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Medien, Müll und Menschenwürde

geschrieben von: Lucas Schoppe

Über die Neutralität des Journalismus und die Grenzen ziviler Debatten

Ich hatte in den letzten Wochen sehr viel mit dem Abitur zu tun und deshalb nicht mehr gebloggt. Die Diskussion über einen Text, in dem am Ende Polizisten gedanklich genüsslich auf den Müll verfrachtet werden, und ein  Spiegel-Manifest über das Ende der journalistischen Neutralität sind aber ein guter Anlass für einen Wieder-Einstieg ins Bloggen.

Ich bin allerdings durchaus erleichtert, dass die Texte, die ich im Abitur gelesen habe, deutlich besser waren als die, um die es hier geht.

  1. Neutralität auf den Müll?
  2. Professionalität, nicht Neutralität
  3. Sind rote Ampeln eigentlich relevant?
  4. Können Männer sprechen? Und wenn ja, wieso?
  5. Weshalb habe ich eigentlich immer recht?
  6. Der Blick von oben
  7. Von den Torwächtern, denen ihr Tor abhanden kam
 

Neutralität auf den Müll?

Ihm wäre „vor 20 Jahren (…) an der Journalistenschule in New York eingeimpft“ worden, dass ein seriöser Journalismus „auf einer strikten Trennung zwischen Fakten und Meinung“ basiere. Heute hält Philipp Oehmke, Spiegel-Korrespondent in New York, nichts mehr vom dort Erlernten.

Mit „vorgetäuschter Objektivität“ übe ein solcher Journalismus nämlich einen „Ausgewohenheitszwang“ aus und wäre „selbstgefällig und denkfaul“. So stünden Journalisten heute mitten in einem

Kulturkampf zwischen den alten Neutralitätsfanatikern und einer neuen Generation von Journalistinnen und Journalisten, die die eigene Position stärker deutlich machen will (…).

Wenn Oehmke, Jahrgang 1974, nun im Spiegel verkündet, dass die „Zeit der Neutralität“ vorbei wäre, begehrt natürlich auch er auf der Seite der neuen Generation gegen die alten Neutralitätsfanatiker auf.

Wenige Tage später veröffentlicht eine andere Vertreterin der neuen Generation eine Kolumne, der bislang noch niemand Neutralitätsfanatismus vorgeworfen hat. Hengameh Yaghoobifarah, Hof-Holzhammer bei der taz, macht sich Gedanken über die Verwendungsmöglichkeiten von Polizisten nach der Auflösung der Polizei. Sie findet aber natürlich demonstrativ keine, weil Polizisten weder in die Nähe von Menschen noch in die von Tieren gelassen werden sollten und Yaghoobifarah sich „nicht mal eine Pediküre von ihnen geben lassen“ würde.

Dieses Bild ist eine Satire. Was auch sonst?

Es geht im Text nicht um eine Auseinandersetzung mit Rechtsextremen in der Polizei, mit Toten in Polizeigewahrsam oder um den Verlust des Vertrauens in die Polizei – sondern um eine konsequente Entwürdigung anderer, mündend in einer folgerichtigen Pointe. So ist die Kolumne geprägt von einem Gestus sozialer Verachtung, einem angewiderten Blick von oben nach ganz unten. Bei allem guten Willen bleibt dann nichts anderes übrig, als die „Ex-Cops“ auf dem Müll endzulagern,

auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.

Ich weiß nicht, ob Oehmke solch ein genüssliches Verbreiten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Kopf hatte, als er gegen die alten überkommenen Neutralitätsfanatiker anschrieb. Jedenfalls machen beide Texte auf unterschiedliche Weise deutlich, dass auch Journalisten („Journalist_innen“ würde die taz schreiben, auch wenn der sonst obligatorische Unterstrich im Begriff „Ex-Cops“ irgendwie nicht unterzubringen war) und Redaktionen nicht mehr recht wissen, was einen guten Journalismus eigentlich ausmacht und welche Grenzen er beachten muss.

Dabei ist diese Frage heute deutlich dringender als noch vor zwanzig Jahren. Heute nämlich haben viele Menschen, ich zum Beispiel, Möglichkeiten, ganz ohne Redaktionen ihre Gedanken zu veröffentlichen.

Dabei sind auch viele Menschen, die auf bestimmten Gebieten erhebliche Fachkenntnisse besitzen – so wie sie Journalisten normalerweise nicht haben. Der Journalismus schwimmt also nicht nur mitten in einer ökonomischen Krise, sondern auch in einer Legitimationskrise:

Was zeichnet denn den Journalismus als Profession aus gegenüber Bloggern oder auch Youtubern, die manchmal schon berufsweise weit überlegene Fachkenntnisse haben, oder gegenüber Facebookommentatoren, die im Verbreiten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auch nicht weniger engagiert sind als Yaghoobifarah?

 

Professionalität, nicht Neutralität

Auch wenn Oehmke einen anderen Eindruck erweckt: Der Begriff „Neutralität“ ist tatsächlich kaum umkämpft. Meines Wissens erwartet niemand von Journalisten, die über schwere Kindesmisshandlungen, über Folter oder andere Verbrechen berichten, dass sie Täter und Opfer gegenüber neutral zu sein hätten.

Auch der Begriff der „Objektivität“ taugt schon lange kaum noch für erregte Auseinandersetzungen. Der Philosoph John Dewey hat sich schon vor hundert Jahren von der Phantasie eines „God’s eye view“, eines gottgleich-objektiven Blickes, verabschiedet. Der Philosoph Thomas Nagel hat das in neuerer Zeit als „view from nowhere“ bezeichnet – als Illusion eines Blicks aus dem Nirgendwo, der durch keinen konkreten Standpunkt verzerrt wäre. Wissenschaftlich zu arbeiten bedeutet heute nicht, einen solchen Blick irgendwie einzuüben – sondern Regeln wissenschaftlichen Arbeitens zu respektieren, mit denen unterschiedliche Perspektiven koordiniert werden können.

Auch ihre Haltung, die schlechtgelaunte Zeitgenossen gerne den „Haltungsjournalisten“ vorwerfen, eignet sich kaum für Debatten. Einmal ganz abgesehen davon, dass dieser Vorwurf in aller Regel dann erhoben wird, wenn jemandem die spezifische Haltung eines Journalisten nicht passt: Der Begriff „Haltungsjournalist“ suggeriert, Journalisten wären in früheren Zeiten gar nicht auf die Idee gekommen, so etwas wie eine Haltung einzunehmen.

New York Times, 1942: Journalismus ohne Haltung?

Natürlich hatten aber beispielsweise die Journalisten, die unter Lebensgefahr aus dem Vietnamkrieg berichtet und zu seinem Ende beigetragen haben, eine klare Haltung – so wie auf andere Weise auch, zum Beispiel, Bob Woodward und Carl Bernstein, die Ikonen eines investigativen Journalismus.

Tatsächlich geht es weder um Neutralität, noch um Objektivität, noch um Haltung – sondern einfach um die Regeln professionellen Arbeitens. Ich als Leser wäre schon zufrieden, wenn einfach drei davon für Journalisten wieder wichtiger würden:

  1. zu versuchen, über alle relevanten Aspekte eines Themas zu berichten,
  2. zu versuchen, alle Beteiligten anzuhören und
  3. davon auszugehen, dass Vormeinungen nicht unbedingt bestätigt werden.

Das Problem des heutigen Journalismus, zumindest so wie ich ihn erlebe, ist nicht die fehlende Neutralität, sondern die fehlende Professionalität.

 

Sind rote Ampeln eigentlich relevant? (a.)

Natürlich ließe sich leicht einwenden, dass doch gar nicht klar wäre, was denn alle relevanten Aspekte eines Themas wären. Könnte es nicht gar ein Herrschaftsverhalten sein, anderen vorzuschreiben, welche Aspekte sie relevant finden sollten und welche nicht?

Das aber ist ein Schein-Einwand.

Denn tatsächlich sind wir Relevanz-Maschinen. Wir sind darauf trainiert, beständig und schnell relevante von irrelevanten Informationen zu unterscheiden, sonst würden wir keinen Tag halbwegs unverletzt überleben. Mehr noch: In aller Regel – wenn wir uns nicht taktierend gerade mitten in einem Beziehungsstreit oder einer politischen Diskussion befinden – sind wir uns auch untereinander darüber einig.

Niemand zweifelt beispielsweise ernsthaft daran, dass Autofahrer rote Ampeln auf ihrem Weg als relevant wahrnehmen müssen, im Unterschied zu Werbeplakaten. Würde ein Autofahrer es umgekehrt machen, dann würden wir ihn nicht für seinen Widerstand gegen relevanzdiktierende Herrschaftsstrukturen belobigen, sondern für einen Idioten halten, der besser aus dem Straßenverkehr gezogen werden sollte.

Das gilt so in aller Regel auch für politische Berichte. Ich kann mich beispielsweise gleich an mehrere Situationen aus den letzten Monaten erinnern, in denen ich wochenlang in israelischen oder amerikanischen Quellen über einen Beschuss Israels von palästinensischem Gebiet aus las – die Tagesschau oder andere deutsche Quellen aber erst über einen Angriff Israels berichteten, wenn Israel seinerseits auf palästinensische Stellungen schoss. 

Ganz ohne Falschinformationen, einfach nur durch Auslassungen, entwerfen solche Berichte ein falsches Bild.

So stört es die Vertrauenswürdigkeit von Journalisten auch nicht, wenn tatsächlich einmal nicht ganz klar ist, ob denn nun bestimmte Aspekte eines Themas relevant sind oder nicht. Wenn aber Informationen ausgelassen werden, die offensichtlich wichtig für das Verständnis des Themas sind – dann habe ich als Leser den Eindruck, betrogen zu werden.

 

Können Männer sprechen? Und wenn ja, wieso? (b.)

Dasselbe gilt für die Einbeziehung aller Betroffenen. Natürlich muss deren Perspektive nicht einfach übernommen werden. Wenn aber nicht einmal deutlich wird, dass es andere Perspektiven gibt, obwohl das offenkundig ist – dann wirkt auch das wie ein Betrugsversuch. Ein ganz aktuelles Beispiel:

Als die Wissenschaftlerinnen Janina Steinert und Cara Ebert gerade eine Studie zur Häufigkeit häuslicher Gewalt in Zeiten von Corona veröffentlichten, schienen ihre Ergebnisse etwas zu bestätigen, was viele schon lange befürchtet hatten, aber nicht belegen konnten: nämlich dass Frauen und Kinder nun deutlich häufiger zu Opfern männlicher häuslicher Gewalt würden.

Im Podcast der kleinen Ärztezeitung will dann die Interviewerin Ruth Ney von den Wissenschaftlerinnen erst ganz am Ende und nach mehr als 15 Minuten erfahren, warum sie eigentlich nur Frauen und keine Männer befragt hätten. Es wäre, so die Antwort, “sehr wichtig zu betonen, dass wir nur einen Teil des Gesamtbildes abdecken“. So wichtig, dass die Wissenschaftlerinnen diesen Punkt zuvor fünfzehn Minuten lang gar nicht angesprochen hatten.

Warum diese einseitige Anlage der Studie ein großes Problem ist, zeigt sich an vielen Formulierungen des Gesprächs. Die Wissenschaftlerinnen hätten, so sagen sie, „körperliche Auseinandersetzungen“ und „Gewalt an Kindern“ festgestellt und eine gesteigerte „Häufigkeit von körperlichen Konflikten“, von „Gewalterfahrungen innerhalb dieses Lockdowns“ erfahren und von Familien, in denen ein „höheres Konfliktpotenzial“ oder generell „Gewalt herrschte“.

All diese Formulierungen sind geschlechtsneutral, sie können Gewalt von Müttern und Vätern, Gewalt von Männern gegen Frauen und umgekehrt oder insgesamt eine Gewaltdynamik mehrerer Akteure bezeichnen. Der Eindruck, hier würde über Gewalt von Männern gegen Frauen oder von Vätern gegen Kinder berichtet, entsteht allein durch das Framing der Informationen, nämlich durch die Fixierung auf die weibliche und die Ausblendung der männlichen  – und der kindlichen – Perspektive.

Was aber die Interviewerin der Ärztezeitung erst ganz am Ende interessiert, ist für größere Publikationen vollends unwichtig. Die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, das ZDF oder die Badischen Nachrichten berichten über gesteigerte Gewalt an Frauen und illustrieren ihre Texte seltsam uniform: Vom Mann ist jeweils nur ein Körperteil zu sehen, mit dem er Gewalt ausübt, oder er ist gar nicht im Bild – die Frau als Opfer vom Gewalt steht im Zentrum.

Auch die Bebilderung journalistischer Beiträge zum Thema ist seltsam uniform. Süddeutsche Zeitung, Badische Zeitung, ZDF, Die Zeit (von links oben im Uhrzeigersinn)

Auch wenn das keine Absicht ist, wiederholt die Bebilderung das Arrangement der Forscherinnen, in dem die Perspektiven von Männern ausgeblendet bleiben und Männer lediglich als Täter in Frage kommen. Dass Journalisten zu dieser Ausblendung durchweg eine kritische, professionelle Distanz fehlt, liegt eben daran, dass auch sie an der Perspektive von Männern nicht interessiert sind. Denn wer unterschiedliche Beteiligte zu einem Thema befragt und ihre Perspektiven ernst nimmt, der wird zwangsläufig keine dieser Perspektiven unkritisch reproduzieren.

Die Einbindung der Perspektiven verschiedener Betroffener ist damit nicht nur eine Frage der journalistischen Fairness, sondern auch eine Voraussetzung dafür, dass Journalisten kein verzerrtes Bild der Wirklichkeit entwerfen.

 

Weshalb hab ich eigentlich immer recht? (c.)

Die so fragwürdige Studie von Steinert und Ebert wurde möglicherweise auch deswegen so schnell und so unkritisch medial aufgegriffen, weil sie auf Vorstellungen über häusliche Gewalt aufbaute, die zuvor lange politisch gepflegt worden waren.

In der Kognitionspsychologie ist eine solche Haltung längst als confirmation bias – auf Deutsch: Bestätigungfehler – bekannt: Wir würden unsere Informationen unmerklich so auswählen und so gewichten, dass sie unsere Vorannahmen bestätigen. Das erfüllt durchaus eine sinnvolle Funktion, weil wir auf diese Weise nicht beständig damit beschäftigt sind, unsere Weltbilder zu erschüttern und neu aufbauen zu müssen. Für eine angemessene – und eben auch: professionelle journalistische – Auseinandersetzung mit Themen ist dieser bias aber offensichtlich fatal.

Es gehört daher zur wissenschaftlichen und auch zur journalistischen Professionalität, gegenüber den eigenen Vorannahmen kritisch zu sein und sie, falls nötig, auch gezielt in Frage zu stellen. Der Relotius-Skandal wäre nicht möglich gewesen, wenn in der Spiegel-Redaktion und anderswo diese Art der Professionalität selbstverständlich gewesen wäre. Die so glatt und allzu passend wirkenden Geschichten des Claas Relotius waren eben auch deswegen erfolgreich, weil sie Vorannahmen und Ressentiments bestätigten – etwa die Fantasien über die weißen amerikanischen Hinterwäldler, die beschränkt und politisch unbedarft Trump an die Macht gebracht hätten.

Diese Bestätigung der eigenen Vorannahmen lässt sich nur mit einem uneingestandenen Desinteresse an der Welt, über die angeblich berichtet wird, durchhalten.

 

Der Blick von oben

Journalisten ist es daher überhaupt nicht vorzuwerfen, wenn sie überhaupt eine Haltung haben – fatal aber ist, dass sie in den genannten Beispielen eine Haltung haben, die wesentliche Regeln der demokratischen Öffentlichkeit verletzt. Es ist eine Haltung, die sich in der Betonung von Gegnerschaften erschöpft.

Wenn Oehmke dem amerikanischen Präsidenten seine „permanenten Lügen und Fehlinformationen“ vorhält, dann behauptet er damit ganz selbstverständlich eine Neutralität, der er im selben Satz noch ein Absage erteilt – denn natürlich beansprucht jemand, der anderen Fehlinformationen vorwirft, seinerseits tragfähige und verlässliche Informationen zu liefern.

So aber wird die öffentliche Debatte zu einem Kampf, in dem sich alle Seiten gegenseitig Fake News vorwerfen können. Ein Journalismus, der diese Strukturen der Feindschaft einfach akzeptiert, muss dann nur noch unterscheiden, welchen Positionen keineswegs ein Forum geboten werden dürfe und welche Positionen Unterstützung verdienen.

Solidarität hier, Solidarität da, und unbedingt immer unbedingt: Die Pflege von Feindschaften zerstört die Möglichkeiten ziviler Debatten.

Gerade hat die eigentlich doch als seriös, einst gar als betulich geltende Zeit einen Text veröffentlicht, der fordert, Vätern das Sorgerecht abzuerkennen, wenn sie nicht ausreichend lange Elternzeit nehmen. Auch wenn das ein Meinungsbeitrag von außen ist und keine Reportage der Redaktion, ist einem Trennungsvater wie mir der Gestus der Feindschaft natürlich unübersehbar:

Keine ökonomische Analyse (sind Familien vielleicht auf das von den Vätern verdiente Geld angewiesen?), keine Frage nach Relationen und unterschiedlichen Perspektiven (würde z.B. ein seriöses Blatt die vergleichbar absurde Forderung veröffentlichen, dass Frauen, die nicht genügend zum Familieneinkommen beitragen, dann eben überhaupt nicht mehr arbeiten dürfen?) – stattdessen autoritäre Bestrafungsfantasien gegenüber Menschen, die in den Augen des Autors einfach Eltern des falschen Geschlechts sind.

Eben eine solche autoritäre Haltung nehmen auch die Verteidiger der Müll-Kolumne ein. Patrick Bahners aus der FAZ setzt Bettina Gaus, die Yaghoobifarah in der taz kritisiert und die eine „Achtung der Menschenwürde“ eingeklagt hatte, kurzerhand mit Josef Goebbels parallel. Seine Behauptung, dass der Müll-Text eine Satire wäre, ist zwar krumm herbeiargumentiert  – wird aber von David Hugendick und Johannes Schneider in der Zeit schlicht übernommen. Wer den Text nicht als Satire anerkenne, würde sich „mutwillig dumm stellen“  – was natürlich auch bedeutet, dass diejenigen, die den Text tatsächlich nicht als Satire ansehen, dann eben auch tatsächlich dumm sind.

Könnte es sein, dass das Selbstverständnis einiger weniger Journalisten gegenüber der Polizei ein wenig überhöht ist?

Obwohl das Thema der Migration in der Müll-Kolumne nicht einmal angedeutet wird, interpretieren Bahners und co. sie kurzerhand als Ausdruck allgemeiner Erfahrungen von Migranten – wohl deshalb, weil die Eltern der in Kiel geborenen Yaghoobifarah aus dem Iran eingewandert sind. Tatsächlich reproduzieren die Autoren  eben denselben Gestus der sozialen Verachtung von oben nach unten, aus den Höhen einer elegant vorgetäuschten Bildung herab auf die Tiefebenen der blöden Prolls, den auch die Müll-Kolumne schon prägt.

Bahners pointiert ungewollt die Selbstbezüglichkeit dieser Überlegungen, wenn er den Zeit-Text, der seine eigene Argumentation verwurstet, dann wiederum weiterempfiehlt.

Auffällig ist dabei das herablassende Unverständnis für Menschen, in deren Augen der Müll-Text die Menschenwürde verletzt – und die enorme, deplatzierte Aggressivität gegen sie. Von der pauschalen Unterstellung der Dummheit oder wahlweise der Unehrlichkeit bis hin zur Goebbels-Parallele verweisen die Autoren Akteure anderer Meinung mit großer Geste aus dem rationalen Diskurs.

Dabei ist es, wenn wir überhaupt noch eine demokratische Öffentlichkeit schützen wollen, unverzichtbar, dass wir – wie Bettina Gaus – auf den „Vorrang der Menschenwürde“ als „kleinsten gemeinsamen Nenner“ bestehen oder dass wir – wie Stefan Reinecke, ebenfalls in der taz – es als „zivile Selbstverständlichkeit“ ansehen, dass wir die Herabwürdigung einer Gruppe von Menschen“ ablehnen.

Dass Reinecke aber diese zivile Selbstverständlichkeit mit der Frage „Gilt Abfall eigentlich auch für die 16 Prozent Frauen in der Polizei?“ verständlich zu machen versucht, zeigt schon, wie grundlegend unsere Diskurse bereits im Gruppendenken verstrickt sind.

 

Von den Torwächtern, denen ihr Tor abhanden kam

Der professionelle Journalismus muss heute mit den sozialen Medien um Aufmerksamkeit kämpfen, aber auch um seine Legitimation – angesichts der Tatsache, dass in Videos, in Kommentarspalten, in Blogs und anderswo auch Akteure schreiben, die sich in spezifischen Fachgebieten deutlich besser auskennen als Journalisten selbst. Eine moralisierende Trennung der Öffentlichkeit in die Vernünftigen und die Irrationalen, die beistandswürdigen Opfer und die zu bekämpfenden Täter gibt Journalisten die Möglichkeit, an einer längst überholten Torwächterfunktion festzuhalten: Wessen Positionen werden verstärkt, und wessen Positionen gehören ausgeblendet?

Das bedeutet, dass der Vorwurf des „Haltungsjournalismus“ genau am Problem vorbeigeht. Dieser Journalismus zeichnet sich ja eben gerade dadurch aus, dass er zu den medialen und politischen Veränderungen der öffentlichen Debatten eben keine begründete Haltung findet, und dass er sie auch gar nicht finden will. Er ist nicht „linksgrün“, sondern reaktionär.

Die überkommene Funktion des Torwächters zu den öffentlichen Diskursen, die ihnen dank der Veränderungen in der medialen Öffentlichkeit abhanden gekommen ist, versuchen Journalisten hier gleichsam moralisierend wieder hereinzuziehen – und sie verletzen eben damit die Regeln, die einen demokratischen, sachorientierten Diskurs erst ermöglichen.

Der Podcast mit Christian Drosten war einer der größten und wichtigsten journalistischen Erfolge der letzten Jahre. Er war es eben deshalb, weil hier Journalistinnen einem Gesprächspartner Raum und Zeit gaben, der weltweit einer der wichtigsten Wissenschaftler auf seinem Fachgebiet ist und der seine Forschung zugleich allgemeinverständlich vorstellen kann.

Das wurde möglich in einer Ausnahmesituation. Die Hetze der Bild-Zeitung gegen Drosten aber hob in eben dem Moment an, als wir das Gefühl einer Rückkehr zur Normalität haben konnten. Nun verteidigten Journalisten ihr Terrain, drängten dem Wissenschaftler die Regeln des boulevardesken Journalismus auf und versuchten, ihn als Schuldigen für alle möglichen Unannehmlichkeit der Corona-Zeit hinzustellen.

Der vorgeblich seriösere Journalismus anderer Magazine machte das kaum besser. Der Spiegel interviewte Drosten zwar, präsentierte ihn auf seinem Titel aber sensationsheischend als „verehrt und verhasst“.

Nun ist Drosten, außer bei ein paar sehr seltsamen Gestalten, überhaupt nicht verhasst, und er wird auch insgesamt weniger verehrt als schlicht – respektiert. Der simple Titel „respektiert“ hätte allerdings kaum das dumpfe Denken in verfeindeten Gruppen bedienen können, das Aufmerksamkeit verschafft, das aber zugleich der zivilen demokratischen Öffentlichkeit rituell eine Absage nach der anderen erteilt.

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28 Comments

  • Die Kommentare zu diesem Text wurden nicht mehr angezeigt – ich setze sie aber einfach noch einmal über mein eigenes Konto wieder rein und schreibe jeweils dazu, von wem sie stammen.

    Jochen – vielen Dank für Deine Kommentare. Bei einem war ich mir nicht mehr sicher, worauf er sich bezog. Er bestand nur aus den Wörtern „Guter Hinweis“, und das wollte ich natürlich nicht beliebig zuordnen. Ansonsten sind die Kommentare jetzt mit meinem Avatar versehen, ich hoffe, das stört nicht. Ab jetzt müsste es aber wieder möglich sein, hier normal zu kommentieren.

    Das Problem war wahrscheinlich, dass ich nebenbei über das Handy etwas geändert hatte und dabei einen falschen Link angeklickt hatte. Die kleinen Smartphones sind halt nicht für große Männerfinger gemacht, das sollte unbedingt mal thematisiert werden, scheint mir ein dringendes Thema des gender marketings zu sein. 😉

    Aber im Ernst: Entschuldigung an alle, deren Kommentare jetzt kurz verschwunden waren und von mir händisch wieder eingestellt wurden. Jetzt müsste es aber normal weitergehen können.

  • mitm, 26.6. 23:08
    „Die so fragwürdige Studie von Steinert und Ebert … “

    Die Studie war nicht nur aus den beiden von Dir genannten Gründen fragwürdig, sondern noch aus weiteren (methodisch noch gravierenderen) Gründen. Wir hatten das auf allesevolution ausführlich diskutiert und ich habe meinem ursprünglichen Blogpost um 2 Ergänzungen deutlich erweitert.

    Der eigentliche Witz kommt aber noch: wir hatten schon damals gerätselt, wo denn nun die komplette Studie ist, weil entscheidende Details unklar waren. Sie ist offenbar bis heute, also nach gut 3 Wochen, nicht publiziert worden, noch nicht einmal als Preprint. Nicht zu reden davon, daß soziologische empirische Studien nur noch dann anerkannt werden, wenn sie vorher angekündigt wurden.

    Würde mich nicht wundern, wenn die Studie nie auftaucht (wegen der handwerklichen Mängel kann sie auch kaum angenommen werden). Macht aber nichts, denn ihre Fakenews sind in rund 50 Zeitungsartikeln verbreitet worden, und dann muß es ja stimmen!!

  • Mark Smith, 27.6. 7:00
    @ Schoppe

    Du schreibst:
    „Tatsächlich geht es weder um Neutralität, noch um Objektivität, noch um Haltung – sondern einfach um die Regeln professionellen Arbeitens.“

    M.E. geht es schon auch um diese Begriffe, ich würde diese Begriffe also für den Journalismus nicht einfach über Bord werfen:

    Hans Joachim Friedrich soll ja mal folgendes gesagt haben:

    „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache. „

    M.E. geht es hier schon um so etwas wie um Neutralität und Objektivität. Und ich selbst finde dies deshalb wichtig, weil ich denke, dass das, was Norbert Elias in seinem Buch „Engagement und Distanzierung“ geschrieben hat, eben auch für die Wissenschaft und den Journalismus gilt:

    Ich zitiere mal aus Wikipedia:

    „Je besser es uns gelingt, gegenüber unserer Umwelt emotional distanziert zu sein, desto stärker basieren unsere gedanklichen Bilder der Umwelt auf Beobachtung und logischen Schlüssen statt auf Phantasien. Damit werden sie realitätsangemessener und ermöglichen es uns, die Gefahren der Umwelt besser zu kontrollieren.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Engagement_und_Distanzierung

    In die gleiche Richtung geht ja auch Maria-Sibylla Lotter mit ihrem Artikel
    „Moral statt Wahrheit: Allzu oft wird Wissenschaft als Wiedergutmachungsprojekt betrieben“
    https://www.nzz.ch/feuilleton/wissenschaft-wird-zum-wiedergutmachungsprojekt-ld.1561543?mktcid=smch&mktcval=twpost_2020-06-24

    Ganz wichtig scheint mir das zu sein, was der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger in einem Gespräch gesagt hat:
    https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ocWAvLjbTww&feature=emb_logo

    Die wichtigsten Punkten, die er anspricht und die m.E. richtig sind:

    • Journalisten versuchen, Dinge, die sie für wahr halten, noch wahrer zu machen und dann wird häufiger geschwindelt, als man denkt;
    • Mangel an Kritikfähigkeit; Kritikmangel unter Journalisten; verwechseln Negation mit Kritik; falsches Verständnis vom Kritikbegriff;
    • Journalisten sind Gläubige; Alternative Fakten nehmen sie gar nicht mehr wahr;
    • Haltungsjournalismus als ideologischer Objektivitätsbegriff
    • Gruppenspezifischer Konformitätsdruck im Zustand unzureichender Informationen; Folge = Verzerrung der Realität/Wirklichkeit;
    • wenn es sich um einen Missstand handelt, ist Übertreibung akzeptabel;
    • Probleme sind vermittelt durch Medien und somit hängt alles an der Medienvermittlung;
    • wenn es zu Krisen und Konflikten kommt in der Gesellschaft, dreht das System des Journalismus durch (Corona-Krise wäre ein Beispiel);
    • Oligarchienbildung innerhalb der Medienlandschaft; Oligarchiebildung in den Parteien; Bedeutung der Medien wird für Politiker/Parteien immer grösser; Medien und Politik verschmelzen (Oligarchie der Medien und Oligarchie der Politik verschmelzen); Merkel folgt immer dem Medientenor. Oppositionshaltung der Medien ist totgestellt, weil Merkel macht ja das, was die Medien wollen.
    • Medienelite stammt aus einer ganz spezifischen Gesellschaftsschicht, unterscheidet sich fundamental von der Masse der Bevölkerung;
    • Debattenkultur wird ersetzt durch Kultur der Ausgrenzung; Sichtweisen werden tabuisiert, indem sie moralisiert werden.
    • heutiger Journalismus als Gegenbewegung gegen die Aufklärung;
    • Lagerdenken: führt immer mehr zu einer Spaltung der Gesellschaft;

    Ich denke, Norbert Bolz sieht die Dinge anders als Du und auch ich würde eher in Richtung von Norbert Bolz gehen:

    „Medien: „Wir haben es mit Erziehern zu tun“
    https://www.reitschuster.de/post/medien-wir-haben-es-mit-erziehern-zu-tun

    Empfehlen kann ich übrigens auch mal folgende Bücher:

    Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand: Wie uns die Medien regieren
    https://www.amazon.de/Breaking-News-Ausnahmezustand-Medien-regieren/dp/3864892066/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&dchild=1&keywords=Michael+Meyen&qid=1593232188&sr=8-1

    Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung
    Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus
    https://www.springer.com/de/book/9783531161075

    Zu Drosten und dem Journalismus empfehle ich mal folgenden Artikel:
    „ZWEIERLEI MASS IN DER CORONA-BERICHTERSTATTUNG
    Von der fehlenden journalistischen Distanz zu Christian Drosten“
    https://uebermedien.de/49613/von-der-fehlenden-journalistischen-distanz-zu-christian-drosten/

  • djadamoros, 27.6. 10:19
    Ich habe vor längerer Zeit mal ein Buch von Carsten Brosda über »Diskursiven Journalismus« gelesen – lang und umständlich, aber den Grundgedanken fand ich überzeugend: er plädiert für eine »Diskurs-Anwaltschaft« des Journalismus, das heißt (in meinen Worten nach meinem Verständnis): Neutralität und Objektivität entstehen dadurch, dass mehr als eine sprechende Stimme repräsentiert wird und der Journalist in der Repräsentation den sprechenden Stimmen ein Vermittlungsangebot macht.

    Wenn man Brosda beim Wort nimmt, ist das natürlich eine schallende Ohrfeige für den heutigen Journalismus, der »böse« Stimmen entweder beschweigt oder tendenziös, als »mit Haltung«, repräsentiert.

  • Jochen Schmidt 27.6. 18:02
    Einfach nur genial.

    Oben im Hauptartikel heißt es:

    „Es gehört daher zur wissenschaftlichen und auch zur journalistischen Professionalität, gegenüber den eigenen Vorannahmen kritisch zu sein und sie, falls nötig, auch gezielt in Frage zu stellen.“

    Hierzu eine persönliche Erinnerung: Als Jugendlicher habe ich auf dem Gymnasium gelernt – und zwar sowohl in Deutsch als auch in Geschichte -, dass man bei Erörterungen, Untersuchen, Bewertungen usw. die eigenen Voraussetzungen reflektieren soll, und prüfen, ob diese wirklich begründet sind, oder ob es sich dabei bloß um Vorurteile handelt.

    Und nochwas, was ebenfalls oben im Artikel angesprochen wird: Man sollte die Motive prüfen, weshalb man das betreffende Thema überhaupt untersucht, erörtert od. dgl.: ob diese Motive einfach ein sachliches Interesse widerspiegeln, oder ob sie parteiisch seien und es eigentlich nur darum gehe, eine bereits vorher gefasste Meinung oder Theorie zu bestätigen (oder zu verteidigen). Das nannten die Leute im Gymnasium „das eigene Erkenntnisinteresse hinterfragen“.

    Ja, sowas habe ich in der Schule gelernt, andere Leute vermutlich auch – früher mal.

  • Petersen, 27.6. 22:05
    Es gibt offensichtlich einen Markt für Journalisten m/w/d (- ich belasse es mal bei dieser Berufsbezeichnung, möchte richtigen J. aber nicht zu nahe treten), die den deutschen Normalbürger beschimpfen, verhöhnen, ihn hassen und sich dabei von dessen hart verdienten Steuergeld aushalten lassen.

    Erwerbstätige (- im wesentlichen Frauen) dafür zu bezahlen, dass Sie ihre Kunden demütigen, nennt man glaube ich Domina. Sind die Perssonen á la Y. nun jornalistische Dominasten?

    Der/die wählende Deutsche fühlt sich schuldig, weil die Großeltern-Generation bei 12 Jahre Hitler mitmachten und Millionen Juden ermordet haben. Analog zu der christlichen Lehre nach Augustin (- nicht dem Urchristentum) gibt es die Ursünde, die jeden Menschen schuldig sein lässt. Obwohl das Christentum in Deutschland schon lange perdu ist, blüht der Schuld-Kult wie nie zuvor: Aktuell ist sind es nicht die Nazijahre mit Holocaust und Kriegsverbrechen, die beim Schuld-Kult „in“ sind, sondern der allgemeine „strukturelle“ Rassismus aller Deutschen (- es sei denn, sie haben Migrationshintergrund, die sind ohne Schuld).

    Wenn diese aktuelle, durch einen schwarzen Getöteten namens Floyd aufgeblühte BLM-Sekte aus dem Blickpunkt verschwunden sein wird, dürfte als Thema wieder die von weissen Menschen gemachte Klimakatastrophe reüssieren. Wir werden alle untergehen, aber vorher sollen die Weissen richtig blechen.

    Was die Person angeht, die in der taz Hassartikel schreibt: Merkwürdigerweise stellt sie sich als „Person of Colour“ dar, dabei ist sie eine weisse Kartoffel_*In wie MeierMüllerSchulze. Sich neu zu erfinden, mit einem anderen Geschlecht und mit eine anderen … Ethnie, das scheint ein gutes Geschäftsmodell zu sein. Ich sollte es mal versuchen, Indianer glaubt mir ja keiner, aber wie wäre es mit „Sorb*In (d)“?

  • Matze, 27.6. 220:11
    Ich finde viel zu viele Journalisten handeln heute verantwortungslos. Es gibt mittlerweile genug Beispiele aus den USA das es gerade Journalisten sind, die Rassenunruhen anfeuern und auch der einseitig geführte Geschlechterkrieg wird allzu gerne von Journalisten mit weitern Entmenschlichungen von Männern und Glorifizierungen von Frauen angeheizt .. gegen jede Vernunft und Moral.

    Ich kann auch nicht mehr glauben, das sie nicht wissen das sie gerade mal wieder lügen. Sofern sie Kommentare zulassen, werden keinerlei Informationen daraus verarbeitet, die ihr Weltbild nicht bestätigen. Und sowas merkt man auch selbst. Also lügen sie bewusst eine große Menge Menschen an und das ist komplett verantwortungslos.

  • Beweis, 28.6. 9:53
    Nie war in demokratisch geprägten Systemen der Journalismus so notwendig und wichtig wie heute. Aber leider schafft er sich gerade selber ab. Die über Jahrhunderte entwickelten Fähigkeiten der Journalisten, Komplexes anschaulich zu machen, Dominantes zu hinterfragen, Verstecktes zu entdecken und sichtbar zu machen, Idole anzukratzen und dem Alltag in einem meinungsdiktatorischen Umfeld eine Opposition zu geben, fehlen unserer Welt schon jetzt schrecklich.

    Social Media und Blogs können das nicht ersetzen. Denn sie bieten in der Regel nicht das, was einst Fundament des Journalismus war: Die Trennung von Nachricht und Meinung. Und aus dieser durch die Selbstdeklaration als Haltungsjournalisten entstandene Verquickung entstehen die hier beschriebenen Aufregungen.

    Herr König schreibt in der ZEIT, dass er bei bestimmten Gelegenheit Vätern das Sorgerecht entziehen will. Eine taz-Autorin bezeichnet Polizisten als Müll, der sogar für Tiere zu gefährlich sei. Beides klassische Meinungsbeiträge, über die sich perfekt zanken lässt.

    Da aber das Umfeld in den Publikationen komplett durchsetzt ist von Journalistenhaltungen oder bevölkerungspädagogischen Vorgaben der Redaktionen, sind diese Äußerungen einfach ganz normale Artikel von vielen. Fast jeder Artikel ist inzwischen tendenziös, kaum eine Recherche mehr ergebnisoffen. Meinung ist für die Leser nicht mehr von Nachrichten abgrenzbar.

    Da wirkt es fast albern, plötzlich „Satire“ zu schreien, wenn man textlichen Müll ins Blatt gehievt hat. Denn auch der Inhalt der vielen anderen Nachrichten wird durch die Haltung der Journalisten oder der Redaktion bestimmt. Das ehemalige Streben nach Wahrhaftigkeit ist nicht mehr gefragt, Gut und Böse stehen schon vor der Recherche fest. Und so soll es dann auch in die Köpfe der Leser gehämmert werden. Lassen sich Journalisten bereitwillig durch Fake-Studien hinters Licht führen, ist das Ergebnis dann ja „für eine gute Sache“.

    Journalismus ist vom Handwerk zur Mission mutiert. Und damit hat er sich im Kern aufgelöst. Nur manchmal blitzt noch eine kritische, geradezu blasphemische Frage eines Interviewers durch. Meist ganz am Ende. Im Ärzteblatt oder der Bäckerblume.

    • „Social Media und Blogs können das nicht ersetzen. Denn sie bieten in der Regel nicht das, was einst Fundament des Journalismus war: Die Trennung von Nachricht und Meinung.“

      Interessanter Punkt. Was könnte man denn anders machen, um das Problem wenigstens teilweise zu beheben? Blogs können natürlich nicht entfernt die gleichen Textmengen produzieren wie Zeitschriften mit vielen Vollzeitschreibern. Andererseits sind sie thematisch fokussierter.

      • Textmengen sind nicht das Thema, oft sind sie eher abschreckend. Und jeder Blogger kann auch Journalist sein. Es ist dann ein anderer Ansatz. Blogger äußern meistens ihre Ansicht zu etwas, das sie bewegt. Damit sind sie in gewisser Weise schon voreingenommen. Das ist nicht schlechter, eher ehrlicher, aber eben nicht journalistisch. Blogger sind in ihrem Themenbereich meist weitaus kompetenter, was wiederum auf Kosten der kritischen Distanz zu allen Beteiligten geht. Und die halte ich für sehr wichtig.

        Als Journalist bekommst du ein Thema, dass du dann ausloten musst, um es schließlich unter starkem Zeitdruck für die Allgemeinheit aufzubereiten. Das Recherchieren und Generieren von Nachrichten steht im Vordergrund, Meinungsbeiträge sind nur kleine Leckerlis, die man zwischendurch raushaut. Gerade erst wurden doch erst die zweifelhaften wirtschaftlichen Verwicklungen eines CDU-Jungpolitikers recherchiert, der daraufhin schnell eine Reihe von Ämtern aufgegeben hat. Ohne Journalismus würden solche Leute bestechlicher und dreister sein.

        Jeder Blogger könnte so etwas im Grunde auch herausfinden. Aber oft hat er weder Zeit noch Mittel dafür. Er muss ja auch noch seinen Lebensunterhalt verdienen. Bei Redakteuren geht das Hand in Hand. Sie haben auch eine starke Rechtsabteilung, einen potenten Verlag oder Sender hinter sich und müssen sich nicht einschüchtern lassen. Es sind ganz andere Rahmenbedingungen.

        Ich glaube, eine Demokratie ohne unabhängige Presse wäre schnell keine Demokratie mehr.

        Und wie gesagt: Das Format, in dem eine journalistische Recherche nachher erscheint, ist egal. Das kann genauso ein Blog sein.

  • Meines Wissens erwartet niemand von Journalisten, die über schwere Kindesmisshandlungen, über Folter oder andere Verbrechen berichten, dass sie Täter und Opfer gegenüber neutral zu sein hätten.

    Natürlich können sie nicht neutral fühlen, aber sie müssen handwerklich neutral handeln. Es ist ihre Aufgabe, bei angeblich bewiesener Schuld weiter zu zweifeln. Sie müssen jedes kleine Indiz anschauen und reflektieren. Sie müssen die Interessenslagen der Beteiligten analysieren unabhängig von vorherrschenden Meinungen.

    Es gibt unendlich viele Beispiele, wie journalistisches Recherche zum Freispruch unschuldig Inhaftierter und in der öffentlichen Meinung Abgeurteilter führte. Journalisten dürfen sich halt auch nicht mit mutmaßlichen Opfern gemein machen. Das ist die Kunst. Sie müssen unabhängig bleiben, dürfen weder wirtschaftlich noch ideologisch korrupt sein. Sie müssen den Gegenwind ertragen, wenn sie einen vermuteten Kinderschänder nicht reflexartig öffentlich ächten.

    Das sind hehre Anforderungen, die natürlich auch früher oft missachtet wurden. Aber sie waren wenigstens vorhanden.

    Inzwischen zählt das alles nicht mehr. Wenn einer unschuldig als Kinderschänder abgeurteilt und geächtet wurde, heißt es, er hätte ja schließlich auch wirklich einer sein können.

    Es zählt nicht mehr, was ein sexuell Übergriffiger gegenüber einer Frau wirklich getan hat, es zählt, was sie angibt, dabei gefühlt zu haben. Die Nachricht, was womöglich wirklich geschehen ist, findet nicht mehr statt – nur noch die emotionale Haltung der Protagonisten. Und dabei ist das vermeintliche Opfer gut und der vermeintliche Täter böse.

    Selbst mein siebenjähriges Kind hinterfragt oft mehr als diese neumodischen Medienarbeitenden.

  • Off topic:

    Ich: 14 Juni 2015 – also vor etwa 5 Jahren

    Ich schlage Crumar als Minister für das neu zu schaffende „Bundesministerium für Familie, Senioren, Männer und Jugend“ vor.

    @ Crumar
    War nicht mal die Rede davon, dass Du einen Blog eröffnen würdest? Da Du bekanntlich bekennender Marxist bist, vermute ich, dass die Blogeröffnung Teil deines persönlichen Fünfjahresplans ist, so dass wir Anfang 2020 mit der Eröffnung rechnen dürfen! 🙂

    Ich bin ja bekanntermassen geduldig – bei Marxisten sowieso – und warte deshalb das Ende des Fünfjahresplans ab und erlaube mir deshalb die Frage an crumar, wie es mit der Erfüllung des Fünfjahresplans denn so steht? 🙂

    • Ich möchte Pjotrs Frage hiermit unterstützen. Hilfsweise kann ich anbieten, dass, @crumar, Du hier erstmal mit Texten die Möglichkeiten des Bloggens einüben kannst. Aber ein Youtube-Kanal wäre eigentlich auch nicht schlecht.

      Doch egal, was es wird: Das Praktische an richtigen Fünfjahresplänen ist ja immer, dass man hinterher bei jedem beliebigen Resultat behaupten kann, es sei GENAU SO von Anfang an geplant gewesen, und die Durchführung wäre sowieso außerordentlich erfolgreich und beweise die Überlegenheit des eigenen Ansatzes.

    • Das größte Problem mit einem eigenen Blog habe ich schon damals thematisiert: Die Zeit für die Moderation, die ich nicht habe (ich bewundere da Christian und Lucas).
      Ein Kommentar ist schnell geschrieben, ein Text dauert natürlich viel länger, aber die eigentlich spannende Diskussion über diesen kann evtl. über Tage geführt werden und das kann ich nicht leisten.
      Deshalb habe ich es gelassen.

  • Journalismus heute ist eine Moralgeschichte, mit der wie im Vergrösserungsglas die passende Story dazu Revue passieren muss. Der Journalismus war auch sonst meist nichts weiter als das Einpeitschen der „richtigen Gesinnung“. Das very Britische Objektive und Unerschütterliche ist das alleinige Ideal einer glücklicheren vergangenen Epoche.

  • Das Beispiel Israel/Palästina als Beweis für Medieneinseitigkeit halte ich für verunglückt. Im Gegenteil ist es so, dass über einen toten Israeli viel eher berichtet wird als über zehn oder mehr tote Palästinenser und wenn Israel aktiv wird, wird die israelische Sprachregelung eines „Gegenschlages“ übernommen.

    • Ich habe Lucas‘ Beispiel auch nicht als den Vorwurf einer immerwährenden Einseitigkeit dieses Thema betreffend verstanden. Ich glaube, er wollte eher zeigen, wie Journalisten durch das gezielte Weglassen elementarer Fakten, ohne dadurch offen zu lügen, einen Sachverhalt vollständig anders aussehen lassen können, als er auf den Adressaten, also die Leserschaft, wirken würde, würde man diese Fakten beibringen.

      Das von dir genannte Beispiel ist dann eher eines in der kompletten Gegenrichtung. Ich denke hier zeigt sich eben, dass sich in Redaktionsstuben Radikalinskis unterschiedlichster Lager finden, die durch das Setzen von Frames jeweils in ihrem Sinne News verbreitet sehen wollen. Das Thema Israel / Palästinenser scheint eines von denen zu sein, wo es schwer ist, drüber zu berichten, ohne für eine Seite radikal Partei zu ergreifen. Das Thema wird sehr emotional geführt. Wer für Israel Partei ergreift, wird als islamophob dargestellt, wer für die Palästinenser Partei ergreift, wird zum Antisemiten. Und wer doch wirklich die Dreistigkeit besitzt, neutral und möglichst ausgewogen über die Fakten zu berichten, der kriegt es gleich von beiden Seiten und steht dann als islamophober Antisemit da. Wer also keine Lust hat, sich ununterbrochen rechtfertigen zu müssen, der muss quasi Partei ergreifen. Persönlich nachvollziehbar, aber journalistisch natürlich eine Bankrotterklärung.

      Hier teile ich auch Lucas‘ Anfang des Textes nicht. Dieser Haltungsjournalismus wurde ja nicht von „seinen Kritikern“ als Begriff gegen den Journalismus – als Pendant zu „Lügenpresse“ – erdacht. Der Begriff wurde von Georg Restle, einer nicht gerade wenig einflussreichen Person im ÖRR, in einem Meinungsartikel verbreitet, in dem er sich offen zu selbigem bekannte und schon lange vor dem hier thematisierten Spiegelartikel als anzustrebendes Leitbild beschrieb.

      Und das meint auch ganz offen etwas völlig anderes, als du @ Lucas, mit dem Verweis, dass natürlich auch ein Journalist unmöglich in der Lage sein dürfte, als Person eine völlig neutrale und emotionslose Position einzunehmen, wenn er z. B. über einen Prozess gegen einen Serienmörder berichtet. Dass der auch in berichtenden Artikeln hin und wieder über seine Wortwahl oder als solche dargestellten eigenen Gedanken diese mitschwingen lässt, dürfte auch für keinen ein Problem darstellen, denn das versteht wohl jeder, wenn ein Journalist mit einfließen lässt, wie ihn z. B. die Tatschilderungen des Angeklagten, noch bis in die Träume verfolgten.

      Der schon von Restle ohne jede Scham propagierte Haltungsjournalismus meint aber eben das nicht. Er bezieht sich sehr deutlich auf weit darüber hinausgehende Parteinahmen. Und das auch nicht im Sinne einer „begründeten Haltung“, sondern im Sinne ideologisch geprägter, pseudomoralischer Dogmata. Eines der Ergebnisse daraus ist der erschreckende Gleichmarsch unserer Presse beim Geschlechterthema.

      Das, was Restle beschrieb, ist nicht die Abwehr illusorischer Objektivitätsansprüche an Journalisten, sondern die Meinung, Leser in ihrem Denken über so ziemlich alle Themen lenken zu müssen – sie quasi zu erziehen. Und genau das war und ist es, was sich hinter dem Begriff „Haltungsjournalismus“ verbarg, wenn er auch von Kritikern desselben verwendet wurde. Haltung, wie sie auch schon die Nazis oder die Parteispitzen der SED von jedem „guten“ Bürger erwarteten. Zu allem eine vorgefertigte, unhinterfragbare Position zu haben. Und diese soll nunmehr vorgegeben werden, von gouvernantenhaften Journalisten, die ihre Hybris, sich als Volkserzieher zu verstehen, inzwischen nicht einmal mehr verbergen zu brauchen meinen.

      • „Das, was Restle beschrieb, ist nicht die Abwehr illusorischer Objektivitätsansprüche an Journalisten, sondern die Meinung, Leser in ihrem Denken über so ziemlich alle Themen lenken zu müssen – sie quasi zu erziehen. … …“

        Guter Punkt. Das war mir vorher nicht klar.

      • Der schon von Restle ohne jede Scham propagierte Haltungsjournalismus meint aber eben das nicht. Er bezieht sich sehr deutlich auf weit darüber hinausgehende Parteinahmen.

        Damit ist der Anspruch, die Presse sei die vierte Gewalt im Staat, die der Regierung und ganz allgemein den Mächtigen auf die Finger schaut nicht mehr glaubhaft. Dazu wäre das Bemühen um Objektivität unerlässlich, was mit durchgehender Parteinahme unvereinbar ist.

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