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Spalten statt versöhnen

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Streit um das Umweltsau-Lied und die Selbstzerstörung linker Politik 

„Versöhnen statt spalten“ war 1987 das Wahlkampfmotto des SPS-Spitzenkandidaten Johannes Rau. Auch wenn er damals die Wahl gegen den Kanzler Helmut Kohl verlor, war die SPD damals immerhin noch nicht zur Kleinpartei geschrumpft. 

Die erregte Debatte um das Umweltsau-Lied, das der WDR von einem Kinderchor hat singen lassen, auf seiner Webseite veröffentlicht und dann gleich wieder zurückgezogen hat, zeigt im Kleinen, warum es linker Politik schadet und nicht nützt, wenn Linke heute eher auf Spaltung als auf Versöhnung setzen.

Das lässt sich jenseits von Rechts-Links-Verortungen, auf die ich mich hier aufgrund meines eigenen Hintergrundes beziehe, leicht auf demokratische Politik insgesamt übertragen. 

 

Ehrliche Makler und rechte Trolle: Zur Vertrauenswürdigkeit linker Politik

Ich habe hier im Blog ja schon mehrfach beschrieben, dass ich in einer stark politisierten Familie aufgewachsen bin, die seit mehreren Generationen sozialdemokratisch war. Meine Mutter erzählte, dass ein wesentlicher Grund für die Loyalität zur SPD in ihrer Familie die Erfahrung war, dass Sozialdemokraten „ehrliche Makler“ gewesen wären: Sie hätten sich für Arbeiter eingesetzt, ohne ihnen falsche Versprechungen zu machen.

Das mag Verächtern der Sozialdemokratie naiv erscheinen, und das ist es angesichts des heutigen Zustands der SPD auch, es hatte aber gute Gründe. Zumindest auf kommunaler Ebene haben offenbar viele Menschen einst vertrauenswürdige Sozialdemokraten erlebt, und das war ganz besonders wichtig für Menschen, die oft das Gefühl hatten, für dumm verkauft oder betrogen zu werden.

Mein Ergebnis beim Politnavi. Der Fachmann erkennt hier augenblicklich den Nazi-Troll – unter der Voraussetzung natürlich, dass auch in der Politik Rot und Grün Braun ergeben.

Gerade jemand, der eine Politik für Menschen machen möchte, die benachteiligt sind, und der ihnen nicht einfach nur Ressentiments und Verbitterung servieren will – der muss vertrauenswürdig sein. Er, oder sie, muss nämlich davon ausgehen, dass diese Menschen schon vieles erlebt haben, was sie mit gutem Grund misstrauisch werden lässt.

Wenn heute Akteure, die sich für links halten, auf die Vertrauenswürdigkeit ihrer Standpunkte überhaupt keinen Wert legen, dann zeigt sich darin auch die Entfernung von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, die sie zu vertreten vorgeben. Die erbittert umkämpfte Farce um das Umweltsau-Lied des WDR ist dafür ein kleines, aber eindrucksvolles Beispiel.

Seltsamerweise spielt dabei die naheliegende Frage kaum eine Rolle, welche Gründe es denn eigentlich haben könnte, dass das Lied so unmäßig diskutiert wird.

Die behauptete satirische Absicht jedenfalls konnten viele offenbar deshalb nicht erkennen, weil der dort erhobene Vorwurf – die ältere Generation der Umweltsäue würde den Jüngeren die Zukunft zerstören – im Kontext von Fridays For Future viel zu oft schon ernsthaft erhoben wurde, als dass sie hier noch ernsthaft als Satire interpretiert werden könnten.

Stefan Niggemeier zeigt, dass das Lied schon im November bei „Satire deluxe“ gespielt wurde (hier bei 0:34:28). Dort aber stellte der Kontext klar, dass die Beschimpfung einer Oma als „Umweltsau“ eine Satire auf Fridays for Future war. Auch diese naheliegende Frage aber stellt kaum jemand: Was ändert sich, wenn das Lied ganz ohne Kontext nicht von zwei erwachsenen Satirikern, sondern von einem Mädchenchor gesungen wird?

Dass viele Menschen hier böse Absicht, Instrumentalisierung von Kindern und politische Indoktrination vermuteten, zeigt vor allem, wie enorm politische Debatten mittlerweile von Misstrauen geprägt sind: Anstatt dem WDR zuzugestehen, möglicherweise schlicht einen etwas dämlichen Fehler gemacht zu haben, hatten viele Kritiker keinen Zweifel, dass das Lied Teil einer politischen Agenda ist, in der ausgerechnet das Gros der verbliebenen Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Sender – nämlich Menschen älterer Generationen – verhöhnt wurde.

Anstatt aber diesem Misstrauen zu begegnen, zementierten die Verteidiger des Umweltsau-Liedes die aufgerissenen Schützengräben und lancierten, die Empörung über das Lied sei ein Werk einer „rechten Trollarmee“ gewesen. Mit der Löschung des Liedes aus der Mediathek habe der WDR-Intendant Buhrow vor einer rechten Kampagne gekuscht. Der Spiegel und der WDR (nur noch bis zum 11.1. verfügbar) präsentieren ohne kritische Distanz „Analysen“, in denen die Debatte als gezielte rechte Kampagne dargestellt wird.

 

Zwei Analysen, die alle wichtigen Fragen vermeiden

Der Blogger „stefanolix“ hat in zwei Beiträgen diese Analysen auseinandergenommen und gezeigt, dass die Behauptungen in keinem Fall begründet waren. Aus den Daten von Luca Hammer, auf dessen „Datenanalyse“ sich der Spiegel beruft, ergibt sich sogar das glatte Gegenteil der Behauptung eines Einknickens vor einen rechten Shitstorm: Ganz eindeutig sind die weitaus meisten Tweets, die er verarbeitet, erst nach der Löschung des Liedes verfasst worden.

Auskünfte zu den zugrundeliegenden Daten gibt Luca Hammer ebenso wenig wie Philip Kreißel, dessen Datenauswertung vom WDR verwertet wird. Allein der Spiegel-Artikel, der auf Hammers Daten basiert, nennt in einer ursprünglichen Version ganze zwei Accounts namentlich – und liegt damit gleich zu mindestens 50% daneben, weil einer davon in der fraglichen Zeit nachweislich gesperrt war.

Vage bleiben auch die Kriterien, warum Twitter-User als „rechts“ eingeordnet werden. Hier rächt sich, dass Hammer und Kreißel auf einen unverzichtbaren Teil von Diskursanalysen verzichten – nämlich auf die inhaltliche Analyse des Umweltsau-Lieds und der Reaktionen darauf. So können sie dann jedoch  die Rede von einer „Kampagne“ überhaupt nicht begründen und auch nicht die Unterstellung, die Kritik am Lied wäre rechts.

Sie begründen ihre Einordnung lediglich mit Interaktionen zwischen Accounts – wobei noch nicht einmal klar ist, ob dabei User andere User retweetet haben oder von ihnen retweetet wurden, oder ob Antworten und Kommentare kritisch oder zustimmend waren.

Nun ist es jedoch keineswegs überraschend, dass Menschen im Netz mit anderen Menschen vernetzt sind, also User kennen, die User kennen, die Unser kennen, usw. Überraschend ist allerdings das Bild, dass sich aus der Datenverarbeitung von Luca Hammer ergibt: das eines deutlich gespaltenen Diskurses, in dem zwei Gruppen jeweils unter sich über das Umweltsau-Lied diskutieren, während es kaum Interaktionen zwischen ihnen gibt.

Ausriss aus dem Spiegel-Artikel mit den Clustern aus Luca Hammers Datenanalyse. Die Cluster sind auch im Spiegel-Original kaum besser lesbar.

Das ist erstens deshalb ein Problem, weil es laut Rundfunkstaatsvertrag zu den grundlegenden Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört, „den gesellschaftlichen Zusammenhalt (…) fördern“ zu müssen (§11.1). Ganz offensichtlich hat der WDR mit seinem Lied eben das Gegenteil erreicht – was noch dadurch verstärkt wird, dass nur in einer der genannten Gruppen mit Jan Böhmermann, Mario Sixtus oder Patrick Gensing öffentlich-rechtliche Mitarbeiter prominent an den Diskussionen beteiligt sind.

Seltsamerweise aber fragt niemand der Analytiker, wie denn eigentlich eine so überraschende, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag zuwiderlaufende Spaltung des Diskurses überhaupt möglich ist. Es liegt nahe, dass hier Blocklisten eine Rolle gespielt haben könnten, wie sie Jan Böhmermann besonders prominent zusammengestellt hat – aber auch das ist nur eine Vermutung, die mit Daten untermauert oder widerlegt werden müsste.

Doch auch noch andere naheliegende, wichtige Fragen werden von Hammer oder Kreißel schlicht nicht gestellt. Da die Diskussion erst nach der Löschung und den ersten massenmedialen Berichten zum Song eskalierte, gehörte es eigentlich dazu,  zu untersuchen, wie groß denn eigentlich der Beitrag der Massenmedien zur Debatte war. Auf den ersten Blick war ihr Einfluss enorm, und es wäre auch über den konkreten Fall hinaus wichtig und interessant zu erfahren, wie das Agieren von Massenmedien die Dynamik sozialer Netzwerke prägt.

Weder Hammer noch Kreißel stellen zudem eine Frage nach dem Einfluss des misslungenen Krisenmanagements des WDR. Shitstorms wie der um den Smoothie-Produzenten True Fruits legen nahe, dass es ein Fehler ist, bei aufkommender Kritik schnell zurückzustecken, und dass es lohnend sein kann, sich durch mediale Aufregung nicht beeindrucken zu lassen. Es ist also sehr gut möglich, dass das Löschen des Liedes die Aufregung eher befeuert als gemildert hat – aber auch das ist ohne eine inhaltliche Analyse der Beiträge nicht zu klären.

Völlig außer Acht lassen Kreißel und Hammer auch, dass gleich mehrere Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Debatte nicht etwa moderiert, sondern lustvoll weiter eskaliert haben. Hier wäre es wichtig gewesen zu untersuchen, ob sich Aufregungen nicht auf das Lied selbst, sondern auf diese nachgeschobenen Abwertungen von Kritikern bezogen.

Es fehlt schließlich auch eine Einschätzung der Bedeutung des untersuchten Mediums Twitter, in dem immerhin nur ein Bruchteil der Deutschen aktiv ist. Damit kann eine rechte Bedrohung weit überschätzt werden, wenn einige besonders engagierte Akteure die Debatte prägen, wie das ja zum Beispiel das rechtsidentitäre Ein-Prozent-Projekt anstrebt. Es ist aber auch möglich, dass Linke ein paar hundert oder tausend Likes mit der Zustimmung der Bevölkerung verwechseln.

Der Eindruck ist also insgesamt nicht von der Hand zu weisen, dass Kreißel und Hammer alle Fragen vermeiden, die zwar zur Klärung der Debatte unverzichtbar wären, die aber nicht zu ihrer Ausgangsthese einer „rechten Kampagne“ passen. Das ist umso gravierender, als damit Menschen, die sich über eine Betitelung als „Umweltsäue“ aufregten, dann noch dazu als Nazis oder als rechte Trolle hingestellt wurden – millionenfach verbreitet von Großinstitutionen wie dem Spiegel oder dem WDR.

Noch effektiver lässt sich Vertrauen kaum zerstören.

 

Discounterfleisch und bodenlose Inkompetenz: Soziale Verachtung als linke Politik?

Bei aller Behauptung einer „Initiierung und Amplifizierung“ der Debatte durch Rechte ignorieren Kreißel und Hammer auch galant, dass einige der meistverbreiteten Twitter-Beiträge von Verteidigern des Liedes stammten. Ein Thread, der besonders viel Zustimmung erhält, stammt von einem Aachener Literaturprofessor, dessen Abfolge von Tweets sich im Wesentlichen darauf beschränkt, wütend darzulegen, dass es den Kritikern des Liedes „bodenlos“ selbst noch an basalen Fähigkeiten zur Interpretation von Texten fehle.

Tatsächlich ist natürlich auch seine eigene Position angreifbar, die er übrigens bei aller Wut überhaupt nicht formuliert, die ich hier aber wohlgesonnen rekonstruiere. Natürlich bezieht sich Literatur, auch ein Lied, anders auf die politische und soziale Wirklichkeit als etwa eine Nachricht oder ein Tagesthemen-Kommentar – darauf zielt der Professor wohl ab. Trotzdem ist es völlig rational, wenn wir dann und wann auch Lieder als politische Kommentare interpretieren.

Nun wäre es eigentlich eine Aufgabe eines Intellektuellen zu  analysieren, welche Faktoren zur erregt gespaltenen Interpretation eines kleinen Liedes führen, und vielleicht auch zu fragen, ob sich in dieser Spaltung des Diskurses womöglich soziale Spaltungen ausdrücken. Statt diese Spaltungen aber zu analysieren, reproduziert und vertieft der Professor sie, indem er die Akteure der Gegenseite als tumbe Toren darstellt und das mit seiner eigenen akademischen Position beglaubigt.

Die herablassende Verachtung gegenüber Kritikern des Lieds, die hier kaum verhohlen auch eine Verachtung des Pöbels ist, demonstriert besonders prominent und unter großem Beifall Jan Böhmermann: Wer sich jeden Tag billiges Discounterflisch aufbrate, wäre eine Umweltsau.

Dass hier ausgerechnet Akteure, die sich für links halten, von oben herab soziale Verachtung vorführen, ist natürlich gerade für linke Politik fatal. Interessant ist gleichwohl, was geschieht, als ein kleiner Account die neo-feudale Haltung Böhmermanns scharf angreift. Ein User aus einer kleinen philosophisch orientierten Twitter-Community zitiert Böhmermann und kommentiert: „Erstick an deinem Sozialchauvinismus, Jan Böhmermann!“

Böhmermann retweetet für seine 2,2 Millionen Follower diesen Kommentar kommentarlos, und von denen melden so viele den kleinen Account mit knapp 650 Followern bei Twitter, dass die Plattform ihn für 12 Stunden sperrt.

Natürlich ist das nicht ohne Komik: Böhmi und seine Follower machen sich über Menschen lustig, die es nicht komisch finden, wenn ein öffentlich-rechtlicher Kinderchor Omas als Umweltsäue bezeichnet – und dieselben Menschen sind in demselbem Moment davon überzeugt, dass es selbstverständlich nichts als eine ernsthafte Gewaltdrohung sein kann, wenn jemand dem Moderator wünscht, an seinem Sozialchauvinismus zu ersticken.

 

Selbstreflexion? Brauch ich nicht, ich bin schon reflektiert

Noch etwas anderes aber ist auffällig an dieser Episode: Böhmi und seine Anhänger merken bei allem Kampf gegen rechts offenbar nicht, dass diese Kritik ausdrücklich von links kam. Die Überzeugung, selbst irgendwie immer schon links und aufgeklärt zu sein, lässt sich durch solche Petitessen nicht erschüttern.

Vor allem interessiert sich niemand dafür, wie knallhart der Moderator seine überlegene Position nutzt, die ihm durch seinen öffentlich-rechtlichen Sender ermöglicht wird. Bei 2.200.000 Followern gegen 648 Follower muss er seine Anhänger nicht einmal explizit zum Handelns auffordern, sondern kann sich darauf verlassen, dass gewiss ausreichend viele von ihnen reagieren werden. Es reicht, wenn er ihnen ein Ziel markiert.

Wer eine solch erhebliche, institutionell abgesicherte Machtdifferenz so bedenkenlos nutzt und sich zugleich als irgendwie links und irgendwie als Kämpfer der Marginalisierten präsentiert, der ist entweder ein Lügner, oder es fehlt ihm an Selbstreflexion.

Nach George Herbert Mead brauchen wir den Blick der anderen, um uns unserer selbst bewusst werden zu können. Das gilt auch für Menschen, die andere lediglich als Trolle oder als Feinde wahrnehmen.

Auch die Bildung, die der oben zitierte Professor und viele andere so stolz von oben herab demonstrieren, hört zielsicher immer rechtzeitig auf, Bildung zu sein, sobald sie in Selbstreflexion umzuschlagen droht.

Das gilt auch für die farcehafte Affäre insgesamt. Kein Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kommt auf die Idee, dass die Aufregung möglicherweise auch deshalb so unmäßig hochkochte, weil die Öffentlich-Rechtlichen sich schon seit Jahren der Diskussion darüber entziehen, wie Rundfunkbühren von 8 Milliarden Euro jährlich eigentlich noch gerechtfertigt werden können. Dabei hat ein Gutachten eines Beirats des Bundesfinanzministeriums diese Legitimation schon 2014 angezweifelt (das Gutachten war vor wenigen Tagen noch auf der Seite des Finanzministeriums als pdf-Datei verfügbar, nun habe ich es dort nicht mehr gefunden).

Die Unfähigkeit zur Selbstreflexion ist jedoch besonders fatal bei gesellschaftlichen Eliten, die sich selbst diffus für links halten: Zwischen dem Anspruch einer progressiven und aufklärerischen Politik und der eigenen institutionell abgesicherten Machtposition nehmen sie damit eigene Widersprüche nicht wahr, die für andere unübersehbar sind.

 

Die vier apokalyptischen Deppen der Linken

Auch in der fehlenden Selbstreflexion zeigt sich eine Spaltung öffentlicher Debatten. Wer sich in einem eng umgrenzten Umfeld beständig Bestätigungen des eigenen Selbstbildes besorgt und wer es nicht mehr gewohnt ist, sich selbst aus der Perspektive ganz anderer, kritischerer Menschen wahrzunehmen – der hat dann eben auch gar keinen Anlass mehr, kritisch über sich selbst zu reflektieren.

In der Umweltsau-Debatte und ihrer Auswertung zeigt sich diese Spaltung auch in einer Verweigerung des Dialogs. Obwohl beispielsweise gleich mehrere User – darunter die Philosophieprofessorin Sabine Döring und der Professor für Computerwissenschaften Florian Gallwitz – bei Twitter freundlich und sachlich nachfragen, auf welcher Datenbasis denn Hammer und Kreißel zu ihren Ergebnissen kommen, bleiben die konsequent eine nachvollziehbare Antwort schuldig.

Orchestriert wird diese Spaltung durch rhetorische Freund-Feind-Muster. Wer davon redet, dass „eine Trollarmee gegen die Sender zu Felde zieht“, benutzt seinerseits ein militärische Vokabular für die Beschreibung von Diskursen, das eine Verständigung ausschließt. Die Akteure, die auf der Gegenseite verständigungsbereit sind, kommen in dieser Logik dann gar nicht mehr vor – oder sie erscheinen als nützliche Idioten, die sich von den Trollen funktionalisieren lassen.

Wer sich aber so auf Freund-Feind-Muster fixiert und nicht mehr einräumt, dass sich im Diskurs alle Gruppen aus unterschiedlichen Perspektiven auf eine gemeinsame Wirklichkeit beziehen, der verliert selbst seinen Realitätsbezug. So verstricken sich denn eben auch öffentlich-rechtliche Akteure – und wir mit ihnen – in erbitterte interne Debatten um ein Kinderlied, während wesentlich wichtigere Debatten um die ökonomische Zukunft des Landes und die Organisation sozialer Gerechtigkeit schlicht ausbleiben.

Die Parteien verlieren zudem in diesen Spaltungen ihre Mehrheitsfähigkeit, auf die linke Parteien besonders angewiesen sind. Denn die Konzentration auf die Belange kleiner Minderheiten kann sich nur eine Partei leisten, die für eine gesellschaftliche Elite agiert – denn deren Position ist so stark, dass sie ihre Belange auch ohne Mehrheiten durchsetzen kann.

Wer sich hingegen für Menschen einsetzen möchte, die in einer Position der Schwäche agieren müssen – der ist chancenlos, wenn er keine Mehrheiten organisieren kann. Das wiederum ist nur dann möglich, wenn verschiedene gesellschaftliche Milieus miteinander vermittelt werden, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.

So farcehaft die Debatte um das Umweltsau-Lied also auch sein mag, macht sie doch in einem kleinen, übersichtlichen Rahmen klar, wie heute eine demokratische linke Politik bekämpft wird – nicht nur von Rechten, sondern auch von Akteuren, die sich selbst für links halten.

Es sind keine apokalyptischen Reiter der Linken, die hier toben, das wäre viel zu pathetisch. Zur Farce passt eher ein Bild der vier apokalyptischen Deppen: Unehrlichkeit – elitäre Verachtung  – fehlende Selbstflexion – und die Lust an gesellschaftlichen Spaltungen.

 

Nachtrag: Ich habe den Account zum „Sozialchauvinismus“-Tweet unlesbar gemacht, weil der User nach den massiven Reaktionen, die er von Böhmermann-Fans erhalten hatte, den Tweet selbst „gemutet“ – also nicht gelöscht, aber zurückgezogen – hatte.

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18 Comments

  • Ich habe mich gleich mal per politnavi verortet und bin tatsächlich etwas weiter links als du, Lucas. Ich darf dich deshalb mit Fug und Recht als Rechten bezeichnen, denn links und rechts sind bekanntlich Relativbezüge. 🙂

    Ich bin völlig deiner Meinung, dass in einer Analyse und Kritik des gegenwärtig tobenden Wahnsinns die Rolle der etablierten Massenmedien nicht ausgespart werden kann. Sie sind, allein schon durch ihre Reichweite und ihren penetranten Missionierungsdrang Hauptakteure der Spaltung. Haben wir im Jahr 2020 jetzt endlich „peak-nazi“ erreicht oder lässt sich das noch steigern?

    Als besonders ärgerlich empfinde ich die Inkonsistenz in der Argumentation. Wer die Auffassung vertritt, dass das N-Wort doch eigentlich nur „Mensch mit dunkler/schwarzer Hautfarbe“ meine, dem wird gesagt, dass es darauf ankäme, was der Betroffene wahrnehme – in diesem Fall würde es als Beleidigung aufgefasst und nur darauf käme es an. Das ist soweit nachvollziehbar, gilt aber beim Omagate plötzlich nicht mehr. Da hat sich gefälligst keiner beleidigt zu fühlen, weil es ganz anders gemeint war. Diese Inkonsistenz nervt.

    Die Handhabung des „Omagate-Skandals“ durch den WDR war ein kommunikativer Supergau. Hätte sich der Liedtexter erklärt und glaubhaft versichert, dass er etwas ganz anderes im Sinn gehabt habe als Kritik an den Älteren, dann wäre die Sache nicht so hochgekocht. Allerdings fällt es mir einigermassen schwer, Omagate als satirische Kritik an den Klimaaktivisten zu deuten. Es überzeugt schon gar nicht, wenn der Kritik entgegnet wird, dass es ja stimme, die Alten seien doch Klimasäue. Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen.

    Ich habe keine Zweifel, dass die Kritik am WDR mehr von konservativer Seite stammt, dass es eine positive Korrelation „konservativ-Kritik am WDR/ÖR“ gibt. das ist naheliegend, sagt aber inhaltlich rein gar nichts aus, ist aber für sehr viele Grund genug, sich mit der eigenen politischen Sippe zu verbünden. Was danach folgt sind lediglich konditionierte Reflexe. Omagate und die Reaktion des WDR haben das sehr deutlich aufgezeigt. Man triggert den konditionierten Reflex, indem man die Kritik als rechts (was mittlerweile als rechtsradikal gedeutet wird) etikettiert. Ganz schwache Leistung des WDR.

  • Ein sehr gelungener Artikel. Sollte jedem Beteiligten einmal zur Lektüre gegeben werden! Schade, dass sowas nicht mal in großen Zeitungen zu finden ist!

  • Für mich ist #OmaGate ein Musterbeispiel dafür, wie vergiftet das Debattenklima derzeit ist. Und ja, ich teile Pjotrs Einschätzung, dass gerade die Mainstreammedien einen Löwenanteil an dieser Vergiftung tragen.

    Ich wage zu behaupten, dass sich noch vor zehn Jahren keine Sau über das Lied aufgeregt hätte. Man hätte es als irgendwie verunglückten Versuch betrachtet, mal so richtig witzisch sein zu wollen, aber damit wär’s das auch gewesen.

    Inzwischen haben wir aber eine andere Gemengelage. Die Satire kauft in der tatsächlichen Bedeutung des Begriffes gerade dem ÖR keiner so recht ab, denn was sollte da denn sonst im Sinne echter Satire aufs Korn genommen werden, als der vollkommen verblödete, auf billige gruppenbezogene Schuldzuweisungen beschränkte Grundtenor der FFF-Demos, indem man ihn in dem Lied absurd überspitzt? Gerade die ÖR-Anstalten, die eben diese Kiddy-Bewegung vollkommen distanz- und kritiklos feiern, Sprechblasenmassenproduzenten wie Luisa Neubauer zu Ikonen hochstilisieren, sollen einen eben gegen den Duktus dieser Pappnasen gerichteten Satirebeitrag bringen? Das glaubt einfach keiner. Das erscheint genauso abwegig wie die Vorstellung, im DDR-Fernsehen hätte man mal so richtig die SED durch den Kakao gezogen.

    Es herrscht nun einmal ein Debattenklima, das man schon ohne Übertreibung als Pulverfass bezeichnen kann. Selbst der unwichtigste Blödsinn wird als Anlass erheblicher Empörung genommen, einfach weil dies nun mal im Kontext der vorhandenen Diskussionskultur, welche erheblich von den Medien geprägt wird, stattfindet. Viele Menschen sind es offensichtlich mehr als satt, von selbsternannten Weltverbesserern, deren umfassende Weltfremdheit aus jeder zur Papier gebrachten Silbe trieft, belehrt zu werden über Dinge, über die sie selbst erkennbar deutlich besser Bescheid wissen. Und das Thema Klima ist nun einmal derzeit ein besonderes Reizthema, nicht zuletzt weil auch hier die tatsächliche und nachweisliche mediale Agenda zu offensichtlich ist. Es wird ein wissenschaftlicher Konsens bzgl. eines gar nahezu ausschließlich anthropogenen Klimawandels herbeifabuliert, der schlicht so nicht existiert. Dieser Konsens wird erzeugt, indem man lediglich die Wissenschaftler, die erklärt die Anthropogenität verneinen dem „Gegenlager“ zuordnet und die Masse an SERIÖSEN Wissenschaftlern, die ohne Scham zugeben, dass sie es nicht sicher wissen, werden unverblümt auf die Seite derjenigen gestellt, die die Anthropogenität angeblich bejahen. Nur so entstehen diese ominösen 99 % der Wissenschaftler, die einen menschenverursachten Klimawandel angeblich bestätigen.

    Oder warum werden wir in Endlosschleife mit dem Quatsch zugebombt, die Waldbrände in Australien stünden in zweifelsfreiem Zusammenhang mit der Klimaerwärmung? Warum kommen nicht australische Forstleute zu Wort, die verfehlter Forstpolitik die Schuld an den unkontrollierten Bränden geben und dies sogar aus ihrem Wissensfundus belegen können? Warum kommt nicht die Polizei zu Wort, die in Australien über 200 Menschen festgenommen hat, die mutmaßlich Buschbrände gelegt haben sollen? Aber was wissen die Aussies schon? Die muss man nicht fragen zu so etwas, denn Greta, Luisa und die ihnen hörigen Journaleure und Journaleusen wissen das alles viel besser und sie alle hopsen dafür, dass es ganz schnell besser und vor allem für alle teurer wird.

    Die Reaktionen auf die Reaktionen auf das Lied sind somit auch nur weiter entlarvend. Sie haben einfach keine Argumente. Da ist nichts, nada, niente, rien, nothing!!! Einfach nur: ALLES NAZIS!!! Wer nicht glaubt, wer nicht hopst, ist ein Nazi! Der Versuch, den Korridor des noch sag- wenn nicht gar denkbaren immer enger zu mauern ist unverkennbar. Es wird ein Szenario aufgezogen, das suggeriert, dass die ganze Empörung vor allem von rechten und rechtsextremen initiiert worden ist. Mit solchen Leuten will kaum einer was zu tun haben und entsprechend lässt es Menschen zurückschrecken, sich schlecht, im Unrecht, schlicht dumm fühlen, dass man solchen Leuten auf den Leim gegangen ist. Und genau auf diesen Affekt setzen derlei Inszenierungen in den Medien. Und ich bin sicher, dass dies zumindest nicht nur auf lange eingeübten und liebgewonnenen Verhaltensmustern basiert, sondern immer wieder aufs Neue eine durchaus als bösartig einzustufende Absicht dahinter steht. Die eigene Diskurshegemonie verteidigen, indem man jede auch noch so geringfügig abweichende Meinung mit möglichst abschreckenden moralischen Zuschreibungen versieht, damit sich hoffentlich so schnell keiner traut, diese Meinung doch mal auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen.

    Und all das geschieht, wie du, Lucas, richtig einwendest, im Dunstkreis von Leuten, die von all jenen, die sie immer wieder aufs Neue ohne jede Scham und Zurückhaltung beschimpfen zu dürfen glauben, in erheblichem Maße vollfinanziert werden. Und dabei fühlen sie sich nicht nur nicht dazu verpflichtet, wie du einwendest, die immensen Kosten, die sie für ihr qualitativ minderwertiges und radikal durchideologisiertes Angebot verbrennen, wenigstens einmal konkret zu begründen, nein, sie fordern unlängst bekanntlich gar, dass sie sogar noch mehr Geld von den Zwangszahlungsverpflichteten abkassieren müssten. Selbstredend wird auch diese Forderung ebenso wenig begründet, wie der schon erhebliche, so manchen Staatshaushalt übertreffende Status Quo. Sie brauchen es, weil sie es wollen und wir alle sind uns wohl sicher, dass sie es bald auch bekommen werden.

  • „Spaltung des Diskurses“

    Der Hintergrund muss der erwartete Verteilungskampf sein. Man will sich in die überlegene Position begeben, mit abgehobenem Elitarismus. Da grenzt man sich gerne vom Pöbel ab, der soll doch Kuchen essen!

    Semper divide et impera.

  • Fun Fakt, hier mal mein PolitNavi: https://paste.pics/8e3922968b9a93f4407dc2a5448cb3f8
    Und ich vertrete genau den Standpunkt den der Artikel hier vermittelt, man kann sich doch nicht aufgrund seiner politischen Grundeinstellung einem Diskurs verweigern nur weil einem die Meinung / politische Gesinnung des gegenüber nicht passt.
    Momentan wird in unserer Gesellschaft ernsthafte und fundierte Kritik mit plumpen gepöbel auf ein und die selbe Stufe gestellt nur weil die Kritik nicht ins politische Weltbild der betreffenden Person passt, dass kann doch nicht sein.
    Selbst Leute die dann doch mit den Kritikern diskutieren wird dann vorgeworfen, dass man dies ja nicht machen dürfte weil man dem Mob dann auch noch zusätzliche Aufmerksamkeit zu teil werden lässt.
    Wir müssen als Gesellschaft (auf allen Seiten) wieder viel reflektierter werden und vorallem nich alles in einen Topf werfen sondern Inhalte und Aussagen individuell betrachten.
    Was momentan zwischen den politischen Lagern an Äußerungen, Vorwürfen an die jeweilige Gegenseite gerichtet wird kommt in Teilen schon einer Sippenhaftanklage gegen die jeweilige Gesellschaftgruppe gleich…. da brauch sich nun wirklich keine mehr wundern das die Gesellschaft sich immer weiter spaltet, wir müssen nur noch 1 – 2 Jahre warten und wir haben amerikanische Verhältnisse erreicht… in diesem Sinne, mein Zukunfts-Ich sagt schon mal herzlichen Dank und Glückwünsche für eueren Erfolg an die Spalter der Gesellschaft.

  • Omagate ist im Grunde genommen ein Symptom, in dem sich die generelle Unzufriedenheit mit den öffentlich-rechtlichen Medien spiegelt. Weit entfernt davon eine Grundversorgung zu liefern, ist dieser zu einem teuren Moloch geworden, der tendenziell berichtet und schlechte Unterhaltung für die Massen liefert.

    Heute findet übrigens die Beufungsverhandlung in dem Parteiausschlussverfahren Sarrazin statt. Zugelassen sind nur SPD Mitglieder. Dies gilt auch für Journalisten. Arme SPD.

  • Ein bisschen off Topic: Wie kommen denn die Grünen im Politnavi dahin, wo ich mit meinen Ergebnissen lande? Die Grünen sind weder sozial noch liberal, sondern eine FDP mit moralinsaurem und geheucheltem grünen Anstrich.

    • Diese politischen Verortungen mittels Testfragen sind nur bedingt aussagekräftig. Da fehlt doch irgendwas, wenn man einer Partei zugeordnet wird, mit deren Politik man sich nicht identifizieren kann.

      Nehmen wir mal an, jemand habe zur Hälfte rechtsradikale Ansichten und zur (anderen) Hälfte linksradikale. Ist er dann politisch mittig? Das nur als wenig realistisches Beispiel, das aber die Problematik einer eindimensionalen oder zweidimensionalen Verortung aufzeigt. Eigentlich müsste eine korrekte grafische Darstellung multidimensional sein, was aber schon bei vier Dimensionen scheitert.

      • ich fand den Test auch „fragwürdig“. Erstens erscheinen Antworten grün=richtig, und rot=falsch, da kann mir keiner erzählen wir wären nicht darauf „geeicht“.

        Außerdem sind viele (vor allem politische) Adjektive „bedeutungsmässig“ völlig entkernt und neu besetzt worden. z.B. würde ich Herrn Schoppe nie als erstes „links“ bezeichnen. Aber wer „links grün versifft“ ohne jede Verachtung laut aussprechen kann, der werfe den ersten Stein…

  • Mein Sohn und das dreijährige Enkelkind waren über Weihnachten bei mir und als wir das Lied zum ersten Mal hörten, als die Aufregung zu köcheln begann, sind wir noch ironisch mit dem Lied umgegangen. Denn die Oma muss sich ganz sicher nicht angegriffen fühlen.

    Automatisch muss ich natürlich auch an meine Großeltern denken, grundgütig, Arbeiter, eher SPD, ganz sicher ziemlich links in ihrer politischen Einstellung. Und wenn ich mir ihr Leben wieder vorstelle: Sie haben die Depression erfahren, zwei Kriege und den Wiederaufbau mitgemacht. Sie haben genügsam gelebt und für ihre Kinder gesorgt. Dieses innere Bild vor Augen empfinde ich den Zynismus in dem Text vorgetragen durch einen Kinderchor wie ein Schlag ins Gesicht der Generation, die für mich prägend als die Fernsehgeneration im Gedächtnis verankert ist. Meine Generation und die nachfolgenden Generationen erst recht haben sich doch weitestgehend anderen Medien zugewandt.

    In der Marktwirtschaft aufgewachsen frage ich mich doch, wie kann man seine Hauptzielgruppe so vor den Kopf stoßen? Existiert da wirklich die Hoffnung in den führenden Köpfen, andere, jüngere Zielgruppen verstärkt zu einem überholten Programm und Medium zurückholen zu können? Oder wird gar ein anderes Ziel verfolgt, da man aufgrund der fixen Einnahmen durch die GEZ keinen marktwirtschaftlichen Vorgaben folgen muss. Oder ist es einfach nur Dummheit und Arroganz.

    Dann beginne ich mich aber zu fragen, muss und will ich das mit meinem verdienten Einkommen wirklich unterstützen? Will ich u. a. Leuten wie Böhmermann und Buhrow dafür mein Geld geben, dass sie mich herabwürdigen?

    Das ist mal meine ganz subjektive Meinung zu dem kleinen Skandal. Persönlich bin ich nicht betroffen, weder als Umweltsau noch als Oma. Mit einem gewissen ironischen Sarkasmus kann ich dann mit dem Lied umgehen. Indirekt fühle ich mich aber als Goldesel mißbraucht, denn gutheißen kann ich das nicht.

    Vielen Dank, Lucas, ich lese Deine Texte und den Blog wirklich gern. Und danke auch für den Link zum Politnavi. Auf der sozialistischen Achse bin ich etwas linker als Du. Allerdings – mit leichter Schnittmenge zur SPD – bin ich wesentlich konservativer eingestellt. Nur werde ich vorerst der SPD meine Stimme nicht mehr geben.

  • Ich verstehe eine Begründung oben im Artikel nicht so ganz. Dort heißt es:

    „Die behauptete satirische Absicht jedenfalls konnten viele offenbar deshalb nicht erkennen, weil der dort erhobene Vorwurf – die ältere Generation der Umweltsäue würde den Jüngeren die Zukunft zerstören – im Kontext von Fridays For Future viel zu oft schon ernsthaft erhoben wurde, als dass sie hier noch ernsthaft als Satire interpretiert werden könnten.“

    „Weil“? Ich würde eher vermuten, die behauptete satirische Absicht wurde darum von vielen Zuschauern nicht anerkannt, weil diese Leute über ein rudimentäres Verständnis der literarischen Gattung Satire verfügen.

    Typisch für die Satire ist bspw. ein soziales Gefälle, ein Machtgefälle od. dgl. Salop gesprochen: Satire geht irgendwie von unten gegen oben, oder von dem schwachen Einzelnen gegen die starken Vielen. Das funktioniert schon in der „Satire Deluxe“-Version nicht. Und es wird in der WDR-Kinderchor-Version geradezu auf den Kopf gestellt.

    Nächster Punkt: Satire ist typischerweise ein Mittel der sozialen oder politischen Kritik. Was wird denn mit dem Text dieses Liedes kritisiert? Dass Omas und Opas außerordentlich umweltschädlich agieren? Das tun sie doch gar nicht. Nur ein Beispiel: Ein großes Problem der Auto-Industrie ist die Überalterung unserer Gesellschaft: Alte Leute kaufen und fahren zu wenig Auto(s). Allgemein sind alte Leute viel weniger aktiv. Die bloße Tatsache, dass ich mitten im Arbeitsleben stehe, macht meine Öko-Bilanz deutlich schlechter als die (normaler) alter Leute. Kurz: was immer man gegen alte Leute sagen mag: Umweltsäue sind sie gerade nicht.

    Man könnte weitere Inkohärenzen zwischen der Gattung Satire und dem Umweltsau-Lied aufzeigen – ich spare mir das jetzt.

    Wie oben schon von Pjotr und von Billy Coen angesprochen: Wie immer man zu diesem Lied stehen mag – man kann es nicht als Satire interpretieren. Und wenn uns der WDR dieses Lied als Satire verkaufen will, dann verkauft er uns für dumm.

    • „Ich verstehe eine Begründung oben im Artikel nicht so ganz. “

      Weil du nicht berücksichtigt hast, dass Satire zuallererst nicht ernst gemeint ist?! Satire muss sich in ironischer Distanz zu der eigenen satirischen Sicht befinden, sonst ist sie keine. Und da absolut nicht anzunehmen ist, dass das mit der „Umweltsau“ überhaupt nicht so gemeint ist und man sich nur drüber lustig machen will, ist der Verdacht mehr als begründet, dass „Satire“ eine Schutzbehauptung ist. Umsomehr als dass lügnerische Behauptungen dieser Art üblich sind, etwa wenn das feministische Manifest „Scum“ als Satire bezeichnet wird, was in „linken“ Kreisen ja Standard ist. Daher kommt das hier auch vermutlich, sowie das vollkommen irrige Verständnis von „Satire“, etwa wenn Böhmermanns Politaktivismus irgendwie als solche verkauft wird.

      • Es ist ja nun leider schon länger so, dass vielen dieses Grundverständnis, was Satire ist, völlig abgeht. Als Satire wird alles bezeichnet, was irgendwie nicht ganz 100% ernst gemeint oder übertrieben ist. Dass Satire üblicherweise das kritisieren will, was sie ironierend überzeichnet, wird ignoriert. Und so entstehen „Satiren“, die etwas ironisierend überzeichnen, was sie im Kern unterstützen. Aus meiner Sicht geht es dabei lediglich darum, die eigene Position irgendwie diffus lustig zu verkaufen, und gleichzeitig erfolgreich gegen Kritik zu verteidigen. Denn wenn jemand kritisiert, war es eben „nur Satire“, und Satire darf schließlich alles.

  • Es war 1969 als ich nach der Maidemo am Nachmittag zum Bavariakeller ging, wo die Maiveranstaltung der APO stattfand. Der Saal war voll. Wir Burschen saßen vor der Bühne am Boden. Es wurden irgendwelche Reden über das Kapital gehalten, die ich nicht verstand. Ich hatte ein Lehrlingssalär und Taschengeld. Jedenfalls kam dann Klaus auf die Bühne und hielt eine kurze holprige Rede, in der ging es um Solidarität und darum, dass hier Reden geschwungen würden, die keinen Arbeiter interessieren würden, denn die hätten andere Probleme, nämlich Arbeitsbedingungen, Invalidenrente und Gesundheitsschutz. Der Saal lachte und als Klaus in seiner Hilflosigkeit noch holpriger wurde, denn er wollte die 68er im Saal für die Sache seiner Kollegen begeistern, lachte man noch mehr. Man lachte ihn aus. Und ich lachte mit, weil ich bei den Mehreren sein wollte.

    Dann ging Klaus von der Bühne, und es trat ein Bärtiger ans Mikrofon und sagte, er schäme sich, wie man hier einen Proleten auslachte, und wie wenig man vom Proletariat wusste und verstand. Leute wie Klaus seien die Leute, für die wir kämpfen wollen würden, doch wenn dann einer leibhaftig käme, lachte man ihn nur aus. Ja, wir alle, die Klaus ausgelacht hatten, sollten sich schämen. Betretenes Schweigen herrschte, und ich schämte mich.

    Wenige Monate später traf ich Klaus wieder in der Bayernhalle auf der Schwanthaler Höhe. Strauß hielt eine Wahlkampfrede und wetterte gegen das kommunistische Gesindel. Klaus und ich riefen von der Tribüne dazwischen und gaben ihm so noch Stichworte. Später beim Hinausgehen griffen ein paar CSUler Klaus an und wollten ihn verprügeln. Ich ging dazwischen, Ordner kamen hinzu und der Händel war vorbei. Klaus und ich schlichen uns hinaus. Wir waren die einzigen vom linken Gesindel. Die Genossen vom 1. Mai waren nicht dabei.

    Offensichtlich zählten Klaus und ich für die anderen Linken nicht zu ihrem Gesindel. Wir waren ihnen wohl zu ungebildet und zu wenig schick.

  • „Wer eine solch erhebliche, institutionell abgesicherte Machtdifferenz so bedenkenlos nutzt und sich zugleich als irgendwie links und irgendwie als Kämpfer der Marginalisierten präsentiert, der ist entweder ein Lügner, oder es fehlt ihm an Selbstreflexion.“

    Wer braucht Bosheit, wenn schon Dummheit das Handeln der Gegenseite ausreichend erklären kann ?

    Sehr schöner Artikel, wieder einmal.

    Zum Böhmi vielleicht noch die Anmerkung, dass da schon einmal ein missverstandener, deutscher Künstler mit politischem Sendungsbewusstsein existiert hat, wobei es diesmal hoffentlich nicht so „schlimm“ werden wird…

    Wobei Böhmis Aussage im ORF Interview, in dem er den österreichischen Ministerpräsidenten „dissen“ möchte, was er über dessen Alter probiert, sprich:

    „Der ist noch viel zu jung um solch ein Amt (mit soviel Macht) auszuüben. Dafür braucht man schon jemand vom Kaliber eines Macrant in Frankreich.“

    Aber war in Frankreich nicht gerade „etwas“ ? („Bürgerkrieg“ sei übertrieben, hab ich mir sagen lassen…)

    PS Und Klimaänderung, Menschengemacht, ja ,nein, oder teilweise vielleicht ?

    Neonikotinoide haben aber eine HWZ von über 365 Tagen und das Artenmassenaussterben hat dadurch auch nur an Tempo zugelegt, aber gegeben hat es das schon davor. Verursacht durch unsere Art Gesellschaft zu organisieren und zu leben.

    Warum diskutieren wir nicht darüber ?

    PS konservativ-liberaler (hätte mich selbst auch so „beschrieben“), mit „progressiver Schlagseite“ hier. Wobei der Test nix dafür kann, dass mittlerweile progressiv=intersektional = böses Schimpfwort bedeutet…

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