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Alles sieht so festlich aus

geschrieben von: Lucas Schoppe

Eine Weihnachtsgeschichte in identitären Zeiten

Markt und Straßen stehn verlassen, / Still erleuchtet jedes Haus, / Sinnend geh’ ich durch die Gassen, / Alles sieht so festlich aus. (Joseph von Eichendorff, Weihnachten)

Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2.7)

 

Die großen Häusern zu beiden Seiten der Straße waren hell erleuchtet, und die Menschen, die in ihnen feierten, waren bis auf die Straße zu hören. Er zog den Esel hinter sich her und blickte sich immer wieder nach seiner Frau um, die oben auf dem Tier saß und sich den Bauch hielt. Am vorderen Haus auf der rechten Seite sah er ein Schild stehen, das im Vorgarten an einer Holzlatte in den Rasen gerammt worden war.

„Hier werden wir etwas finden,“ rief er, „schau, was dort steht:

Wir kümmern uns um unsere Obdachlosen.

„Warum ist das Wort ‚unsere“ so dick unterstrichen?“ fragte seine Frau, noch immer etwas skeptisch.

„Sie wollen wohl deutlich machen, dass sie die Not der Menschen ohne Zuhause als ihre ganz eigene Not betrachten.“ Er hatte den Esel an den Zaun des Hauses gebunden und ging durch den Garten mit dem ganz glatt geschnittenen Rasen hin zur großen eichenen Eingangstür und klopfte hoffnungsvoll und ohne zu Zögern.

Eine blonde Frau öffnete und sah ihn kühl an. Als er freundlich um Obdach für sich und seine hochschwangere Frau bat, lachte sie kurz auf. Der Mann wusste nicht, worüber sie lachte, dachte, sie habe ihn falsch verstanden, und erklärte nun ausführlicher, dass seine Frau hochschwnger sei, dass sie ihre Heimat hatten verlassen müssen und dass sie ein Obdach für die Nacht sie sehr glücklich machen würde.

Mittlerweile standen ein älterer Herr und eine weitere Frau mit dunkleren Haaren und seltsam herabhängenden Mundwinkeln in der Tür, und die dunkelhaarige Frau rief schroff: „Wir haben genügend eigene Menschen, um die wir uns kümmern können.“

Der Mann hatte immer noch nicht verstanden, dass er abgewiesen wurde, und schilderte nun seine Sorge um seine Frau und das Kind angesichts der langen anstrengenden Reise. Währenddessen sammelten sich immer mehr Menschen aus dem Inneren des Hauses an der Tür, und der Mann hörte Kommentare, deren Bedeutung er nicht zuordnen konnte:

„Hat die eine Fachkraft in der Röhre, die sie uns mitbringt?“ – „

Nein, eher Goldstückchen.“ –

„Pass auf, dass der nicht schon mit dem Messer in der Hand rauskommt!“

Die Menschen hinter der Tür lachten, und der Mann wusste nicht, worüber. Er verstand aber, dass sie hier kein Obdach finden würden, ging zu seiner Frau zurück und zuckte mit den Schulter, als ob er sagen wolle, dass er nicht wisse, was gerade geschehen sei. „Wir versuchen es beim nächsten Haus!“ rief er ihr aufmunternd zu.

Zum nächsten Haus auf der anderen Seite führte ein wilderer Vorgarten als bei dem Haus mit dem glatt geschnittenen Rasen, und auch der weg war nicht an allen Stellen so gut gepflastert wie bei dem anderen Haus. Aber der kleine Garten wirkte dadurch ums verwunschener, und als der Mann und die Frau das große Plakat gesehen hatten, das über einem Fenster im Erdgeschoss hing, hatten sie das Gefühl, nun endlich anzukommen.

Wir haben Platz!

stand dort in großen bunten Buchstaben.

An der Tür waren viele kleine Bilder aufgeklebt, manche mit kurzen Sätzen dazu, die der Mann nicht alle verstand, als er nun klopfte. Ein junge Frau öffnete und blickte den Mann an, ohne etwas zu sagen. Er erklärte, dass er mit seiner schwangeren Frau eine lange Reise hinter sich habe und dass es wichtig für sie wäre, einen Platz für die Nacht zu finden.

Nun waren noch andere junge Leute an die Tür getreten, und einer von ihnen rief dem Mann zu, dass er als Person, die als weiß gelesen werde, keine rührseligen Geschichten erzählen, sondern lieber einmal seine Privilegien überdenken solle. Jemand anderes ergänzte, dass es gar keinen Sinn habe, mit alten weißen Männern über rassifizierte Strukturen zu reden.

Der Mann glaubte, er sein aufgefordert worden, die Schwierigkeit ihrer Situation genauer zu erklären, versuchte es, wurde aber schon im zweiten Satz von einer jungen Frau unterbrochen, die ihm „OK, Boomer!“ zurief. Er wusste nicht, worüber die Leute in der Tür lachten.

Nun fragte ihn ein junger Mann: „Aus Nazareth kommt ihr, sagst Du. Israel, oder? Juden?“ Er bejahte, darüber erfreut, dass jemand ihre Heimat offenbar kannte. Ein anderer aber kommentierte, sie sollten sich lieber mit den Schwestern und Brüdern solidarisieren, die tatsächlich in Not sind, und der junge Mann ergänzte lächelnd: „Israel wird verschwinden und Menschen wie ich werden dazu tanzen.“ 

„Aber warum sind Sie ein solcher Feind unseres Landes?“ fragte der Mann vor der Tür irritiert. Nun ergriff ein älterer Herr das Wort, der zwischen den jüngeren Leuten stand, und erklärte so abschließend, als würde er von einer Kanzel sprechen: „Ach, diese ganze Rede von Feindschaft gegen Israel – die ist bloß eine Erfindung, ersonnen, um diesen Staat nicht mehr kritisieren zu können.“

Die Leute um ihn herum nickten und befanden die Diskussion damit für abgeschlossen. Der Mann hatte plötzlich das Gefühl, schnell dieses Grundstück verlassen und seine Frau in Sicherheit bringen zu müssen.

„Wir haben ja noch mehr Möglichkeiten,“ sagte er ihr, nun aber schon so irritiert, dass er es vor ihr nicht mehr verbergen konnte.

Das nächste Haus auf der anderen Straße hatte große, seltsame, hell erleuchtete Figuren von Tieren im Vorgarten stehen, und die Fenster waren nicht nur hell erleuchtet, sondern auch um die Fensterrahmen herum mit vielen Leuchtern geschmückt. An der Mauer, die das Grundstück umgab, war ein Schild befestigt:

Wir denken an die, die vergessen worden sind.

„Hier sind wir jetzt richtig, das weiß ich einfach“, sagte der Mann, und er klang wieder hoffnungsvoller. Er ließ seine Frau trotzdem auf dem Esel vor der kleinen Tür in der Mauer warten, ging hindurch und klopfte an der großen weißen Tür. Ein blonder Mann, der aussah, als ob er schon einige Gläser Wein getrunken habe, öffnete und zeigte sofort mit dem Finger auf ihn: „Wie bist du hier herein gekommen?“

Der Mann blickte sich unsicher um und erklärte, vielleicht etwas zu pathetisch, er träume davon, mit seiner Frau, die hochschwanger sein, hier für eine Weile ein Heim zu finden. Sie seien müde, arm, ohne Obdach und erschöpft von den Stürmen, die sie erlebt hätten.

Nun hatten sich auch andere Menschen um den blonden Mann herum gestellt, von denen einige seltsame rote Mützen trugen, die möglicherweise eine religiöse Bedeutung hatten, die der Mann vor der Tür nicht verstand. „Erst einmal wir!“ rief einer von ihnen. „Du bist hier ohne Erlaubnis reingekommen und erwartest nun, dass wir dich freudig begrüßen? Ernsthaft?“

Der Mann wollte nun erzählen, dass er und seine Frau harte Arbeit gewöhnt wären, dass er selbst Zimmermann sei und sich selbstverständlich nützlich machen würde, wo immer es nötig und gewünscht sei. Da sprach ihn wieder der Blonde an: „Glaubst du denn, dein Land würde uns die Besten schicken? Nein. es sendet natürlich die, die Probleme haben und die Probleme machen. Drogenkuriere. Vergewaltiger. “ 

Die Frau auf dem Esel hatte nun Angst um ihren Mann, da sie hören konnte, dass die Menschen in der Tür immer wütender wurden. „Komm zurück, wir finden schon etwas anderes“, rief sie laut, und wenige Momente später drängte er sich schnell durch die kleine Tür in der Mauer auf die Straße hinaus. Er sah erschrocken aus, und sie hatte das Gefühl, ihn aufmuntern zu müssen.

„Da drüben ist noch eines, das sieht sehr nett aus“, rief sie ihm zu. Tatsächlich lag auf der anderen Straßenseite noch ein Haus, das hinter Büschen und einer blumenbewachsenen kleinen Wiese stand und das mit Efeu bewachsen war. In einem der Fenster war ein großes Plakat so aufgehängt, dass es von der Straße aus zu lesen war:

Vielfalt lieben –Vielfalt leben

„Hier finden wir etwas“, sagte die Frau, und er ging, wieder etwas hoffnungsvoller, durch den Garten mit den vielen Pflanzen und klopfte an die Tür. Er sah, wie jemand durch ein kleines Loch in der Tür nach draußen schaute, dann rief drinnen eine Frau: „Da steht ein Typ vor der Tür.“ Sofort war zu hören, dass andere zu ihr kamen, wie um ihr Sicherheit zu geben. Erst nach einigen Minuten öffnete jemand.

„Was willst Du?“ fragte eine Frau durch den Türspalt, und der Mann erklärte, dass er und seine Frau einen sehr langen Weg hinter sich hätten, dass sie schwanger und sehr erschöpft wäre und dass beide sehr froh wären, wenn auch sie einen Platz finden könnten.

„MEINE Frau, hat er gesagt. Besitzanzeigendes Fürwort. Das ist kein Zufall“, sagte eine Frau hinter der Tür, und ein Mann antwortete mit eindrucksvoll erregter Stimme: „Mich kotzen die heteronormativen Geschlechterbinarismen so dermaßen an, die von solchen Typen noch und noch reproduziert werden.“ 

Außer dem Begriff „kotzen“ hatte der Mann vor der Tür kein Wort verstanden, und er verstand auch den Zusammenhang nicht. In einem der Wörter war allerdings, wenn er sich nicht täuschte, von Geschlechtern die Rede gewesen, und so sagte er: „Es ist uns natürlich ganz gleichgültig, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, wir möchte nur gern, dass es sicher geboren wird.“

„Das arme Kind ist nicht einmal geboren, und der Typ hat nichts Besseres zu tun, als ihm schon einmal ein Geschlecht zuzuteilen“, sagte jemand hinter der Tür. „Ich fühl mich hier echt nicht mehr sicher, wenn dieser Typ da rumsteht“, sagte jemand anderes.

Nun trat ein jungen Mann durch die Tür, der aussah, als ob er dafür viel Mut gesammelt hätte. „Verpiss dich!“ rief er dem Mann entschlossen zu, und der wusste nicht, was er falsch gemacht hatte. Er drehte sich aber um, ging durch den Garten zurück und überlegte, wie er seiner Frau erklären konnte, was geschehen war.

„Wir versuchen es einfach weiter“, sagte sie, und der Mann merkte, dass sie ihn aufmuntern wollte, aber ihre Erschöpfung nicht mehr überspielen konnte. Sie gingen die Straße weiter, aus dem Lichtschein der hellerleuchteten Häuser heraus ins Dunkle.

 

Als sie eine Weile gegangen waren, sahen sie hinter ein paar Bäumen ein kleines Licht. Als sie weitergingen, merkten sie, dass es der Schein einer Kerze war, die hinter dem Fenster eines kleinen Hauses leuchtete. Sie klopften.

Ein Mann und eine Frau öffneten leise die Tür und sagten flüsternd: „Sie schlafen. Bitte seid leise.“ Der Mann, der den Esel hielt, erklärte mit kaum hörbarer Stimme, dass er und seine Frau einen langen Weg hinter sich hätten, dass sie schwanger wäre und sie ein Obdach bräuchten, nur für die Nacht. „Wartet, ich komme raus“, flüsterte der Mann, der drinnen stand.

Als er draußen war und die Tür geschlossen hatte, erklärte er ihnen, nun etwas lauter, dass die Kinder in der Stube drinnen schon schlafen würden und dass es ihm sehr leid täte – aber sie hätten in dem einen Raume, den sie bewohnten, keinen Platz mehr für zwei Erwachsene. Wenn es ihnen nicht zu unangenehm wäre, könnte er ihnen aber den Stall herrichten – der sei warm durch die Tiere, und das Stroh machen  den Boden weich.

Die Frau war erleichtert, und ihr Mann bedankte sich mit so vielen Worten, dass der andere Mann verlegen lachte.

Als er mit ihnen den Stall zum Schlafen herrichtete und auch eine Krippe für den Fall vorbereitete, dass das Kind noch in der Nacht kommen würde, fragte er sie, ob sie nicht bei den Häusern an der nahegelegenen Straße nachgefragt hätten.

„Wir haben es versucht, aber ganz ohne Erfolg“, sagte die Frau.

„Das wundert mich nicht“, sagte der Mann, während er die Krippe innen weich mit Stroh abdeckte, „die Häuser sind schon lange verfeindet, rechte Straßenseite gegen linke Straßenseite. Mit Menschen, die auf keine der beiden Seiten gehören, können sie nichts anfangen.“

„Von einer Feindschaft haben wir nichts bemerkt“, sagte die Frau, „sie waren einfach alle etwas seltsam“, ergänzte ihr Mann, und der andere Mann lachte wieder. Den Stall hatte er nun hergerichtet, und bevor er seiner Frau ins Haus zurückging, bat er die beiden Gäste, es ihnen unbedingt zu sagen, wenn sie noch etwas bräuchten.

 

Eine Weile später ging ein kleiner Stern über der Hütte und dem Stall auf. Es war kein besonderer Stern, eher ein Stern wie viele andere. In dem hellen Licht der Häuser, die zu beiden Seiten der Straße standen, war er nicht einmal zu sehen.

 

 

Angaben zum Beitragsbild:

Joseph von Führich, Die Herbergssuche in Bethlehem, Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, fotografiert von Andres Kilger

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11 Comments

  • Sehr schön die Scheinheiligkeit einiger bei uns vertretenen Fraktionen dargestellt.

    Und jetzt Hand aufs Herz: Wenn jemand an Deine Tür klingelt, bärtig, verschwitzt und stinkend nach einer langen Reise, im Gepäck ein Esel und eine schwangere Frau in ähnlichem Zustand – was würdest Du tun?

    Wer sich nicht selbst belügt, wird wahrscheinlich zugeben, dass er diese Familie auch nicht in sein Haus lassen würde, geschweige denn ihnen eine Unterkunft für die Nacht geben. Der Unterschied dürfte nur in der Form der Ablehnung bestehen – einfach Tür zuknallen, hilflos den Notruf wählen, an die Kirche verweisen, …

    Die Weihnachtsgeschichte ist halt am Ende doch nur als Märchen irgendwie romantisch. In der Realität wäre es für alle Beteiligten die Hölle, außer für die ganz Abgebrühten vielleicht, denen andere Menschen wirklich egal sind.

  • Ich wünsche allen schöne Weihnachten und ein gesundes neues Jahr.
    Insbesondere auch an Lucas Schoppe, der mit „man tau“ zu den „Top 3“ der geschlechterpolitischen Avantgarde/Graswurzelbewegung gehört, neben Arne Hoffmanns Genderama und Christian Schmidt „alles evolution“.

    Lucas, auch wenn Du manchmal den verständlichen Wunsch haben magst, den Kram hinzuschmeißen, möchte ich Dich herzlich bitten, weiterzumachen, denn Du bist für mich DIE Referenz des seriösen, fundierten Männerrechtlers!

  • Lieber Lucas, mein Tag fing heute mit deiner Geschichte an, nachdem ich vor dem Rest der Familie aufgestanden war um schonmal Frühstück zu machen. Ich finde die Geschichte nicht nur sehr gut und schön getroffen, sie hat mich irgendwie auch richtig bewegt. Daher ist es nun an der Zeit, nachdem mich dein Blog nun schon seit 2 Jahren wertvoll begleitet und inspiriert, Dir einmal zu Weihnachten aufs Allerherzlichste zu danken. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute und hoffe, dass du noch lange für uns weiter schreibst.

    TL/DR: DANKE !!!

  • „Hat die eine Fachkraft in der Röhre, die sie uns mitbringt?“

    Wen wählt diese Person? Kleine Quizfrage:
    a) die revolutionäre marxistische Liga
    b) die evangelische Volkspartei
    c) die AfD

    • Die Antwort ist wie immer d: Was zum Naschen! 😉

      Die Positionen der Option b kenne ich nicht. Und um zwischen a und c zu unterscheiden, wäre es nötig, zu wissen ob in der Frage die Bezeichnung „Fachkraft“ ernst gemeint ist – dann käme die Frage wohl von einem interessierten Marxisten – oder sarkastisch – dann käme sie wohl eher von jemandem aus dem Dunstkreis der AfD.

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