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Vom nützlichen Mythos der männlichen Macht

geschrieben von: Lucas Schoppe

Gestern, am 8. März, war der Internationale Frauentag: Eine Gelegenheit, spezifische Schwierigkeiten, Nachteile oder auch Leistungen von Mädchen und Frauen zu diskutieren. Wer das tut, könnte problemlos einräumen, dass Männer und Jungen in anderen Bereichen ebenso spezifische Nachteile erleben oder Leistungen erbringen.

Stattdessen erwecken Beiträge zum Frauentag wieder und wieder den Eindruck, Nachteile von Frauen würden durch männliche Privilegien verursacht, eingebettet in ein System männlicher Herrschaft. 

Unter Akteuren, die sich selbst als „links“ verstehen, ist die Vorstellung eines „Patriarchats“ oder „männlicher Machtstrukturen“ tief verankert. Gerade aber eine linke Politik und ihr traditioneller Kern der sozialen Gerechtigkeit wird durch die Fantasie umfassender männlicher Machtstrukturen erheblich behindert und in Frage gestellt.

  1. Der hilflose Mann als heilsame Provokation
  2. Von der seltsamen Haltbarkeit eines haltlosen Mythos
  3. I don’t care: Die SPD pflegt den Mythos des lieblosen Vaters
  4. Vom nützlichen Mythos der männlichen Macht
  5. Vom Nutzen alter weißer Männer
 

Der hilflose Mann als heilsame Provokation

Nach Coronavirus-Ausbreitung, Syrien-Krieg, neuen Flüchtlingsdebatten und rechtsradikalem Terror ist es nicht einfach, sich noch auf familienpolitische Themen zu konzentrieren – auch wenn es dabei um Fragen geht, von denen Hunderttausende existenziell betroffen sind.

Als vor wenigen Wochen der Film „Weil du mir gehörst“ in der ARD lief und auf eindrückliche Weise die Geschichte einer Trennungsfamilie erzählte, äußerten sich besonders Alleinerziehungs-Lobbyistinnen sofort sehr kritisch. Fee Linke aus dem Vorstand des Verbandes der Alleinerziehenden  behauptete im anschließenden Talk beispielsweise sogleich, dass der Film „eigentlich der Argumentation der sogenannten Väterrechtler“ folge und gewichtige andere Probleme, etwa die ausbleibenden Unterhaltszahlungen von Vätern, einfach ausblende.

Schon im Vorfeld war der Film von Lobbyistinnen scharf kritisiert worden. Insbesondere der Begriff PAS – Parental Alienation Syndrome, Elternentfremdungssyndrom – wurde als „unwissenschaftlicher Quatsch“ oder als bloß „vermeintliche(s) Syndrom“ abgetan.

Woran aber zweifeln die Kritikerinnen eigentlich? Daran, dass Eltern sich auf eine Weise verhalten können, die eine Bindung des Kindes zum anderen Elternteil belastet oder zerstört? Oder daran, dass solch ein Verhalten für die Kinder schädlich ist?

Tatsächlich gehen die Kritikerinnen auf diese zentralen Aspekte gar nicht ein, sondern ziehen sich darauf zurück, dass der Begriff „PAS“ gewalttätiges Verhalten von Vätern verdecken könne. Mütter könnten eben gute Gründe dafür haben, die Kinder nicht mehr zu den Vätern gegen zu wollen.

Einmal ganz abgesehen davon, dass das umgekehrt natürlich ebenso gelten müsste, weil Mütter statistisch ebenso häufig wie Väter, oder (nach amerikanischen Daten) gar häufiger gewalttätig gegenüber Kindern sind: Hier weichen Aktivistinnen gravierenden inhaltlichen Problemen aus, die für Kinder, Väter und in einigen Fällen auch für Mütter sehr schwerwiegende Folgen haben können, indem sie simple Klischees vom mächtigen, gewaltbereiten Mann aktivieren.

Das aber ist ja eben gerade eine der heilsamen Provokationen des ARD-Filmes: Hier wird ein Mann, der Vater, eben nicht als mächtig, sondern als ohnmächtig und hilflos gezeigt – und dies so, dass sich Zuschauer UND Zuschauerinnen unweigerlich mit ihm identifizieren werden.

Zudem wird auch noch deutlich, dass nicht etwa die Vater-Kind-Bindung, sondern deren Zerstörung für das Kind destruktiv ist. Nicht väterliche Handlungsmacht, sondern väterliche Ohnmacht fügen dem Kind hier Schaden zu – offensichtlich, weil der Vater für Kinder eine eigenständige und existentielle Bedeutung hat, die sich nicht in der Unterstützung der Mutter erschöpft.

Dass die Mutter im Film als mächtig, wenn auch als Getriebene erscheint, der Vater hingegen als machtlos dasteht, ist also eines seiner Verdienste  – weil diese Konstellation opportune Geschlechterklischees konterkariert.

 

Von der seltsamen Haltbarkeit eines haltlosen Mythos

Die Fantasie vom mächtigen Mann verträgt sich beim näherem Hinsehen schlecht mit sozialen Realitäten. Deutliche Nachteile in der Schule für Jungen, die seit Jahrzehnten keine Bildungspolitik interessieren – eine deutlich höhere Selbstmordquote bei Jungen und Männern – ein deutlich höherer Anteil tödlicher Arbeitsunfälle – eine deutlich geringere Lebenserwartung – die noch immer massiven rechtlichen Nachteile von Vätern, deren Beziehung zu ihren Kindern rechtlich noch immer von ihrer Beziehung zur Mutter abhängig ist:

Die Rede von männlichen Privilegien ist nur denen plausibel, die das Leben der meisten Männer ausblenden und die auf wenige sehr erfolgreiche Männer fixiert sind. Arne Hoffmann, beispielsweise, hat in seinem Plädoyer für eine linke Männerpolitik enorm faktenreich über die Situation vieler Männer geschrieben, die mit dem Zerrbild des mächtigen unverwundbaren Mannes nichts zu tun haben.

Wenn gerade die hochprivilegierte Popsängerin Taylor Swift also in einem Video männliche Privilegien bloßzustellen versucht und darüber räsonniert, wie viel einfacher sie es hätte, wenn sie nur ein Mann wäre – dann sagt das deutlich mehr über ihre eigenen Männerfantasien aus als über Männer selbst. Trotzdem schreibt Manuel Bogner in der ze.tt, dem Kindermagazin der Zeit:

Sie ist weiß, stammt aus der oberen Mittelschicht und hat ein geschätztes Vermögen von 360 Millionen US-Dollar. Trotz allem wird sie es in vielen Situationen jedoch schwerer haben als ein männliches Pendant mit ähnlichem sozialen Status. Einfach, weil sie eine Frau ist.

Wir müssten uns also deutlich machen, dass es eine Frau mit 360 Millionen auf dem Konto schwerer hätte als ein Mann mit 360 Millionen auf dem Konto: Neben solchen Regenbogenmagazinproblemen erscheint es dann irgendwie unwichtig, was Armut tatsächlich für große Teile der Bevölkerung bedeutet, für Männer und Frauen, Schwarze und Weiße.

Der amerikanische Autor Warren Farrell hat schon 1995 in seinem Buch The Myth of Male Power (auf Deutsch: Mythos Männermacht) umfassend dafür argumentiert, die Vorstellung einer männlich dominierten Gesellschaft aufzugeben. In Deutschland hat Christoph Kucklick in seinem Werk Das unmoralische Geschlecht gezeigt, wie sehr uns das Bild der rücksichtslosen, machtgierigen und amoralischen Mannes schon die ganze Moderne hindurch begleitet – und wie sehr es uns daran hindert, diese modernen Gesellschaften angemessen zu analysieren.

Obwohl keiner dieser Autoren das Ressentiment gegen angeblich privilegierte Männer einfach durch das Ressentiments gegen angeblich privilegierten Frauen ersetzte, werden sie in Geschlechterforschung und -politik konsequent ignoriert. Das gilt auch für jüngere Beispiele: Das Buch des Sozialwissenschaftlers Ingbert Jüdt Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus bleibt ebenso ohne Widerhall wie die von Arne Hoffmann herausgegebene Sammlung Gleichberechtigung beginnt zu zweit“, in der Männer und Frauen aus ihren jeweiligen Perspektiven über Gleichberechtigung und Kooperation der Geschlechter schreiben.

Der Mythos der Männermacht bleibt bemerkenswert immun gegen alle Versuche, ihn mit sozialen Realitäten abzugleichen.

 

I don’t care: Die SPD pflegt den Mythos des lieblosen Vaters

Dabei gibt es natürlich mächtige Männer – doch schon die Vorstellung, sie wären nur deswegen mächtig, weil sie Männer sind, drückt eher ein Ressentiment aus, als dass sie zur Analyse moderner Herrschaftsstrukturen beiträgt. Das wird umso deutlicher, wenn sie auf Männer projiziert wird, die ganz gewiss nicht mächtig und privilegiert sind.

Gerade hat die SPD-Fraktion des Bundestages ein lustig gemeintes Bild publiziert, das im Vordergrund einen barfüßigen Mann zeigt, der bequem in einem thronartigen, riesigen Sessel sitzt, während im Hintergrund eine Frau Kinderbetreuung und Kochen zugleich erledigen muss und dabei sichtbar in Not gerät.

Der Satz „I don’t care“ steht neben dem Mann. Das spielt darauf an, dass angeblich, aber ohne weiteren Quellennachweis 84% der sogenannten „Care-Arbeit“ von Frauen erledigt würden. Vor allem heißt es übersetzt: „Es interessiert mich nicht.“

Das Klischee des desinteressierten Vaters, der keine Lust hätte, sich um seine Kinder zu kümmern, ist hier auch deswegen bemerkenswert skrupellos, weil gerade die SPD seit Jahren darum bemüht ist, das väterliche Recht zur Kindessorge zu blockieren und die mütterliche Einzelresidenz nach Trennungen als faktisches Leitmodell beizubehalten.

Erst hindern die Sozialdemokraten Väter daran, selbst für ihre Kinder zu sorgen – dann machen sie medial Stimmung gegen Väter, die  nicht für ihre Kinder sorgen.

Wichtiger als moralische Empörung über den SPD-Tweet ist, dass die Bundestagsfraktion institutionalisierte Ungerechtigkeiten als persönliche moralische Defizite der Angehörigen eines Geschlechts verkauft.

Wer aber „Care-Arbeit“ leistet, sich also unentgeltlich um Angehörige oder Freunde kümmert, der braucht schließlich jemanden, der seinen – oder eben: ihren – Unterhalt garantiert. Das ist eben die Aufgabe, die in Deutschland weitgehend von Männern, und mehr noch: von Vätern erfüllt wird.

Nach Trennungen haben sie beispielsweise eine gesteigerte Erwerbsobliegenheit: Väter, die aufgrund der Schieflagen im deutschen Familienrecht deutlich häufiger unterhaltspflichtig sind als Mütter, hätten gar nicht das Recht, ihren Job etwa für die Pflege kranker Eltern einzuschränken. Sie sind nämlich verpflichtet zu arbeiten, um Mutter und Kind zu finanzieren.

Ich kenne beispielsweise einen Vater, der trotz eines guten Verdienstes viele Jahre lang in einer sehr kleinen Wohnung lebte, weil ein Großteil seines Geldes an Mutter und Kinder ging. Er war in seinem Job sehr unglücklich, konnte sich aber keine Arbeit mit einem geringeren Verdienst suchen. Seine Kinder sah er über viele Jahre hinweg nicht, obwohl ihm niemand etwas vorzuwerfen hatte: Ganz ähnlich wie im Fernsehfilm hatte auch hier die Mutter die Kinder offenkundig unter Druck gesetzt und vom Vater entfremdet.

Ich weiß, dass auch solche Beispiele klischeehaft wirken, aber sie werden unter  den Bedingungen der deutschen Familienpolitik in Nachtrennungsfamilien beständig produziert. Die Fantasie des mächtigen, privilegierten, rücksichtslosen Mannes dient hier dem Zweck, eine dysfunktionale Politik zu schützen und den betroffenen Männern – und Kindern – die Empathie zu verweigern, die sie bräuchten.

Die Darstellung von Vätern als Unterhaltsprellern etwa, mit der auch die VAMV-Vorstandsfrau in der Diskussion zum ARD-Film operierte, ist ein beliebter Topos der Bundespolitik, auf den auch führende SPD-Politiker gern zurückgreifen. Dabei hat selbst das Bundesfamilienministerium, das Vätern gewiss nicht wohlgesonnen ist, längst klargestellt:

In höchstens 4% aller Fälle, in denen staatliche Stellen Unterhaltsvorschuss zahlen mussten, besteht eine Chance, das Geld zurückzubekommen. Der weitaus größte Teil der nicht oder zu wenig zahlenden Väter ist schlicht nicht in der Lage, zu zahlen – ein anderer großer Teil hat schon zurückgezahlt oder zahlt zurück.

Ein kleines Tortendiagramm, das ich nach den Zahlen des Ministeriums selbst erstellt habe. Hier sind ausschließlich Fälle aufgeführt, in denen Unterhaltsvorschuss gezahlt werden musste – zuverlässig zahlende Väter gehen in diese Statistik überhaupt nicht ein.

Zudem führt die Statistik der Ministeriums lediglich die Väter an, bei deren Kindern Unterhaltsvorschuss gezahlt werden musste – die Väter, die regelmäßig zahlen, tauchen hier gar nicht auf. Unter den Trennungsvätern ist der Anteil der Unterhaltspreller also noch deutlich kleiner als 4%.

Der Anteil nichtzahlender Frauen ist, nebenbei bemerkt, deutlich höher.

Warum sich das Klischee des egoistischen Vaters trotzdem hält, hat gerade die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann vorgeführt. Es ginge bei den Zahlen, so betont sie, nur um die „ermittelten Fälle“ – woraus sie offenbar selbstverständlich schließt, dass der tatsächliche Anteil der unterhaltsprellenden Väter viel höher liege. Es wäre „stumpf“, nur die ein Zahlen „einer Seite“ zu übernehmen.

Nun ist diese „eine Seite“ das zuständige Ministerium, das Vätern ganz gewiss nicht wohlgesonnen ist. Welches denn die andere Seite ist, welche die ZDF-Journalistin gern stärker eingebunden hätte, verrät sie dann nicht mehr. So schließt Diekmann messerscharf, das nicht sein kann, was nicht sein darf.

Diese Form des journalistischen Umgangs mit Geschlechterthemen ist, leider, durchaus typisch. Gerade erst haben es beispielsweise die Zeit und viele andere deutsche Zeitungen als Skandal präsentiert, dass laut einer Studie Frauen mit Kindern verhältnismäßig seltener zu Vorstellungsgespärchen eingeladen würden als Frauen ohne Kinder.

Dass aber beide Gruppen laut derselben Studie deutlich häufiger als Männer – ob mit oder ohne Kindern – eingeladen werden, spielt keine Rolle.  Hochselektiv und im Empörungsgestus wird jeweils lediglich die Teilinformation präsentiert, dass der Vorsprung kinderloser Frauen gegenüber Müttern deutlich größer wäre als der kinderloser Väter gegenüber Vätern.

Fazit: Dass Männer als Männer privilegiert wären ist tatsächlich keine empirische Aussage, und so ist diese Vorstellung auch durch empirische Daten nicht widerlegbar.

Sie ist ein Credo, ein Glaubenssatz – sie wird längst nicht mehr durch empirische Daten überprüft, sondern sie dient ihrerseits dafür, empirische Daten über soziale Realitäten zu ordnen, die einen Informationen vergrößert wahrzunehmen und die anderen ganz zu ignorieren.

 

Vom nützlichen Mythos der männlichen Macht

Welchen Sinn aber dieser Glaubenssatz hat, lässt sich gut am Beispiel der Ökonomie von Trennungsfamilien zeigen. Die sogenannte Alleinerziehung ist europaweit die wesentliche Ursache für Kinderarmut: Offensichtlich, und aus leicht erklärlichen Gründen, ist diese Form des Aufwachsens von Kindern nicht nur entwicklungspsychologisch, sondern auch finanziell sehr ungünstig.

Anstatt aber zu realisieren, dass hier die deutsche Familienpolitik ein äußerst ungünstiges Modell fördert und stattdessen eher die Kooperation von Eltern auch nach Trennungen unterstützen müsste, erwecken die verantwortlichen Politiker und –innen den Eindruck, amoralische und egoistische Väter wären das wesentliche Problem von Müttern und Kindern.

Wenn die SPD-Bundestagsfraktion nun Väter als faul und verantwortungsunwillig darstellt, während Frauen ganz allein alle Last zu tragen hätten, dann macht das betroffenen Frauen ein unmoralisches Angebot: Sie müssen dann nämlich Verantwortung weder bei sich selbst noch bei der Politik staatlicher Institutionen suchen, sondern haben einfache, leicht erkennbare und jederzeit greifbare Schuldige zur Verfügung.

Was für ein katastrophales Bild von Frauen aber hat eigentlich die SPD-Bundestagsfraktion, wenn sie davon ausgeht, dass die solche schamlosen Spekulation auf Ressentiments begrüßen und belohnen werden?

Das Männerbild unserer Geschlechterpolitik ist möglicherweise manchmal ein wenig einseitig.

Das aber ist einer der Gründe, warum sich der Mythos der männliche  Macht hält, auch wenn soziale Realitäten ihn vielfach widerlegen: Er ist hochfunktional für die Legitimation institutionalisierter Machtausübung. Denn nicht nur können für alle möglichen Missstände, die eigentlich politisch zu verantworten sind, einfache. leicht identifizierbare und jederzeit adressierbare Schuldige angeboten werden. Zudem lässt sich auch noch eine Ausweitung institutioneller Macht jederzeit begründen.

Denn wenn sie die Bevölkerung etwa in der Mitte aufteilen in Privilegierte und Marginalisierte, in Mächtige und Ohnmächtige, in Skrupellose und Schutzlose, dann weisen sich politische Akteure damit selbst die Aufgabe zu, diese gesellschaftlichen Missstände fortlaufend auszugleichen. Die Fantasie, staatliche Institutionen müssten Frauen beständig gegen Männer verteidigen, schützen und fördern, liefert so eine sich selbst reproduzierende Legitimation der Ausweitung institutionalisierer Macht – und der damit verbundenen Positionen.

Das allein allerdings erklärt nicht die seltsame und gegen alle Widerlegungen haltbare Plausibilität der Vorstellung einer umfassenden männlichen Macht. Die Nützlichkeit für Begründungen institutionalisierter Herrschaft liefert ein wichtiges Motiv dafür, dass diese Vorstellung aus den Institutionen selbst heraus aufrechterhalten wird. Dass sie aber in den Köpfen von Menschen verankert bleibt, liegt daran, dass diese Vorstellung für uns alle wichtige Funktionen erfüllt.

 

Vom Nutzen alter weißer Männer

Wer die beliebten Ressentiments gegen „alte, weiße Männer“ verbreitet, greift damit gleich auf drei biologistische Kriterien zurück – behauptet aber gemeinhin, sich natürlich keineswegs gegen alte weiße Männer zu richten, sondern gegen „Strukturen“. Das lässt sich leicht als Heuchelei verstehen, aber es sagt auch etwas aus über die Akteure, die mit diesem Ressentiment operieren.

Denn natürlich wissen sie einerseits, dass Herrschaft in modernen Gesellschaften nicht mehr klar durch einzelne Personen oder gar durch biologistisch definierte Gruppen getragen wird, sondern dass sie institutionell aufgelöst ist, in abstrakten Strukturen verankert, die persönliche Zuweisungen von Verantwortung erheblich erschweren.

Andererseits haben diese Akteure offenkundig aber auch ein starkes Bedürfnis, Verantwortung auf einfache Weise an bestimmte Personen delegieren zu können und dabei ihre eigene Mitverantwortung zu kaschieren.

So verbirgt sich in dem Geschlechterressentiment ein antimoderner Impuls – eine Weigerung, ganz in den abstrakten Herrschaftsstrukturen moderner Gesellschaften anzukommen.

Aber mehr noch, die beliebte Aggression gegen alte weiße Männer transportiert ebenso wie vergleichbare Ressentiments eine tröstende Illusion: die Illusion nämlich, dass in unseren unüberschaubaren, abstrakten, global vernetzten Strukturen überhaupt noch jemand übrig geblieben ist, der Überblick und Kontrolle behalten hat. Als würden alte weiße Männer – oder Männer generell – Klimawandel, soziale Ungerechtigkeiten und Gewalt jederzeit ins Gute wenden können, wenn sie es denn nur wollten, ihre eigenen Privilegien wahrnehmen und auf diese dann endlich verzichten würden.

Das Klischee des alten weißen Mannes ist wie die Fantasie von einem Vater, gegen den ein pubertierendes Kind aufbegehrt, dessen bloße Existenz diesem Kind aber zugleich beruhigend versichert, dass da jemand die unüberschaubaren Bedingungen der modernen Welt noch überblicken und steuern kann.

Das macht dann zugleich auch verständlich, warum auch viele Männer an der Fantasie eines „Patriarchats“ festhalten, die ihnen selbst schadet: Hier wird ihnen noch die Illusion vermittelt, sie würden die Bedingungen ihres Lebens unter Kontrolle haben.

Der moderne Feminismus ist einer der letzten Bereiche, in denen Männer sich noch mächtig fühlen können.

Das Klischee aber ist schon allein deshalb schädlich, weil es den Blick auf reale soziale Ungerechtigkeiten verstellt und ihre Analyse erschwert: Es ist ja niemals eine Analyse nötig, weil die Antwort immer schon gegeben werden kann, bevor auch nur eine Frage gestellt wurde.

Es ist schädlich, weil es Ressentiments gegen große Gruppen von Menschen reproduziert und ihnen daher die soziale Empathie entzieht, die eine wesentliche Voraussetzung für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ist.

Es ist auch deshalb schädlich, weil es uns daran hindert, mit Macht rational umzugehen, wenn diese Macht von Frauen ausgeübt wird. Denn es gibt in modernen Gesellschaften weder eine spezifisch männliche noch eine spezifisch weibliche politische Macht, sehr wohl aber Herrschaftsstrukturen, die institutionell garantiert werden und die demokratisch und rechtsstaatlich kontrolliert werden müssen. Das muss natürlich auch dann gelten, wenn Frauen mit dieser Macht ausgestattet werden.

Als aber, um nur eines von vielen möglichen Beispielen zu nennen, die ehemalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen trotz vieler deutlicher Hinweise auf korruptes Verhalten und trotz ihres – für die betroffenen Soldaten – katastrophalen Missmanagements der Bundeswehr zur Präsidentin der Europäischen Kommission wurde, blieb die mediale Kritik an dieser demokratieschädlichen Fehlbesetzung weitflächig aus. Stattdessen bestätigten sich deutsche Medien gegenseitig im Jubel darüber, dass endlich eine Frau diese wichtige Position besetzte.

Dass die Klischees männlicher Macht auch auf einer ganz persönlichen Ebene Schaden anrichten, kann ich an einem ganz alltäglichen Beispiel illustrieren, das ich in meinem persönlichen Bekanntenkreis erlebt habe.

Ein zehnjähriger Junge war von einer Ärztin nach den Gründen von Schwierigkeiten gefragt worden, die er mit seiner Mutter hat, bei der er lebt. Er beklagte sich bei der Ärztin darüber, dass die Mutter ihn regelmäßig schlage. Die Mutter, die bei dem Gespräch anwesend war, warf ein, dass doch tatsächlich der Junge sie geschlagen hätte – und so endete das Gespräch ohne weitere Nachfragen mit der Ermahnung der Ärztin an den Jungen, in Zukunft lieb zu seiner Mutter zu sein.

Das Klischee der männlichen Macht macht hier nicht nur blind für die mütterliche Gewalt und für die Herrschaftsdifferenzen zwischen Erwachsenen und Kindern – es unterstützt auch einen enorm autoritären Umgang mit einem Kind.

Auch das geht uns verloren, wenn wir Männer als mächtig und Frauen als ohnmächtig fantasieren: Wir blenden die Perspektive der Kinder aus, für die Erwachsene übermächtig sind, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht.

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13 Comments

  • Wenn jemand schwafelt, mit „alte, weiße Männer“ seien „Strukturen“ gemeint oder auch „das, wofür alte weiße Männer stehen, nicht die einzelnen Männer selbst“, dann schlage ich einfach vor, diese Logik auf Juden anzuwenden. Niemand käme auf die Idee, dass der Satz „die Juden verhindern die Rettung des Klimas“ etwas anderes als krasser Antisemitismus sein könnte, obwohl doch gar nicht „die Juden“ gemeint seien, sondern „Strukturen“.

    In der Regel setzt dann natürlich kein Verständnisprozess ein, sondern ich werde beschimpft.

    Zur „Care-Arbeit“, wie es neudeutsch wohl heißt: Wer Hausarbeit und Pflege als Argument verwendet, dass Frauen eigentlich für ihre Leistungen unterbezahlt seien, der verläßt dabei das System der Erwerbsarbeit und dürfte deshalb nicht mehr auf das Gehaltseinkommen abstellen. Vielmehr müsste man dann fragen, über wieviel Geld Frauen verfügen.

    Krasses Beispiel: Sie ist noch in Elternzeit, er arbeitet. Damit entsteht ein „Gender Pay Gap“ von 100 Prozent, obwohl die Frau doch den ganzen Tag für Mann, Kind und Haushalt schuftet … und dann wohl unter der Brücke schlafen muss und verhungert, weil sie ja kein Einkommen hat.

    Tut sie natürlich nicht – ehrlicherweise müsste man ihrem „Einkommen“ 33 Prozent der Miete zuschlagen (oder auch weniger, wenn mehr als ein Kind dabei ist), zuzüglich allem, was aus dem gemeinsamen Einkommen für sie ausgegeben wird – Essen, Kleidung, Mobilitätskosten, …

    Selbst wenn man nicht die unbezahlten Familienleistungen des Mannes einbezieht – Rasen mähen, Internet einrichten, Reifen wechseln und was da immer gerne genannt wird -, dürfte man am Ende feststellen, dass die vermeintliche „Überbezahlung“ mit der verfügbaren Freizeit korreliert. Im Beispiel also an erster Stelle des Kind, das ein völlig leistungsloses „Einkommen“ kassiert, und danach in der Regel derjenige, der keine täglichen 8 Stunden Erwerbsarbeit auf dem Konto hat, in denen er kein Geld ausgeben kann und die der Partner erstmal aufholen muss.

    Macht natürlich keiner, weil Logik die Ideologie stören würde.

    Zum Glück sind die meisten Menschen sehr viel vernünftiger, als heutige Feministinnen etc. ihnen unterstellen. Anderenfalls gäbe es wohl keinerlei Familien mehr, weil Frauen sich in einem permanenten Wirtschaftskrieg mit Männern befänden.

    Vermutlich gilt das sogar für die Politiker und Aktivisten selbst, die öffentlich die vermeintliche Frauenbenachteiligung anprangern, dabei privat aber genauso für individuelle Gerechtigkeit in ihren Beziehungen sorgen wir alle anderen auch.

    • @pehar:

      »Niemand käme auf die Idee, dass der Satz „die Juden verhindern die Rettung des Klimas“ etwas anderes als krasser Antisemitismus sein könnte, obwohl doch gar nicht „die Juden“ gemeint seien, sondern „Strukturen“.«

      Uns fallen zum Thema »Antisemitismus« rückblickend natürlich als erstes die Nazis ein, aber das war ja schon ein sehr weit fortgeschrittenes Radikalisierungsstadium. In seiner Entstehungszeit (der Begriff »Antisemitismus« wurde erstmals 1879 von Wilhelm Marr verwendet) war der Antisemitismus in exakt demselben Sinne eine Symbolisierung von »Strukturen«, bei Otto Glagau beispielsweise des Manchester-Kapitalismus, der dementsprechend noch vor Treitschke die Gleichung formulierte: »Die soziale Frage ist die Judenfrage.« Wer »Strukturen« in einer falschen Metapher abbildet, die sich dann verselbständigt, betreibt ganz objektiv (aber vollkommen geschichtsblind) die Fortsetzung (oder Wiederbelebung) des Antisemitismus mit anderen Mitteln, weil er eine identische Form des Denkens einübt.

  • Das Bild der SPD ist ein deutlicher Nachweis, wie weit sich diese „Arbeiterpartei“ tatsächlich von der arbeitenden Bevölkerung entfernt hat – als ob es dieses Nachweises noch bedürfte. Weit wahrscheinlicher und lebensnäher ist es doch, dass der Mann, während sich die Frau mit Kind und Haushalt „abmüht“, statt einer Ukulele einen Presslufthammer in den Händen hält oder in angespannter Konzentration auf einer Tastatur herumklaviert. Und auch wenn es bornierten, weltfremden Ideologen nicht passt, so ist auch das nichts anderes als ein sich Kümmern. Denn die wenigsten Männer machen das, weil es ihnen besonders viel Freude bereitet, weil sie sich damit „selbst verwirklichen“, sondern in der Regel tun sie es wegen des Geldes, dass sie dafür bekommen und mit welchem sie dafür sorgen, dass Frau und Kind zu Hause nicht verhungern. Denn woher die Mutter auf dem „witzischen Bildschen“ das Essen hat, welches sie da so voll im Stress zubereitet, wie sie es hat bezahlen können, das bleibt natürlich als Frage ausgespart.

    Wieder mal feministische Propaganda der übelsten Kategorie. Und, ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, gerichtet gegen die Gruppe, der die SPD ihre Gründung, ihren Aufstieg und jahrzehntelange Bedeutung als politische Macht im Lande maßgeblich zu verdanken hat: den arbeitenden Männern, den arbeitenden Vätern.

    • Ich denke die SPD hat die arbeitenden Menschen als Wählerpotential längst abgeschrieben. Douglas Murray hat wohl recht mit seinem Hinweis auf den theoretischen Paradigmenwechsel der Linken, nach dem Arbeiter und Unterschichten generell aufgegeben wurden und durch Identitätsgruppen wie Frauen bzw. Feministinnen, Migranten und sexuelle Minderheiten ersetzt wurden. Ich zweifle allerdings daran, dass das eine erfolgversprechende Strategie sein kann; weil deren Interessen schon von anderen Parteien konsequenter vertreten werden.

  • Bei dedn Unterhaltsforderungen nach einer familiären Trennung wird der Vater in die Steuerklasse I zurückgestuft. als hätte er keine Familie mehr und deshalb auch keine Verpflichtungen ihr gegenüber. Mit diesem deduzierten Einkommen und den Belastungen durch die Trennung (Neue Wohnung, Umgangskosten, Gerichtsgebühren,…) sollen dann zwei Haushalte finanziert werden, wo bereits die Mittel in einem familiären Haushalt knapp waren. Mir hat noch niemand diesen Widerspruch auflösen konnen.

    • Das ist auch meine Frage. Bin selbst betroffen, bin Vater von zwei Kindern, zahle Unterhalt, verbringe viel Zeit mit meinen Kindern und werde von Staat gegängelt und ausgepreßt. Aus meiner Sicht steht mir die Steuerklasse 2 zu, genau so wie der Mutter meiner Kinder. Warum werde ich diskriminiert?

      Ich fühle mich nicht privilligiert. Ich darf 1/3 des Tages mich im Büro einsperren um am Ende des Monats 55% des Gehalts abgeben zu dürfen. Ein recht beschi… Privileg.

  • „Ich kenne beispielsweise einen Vater, der trotz eines guten Verdienstes viele Jahre lang in einer sehr kleinen Wohnung lebte, weil ein Großteil seines Geldes an Mutter und Kinder ging. Er war in seinem Job sehr unglücklich, konnte sich aber keine Arbeit mit einem geringeren Verdienst suchen.“

    So einen kenne ich auch: Mich selbst nämlich. Knapp sechsstelliges Jahreseinkommen und 30 qm Wohnfläche. Allerdings spekuliere ich auf eine Vorruhestandregelung o.ä., um mich aus dem inzwischen extrem toxischen Job zu befreien und trotzdem noch meinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Wenigstens kann ich aber uneingeschränkt meine Kinder sehen.

  • „Ein zehnjähriger Junge war von einer Ärztin nach den Gründen von Schwierigkeiten gefragt worden, die er mit seiner Mutter hat, bei der er lebt. Er beklagte sich bei der Ärztin darüber, dass die Mutter ihn regelmäßig schlage. Die Mutter, die bei dem Gespräch anwesend war, warf ein, dass doch tatsächlich der Junge sie geschlagen hätte – und so endete das Gespräch ohne weitere Nachfragen mit der Ermahnung der Ärztin an den Jungen, in Zukunft lieb zu seiner Mutter zu sein.“

    Das ist so klasse. Einfach dem Junge das Vorwerfen, was man selbst macht. Das funktioniert bei Männern ja auch schon. Siehe Amber Heart.

    • Selbst wenn der Junge die Mutter geschlagen, sie ihn hingegen lediglich jahrelang stellvertretend für seinen biologischen Vater angeschrien, schikaniert, geknechtet und gedemütigt hätte, zeigt dieses Bild die Facetten der alltäglichen Gewalt in Nachtrennungssituationen. Und die sind zum Großteil psychisch, nicht physisch.

      Da wird dann die befreundete Ärztin aufgerufen, als sei es pathologisch, dass der Junge irgendwann die Faxen dicke hatte und sich zu wehren begann. Auch von der Ärztin wird er wie von den Erzieherinnen und Lehrerinnen immer wieder darauf hingewiesen, dass man zu Frauen lieb sein müsse – egal, wie die sich benehmen.

      Durch die totale Verweiblichung des kindlichen Umfeldes sitzen vor allem Jungen in einem aussichtsloser Käfig, in dem ihre stärksten ausbrechenden Emotionen und Kräfte fixiert sind und permanent unterdrückt werden. Egal, wie versuchen das rauslassen – ihr Umfeld bewertet es als verwerflich und böse. Kein Wunder, wenn sich viele jung das Leben nehmen. Ihr Innenleben ist halt mit der Außenwelt nicht mehr kompatibel.

  • Wem nutzt das? Wer schlägt Kapital aus alledem? Wer profitiert davon, dass männliche Gewaltopfer marginalisiert und weibliche Täterinnen geschützt werden? Wem nutzt es in einem Land, in dem Bildung der wichtigste volkswirtschaftliche Faktor darstellt und in dem andauernd über Fachkräftemangel gejammert wird, dass Jungen in der Bildung zurückgelassen werden und so bereitwillig wichtiges Fachkräftepotential brach liegt?

  • Als ich in den 90er Jahren noch selber in der SPD aktiv war, haben wir immer verzweifelt nach Frauen gesucht, die bereit waren, zu kandidieren, für Posten im Ortsverein oder im Bezirksrat. Es haben sich aber nie genug Frauen bereit gefunden. Auch damals galt schon das Prinzip, mehr Frauen auf allen Ebenen der Partei zu haben. Ein Ortsvereinsvorsitz oder ein Bezirksratssitz ist ja auch nichts tolles, i.d.R. bedeutet das nur, dass man sich viele Nächte mit Sitzungen um die Ohren schlägt und dafür nichts bekommt, außer einer kleinen Aufwandsentschädigung. Offenbar nicht attraktiv für Frauen, aber Demokratie lebt doch eigentlich davon, dass möglichst viele Bürger politisch aktiv sind, oder?

    Die SPD strebt seit den 80er Jahren danach, weiblicher zu werden, und mindestens seit 2000 verliert sie ständig an Wählerstimmen (auch an weiblichen). Aber eine Umkehr ist wohl nicht in Sicht.

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