Featured Feindbild Mann Geschlechterdebatte Hate Speech Identitätspolitik Jungen

Männlichkeit und Hässlichkeit

geschrieben von: Billy Coen

Billy Coen über Männlichkeitsbilder und ihre Produktion

  1. Lessing erklärt, warum Laokoon nicht hässlich ist
  2. Über die Produktion von Empathieverweigerung
  3. Die progressive Avantgarde läuft mit großen Gesten hinterher
 

Lessing erklärt, warum Laokoon nicht hässlich ist

(Vorbemerkung von Lucas Schoppe:) Billy Coen hatte zum letzten Artikel einen Kommentar gepostet, den ich hier noch einmal veröffentliche. Sein Thema – Darstellungen von Männlichkeit – ist so eigenständig, dass es einen eigenen Artikel lohnt.

Mich hat Billys Text an einen Gedanken aus Lessings Schrift „Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie“ erinnert, die ich einmal während meines Studiums gelesen habe.

Laokoon wurde nach alten griechischen Erzählungen zusammen mit seinen Söhnen von großen Schlangen getötet, die von den Göttern ausgesandt worden waren – entweder, weil er sich mit seiner Frau in einem Tempel geliebt hatte, oder weil er (bei Vergil) Odysseus‘ Trick mit dem Trojanischen Pferd durchschaut hatte.

Lessing überlegt sich nun, warum griechische Dichter zwar in Theaterstücken ihre Helden im Todeskampf klagen, winseln, weinen und schreien“ lassen – der Laokoon als Standbild in der berühmten Laokoon-Gruppe jedoch seinen Todeskampf still zu ertragen scheint.

Lessings Antwort: Einige Leidenschaften würden sich

durch die häßlichsten Verzerrungen äußern, und den ganzen Körper in so gewaltsame Stellungen setzen, daß alle die schönen Linien, die ihn in einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen.

Dazu gehörten eben auch das Winseln, Klagen und Schreien.

Im Drama würden diese Gesten nur eine kurze Zeit andauern und von ruhigeren Gesten abgelöst. Würden diese Gesten, die eben nur Momente eines dynamischen Geschehens sind, jedoch in einer Statue dargestellt, dann würden sie damit verewigt und verzerrt. Das Resultat wäre dann kein erschütternder Ausdruck menschlichen Leids, sondern einfach eine hässliche Fratze.

Das lässt sich aber auch umkehren. Wer Fotos so auswählt, dass sie einen Augenblick der extremen Zuspitzung zeigen, in dem das Gesicht verzerrt ist – der will Hässlichkeit produzieren.

Nun zu Billys Text, der mit einem Zitat aus dem letzten Artikel beginnt. (L.S.)

 

Über die Produktion von Empathieverweigerung

Aber in keiner Passage des Textes wird Männlichkeit positiv konnotiert: Sie erscheint grundsätzlich als problematisch und veränderungsbedürftig.

Ein dauerhaftes Problem in unserer Gesellschaft, welches sich durch Politik, Institutionen und Medien befeuert zunehmend verschlimmert. Ich finde diesbezüglich auch das Bild im Artikel sehr vielsagend, welches laut Unterschrift ein Auszug aus einer Präsentation zeigt. Dort sieht man als Beispiel für Sportler als männliche Vorbilder zwei Fußballer im Kopfballduell, was natürlich so im Standbild auch herrlich martialisch wirkt.

Aber warum reduziert man männliche Vorbilder auf solch einen winzigen Teilaspekt? Warum zeigt man dieselben beiden Fußballer nicht Sekunden nach dem Abpfiff? Warum zeigt man nicht Bilder deutscher Spieler, die Sekunden nach dem Abpfiff, der ihnen den Einzug ins WM-Finale und ihren Gegnern, den brasilianischen WM-Gastgebern, die schlimmste Niederlage aller Zeiten eingebracht hatte, die sich, statt unmittelbar in Jubel auszubrechen, sofort zu ihren Gegenspielern begaben und versuchten, denen Trost zu spenden?

Oder nur zwei Jahre zuvor, als nach der nicht ganz unerwarteten Niederlage der Holländer im zweiten Vorrundenspiel der EM 2012 gegen Deutschland deren Ausscheiden schon fast sicher schien und da nach Abpfiff der Deutsche Bastian Schweinsteiger in seinen Armen den Holländer Marc van Bommel hielt, welcher, offensichtlich ziemlich aufgelöst, sein Gesicht in Schweinsteigers Schulter vergrub?

Und diese Bilder wohlgemerkt nach einem Duell zwischen zwei Fußballnationen, die historisch eine gewisse, wenn auch im Verlaufe der 90er und 2000er Jahre deutlich abgekühlte Rivalität miteinander haben. Sind das keine männlichen Sportler? Ist das kein Verhalten welches man Kindern – und weiß Gott nicht nur männlichen – sehr gut als Vorbild vorsetzen kann?

Das ist für mich ein Musterbeispiel dafür, wie einfach durch äußerst einseitiges Fokussieren von Teilaspekten ein Bild erzeugt wird, welches mit der Realität nichts zu tun hat. Männlichkeit ist nicht nur Konkurrenz und Wettkampf. Männlichkeit ist auch die Fähigkeit zur Fairness und zum Mitgefühl mit Gegnern oder gar – im Krieg – mit Feinden. Männlichkeit ist nicht nur Kraft und Aggression. Männlichkeit ist auch das Bewusstsein der Verantwortung, die mit diesen biologisch geprägten Eigenschaften einhergehen.

Wer, wie es gerade von feministisch sozialisierten Politikerinnen und „Intellektuellen“ gerne getan wird, immer nur die Dinge herausgreift, die beständig die eigenen Vorurteile „bestätigen“ der bedient damit faktisch wirklich nichts anderes als ein Narrativ, auch wenn du, Lucas, den Begriff nicht besonders magst. Ich finde, diesbezüglich passt er einfach. Denn dieses radikale Ausblenden aller Dinge, die nicht in das hochgradig ressentimentbehaftete Bild von Männlichkeit passen, kann nicht nur rein zufällig geschehen. Das geschieht offenkundig zielgerichtet mit der Absicht, eine „Realität“ zu entwerfen, die mit der Lebenswirklichkeit so ziemlich aller Menschen eigentlich nicht in Einklang zu bringen ist.

Und diese feindselige Realitätserschaffung führt wiederum zu der entmenschlichenden Empathieverweigerung Männern und sogar – wie deine Beispiele aus dem Dossier zum Schulmisserfolg der Jungen zeigen – männlichen Kindern gegenüber. Wer sich sein Gegenüber stets durch radikal gefilterte Wahrnehmung als mindestens latent niederträchtiges Mängelwesen zurechtzimmert, dem fällt es dann auch wesentlich leichter, diese Wesen eben aufgrund ihrer Mängel und ihrer Niedertracht als immerzu selbst verantwortlich für jedes Unbill, welches ihnen widerfährt, zu betrachten, ohne dabei auch nur das geringste schlechte Gewissen oder gar Selbstzweifel zu bekommen.

 

Die progressive Avantgarde läuft mit großen Gesten hinterher

(Schluss von Lucas Schoppe:) Soweit der Text von Billy. In einem weiteren Kommentar bezieht er diese Überlegungen auf eine andere heftige politische Diskussion aus dem Jahr 2016.

Ich erinnere gerne noch einmal an die damaligen Silvesternachtsvorkommnissse vor allem in Köln. Da kam aus denselben Reihen, die z. B. bei schulischer Benachteiligung Jungen als Gruppe gar nicht stark genug auseinanderdividiert bekommen können, sofort der Verweis darauf, dass die Herkunft der Täter nicht entscheidend ist, sondern deren Geschlecht.

Wo Männer Gewalttaten begehen, werden diese Taten umstandslos und generalisiert auf Männlichkeit projiziert, auch wenn Differenzierungen offensichtlich unverzichtbar sind. Wenn aber Männer oder Jungen Nachteile erleben, bemüht sich nicht nur der Autor des ministeriellen Dossiers sogleich um Differenzierungen, die von der Geschlechterkategorie ablenken.

So wird in politischen Diskussionen mit eben den Verzerrungen von Männlichkeit gearbeitet, die Billy an einem Bild analysiert. Dabei liegt spätestens mit Christoph Kucklicks Schrift Das unmoralische Geschlecht eine ausführliche Analyse dieser Verzerrungen vor. Kucklick zeigt, dass sie keineswegs modern und progressiv sind, sondern seit mehreren hundert Jahren dazu dienen, Schwierigkeiten mit der Moderne moralisierend auf Männer zu projizieren.

Modern ist es auch nicht, wenn der Autor des Dossiers – wohl Markus Theunert – diese Verzerrungen übernimmt und dabei, wie von Billy dargestellt, Empathie mit Jungen und Männern verweigert. Eben damit entspricht er ja ganz einem traditionellen bürgerlichen Männlichkeitsklischee: Er agiert als Mann, der sich zwar als Beschützer von Frauen in Positur wirft, der aber zugleich gegenüber anderen Männern und Jungen bemerkenswert empathiefrei bleibt.

Akteure, die sich als Teil einer progressiven Avantgarde verstehen, laufen so längst schon nur noch hinterher, natürlich beständig mit großen Gesten den rechten Weg weisend. Nicht nur Schweinsteiger und Müller sind da ganz selbstverständlich weiter als die institutionalisierten Vertreter einer progressiven Geschlechterpolitik.

 

Hinweis: Das von Billy analysierte Bild stammt aus einem Vortrag aus dem Jahr 2012. Die Szenen aus dem WM-Spiel Deutschland-Brasilien konnten also noch nicht enthalten sein, im Unterscheid zu anderen, ähnlichen Bildern. Es tut der vortragenden Professorin Hannelore Faulstich-Wieland aber wohl kein Unrecht, davon auszugehen, dass ihr Bilder empathischer Fußballer ohnehin nicht in den Kontext gepasst hätten.

RSS
Follow by Email
Twitter
Google+
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

14 Comments

  • Manche lieben es, auf einem Nagelbett zu schlafen, andere wiederum sind Fan von Werder Bremen.

    Wo Männer Gewalttaten begehen, werden diese Taten umstandslos und generalisiert auf Männlichkeit projiziert, auch wenn Differenzierungen offensichtlich unverzichtbar sind.

    Das deutet auch auf einen fundamentalen Widerspruch hin: Wenn es ein Problem ist, das ohne zu differenzieren als ein „männliches“ beschrieben wird und für alle Männer gilt, was liegt dann näher, als es als unabänderlich, da biologisch verursacht, zu vermuten? Warum wird die Sozialisation nicht als Ursache für asoziales Verhalten akzeptiert? Was sollen dann die ganzen „sozialpädagogischen Massnahmen“, die die „kritischen Männerforscher“ als Lösung vorschlagen?

    Als Fazit: Das Geschlecht kann völlig frei gewählt werden, aber Männer, ganz egal, woher sie kommen, neigen zu asozialem („toxischem“) Verhalten. Ja nee, ist klar.

  • „Und diese feindselige Realitätserschaffung führt wiederum zu der entmenschlichenden Empathieverweigerung Männern und sogar – wie deine Beispiele aus dem Dossier zum Schulmisserfolg der Jungen zeigen – männlichen Kindern gegenüber.“

    Bedeutend an dem Beitrag von Billy Coen finde ich, dass er nicht ausschließlich angejuckt diese feindliche Realitätserschaffung von sich (und den Jungen und anderen Männern) weist, sondern ein konkretes Beispiel zeigt, dass es auch eine andere Realität gibt. Diese andere Realität, die Männlichkeit als etwas Faires, Empathisches oder selbstlos Beschützendes, als etwas in der Not Entschlossenes und Mutiges, als etwas Verantwortungsvolles und Versorgendes zeigt, findet sich in den Legenden der Gegenwart kaum mehr wieder. Selbst im Film wird diese Realität mittlerweile absichtlich abgeschafft und ausgeblendet.
    Den Jungen werden so die Identifikationspunkte und -figuren gezielt genommen. Dadurch nehmen nicht nur sie, sondern im Falle eines Falles auch die ganze Gesellschaft Schaden – weil niemand mehr da ist, der die oben bezeichneten Attribute gelernt hat und verkörpert.
    Wir brauchen dringend eine Renaissance der Männlichkeit.

  • Schöner Beitrag,
    damals bei Köln fiel mir in Punkto Differenzierung auf, dass Migrant ja als Gruppe kleiner ist als Mann und damit die genauere Differenzierung.
    z.Zt. mach ich was zu rechten Männlichkeiten. Da gab es eine Diskussion
    zur Frage ob Frauen bevorzugte Opfer männlicher Gewalt seien, was ich bestritt und empirisch mit NSU, Hanau und NSU2.0 belegte. Da kam dann genau zu Tage was hier beschrieben wir. Die NSU- Morde geschaffen nicht an Männern sondern an Migranten -dem ich sogar weitgehend zustimme- bei den NSU2.0
    Bedrohten aber waren es mehrheitlich Frauen und sie wurden wegen ihrem Frausein bedroht und nicht etwa weil sie sich für Geflüchtete einsetzen.
    Das verweist m.E. auf zwei Mechanismen:
    1.Invisble Men; Männer haben kein Geschlecht sondern nur Frauen
    2. Für Männlichkeit sind innere -also selbstverschuldete- Gründe ursächlich & für Weiblichkeit äußere also strukturelle und damit unverschuldete Gründe.
    Beste Grüsse
    Volker

  • Aktuelle Ergänzung zu diesem Post: Heute abend wird extra prominent im 1.Programm der ARD wieder mal unters Volk gebracht, wie toxisch und desorientiert Männlichkeit doch heutzutage ist:

    https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/rabiat/sendung/mannomann-100.html Mannomann!
    Moderne Männer, wo seid ihr?
    Sendetermin Mo., 12.10.20 | 22:50 Uhr Das Erste

    Das Video stammt vom Y-Kollektiv, Teil des gebührenfinanzierten „Funk“-Programms der ARD.

    Der Film ist schon seit Donnerstag, 8.10. im YouTube-Kanal des „Y-Kollektiv“ abrufbar: https://www.youtube.com/channel/UCLoWcRy-ZjA-Erh0p_VDLjQ

    In einem meiner ersten Blogposts (Fack ju Dschända), vor über 6 Jahren, war ich schon genervt vom feministischen Narrativ vom „Mann in der Identitätskrise“ oder vom „verunsicherten Mann“, das mit der Realität nichts zu tun hat. Dieser Film ist ein Neuaufguß dieser alten Hetze gegen Männer.

    Ich habe den Film nicht gesehen, die Beschreibung reicht mir: Zentrale Figur scheint ein (bekehrter) führender Neonazi in Norddeutschland zu sein. Der wird wieder lang und breit mal als repräsentativ für „Männlichkeit“ dargestellt, die „logische“ Schlußfolgerung ist: „Toxische Maskulinität schadet unserer Gesellschaft.“

    Wenn überhaupt, dann schadet weitaus mehr der toxischer Journalismus der ARD unserer Gesellschaft.

    • Hat sich irgendwer die 43 Minuten angetan und kann das wesentliche in 10 Zeilen zusammenfassen?

      Mir geht übrigens gerade eine Theorie durch den Kopf, wonach Darwin überall ist und daher der massenhafte toxische Journalismus zwangsläufig zu einem multiresistenten Mann führt, metaphorisch gesprochen natürlich, der resistent gegen alle Arten von Beschämungen, Dummenfang, Fake-Statistik usw. ist. Ziel des Kampfes unserer feministischen Medien ist ja, eine bestimmte Spezies Mann auszurotten. Vielen oder vielleicht sogar den meisten bricht man den Willen bzw. das Rückgrat. Die Überlebenden werden dagegen argumentativ trainiert und deren Abwehrkräfte (sprich die Qualität der Gegenargumente) werden immer mehr gesteigert. Der multiresistente Mann vermehrt sich über die nicht mehr kontrollierbaren sozialen Netzwerke.

      Ein lustiges aktuelles Beispiel sind die Kommentare zu dem „Tobsuchtsanfall“ von Feminismusministerin Christine Lambrecht auf der Tagesschau-Seite. Überwiegende Reaktion: die endlos gleiche feministische Leier mit ihren ödet die Leute an, die Leute sind resistent bzw. immun gegen die Fake-Argumente.

      Diese (nach meinem Eindruck) fortschreitende Immunisierung gegenüber der feministischen Propaganda müßte den Aktivisten eigentlich auch auffallen und zu anderen Strategien als Beschämungen, Sprachdeformationen und anderem Miß- bzw. Gebrauch schierer Macht führen. Kann ich aber zur Zeit nicht erkennen.

      • Als noch immer nicht multiresistenter Mann habe ich das nur 180 Sekunden ausgehalten, kann dir den Beitrag aber selbstredend kurz zusammenfassen:
        Männlichkeit ist traditionell böse und Männer, die Reue zeigen ob ihrer Männlichkeit, die still ihre Erbschuld annehmen und akzeptieren, sind auf dem besten Weg in eine moderne und halbwegs positive Männlichkeit. Diese moderne Männlichkeit ist nirgends umrissen, definiert sich aber durch die jeweils aktuellen Wünsche und Anforderungen der Frauen an den Mann. Diesen stets nachzukommen, erhöht die Chancen des modernen Mannes, nach den Vorgaben der Frau Teil einer Familie sein zu dürfen. Damit darf er der Familie unter der Führung der Frau auch dienen, sie versorgen und beschützen.

        Wenn da noch etwas anderes kam, lasse ich mich gerne aufklären.

        Immunisierung gegenüber feministischer Propaganda halte ich auch für extrem gefährlich. Denn damit sind Tür und Tor geöffnet für den Durchmarsch der Herrenfrauen. Das Tragische ist aber, dass diese Immunisierung schon extrem weit fortgeschritten ist. Kaum ein Mann bäumt sich noch ernsthaft gegen einseitige Übervorteilung auf. Männer stehen oft nicht mal mehr für Fairness und Gleichberechtigung; selbst die eigenen Kinder beschützen viele nicht mehr vor den Gefahren einer komplett weiblich dominierten Lebenswelt. Umso stärker die Mehrheit der Männer zu speichelleckenden Arbeitssklaven und Opfern weiblicher Launen wird, umso enger ziehen die Feministen die Zügel, mit denen sie das jeweilige männliche Verhalten bestimmen und im Griff haben.

        Eine schlimme psychedelische Nebenwirkung dieser Immunisierung ist, dass viele Männer weiterhin glauben, sie hätten noch irgendwas zu melden und lebten in so einer Art Patriarchat.

        • @Beweis: Immunisierung hatte ich nicht im Sinne von Schicksalsergebenheit und innerer Aufgabe gemeint, sondern im Sinne von gesund, einsatzfähig und selbstbewußt bleiben.

      • Ich glaube, das wir ein starkes Auseinderklaffen von Verhaltensweisen bekommen werden. Es wird weiter die kleine Gruppe Männer geben, die sich nicht oder nur wenig um die Wirkung ihres Verhaltens auf andere scheren. Vielleicht kann man das als „multiresistent“ bezeichnen. Aber eigentlich gab es diese Gruppe auch schon immer.

        Der Unterschied in naher Zukunft wird sein, dass diese Gruppe nicht mehr durch positive Männlichkeitsnormen beschränkt wird, weil es nur noch wenige oder keine mehr gibt. Und die andere, große Gruppe, wird nahezu handlungsunfähig sein, vor Angst, etwas falsch zu machen oder sich einfach abgewandt haben von einer Gesellschaft, die ihnen nur Ablehnung und Hass entgegenbringt. Deshalb ist auch niemand mehr da, der Männer aus der zuerst genannte Gruppe in ihre Schranken verweisen kann, wenn sie andere Menschen, einschließlich Frauen, ungebührend behandeln. Da sich in der kleinen Gruppe vorwiegend Alphas finden werden (wahrscheinlich schlecht sozialisiert, aber eben dominant und damit ironischerweise dennoch attraktiver als die verdrucksten Vertreter der anderen Gruppe), wird genug positive Bestätigung für die Vertreter dieser Gruppe generiert, dass sie ihr Verhalten kaum korrigieren müssen.

        Das wird zum einen dazu führen, dass den Feminismus-Funktionären die Argumente niemals ausgehen, weil das kritisierte Verhalten sich ja tatsächlich beobachten und beispielhaft anführen lässt und zum anderen zu mehr Singles, insbesondere bei den Männern der zweiten Gruppe.

        Wenn dann aber nach all dem Empowerment von Frauen und ihrem Unterkommen in steuerfinanzierten Arbeitsbereichen der Arbeitsgruppe, die ein Steueraufkommen generiert, auf einmal die Mitglieder wegbrechen, weil die demotiviert aufgeben (wie z.B. „Grasfresser“ in Japan), dann könnte der Kahn ins Schlingern kommen. Aber dann wird von den medialen Lautsprechern vermutlich nicht auf das eigene Verhalten geschaut werden sondern auf die draufgehauen werden, die ihren Dienst nicht mehr tun wollen (freilich wie gewohnt, ohne zu erwähnen, dass es eigentlich auch keinen vernünftigen Grund mehr gibt, diesen Dienst zu erbringen).

        • @Werlauer: „in naher Zukunft“: Solche Prognosen, wie sich das Geschlechterverhältnis empirisch entwickeln wird und wie es wahrgenommen werden wird, sind sehr spekulativ. Wenn man mal die ca. 10 Milieus der Sinus Milieustudien heranzieht, dann dürfte das in den verschiedenen Milieus verschieden verlaufen. Insofern sind pauschale Aussagen über die ganze Gesellschaft fragwürdig.

          • Natürlich ist das spekulativ. Ich gebe zu bedenken, dass die Effekte, die meiner Prognose als Hypothese zugrundeliegen (Auflösung des gesellschaftlichen Standards der langfristigen monogamen Bindungen, Reduktion der Männlichkeit auf Gewalt), vielleicht in den Milieus unterschiedlich stark wirken, aber dennoch eine übergreifende Wirkung haben können. So wie die Lebensweise des französischen Adels erst die Ideale des Bürgertums, dann die des Kleinbürgertums usw. beeinflusst hat, so könnten hier Ansichten über die Zeit durch die einzelnen Milieus hindurch ihre Wirkung entfalten. Aber zugegeben, je näher man an einzelne Gruppen heranzoomed, desto weniger werden die pauschalen Aussagen stimmen.

          • Vielleicht noch ein kurzer Moment des Zweifels an der entstehenden Multiresistenz: Menschen die in totalitären Systemen leben müssen, werden dadurch auch nicht großflächig resistent gegen die Repressionen, sie werden in der Regel deformiert und nehmen Schaden, wenn sie der Situation lange ausgesetzt sind.

            Ich habe die „Resilienz“-These das erste Mal von Jonathan Haidt gehört. („Pressure makes anti-fragile systems stronger“) Und natürlich ist da etwas dran. Aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt, ab da nehmen die „anti-fragile systems“ eben doch Schaden. Siehe obiges Beispiel. Hoffen wir also, dass der Druck nicht so groß wird, das neben Multiresistenzen auch Schäden entstehen.

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.