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Wilde Kerle, weiches Wasser

geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Beitrag zur Festschrift zum zehnjährigen Bestehen des Blogs „Alles Evolution“

In seinem Blog „Alles Evolution“ veröffentlicht Christian Schmidt jeden Tag einen Text zu aktuellen oder auch zu ganz allgemeinen Fragen der Geschlechterwissenschaften und -politik, die dann in den Kommentaren ausführlich diskutiert werden.

In diesem Monat ist das Blog zehn Jahre alt geworden, und es hätte eigentlich eine Festschrift verdient. Hier ist schon einmal ein Beitrag dazu. Er erscheint gleichzeitig auch im Blog Alles Evolution selbst.

  1. Sex und Macht. Und Feminismus?
  2. Das Gedöns und seine Gönner
  3. Wer immer schon die Wahrheit kennt, der forscht nicht mehr
  4. Ein Wettrennen ins Absurde
  5. Entlarvungsrituale als Berufsplanung
  6. Ein digitaler Samisdat: Vom Nutzen und Nachteil der Nischen
 

Sex und Macht. Und Feminismus?

Ich fange meinen Beitrag zur Festschrift zum zehnjährigen Bestehen des Blogs Alles Evolution mit einem Soziologie-Podcast an, verspreche aber, dass ich nicht komplett abschweife und bald auch zum Blog kommen werde.

Der Soziopod, der seit Jahren als Gespräch zwischen dem Mainzer Erziehungswissenschaftler Nils Köbel und dem Medienberater Patrick Breitenbach geführt wird, ist so erfolgreich, dass es mittlerweile ein eigenes Buch, Live-Auftritte und Radioversionen für Radio Bremen davon gibt. Ich habe mir vor einer Weile eine der meistgehörten Folgen angehört, die sich unter dem Titel „Sex, Macht und Wahnsinn“ mit dem französischen Philosophen und Soziologen Michel Foucault beschäftigt. 

Obwohl es hier aber um Sex und Macht geht, spielen feministische Positionen 136 Minuten lang fast keine Rolle. Köbel und Breitenbach erwähnen Judith Butler ab und zu, ohne ernsthaft auf sie einzugehen, und etwa ab Minute 113 geht es für eine kurze Zeit um ein zentrales Thema heutiger Genderpolitiken, nämlich die Transsexualität.

Kritik an gegenwärtigen Genderpolitiken können sich Köbel und Breitenbach in dieser kurzen Passage lediglich dadurch erklären, dass Menschen, die klare Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit hätten, sich dadurch existentiell bedroht fühlen würden. Kurz darauf wechseln sie das Thema schon wieder.

Das ist hier nur deswegen interessant, weil es, wie ich glaube, ein gutes Sinnbild für die Stellung feministischer und genderpolitischer Positionen in Politik und Sozialwissenschaften ist. Köbel und Breitenbach haben an solchen Positionen uneingestanden, aber unüberhörbar überhaupt kein ernsthaftes Interesse, und trotz ihrer stundenlangen Auseinandersetzung mit Sex und Macht ziehen sie feministische Positionen kaum heran.

Dort aber, wo sie das tun, tun sie es distanzlos und bestätigend.

Das ist wichtig, weil diese Mischung aus Desinteresse und Unkenntnis auf der einen und kritikloser Zustimmung auf der anderen Seite nach meiner Erfahrung durchaus verbreitet ist, auch unter Wissenschaftlern. Einfach formuliert: Während feministische Positionen wissenschaftlich nicht ernst genommen werden, werden sie moralisch fraglos akzeptiert.

Das ist hier deswegen wichtig, weil Christian das in seinem Blog Alle Evolution ganz genau umgekehrt macht. Er nimmt feministische Positionen als wissenschaftliche Positionen ernst, setzt sich mit ihnen intensiv auseinander und verlangt von ihnen entsprechend Belege, Kenntnisnahme einschlägiger Studien und Kohärenz – aber er akzeptiert keine moralisch gefütterte feministische Leitkultur in Geschlechterdebatten.

Doch, das ist eine Weiterentwicklung, sicher. Das Headerbild des Blogs „Alles Evolution“ während der ersten Jahre.

Das ist ein möglicher Grund, warum die Debatten, die oft durchaus intensiv und polemisch, aber oft auch sehr kenntnisreich geführt werden, kaum einen Anschluss zu den etablierten akademischen Debatten finden. Das wiederum ist nicht allein ein Problem dieses Blogs, sondern auch der Diskusstrukturen in Universitäten, Parteien und Massenmedien.

 

Das Gedöns und seine Gönner

Simone de Beauvoirs epochemachende Schrift „Das andere Geschlecht“ aus dem Jahr 1949 ist ein Anfangsdatum für die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und danach. Eine politische Bewegung aber, die mittlerweile über 70 Jahre alt ist, die sich umfassend in Universitäten, staatlichen Institutionen und Parteien institutionalisiert hat und die voller ungelöster und scharfer innerer Widersprüche ist – eine solche Bewegung wäre normalerweise, auch bei größtem Wohlwollen, längst zum Gegenstand scharfer, ätzender Kritik in der Öffentlichkeit und in den politischen und wissenschaftlichen Institutionen geworden.

Warum ist das beim Feminismus ausgeblieben? Warum hat sich eine seltsame Melange aus Desinteresse und Kritiklosigkeit etabliert, und dies ausgerechnet in Milieus, die – wie die Parteien oder die soziologischen und politikwissenschaftlichen Institute – von der kritischen Auseinandersetzung leben?

Ein Grund für das traditionelle Desinteresse ist nach meiner Einschätzung, dass insgeheim viele Männer und auch eine ganze Reihe von Frauen Themen nicht recht ernst nehmen, die als typische Frauenthemen erscheinen. „Gedöns“ nannte das einmal ein Kanzler.

Ich kannte in meinem eigenen Germanistik-Studium linke, aufgeklärte Kommilitonen, die über jeden die Nase rümpften, der irgendein entlegenes Gedicht von Brecht nicht kannte – die aber völlig selbstverständlich niemals einen Text von Ingeborg Bachmann oder Marie von Ebner-Eschenbach gelesen hatten. Über eine feministische Professorin, bei der ich wirklich viel gelernt habe, erzählte eine Mitstudentin, dass sie ja leider in ihrem Horizont sehr auf Frauenthemen begrenzt wäre. Das stimmte nicht, passte aber ins Klischee.

Wer mit einem solchen Desinteresse gegenüber feministischen, frauenpolitischen oder auch schlicht geschlechterpolitischen Themen lebt, wer sich deshalb dann eben auch niemals ernsthaft mit feministischen Theorien auseinandersetzt – der lebt dann am sichersten, wenn er diesen Thesen zur Not unkritisch zustimmt und gar nicht erst riskiert, als Frauenfeind oder Masku dazustehen.

Werden egalitäre Konzepte in der Geschlechterpolitik heute eher von Männern als von Frauen vertreten? Vor allem: Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt es?

Das bedeutet denn auch, dass viele – aber zugestanden: nicht alle – Männer, die im Blog Alles Evolution mitdiskutieren, ein sehr viel egalitäreres Verhältnis zu Frauen haben, als solch ein männlicher Feminist es hat. Frauen sind für Männer im egalitären Verständnis Mitspielerinnen, vielleicht ab und zu auch Gegenspielerinnen in einem gemeinsamen Spiel, das gemeinsame Regeln braucht. Für den idealtypischen Feministen hingegen ist dieses Spiel ein Männerspiel, und Frauen müssen vor seinen Konsequenzen geschützt werden: eine Haltung, die ihre Gönnerhaftigkeit nie ganz verdecken kann.

Diese unkritische Haltung gegenüber feministischen Positionen verträgt sich also sehr gut mit einem uneingestandenen Desinteresse an ihnen. Möglicherweise gibt es neben diesem Desinteresse aber noch einen anderen Grund, warum solche Positionen über relativ enge Zirkel hinaus kaum eine Rolle spielen.

 

Wer immer schon die Wahrheit kennt, der forscht nicht mehr

Viele soziologische Klassiker liefern sehr gute Orientierungen für empirische Forschungen. Pierre Bourdieu beispielweise sieht Menschen weder als reine Produkte sozialer Strukturen noch als ganz freie Akteure, denen jederzeit alle Handlungsmöglichkeiten offenstehen. Er beschreibt, mit seinem zentralen Begriff des „Habitus“, Menschen zwischen beidem, als Akteure, die von gesellschaftlichen Strukturen bestimmt werden und die zugleich Möglichkeiten haben, etwas daraus und aus sich selbst zu machen.

Ganz anders Niklas Luhmann, der Gesellschaft als System verschiedener Subsysteme beschreibt, die jeweils auf sich selbst bezogen („autopoietisch“) sind und ihrer eigenen Logik folgen. Wie enorm fruchtbar Luhmann für eine Analyse von Geschlechterzuschreibungen sein kann, hat Christoph Kucklick in seinem wichtigen, aber in den Gender Studies weitgehend ignorierten Werk „Das unmoralische Geschlecht“ gezeigt.

Norbert Elias und Michel Foucault haben sich, trotz ganz unterschiedlicher wissenschaftlicher Temperamente, unter anderem mit einem vergleichbaren Phänomen beschäftigt, nämlich mit dem, was Elias „Selbstzwang“ nennt: mit der Verinnerlichung sozialer Strukturen in unser Selbstbild und Verhalten.

Bei Elias aber vergrößert der Selbstzwang die Handlungsmöglichkeiten, ist Grundlage für eine „Verlängerung der Handlungsketten“, die beispielsweise den internationalen Handel oder das Agieren in einer Massengesellschaft überhaupt erst möglich machen. Bei Foucault hingegen werden dadurch äußere Machtstrukturen in das Innere der Menschen hereingezogen, so dass der Prozess der Zivilisation, den Elias deutlich positiv bewertet, als trügerisch und täuschend erscheint.

Es ist nicht nötig zu entscheiden, wer von beiden Recht hat – beide können sehr hilfreich sein für eine soziologische Forschung, die auch historische Veränderungsprozesse beschreibt. Ein Beispiel:

Väterrechtler empören sich mit gutem Grund darüber, dass Väter zwar weiterhin rechtlich benachteiligt und nach Trennungen vom Wohlwollen der Mütter abhängig sind, wenn sie ihre Kinder sehen wollen – dass sie aber trotzdem, und eben gerade deshalb, arbeiten müssen, um Frau und Kinder zu finanzieren. Mit Foucault könnten wir, anstatt uns schlicht darüber zu empören, fragen, warum Väter eigentlich diese Verhältnisse weithin stützen und finanzieren.

Wie also ist eigentlich die gigantische Disziplinierungsleistung möglich, dass Zigtausende von Vätern Monat für Monat arbeiten, um ein System zu stützen und zu ermöglichen, an dem sie und ihre Kinder leiden? Welche institutionellen Bedingungen sind für eine solche Disziplinierungsleistung nötig? Von welchen kulturellen Werten, von welchen Klischees wird sie in den öffentlichen Diskursen orchestriert – und wie prägen diese Diskurse die Selbstbilder von Vätern?

Dies nur als Skizze – auch, um zu zeigen, dass soziologische Forschung keineswegs feministisch sein muss, schon gar nicht mit Foucault. Wichtig daran ist: Während Theorien von Bourdieu, Elias, Luhmann, Foucault und vielen anderen gut geeignet sind, mit ihnen empirische Forschung zu betreiben und tatsächlich Neues zu finden, ist das mit Judith Butler und ähnlich gelagerten Theorien sehr viel schwerer. Wer mit Butler arbeitet, landet eigentlich immer wieder nur bei Butler.

Die begrenzte Bedeutung feministischer Positionen in der Soziologie ist also zumindest zum Teil ein Resultat der uneingestandenen Erfahrung, dass aktuelle feministische Positionen bei der empirischen Forschung kaum nützlich sind. Forschungslogik nämlich ist, nach Peirce, abduktiv – sie konfrontiert konkrete Beobachtungen mit allgemeinen Theorien, sucht nach Vermittlungen zwischen beiden Ebenen und muss immer damit rechnen, die theoretischen Vorgaben ändern zu müssen.

Müssen tatsächlich im Dienste der großen Wahrheiten ab und zu kleine Unwahrheiten in Kauf genommen werden?

Wer hingegen strikt deduktiv agiert, scannt die Wirklichkeit lediglich nach Bestätigungen des Immer-Schon-Gewussten.  Michael Kimmel (Angry White Men“) oder Robert/Raewyn Connell („Masculinities“) beispielsweise nutzen Interviews, die sie mit Männern geführt haben, lediglich als Illustrationen bestehender Thesen, ohne dass irgendwo deutlich würde, wie sie diese Interviews überhaupt geführt und ausgewertet haben.

Eine feministische Forschung, die wirklich Forschung wäre, müsste dagegen jederzeit bereit sein, die Phantasie einer „männlichen Herrschaft“ oder eines „male privilege“ oder einer „heterosexuellen Matrix“ aufzugeben – und das ist sie nicht.

Eben das ist ein zentraler Punkt in Christians Blog, und ein zentraler Vorwurf an feministische Forscherinnen. Was dabei leicht übersehen wird: Eben dieser Vorwurf nimmt sie ALS FORSCHERINNEN überhaupt erst ernst – während der gönnerhafte Verzicht darauf, Feministinnen ihre eigenen Grundlagen in Frage stellen zu lassen, ihnen unterschwellig und unweigerlich abspricht, überhaupt Forschung zu betreiben.

 

Ein Wettrennen ins Absurde

Der Vorwurf ist also falsch, dass die ganze Soziologie – oder Pädagogik, oder Sprachwissenschaft – rundweg feministisch geprägt wäre. Vorzuwerfen ist Soziologen eher, dass sie feministische Positionen, wenn sie schon als Instrumente nur einen begrenzten Nutzen haben, nicht als Gegenstände ihrer Forschung begreifen. Das ist wohl eine Mischung aus Ignoranz und Feigheit: feministische Politik trotz ihrer flächendeckenden institutionellen Verankerung als Forschungsobjekt nicht ernst zu nehmen, aber auch keine Konflikte mit empörungsbereiten Feministinnen riskieren zu wollen.

Bourdieu liefert mit seinem Text „Die männliche Herrschaft“ selbst ein Beispiel dafür.  Im Vergleich zum Detail- und Gedankenreichtum seines Werks „Die feinen Unterschiede“ ist der Text ein recht lieblos dahergeschlonzter Aufsatz, wie das gedankenlose Lüften eines Hutes zur Begrüßung. Bourdieu sichert sich damit gegen den Vorwurf ab, Geschlechterverhältnisse und feministische Forschung zu ignorieren, und produziert mit spürbar wenig Interesse einen Text, der Erwartungen bestätigt.

So aber wirken feministische Positionen im wissenschaftlichen Diskurs schon seit einer ganzen Weile weniger durch ihre Bedeutung für die Forschung als durch eine moralisch grundierte Distinktion. Wer von dort aus agiert, kann andere beurteilen, nämlich als „Frauenfeinde“, „Misogyne“, „Antifeministen“ oder auch positiv als „kluge Männer“ (Schwarzer) – ohne aber selbst umfassend von diesen anderen beurteilt zu werden, zumindest nicht im offenen Diskurs.

Distinktion durch überlegene Moralität aber produziert ganz besondere Widersprüche. Wer moralisch argumentiert, der ist dann erfolgreich, wenn er möglichst viele andere von der Gültigkeit seiner Position überzeugt. Wer sich aber von anderen unterscheiden will, kann mit solchen Verallgemeinerungen der eigenen Position nichts anfangen, weil diese Position sich ja eben gerade dadurch beglaubigt, dass sie sich vom Allgemeinen – sei es der „Pöbel“, sei es das „Patriarchat“ – unterscheidet.

Distinktion durch Moralität funktioniert als Distinktion also umso weniger, je erfolgreicher die aufgerufenen Moralvorstellungen vertreten werden. Je mehr diese allgemein akzeptiert werden, desto radikaler müssen sie dann variiert werden, um überhaupt noch für einen Distinktionsgewinn zu taugen.

„Up above the world you fly, Like a tea–tray in the sky“, singt der Hutmacher bei der „mad tea party“ während Alices Abenteuern im Wunderland.

Das erleben wir in Geschlechterdebatten seit Jahren. Wenn die Gleichberechtigung der Geschlechter längst allgemein akzeptiert ist, beschreiben feministisch inspirierte Politikerinnen oder Lobbyistinnen es als Problem, dass Frauen nicht in allen Spitzenpositionen gleichermaßen wie Männer vertreten sind – ganz unabhängig davon, ob sich überhaupt ausreichend viele Frauen um diese Positionen bemüht haben.

Wenn es dann Gleichstellungsprogramme gibt, um Frauen den Zugang zu diesen Positionen zu erleichtern, empören sich Aktivistinnen über einen umfassenden, aber sorgfältig diffus bleibenden männlichen „Alltagssexismus“ – veröffentlichen empört Fotos von Männern, die in Bussen und U-Bahnen sitzen und ihre Knie nicht geschlossen halten („manspreading“) – oder sie machen „alte weiße Männer“, womit angeblich keine alten weißen Männer gemeint sind, für Rassismus und Klimawandel verantwortlich – oder sie beschreien es als „Transfeindlichkeit“, wenn jemand davon ausgeht, dass es grundsätzlich zwei Geschlechter gibt – oder sie erwarten, dass Wörter durchgehend mit Gendersternchen ergänzt werden.

Distinktion durch Moralität begründet so nicht unbedingt ein „race to the bottom“, aber ein „race to the absurd“: Es kommt ja gerade darauf an, Positionen zu beziehen, die eben nicht von allen geteilt werden können, die dann aber für alle gelten sollen.

Damit haben Männer gute Gründe, die Auseinandersetzung mit dem Feminismus zu scheuen, und zugleich ist es auch eine Falle für ein Blog wie Alle Evolution: Wer jeweils die neuesten Manöver einer moralisch grundierten Distinktion nachvollzieht und sich argumentativ mit ihnen auseinandersetzt, ist beständig in Gefahr, sich in absurden Verzweigungen zu verlieren und nach außen hin lächerlich oder gar zwanghaft zu wirken.

 

Entlarvungsrituale als Berufsplanung

Denn feministische Distinktionsbedürfnisse spiegeln soziale Bedingungen wider, die Männer in der Geschlechterpolitik in dieser Form schlicht nicht vorfinden. Wer glaubhaften feministischen Aktivismus betreibt, kann sich auch ohne langwierige Ausbildungen in einer Vielzahl institutionalisierter Positionen platzieren.

Anne Wizorek beispielsweise gab das grimmebepreiste Blog kleinerdrei, das sie gegründet hatte, auf, als sie Mitglied der Sachverständigenkommission für den Gleichstellungsbericht des Bundestages war. Dass ihre vielen Mitarbeiter*innen tatsächlich aus Arbeitsüberlastung nicht weitermachen konnten, ist ganz unglaubwürdig – vor allem im Vergleich zum Blog Christians, der seit zehn  Jahren täglich und fast vollständig im Alleingang Artikel veröffentlicht.

Während aber der feministische Aktivismus durchaus erkennbar auch das Ziel hat, sich einen Namen zu machen, halten in Christians Blog – wie auch in meinem eigenen – die meisten Beteiligten ihren Klarnamen zurück. Als „Masku“ oder „Antifeminist“ dazustehen, ist eben kein Distinktionsgewinn, sondern ein Stigma.

Die Slogans sind weiterhin griffig und eindrucksvoll, aber das Gebäude dahinter kann auf unvoreingenommene Betrachter ein wenig zweifelhaft wirken.

Seine weitflächige Institutionalisierung ist denn auch ein weiterer Grund, warum die Positionen des aktuellen Feminismus sich nicht gut für eine empirische soziologische Forschungsarbeit eignen. Um sich selbst zu legitimieren, müssen nämlich die Positionsinhaber*innen beständig einen Gegensatz zwischen Gesellschaft und staatlichen Institutionen inszenieren, bei dem die Gesellschaft als ungerecht, inhuman, korrekturbedürftig, eben „patriarchal“ erscheint, während staatlich finanzierte Institutionen als dringend benötigtes Korrektiv dastehen.

Wer aber die Gesellschaft immer nur rituell entlarvt, hat gar kein Interesse daran, sie unvoreingenommen zu analysieren.

 

Ein digitaler Samisdat: Vom Nutzen und Nachteil der Nischen

Unter diesen Bedingungen bleibt das Blog Alles Evolution vorerst eine Nischenplattform, die zwar von sehr vielen besucht wird, zu der viele beitragen, deren Themen aber massenmedial oder in Parteien nur sehr zögerlich aufgegriffen werden – und dann fast immer, ohne die jahrelangen Diskussionen dort zu erwähnen.

Das wertet das Blog nicht ab, im Gegenteil: Es zeigt, was für eine enorme Leistung es ist, solch ein Forum über zehn Jahre hinweg in einem Umfeld zu führen, das weder günstig noch wohlgesonnen ist. Aus der Perspektive einer längst etablierten Geschlechterpolitik sind Männer, die den Feminismus kritisieren, einfach nur primitive Privilegierte, die um ihre Machtpositionen fürchten würden – und ein Blog wie Alles Evolution ist im Lichte dieser Ressentiments einfach nur ein öder digitaler Ort, wo die wilden Kerle wohnen.

In gewisser Weise ist das, was dort oder von Arne Hoffmann bei Genderama produziert wird, ein digitaler Samisdat – wenn auch, natürlich, unter deutlich komfortableren und weniger gefährlichen Bedingungen. Es bietet einen Raum für Informationen, für Gedanken, für Positionen, die anderswo als anrüchig oder unverständlich gelten.

In einem solchen Raum können auch Aggressionen wachsen, und ich gestehe, dass ich manchmal im Blog Alles Evolution einfach zu lesen aufgehört habe, wenn sich nämlich jemand rundweg über Frauen, über Feministinnen, über Linke, über die Soziologie oder andere „Geschwätzwissenschaften“ ausgekotzt hat. Warum solch ein Forum trotzdem sehr wichtig ist, kann ich mit einer kleinen Geschichte beschreiben.

In den ersten Monaten als Trennungsvater hatte ich das Gefühl, umfassend isoliert zu sein – nicht nur von unserem Kind getrennt, sondern politisch auch regelrecht verachtet, ohne dass ich wüsste, was ich eigentlich falsch gemacht hatte. Insbesondere Väter, die sich nicht einfach in ihre Position einfinden wollten und die offen protestierten, standen als aggressive Wirrköpfe oder als Frauenfeinde da.

Die Foren, die es überhaupt gab, gaben sich alle Mühe, diese Ressentiments zu bestätigen. Da geriet ich zufällig auf die Internetseite von Monika Ebeling, die damals noch Gleichstellungsbeauftragte in Goslar war – und ich hätte heulen können, als ich las, dass sie sich auch für Männer einsetzen würde.

Sie wurde dann bekanntlich sehr bald und mit hanebüchenen Argumenten von einer unangenehmen Koalition aus Grünen, Sozialdemokraten und Freidemokraten aus dem Amt gedrängt. Der Eindruck, dass es in den zuständigen Institutionen einen Platz für Trennungsväter gäbe, war eine Illusion gewesen.

Das heutige Header-Bild des Blogs, in dem das fliegende Spaghettimonster endlich einmal die ihm zustehende Aufmerksamkeit erhält.

Aber außerhalb der Institutionen hatte ich etwas gefunden, das sich hielt und nicht gleich wieder verschwand, insbesondere Genderama von Arne und Alles Evolution von Christian. Bei Christian gab und gibt es zudem einen langen Kommentarstrang, der es allen ermöglicht, sich auch selbst zu äußern.

Für die Menschen, die sich dort äußern oder die einfach nur mitlesen, kann es ein enormer Unterschied sein, ob es eine solche Nische gibt oder nicht. Auch wenn die diskutierten Themen, wie im Gleichnis vom weichen Wasser und dem harten Stein, nur langsam, sehr langsam in die allgemeineren Diskurse hinüberfließen.

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7 Comments

  • Vielen Dank, lieber Lukas, für deinen Beitrag. Doppelt schön, weil er viele Denkansätze gibt und natürlich wegen der warmen Worte zu meinem Blog.

    Gerade die Figur des „race to the absurd“ finde ich sehr interessant.
    Ich habe auch mal den oben genannten Podcast abonniert. Werde mir da die Besprechungen der Soziologen mal anhören. Ich war eh schon auf der Suche nach einem guten Hörbuch dazu (ich komme gegenwärtig nicht zum lesen, aber wenn ich mit dem Auto unterwegs bin wenigstens zu Hörbüchern). Wenn du da weitere Empfehlungen hast, dann wäre ich sehr interessiert

  • Ja super, dass hier, schön wär’s ja:

    „Für die Menschen, die sich dort äußern oder die einfach nur mitlesen, kann es ein enormer Unterschied sein, ob es eine solche Nische gibt oder nicht. Auch wenn die diskutierten Themen, wie im Gleichnis vom weichen Wasser und dem harten Stein, nur langsam, sehr langsam in die allgemeineren Diskurse hinüberfließen.“

    Da werden theoretische Konstrukte rauf und runter geleiert, hitzigste Diskussionen wegen irgendwelcher Marxismen vom Zaun gerissen. Es wird konstruiert und dekonstruiert, ge-CISt und ge-MGTOW, die PUAs kommen auch zu Wort und hauen mit ihren eigenen Akronymen nur so um sich – und was kommt dabei raus? Nichts!

    Von all diesen Super-Brainern habe ich noch keine aktiv irgendwie erlebt und der höchste Einsatz bestand zumeist darin, sich die Finger wund zu tippen und über allerlei #Hashtags in der Diskussionsrunde herzufallen; von kleinen Ausnahmen mal abgesehen.

    Ich habe diverse Aktionen mitorganisiert, Vernetzungen gesucht und u.a. solche Aktionen wie „400“, „Agens reißt die Mauern ein“ in Berlin mitorganisiert – für 40-50 verirrte Gäste am Brandenburger Tor. Wo waren sie da, dieses ganzen Diskurs-Artisten?

    Nein, so sehr ich Christian auch dankbar bin, dass er sich sehr für Multiplikatoren einsetzt und recht liberal vorgeht, so sehr muss ich der Auffassung widersprechen, dass sich in den 10 Jahren diskursiver Durchkauerei auch nur irgendetwas verändert hat – ausdrücklich: leider!

    Was macht der Feminismus derweil: „Ich habe abgetrieben“, „Lohnlüge“, „#metoo, # aufkreisch und was weiß ich noch für Sachen, die alle für mediale Aufmerksamkeit sorgten.

    Was haben unsere Sofa-Revolutionäre dagegen gehalten?

    Agens hat es mit „400 Trennungswaisen jeden Arbeitstag“ immerhin ins Vorwort vom Gunda Werner Institut geschafft, was in der zweiten Auflage dieses merkwürdigen Hinrich Rosenstock Pamphlets aber sofort „korrigiert“ wurde.

    Wie auch immer, ich sehe keinen Grund zu feiern. Ein Fleißkärtchen eher dafür, sowas 10 Jahre durchzuhalten.

    • Nachtrag: Bevor das missverstanden wird.

      Ich meine damit nicht Arne Hoffmanns Blog „Genderama“, von dem ich denke, dass dieser in der Tat einiges in den Köpfen bewegt haben dürfte. Meine Meinung bezieht sich ausdrücklich auf „Alles Evolution“

      PS: Arne hat heute (12.5.) Geburtstag und freut sich bestimmt über viele Glückwünsche 😉

    • Hiw to destroy a commentary section – completely…ehrlich, großes Kino. Der lukas erklärt hier ellenlang, warum Männer nicht mal ihre Klarnamen preisgeben und du besxhwerst dich, dass dir keiner zur Demo folgt? War das vielleicht von vornhe ein bisschen zu optimistisch?

      Zumindest in meinem Umfeld kann ich für mich sixher sagen, dass sich das Bewusstsein bezüglich gender&co schon ordentlich geändert hat und auch online hab ich sehr oft den Eindruck, femis wird wenigstens ihr ganz großer Blödsinn nicht mehr so unwidersprochen durchgelassen. Kein femi-video geht da mehr online, ohne die entsprechenden Kommentare zu ernten oder gleich mit eigenen Masku-Videos beantwortet zu werden, kein Artikel mehr, der nicht entsprechend Gegenwind erzeugte und kaum eine normale Frau mehr, die nicht – teils vorauseilend – von der Wichtigkeit der Väter erzählt…etc etc… Ja sicher alles nur Sprüche, weiß ich auch, aber im kopf fängt es eben an.

      Daher ist all das Teil und Ergebnis fortwährender Bewusstseinsbildung – genau wie eine demo übrigens – und führt dazu, dass feministische Positionen nicht mehr ganz so leichtfertig in Gesetze gegossen werden, dass Diskussionen darüber eingefordert werden und dass Positionen ganz explizit mit der Begründung abgelehnt werden, dass sie ungerecht gegenüber Männern sind. Das ist doch nicht ’nichts’…

      Sicher, sie haben noch den Propagandaapparat und die Veränderungen passieren sehr langsam, aber Kultur, Gegenkultur und Aktivismus bestimmt man/bestimmst du nicht von aussen mit Nörgelei. Sondern man nimmt daran teil und wirkt auf seine Weise an der Bewusstseinsbildung mit, ohne den anderen dabei das Leben unnötig schwer zu machen.

      Etwas muss ich dir zwar recht geben, weil sich doch viel um Themen aus der eigenen Blase ausgetauscht wird und man sich daher gelegentlich im Kreis dreht, aber auch das lässt sixh ja als Teil der Bewusstseinsbildung interpretieren…wohlwollend

      Du bist allerdings bereits ein sehr gutes Beispiel für deine eigene Kritik, denn der Streit zwischen Demo-Machern und Online-Machern ist doch wirklich gut vergleichbar mit dem überflüssigen Ideologiestreit zwischen mgtow und pua…also was soll die ganze kritik? .Für die eigentlichen Ziele einer MR-Bewegung sind solche diskurse auf jeden fall von untergeordneter Relevanz und dienen nur der Ablenkung.

      Mit deinen Sprüchen hier diskreditierst du jedenfalls nicht nur Chris Blog und seine Leser ganz unnötigerweise, sondern auch ihn selbst…wenn ich das zum ersten mal sehen/lesen würde, würde ich sagen, du bist ne Drohne mit dem Auftrag, Zwietracht zu streuen – was natürlich nicht geht, weil es ja nie eine Eintracht gab.

      Im Endeffekt trägt aber auch das lediglich seinen Teil zur Bewusstseinsbildung bei…zwar sonderlich angenehm oder kommunikativ, aber immerhin…

  • Von Arnes Blog: https://twitter.com/6NewsAU/status/1264327302042664960
    Clementine Ford, die neben Germaine Greer bekannteste Feministin Australiens, erklärte gestern auf Twitter, der Coronavirus töte Männer nicht schnell genug.
    na Frau Stokowski, wäre das nicht was für Sie, so als dt. Ableger? Und falls die Reaktionen zu überbordent werden: „Es war sarkastisch gemeint“, „Da sieht man, was für Schneeflöckchen Männer sind“ etc., Ihnen fällt da bestimmt was ein… /Sarkasmus off. Eigentlich warte ich ja schon lange auf sowas… auf diese überbordente Empathie des „Feminismuss ist gut für Alle“… (Mist, schon wieder Sarkasmus…)

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