Geschlechterdebatte Hate Speech Identitätspolitik Männer Zivilgesellschaft

Von panischen Twittertrollen und anderen Männern

geschrieben von: Lucas Schoppe

Woran liegt es eigentlich, dass einige Männer das Gefühl haben, irgendwie einer feministischen Übermacht ausgeliefert zu sein – während andere Männer danebenstehen und sich irritiert-belustigt fragen, was da eigentlich mit ihren seltsamen Geschlechtsgenossen los ist? Mit einem Text des Kunstgeschichtsprofessors Jörg Scheller, der beim Zentrum Liberale Moderne erschienen ist, lässt sich das gut erklären.

  1. Beiträge zur Enttäuschung der Twittertrolle
  2. Die Wahrheit über die Katzen
  3. Die feinen Unterschiede der genderpolitisch korrekten Sprache
  4. Auf einem Sessel im Zentrum des Schreckens
 

Beiträge zur Enttäuschung der Twittertrolle

Jörg Scheller ist Professor für Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule für Künste, Autor für die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung oder die FAZ, Gesprächspartner von Mithu Sanyal in einer hörenswerten Sendung des Deutschlandsfunks, und er wird hier im Blog nun zum zweiten Mal ausführlich zitiert. In seinem Ende November erschienenen Essay Gender Studies: Keine Panik, Männer! erzählt er nämlich von beruhigenden Erfahrungen.

Wenn ich (…) auf die letzten Jahre zurück­bli­cke, muss ich die Twit­ter­t­rolle ent­täu­schen: Selbst als angeb­lich vom Aus­ster­ben bedroh­ter Hete­ro­mann, der seine Frei­zeit in Kraft­räu­men oder auf Metal-Kon­zer­ten ver­bringt, im Motör­head-T-Shirt mit Eiser­nem Kreuz Vor­le­sun­gen hält, auch Links­pro­gressive in Essays kri­ti­siert und aller­lei poli­tisch unkor­rekte Dinge schätzt, habe ich viele posi­tive Erfah­run­gen mit Ver­tre­tern von Gender Studies und Femi­nis­mus gemacht. Und dies, obwohl ich – neben meiner lang­jäh­ri­gen Haupt­be­schäf­ti­gung als Kri­ti­ker von Rechts­po­pu­lis­mus und ‑extre­mis­mus – offen wie auch öffent­lich spe­zi­fi­sche Aspekte der Gender Studies kri­ti­siere, auf die Prä­ge­kraft des Bio­lo­gi­schen poche (das gerne mit Bio­lo­gismus ver­wech­selt wird) und einem auf Geschlecht und Ethnie ver­kürz­ten Konzept von Diversity miss­traue. Bislang ist mir daraus kein Nach­teil ent­stan­den – ich wurde mehr­fach von Frauen beför­dert und in Hoch­schul-Arbeits­grup­pen zu Gender & Diver­sity lädt man mich eben­falls ein.

Nun weiß ich natürlich nicht, was Herr Professor Scheller andernorts mit panischen Twittertrollen erlebt hat, aber auch ich kann gern zu ihrer Beruhigung beitragen: In der Schule, in einem weitgehend rot-grün geprägten Umfeld, spielen feministische Zuspitzungen nach meiner Erfahrung überhaupt keine Rolle.

Trotz gelegentlich im Netz geäußerter Vorwürfe, feministische Lehrerinnen würden Jungen klein halten, kenne ich in meinem großen Kollegium kaum eine Frau, die sich überhaupt als Feministin bezeichnet. Natürlich gibt es ab und zu Konflikte, aber ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, in der die Konfliktlinie zwischen den Geschlechtern verlaufen wäre. Oder gar zwischen Feminist*innen und anderen.

Das ist leicht zu erklären. In einem Feld, das beständig von pragmatischen Handlungszwängen geprägt ist und in dem alle Beteiligten fortlaufend miteinander kooperieren müssen, ist es sinnlos, einen Geschlechterkampf zu inszenieren oder die bestehenden Probleme routinemäßig in Geschlechterprobleme umzudeuten.

Wenn es dem Feminismus einfach um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht, dann passt er nicht nur sehr gut in solche Strukturen hinein, sondern schafft sogar Voraussetzungen für eine gelingende Kooperation. Eine Kollegin aber, die mit #KillAllMen– oder #MenAreTrash-Slogans durch die Schule zöge, würde sich damit selbst demontieren und aus der Zusammenarbeit mit anderen – Männern UND Frauen – herausschießen.

Wenn, ganz ähnlich, Gender-Positionen schlicht die Überzeugung ausdrücken, dass Erwartungen an Männer und Frauen zu einem großen Teil sozial konstruiert und veränderbar sind, dann passen sie ebenfalls unkompliziert in Strukturen der Kooperation. Die beliebte Verkürzung aber, dass „Geschlechterkonstruktionen“ vor allem Herrschaftsinteressen ausdrücken würden, die vor allem männlich wären, lässt sich auf Dauer nur dort vertreten, wo Akteure von der Auseinandersetzung mit einer komplexeren Alltagswirklichkeit weitgehend befreit sind.

Wenn beispielweise Carla Baum für die Zeit die französische Erfolgsfeministin Pauline Hermange interviewt und ungefiltert den Hass auf Männer propagieren lässt, dann reihen beide einfach Wörter aneinander, ohne darüber nachdenken zu müssen, welche realen Konsequenzen diese Wörter für Betroffene haben könnten. Im pragmatischen Handlungsfeld einer Schule aber wären diese Konsequenzen jederzeit unmittelbar präsent.

Man wird doch wohl mal darüber reden dürfen: Die Berliner Zeitung bittet ergebnisoffen zur Diskussion, ob Hass auf Männer nun eigentlich eine gute Sache ist.

Ich selbst bin mir sicher, dass ich als Trennungsvater Folgen eines solchen offen vertretenen Hasses erlebt habe. Nicht so, dass jemand mir gegenüber körperlich gewalttätig geworden wäre oder dass gar jemand, wie das feministische Kultbuch SCUM es empfiehlt, tatsächlich den Massenmord an Männern geplant hätte.

Texte wie der in der (Campus-)Zeit produzieren allerdings irritierend unbekümmert einen Empathieverlust, gerade weil sie offen grenzverletzend sind, ohne dass das für die Akteure Folgen hätte. Implizit wird damit vermittelt, dass es zwar insgesamt sicher schlimm ist, zum Hass aufzurufen – dass es aber gegenüber den Angehörigen einer spezifischen Gruppe ganz in Ordnung wäre. Das bringt keinen Menschen direkt um, es schleift aber Empathiebereitschaft ab.

 

Die Wahrheit über die Katzen

Als Trennungsvater habe ich den Unterschied zwischen Kontexten, die von pragmatischen Notwendigkeiten geprägt, und denen, die davon befreit sind, besonders intensiv erlebt. Die Mutter unseres Kindes hatte sich kurz nach der Geburt getrennt, und ich war in den ersten drei Jahren – neben dem Kindesunterhalt und den Kosten für den Umgang in einer weit entfernten Stadt – auch zum Betreuungsunterhalt verpflichtet: Um ihr die Erwerbsarbeit zu ersparen, musste ich auch ihr Leben finanzieren.

In dieser Zeit bin ich gleich zwei Mal vor Gericht gegangen, weil es deutlich war, dass sie mich aus dem Umgang mit unserem Kind herausdrängte. Dieses kommunikativ völlig unlösbare Problem verschwand allerdings ebenso plötzlich wie vollständig, als die drei Jahre meiner Pflicht zum Betreuungsunterhalt vorbei waren. Nun war meine Ex-Partnerin in einer Situation, in der auch sie ein Interesse an einer elterlichen Kooperation hatte – vorher hatten ihr die staatlichen Regelungen eben die alltäglichen pragmatischen Zwänge erspart, mit denen sie sich nun wieder auseinandersetzen musste.

Pragmatische Handlungsnotwendigkeiten können also eine segensreiche Wirkung haben, und sie sind weder durch juristische Verfahren noch durch moralische Vorhaltungen ersetzbar. Meine Hypothese ist daher:

Zugespitzte feministische Inszenierungen von Geschlechterkämpfen sind dort besonders erfolgreich, wo die Akteurinnen nur eingeschränkt oder gar nicht mit solchen pragmatischen Zwängen konfrontiert sind: beim Senden von Nachrichten in sozialen Medien – beim Verfassen von Texten unter Bedingungen weitgehend fehlender Kontrolle – beim Durchsetzen spezifischer Gruppeninteressen in Parteien oder Institutionen.

Hier ist es für den Handlungserfolg jeweils nur nötig, sich in bestimmten Institutionen und ihren Handlungsmustern etabliert zu haben, manchmal nicht einmal das. Die Konsequenzen der eigenen Positionsnahmen für die Betroffenen außerhalb der Institution bleiben aber eben auch draußen und stören das eigene System nicht.

Ob das Tier rechts im Bild nun niedlich ist oder eher nicht, hängt auch von der Perspektive ab, aus der es betrachtet wird

Innerhalb einer universitären Institution kann daher, gleichsam auf horizontaler Ebene, die Kooperation möglicherweise ganz reibungslos funktionieren. Dann ist es ganz nachvollziehbar, dass Scheller als Professor, mit dem andere im eigenen Interesse zusammenarbeiten müssen, gelassen verkünden kann, es bestünde kein Grund zur Panik.

Die Wahrheit über die Katzen aber, so ein Lieblingssprichwort meines Vaters, erfährt man eben von den Mäusen, und Kooperationszwänge können unter anderem durch scharfe Hierarchie- oder Herrschaftsunterschiede ausgeschaltet werden: Wenn nämlich von oben nach unten agiert wird.

 

Die feinen Unterschiede der genderpolitisch korrekten Sprache

Interessant wäre es also zu erfahren, wie sich Schellers Kolleginnen gegenüber Studenten – oder eben auch: Studentinnen – verhalten, die in Hausarbeiten keine genderpolitisch korrekte Sprache verwenden möchten. Aus dem privaten Bereich und auch aus vielen Lehraufträgen an der Uni kenne ich seit mehr als zehn Jahren Beispiele, in denen Studenten universitäre erheblich unter Druck gesetzt wurden, genderpolitisch korrekt zu formulieren.

Ich habe meinerseits nichts dagegen, wenn mir jemand einen Text in „geschlechtergerechter Sprache“ vorlegt: Sprache verändert sich, und der Versuch, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, kann Teil dieser Veränderung sein. Wer aber als Dozent damit droht, eine Examensarbeit oder einen Essay abzuwerten oder gar nicht erst anzunehmen, falls der nicht genderpolitisch korrekt formuliert ist, agiert illegitim. Er bewertet nicht die wissenschaftliche Leistung, sondern den Ausweis der richtigen politischen Gesinnung.

Obwohl ich viele solcher Fälle kenne und dieses Verhalten an den Universitäten also nach meinem Eindruck weit verbreitet ist, habe ich noch niemals von irgendeiner Situation gehört, in der ein Dozent dafür irgendwelche Schwierigkeiten bekommen hätte.

Wenn also Scheller überzeugt ist, „aus den Zentren des mutmaßlichen Schreckens“ Beruhigendes berichten zu können, dann unterschätzt er möglicherweise, wie sehr ihm seine eigene Position hilft. Er erzählt beispielsweise davon, dass er als Autor für ein Kunstmagazin ausdrücklich darauf bestanden habe, dass die – nachträglich zugefügten – Gendersternchen aus seinem Text wieder entfernt werden. Das sei reibungslos geschehen, und er sei gefragt worden, ob er noch für weitere Texte zur Verfügung stehe. Nur hat dieses Kunstmagazin nun einmal auch ein vitales eigenes Interesse an einer Kooperation mit einem massenmedial präsenten Professor.

Zudem fehlt in dem Magazin eine Reflexion darüber, was denn durch die durchgehende Verwendung des Gendersternchens über die Geschlechterpolitik hinaus noch ausgedrückt wird.

Dazu ein weiteres Beispiel aus der Schule. Ich habe einmal erlebt, wie eine Referendarin Schülern und Eltern – so wie das in einigen Zirkeln linker Identitätspolitik üblich ist – vor fast allem anderen erst einmal ihre bevorzugten Pronomen („sie/ihr“) mitgeteilt hat. Nun unterrichte ich an einer Schule mit einem sehr großen Anteil von Kindern, deren Familien einen Migrationshintergrund haben oder die von Sozialhilfe leben. Solche Eltern haben neben sprachlichen Problemen oft erhebliche Schwellenängste der Schule gegenüber

Gerade für diese Eltern ist es aber kaum einzuschätzen, welche Funktion die Information über die bevorzugten Pronomen erfüllen soll – ob sie selbst irgendetwas Entscheidendes am Schulalltag verpasst oder nicht verstanden haben – oder ob sich die Lehrerin möglicherweise gar über sie lustig macht.

Verschiedene Versionen der „geschlechtergerechten Sprache“ (Symbolbild)

Das fehlt den Vertreterinnen der genderpolitisch korrekten Sprache fast durchgehend: Sie kommen nicht einmal auf die Idee, zumindest mit der Möglichkeit zu kalkulieren, dass die von ihnen als „inklusiv“ angesehene Sprache tatsächlich exkludierend ist. Gegenüber Menschen aus nicht-akademischen Milieus erfüllt diese Sprache nämlich ganz eindeutig eine Funktion als Distinktionsmerkmal.

Die sprachlichen Manöver der sozialen Abgrenzung werden dadurch noch exklusiver, dass sich die jeweils als korrekt geltende Version der „geschlechtergerechten Sprache“ fortlaufend ändert, von Doppelnennungen zu Binnen-Is oder Unterstrichen mit einem Seitenschlenker über Hornscheidts „Profx“ hin zu Gendersternchen, die in jüngerer Zeit mit einer kurzen Atempause gesprochen werden – als wäre „Lehrer*innen“ irgendwie ein Gegenstück zu „Lehrer außen“.

Es reicht für Menschen aus einem nicht-akademischen Milieu, das von linker Identitätspolitik unberührt ist, also nicht einmal aus, sich irgendwann einmal intensiv in die genderpolitisch korrekte Sprache einzuarbeiten – sie müssen auch fortlaufend Angst haben, etwas Wichtiges zu verpassen und einen Fehler zu begehen, der dann heftige moralische Vorwürfe provoziert. Könnte Bourdieu sein wichtiges Werk „Die feinen Unterschiede“ noch fortsetzen, dann würde er hier sehr viel ergiebiges Material finden.

 

Auf einem Sessel im Zentrum des Schreckens

Nach einem Aphorismus von Arnfrid Astel sitzt der Liberale zwischen allen Stühlen – auf seinem Sessel. Oder eben auf einem Lehrstuhl. Ich gönne den Betreibern des Zentrums Liberale Moderne, bei dem Schellers Text erschienen ist, sehr gern ihre abgesicherten Positionen, und Scheller selbst sowieso. Aber in seinem Text fehlt das Wissen um Menschen, die in ganz anderen Positionen agieren müssen als der Autor und der Herausgeber.

Es mag ja sein, dass ein „Zentrum des Schreckens“ so ähnlich strukturiert ist wie das Auge eines Hurrikans, in dessen Inneren es ruhig ist, während Menschen draußen das Dach über dem Kopf wegfliegt. Aber diese Menschen gehören eben zum vollständigen Bild dazu.

Keine Panik. Hier gibt es nichts zu sehen. Fast öde. Wir können ganz beruhigt weiter gehen.

Wenn beispielweise ein Trennungsvater merkt, dass er den Kontakt zu seinen Kindern verliert, dass er nichts dagegen tun kann und dass er auch nirgendwo Hilfe findet – dann hat er durchaus guten Grund, in Panik zu geraten. Wenn er seine Angst dann in sozialen Medien formuliert und dabei möglicherweise keine akademisch verfeinerte Sprache benutzt, ist er deswegen noch kein „Twittertroll“.

Im Schutz ihrer Pseudonyme schießen Männer (oder solche, die sich dafür ausgeben) gegen den „Genderwahn“ oder „autoritäre Linke“ – und führen aus der Komfortzone der Anonymität genau jene heroische Männlichkeit, die sie sich zurückwünschen, ad absurdum.

Hier kann Scheller sich nicht vorstellen, dass Menschen sich möglicherweise eben deshalb anonym äußern, weil sie gerade eben nicht in einer Komfortzone leben. Ich selbst benutze beispielsweise das Pseudonym „Lucas Schoppe“, weil ich hier oft von meiner Situation als Trennungsvater erzählt habe und weil es mir sehr wichtig ist, unser Kind aus diesen öffentlichen Diskussionen herauszuhalten.

Andere, Männer wie Frauen, bloggen oder posten anonym, weil ihnen das die Möglichkeit gibt, über Erkrankungen wie etwa Depressionen zu schreiben, ohne beruflich oder privat Nachteile befürchten zu müssen. Oder weil sie schlicht Angst vor Nachstellungen haben.

Die UNO besteht im Interesse dieser und anderer Menschen auf dem Recht, sich öffentlich anonym zu äußern. Wer dieses Recht lediglich mit einer Komfortzone assoziiert und den Wunsch unterstellt, aus sicherer Deckung auf andere schießen zu können – der ist erstens Opfer seiner eigenen Klischees und der merkt zweitens nicht, dass andere Menschen möglicherweise gute Gründe haben, die Risiken des nicht-anonymen Auftritts in der Öffentlichkeit zu scheuen.

Ich habe mir für Schellers Text trotzdem viel Zeit und Platz genommen, weil ich glaube, dass Akteure, die gleichermaßen zwischen den Linien agieren, unverzichtbar sind, wenn sich etwas an den gegebenen Verhältnissen ändern soll. Veränderungen sind ja eigentlich, nach Charles Sanders Peirce, bloß neue Verknüpfungen, Übergänge zwischen verschiedenen Bereichen, die es vorher noch nicht gab. Sie werden nicht durch die Immer-schon-Überzeugten ermöglicht, sondern eher durch die „Ja, aber“-Sager – nicht durch die Linientreuen, sondern durch die, die den Linientreuen als Verräter erscheinen.

Wenn so jemand dann von allen Seiten kritisiert wird, darf er dabei meinetwegen auch gern auf einem Sessel sitzen – solange er noch merkt, dass andere sich nicht ebenso gepolstert platzieren können.

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31 Comments

  • Wieder ein herrausragender Beitrag von Lucas. Danke.

    „Trotz gelegentlich im Netz geäußerter Vorwürfe, feministische Lehrerinnen würden Jungen klein halten, kenne ich in meinem großen Kollegium kaum eine Frau, die sich überhaupt als Feministin bezeichnet. Natürlich gibt es ab und zu Konflikte, aber ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, in der die Konfliktlinie zwischen den Geschlechtern verlaufen wäre. Oder gar zwischen Feminist*innen und anderen.“

    Das kann ich nicht so bestätigen. Es ist eher ein unterschwelliges Verhalten weiblicher Lehrer im Schulkontext. Dazu gehört auch eine gegenderte Sprache oder die Bevorzugung feministisch indoktriniertem Lehrmaterial, welches sich mittlerweile zahlreich finden lässt und auch gerne an Schulen verschickt wird. Auch werden moderne Mythen, wie der Genderpaygap oder die Mehrleistung der Frauen in bestimmten Situationen, in den Unterricht mitgenommen.

    • @ Jolanda Danke für den Kommentar!

      Hier trifft auf mich möglicherweise dasselbe zu wie das, was ich auch zu Jörg Schellers Text geschrieben habe: Das Verhalten auf derselben Hierarchieebene, im Kontext gegenseitiger Kooperationszwänge, ist möglicherweise ganz anders als das Verhalten in der Hierarchie von oben nach unten. Ich glaube zumindest, dass hier viele Lehrkräfte sehr gedankenlos sind, wenn sie auch nicht als Überzeugungstäter agieren. Es ist relativ normal, dass viele einfach übernehmen, was sie in den Büchern finden – aus Bequemlichkeit oder auch aus Unsicherheit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ideen wie die des Gender Pay Gap dazugehören.

      Was die Benotungen durch Männer und Frauen angeht, habe ich allerdings noch nie irgendwo den Eindruck gehabt, dass Frauen Jungen schlechter bewerten, als Männer es tun. Ich glaube eher, dass beide Geschlechter Klischees über Jungen und Mädchen im Kopf haben, die für die Jungen ungünstiger sind.

      Ich erinnere mich z.B. an eine Lerngruppenbeschreibung eines anderen Referendars (männlich), der schrieb: „OBWOHL die Klasse überwiegend aus Jungen besteht, ist das soziale Klima sehr angenehm.“ (Hervorhebung von mir.) Schon damals hat uns unser Ausbilder allerdings gesagt, dass er uns den Hals umdrehen würde, wenn wir sowas nochmal schreiben.

      Die meisten Lehrkräfte sind froh, wenn sie irgendwie ihren Unterricht auf die Reihe bekommen, und haben dabei nur begrenztes Sendungsbewusstsein. Die Jungenklischees (weniger aufmerksam, sprachlich unbegabter, unordentlicher, weniger folgsam) sind einfach praktisch, um sich schwierige Situationen auf eine einfache Weise so deuten zu können, dass die Lehrkraft ihre Verantwortung auf die Kinder abschieben kann. Das ist nicht gut, aber nicht spezifisch feministisch.

      Nach meiner Erfahrung wirken aber zwei Felder problematisch in die Schule hinein, nämlich die Universitäten und die Verlage. Ein Kollege von mir arbeitet gerade an einem Schulbuch mit und hat mir erzählt, dass der Verlag große Angst habe vor Shitstorms von links, deswegen beflissen auf diversity etc. achtet – während faktisch niemand Angst habe vor rechten oder konservativen Shitstorms.

      Entsprechend können Schulbücher dann auch manchmal einseitig informieren: Ich habe z.B. schon x-mal in Lehrwerken etwas über die Probleme Homosexueller gelesen, aber noch nie etwas über die Probleme von Trennungsvätern – obwohl das ja ein Thema wäre, dass für viele Schüler sehr wichtig ist.

      Die Universitäten wiederum haben seit Jahrzehnten das Problem kaschiert, dass Jungen gegenüber Mädchen in der Schule Nachteile haben. Ich selbst führe das nicht auf das Agieren von Feministinnen in den Kollegien zurück, sondern darauf, dass es vor allem in den unteren Klassen kaum noch Männer in den Schulen gibt. Die Kinder, die dann ja oft auch noch ohne Vater aufwachsen, entwickeln sich also in eine Erwachsenenwelt hinein, die aus ihrer Perspektive rein weiblich aussieht.

      Es liegt also nahe, dass Mädchen ihre Identität im Rahmen dieser Erwachsenenwelt suchen, während Jungen sie gegen dieser Welt, und in Abgrenzung zu ihr, entwickeln.

      Die Universitäten wiederum haben in dieser Hinsicht nicht gut agiert: Marcel Helbig beispielsweise hat die autoritäre Schulpädagogik geschlechterpolitisch recycelt und verkündet, dass die Schulen ganz in Ordnung, nur eben die (männlichen) Kinder falsch wären.

      Das heißt, in der Schulpädagogik wurden die schulischen Nachteile von Jungen nicht nur nicht ernst genommen, sondern sogar kaschiert. Dazu hatte ich auch einmal einen Text hier.

      • Ich würde mal provokant formulieren: In der Schule braucht es keine feministischen Akzente, weil das ganze System Schule vor allem in den unteren Klassen bereits seit Jahrzehnten weitgehend komplett an weiblichen Standards ausgerichtet ist.

        Beispielsweise wird ein merklich höherer Bewegungsdrang von Jungen nicht berücksichtigt. Nach außen gerichtete Kommunikation, Raufen wird sanktioniert. In Berlin hat eine Lehrerin Strafanzeige gegen einen Erstklässler gestellt, der ihr mit Pantoffel (!) auf den Fuß getreten ist und sie am Arm gehauen hat, während sie seine Eltern anrief.

        Ich behaupte, das System Schule, inbesondere Grundschule ist für Jungen benachteiligend und ungerecht. Aber niemand kritisiert diesen Sachverhalt und stellt das System per se infrage. Niemand fordert Männerquoten für die Grundschul-Lehrerschaft.

        Es ist überflüssig, wenn nicht sogar gefährlich, wenn der Feminismus in eine ohnehin feminine Schulwelt dominierend einzudringen versucht. Denn wenn Frauen diesen Eingriff ablehnen, verliert Feminismus schnell seine vorgeblich moralische Legitimation, weil er die nur aus dem subjektiven Empfinden von Frauen beziehen kann.

    • Ich würde es auch etwas anders beurteilen, da ich ebenfalls andere Wahrnehmungen habe. Offen feministisch kenne ich zwar auch niemanden, aber an vielen stellen beobachte ich auch unterschwelliges Verhalten und Lehrmaterial.
      Dies liegt wohl aber auch eher daran, dass genau dies ja bereits in der Lehrerausbildung und den Mainstreammedien als ein „Leitbild“ vorgegeben wird.
      Gerade der Genderpaygap und der Equal Pay Day sind zwei beispiele die mir wiederholt.
      Die lassen sich zwar mathematisch leicht dekonstruieren nur wenn unsere Schüler konsquent damit konfrontiert werden wird da auch Mathe nicht mehr helfen.
      Beispielsweise haben unsere Schüler wenn sie das erste mal in Physik was von Strom zu hören bekommen etwa 12 bis 14 Jahre gelernt und verinnerlicht, dass Strom verbraucht wird. Da nützt es bei einigen nichts mehr einmal die Woche zu erklären, dass der Strom nicht verbraucht wird, sondern die Energie transportiert und wir die Energie nur umwandeln.
      Gendern ist ein weiteres Beispiel, neulich hat ein Deutschkollege berichtet, dass ein weiblicher Schüler seinen Aufsatz so schön gegendert hat

  • Schöner Artikel, Lucas!

    Zu dem hier noch eine Anmerkung: „Die sprachlichen Manöver der sozialen Abgrenzung werden dadurch noch exklusiver, dass sich die jeweils als korrekt geltende Version der „geschlechtergerechten Sprache“ fortlaufend ändert,“

    Nach geschlechtergerechten SchreiberInnen kamen die Schreiber_innen, dann Schreibx, jetzt Schreiber*innen und brandneu sind Schreiber:innen.
    In jedem Fall hat sich DIE geschlechtergerechte Sprache endlich und ein und für alle Mal durchgesetzt, bzw. dann doch nicht.

    Bei dieser „Sprachentwicklung“ ist erstens auffällig, dass sie nie organisch entstanden und tatsächlich gesprochen worden ist, sondern von oben nach unten durchgesetzt.
    Sie hat gleichermaßen eine „Funktion als Distinktionsmerkmal“, als auch als bürokratisch installierte Herrschaftssprache, der man sich unterwerfen muss, indem man sich ihrer bedient und indem man sich ihrer bedient, zeigt sich die Zugehörigkeit zum Herrschaftsapparat.

    Zweitens verliert aber die endgültig massenhaft durchgesetzte „als korrekt geltende Version“ ihre soziale Funktion als Distinktionsmerkmal, so dass es „endgültig“ gar nicht geben kann, sondern nur „vorläufig“. Unter Vorbehalt der ideologische Mode des Tages, welche den Vorgänger der „geschlechtergerechten Sprache“ auf den Müll wirft, um eine noch „inklusivere“ zu präsentieren. Deren Schicksal damit bereits besiegelt ist.

    D.h. das wird niemals aufhören. Ich betrachte es als zynisches Machtspielchen, welches auf ein devotes Publikum mit dem Gedächtnis eines Fadenwurms setzt.

    • Als bürokratisch installierte Herrschaftssprache sehe ich das nicht. Die amtlichen Regelwerke geben das nicht her. Oder schließen das sogar explizit aus und legen die voll ausgeschriebene Doppelnennung fest („Kommentatorinnen und Kommentatoren“ statt „Kommentator:innen“)

      Es ist ausschließlich ein privat definiertes Distinktionsmerkmal mit modischem Charakter.

      Ich denke, dieser modische Charakter (also die häufige Erneuerung durch marginale Änderung) dient auch innerhalb der „Glaubensgemeinschaft“ der Prüfung, wer noch dazu gehört oder wer als Abtrünnige_*ixe ausgeschlossen werden muss.

      • @ crumar, Peter Aus den Gründen, die Ihr ansprecht, versuche ich auch den Begriff „geschlechtergerechte Sprache“ zu vermeiden oder ihn nur in Anführungszeichen – eben als Zitat – zu verwenden.

        Ich spreche gar nicht allen, die diese Sprache benutzen, ab, dass es ihnen auch um Geschlechtergerechtigkeit geht: Aber dieser Begriff impliziert ja umgekehrt, dass die ANDEREN, die diese Sprache nicht verwenden, an Geschlechtergerechtigkeit nicht interessiert wären.

        Das ist aber nicht so. Als Feministin hat z.B. Nele Pollaschek ja neulich im Tagesspiegel sehr nachvollziehbar erklärt, warum sie sich „mit dem deutschen Gendern noch nie wohl gefühlt“ habe.
        Zudem ist die Unterstellung, das generische Maskulinum würde Frauen immer nur „mitmeinen“, nur aus der Perspektive der Befürworter einer „geschlechtergerechten Sprache“ schlüssig. Wer hingegen das generische Maskulinum selbst benutzt (und das sind, genau genommen, je nach Situation fast alle), MEINT Frauen nicht MIT, sondern abstrahiert mit seiner Bezeichnung von Geschlechterzuordnungen und konzentriert sich stattdessen auf anderes, meist auf berufliche Funktionen. Männer würden ja umgekehrt auch nicht auf die Idee kommen, bei einem grammatikalisch femininen Begriff wie „Lehrkraft“ nur „mitgemeint“ zu sein.

        Dass die eigene Sprache „geschlechtergerecht“ wäre, die Sprache der anderen aber nicht, ist also eine bloß moralisierende Behauptung, die sich unabhängig von der spezifischen Perspektive gar nicht belegen lässt. Allein diese Bezeichnung ist so schon ein sehr traditionelles Distinktionsmanöver – weil es diese Disktinktion mit der Behauptung einer moralischen Überlegenheit begründet und einen gemeinsamen Horizont verneint.

        Wen ich stattdessen von „genderpolitisch korrekter Sprache“ schreibe, finde ich den Begriff allerdings auch nicht ganz glücklich, weil man sich damit die Auseinandersetzungen um die „politische Korrektheit“ mit einkauft.

        Sachlich fänd ich eigentlich den Begriff „geschlechterbetonende Sprache“ richtig, weil diese Art der Sprache ganz unabhängig vom jeweiligen Inhalt, um den es geht, die Geschlechtszugehörigkeit der Beteiligten betont. Das Gendersternchen, das im normalen Lesefluss so sonst ja gar nicht vorkommt, realisiert die Betonung schon im bloßen Schriftbild. Ich fürchte nur, dass beim Begriff „geschlechterbetonende Sprache“ nicht ganz klar wäre, was damit gemeint ist.

        • „Ich fürchte nur, dass beim Begriff „geschlechterbetonende Sprache“ nicht ganz klar wäre, was damit gemeint ist.“

          Finde ich gar nicht, ich halte die Bezeichnung für sehr treffend. Denn sie beschreibt, was wirklich passiert: Von der eigentlichen Botschaft wird abgelenkt auf ein sprachliches Konstrukt. Dadurch wird die Botschaft, die mit der Sprache transportiert werden soll, mindestens abgeschwächt.

          Den Kontext würde ich sogar weiter ziehen. Mit den letzten Rechtschreibreformen hat eine gewisse Beliebigkeit Einzug gehalten in die deutsche Sprache. Auf diese neue Beliebigkeit wird jetzt vorgebliche Gendergerechtigkeit in Form erneut beliebiger Schreibweisen aufgesetzt.
          Dadurch wird es fast jedem ermöglicht, Anstoß oder Gefallen an einer Schreibweise zu nehmen und so den Inhalt des Gesagten oder Geschriebenen ab- oder aufzuwerten.

          Wer das ein paar mal erlebt hat, der überlegt genau, wie er etwas formuliert und welche Schreibweisen und Begriffe er verwendet. Dadurch praktiziert er dann etwas, das im Journalismus als Phänomen „Schere im Kopf“ bekannt ist: Noch bevor er es ausspricht oder schreibt, zieht er seine Gedanken durch einen mentalen Filter, der sich an den Erwartungen seiner Außenwelt orientiert.

          Und deswegen ist geschlechterbetonende Sprache eine geistige Einschränkung und die Forderung danach ein Angriff auf den freien Geist. Ein solcher Angriff ist ein Angriff auf einen wesentlichen Aspekt unseres Menschseins nicht nur eine von vielen feministischen Machtspielereien, sondern er ist elementar.

          Wenn sie auch sonst nur spielen wollen, an der Stelle gehört ihnen der Maulkorb aufgesetzt.

        • Wer hingegen das generische Maskulinum selbst benutzt (und das sind, genau genommen, je nach Situation fast alle), MEINT Frauen nicht MIT, sondern abstrahiert mit seiner Bezeichnung von Geschlechterzuordnungen und konzentriert sich stattdessen auf anderes, meist auf berufliche Funktionen.

          Darum ist es ein glatter Schwindel, wenn gefragt wird:
          Busfahrer, stellen sie sich einen Mann oder eine Frau vor? Einen Mann. Aha, da sieht man mal wieder, dass Frauen durch den Sprachgebrauch unsichtbar gemacht werden.

          Wenn das Geschlecht eine Rolle spielt, d.h. wenn eine konkrete Person mit Geschlecht gemeint ist, dann ist der Busfahrer natürlich ein Mann und die Busfahrerin natürlich eine Frau. Sobald nach dem Geschlecht gefragt wird, ist „Busfahrer“ nicht mehr das Allgemeine, sondern das Geschlecht ist damit markiert, genau so wenig wie Busfahrerin.

          • Diese Form von Manipulation hat Tradition. Ich habe auch schon einige Male auf den feministischen Schenkelklopfer hingewiesen, mit dem Vater, der zusammen mit seinem Sohn einen Autounfall hat, dabei stirbt und der Sohn ins Krankenhaus eingeliefert wird, wo seinen Verwandten durch das Personal versichert wird, der Arzt käme gleich und er sei eine echte Koryphäe auf seinem Gebiet. Und als der Arzt kommt, sagt er: „Ich kann den Jungen nicht behandeln. Er ist mein Sohn“.

            Die Verwirrung des Publikums wird dann gerne genutzt, um selbigem zu verdeutlichen, dass sie von der offensichtlichen Lösung – der Arzt ist die Mutter – nur durch das böse generische Maskulinum abgebracht wurden. Das ist aber völliger Quatsch, denn in der Geschichte gibt es gleich zwei Ebenen, auf denen das angeblich generische Maskulinum schlicht falsch verwendet wird. Zuerst beim Personal. Denn die im Krankenhaus Arbeitenden, die extra die baldige Ankunft des Arztes vermelden, wüssten sicher auch über das Geschlecht desselben Bescheid, heißt: sie würden eine Frau auch schon als Ärztin ankündigen und nicht gar noch sagen „er“ sei eine Koryphäe. Die nächste Ebene ist der Erzähler, der spätestens beim Eintreffen „des Arztes“ dessen Geschlecht kennen und es dem Leser / Zuhörer durch Verwendung des korrekten Genus‘ zum Zwecke des sich richtigen Vorstellens der Szene vermitteln MUSS. Tut der Erzähler dies nicht, so macht er schlicht nicht seinen Job. Allein daraus erwächst die Verwirrung des Publikums. Es wird – gewiss durchaus bewusst – gegen allgemeine Sprachregeln, die von uns allen intuitiv, also bereits im Unterbewusstsein verarbeitet werden, verstoßen, nur um beim Publikum einen kalkulierten Effekt zu erzeugen und diesen dann für eine Botschaft zu instrumentalisieren, welche sich aus der genannten Story gar nicht ergäbe, wenn man sie den allgemeinen Sprachregeln folgend korrekt erzählt hätte.

            So funktioniert Propaganda!

          • @Billy

            Der feministische Schenkelklopfer ist aus den USA und im Englischen gibt es die sprachliche Unterscheidung zwischen „Arzt“ und „Ärztin“ nicht, sie muss durch „he“/“she“/“male“/“female“ hergestellt werden.
            Deshalb klappt der Witz hier auch nicht.
            Hat sich bei den Kopistinnen aber noch nicht herumgesprochen.

            Übrigens ist an der Geschichte erstaunlich, dass der tote Vater = toter Mann der Ärztin keinerlei Rolle spielt.
            „Dein Mann ist bei einem Unfall gestorben und dein Sohn kommt gerade verletzt in unser Krankenhaus!“
            „Oh, da fällt mir als erstes ein, ich kann ihn nicht behandeln, weil sich um meinen Sohn handelt und ich ignoriere, dass mein Mann umgekommen ist!“
            Ich finde feministische Gedankengänge immer wieder bizarr.

          • „der offensichtlichen Lösung – der Arzt ist die Mutter –“

            Die offensichtliche Lösung ist, daß der Arzt schwul war 😉 Es ist 2020 !!11

        • @Lucas

          „Dass die eigene Sprache „geschlechtergerecht“ wäre, die Sprache der anderen aber nicht, ist also eine bloß moralisierende Behauptung, die sich unabhängig von der spezifischen Perspektive gar nicht belegen lässt.“

          Vor allem liegt auch nur in dieser einzigartigen Perspektive eine „Ungerechtigkeit“ vor, die es mit einer „Gerechtigkeit“ zu überwinden gälte, in deren Vollbesitz sie sich wähnen.
          Die zugleich von „Marginalisierung“ so betroffen sind, dass sie in allen Mainstreammedien 24/7 wortreich davon berichten können, wie sehr sie an den Rand der Gesellschaft gedrückt und dann auch noch zum Schweigen gebracht werden.
          Selbstredend, ohne diesen Widerspruch zu bemerken.

          Der von dir verlinkte Artikel untertitelt: „Deutschland ist besessen von Genitalien“ – als wäre die Gendersprache eine nationale Eigenart und die Zwischenüberschrift stellt erstaunt fest: „Nicht alle Identitätskategorien sind gleichwichtig (sic!).“
          Warum glaubt sie eigentlich, darf ausgerechnet SIE einen Artikel verfassen, der da lautet: „Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer“?
          Präzise weil im Besitz einer Vagina.
          Was nervt eigentlich mehr?
          Die Heuchelei oder die völlige Unfähigkeit zur Selbstreflexion?

          Mit Bezug auf die Autoren des Blogs (Scheller) gilt, dass seine spezifische moralische Überlegenheit auf einer Existenz in einem Paralleluniversum zu basieren scheint. Er schreibt: „Über­haupt gilt ja: Dass in der Öffent­lich­keit auch über Männer ver­mehrt (Anm. !!!) kri­tisch dis­ku­tiert wird, ist gut und richtig. Sind wir etwa ein schwa­ches Geschlecht, das beson­de­rer Scho­nung bedarf?“

          Nein, wir sind ein besonders starkes Geschlecht, das jahrzehntelange schonungslose Misandrie einfach klaglos wegstecken sollte.
          Was ist das denn für ein käsiger Appell an ein traditionelles Männerbild???
          Von dem auf der anderen Seite erwartet wird, es als „toxisch“ einzustufen?

          Weiter: “ Von wegen! Mit der Refle­xiv­wer­dung des Mannes ist die Refle­xiv­wer­dung der Moderne einen Schritt weiter. Solange die Kritik sach­lich und fair ist – bring ‚em on, chal­lenge accep­ted!“

          Ihm fehlt ganz offensichtlich die Lektüre von Kucklick und von Jüdt, wonach die Kritik des Mannes eben die Kritik der Moderne ersetzt, weil „Mann“ als „Gesellschaft“ gilt.

          Es wird nichts „reflexiv“ oder eine „Herausforderung“ an einem fortgesetzten Bilanzbetrug. Bis er das nicht begriffen hat, werden seine Texte auf ihm völlig unbewussten Widersprüchen basieren, die er dann als „liberale Haltung“ missversteht.

  • Sehr schöner Artikel, und sehr gut, daß wieder mal dem sogenannten „Zentrum Liberale Moderne“ auf die Finger gesehen wird.

    Dieses Zentrum ist mir schon vor einigen Monaten unangenehm aufgefallen, als es ein Hit-Piece gegen Monika Maron (https://gegneranalyse.de/monika-maron-angst-vor-ueberfremdung/) veröffentlicht hat. stefanolix hat damals eine sehr gute Replik darauf verfaßt: https://twitter.com/stefanolix/status/1292862811580899329

    gegneranalyse.de ist ein Projekt des ZLM, das vom BMFSFJ gefördert wurde und mit der BPB kooperiert, also beste Beziehungen ins feministische Establishment hat, und das ist kein Zufall.

    Wo wir gerade beim Stichwort „gegneranalyse“ sind – es scheint mir dringend notwendig, das auf das ZLM anzuwenden und sich klarer darüber zu werden, was dieses Zentrum ist. Ich bin anfangs auf das Etikett Liberal hereingefallen.

    Ich hatte bisher nicht genug Zeit, mir das ganze genau anzusehen, nach meinen diversen Eindrücken ist das jedenfalls eine grüne Tarnorganisation, die liberale Wähler einfangen will, intern aber durch und durch grün eingefärbt ist. Hat sich jemand hier schon einmal näher mit dem ZLM befaßt?

    Wenn man von meiner übergeordneten Einordnung des ZLM ausgeht, dann ist so ein Artikel wie der von Scheller, der die feministische Identitätspolitik verharmlost, nur konsequent, schon fast zwangsläufig notwendig.

    • @ mitm Ich fand den Text über Maron ebenfalls absolut nicht in Ordnung, weil er mit Suggestionen statt mit klaren, nachvollziehbaren (und so eben auch potenziell widerlegbaren) Argumenten agierte und weil er eindeutig als Hit Piece angelegt war. Es ist zudem nicht in Ordnung, dass so ein Text, dem es um den Angriff auf eine einzelne Frau geht, aus öffentlichen Mitteln finanziert und publiziert wird.

      Abgesehen davon habe ich bis heute vom Zentrum Liberale Moderne kein negatives Bild. Ich hatte mir den Sammelband „Das alte Denken der neuen Rechten“ bestellt (es gibt ihn jetzt wieder in einer Neuauflage) und fand ihn als Einstieg in das Denken der jeweiligen Akteure hilfreich und gut lesbar.

      Nur der Begriff „Gegneranalyse“ gefällt mir nicht, weil er ja ziemlich offensichtlich auf den Begriff „Feindaufklärung“ anspielt. Tatsächlich sind die „Gegner“ hier nämlich keine Gegner in einem gemeinsamen Diskurs – sondern sie werden als Gegner des demokratischen Diskurses insgesamt vorgestellt.

      Damit sind sie draußen. Das mag für Typen wie den Antisemiten Richard Wagner oder den Nazi Martin Heidegger nachvollziehbar sein, aber bei Botho Strauß, beispielsweise, ist es ähnlich suggestiv wie bei Maron.

      Zudem sind ausgerechnet Wagner und Heidegger ja gerade nicht DRAUSSEN: Wagner wird weiterhin verehrt, und die Bayreuther Festspiele sind ein zentrales Ereignis im Musikleben der Republik – und Heidegger hatte, warum auch immer, einen enormen Einfluss auf die französische Philosophie, deren Protagonisten sich oft als links verstanden. Emmanuel Lévinas beispielsweise, der vor dem Hintergrund der jüdischen Lehre eine Ethik der Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen entwickelte (und der sich intensiv mit dem Holocaust auseinandersetze), wurde durch Heidegger ganz wesentlich beeinflusst. Warum auch immer.

      Das heißt: Gerade dort, wo das ZLM klare Frontstellungen aufzubauen versucht, wird es diffus und suggestiv. Abgesehen davon aber habe ich den Eindruck, dass solch ein Projekt sehr wichtig sein kann: dass sich Akteure, die sich irgendwie als Linke verstehe oder verstanden haben, um einen liberalen Diskurs bemühen. Denn den mittlerweile zur Passion gewordene Flirt mit dem Antiliberalismus bei Linken finde ich sehr beunruhigend, und da sind Gegenstimmern sehr wichtig.

      Ralf Fücks und Marieluise Beck sind tatsächlich Bremer Grüne der ersten Generation, ich kenn sie noch von Wahlplakaten meiner Kindheit oder Jugendzeit. Über Beck kann ich ansonsten nicht viel sagen, Fücks aber ist bei Twitter sehr aktiv, und er bezieht dort Positionen, die deutlich liberale werte betonen und die mit identitätspolitischen Zuspitzungen nichts zu tun haben.

      Als ein links-liberales Projekt finde ich das ZLM also gut und sogar vielversprechend – aber die Identifizierung der „Gegner“ dementiert tatsächlich manchmal die Liberalität, die ich dem Projekt insgesamt überhaupt nicht absprechen würde.

      • @Lucas:

        Nur der Begriff „Gegneranalyse“ gefällt mir nicht,“

        Mir auch nicht, das ist stilistisch ein Mißgriff. Es erinnert an Listen von Namen von Personen, auf die man Internet-Mobs hetzt. Außerdem sind andere Konzepte die Gegner, nicht Personen. Dieses Denkmuster, einzelne Personen zum Feind schlechthin zu machen, ist überhaupt nicht liberal. Allein deswegen war das ZLM sofort suspekt.

        solch ein Projekt sehr wichtig sein kann … um einen liberalen Diskurs bemühen.

        Im Prinzip völlig richtig. Allerdings nehmen ich das dem ZLM nicht ab, das Personal ist für mich schlicht unglaubwürdig.

        Fücks war anderthalb Jahrzehnte Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, noch grüner kann man nicht sein. Er steht also für das Frauenstatut und die Diskriminierung von Männern, für die Antiwissenschaft Gender Studies – also die feministische Standpunkttheorie und alternative feministische Fakten. Das ist für mich für Antiliberalität schlechthin. Er hat seine Verbindungen dahin ja keineswegs abgebrochen. Beck war ebenfalls langfristig ein hochkarätiges Tier bei den Grünen, für sie gilt das gleiche wie für Fücks.

        Wenn man sich das Team des ZLM ansieht, fällt einem sofort der für eine politische Organisation sehr hohe Frauenanteil von ca. zwei Drittel (10 der 16 Personen auf dem Bild, 14 der 22 Namen unter dem Bild) auf, also wie in der Heinrich-Böll-Stiftung üblich. Das halte ich für keinen Zufall, sondern für eine programmatische Aussage.

        Wenn man sich die zweite Führungsebene ansieht, die als Direktor bezeichneten Personen, dann sind zwei der drei vorher Mitarbeiter im Bundestagsbüro von Marieluise Beck gewesen (Maria Sannikova-Franck, Christoph Becker) – mir kann keiner erzählen, daß die nicht 110% ideologisch gefestigt sind. Damit ist die 1. und 2. Führungsebene zu 80% knallhart grün. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das beim restlichen Personal wesentlich anders aussieht.

        Dann fragt man sich natürlich auch noch, wie diese erst vor 3 Jahren gegründete gGmbH auf Anhieb gleich 6- bis 7-stellige Beträge, von denen etliche Mitarbeiter bezahlt werden, vom Bund für Projekte einwerben konnte – als No-Name schafft man das nicht. Naheliegenderweise kann das nur über die Grünen-Schiene gelaufen sein. Damit ist das ZLM aber zu Wohlverhalten gegenüber seinem Sponsor „verpflichtet“ (sofern man es nicht sowieso freiwillig macht).

        Wenn man sich schließlich die Podcasts und Broschüren ansieht, dann ist da viel von Belarus und generell den autokratischen Regimes im Osten die Rede. In Deutschland natürlich von der AFD. Wovon ist nicht die Rede? Von den Grünen als Feinden der Freiheit. Der Gedanke ist im ZLM vermutlich gar nicht denkbar.

        Deshalb halte ich, wie schon oben geschrieben, das ZLM für eine grüne Tarnorganisation, die liberale Wähler einfangen will bzw. soll. Ich traue denen kein bißchen über den Weg.

  • Zitat Schoppe: „.. Oder gar zwischen Feminist*innen und anderen.“

    Lieber Lucas, du hast da einen schönen Text geschrieben. Aber mich würde wirklich mal interessieren, warum in eher gender- und feminismuskritischen Blogs, nun ausgrechnet dieses DeppInnen-Sternchen eingebracht – und damit salonfähig gemacht werden muss.

    Reicht es nicht, wenn eine Anne Will oder ein Claus Kleber einen schon mit diesem Syntax und Semantik nötigendenden Mist überzieht? Oder siehst du diese Schreibweise als sprachlichen Fortschritt, denn eine Verballhornung kann ich so nicht erkennen, gar als erstrebenswert an?

    Wo wäre wohl diese Schwarzer, hätte man sich nicht so an ihr gerieben oder ihr diesen Raum gegeben – sondern ihr, einem uralten Brauch folgend, einfach den Rücken gekehrt?

    So wirkt es auf mich leider so, als reihest du dich ein, in den Reigen dieses Aktuelle-Kamera-Nachrichtensprechers oder einer zweitklassigen Talkshow-Moderatorin.

    Ich mein’s nicht nörgelnd, sonder nachdenklich.

  • Der popkulturaffine Jörg Scheller ist der Farid Bang oder Kollegah unter den deutschen Gelehrten – mit dem Unterschied, dass er nicht so anregend und wohlwollend gegenüber anderen Männern ist wie diese es in ihren Texten sind. Ich nehme von ihm mit, dass man gut daran tut, sich regelmäßig für längere Zeit die Ohren zuzustopfen, den Geschlechtserdiskurs zu ignorieren und sein Ding zu machen.

    Scheller vertritt mit seiner Leidenschaft für Body Building und Heavy Metal eine kraftstrotzende, geradezu atavistische Männlichkeit, die dem Feminismus ins Gesicht spuckt und er fährt gut damit. In akademischer Hinsicht manifestiert sich das in seinem Anspruch, unakademisch und damit lebensnah aufzutreten. Auf seiner Website und in seinem Twitter Feed posiert er oben ohne und präsentiert seine Physis, in der viele Stunden ehrlicher Arbeit stecken. Damit kommt er bei Frauen gut an, insbesondere bei den feministischen. Ich sehe das konkret in meinem eigenen Twitter-Umfeld, wo viele Leute, denen ich folge, wiederum Jörg Scheller folgen, insbesondere junge feministische Frauen. Die schmale Tunte auf dem Eingangsfoto des Essays könnte niemals so eine wohlwollende weibliche Aufmerksamkeit gewinnen, fast so wenig wie viele andere dünne Männer, die nicht systematisch an ihrer Physis arbeiten und die seit einigen Jahren belustigt als Lauch bezeichnet werden.

    Besonders aufgefallen im verlinkten Essay ist mir, wie er beschreibt, öffentlich mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust aufzutreten. Das ist ein früher Eindruck aus meiner Kindheit: Das Kriegerdenkmal in dem kleinen niedersächsischen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Wie in so vielen niedersächsischen Dörfern liegt auf einem zentralen, grasbewachsenen Platz ein mit einem eiserenen Kreuz geschmückter Findling (so stelle ich mir heute noch heidnische Kultstätten vor), daneben eine Liste der in den Kriegen gefallenen Männern des Dorfes. Das eiserne Kreuz, ein Symbol des preußischen, später des deutschen Militarismus. Ich assoziiere damit düstere und entschlossene Männer, die eher in den Tod gehen als das aufzugeben, was sie für ihre Ehre halten. Der Kampf von Männern um Leben und Tod in apokalyptischen Landschaften ist auch ein, vielleicht der zentrale Topos des Heavy Metal und stellt eine Art Gegenentwurf zur verwalteten, verrechtlichten und durchorganisierten Welt dar, in der unser Alltag stattfindet.

    Scheller zelebriert öffentlich eine Männlichkeit, die für so ziemlich das Gegenteil steht, was der moderne Feminismus explizit von den Männern fordert. Der Erfolg und der Status, den er damit auch bei Feministen genießt, wirft bei mir die Frage auf, wie ernst feministische Lebensentwürfe eigentlich gemeint sind. Lieber dem Gefühl folgen, nach Feierabend gelegentlich mal motivierende Musik einlegen, zusammen mit Freunden trainieren, die Boxhandschuhe schnüren und Pratzen und Sandsack bearbeiten.

    @Lucas: Schön, dass Du wieder mehr Texte publizierst, sie inspirieren mich jedes Mal.

    • Der Text von Scheller hat für mich im Subtext die folgende Botschaft: Alle Maßnahmen sind gut. Es gibt ein paar, die fallen durch krawallige Aussagen auf, aber die tun nichts, die wollen nur spielen.

      Im Prinzip ist es das alte Spiel über männlichen Status: Wenn Du Dich von diesem oder jenem angegriffen fühlst, dann bist Du ein Schwächling, hast Geschlechtsteile unterdurchschnittlicher Größe und bist überhaupt … verzichtbar. Es ist nur gefühliger verpackt.

      • Ja, guter Punkt. Was Du schreibst, beobachte ich selbst gefühlt jeden Tag wenn ich Twitter aufmache.
        Mir ging es allerdings darum, ob nicht vielleicht etwas Subversives in seinem Essay steckt. Der Subtext ließe sich ja auch so lesen: Es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird. Er bringt ein halbherziges Lippenbekenntnis zum Feminismus, zeigt aber alle Welt, dass dieser ihn gar nicht juckt: Er zeigt, wenn es gefordert wird, routiniert seine Tugend, zelebriert aber sonst unbekümmert seine Sachen, die mit dem Feminismus kaum vereinbar sind: Männliche Dominanz, Autonomie, Heavy Metal, Krafttraining usw.

    • Scheller vertritt … eine kraftstrotzende, geradezu atavistische Männlichkeit, die dem Feminismus ins Gesicht spuckt

      Kann sein, daß er als Person so wirkt, ich kenne ihn nicht. Immerhin paßt der Text gut dazu, denn das ist fast durchgängig eine Selbstanpreisung, wie toll er doch ist.

      Nun sind wir hier aber nicht bei Men’s Health oder so, sondern auf einer Seite, in der es angeblich um eine moderne Liberalität geht, und der Text ist betitelt „Gender Studies: Keine Panik, Männer!“, erhebt also den Anspruch, die Gender Studies, die als illiberal und als feministische Zweckwissenschaft in der Kritik stehen, aus liberaler Sicht zu untersuchen.

      Seine Antwort: Zu Anfang ein Strohmann, die Trolle im Internet. Von Sokal Squared, der Kritik an den Methoden der Gender Studies und zahllosen weiteren akademischen Kritiken hat er garantiert noch nie gehört bzw. da hat er eine Wahrnehmungsblockade.

      Sein Ansatz zur Wahrheitsfindung (2. Absatz im Text);

      Bei solchen Fragen ist immer eines heilsam: Empirie aus dem Meatspace, geteilte persönliche Erfahrungen

      nein, ganz im Gegenteil, das Konzept der lived experience ist die Antithese der Gender-Studies-Apologeten gegen die empirische Sozialforschung. Was er hier betreibt, nennt man dort auch Autoethnographie, also ketzerisch gesagt den eigenen Bauchnabel als vollständige Datenquelle zu einem gesellschaftlichen Thema anzusehen und private Histörchen als unwiderlegbare, also absolute Wahrheit anzusehen. Diese „Methode“ ist gerade ein zentraler Kritikpunkt an den Gender Studies. Ansonsten ist sein Text großenteils eine Charakterstudie der Kritiker der Gender Studies, die Gender Studies selber kommen praktisch nicht vor. Oder wenn doch, dann etwa so:

      Wer sich gegen konkrete Ausläufer von Gender Studies und Feminismus wehren möchte, sollte das respektvoll tun. Wer könnte abstreiten, dass die Frauenbewegung aus guten und gerechten Gründen entstanden ist?

      Einer der wichtigsten Vorwürfe gegen die Gender Studies ist, daß sie personell und inhaltlich nicht trennbar von der feministischen Ideologie ist. Genau dieser zentrale Defekt der Gender Studies scheint für ihn völlig normal und nicht kritisierbar zu sein. Ich frage mich verzweifelt, wie jemand, der offenbar völlig inkompetent in der Wissenschaftstheorie ist, jemals Professor werden konnte.

      Gesamteindruck: Der Text von Scheller würde super auf die Webseite der Heinrich-Böll-Stiftung passen, er ist klassische feministische Propaganda. Er bestätigt nur meinen Eindruck, daß das ZLM ein spin-off der Heinrich-Böll-Stiftung ist und sich inhaltlich nicht davon unterscheidet.

      • @mitm: Danke für Deine Anmerkungen. Ich finde einleuchtend und anregend, was Du schreibst, insbesondere die Problematisierung des Konzepts „lived experience“, durch die verlinkten Texte muss ich mich noch mal richtig durcharbeiten.
        Nur eine Anmerkung: Explizit redet Schellers Text natürlich dem Feminismus das Wort und präsentiert seine eigene Tugend. Allerdings geht er inhaltlich, soweit ich sehe, gar nicht auf den Feminismus ein. Auch zieht er persönlich keine Konsequenzen aus der feministischen Theorie. Konsequent wäre es ja z.B., seine privilegierte Position als Professor einer Frau zu überlassen und stattdessen etwas schlechter bezahltes und weniger glänzendes zu machen, das aber gesellschaftlich wirklich unverzichtbar ist, Müllabfuhr, kassieren bei Rewe, Kindergärtner oder so. Seine Gedanken könnte er statt über seinen Lehrstuhl ja immer noch über einen privaten Blog verbreiten. Was ich in meinem Gedankenstrom ausdrücken wollte, ist dieser performative Widerspruch. Er fordert zwar öffentlichkeitswirksam Feminismus, zelebriert aber gleichzeitig ostentativ als Denker, Athlet und Shouter eine kraftstrotzende Männlichkeit, die davon völlig unberührt bleibt. Dazu gehören auch diese ganzen Attribute wie der Kult um Körperkraft und Kriegertum. Dass er damit so erfolgreich ist, finde ich dann doch wieder bemerkenswert.

        • insbesondere die Problematisierung des Konzepts „lived experience“, durch die verlinkten Texte muss ich mich noch mal richtig durcharbeiten.

          Das Argumentationsmuster „lived experience“ ist nach meiner Erinnerung schon vor Jahren bei Transsexuellen, die ihren Opferstatus hervorheben wollten, in Mode gekommen, und in letzter Zeit von BLM-Aktivisten.

          Dieses Argumentationsmuster ist ein sehr häufiger, wichtiger und plump-dreister Taschenspielertrick. Im Kern wird eine unzulässige Verallgemeinerung kaschiert: Jemandem ist privat irgend ein Unrecht passiert, damit ist bewiesen, das Unrecht existiert – aber der Beweis gilt leider nur für diesen Einzelfall – von hier aus wird unzulässig verallgemeinert, daß es überall gilt oder zumindest statistisch relevant ist. Zusätzlich wird noch empört der von sich gewiesen, man würde lügen und hätte seine „lived experience“ nur erfunden.

          Noch dreister ist eine Variante, wonach nur die „lived experience“ real ist, während irgendwelche Statistiken (z.B. Durchschnitte) ja irgendwie nur virtuell sind und so gar nicht 1:1 existieren, also irrelevant sind.

          Unzulässige Verallgemeinerungen privater Erlebnisse sind in der Geschlechterdebatte fast unausweichlich, das passiert fast jedem einmal. 😉

          Allerdings geht er inhaltlich, soweit ich sehe, gar nicht auf den Feminismus ein.

          Ja. Genaugenommen geht er nur auf sich selber ein.

          • @mitm: Du hast zweifellos recht, dass es Leute gibt, die aufgrund ihrer Identität einen Opferstatus für sich beanspruchen, der sich empirisch kaum rechtfertigen lässt. In den letzten Jahren waren reiche Schauspielerinnen und manche Politikerin damit ja medial sehr präsent (das ist das erste, was mir dazu einfällt).

            Hat nicht letztes Jahr oder so eine Gruppe von Forschern wie am Fließband fingierte „lived experience“-Texte verfasst und die unter falschen Namen in Masse in angesehenen Fachzeitschriften untergebracht? Das war ein Hoax, der das Genre durch den Kakao gezogen hat.

            Bei der Diskriminierung von Transsexuellen kommt vielleicht noch eine Ebene dazu: Als ich noch an der Uni Göttingen studiert habe, gab es dort in meiner Wahrnehmung relativ häufig Demos und verschiedene kleinere Veranstaltungen zugunsten Transsexueller bzw. „gegen Transphobie“. Das war schon Bestandteil des kulturellen Haushalts. Auffällig fand ich dabei, dass dort eine Menge an Aktivisten für und zugunsten der Transsexuellen gesprochen hat, nur einen Transsexuellen, der für sich selbst gesprochen hat, konnte ich dort nie ausmachen. Ich bin also versucht, die Transsexuellen in Schutz zu nehmen. Vermutlich sind die meisten von ihnen eher zufrieden, wenn sie nicht auffallen. Lucas hat das, glaube ich, auch mal irgendwo beschrieben, dass der Mensch, der mit seiner Sexualität von der Norm seines biologischen Geschlechts abweicht, zur Hochzeit von Judith Butler zur Sehnsuchtsfigur der Genderlinken geworden ist. Diese Person war vielleicht ein Phantasma, das gar nicht real zu existieren brauchte. Die realexistierenden Transsexuellen haben das Phantasma vielleicht sogar eher gestört. Gerade die Transfrauen sind ja von weiten Teilen des Genderlagers inzwischen als ‚verkleidete Männer‘ verstoßen.

          • @Martin:

            Hat nicht letztes Jahr oder so eine Gruppe von Forschern wie am Fließband fingierte „lived experience“-Texte verfasst …

            Das war die Sokal Squared-Affäre. Die Hoax-Papiere, an die ich mich ad hoc erinnern kann, waren nicht vom Typus „lived experience“.

            … eine Menge an Aktivisten für und zugunsten der Transsexuellen gesprochen hat, nur einen Transsexuellen, der für sich selbst gesprochen hat, konnte ich dort nie ausmachen.

            Man muß mMn strikt zwischen Transsexuellen und Transaktivisten unterscheiden. Ich schätze, daß 90% der Transaktivisten nicht selber transsexuell oder auch nur transident sind, sondern sich nur als Beschützer der Verfolgten aufspielen, als soziales Distinktionsmerkmal. Die restlichen 10% können besonders unangehm sein.

            Vermutlich sind die meisten von ihnen eher zufrieden, wenn sie nicht auffallen.

            Alles andere ist unlogisch. Wenn ich mich danach sehne, ein bestimmtes Geschlecht zu sein (was ich leider nicht bin), dann möchte ich ja eigentlich diese Rolle perfekt spielen, also nicht als unecht auffallen. Ich habe gerade einen Blogpost zu einem verwandten Thema geschrieben, bei den Recherchen dazu bin ich auf eine ziemlich durchgedrehte transsexuelle Transaktivistin gestoßen, die sich darüber beschwerte, daß Transsexuelle nicht sichtbar genug in der Öffentlichkeit seien. Rätselhaft.

        • „… performative Widerspruch …“

          Was Du hier so treffend bezeichnest, hat Schoppe übrigens in einem früheren Text in einem anderen Zusammenhang etwas näher betrachtet.

          Es scheint bei vielen progressiven Männern eine seltsame Spannung zu bestehen zwischen einerseits:

          a) überhaupt nicht auf die Details feministischer Theorien eingehen, überhaupt nicht die konkreten Konsequenzen feministischer Theorien und Forderungen berücksichtigen oder gar selbst praktizieren, und andererseits
          b) den Feminismus insgesamt, so als Gesamtpaket garniert mit einigen Schlagworten („Gleichstellung“, „gleiche Repräsentation von Frauen“ u. dgl.) vorbehaltlos akzeptieren, befürworten, gleichsam als Selbstverständlich durchwinken.

          Schoppes versuchsweise Erklärung dieser seltsamen Spannung: einerseits nehmen diese progressiven Männer Feministen und ihre Belange überhaupt nicht Ernst (denn sonst müsste man sich mit diesen Belangen detailliert auseinandersetzen), doch andererseits wollen sich diese Männer als betont progressiv darstellen: sie haben immer schon die (richtige, gerechte) Zukunft unserer Gesellschaft gesehen und unterstützt, sie waren immer schon auf der richtigen Seite – wie könnte es auch anders sein.

          Ja, seltsam.

  • Danke für den Text. An ihm kann auch gut festgemacht werden, wo die Linie zwischen Sinn und Unsinn bei der pauschalen Aufforderung, mal die eigenen Privilegien zu checken, verläuft.

  • Wenn ich (…) auf die letzten Jahre zurück­bli­cke, muss ich die Twit­ter­t­rolle ent­täu­schen: Selbst als angeb­lich vom Aus­ster­ben bedroh­ter Hete­ro­mann, der seine Frei­zeit in Kraft­räu­men oder auf Metal-Kon­zer­ten ver­bringt, im Motör­head-T-Shirt mit Eiser­nem Kreuz Vor­le­sun­gen hält, auch Links­pro­gressive in Essays kri­ti­siert und aller­lei poli­tisch unkor­rekte Dinge schätzt, habe ich viele posi­tive Erfah­run­gen mit Ver­tre­tern von Gender Studies und Femi­nis­mus gemacht.

    Was hier vordergründig als Selbstironie erscheint, ist in Wirklichkeit keine. Männliche Kritiker der GS werden als lächerliche Figuren charakterisiert. Es ist offensichtlich, dass sich der Professor eben nicht zu dieser imaginierten Gruppe zählt. Vielmehr will er darlegen, wie souverän er als gestandenes Mannsbild mit dem Weibsvolk umzugehen versteht. 🙂
    Er hat sogar, man stelle sich vor, einzelne Aspekte der GS kri-ti-siert!! Sapperlot!

    Es mag ausserhalb des professoralen Tellerrands liegen, aber es gibt insbesondere im Ehe- Familien- und Scheidungsrecht durchaus Schieflagen zum Nachteil von Vätern. Um das wahrzunehmen muss man allerdings zur Einsicht gelangen, dass „Väter sind Täter“ nicht generell gilt, obwohl, und das mag den Professor erstaunen, es sich wunderbar reimt.

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