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Bürgerrechte, Privilegien und das Wegrutschen der Linken

geschrieben von: Lucas Schoppe

Gegenwärtige linke Debatten verschieben den traditionellen Akzent auf Bürgerrechte hin zu einem Akzent auf Privilegien. Das kann auf den ersten Blick unscheinbar wirken, es hat aber weitreichende Folgen – die für eine linke und für eine demokratische Politik sehr ungünstig sind.

  1. Lieber Corona als Rassismus?
  2. Rechte, Vor-Rechte und unverdiente Vorteile
  3. Die vergessenen Traditionen des demokratischen Sozialismus
  4. Keine Träume mehr
  5. Reinigungsrituale statt Politik
 

Lieber Corona als Rassismus?

Dieser Tweet des Arztes Dr. Lübbers, der mir zuvor vor allem durch seine Kritik an der Homöopathie aufgefallen war, stammt von Anfang Juni, ist mir aber seitdem im Gedächtnis geblieben. Es bezog sich nämlich auf die riesigen Black Lives Matter-Demonstrationen, die nach dem Tod von George Floyd auch in deutschen Städten abgehalten wurden – trotz der anhaltenden Bedrohung durch das Corona-Virus.

Es ist ein Beispiel für eine Verschiebung, die linke Debatten heute weitgehend prägt und die folgenreicher ist, als sie auf den ersten Blick aussieht: Während im Zentrum klassischer linker und liberaler Bewegungen, etwa des Civil Rights Movement, BÜRGERRECHTE standen, konzentrieren sich heutige Debatten identitätspolitischer Linker auf PRIVILEGIEN.

Schon an den Demonstrationen der Corona-Zeit wird deutlich, welche Folgen solch eine Akzentverschiebung hat.

Mit einem Fokus auf Rechte müssten wir bei diesen Demonstrationen unterschiedliche Rechte unterschiedlicher Akteure gegeneinander abwägen. Das Recht auf Versammlungsfreiheit und auf politische Meinungsäußerung kollidiert dann beispielsweise mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Wie wir diese Kollision bewerten, hängt auch davon ab, wie wir die Situation sachlich einschätzen. Wie groß ist das Ansteckungsrisiko? Welche zumutbaren anderen Möglichkeiten der Meinungsäußerung und Versammlung gibt es, die mit weniger Ansteckungsrisiko verbunden sind?

Der Inhalt der Proteste darf unter dem Gesichtspunkt der Bürgerrechte jedoch keine Rolle spielen. Wer die Demonstrationen von Gegnern der Corona-Politik aufgrund ihres bewusst eingegangenen Risikos der Krankheitsverbreitung ablehnt, kann den BLM-Demonstrationen nicht zustimmen, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Denn auch wer die Ziele der Antirassismus-Demonstrationen wesentlich wichtiger und dringlicher findet als die der Coronapolitik-Gegner, müsste einräumen: Das Demonstrationsrecht darf, solange das demokratische Spektrum nicht verlassen wird, nicht von der jeweiligen geäußerten Meinung abhängen. Die Alternative nämlich wäre ein autoritärer, illiberaler Staat, der entscheidet, welchen Positionen Versammlungsrechte zustehen und welchen nicht.

Eine Abwägung ohne Ansehen der Person: Ist die Justitia überholt?

Ganz gleich aber, wie wir entscheiden: Der Akzent auf Rechte zwingt uns zu einer Abwägung, bei der wir verschiedene Perspektiven und verschiedene Rechte bedenken müssen. Eben das ist beim Akzent auf Privilegien anders.

Bei Lübbers steht die Position der Gegner solcher Demonstration diffus als illegitim dar – nicht einmal, weil ihre Argumente schlecht wären, sondern weil die Position schlicht als Ausdruck uneingestandener Privilegien gewertet wird.

Das allerdings lässt sich ebenso umdrehen. Wer etwa unter Vorerkrankungen leidet, kann es als Privileg hinstellen, wenn Menschen bedenkenlos trotz einer Pandemie Großdemonstrationen abhalten. Wir könnten sogar dem Doktor Lübbers selbst eine fehlende Reflexion seines White Privilege attestieren, weil er nicht berücksichtigt, dass er als wohlhabender Weißer deutlich weniger durch Corona gefährdet wird als Menschen, die in ärmeren Wohngegenden amerikanischer Schwarzer leben.

Wichtig ist: Anders als beim Akzent auf Rechte gibt es beim Akzent auf Privilegien keine Abwägung, nicht einmal eine Argumentation. Die Debatte ist wie von Zauberhand immer schon entschieden, bevor sie überhaupt begonnen hat, weil die jeweilige Gegenposition als sachlich irrelevante Fassade uneingestandener Privilegien präsentiert werden kann.

 

Rechte, Vor-Rechte und unverdiente Vorteile

Der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller argumentiert ganz in diesem Sinne denn auch in der Zeit gegen eine Verwendung des Begriffs „Privilegien“, die sich vom Rekurs auf Rechte freigemacht hat. Der Begriff „Privileg“ habe nur in seiner ursprünglichen Bedeutung als „Vor-Recht“ einen Sinn, nicht aber als allgemeine Bezeichnung für beliebige Vorteile.

Der Politikwissenschaftler Cord Schmelzle erwidert, Schellers Begriffsklärung wäre lediglich

„der kasuistische Versuch, der Kritik an der strukturellen Benachteiligung von Frauen und People of Color durch eine künstlich verengte Lesart des Privilegienbegriffs den Wind aus den Segeln zu nehmen.“

Vor allem kreidet er Scheller eine „fehlende Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur“ an.

Damit meint Schmelzle vor allem die feministische Autorin Peggy McIntosh und ihren Essay „White Privilege and Male Privilege“ aus dem Jahr 1988. Schmelzles Erwiderung auf Scheller besteht also wesentlich aus einer Wiederholung der Gegenposition, garniert mit der Unterstellung ungenügender Lektüre.

Dabei ist McIntoshs Text selbst ein gutes Beispiel für die fehlende Funktionalität des Privilegienbegriffs. Das „männliche Privileg“ ist bei ihr einerseits grundlegend für ihre Argumentation, wird von ihr aber stillschweigend immer schon vorausgesetzt und nirgendwo begründet.

Sie unterstellt Männern, rundweg einen unverdienten Vorteil zu haben („unearned male advantage“), findet den universitären Lehrplan „männerfokussiert“ („male-focused curriculum“) – aber weder überprüft sie, ob es neben geschlechterbedingten männlichen Vorteilen nicht auch geschlechterbedingte Nachteile geben könnte, noch interessiert es sie, wie die von ihr zugeschriebenen Privilegien sich in einem außer-akademischen Milieu auswirken.

Muss Justitia die Augen öffnen? Dass Recht ohne Ansehen der Person gilt, erscheint identitätspolitischen Linken als Verschleierung von Sexismus und Rassismus.

Hier wirkt sich ein grundlegender Nachteil des Privilegien-Fokus aus, den auch Scheller schon anspricht. Die Privilegienunterstellung dient der Entwertung anderer Positionen, die als Rationalisierungen von ungerechtfertigten Vorteilen gedeutet werden. Scheller:

Das soll heißen: Was du da sagst, ist nur eine verbrämte Rechtfertigung deiner privilegierten Position und deiner Machtinteressen! 

Da aber auf diese Weise Gegenpositionen und abweichende Perspektiven grundlegend entwertet werden, fehlt auch eine Kontrolle der eigenen Vormeinungen.

So immunisiert sich die Privilegientheorie selbst, und das schon bei McIntosh, in deren Augen Männern beigebracht würde, männliche Privilegien nicht wahrzunehmen („males are taught not to recognize male privilege“). Wenn ein Mann sich also gegen die Unterstellung wendet, privilegiert zu sein, kann sie eben das umstandslos als Beleg für seine Privilegien werten, ohne sich mit seiner Situation überhaupt vertraut zu machen.

Auch das ist ein wesentlicher Unterschied zu einem Diskurs, der auf Rechte statt auf Privilegien fokussiert. Denn grundsätzlich ist es ja durchaus nachvollziehbar, warum Rechte allein nicht reichen. Anatole France schrieb zynisch in einem berühmten Zitat von

„der majestätischen Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen“. 

Formale Rechte allein reichen also nicht. Wenn Menschen beispielsweise in so massiven ökonomischen Abhängigkeiten leben, dass schon die Äußerung einer unbotmäßigen Meinung für sie eine existentielle Bedrohung darstellen kann, dann haben sie zwar formal Rechte zur Meinungsäußerung, sie können sie aber möglicherweise zu keinem akzeptablen Preis nutzen.

 

Die vergessenen Traditionen des demokratischen Sozialismus

Mit diesem Problem aber haben sich Autoren und politische Akteure schon lange auseinandergesetzt. Im Unterschied zum Privilegiendiskurs ist der Rechtsdiskurs eben nicht blind für seine eigenen Widersprüche und Unzulänglichekeiten, sondern rückt sie regelmäßig in den Fokus.

Eine klassische Antwort liberaler sozialdemokratischer Positionen ist die Verknüpfung von Rechten und sozialer Gerechtigkeit. John Dewey beispielsweise bezeichnete sich selbst ganz in diesem Sinne schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „demokratischen Sozialisten“. Er argumentiert dabei ganz ähnlich wie Jahrzehnte nach ihm der französische Autor Albert Camus in der Auseinandersetzung mit Jean-Paul Sartre und dessen Flirt mit der totalitären Sowjetunion:

Freiheit – im Sinne von Freiheitsrechten – sei angewiesen auf ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit, weil Menschen sonst ihre Freiheiten nur abstrakt zugestanden würden, sie aber nicht in der Position wären, sie auch zu nutzen. Umgekehrt brauche Gerechtigkeit – im Sinne sozialer Gerechtigkeit – auch Freiheit, weil nur durch die offene Beteiligung aller Betroffener an politischen Entscheidungen überhaupt deutlich werden könne, in welche Bereiche der Gesellschaft sozial ungerecht wären.

Anders als die Akteure des Privilegiendiskurses ist hier die Frage, was gerecht ist und was nicht, also beständig offen und lässt sich nur durch die Aufmerksamkeit auf soziale Daten beantworten – während identitätspolitische Privilegienpolitiker sie immer schon auf der Ebene von Definitionen klären können.

Dieser Test ist, noch, eine Satire. Ernst gemeint ist aber eine Politik, die Menschen erklärt, ihre Nachteile wären in Vorteilen von Menschen anderer Gruppen begründet. Die Anschlussfähigkeit an antisemitische Klischees ist kein Zufall, auch wenn sie hier ironisiert wird.

Eine der wichtigsten, folgenreichsten und theoretisch fundiertesten Grundlegungen einer sozialdemokratischen Politik der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit hat 1971 John Rawls in seiner „Theory of Justice“ vorgelegt. Er geht in einem Gedankenexperiment von einem Schleier des Nichtwissens („veil of ignorance“) aus: Wir sollten uns vorstellen, dass wir informiert über die Struktur unserer Gesellschaft entscheiden könnten, ohne aber zu wissen, welches unsere eigene Position in der Gesellschaft wäre, für die wir uns entscheiden.

Rawls argumentiert, dass wir uns unter dieser Voraussetzung für zwei Grundsätze entscheiden würden: für rechtliche Gleichheit und für soziale Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit allerdings würde eben keine Gleichheit erfordern – wir könnten Ungleichheiten akzeptieren, solange sie auch denen, die in der schlechtesten Position agieren, nutzen.

Wer sich, beispielsweise, schon einmal für Bildungspolitik interessiert hat, weiß, wie wichtig diese Abwägung ist. Wir können nicht verhindern, dass Kinder in ihren Elternhäusern unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten vorfinden, und mehr noch: Es wäre auch gar nicht wünschenswert, es zu verhindern. Wichtig aber ist, Schule so zu organisieren, dass auch die Kinder mit den schlechtesten Möglichkeiten davon profitieren können, dass andere Kinder bessere Möglichkeiten haben. Eben das ist ein Grundgedanke der Gesamtschule – in Deutschland das klassisch sozialdemokratische Projekt der Bildungspolitik.

Die Fixierung auf Privilegien begeht aus dieser Perspektive den entscheidenden Fehler, auf einer Gleichheit zu bestehen, die nur im Kontext von Rechten sinnvoll und legitimierbar ist – diese Gleichheit aber in beliebigen anderen Feldern einzufordern.

Schmelzle beschreibt denn auch tatsächlich gesellschaftliche Interaktionen als Nullsummenspiele, in denen die eine Gruppe gewinne, was die andere verliere. Der Politikwissenschaftler, der so leichthändig mit dem Vorwurf fehlender Lektüre umgeht, schreibt so, als ob er von Rawls‘ grundlegender Schrift noch nie etwas gehört hätte.

Mit dieser Unterstellung eines Nullsummenspiels wird die Privilegienfixierung als Logik des Ressentiments deutlich: Uns geht es schlecht, WEIL es den anderen gut geht.

 

Keine Träume mehr

Diese Logik des Ressentiments aber ist nur zu etablieren, wenn zwei wesentliche Aspekte der Orientierung an Rechten diskreditiert werden: die Bedeutung der Universalität, also der allgemeinen Geltung von Rechten, und die Bedeutung der Individualität, also der Geltung von Rechten für alle einzelnen unabhängig von ihrer Person.

Robin DiAngelo, die mit dem Begriff der White Fragility berühmt und reich wurde, beschreibt Universalismus und Individualismus denn auch als Instrumente, mit denen weiße Privilegien und die Bedeutung von Rasse (sic!) geleugnet würden. („Both discourses work to deny white privilege and the significance of race.”) Eine universelle Perspektive würde den Eindruck erwecken, dass Weiße und People of Color in derselben Realität lebten („universalism assumes that whites and people of color have the same realities”).

So erweckt sie den Eindruck, universelle Rechte würde über gruppenbedingte Benachteiligungen hinwegtäuschen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Es gehört beispielsweise zu den Grundüberlegungen feministischer Politik, einzufordern, dass universelle Rechte logischerweise auch Frauen und nicht nur Männern zugestanden werden müssten. Martin Luther King nutzte die Perspektive der Universalität in seiner berühmten „I have a dream“-Rede zur Formulierung einer konkreten politischen Utopie:

I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character (…).

 

Erneut zeigt sich, dass ein Diskurs der Bürgerrechte zu Selbstkorrekturen fähig ist und sie sogar zwingend selbst hervorbringt – während der Privilegiendiskurs sich selbst immunisiert. Bei DiAngelo bestätigen Weiße, die mit ihrer routinierten Zuschreibung der „white fragility“ nicht einverstanden sind, ganz selbstverständlich eben damit die Gültigkeit dieser Zuschreibung.

Der Privilegiendiskurs verabschiedet sich damit von der wichtigen doppelten Perspektive auf universelle Werte und auf individuelle Rechte und ersetzt sie durch eine Fixierung auf Gruppen und auf ihre zugeschriebenen Eigenschaften – ergänzt durch eine Logik des Ressentiments.

 

Reinigungsrituale statt Politik

Verständlich wird diese fatale Akzentverschiebung nur mit der Annahme, dass es hier tatsächlich nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern um ganz andere Bedürfnisse geht. Der identitätspolitische Privilegiendiskurs bedient eine Sehnsucht nach Reinheit, und seine Akteure fantasieren sich die „Marginalisierten“ als Menschen, die von den Machtstrukturen unserer Gesellschaft nicht kontaminiert wären.

Für die anderen hingegen bietet Robin DiAngelo teure Seminare und Reden an, in denen Weiße oder auch ganze Führungsmannschaften von Unternehmen, sich mit ihren Privilegien auseinandersetzen: Cleansing-Rituale für eine solvente Oberschicht.

Ein Diskurs der Rechte hingegen muss sich regelmäßig mit Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen auseinandersetzen, muss verschiedene Rechte verschiedener Akteure in ein Gleichgewicht bringen und verschiedene Perspektiven koordinieren. Aus der Sicht identitärer Akteure von links und rechts ist er notwendig unrein – trägt aber dafür dann eben auch tatsächlich etwas zur sozialen Gerechtigkeit bei.

Denn dass bestimmte Gruppen unter spezifischen Nachteilen leiden, kann in einem Rechtsdiskurs jederzeit beachtet und thematisiert werden, dafür braucht es den Privilegiendiskurs nicht. Dieser identitätspolitische Diskurs hat lediglich eine Besonderheit, die im klassischen liberalen Diskurs ausgeschlossen ist: Er markiert bestimmte Gruppen, deren spezifische Nachteile per Definition nicht beachtet werden müssten, weil es sie per Definition gar nicht geben könne.

Damien Hirsts „Verity“ ist an das traditionelle Bild der Justitia angelehnt – aber sie braucht keine Augenbinde, und die Waage ist auch nicht sonderlich wichtig. Dafür ist sie schlagkräftig, aber bei näherem Hinsehen auch erschreckend.

Ein kleines unscheinbares Beispiel zum Abschluss, das zeigt, wie sehr wir uns an identitätspolitische Ungerechtigkeiten schon gewöhnt haben. Bereits im Klappentext von Peggy Orensteins gerade erschienenem Buch „Boys and Sex“, das aus Interviews mit amerikanischen Jungen zum Thema Sexualität entstanden ist, wird die Frage gestellt, wie wir Jungen zu besseren Männern erziehen könnten („how can we raise boys to be better men?“). Das Buch wird angepriesen als eine dringend benötigte Vision davon, wie Jungen sich tatsächlich weiter entwickeln könnten, um bessere Männer zu werden („much needed vision of how boys can truly move forward to be better men“)

Was wäre wohl, wenn wir hier „Jungen“ durch „Mädchen“ und „Männer“ durch „Frauen“ ersetzen würden? Wenn gefragt würde, wie wir Mädchen zu besseren Frauen erziehen können und wie wir dringend benötigte Visionen entwickeln können, um sie dazu zu bringen, sich bitteschön auch tatsächlich einmal zu besseren Frauen zu entwickeln? Wir würden sofort merken, dass dieser seltsame Klappentext Kinderfeindlichkeit und den Mief der frühen 50er mit moralisierenden Ressentiments verbindet, in denen ein ganzes Geschlecht als defizitär und dringend verbesserungsbedürftig erscheint.

Es ist ein bewährtes Manöver der Anti-Diskriminierungspolitik, in selbstverständlich erscheinenden Aussagen eine genannte Gruppe durch eine andere auszutauschen und zu überprüfen, ob uns die Aussage dann noch immer selbstverständlich erscheint – oder nicht eher absurd. Das aber setzt stillschweigend eine universelle Perspektive voraus, der identitätspolitische Linke längt eine Absage erteilt haben. Für sie ist es völlig selbstverständlich, dass wir Frauen nach anderen Maßstäben bewerten als Männer, oder Schwarze als Weiße.

So aber rutscht die Linke von einer Politik der sozialen Gerechtigkeit ab in eine Politik des Ressentiments und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, der es insgeheim um das Bedürfnis nach Reinheit geht und nicht um sozialen Ausgleich.

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34 Comments

  • @Schoppe

    Du schreibst:

    «Verständlich wird diese fatale Akzentverschiebung nur mit der Annahme, dass es hier tatsächlich nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern um ganz andere Bedürfnisse geht. Der identitätspolitische Privilegiendiskurs bedient eine Sehnsucht nach Reinheit, und seine Akteure fantasieren sich die „Marginalisierten“ als Menschen, die von den Machtstrukturen unserer Gesellschaft nicht kontaminiert wären.»

    Ich glaube, man muss das Phänomen der Identiätspolitik (hier quasi als Oberbegriff verwendet), worunter ich so Konzepte verstehe wie Cancel-Kultur, Woke-Kultur, Diversity, Intersektionalität, Standpunkttheorie, Privilegientheorie, Mikroagressionen, Kulturelle Aneignung, Weisseinsforschung, White fragility, postkoloniale Theorien und dekoloniale Perspektiven etc., usw, usf. vermutlich umfassender analysieren, um zu verstehen, was dahintersteckt.

    Analyseebenen könnten sein:
    – Ideengeschichte: quasi auch eine diskuranalytische Genealogie machen; also ab wann taucht dieser Identitätsdiskurs auf? Nach Eric Hobsbawm so ab den 1960er/1970er Jahren, verbunden mit einer Kulturrevolution (also Gesellschaftsliberalismus und Emanzipationsbewegungen etc.) und verbunden ökonomisch mit einem Wechsel vom Keynesianismus zum Neoliberalismus. Verbunden mit vermehrter Auflösung von traditionellen Milieus (Individualisierung, Pluralisierung [Ulrich Beck]), verbunden auch mit vermehrter Ausdifferenzierung der Gesellschaft (Niklas Luhmann), dann zunehmend weg von einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft (Schelsky) zu einer Klassengesellschaft (heute mir prekärer Klasse, alter Mittelschicht, neuer Mittelschicht, Oberklasse). Und wer führt vor allem diesen Identitätspolitik-Diskurs? Das dürften insbesondere die urbane, kosmopolitische Akademikerklasse sein.
    – Somit eine Geschichte in ihrer Totalität (Sozialstrukturen, Ökonomie, Kultur, Politik etc.),

    Es geht ja auch um so etwas wie
    – Aufklärung/Moderne versus Romantik/Postmoderne
    – Rationalität, Sachlichkeit vs. Emotionalität/Empörung
    – Universalismus vs. Partikularismus etc.

    Aber auch so Sachen wie Postdemokratie und weg von einem republikanischen Verständnis Demokratie zu einem «demokratischen Konstitutionalismus», Expertokratie, wo insbesondere auch vor allem nichtmajoritäre Institutionen auf supra-, inter-, transnationaler Ebene regieren; Stichwort: Kompetenzen von nationaler Ebene, die noch nach republikanischen Demokratie-Verständnis ablaufen, zu Global Governance mit nichtmajoritären Institutionen.

    Also, ich könnte mir vorstellen, dass dies alles auch eine Rolle spielt um zu verstehen, weshalb Identitätspolitik hegemonial wurde.

    Einen Erklärungsansatz liefern ja vor allem James Lindsay, Helen Pluckrose, Peter Boghossian. die ja die These aufstellen, dass Social Justice (also auch Identitätspolitik) quasi eine religiöse Funktion hat.

    « Postmodern Religion and the Faith of Social Justice »
    Increasingly, we are seeing insistences that Social Justice has become a new religion.
    https://newdiscourses.com/tag/religion/

    • Ich denke einer der entscheidenden Anreger war Foucault mit seiner Gleichsetzung von Macht und Wissen:

      „In Überwachen und Strafen schreibt er: ..dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert.“

      https://de.wikipedia.org/wiki/Macht/Wissen

    • @Mark Smith:

      »Ich glaube, man muss das Phänomen der Identiätspolitik … umfassender analysieren, um zu verstehen, was dahintersteckt.«

      Dieser Verdacht beschleicht mich ebenfalls! Im Moment nur kurz: welchen Text von Hobsbawm hast Du im Sinn? Mit der Zeitangabe 60er/70er sind ja faktisch die »68er« gemeint, und das scheint mir insofern eine provokative Überlegung zu sein, als sie eine negative Wertung dieser Epoche einführt, wie wir sie eher von Seiten der konservativen Kulturkritik kennen, etwa in Blooms »Closing of the American Mind«, während Hobsbawm selbst Marxist war. Würde mich interessieren, wie das von Dir gemeinte Argument im Detail aussieht.

    • @Mark Smith
      Du fragst: „Ab wann taucht dieser Identitätsdiskurs auf?“
      Historisch gesehen habe ich diesen Umbruch in Texten beobachtet, die Ende der 1970 geschrieben wurden. Die Zeitschrift „Ästhetik und Kommunikation“ war zu jener Zeit ein wichtiges Forum der Neuen Linken, die sich zunächst, also Anfang der 1970er, als Erben der alten Arbeiterbewegung und des Marxismus der 1920er/30er betrachteten. In diesem Sinne gingen sie davon aus, dass das nur ein einheitliches und geschlossenes Proletariat bzw. eben die Arbeiterbewegung gesellschaftliche Veränderungen zum Besseren bewirken könne. Ende der 1970er erschienen dann eine Reihe von Heften mit melancholicher Grundstimmung. Einer der Herausgeber diagnostiziert mit dem Aufkommen der Neuen Sozialen Bewegungen (zB Feminismus und Umweltbewegung), dass es eine einheitliche Arbeiterbewegung nicht mehr gebe. Wohl auch, weil die Widersprüche zwischen den verschiedenen Akteuren zu tief geworden waren. In einigen Heften war dann unterdrückte Weiblichkeit das Hauptthema, wenn ich mich richtig erinnere. Ich kann nur empfehlen, durch diese Hefte mal durchzublättern.

      Ein anderer Faktor ist, dass ab Mitte der 1970er Jahre klassische marxistische Theorie (wie der genannte Hobsbawm) und Kritische Theorie nicht mehr so bedeutsam waren und stattdessen eher Schriften gelesen wurden, die heute als poststrukturalistisch bezeichnet werden.

      Auf der Straße habe ich übrigens ein weggeschmissenes Buch gefunden und mitgenommen: „Das Ende der Arbeiterbewegung in Deutschland“ — ein Sammelband mit Diskussionsbeiträgen von 1984. Habe aber bisher noch nicht reinlesen können.

    • @ Mark Dir und allen anderen, die hier kommentieren, erst einmal vielen Dank für Eure Beiträge! Ich war mit meinem Sohn unterwegs und hatte nach der Corona-Zeit in der Schule jetzt erst einmal etwas Ruhe. Es freut mich, dass hier trotzdem Diskussionen weiter gelaufen sind, auch wenn ich dazu gar nichts mehr beigetragen habe.

      Es wäre vielleicht auch für mich ganz gut, das Verhältnis zur identitätspolitischen Linken etwas zu ent-moralisieren und stärker zu historisieren. Mir geht die Identitätspolitik so auf die Nerven, und sie richtet aus meiner Sich gerade links so viel Schaden an, dass ich immer das Gefühl habe, man müsse einfach irgendwie dagegenhalten. Es wäre aber sicher ganz gut, einfach mal in aller Ruhe zu überlegen, wo dieses Schlammassel eigentlich angefangen hat.

      Ich finde den Hinweis auf die 60er Jahre, der ja gar nicht als Vorwurf an die 68er gemeint sein muss, dabei interessant. Es war ja durchaus noch eine Zeit, in der rebellische linke Studenten versucht haben, in den Fabriken und sonstwo Kontakt zu realen Arbeitern zu bekommen. Das scheiterte u.a. daran, dass viele der iknonisierten Arbeiter lieber Bild als Marx lesen wollten und es zudem vermutlich etwas seltsam fanden, dass Studierte aus gutem Hause ihnen ihre soziale Situation erklärten.

      Uwe Timm, z.B., hat darüber in „Heißer Sommer“ geschrieben – sowohl über die Überraschung, wenn sein Protagonist tatsächlich einmal eine Arbeiterwohnung sieht, als auch über die vergeblichen Versuche eines Schulterschlusses mit ihnen.

      Sechs Jahre nach Timms 1974 erschienenem Rückblick auf die 68er erschien dann ein anderes Buch, das in den Achtzigern für eine Weile in linksalternativen sehr erfolgreich war und das heute, zurecht und zum Glück, weitgehend vergessen ist: Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“. Eine Art Bildungsroman, der die junge Svende auf dem Weg zu der Erkenntnis begleitet, dass tatsächlich auch linke Männer „Frauenfeinde“ sein können.

      Svende lernt einen linken Mann kennen, verliebt sich aber sehr viel stärker in ihn als er in sie. Sie versucht ihn dann immer wieder kommunikativ von Feminismus, Beziehung und Mackertum zu überzeugen, ohne dabei auf viel Interesse zu stoßen („Sie labert und labert“, hat Henning Venske das aus Arnes Sicht in seiner Parodie auf das Erfolgsbuch formuliert).

      Arne kommt – wenn ich mich richtig erinnere – aus sehr viel schlechteren sozialen Verhältnissen als sie, ist sogar Heimkind gewesen. Das ist hier deswegen interessant, weil es im Unterscheid zur „Frauenfrage“ im Buch fast keine Rolle spielt.

      Ich nenne das Buch, das tatsächlich nur als Zeitdokument interessant ist, weil damit eine Entwicklung skizziert werden kann, die hier vielleicht ganz passend ist.

      Dass der Schulterschluss linker Akademiker mit Arbeitern nicht klappte, dass längst habituell, in den politischen Zielen und in den Erfahrungshintergründen Welten dazwischen lagen – das merkten schon die 68er, sie nahmen es aber wenigstens noch als Problem wahr und versuchten, den Graben zu überbrücken. Dass der Versuch, von den Unis aus die Arbeiter zu agitieren, von Arroganz nicht frei war, ist aus heutiger Perspektive leicht zu erkennen – trotzdem gab es noch so etwas wie das Bewusstsein für ein echtes Problem linker Politik.

      Dieses Bewusstsein war innerhalb weniger Jahre Anfang der 80er verschwunden, oder genauer, es wurde verdeckt. Geblieben ist allein der Versuch des Agitierens durch Zutexten. Aber anstatt die Widersprüche dieses Versuchs mit einer gewissen Ironie oder Melancholie zu beschreiben, werden sie als Versagen des irgendwie verstockten Agitierten bewertet.

      Das klappt natürlich nur, indem die Autorin/Protagonistin Svende den Arne als MÄCHTIG hinstellt, als Repräsentation patriarchaler Strukturen, von denen eben auch die Linke nicht frei wäre.

      In der Identitätspolitik, die heute die Linke so mehrheitsunfähig und realitätsuntüchtig macht (so dass sie sogar einen Deppen wie Trump an die Macht bringt),
      scheint so betrachtet noch ein reales, ernstzunehmendes Problem linker Politik durch: Die Milieus von Arbeitern und von einem (meist) akademisch gebildeten Bürgertum, die durch eine charismatische Person wie Willy Brandt noch für eine kurze Weile zusammengehalten werden konnte, sind so weit voneinander entfernt, dass sie als Akteure einer gemeinsamen („linken“) Politik kaum in Frage kommen.

      Das aber ist bezeichnenderweise eben NICHT das Problem der Identitätspolitik. Deren Problem ist, dass sie den realen Konflikt linker Politik durchaus systematisch ÜBERDECKT, indem sie alle möglichen (und interessanterweise meist biologistische) Kategorien auffährt, um Macht und Ohnmacht sauber zu verteilen – auf soziale Unterschiede aber kaum mal einen Seitenblick wirft.

      Eben damit wird der Grundkonflikt gar nicht mehr lösbar, weil er gar nicht mehr benannt wird. Dabei wäre eine Perspektive – nicht für eine Lösung, aber doch zumindest für eine Moderierung des Problems – sehr naheliegend, nämlich wenn Linke nicht auf Macht/Ohmacht-, Privilegien/Marginalisierung-Dualismen abstellen würde, sondern die demokratische Partizipation in einer GEMEINSAMEN Öffentlichkeit in den Fokus stellen würde.
      Denn solche Traditionen gab es ja durchaus in der Linken – Möglichkeiten dafür zu schaffen, dass auch Arbeiter z.B. ihre Lebenserinnerungen veröffentlichen konnten, ihre Position selbst in demokratischen Debatten vertraten, anstatt sich durch idealistische Studenten über die eigenen WAHREN Interessen belehren zu lassen.

      Wie sehr es der Identitätspolitik eben nicht darum, geht, die ihr zu Grunde liegenden Konflikte zumindest zu benennen, sondern darum, sie zu verdecken – das lässt sich leicht daran erkennen, dass sie faktisch keinen Gedanken an die Möglichkeiten einer gemeinsamen Öffentlichkeit und einer allgemeinen Partizipation (durch das Internet heute viel größer als ’68) verschwendet, sondern dass sie mit enormer Energie darauf fixiert ist, wer alles aus Diskursen AUSGESCHLOSSEN werden sollte.

  • Wieder mal auf den Punkt. Du hast ein echtes Talent, Dinge, die man irgendwie selber schon gedacht hatte aber nicht zu voller Klarheit bringen konnte, klar auszuformulieren.

    Das ständige Gerede von den Privilegien ist nur eine rhetorische Strategie, um den Gegner sofort in die Defensive zu drängen. Wer ist denn für Privilegien bzw. legitimiert diese? Seit 1789 doch wohl niemand. Also muss man sich verteidigen, wenn einem Privilegien vorgehalten werden. Ob das Privileg wirklich so existiert wie unterstellt wird, tritt sofort in den Hintergrund.

    Dass alle Beziehungen zwischen Menschen Machtverhältnisse darstellen, gilt ja inzwischen in weiten Kreisen als selbstverständlich, obwohl das Unsinn ist und die Bedeutung der Kooperation und der Gegenseitigkeit (Tit-for-Tat als evolutionär erfolgreiche Strategie) völlig vergisst.

    • @El Mocho

      „Das ständige Gerede von den Privilegien ist nur eine rhetorische Strategie, um den Gegner sofort in die Defensive zu drängen.“

      Mehr noch, es ist gleichzeitig die Strategie selbst ein neues Privilegiensystem zu errichten. Man beklagt angebliche fundamentale Ungleichheiten, um über Gleichstellungs- und Identitätspolitik die Ungleichheit der Menschen *als Prinzip* zu zementieren.

      • Sehe ich auch so. Letztlich ist das eine Macht- und Ermächtigungsstrategie für die Progressiven und ihre Leute.

  • „Der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller argumentiert …“

    Ist dieser Herr und sein Blog mit dem klangvollen Namen wichtig? Er scheint stark fanatisiert zu sein (Gendersterne sind immer ein gutes Indiz), erschreckend, wenn solche Leute Forschungsinstituts leiten dürfen.

    Er argumentiert sehr spitzfindig mit der Bedeutung des englischen Worts privilege und dem alltagssprachlichen Gebrauch. Er kommt aber nicht auf die Idee, daß gleiche Worte im Englischen und Deutschen verschiedene Bedeutungen haben können und eventuell auch man im Duden nachzusehen: https://www.duden.de/rechtschreibung/Privileg

    Dort steht: Bedeutungen (2)

    a) einem Einzelnen, einer Gruppe vorbehaltenes Recht, Sonderrecht; Sonderregelung (Gebrauch: Rechtssprache )

    b) Vorrecht (Gebrauch: bildungssprachlich )

    Synonyme: Sonderrecht, Sonderregelung, Erstrecht, Vergünstigung

    Das ist auch genau mein Verständnis.

    Der Text von Jörg Scheller steht hinter einer Bezahlschranke, ich gehe aber davon aus, daß man hierzulande grundsätzlich mit der deutschen Bedeutung von Worten arbeitet. Zumindest die Propaganda, die mit dem Privileg-Begriff hierzulande getrieben wird, geht von der deutschen Bedeutung aus und basiert ganz wesentlich auf der willkürlichen Begriffsverschiebung von einem Vorrecht zu einer sozialen Ungleichheit.

    • Diese „Begriffsverschiebung“ kommt in einigen Fällen wohl auch daher, dass Anhänger der Identitätspolitik sich stark am politischen Diskurs der USA orientieren und von da aus amerikanische Wörter germanisieren. Die neue Bedeutung entspricht nicht immer dem älteren deutschen Gebrauch.
      „Privilege“ hat im Englischen zB tatsächlich eine weniger formale Bedeutung:
      „an advantage that only one person or group of people has, usually because of their position or because they are rich“
      https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/privilege
      Ein Leser von ze.tt oder bento wird vielleicht schon eher die englische Bedeutung gewohnt sein.

      Dann kommt es durch diesen Kulturtransfer noch zu seltsamen Sprachblüten, wie etwa, man solle jmd. „keine Plattform anbieten“. Das kommt von „not to give s.o. a platform“, ergibt im Deutschen aber eigentlich wenig Sinn, hier wäre das entsprechende Idiom ja eher „jmd. keine Bühne oder Forum geben“.

      • @Martin „… am politischen Diskurs der USA orientieren und von da aus amerikanische Wörter germanisieren“

        Kann durchaus sein. Mein obiger Artikel beschreibt vor allem die Argumentationsmuster bzw. Propagandamethoden von feministischen Aktivisten in dem 2000er und 2010er Jahren.

        Inzwischen haben die SJWler bzw. der Wokeismus (sagt man so?) Oberwasser, und dort benutzt man andere Propagandamethoden und führt andere Begriffskriege. Es ist durchaus möglich, daß hierbei auch das alltagssprachliche Verständnis von „Privileg“ zur englischen Variante hin verschoben wird.

        Die heimliche Begriffsverschiebung ändert sich inhaltlich dadurch aber nur unwesentlich. Auch bei der englischen Variante ist ein Privileg ein Vorteil, den ich individuell habe, ohne ihn selber verdient zu haben, z.B. weil ich von meinen reichen Eltern viel Geld oder Unterstützung bekomme.

        Die woke Definition von „Privileg“ geht genauso wie die feministische von einer statistisch beobachtbaren (oder nur postulierten) sozialen Ungleichheit zwischen bestimmten Personengruppen aus, und man ist alleine deswegen privilegiert, weil man der günstigeren Personengruppe angehört, auch wenn man individuell gar keinen Vorteil hat.

        • @mitm
          Was Du schreibst finde ich einleuchtend. Mein Kommentar war auch eher eine Ergänzung als eine Gegenposition. Was mir noch einfällt: In meinem Umfeld begegnet mir in Diskussionen oft der Begriff der „sozialen Strukturen“, in denen „Privilegien“ walten würden. Diese Strukturen sollen dann die vermeintlichen Misstände analytisch erklären. In seiner Vagheit (diese Strukturen sind ja nur für die Eingeweihten erkennbar) kann man damit natürlich vieles legitimieren.

          Es ist anderswo schon geschrieben worden, aber was mir nochmal klar wird, ist, dass diffuse ‚Strukturen‘ angeführt werden um reale rechtliche Ungleichheiten zu legitimieren, zB dass man sich als Mann auf bestimmte Stipendien und Stellen nicht bewerben kann oder Quotenregelungen eingeführt werden.

        • Der Begriff des Privilegs wird erforderlich, wenn und weil man den Begriff der Klasse verabschiedet hat. Denn was eine Klassengesellschaft von einer Ständegesellschaft unterscheidet, ist eine dynamische Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Zusammenwirken ökonomischer (z. B. Stellung im Arbeitsmarkt, Kapitalbesitz) und nichtökonomischer Faktoren (Bildung, Netzwerke von »Beziehungen«). Wie das im Einzelnen funktioniert, ist Gegenstand der empirischen Sozialforschung, so kann man beispielsweise für Deutschland feststellen, dass die Gliederung des Bildungssystems eine nicht unwichtige Rolle spielt.

          »Privilegien« sind demgegenüber Statusmerkmale einer Ständegesellschaft, dementsprechend beschreibt der Begriff des Privilegs statische Merkmale eines Standes. Der dynamische Aspekt ist zwar vorhanden, wird aber durch die ständische Gliederung überlagert:

          Ein Junker kommt mit sieben Gulden
          zur Stadt, und in den Gassen
          sieht er reiche Bürger prassen
          und macht beim Fugger Schulden,
          muss Bauern schinden lassen,
          die Bauern müssen’s dulden.
          (Schmetterlinge, Proletenpassion)

          Nun sind die USA eine Kultur, in der man sich den Mund mit Seifenlauge ausspült, wenn man versehentlich den Klassenbegriff verwendet hat. Folglich bleibt ihnen dort nichts anderes übrig, als die sozialen Ungleichheiten einer Klassengesellschaft mit den Begriffen einer Ständegesellschaft zu beschreiben, nur dass unter heutigen Bedingungen die Stände in einer invertierten Hierarchie beschreiben werden: je höher der via askriptivem Merkmal zugeschriebene Status ist, umso größer die zugeschriebene Verpflichtung zur Kompensationsleistung gegenüber denjenigen, die einem der »Opferstände« angehören. Das ist – auch passend zu den USA – im Grunde die säkularisierte Anwendung der uralten christlichen Moral, dass ein Reicher, der nicht büßt, sich um sein Seelenheil bringt und der Arme einen Schatz im Himmel hat.

          Das zu einem erheblichen Anteil die weiße Arbeiterklasse zum Opfer der amerikanischen Deindustrialisierung geworden ist, lässt sich in einer solchen Privilegientheorie nicht mehr abbilden. Im Gegenteil: der poor white trash wird nur noch unter dem Aspekt wahrgenommen, dass er dem »Privileg« hinterher jammert, einmal eine auskömmliche Erwerbstätigkeit gehabt zu haben. Leute wie Michael Kimmel (Angry White Men) und Robin DiAngelo (White Fragility) betreiben unter diesen Rahmenbedingungen das üble Geschäft einer Psychologisierung sozialer Probleme. Da sie zum Bildungsbürgertum gehören, kann man sie nicht mal als »Klassenverräter« bezeichnen, aber sie betreiben die Stilllegung einer rationalen Konfliktaustragung im kapitalistischen Arbeitsmarkt, indem sie legitime in illegitime Interessen verwandeln.

          Wessen Interessen auf diese Weise delegitimiert wird und daher als legitimes Interesse nicht mehr artikuliert werden kann, der ist dann entsprechend anfällig für die populistischen Versprechen der amerikanischen Rechten, die ihm seinen Arbeitsplatz oder seine Immobilie zwar auch nicht wiederbringen, aber ihm zumindest das Angebot eines positiven Selbstbildes machen, das ihm von der identitären Linken verweigert wird.

          • … der ist dann entsprechend anfällig für die populistischen Versprechen der amerikanischen Rechten, die ihm seinen Arbeitsplatz oder seine Immobilie zwar auch nicht wiederbringen, aber ihm zumindest das Angebot eines positiven Selbstbildes machen, das ihm von der identitären Linken verweigert wird.

            So etwas würde ich gerne im Spiegel lesen und auch erwarten – wenn sie sich doch als Qualitätsjournalismus anpreisen – eine Sicht auf die Dinge, insbesondere den Erfolg von Trump bei der letzten Wahl, die über ein „Trump bäääh“ hinausgeht.

          • Nun sind die USA eine Kultur, in der man sich den Mund mit Seifenlauge ausspült, wenn man versehentlich den Klassenbegriff verwendet hat.

            😉 Naja, unter den 300 Mio Einwohnern gibt es bestimmt ein Dutzend, die keine Aversion gegen den Klassenbegriff haben, also ganz so schlimm ist es nicht. Außerdem sind die USA weit weg, insofern frage ich mich eher, ob auch hierzulande der soziologische Klassenbegriff durch den privilegbasierten ersetzt worden ist, z.B. in den Debatten im Feuilleton oder im Bewußtsein der Wahlbürger. Von Arbeiterklasse u.ä. redet eigentlich kaum noch jemand. Mir fallen hier gerade die Sinus Milieustudien ein. Wenn ich die richtig in Erinnerung haben, dann sind deren Milieus durchaus Klassen in dem Sinne, daß sie sich sozial unterschieden und sich die Leute ganz grob mit ihrer Klasse identifizieren und ihnen die Existenz anderer Milieus, denen sie sich nicht zugehörig fühlen, bewußt ist, zumindest schwach bewußt.

          • Djad, du bringst es gerade im letzten Absatz sooo wunderbar auf den Punkt. Großartig! 😉

            @ Pjotr

            Bist du jeck? So etwas zu schreiben, würde nichts anderes bedeuten, als dass sich von dir benannte Schreiberlinge mal gehörig selbst an die Nase fassen müssten. Sie selbst betreiben dieses kranke Spiel doch seit Jahren fröhlich mit. Und natürlich fehlt da jegliche Selbstreflexion, denn die Erkenntnis, dass es das eigene Arschlochverhalten ist, dass es eigentlich jedem seelisch gesunden Menschen unmöglich macht, ihnen noch zu folgen, ihnen zu applaudieren oder gar ihresgleichen noch Wählerstimmen zufließen zu lassen, wo er gleichzeitig von ihnen beständig aufgrund für ihn unveränderbarer Kriterien wie Rasse oder Geschlecht diffamiert und in seinem Selbstbild gekränkt wird, das wäre unmöglich mit dem grotesk überhöhten Selbstbild, was jene von sich haben, vereinbar. Um nur mal einen leichten Einblick in dieses Selbstbild zu bekommen, da muss man sich nur mal Texte z. B. eines Niels Pickerts zu Gemüte führen, bei denen Selbstverliebtheit und Eigenlob aus jeder Silbe triefen.

            Und es ist uns allen hier ja nichts Neues: Pomolis sind stets bemüht, alles und jeden zu „hinterfragen“ und zu „dekonstruieren“, nur niemals sich selbst und ihr eigenes in weiten Teilen überaus wirres Weltbild.

    • @ mitm Ich glaube, das ist in meinem Text nicht deutlich geworden, und zudem steht Schellers Text ja hinter einer Bezahlschranke und ist daher nicht ohne weiteres zugänglich. Aber er argumentiert in seinem ZEIT-Text m.E. ganz in Deinem Sinn: nämlich so, dass er sich gegen eine beliebige Ausweitung des Begriff „Privileg“ wendet und auf einer präzisen – auf das Recht bezogenen – Definition besteht. Es ist der Politikwissenschaftler Schmälzle, der das gegen Scheller in seinem Blog wieder aufweicht.

      Das Problem ist an dieser Stelle in meinen Augen nicht nur eine Begriffsverschiebung, die Du ja auch in Deinem verlinkten Text beschreibst. Dass Bedeutungen von Begriffen sich wandeln, sich ausweiten, aus einem Bereich in einen anderen verschoben werden – das ist im Sprachwandel ganz normal und oft auch funktional.

      Hier aber ist das Problem eine – und wohl auch durchaus absichtlich hergestellte – BegriffsDIFFUSION. Einerseits wird der Begriff „Privileg“ unscharf benutzt, auf beliebige statistische oder vielleicht auch nur subjektiv wahrgenommene Ungleichheiten bezogen. Andererseits wird er aber eben auch ganz in seiner traditionellen Bedeutung verwendet, nämlich im Hinblick auf rechtliche Bevorzugungen.

      In der von Dir angeführten Geschlechterpolitik zeigt sich dieses Changieren in der Konfusion der Begriffe „Gleichberechtigung“ (die vom Grundgesetz vorgegeben ist) und „Gleichstellung“ (von der im GG nichts steht). So wird dann begründet, dass der Staat bei beliebigen Ungleichheiten ebenso einzugreifen und zu korrigieren hätte, wie er das bei gesetzlichen Benachteilungen tatsächlich tun muss.

      Mir ging es im Text darum, dass auf diese Weise ein staatlichen Eingreifen gefordert wird, das sich eigentlich nur auf einer universalistischen Grundlage (eben im Hinblick auf rechtliche Gleichheit bezogen) legitimieren lässt – dass es aber eingefordert wird für Bereiche, die sehr stark von partikulären Interessen und bestimmten Perspektiven geprägt sind.

      Das Problem dieser Politik ist also nicht allein die Absage an universalistische Muster der Argumentation – sondern auch, dass zugleich auf einer staatlichen Rolle beharrt wird, die sich nur universalistisch legitimieren ließe. Konsequent durchgeführt wäre das Resultat ein autoritärer Staat, der sich schlicht dadurch rechtfertigt, dass seine Akteure es doch gut meinen und auf der richtigen Seite des geschichtlichen Fortschritts hin zu einer gerechteren Gesellschaft stehen.

      Im Vergleich dazu ist ein Modell wie das von Rawls wesentlich besser geeignet, um eine tatsächlich gerechtere Gesellschaft zu skizzieren.

      • Ich sehe gerade, ich habe leider in meinem ersten Kommentar in der 1. Zeile den falschen Namen genannt. Mit „dieser Herr und sein Blog mit dem klangvollen Namen“ war nicht Scheller, sondern der Politikwissenschaftler Cord Schmelzle und sein theorieblog.de gemeint. Sorry für die Konfusion, die ich da eventuell angerichtet habe.

        „Im Vergleich dazu ist ein Modell wie das von Rawls wesentlich besser geeignet, um eine tatsächlich gerechtere Gesellschaft zu skizzieren.“

        Ich schiebe es leider schon länger vor mir her, mir seine Theory of Justice genauer anzusehen, habe aber noch keine Zeit gefunden. Ziemlich akut ist die Frage, was gerecht ist, aktuell wieder bei den Frauenquotengesetzen in Thüringen und Brandenburg geworden.

  • Ich denke das ist eine wichtige Diskussion, die aber durch die Entwicklung einer neuen Religion (SJW, Rassen- und Gender-Privilegien) ziemlich absurd und hirnlos gefuehrt wird.

    Man kann bestehende Rechte unterscheiden in grundlegende Menschenrechte, die sich aus dem Menschsein selbst ergeben und sich daraus moralisch begruenden lassen (wie die „unalienable rights“ aus der US Constitution), und sogenannte „positive rights“, die ueberwiegend nicht auf diesen Menschenrechten beruhen, sondern willkuerlich gesetzt wurden und welche man auch als Privilegien bezeichnen koennte.

    Die Diskussion dieser grundlegenden (natuerlichen) Menschenrechte hat eine lange Tradition, angefangen wohl mit Hammurabi/Babylonien, fortgeschrieben bei den Griechen (Aristoteles), spaeter rein religioes begruendet durch die katholische Kirche und ganz zaeh und langsam, waehrend des Mittelalters durch christliche Philosophen, mit Ratio und Logik unterlegten Begruendungen ersetzt. Und wir sollten diese Zwiebel mit unendlich vielen Schichten weiter versuchen auf ihren Kern zurueckzufuehren (die UN declaration of human rights war offensichtlich zu fehlerhaft und kein Fortschritt, bzw. kein Endpunkt).

    Diese SJW Privilegien-Diskussion (wenn sie denn eine ist) verfaengt sich immer in diesen positiven Rechten, und deren Forderungen negieren meist grundlegende Menschenrechte. Ich kann mich damit anfreunden willkuerliche, positive Rechte abzuschaffen, aber nicht damit, sie durch andere willkuerliche, positive Rechte zu ersetzen.

  • Denn auch wer die Ziele der Antirassismus-Demonstrationen wesentlich wichtiger und dringlicher findet als die der Coronapolitik-Gegner, müsste einräumen: Das Demonstrationsrecht darf, solange das demokratische Spektrum nicht verlassen wird, nicht von der jeweiligen geäußerten Meinung abhängen.

    Das trifft beispielhaft einen Punkt, der mir immer wieder auffällt: Es ist die Prinzipienlosigkeit, die je nach politischem Standpunkt völlig verschiedene Massstäbe anlegt. Wichtiger, als was gesagt oder getan wird, ist, wer etwas sagt oder tut. Es gibt bei diesen Eiferern keine universal gültigen Prinzipien, nichts, woran man sich orientieren und sinnvolle Kritik äussern könnte. Wenn sowohl das eine wie auch das Gegenteil davon gilt, wie sollte da eine vernünftige Kritik möglich sein ausser dem Einwand, dass die Positionen selbstwidersprüchlich sind?

    • Universalismus ist für Postmoderne eine Art Imperialismus (so in der Art: wer bist du, dass du anderen Kulturen Werte vorschreibst – wie vormals Kolonialisten) und Individualismus nur ein Narrativ, daher ist der von dir angesprochene Widerspruch nicht problematisch.
      Sehr schön dargelegt in folgender Debatte: https://youtu.be/Qb9Eajt0KVA.

      Postmoderne steht für Subjektivimus, Relativismus, Egalitarismus. „Es gibt keine Wahrheit“. Jede Gruppe hat ihre relativen Werte, so dass „der Westen“ mit Universalismus, Individualismus, Kapitalismus und Wissenschaft nichts besonderes ist, sondern „nur eine Perspektive“.

      • @ Axel Es gibt durchaus innere Widersprüche universalistischer Positionen, denn wann immer sie konkretisiert werden, beziehen sie sich ja auch auf konkrete Interessen und bestimmte – nicht universelle – Perspektiven. Universalistische Positionen der französischen Revolution waren stillschweigend auf Männer bezogen („fraternité“), universalistische Positionen des amerikanischen Traums erzählten stillschweigend Geschichten der europäischen Einwanderer und nicht der afrikanischen Sklaven.

        Aber eben diese Widersprüche haben dann auch ein Potenzial geschaffen, einzuhaken. Olympe de Gouges konnte sich eben auf den Universalismus der Revolution berufen, um die „Rechte der Frau und Bürgerin“ einzuklagen – Martin Luther King konnte an den Topos des amerikanischen Traums anknüpfen, um die Gleichberechtigung schwarzer Amerikaner zu fordern.

        Eben das habe ich in meinem Text als VORTEIL universalistischer Argumentationen zu beschreiben versucht: Sie sind nicht nur korrekturFÄHIG, sondern sie machen ihre eigenen Widersprüche mit der Zeit unweigerlich deutlich, so dass sie auf Weiterentwicklung hin ANGELEGT sind. Im Vergleich dazu ist die heute opportune Privilegien-Argumentation selbstimmunisierend und daher statisch.

        Das bedeutet aber auch, das postmoderne Kritiken am Universalismus-Begriff (z.B. von Derrida gegen Habermas) nicht einfach nur relativistisch und polemisch sind, sondern sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus der Auseinandersetzung mit universalistischen Standpunkten selbst ergeben.

        Auch wenn ich kein Fan davon bin: Nicht die französische Postmoderne ist das Problem der heutigen Linken , sondern eher die versimpelnde, opportunistische amerikanische Rezeption dieser Philosophie. Leszek hat hier dazu mal einen sehr guten Text geschrieben: Über Postmodernismus, Ethnopluralismus, Differenzphilosophie und Identitätspolitik .

  • Die Verwendung des intersektionalen Privilegienbegriffs erscheint mir in einigen Situationen besonders grotesk, etwa in der aktuellen Rassismus-Debatte: Es ist doch kein Privileg, nicht willkürlich und ohne guten Grund von der Polizei kontrolliert oder gar getötet zu werden, sondern ein Grundrecht!

    Früher hat es die, damals liberale, politische Linke vielfach unternommen, Privilegien durch die Umwandlung in allgemeine Rechte abzuschaffen. So dürfte es etwa das Wort „Herr“, ursprünglich den adligen Herrschaften vorbehalten, zur höflichen (ein interessantes Wort!) Anrede für ganz gewöhnliche Männer gebracht haben – entsprechend der Entwicklung vom Untertan zum (mündigen) Staatsbürger.

    Wenn wirklich mehr Gerechtigkeit im Rahmen rechtlicher Gleichbehandlung das Ziel wäre, würde man doch ein anderes Framing wählen. Es ist zu bedauern, dass sich der identitätspolitische Flügel der Linken so weit von den Ursprüngen linker Politik entfernt hat. Ich finde es auch etwas erstaunlich, dass eine dermaßen auf Spaltung statt Einigung ausgelegte Ideologie so viel Einfluss gewonnen hat. Der darauf – notwendigerweise? – nun folgende Aufstieg rechtspopulärer bis -extremer Bestrebungen gibt Anlass zur Beunruhigung.

    Eine liberalere linke Partei, auch im Sinne des politischen Kompasses, fehlt heute.

  • Und im Grunde geht es darum, das Prekariat zu spalten und eine Diskussion über das System und die Einkommens-, Besitz- und Vermögensverteilung zu verhindern.

  • Das Problem an der ganzen „Privilegien“ Geschichte ist doch das sie komplett sinnfrei ist und nichts besser macht.
    Geht es irgendeinem schwarzen Ghetto Kind in den USA besser weil weiße US Promis sich öffentlich für ihre „Privilegien“ entschuldigen?

    • Natürlich nicht. Es geht bei der ganzen Sache ja auch nicht darum, dass es irgendeinem Ghettokid jeglicher Hautfarbe besser GEHEN soll. Der einzige Sinn und Zweck besteht darin, dass sich jene, die sich rituell geißeln, ob ihrer eigenen so signalisierten Tugendhaftigkeit besser FÜHLEN können.

    • Geht es irgendeinem schwarzen Ghetto Kind in den USA besser weil weiße US Promis sich öffentlich für ihre „Privilegien“ entschuldigen?

      Nein. Ich pflege diese Moralapostel bei dieser Gelegenheit zu fragen, ob sie denn für ihre Privilegien – Privileg als ungerechtfertigter Vorteil verstanden – Kompensation, vorzugsweise materieller Art, leisten. Da kommt keine Antwort. Was diese Schnorrer als „Kompensation“ leisten, ist, auf Twitter ein BLM hinter den Nicknamen einzufügen oder sonstwas in der Art. Noch nie war es so einfach, einer der Gerechten zu sein.

      Wohlfeiles, bigottes Geschwätz, mehr ist da nicht.

  • Ich glaube man kann das Aufkommen des „Wokeismus“ bzw. linker Identitätspolitik auch einfach damit erklären, dass es als „System“ funktioniert. Und zwar im Sinne von „sich durchsetzen“, nicht unbedingt im Sinne von sinnhaften Erklärungsmustern. Die USA sind ja ein Melting Pot. Nicht nur an Kulturen, sondern auch an konkurrierenden Unternehmen, Ideologien etc. Und linke Identitätspolitik des Internetzeitalters hat eben viele Eigenschaften, die ihr zum Durchbruch verholfen haben.

    – Ansprechen von bestimmten Gruppen. Die einzige nicht angesprochene (dh. nicht als benachteiligt angesehene) Gruppe sind weiße hetero-Männer.
    Aber selbst diese können als Ally mitmachen und dadurch Prestige bekommen bzw. sich aus der Schusslinie bringen.
    Unterstützenswerte Gruppen sind natürlich Frauen (Empathie ist Frauen gegenüber höher), oder ethnische Minderheiten (Rassismus ist allg. verpönt/verachtet).

    – Aggressives Auftreten nach außen. Auch so kann man sich selbst aus der Schusslinie bringen (zB.: andere als Nazi, AfD-Wähler oder „Abfall“ bezeichnen) und/oder Anerkennung innerhalb der Gruppe erlangen (zB.: Charlotte Roche dokumentiert, wie sie True Fruits-Flaschen im Supermarkt versteckt).
    Gegenreaktionen kann man dann entsprechend wiederum als böswillige Aggression darstellen.

    – Kontrolle nach innen. Wird über soziale Medien ermöglicht, wo jede Äußerung (real oder auch nur gefühlt) von anderen der Gruppe mitgelesen werden können, und ggf. als „unrein“ gebrandmarkt werden können. Auch können hier Äußerungen, die ursprünglich nicht auf soz.Medien getätigt wurden re-publiziert werden.
    Die Überwachung ist somit im gesamten öffentlichen Raum.

    – Konsequenzen für Kontra-Standpunkte. Muss man nicht viel sagen. Cancel Culture.

    – Unterstützung durch Institutionen (zB. Parteien / Medien). Parteien sind auf Wähler angewiesen, und Aufgrund der ständigen, durch Medien verstärkten „Aufschreie“ wird ein Wählerpotential vorgespielt, das so gar nicht vorhanden ist.
    Das gleiche gilt für Medien, da diese auf Leser / Klicks angewiesen sind. Außerdem sind die Parteien und Medien – bzw. deren Akteure – zu einem großen Teil selbst identitätspolitisch. Jedenfalls mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung.

    – Spielplatz für Egomanen. Sind sicherlich nur ein kleiner Teil jeder Gruppe, können sich hier aber richtig austoben, ohne Exkommuniziert zu werden (solange korrekt gegendert wird). Man selbst ist ja gut, und kann damit alles rechtfertigen, was man tut. (bsp. Sixtus, Pertsch, Schick).

  • […] Bisher konnte mir ja noch niemand meine Privilegien als „alter weißer Mann“ erklären. Das könnte natürlich daran liegen, dass ich nicht „woke“ bin. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich das als demokratisch gesinnter Mensch einfach nicht kapieren kann, weil der Fokus auf Privilegien statt auf Rechte damit einfach nicht kompatibel ist. man tau hat das Problem mal ausgeführt. […]

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