus der ersten Gruppe. Als ob wir uns darüber freuen würden, dass noch ein alter weißer Mann mehr auf die Welt gekommen ist.

Seid leiser, er ist doch noch ganz klein, bat Maria.

Schon wieder jemand, dem erklärt werden muss, dass mit „alte weiße Männer“ keine alten weißen Männer gemeint sind, sagte eine Königin aus der ersten Gruppe und wirkte ganz entnervt dabei.

Und als ob wir uns darüber freuen würden, dass noch ein weiterer Schmarotzer und Parasit auf der Welt ist, der dem deutschen Volk das Fleisch von den Knochen fressen will, sagte ein König aus der zweiten Gruppe.

Leute, die in Menschenmengen gebrannte Mandeln fressen, haben es nunmal einfach verdient, von anderen Kulturen verdrängt zu werden, schrie ihm eine Königin  aus der ersten Gruppe zu.

Bald aber redeten die Könige aus der ersten Gruppe nur noch miteinander, und auch die Könige aus der zweiten Gruppe redeten nur noch miteinander, und sie zeigten dabei manchmal auf die andere Gruppe, dann auf Josef, auf Maria, auf das Kind oder auf die Hirten, von denen nun noch mehr besorgt in den Stall traten. Je mehr sie redeten, desto lauter wurden sie. Josef konnte bald nicht mehr verstehen, was sie sagten, aber er hatte das Gefühl, dass sich dieselben Wörter und Sätze immer wieder wiederholten.

Maria stand neben dem Kind an der Krippe und winkte den Hirten zu, die nun vorsichtig zwischen den Königen hindurch zu ihr gingen und sich zwischen Könige und Krippe stellten. Plötzlich aber stemmte das Kind seine Beine in die Luft und schrie, so laut, dass sogar die Könige verstummten.

Dann war der Junge wieder still und schlief lächelnd weiter, als wäre nichts geschehen. In die Stille hinein sagte Josef: Raus jetzt!

Raus! sagte auch Maria, und einer der Hirten ergänzte: Ihr hab es gehört.

Hater, sagte einer der Könige.

Wir lassen uns nicht den Mund verbieten, sagte ein anderer.

Aber sie gingen hinaus. Hier ist noch immer kein Empfang, sagte eine der Königinnen, als sie draußen waren. Dann hörten Maria, Josef und die Hirten nur noch, wie sich die Stimmen immer weiter entfernten.

Was war das denn? fragte einer der Hirten.

Gestalten aus irgendeiner schrecklichen anderen Welt, sagte Maria.

Hoffentlich kommen sie nicht wieder, sagte Josef.

Der Junge aber schlief, und als seine Eltern ihn anschauten, lachte er im Schlaf, als würde er sich auf etwas Lustiges freuen.

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