Familie Gleichberechtigung SPD Väter

Kindessorge statt Klientelversorgung

geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Plädoyer für eine moderne Familienpolitik

Die Reformen der Familienpolitik, die Justizministerin Lambrecht ankündigt, bestätigen das Altbekannte. Welche Bedeutung aber haben Familien in einer modernen Gesellschaft – und wie kann eine moderne Politik für Familien aussehen?

  1. Eine Wunde, die niemand schließen kann
  2. Warum die Frau Ministerin gähnen muss
  3. Corona-Eltern rechnen ab, und ich bekommen ein Geschenk
  4. Was Frau Lambrecht von Frau Ebner-Eschenbach lernen kann
  5. Von einer vormodernen zu einer modernen Familienpolitik
 

Eine Wunde, die niemand schließen kann

Wenn der leibliche Vater aus dem Leben eines Mädchens oder eines Jungen verschwindet oder herausgedrängt wird, hinterlässt er eine Wunde, die niemand schließen kann und die zeitlebens blutet. Keine Mutter, kein noch so liebender Stiefvater, kein Großvater, kein Partner – niemand kann Heiler sein, maximal Trostpflaster.

So beschreibt Jeanette Hagen zu Beginn ihres Buches „Die verletzte Tochter. Wie Vaterentbehrung das Leben prägt“ die Folgen, die eine Abwesenheit des Vaters für ein Kind hat. Für sie selbst sei dadurch phasenweise die „eigene Existenzberechtigung radikal infrage“ gestellt worden (S. 12/13)

Ich merke solche Folgen auch selbst als Vater eines Sohnes. Ich habe nun fast meine ganzen Ferien bei ihm verbracht, doch da wir nun wieder zum gewohnten zweiwöchigen Umgang zurückkehren, hat er mich zum Abschied traurig gefragt: „Warum willst Du mich zwei Wochen nicht mehr sehen?“

Dass ich wieder arbeiten muss, dass wir eine übliche Umgangsregelung für jedes zweite Wochenende haben – das ist eben nur in der Erwachsenenlogik schlüssig. Für das Kind bedeutet die Abwesenheit eines Elternteils in jedem Fall eine Ablehnung, ein Desinteresse an seiner Existenz.

Umso wichtiger wäre es eigentlich, Familien politisch einen solchen Rahmen zu geben, dass Kinder regelmäßig und zuverlässig die Anwesenheit beider Eltern erleben können. Stattdessen macht die deutsche Familienpolitik seit Jahrzehnten eben das Gegenteil, und sie schafft Bedingungen, unter denen die Vaterentbehrung zur Normalität geworden ist.

Zur Normalität für Erwachsene, nicht für Kinder.

 

Warum die Frau Ministerin gähnen muss

Im letzten Herbst hatte sich eine eigens eingesetzte Expertengruppe des Bundesjustizministeriums für ein automatisches Sorgerecht beider Eltern auch bei unverheirateten Paaren ausgesprochen. Die Ministerin Christine Lambrecht lehnt das ab, mit wechselnden Begründungen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt zum Beispiel:

Offenbar hat die Ministerin aber den Gegnern eines automatischen Sorgerechts nachgegeben, wonach es in schwierigen Beziehungen mit Alkohol- oder Gewaltproblemen riskant sei, wenn der Mann auch gegen den Willen der Frau sorgeberechtigt werde.

Das ist natürlich nicht schlüssig, schließlich kann auch die Mutter alkoholkrank oder gewalttätig sein – und hätte damit jetzt weiterhin erst einmal das alleinige Sorgerecht.

Die Legal Tribune Online zitiert das Justizministerium dann mit der weiteren Begründung, „dass man auch Fälle im Blick haben müsse, in denen das Kind durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde.“ 

Das begründet natürlich nichts, sondern macht die Entscheidung Lambrechts nur noch rätselhafter. Warum wird sämtlichen Kindern nichtverheirateter Eltern das Recht auf die Sorge ihrer Väter vorenthalten, weil der Vater die Mutter rein theoretisch ja vergewaltigt haben könnte? Und wenn das tatsächlich irgendjemandem vernünftig erscheint: Warum sollte es dann bei verheirateten Eltern nicht relevant sein?

Gegen die unterschwellige Unterstellung eines grundsätzlichen Vergewaltigungsvedachts wehrt sich ein Vater auf Lambrechts Facebookseite, und ihre Reaktion erklärt mehr, als es die offiziellen Begründungen des Ministeriums tun: Sie antwortet lediglich mit einem Gähn-Emoji.

Das ist ebenso herablassend wie infantil, macht aber eben auch deutlich, dass Väter für die Justizministerin allenfalls Eltern zweiter Klasse sind. Das ist mehr als nur eine zerknirschte Unterstellung.

Mit der Entscheidung gegen ein gemeinsames Sorgerecht von Müttern und Vätern möchte Lambrecht zugleich dafür sorgen, dass „bei lesbischen Paaren künftig neben der Geburtsmutter eine weitere Frau Mutter sein kann, auch ohne Adoptionsverfahren. Da nach ihren Vorstellungen jedes Kind weiterhin nur zwei Eltern haben kann, hätte damit der leibliche Vater, rechtlich betrachtet, kein elterliches Verhältnis mehr zum Kind.

Deutlich ist dann ihre Antwort auf die Frage, warum denn eine solche Regelung nur für lesbische Frauen, nicht aber für schwule Männer vorgesehen sei:

Wir wollen daran festhalten, dass die erste Elternstelle der leiblichen Mutter, die das Kind geboren hat, vorbehalten bleibt.

Natürlich liegt hier die Frage nahe, wie solch eine Haltung denn eigentlich mit dem Grundsatz der Gleichberechtigung vereinbar wäre, denn das ist sie offensichtlich nicht. Dabei ist es gerade erst deutlich geworden, wie dringend und überfällig eine Reform des deutschen Familienrechts ist, die Väter in die Familien hineinholt, statt sie auszugrenzen.

 

Corona-Eltern rechnen ab, und ich bekomme ein Geschenk

#CoronaElternRechnenAb: Unter diesem doppeldeutigen Hashtag erzürnten sich im Mai Eltern, meist Mütter, über die coronabedingten Kitaschließungen und stellten in Tweets, Blogbeiträgen und Hashtags der Gesellschaft horrende Rechnungen aus, in denen sie ihre elterliche Sorge in Euro umrechneten. Ein Zeit-Artikel, in dem Christian Bangel die Kitaschließungen klischeegerecht als „Männeridee“ geißelte,  hatte mehr als 800 Kommentare – in denen dann zum Beispiel jemand beklagte, dass die Gesellschaft „kleine Kinder misshandelt um alte aber wahlberechtigte Greise zu schützen“.

Rechnungen an die Allgemeinheit über viele tausend Euro dafür, dass Menschen sich um ihre eigenen Kinder kümmern – natürlich wurde diese Aktion nicht nur vom ZDF  bis hin zum rechten „Widerstand gegen die Corona-Diktatur“ unterstützt, sondern auch kritisiert und verhöhnt.

Ganz selten aber wies jemand auf einen Aspekt hin, der in meinen Augen der wichtigste war: Was würde es eigentlich für Kinder bedeuten, wenn ihre Eltern voller Wut dafür entschädigt werden wollen, dass sie sich einige Wochen lang ohne Kitahilfe um sie kümmern mussten?

Warum merkten die Corona-Eltern nicht, wie viel Entwertung ihrer Kinder sich in ihrer Wut ausdrückte?

Kleine Kinder lesen natürlich in aller Regel noch keine Tweets und bekommen von dem Hashtag frühestens in einigen Jahren etwas mit, aber darum geht es nicht: Die massiven Emotionen, die diese Eltern öffentlich auslebten, werden sich ganz sicher auf irgendeine Weise auch ihren Kindern vermittelt haben.

Ich selbst habe übrigens sieben Wochen faktisch allein für unseren Sohn gesorgt und zugleich digitalen Unterricht organisiert. Als ich mit Kolleginnen hinterher darüber sprach, sagten sie mir ganz selbstverständlich, diese Zeit sei doch – angesichts der sonstigen Trennung von unserem Kind – „ein Geschenk“ für mich gewesen.

Was für die einen eine Zumutung ist, für die ihnen gigantische Entschädigungen zustehen, ist für andere eine unerwartbare Wohltat – das ging auch anderen Vätern so.

Sicher, ich musste mir im Unterschied zu anderen keine Sorge um meinen Job machen, aber eben das ist der Punkt, auf den ich hier hinaus will. Ich bin, als unser Kind noch jünger war, mehrmals vor Gericht gegangen, weil die Mutter immer weniger Möglichkeiten des Umgangs gestattete. Wäre sie damals erfolgreich gewesen in ihrem Versuch, mich aus der Beziehung zu unserem Kind hinauszudrängen, dann wäre die Situation in der Corona-Zeit sehr viel heikler und schwieriger gewesen.

Ohne dass das den Corona-Eltern bewusst ist, lieferten sie Beispiele für die Konsequenzen, die es haben kann, wenn sich Familien weitgehend in Abhängigkeit von staatlichen Leistungen begeben. Natürlich hat die Abhängigkeit Vorteile gerade für sogenannte „alleinerziehende“ Mütter, die bei den Coronaeltern prominent beteiligt waren: Staatliche Institutionen bieten auf den ersten Blick eine Sicherheit der Versorgung, die ein Partner – der arbeitslos werden, sich abwenden oder auch schlicht nervtötende eigene Forderungen stellen kann – so nicht bietet.

Auch das habe ich selbst erfahren. Der wesentliche Konflikt in der Beziehung mit der Mutter unseres Kindes war, dass sie zwar Geld verdiente, manchmal auch gut verdiente – dass sie aber keine Arbeit hatte, die ein sicheres, verlässliches Einkommen gewährleistet hätte. Auch wenn ich damit einverstanden war, kurzfristig für das Familieneinkommen allein zuständig zu sein, wollte ich, dass sich das zumindest mittelfristig ändert und ich zugunsten der Kindessorge die berufliche Arbeit reduzieren kann.

Durch die Trennung von mir verschaffte sie sich dann eine Situation, in der ich noch über drei Jahre hin verpflichtet war, sie finanziell zu versorgen – und in der sie unser Kind in die Kita brachte, anstatt ihm Zeit beim Vater zuzugestehen. So, zum Beispiel, sehen die Folgen der reaktionären Position aus, „dass die erste Elternstelle der leiblichen Mutter, die das Kind geboren hat, vorbehalten“ bleiben müsse.

Dass staatlicher Druck für sie regelte, was sie eigentlich im Einvernehmen mit mir hätte regeln müssen, konnte die Mutter unseres Kindes damals sicher als Erleichterung erleben – ich bezweifle allerdings, dass ihre Situation dadurch tatsächlich leichter wurde.

Die Sorge für die eigenen Kinder als brutaler Überlebenskampf – am Beispiel eines Ausrissen von der Seite „MamaMeeting“.

Die Corona-Zeit, in der staatliche Leistungen auf völlig unerwartete Weise ausfielen, machte dann deutlich, wie folgenschwer die produzierte familiäre Abhängigkeit von staatlichen Institutionen ist. Die Corona-Eltern verhielten sich nicht wie Erwachsene, sondern ihrerseits wie Kinder.

Sie interessierten sich kaum dafür, ob die so grenzenlos empört beklagten Maßnahmen nicht sehr gute Gründe hatten – oder ob die Situation sich ohne diese Maßnahmen nicht womöglich noch wesentlich verschärft hätte. Sie reagierten schlicht mit ungeheurer Wut auf das Ausbleiben einer gewohnten Versorgungsleistung.

So erklärt sich dann auch, wie sie völlig übersehen konnten, dass es vernichtend es für die Kinder sein musste, wenn ihre Eltern sich öffentlich und maßlos darüber beklagten, ganz für sie sorgen zu müssen: Die Position der Kinder ist gleichsam schon durch die Eltern besetzt, so dass für die Perspektive der realen Kinder kein Raum mehr bleibt.

 

Was Frau Lambrecht von Frau Ebner-Eschenbach lernen kann

Warum dieses Familienbild der staatlichen Abhängigkeit eben gerade nicht modern, sondern reaktionär und autoritär ist, lässt sich schon an einem Text aus dem Jahr 1886 zeigen. In Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung „Er lasst die Hand küssen“ erzählt ein Graf von seiner Großmutter, die enormen Wert auf den moralischen Lebenswandel ihrer Untertanen gelegt habe.

Als sie erfährt, dass einer ihrer jungen Arbeiter – Mischka – mit einer Geliebten ein uneheliches Kind hat, trennt sie beide wütend und befiehlt der jungen Frau den Umzug „nach einer anderen Herrschaft“, zwei Tagesreisen entfernt. Als Mischka seine Geliebte, die zum zweiten Mal schwanger ist, dabei begleitet, stellt sich ihnen sein Vater in den Weg – jammernd, fluchend und besorgt darum, dass der Wille der Herrschaft nicht missachtet werden dürfe. Er schlägt beide zusammen.

Die Geschichte endet tragisch. Mischka verprügelt endlich seinen gewalttätigen Vater, wird dafür am Sterbebett seiner Geliebten – die ihre lange Reise und die Schläge von Mischkas Vater nicht überlebt – festgenommen und erneut zusammengeschlagen. Als die gräfliche Großmutter, Mischkas Herrschaft, erfährt, dass er nun auch die arme Mutter seiner Geliebten nicht mehr finanziell unterstützen kann, reagiert sie unwirsch: „Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.“

Wenn diese Frau aus dem 19. Jahrhundert modernere Vorstellungen von Familien hat als unsere heutige Justizministerin – was ist dann eigentlich falsch gelaufen?

Dass von Ebner-Eschenbach hier vorführt, wie fatal sich die Abhängigkeiten einer – nichtehelichen – Familie von der staatlichen Macht auswirken, ist noch heute gleich in mehrfacher Hinsicht relevant.

Einerseits wird deutlich, wie sehr sich die äußere Abhängigkeit im Innern der Familie ausprägt. Mischkas Vater ist ein Paradebeispiel dafür, wie jemand strukturelle Gewalt, der er selbst unterliegt, als personale Gewalt weitergibt.

Das lässt sich verallgemeinern: Eine Familie, die nach außen hin radikal abhängig ist, kann keine Binnenstrukturen entwickeln, die Autonomie und Selbstständigkeit fördern. Auch die Corona-Eltern geben einen Druck, der aus ihren äußeren Abhängigkeiten erwächst, als existentielle Entwertung an ihre Kinder weiter.

Zugleich wird dabei auch klar, wie sehr sich staatliche Institutionen damit übernehmen, wenn sie die Eigendynamik familiärer Strukturen von oben kontrollieren wollen: Die Großmutter greift massiv in Mischkas Familie ein, besteht dann aber darauf, doch bitteschön mit den häuslichen Angelegenheiten dieser Leute nichts zu tun  zu haben.

Auch dadurch produzieren Institutionen des heutigen Familienrechts, also Gesetzgeber, Familien- und Justizministerinnen, Gerichte, Anwälte, Ämter und Beratungststellen, permanent Unglück: Durch die erhebliche rechtliche Ungleichgewichtung von Müttern und Vätern greifen diese Akteure erheblich in die Interaktion der Eltern ein – sind dann aber überhaupt nicht in der Lage, die Konsequenzen ihres Eingreifens zu überschauen, aufzufangen oder zumindest zu verstehen.

 

Von der vormodernen zur modernen Familienpolitik

Wir brauchen, mehr als hundert Jahre nach Ebner-Eschenbachs Erzählung, also endlich ein Verständnis von FAMILIE, das einer modernen Gesellschaft gerecht wird und das Familien nicht in vormoderne Abhängigkeiten und Ungleichheiten hineinpresst.

Wir können, wenn in einer Familie Kinder aufwachsen, dabei von zwei Grundsätzen ausgehen:

  1. Familien müssen hinreichend autonom und selbstständig sein, damit sie für sich selbst sorgen und die Sorge für Kinder organisieren können. Es ist davon auszugehen, dass davon eine Person allein in aller Regel überfordert ist.
  2. Die leiblichen Eltern haben für Menschen eine besondere Bedeutung und sind nicht vollständig zu ersetzen. Der Grund ist keine Blutsverwandschaft, wenn auch die genetische Verwandtschaft aus medizinischen Gründen wichtig sein kann. Die leiblichen Eltern haben deswegen eine besondere Bedeutung, weil sie diejenigen sind, die für die schiere Existenz eines Menschen verantwortlich sind. Die Beziehung zu ihnen ist daher existentiell und niemals vollständig zu objektivieren – das wissen wir nicht allein aus den Zitaten Jeanette Hagens vom Beginn dieses Textes, sondern auch aus den Erfahrungen von Adoptiv- und Spenderkindern.

(Nachgeschobene Anmerkung, weil ich auf Twitter gleich nach Veröffentlichung gefragt wurde, ob ich hier einem Weltbild das Wort redete, nach dem Kinder nur bei ihren leiblichen Eltern leben dürften: Natürlich geht es darum nicht. Aber auch Adoptiveltern, neue Partner nach Trennungen und andere können für Kinder nur dann eine produktive, fördernde Rolle übernehmen, wenn sie die besondere Bedeutung der leiblichen Eltern anerkennen. Dann können sie natürlich sogar wichtiger für Kinder werden als Väter oder Mütter, die sich ihrer Verantwortung entziehen.)

Wir können daran das Vorhaben Lambrechts überprüfen, der Mutterschaft Vorrang einzuräumen und lesbischen Paaren die Elternschaft zu übertragen.

Grundsätzlich ist eine Erziehung durch zwei Erwachsene tatsächlich in vielfacher Hinsicht besser als durch eine Person, allein schon, weil die Verantwortung der finanziellen Sorge und der direkten Versorgung des Kindes durch zwei deutlich besser getragen werden kann. Warum aber reicht eine Adoption nicht, warum muss der leibliche Vater durch eine zweite, juristische Mutter ersetzt werden? Und warum gilt die Regelung für lesbische Frauen, nicht aber für schwule Männer?

Die vollständige Ersetzung leiblicher durch juristische Elternschaft manövriert das lesbische Elternpaar zudem in Abhängigkeiten von Institutionen, die ihnen Schutz und Bestätigung gegen die existentielle Beziehung zwischen Kind und Vater bereitstellen – eine Beziehung, deren Bedeutung mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später von einem oder von beidem eingeklagt werden wird.

Einigen Akteuren würde dieses Bild besser gefallen, wenn der Mann verschwinden würde – weil ihnen wahlweise seine Hautfarbe oder seine Geschlechtszugehörigkeit nicht gefällt. Inhuman und brutal ist beides.

Auch wenn Lambrecht für sich routiniert und rituell die Sorge für das „Kindeswohl“ in Anspruch nimmt, sind ihre Pläne doch ganz auf die Bedürfnisse einiger weniger Erwachsener ausgerichtet. Es würde aber viele Missverständnisse vermeiden, wenn wir das Sorgerecht nicht einfach als das Recht von erwachsenen Eltern auf die Sorge für ihre Kinder, sondern als das Recht von Kinder auf die Sorge durch ihre Eltern verstünden.

Da damit beide Eltern in der finanziellen Verantwortung und in der Verantwortung für die direkte Kindessorge stehen, wird die bisherige Aufteilung in Sorgeberechtigte und Unterhaltspflichtige dem Recht auf elterliche Sorge nicht gerecht. Besser geeignet wäre das Rosenheimer Modell, nach dem die Unterhaltspflicht sich danach berechnet, wie groß der Anteil eines Elternteils an der direkten Betreuung ist.

Eine Pointe davon: Wenn ein Vater diese Sorge ganz an die Mutter delegiert, müsste er mehr Unterhalt zahlen als nach heute gebräuchlichen Modellen. Gleichwohl wurde dieses Modell von Vätern, nicht von Müttern entwickelt – und es ist in Institutionen, die auf mütterlichen Vorrang bauen, leider chancenlos.

Eine zweite, relativ einfache Möglichkeit der Reform wäre eine Beratungspflicht für Eltern, meist Väter, die sich ihrer Verantwortung für die Kindessorge entziehen. Die Klage über verantwortungsvermeidende Väter dient nämlich sonst lediglich der Begründung mütterlicher Vorrechte, ohne dass die Klagenden ein echtes Interesse hätten, etwas an der beklagten Situation zu ändern.

Der Grundsatz, dass eine Beratung freiwillig sein müsse, ist hier nicht anwendbar – schließlich geht es um existentielle Interessen Dritter, der Kinder nämlich, die ihre Belange kaum selbst vertreten können. Es ist nicht einzusehen, warum Frauen, die ein Kind abtreiben wollen, zu einer Beratung verpflichtet sind – während Männer, die ihre Verantwortung für ihr Kind ignorieren, sich mit den Konsequenzen nicht auseinandersetzen müssen.

Zudem war das 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und dem millionenfachen Sterben von Soldaten, mit den Anstrengungen des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders ein Jahrhundert der Vaterentbehrung, die als Trauma von Generation zu Generation weiter gegeben und die selbst in der Popkultur schon seit Jahrzehnten reflektiert wurde.

Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die politische und wirtschaftliche Situation eine stärkere Einbindung der Väter in Familien nahelegte, wurden sie dann juristisch und politisch ausgegrenzt. Bis heute.

Es ist also durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, dass einige Väter schlicht Angst vor der Übernahme ihrer Verantwortung haben, weil sie selbst als Kinder keine verantwortungsvollen Väter erlebt haben. Ihnen beratend zu helfen, kann auch für die Kinder ein großer Vorteil sein.

 

Das jedenfalls müssen wir berücksichtigen: Nach mehr als hundert Jahren der militärisch, ökonomisch, politisch und juristisch produzierten Vaterentbehrung kommen uns inhumane, dysfunktionale und brutale Strukturen des Familienrechts ganz normal vor, während uns humanisierende Änderungen als unkalkulierbare Wagnisse erscheinen. Darauf setzt auch die reaktionäre Familienpolitik der gegenwärtigen Regierungskoalition.

Wer den Akteuren, die dafür verantwortlich sind, diskursiv die Hand küsst – der versündigt sich an Vätern, an kooperationsbereiten Müttern, und an den Kindern.

RSS
Follow by Email
Twitter
Google+
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

8 Comments

  • „Die Position der Kinder ist gleichsam schon durch die Eltern besetzt, so dass für die Perspektive der realen Kinder kein Raum mehr bleibt.“

    Und die Eltern erzählen dann vom Krieg, von verantwortungslosen saufenden und prügelnden Vätern, von Vätern, die mit ihren Kindern nichts zu tun haben wollen. Und daraus werden Gesetze und Kriterien gebildet, die wiederum für alle Väter gelten.

    Keiner interessiert sich dabei für die vorgeblich überforderten Mütter, die mit viel Rotwein und Züchtigung ihrer Jungs ihre Probleme bekämpfen, und die wie hier beschrieben eben ihr Kind lieber bezahlten Dritten geben als dem Vater. Die eben dem Kind den Vater nehmen mit umfassender und sichtbar wachsender gesellschaftlicher Unterstützung.

    Was unterscheidet denn einen schwulen Vater von einer lesbischen Mutter? Er ist halt ein Mann. Und deswegen ist er offenbar nicht so gut für ein Kind wie eine Frau.

    Männlichkeit ist ein Attribut, dass inzwischen zum Ausschlusskriterium wird für den Umgang mit Kindern. Denn Männer sind böse, weil sie eben als solche auf die Welt gekommen sind. Sie dürfen als Erzieher in vielen Kitas in Kleinkindgruppen die Kinder nicht wickeln, in der Altenpflege dürfen sie das aber selbstverständlich.

    Es ist die Deklaration des Männlichen als das Böse und Gefährliche, durch die viele Kinder ihre Väter verlieren. Und die wird jetzt formalisiert und amtlich.

  • Ich hege ja einfach die Hoffnung, dass sich dieser Wahnsinn iwann selbst zerstört.
    Das mag lange dauern mit vielen Kollateralschäden, aber dass kann einfach nicht ewig so gehen.

    Habe die Woche mit der Mutter einer Freundin meiner Tochter gesprochen, genau über diese „Reform“.
    Sie war in der Situation, dass sie während des Trennungsjahres schon vom neuen Schwanger war. Alle drei waren sich klar einig, dass der leibliche Vater auch das Sorgerecht bekommen soll. Aber obwohl sich alle drei einig waren, wäre das wohl nicht so einfach geworden, wenn der Geburtstermin vor dem „Scheidungstermin“ gewesen wäre.
    Also selbst wenn sich alle Beteiligten einig sind, muss die „Großmutter“ noch Steine in den Weg legen.

    Ich meine, dass die Gründe dafür, dass die „Reform“ jetzt so durchgeführt wird, viel mit Selbstverblendung zu tun hat. Genau wie die Coronaeltern Geld dafür wollen, dass sie ihre Kinder nicht in die Kitas abgeben können.
    Sie blenden ihre Verantwortung einfach aus.

    Das erlebe ich in verschiedensten Kontexten immer und immer wieder. Der Klassiker ist meiner Meinung nach wohl der GPG.

    Gegen Ende der Sommerferien hab ich mit einer Kollegin im Rahmen der Unterrichtsvorbereitung aber auch die Diskussion gehabt, wir müsstem im Physikunterricht uns endlich vollständig an den Interessen der Mädchen orientieren, weil es für die Jungs ja keine Nachteile hat.
    Die zugrunde gelegte Studie gibt das in dieser Pauschalierung aber einfach nicht her, was ich ihr auch erklärt habe, was sie wiederum aber nicht wahrhaben will…

    Aber egal welcher Kontext es auch sein mag, man kann nicht ewig die Hand ins Feuer halten und behaupten, es wäre überhaupt nicht heiß.
    (Ich meine Schoppe hat hierfür mal das Bild von einer Kreuzfahrt benutzt, die nicht in der Karibik, sondern in Grönland gelandet ist und man sich halt einredet, man wäre am richtigen Ort)

  • „Es ist also durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, dass einige Väter schlicht Angst vor der Übernahme ihrer Verantwortung haben, weil sie selbst als Kinder keine verantwortungsvollen Väter erlebt haben. Ihnen beratend zu helfen, kann auch für die Kinder ein großer Vorteil sein.“

    Dazu fällt mir ein Gespräch mit unserer Raumpflegerin in den Abendstunden im Office ein. Ich hatte ihr erzählt, dass ich Vater sei und sie war sichtlich erfreut, dass es da trotz Trennung noch regen Kontakt gab.

    Anschließend wurde sie, eine Rumänin, sehr ernst und erzählte mir ihre berührende Geschichte, welche ich sinngemäß und stark verkürzt wiedergebe:

    „.. Meine Mutter hat sich von meinem Vater getrennt und fortan jeden Umgang mit ihm verhindert und mir mit Drohungen verboten bzw. erklärte mir jedesmal zu dem Thema, was mein Vater für eine Bestie gewesen sei. Nicht mal ein Foto von ihm durfte ich sehen.

    Als ich älter wurde, lernte ich einen netten Mann kennen aber wusste gar nicht, wie ich mich am besten verhalten sollte, denn ich hatte ja kein männliches Vorbild im guten Sinne.

    Später haben wir geheiratet und ich wurde Mutter eines Sohnes. Und danach wurde mir erst richtig bewusst, wie wenig ich in der Lage war, mit diesem wunderbaren Kind umzugehen ….“

    Anschließend schluchzte sie und man merkte regelrecht ihren Schmerz und die wieder aufkeimende Deprivation unter der Fuchtel ihrer damaligen Mutter, mit der sie später brach.

    Für Christine Lamprecht ist sowas allerdings und offenbar kein Thema, da sie das Ganze durch ihre angetrocknete Feminismusbrille sieht und Kinder offenbar nur minimal höher stehen, als diese verhassten Kerle.

    Einfach widerlich und wütend machend.

    Tja, all das

  • Was im Artikel hier nur ein Randthema ist, ist etwas, was mich persönlich immer wieder fassungslos macht, ob der Routine mit der es betrieben wird: die Begründung rechtlicher Schlechterstellung von unehelichen Vätern mit der potentiellen Gewalttätigkeit oder möglicher Missbrauchsabsichten. Es ist schon wirklich infam, einer großen Zahl von Menschen gleiche Rechte vorzuenthalten mit dem Verweis auf Dinge, die von einer sozialen Signifikanz kaum weiter entfernt sein könnten. Mit derselben Logik könnten wir auch sämtliche Grundrechte aufheben und jeden Menschen in diesem Land zu einem Häftling auf jederzeit widerrufbarem Freigang erklären, denn was könnte wohl so alles passieren, wenn man bei allgemeinen Freiheitsrechten auch die falschen frei rumlaufen lässt?

    Sehr aufschlussreich dazu auch die Diskussion auf Alles Evolution: https://allesevolution.wordpress.com/2020/08/18/sorgerecht-ab-geburt-bei-unverheirateten-vaetern-kommt-nicht/

    Es ist entlarvend, wie sich die üblichen Verdächtigen in Selbstwidersprüche verheddern und nichts mehr hinbekommen als ablenkende Gegenfragen, um bloß nicht ihre eigenen Standpunkte überdenken zu müssen. Wenn z. B. auf den Hinweis, dass man mit denselben Argumenten auch ein automatisches Sorgerecht von Müttern infrage stellen könnte, nur die Gegenfrage kommt, ob man das denn wolle… Da fällt einem einfach nichts mehr zu ein.

    Vor allem, wenn man bedenkt, dass gemäß Kriminalstatistik Mütter häufiger Gewalt gegen Kinder ausüben als Väter. Nimmt man dabei nur die leiblichen Väter wohl sogar signifikant häufiger, denn bei den Vätern werden leibliche Väter mit den neuen Partnern der Mütter in einen Topf geworfen. Fast ist man geneigt zu sagen, dass da wohl ein Wenig politisch gewünschte Zahlenmanipulation betrieben werden muss.

    Erfreulich hierbei sind jedoch die vielfach kritischen Reaktionen der Mainstreammedien zu diesen Entwicklungen. Arne Hoffman meinte auf Genderama optimistisch, dass wohl die Väterrechtler inzwischen im Mainstream angekommen sind, Männerrechtsaktivisten dort jedoch noch hinmüssten.

  • Alle Männer werden immer an den schlechtesten Männern gemessen, die sich finden lassen . Frauen- und Mütterorganisationen machen das ganz ungeniert und das femizentrische Familienministerium für alles außer Männer macht voll mit.

    Frauen oder Mütter hingegen – die statisch gesehen größte Gefahr für Kinder wenn es um Gewalt geht – können saufen, schlagen, ihre Kinder an Pädophilen verkaufen oder als lesbisches Paar einen Sohn kriegen, den sie dann foltern… das sind alles immer nur Einzelfälle. Frauen sind gut und ein Kind gehört zu Mutter.

    Einerseits wollen sie am liebsten Frauen das Recht geben bis zum 9. Monat abzutreiben und gleichzeitig, pochen sie auf eine besondere Bindung zwischen Mutter und Kind, die eine Gleichberechtigung von Väter außer Kraft setzt.

    Das Agieren der letzten Familienministerinnen finde ich schon gerade zu männerfeindlich… im wahrsten Sinne des Wortes: feindlich. Sie und die Mütterlobbistinnen sind für eine gesunde Familienpolitik untragbar.

  • @ Billy und Matze
    Kann euch nur zustimmen.
    Die sogenannte “ Kindstötung “ könnte man noch erwähnen, die allerdings medial „frauengerecht“ nicht sonderlich aufgebauscht, die Täterin mitunter noch als Opfer ( „die verzweifelte Mutter“ ) dargestellt wird.
    Bei Frauen ist halt alles ganz anders.
    Wer das zweierlei Maß bzw. die institutionalisierte Doppelmoral gepachtet hat, dem ist argumentativ schwer beizukommen und hat bis hin zur höchsten politischen Instanz Närrinnenfreiheit und sehr viel Macht, die natürlich unumwunden genutzt wird.

Schreibe einen Kommentar zu Endlich mal wieder die Gendertauschprobe – apokolokynthose X

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.