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Die stille und die laute Welt

geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Text über Musik und mediale Rituale der Feindschaft 

Ich wollte eigentlich schon lange einmal etwas über Musik schreiben. In den letzten Monaten fand ich es nämlich oft schwer, noch eine Verbindung zu finden zwischen der Alltagserfahrung im Beruf, die in Corona-Zeiten tatsächlich besonders fordernd ist, und den seltsamen Ritualen und Feindschaften sozialer und anderer Medien. 

Vielleicht – dachte ich – ist es also eine gute Idee, den Blick einmal für eine Weile von diesen um sich selbst rotierenden Ritualen abzuwenden.

  1. Ein ganz normaler Tag auf Twitter
  2. Leid zum Lustgewinn
  3. Musik und die stille Welt
  4. Run the Jewels – RTJ4
  5. Taylor Swift – folklore / evermore
  6. Sankt Otten – Musik für geometrische Stunden
  7. Dua Lipa – Future Nostalgia
  8. Khatia Buniatishvili – Labyrinth
  9. Bob Dylan – Rough and Rowdy Ways
 

Ein ganz normaler Tag auf Twitter

Ein ganz normaler Tag auf Twitter: Ein Juso-Funktionär verliert seine Ämter im Berliner Landesvorstand, nachdem er Erschießungsphantasien gegen Vermieter und Junge Liberale getweetet hat. Ein Hashtag zur Solidarität mit ihm steigt an die Spitze der Trends, „Julischweine“ in den „Kofferraum“ wünschend. Während die einen damit unbekümmert und mit gar nicht klammheimlicher Freude auf den Mord an Hanns Martin Schleyer anspielen, erklärt derweil der „Referent_innenRat“ – also der AStA – der Humboldt-Uni seine unbedingte Solidarität mit dem Urheber der Gewaltphantasien.

Junge Liberale wiederum hatten schon letztes Jahr darüber debattiert, ob nicht der Inzestparagraph abgeschafft werden sollte, und einer hatte das mit der durchgeknallten Forderung getoppt, dass auch Bordelle mit Leichen erlaubt sein müssten.

Die Hoffnung, dass soziale Medien demokratische Debatten in ganz neuer Form ermöglichen würden, baut darauf, dass die meisten Menschen über alle politischen Unterscheide hinweg ein echtes Interesse an einer gemeinsamen Debatte haben. Dass die wesentliche Währung dieser Medien aber die Aufmerksamkeit anderer ist, begünstigt krasse Regelbrüche und histrionische Charaktere:

Wer ganz darauf eingestellt ist, sich beständig die Aufmerksamkeit anderer zu verschaffen, hat hier Vorteile. Für Aufmerksamkeit wiederum sorgt nicht für die Unterstützung gemeinsamer Regeln, sondern deren Gefährdung und Verletzung – das wissen alle, die sich noch an ihren Schulunterricht erinnern.

Der Prozess der Zivilisation: Für den Soziologen Norbert Elias war das auch ein Prozess, in dem Verknüpfungen zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft geschaffen wurden, die zuvor voneinander abgeschottet waren. Formelle Bereiche (vor allem politische und staatliche Institutionen) verflüssigten sich und wurden zugänglicher, informelle Bereiche strukturierten sich und organisierten so Möglichkeiten sozialer Mobilität – zum Beispiel in den Arbeiterbildungsvereinen, aus denen einst auch die SPD erwuchs.

Wenn Elias Recht hat, dann erleben wir schon seit einer ganzen Weile einen Prozess der De-Zivilisierung, in dem sich eine institutionell gesicherte Oberschicht abschottet, während die dadurch entstehenden sozialen Konflikte wieder und wieder dort ausgetragen werden, so sie überhaupt nicht lösbar sind: zwischen denen, die aus den abgesicherten Strukturen ausgeschlossen sind. Darum erlebt auch die Identitätspolitik rechts und links einen Aufschwung: Sie stellt Frauen gegen Männer, Schwarze gegen Weiße, Migranten gegen Einheimische, eine Kultur gegen die andere.

Der letzte Text hier hatte sich hier mit der Frage beschäftigt, warum die sozialen Netzwerke diesen Prozess der Dezivilisation eher verstärken als aufhalten. Der Bau von Schützengräben in sozialen Netzen und die Abschottung von öffentlichen Institutionen sind dabei zwei Aspekte desselben Prozesses.

 

Leid zum Lustgewinn

Das deutsche Impfdesaster hat  bislang für die, nunja, „Verantwortlichen“ überhaupt keine Konsequenzen gehabt. Die Kanzlerin vollzog lange ihren bewährten Merkel-Move, abzutauchen und Themen wortreich zu vermeiden, wenn es kritisch wird. Sie lebt seit vielen Jahren gut damit, sich mit positiven, nicht aber mit negativen Nachrichten assoziieren zu lassen.

Spahns Gesundheitsministerium preist derweil den „täglichen Fortschritt“ beim Impfen an, die Kanzlerin selbst findet gelassen, dass „im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen“ wäre, und Ursula von der Leyen hat Mitarbeiter, die für die Übernahme von Verantwortung zuständig sind. Alle agieren so, als lebten sie in einer ganz anderen Welt als die Menschen, die mit den Folgen ihrer Fehlentscheidungen konfrontiert sind.

„Die Kommissionspräsidentin stellt sich der Kritik des europäischen Parlaments“, kommentiert Martin Sonneborn dieses Bild.

Dabei fehlt ein Konzept, wie wir denn in den nächsten Monaten oder gar Jahren mit Corona leben können, wenn wir nicht in einem ewigen Lockdown erstarren wollen. Dass vor diesem Hintergrund eine erfolgreiche Impfkampagne die einzige glaubwürdige Perspektive bietet, macht das europäische Impfversagen besonders schlimm. Als ginge sie das alles nichts weiter an, drängen sich Kommunalpolitiker beim Impfen auch noch nach vorn: Der reale Schaden dieses Verhalten wird begrenzt sein, der Signalcharakter ist ein Desaster im Desaster.

Der von Ruprecht Polenz geprägte Kampfbegriff des „Impfnationalismus“ ist ein gutes Beispiel für den Spin, mit dem die Erwartung einer Übernahme von Verantwortung medial ausgetanzt wird. Er ersetzt die pragmatische Frage nach dem Funktionieren von Institutionen durch aggressive Vorwürfe an Kritiker und ein idealisierendes Selbstbild: Wir haben deswegen so wenig Impfstoff, weil wir irgendwie halt gute Menschen sind und nicht nur an uns selbst denken.

Als würde er sich jetzt schon um einen Platz in einer schwarz-grünen Koalition bewerben, steigt der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz, wie viele andere, darauf ein und wirft Kritikern aus der SPD Nationalismus und Populismus vor – was dann wiederum Polenz zustimmend zitiert.

Dass Israel, das mit der Gesundheit seiner Bevölkerung wesentlich verantwortungsvoller umgeht als Deutschland, damit implizit als egoistisches, nationalistisches Land hingestellt wird, nehmen Polenz und Notz nebenbei wie selbstverständlich  in Kauf.

Mit solchen Manövern ersparen sie und andere den politisch Verantwortlichen die Übernahme politischer Verantwortung, indem sie – ganz im Trump-Style, übrigens – eine eigentlich klare Angelegenheit als kontroverse Frage präsentieren und moralisch aufladen. Es geht dann nicht mehr um Akteure in Institutionen, nicht mehr um Fehlentscheidungen, Desinteresse oder auch Verantwortungslosigkeit – sondern um die Fantasie einer Frontstellung, die deutlich von simplen Gut-Böse-Mustern geprägt ist: Wir Menschenfreunde – Ihr Nationalisten.

So wird politische und institutionelle Verantwortung in einen moralisch überhöhten zwischenmenschlichen Konflikt zwischen verschiedenen Gruppen der Regierten verwandelt.

Die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski reagiert beispielsweise auf Ralf Bönts Forderung, Männer aufgrund ihrer deutlich größeren Gefährdung eher als Frauen zu impfen, macht sich offen darüber lustig und findet, Männern sollte stattdessen einfach beigebracht werden, sich öfter mal die Hände zu waschen. Selber Schuld irgendwie, diese kleinen Schweinchen.

Spott über das Leid und Sterben anderer: Kommentar einer Spiegel-Kolumnistin,  aktueller Spiegel-Titel – politische Konflikte, verwandelt in Geschlechterkonflikte

Wenn Realität vorwiegend medial wahrgenommen wird, verliert sich der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Simulation. Das tausendfache, furchtbare Krepieren von Menschen kann dann zum Anlass für Witzeleien werden, und das Leid anderer lässt sich für den eigenen Lustgewinn präparieren, ohne dass das als moralisches Problem erscheint. Stattdessen wird es eingespeist in die vertrauten und damit auch beruhigenden Muster der Frontstellungen sozialer Medien:

In ihren abwertenden Darstellungen erscheinen andere als unwürdig, zu einer einer gemeinsamen Debatte zugelassen zu werden – und anstatt deren Positionen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, werden dann ersatzweise Projektionen darüber in der eigenen Bubble herumgereicht.

 

Musik und die stille Welt

Wie aber kommen wir heraus aus diesem Fest diskursiver Gewalt, das in sozialen Medien täglich und von verschiedenen Seiten begangen wird? Eine wichtige Möglichkeit ist, sich zu vergewissern, dass unsere Ressourcen deutlich größer sind, als das in den Verarmungen der medialen Frontstellungen erscheint.

Zufällig habe ich einen kurzen Bericht einer kanadischen Lehrerin gelesen, in dem sie beschreibt, welche unerwartet positiven Folgen die Corona-Krise für viele Schüler hatte: eine Erleichterung über eine Welt, die still geworden wäre. Ich kann das durchaus bestätigen. Einer Menge von ihnen, auch meinem eigenen Sohn, hat die Corona-Pause auch Möglichkeiten verschafft, die sie vorher nicht hatten: in Ruhe und ungestört durch andere zu arbeiten – schriftlich zu formulieren, was ihnen sonst mündlich schwerfällt – oder sich auch ganz einfach über Stunden in Aufgaben zu vertiefen.

Anstatt sich also beständig an Ärgernissen und Feindschaften und Empörungsanlässen abzuarbeiten, lohnt es sich, ab und zu auch einmal auf das zu achten, was zu den eigenen Ressourcen beiträgt, anstatt sie zu plündern. In meinem letzten Text hier habe ich angekündigt, mich einmal ein wenig auf Musik aus dem letzten Jahr zu konzentrieren – einfach als Beispiel dafür, was uns außerhalb der eingeübten Feindschaften zur Verfügung steht.

Ich will jetzt nicht Mitte Februar noch mit einem weiteren Jahresrückblick daherkommen – aber Musik bietet einfach sehr schöne Beispiele dafür, auf welch unterschiedliche Weise Künstler mit dem so irrwitzigen, auch so furchtbaren letzten Jahr umgegangen sind.

 

Run the Jewels – RTJ4

Killer Mike hat niemanden umgebracht, sondern trägt seinen Namen seit frühen Rap-Battle-Tagen, als er ein Killer am Mikrophon war. Im Mai wurde er auch über Hip-Hop-Szenen hinaus, als er in Atlanta eine Rede zu den Demonstrationen nach der Tötung George Floyds durch einen weißen Polizisten hielt.

Er drückt zwar seine unendliche Wut aus, erzählt aber auch, dass er selbst aus einer Familie von Polizisten stammt, dass er Liebe und Respekt für Polizisten empfinde. Er ruft dann dazu auf, das „eigene Haus nicht zu verbrennen“ (not to burn your own house down) und sich in der Wahlkabine zu wehren. Eben das ist bei aller Wut und offenen Gegnerschaft zivil: Er ruft nicht zum Kampf, sondern fordert die Entscheidung über ein Verfahren, das alle gemeinsam haben.

Bitter aus heutiger Sicht, dass dann einige Monate später ausgerechnet der amerikanische Präsident dieses Verfahren radikal in Frage stellte, und aus dem banalen Grund einer Wahlniederlage.

Bei Run the Jewels arbeitet Killer Mike mit dem weißen New Yorker El-P zusammen. Die enorme politische Dringlichkeit dieses Albums wird, beispielsweise, in dem Song Walking in the Snow deutlich. Er erzählt von keinem romantischen Winterspaziergang, sondern vom Leben in einer kalten Gesellschaft, in der aus dem Schrei „I can’t breathe“ schließlich ein Flüstern werde (Until my voice goes from a shriek to whisper, „I can’t breathe“).

Trotz der inhaltlichen, politischen und auch musikalischen Wucht bricht auch hier die clowneske Seite des Duos durch: Das Video zum Song wird mit Spielzeugfiguren gedreht, und der Song selbst endet in einer absurden Argumentation: Da die Gruppe aus einem Schwarzen und einem Weißen bestehe, sei jeder, der sie nicht mag, automatisch ein Rassist.

Das Album ist für 0,95 € oder für eine Spende auf der Webseite von Run the Jewels herunterzuladen.

 

Taylor Swift – folklore / evermore

Taylor Swifts letztes Album Lover fand ich unerträglich, vom bonbonfarbenen Cover über die konventionelle, auf Hits abzielende Musik bis hin zum seltsamen Pflichtprogramm eines misandrischen Liedes, das Sängerinnen aus irgendwelchen Gründen dabei haben müssen, um als selbstbewusste junge Frauen durchzugehen. In The Man beklagte sich die millionenschwere Swift darüber, wie viel leichter sie es als Mann gehabt hätte.

Vom Album folklore aber war ich wirklich überrascht. Es ist sehr leise, souverän, und es scheint in sich zu ruhen. Die Zusammenarbeit mit Aaron Dessner von The National wirkt sehr harmonisch – das Ergebnis klingt weder nach Swift noch nach The National, doch trotzdem sind beide jederzeit erkennbar.

In der sparsamen Produktion wirken Swifts Songs wie eine Kurzgeschichtensammlung. Vor allem aber passt ihre Atmosphäre der Ruhe und Zurückgezogenheit in die Erfahrung des Lockdowns. Dass der gewohnte Betreib stehenbleibt, dass Menschen auf sich selbst zurückgeworfen sind, dass bekannte Routinen unterbrochen werden (und dass Menschen zugleich auf den Intensivstationen furchtbares Leid erleben)  – das taucht bei Swift über das Leitthema der beendeten Beziehungen in der vertrauten, verdaulichen Form von Liebesliedern wieder auf.

Wer mit Adorno die Kulturindustrie analysieren oder kritisieren möchte, bekommt hier eine interessantes Problem vorgesetzt. Die Vermarktung des Albums ist professionell und umfangreich, und wer wollte, konnte sich auf Swifts Webseite das Album in mehreren Versionen, Strickjacken („Cardigan“ heißt einer des Songs) oder passende Taschen kaufen.

Aber zugleich funktioniert die gigantische Verkaufsmaschine nur deshalb so gut, und besser als auf dem letzten Album, weil Swift und Dessner glaubhaft den Eindruck des Privaten und  Authentischen herstellen können. Marjorie zum Beispiel, einen Song vom Nachfolgealbum „evermore“ über Swifts verstorbene Großmutter, finde ich tatsächlich berührend.

 

Sankt Otten – Lieder für geometrische Stunden

Ein Gegenprogramm zum Marketingmaschine Swift: Sankt Otten ist eine deutsche Zwei-Personen-Band, nicht einmal aus Berlin, sondern aus Osnabrück. Eine Band mit traditionell verspielten Albumtiteln (Männerfreundschaften und Metaphysik, Zwischen Demut und Disco, …) und Songtiteln – elektronische Musik, die zugleich tief nostalgisch ist und sich immer wieder auf Musik aus den Siebzigern und Achtzigern bezieht. Die Blumen darfst Du behalten erinnert zum Beispiel an Robert Fripp, Wenig Worte für ein Ende an die frühen Alben von Jean-Michel Jarre, Die Kunst des falschen Timings wäre ein passendes Leitmotiv für die Nostalgie des ganzen Albums – und das Eingangsstück Sentimentale Sequenzen finde ich einfach schön.

Das Album steht hier auch stellvertretend für Musik vom Denovali-Label, die oft deutlich düsterer ist als die von Sankt Otten, die aber immer etwas Wichtiges mit ihr gemein hat: Angesichts der kleinen Auflagen des Labels und seiner oft sehr experimentellen Musik ist es fantastisch zu sehen, wie viele Menschen Musik machen, weil sie offenbar schlicht davon begeistert sind, oder weil sie ein Ausdruckbedürfnis haben – ganz ohne Kalkül auf Massenerfolg.

 

Dua Lipa – Future Nostalgia

Über kein anderes Album habe ich im letzten Jahr so hymnische Kritiken gelesen wie über Fiona Apples Fetch the Bolt Cutters. Als Musik, wie es sie noch nie gegeben hätte, oder als ein Jahrhundertalbum wurde es gefeiert. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass überdrehtes Lob auch schaden kann – denn das Album ist nicht schlecht, aber diesen gigantischen Zuschreibungen wird es nicht gerecht. Es ist musikalisch und textlich sehr konventionell – auch wenn es rhythmisch manchmal sehr interessant ist.

Noch verwirrter war ich über das enorme Kritikerlob für Dua Lipas Future Nostalgia. „You want a timeless song / I want to change the game”, singt Lipa gleich zu Beginn – und das stimmt eben gerade nicht. Neulich habe ich zufällig noch einmal ein Lied von Mariah Carey gehört, und neben Dua Lipas Dance Pop wirkt selbst deren Musik noch wie erdiger Soul. Denn die ändert kein Spiel, sondern führt einfach nur längst vertraute Spiele weiter.

Aber das macht sie durchaus gekonnt. Ich fand es beim ersten Hören völlig nichtssagend, wie tausendmal gehört – und das lag kaum am misandrischen Pflichtprogramm, dass in diesem Fall mit einem Song abgedeckt wird, der sexuelle Belästigung und „Mansplaining“ verschaltet („Boys Will Be Boys“). Nachdem ich das Album dann aber öfter beim Joggen gehört habe,  hat mir die Musik mit der Zeit immer mehr Spaß gemacht.

Es gehört aber auch körperliche Bewegung dazu, und so wirkt es wie eine Erinnerung an eine Zeit vor Corona, und ein Song wie Physical wirkt als Gegenmodell zum Social Distancing wie eine Versicherung, dass auch noch einmal wieder andere Zeiten kommen werden.

Das eben fehlt Kindern und Alten in den Zeiten von Corona, aus unterschiedlichen Gründen. Kinder halten nach kurzer Zeit das, was sie erleben, für eine allgemeine Normalität, als hätte es nie etwas anderes gegeben – und Alte wissen tatsächlich nicht, ob sie noch andere Zeiten erleben werden, in denen sie ohne Befürchtungen ihre Enkelkinder wiedersehen können.

Für Menschen in den Lebensaltern dazwischen ist Future Nostalgia als Erinnerung an Vergangenes eben zugleich eine Versicherung sein, dass noch einmal wieder andere Zeiten kommen werden.

 

Khatia Buniatishvili – Labyrinth

Khatia Buniatishvilis Labyrinth wirkt wie Swifts folklore wie ein Dokument des Lockdowns. Die Stücke stammen aus ganz unterschiedlichen Zeiten und ganz unterschiedlichen Genres: Johann Sebastian Bachs Musik ist ein Rückgrat des Albums, aber dazu kommen, zum Beispiel, Arvo Pärt und Serge Gainsbourgh, Philip Glass und Ennio Morricone, John Cage und Johanes Brahms.

Moderne, Romantik, Barock, Klassik, Filmmusik – in aller Unterschiedlichkeit passen die Stücke zusammen, weil sie eine enorme Ruhe ausstrahlen. Buniatishvili spielt leise, zurückhaltend, langsam, vorsichtig, und gerade die Unterschiedlichkeit der Musik erweckt den Eindruck, sie würde sich hier viel Zeit nehmen, um ein Resümee zu ziehen.

In diesen Zusammenhang passt dann auch John Cages berüchtigtes 4‘33‘‘, in dem die Pianistin einfach viereinhalb Minuten gar nichts spielt. Hier ist dann tatsächlich die Zeit angehalten, und wer trotzdem noch mit der gewohnten Erwartung an ein Konzert zuhört, hört dann nur noch die Geräusche seiner engeren Umgebung – und seine eigenen.

Das Album hat insgesamt in seiner Ruhe und dem fast vorsichtig wirkenden Spiel Buniatishvilis etwas Tröstendes, nicht nur in einer der Consolations von Franz Liszt.

 

Bob Dylan – Rough and Rowdy Ways

Anders als einige Freunde von mir war ich nie Dylan-Fan. Allerdings finde ich seine Altersstimme toll – tief, gebrochen, ohne das Näseln von früher. Gleich im ersten Song seines Albums Rough and Rowdy Ways zitiert er eine Zeile von Walt Whitman, DEM amerikanischen Dichter, aus dessen Song of Myself (im 51. Teil): I Contain Multitudes.

Während also Identitäre von rechts und links Identitäten sauber getrennt und möglichst zellophanverpackt in säuberlich getrennten Fächern verstauen, während sie gegen die Vermischung, gegen den „White Genocide“ oder die „Cultural Appropriation“ agitieren, inszeniert sich Dylan als Sänger Amerikas, der eine Vielzahl von Identitäten aus der ganzen Welt enthält.

Bei Whitman drückt sich der alte Traum, dass aus vielen eine Einheit entstehen auch formal aus. Anstatt dass seine Gedichte sich an vorgegebene Formen anpassen würden, stellen sie in langen Aufzählungen die Verschiedenheit der Menschen in Amerika nebeneinander: I hear America Singing.

Eben dieser umfassende Anspruch war dann eben keine hohle, abstrakte „Gleichheitsideologie“, als die der Universalismus der Aufklärung heute von linken wie rechten Aktivisten verballhornt wird.  Eben dieser Anspruch hat dann beispielweise dem afroamerikanischen Dichter Langston Hughes die Chance gegeben, auf das hinzuweisen, was Whitman ausgelassen hatte: I, too, sing America.

Solche Dialoge sind zwischen den gut verpackten Identitäten woker oder rechtsradikaler Positionen jeweils nicht möglich.

Auch Dylans Album endet mit einer langen Aufzählung. Sein hier stark vom Blues geprägte Musik mündet in eine 17minütigen Mediation über die Ermordung John F. Kennedys, in der Dylan schließlich lange Rückschau hält auf die populäre Kultur der 50er und 60er Jahre. Da steht dann beispielsweise die Flower-Power von Woodstock neben dem Gewaltdesaster von Altamont, und in dem Murder Most Foul (auch das ein Zitat, aus Shakespeares Hamlet) drücken sich auch heutige Spannungen aus:

Spannungen zwischen demokratischen Hoffnungen, die auch von einer unendlichen kulturellen Vitalität getragen werden – und der Zerstörung solcher Hoffnungen in Gewalt, in unerbittlichen Feindschaften (We’re gonna kill you with hatred, without any respect) und auch in der Brutalität erstarrter Institutionen (Business is business, and it’s a murder most foul).

 

 

PS. „We’re not repeating history, just the parts that sucked“

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6 Comments

  • Wir haben deswegen so wenig Impfstoff, weil wir irgendwie halt gute Menschen sind und nicht nur an uns selbst denken.

    Ach. Hat Deutschland oder die EU ein paar hundert Millionen Impfdosen an afrikanische Länder verschenkt? Habe ich etwas verpasst?

    • Lieber Nick,

      vielen Dank für das Lied von Deinen Kindern und Dir! Ich musste mich in den letzten beiden Tagen ein wenig um mein Kind kümmern, sonst hätte ich schon eher reagiert.

      Ich finde es wirklich schön, weil es die Situation so gut wiedergibt. Einerseits natürlich im Text – andererseits aber auch, weil man möglicherweise einmal in der Situation war, zusammenzusitzen und die Konzentration zu haben, so etwas gemeinsam zu machen. Ohne dass alle beständig irgendwo Termine haben (außer am eigenen Computer).

      Ich werde das Lied bald mal in der Schule einsetzen, wenn es Euch recht ist. Es sind ja viele Andeutungen im Text auf die Geschehnisse der Corona-Zeit, und es würde mich interessieren, ob die Schüler mit allen etwas anfangen können.

      • Lieber Lucas,

        danke für Deine nette Rückmeldung! Ja, es passte in der Situation einfach, so etwas zu kreieren. Wir waren viel zusammen, hatten auch mehr Zeit zusammen als sonst, es prasselten ganz viele Informationen auf uns ein, was _ich_ schon nicht leicht verarbeiten konnte, und die Kinder entsprechend weniger – insofern war das Lied durchaus auch ein Ventil, um ein paar Sachen auszudrücken, die uns auf der Seele lagen.

        Ich würde mich freuen, wenn Du es in der Schule einsetzt!

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