Reihe Rechtspopulismus (3): Politikstil und Rhetorik

Im dritten Teil der Reihe „Rechtspopulismus“ wird der Politikstil bzw. die Rhetorik dieses politischen Phänomens erörtert. Wer die bisherigen Teile der Reihe Rechtspopulismus verpasst hat, kann diese unter den folgenden Links nachlesen:

Reihe Rechtspopulismus (1): Erste Annäherung

Reihe Rechtspopulismus (2): Ideologie

Der charismatische Führer als Sprachrohr der „schweigenden Mehrheit“

Silvio Berlusckoni - Rechtspopulist

Silvio Berlusconi als Vertreter des italienischen Rechtspopulismus und gleichzeitig charismatischer Führer.

Hauptmerkmal des Rechtspopulismus ist sein verabsolutierter Anspruch auf Repräsentation des Souveräns bzw. der gesamten Bevölkerung. Fortwährend dadurch implementiert, indem vom „Volk“  oder beispielsweise von der „schweigenden Mehrheit“ gesprochen wird, deren unterdrückte Interessen der charismatische Führer aufnimmt und artikuliert. Appelliert wird an die durchaus existenten Emotionen wie Ärger, Wut, Verunsicherung, Angst, Enttäuschung etc. seiner potentiellen Wählerschaft mit der Zusicherung, ihre Interessen und Anliegen gegenüber der herrschenden Elite in Worte zu fassen bzw. zu repräsentieren und überdies die politischen Verkrustungen einer „politischen Elite“ aufzubrechen. Dabei ist die Distanz zwischen dem charismatischen Volkstribun, der als Advokat und Sprachrohr der „schweigenden Mehrheit“ auftritt, und dem als Einheit propagierten Volk aufgehoben.

Volkstümliche Sprache und Habitus

Der rechtspopulistische Volkstribun gibt sich dementsprechend volkstümlich: einer, der dieselbe Sprache spricht wie seine Wähler, einer zum Anfassen, einer, der aus „dem Volk“ stammt und demzufolge seiner Position als Führer Legitimation verschafft.

Insbesondere mithilfe einer unerschrockenen und volkstümlichen Sprache wird die Auflösung der Distanz zwischen dem Volk und dem charismatischen Führer erreicht; dabei werden vorwiegend unterschwellige Stimmungen der Bevölkerung aufgenommen und tabu frei artikuliert. Die Äußerungen sind dabei häufig antielitär und antiintellektuell, gepaart mit einem indifferent gestrickten Gesellschaftsbild und einer Freund-Feind-Rhetorik.

Appell an direktdemokratische Beteiligungsformen

Mit ihrem Appell nach verstärktem Gebrauch direktdemokratischer Beteiligungsformen, geht es den Rechtspopulisten insbesondere darum, die Bevölkerung gegen die politische Elite zu mobilisieren. Ungeachtet dessen, dass sich die Rechtspopulisten gerne als Anti-Partei-Partei mit Bewegungscharakter inszenieren und vermehrt basis- bzw. direktdemokratische Elemente fordern, sind die innerparteilichen demokratischen Strukturen vielfach nur rudimentär ausgebildet und haben folglich eher einen akklamatorischen Charakter.

Tabubruch als zentrales rhetorisches Stilmittel

Bild zeigt im geschriebenen Wort: Rhetorik

Als bedeutendstes rhetorisches Stilmittel der Rechtspopulisten kann wahrscheinlich der beabsichtigte Tabubruch bezeichnet werden. Mit diesem markiert er die eigene Rolle als Außenseiter und zeigt zugleich an, dass er sich traut, etwas zu sagen und aufzubegehren. Eintracht, Harmonie, konsensualer Diskursstil und im weitesten Sinne „political correctness“ sind das gesellschaftspolitische Übel schlechthin. Zumal sich der charismatische Führer traut, auszudrücken, was „die schweigende Mehrheit“ nur hinter vorgehaltener Hand zu artikulieren vermag, wird er als authentischer „Mann des Volkes“ wahrgenommen. (Bauer 2016: 12 ff.)

Der Stil der Populisten ist griffig-parolenhaft (Leibeigene der Gen-Industrie, Polit- Nomenklatura), demagogisch, simplifizierend (keine Gnade für die Täter), provokativ, maßlos übertreibend und emotionalisierend (zu Tode gespart, Globalisierungsdiktatur). Scheinbar einfache und radikale Lösungen (statt „faulen Kompromissen“) treten an die Stelle einer Analyse der gesellschaftlichen Komplexität.“ (Bauer 2016: 14)

Ein weiteres Merkmal der Rechtspopulisten ist ihre Selbststilisierung zu einem Opfer, das verfolgt und ausgegrenzt wird, obwohl es insbesondere bei der Parteielite vielfach überhaupt keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass sie zu einer verfolgten und ausgegrenzten Gruppe gehören würden. Hingegen werden wirkliche Opfer, die von Marginalisierung und Stigmatisierung betroffen sind, vielfach verhöhnt oder als Übertreibungen abgetan.

Spiel mit den Ängsten, Schwarzmalerei und Sündenböcke

Weitere rhetorische Stilmittel sind das Spiel mit den Ängsten (Untergang des Abendlandes wird beschworen), der Einsatz von Metaphern (Hexenjagd, Schlachtfeld, Globalisierungsmafia) oder die Verwendung von biologistischen Analogien (Ungeziefer, Melkkühe, Sündenböcke) sowie Verschwörungstheorien (z.B.: Flüchtlingskrise sei mithilfe gewisser Mächte in Gang gesetzt worden, um Deutschland zu schaden).

Der Politikstil des Rechtspopulismus konstituiert sich des Weiteren mithilfe des vielfach selbst inszenierten Skandals und mittels fortwährend propagierter Krisenerscheinungen. Mit der gütigen Beihilfe von auflagen- und sensationserheischenden Boulevardmedien, lässt sich diese Schwarzmalerei bzw. dieser Defätismus, ungeachtet dessen, ob der angeprangerte Missstand überhaupt vorhanden oder wie groß dieser real wirklich ist, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit beträchtlich vergrößern. Die populistische Boulevardpresse betreibt hier vielfach das Agenda-Setting für die Rechtspopulisten, indem diese die Themen der Boulevardpresse aufnehmen und politisch weiter „ausschlachten“ (Bauer 2016: 14). Um seine fortwährend zur Schau gestellte Empörung (Empörungsbewirtschaftung) über gesellschaftliche Missstände zu rechtfertigen, braucht der Rechtspopulismus gleichsam Feindbilder, die zugleich eine enge Beziehung zwischen dem Volk und dem charismatischen Volkstribun herstellen.

Hauptfeind aller Rechtspopulisten ist das Establishment, die ‚politische Mafia‘ (Vlaams Belang), die ‚Viererbande‘ (Le Pen), die ‚nomenclatura‘ (Bossi), die ‚Altparteien‘ (Haider).“ (Priester 2012)

Die Sündenbockfunktion kann quasi jede natürliche Person oder jede gesellschaftliche Gruppe übernehmen und ist folglich austauschbar – beliebt sind jedoch vor allem Minderheiten wie kriminelle Ausländer (Kriminaltouristen), kriminelle Flüchtlinge (Asylkriminelle), abgehobene Intellektuelle (Elfenbeinturm), Sozialhilfeempfänger (Sozialschmarotzer), Invalide (Scheininvalide), Künstler (entartete Kunst), jedoch auch die „classe politique“ oder sonstige missliebige gesellschaftliche Gruppen. Diese Gruppen werden quasi für alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Missstände verantwortlich gemacht und sie werden des Betrugs, der Korruption der Lüge oder der Kriminalität etc. beschuldigt.

Dämonisierung statt rationale Analyse

Bild zeigt einen Dämon in gemalter Form

Diese Dämonisierung bestimmter Gruppen und Personen sowie die Feinbilderzeugung und Sündenbockproduktion verbunden mit einer Empörungsbewirtschaftung treten an die Stelle einer rationalen Analyse der gesellschaftlichen und ökonomischer Umwälzungen (fortschreitende Modernisierung und sozialer Wandel). Reale oder teilweise eingebildete Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung werden somit für die eigene politische Agenda instrumentalisiert, indem einfache Schuldzuweisungen oder Verschwörungstheorien mittels politischer Kommunikation (insbesondere der  Medien) in die Öffentlichkeit eingespeist werden und folglich ebenfalls eine Entlastungsfunktion besitzen (einfache Erklärungen für gesellschaftliche Probleme und Missstände). (Bauer 2016: 18)

Moralisierung und Personalisierung der Politik

Ein zentrales Merkmal der Rhetorik bzw. des Politikstils des Rechtspopulismus ist somit neben der Emotionalisierung die Moralisierung der Politik. Das Handeln der politischen und gesellschaftlichen Akteure wird infolgedessen nicht im Zusammenhang mit strukturellen Ursachen und Bedingungen gesehen, wie z.B. Globalisierung, Individualisierung oder sozio-ökonomische und makroökonomische Kategorien und Interdependenzen, sondern gleichsam in einem moralisch aufgeladenen Universum personifiziert. Diese moralische Personalisierung ist eine Gemeinsamkeit aller Rechtspopulismen und somit explizit oder unterschwellig immer vorhanden. (Priester 2012)

Reihe Rechtspopulismus (2): Ideologie

Im zweiten Teil der Reihe „Rechtspopulismus“ wird die Ideologie dieses politischen Phänomens skizziert. Wer den ersten Teil verpasst hat, kann ihn unter dem folgenden Link nachlesen: Reihe Rechtspopulismus (1): Erste Annäherung.

Ideologische Flexibilität und Identitätspolitik: Volk vs. Elite

Im Gegensatz zu kompletteren Weltanschauungen besitzt der Rechtspopulismus über eine beachtenswerte Flexibilität seiner ideologischen Elemente. (Laycock 2005: 126) Die Identitätspolitik ist vermutlich die grundlegende Eigenschaft des Rechtspopulismus. „Das Volk“ als einheitliche, weitgehend zusammengehörige Gruppe steht im Mittelpunkt der rechtspopulistischen Ideologie und belegt mit tugendhaft aufgeladenen Codes wie „die schweigende Mehrheit“, „die Tüchtigen“, „die Sparsamen“, „die Fleissigen“, „der kleine Mann“ etc. Abgegrenzt wird dieses „homogene Volk“ vom Establishment, der „käuflichen, machtgierigen und abgehobenen Elite “ bzw. der „classe politique“. Rechtspopulisten sind der Auffassung, dass Politik wieder Ausdruck des „wahren Volkswillens“ sein muss und demzufolge sind vor allem die Intellektuellen das häufigste Ziel der rechtspopulistischen Abscheu. (Bauer 2016: 8)

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„Das Volk“

Für Rechtspopulisten gehören alle diejenigen zum Volk, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen: seien dies nun kleine Gewerbetreibende, Landwirte, Arbeiter oder Handwerker. Die Elite dagegen konstituiert sich gemäss den Rechtspopulisten über machtvolle Gruppierungen von Privilegierten, die mittels enormem Kapitalbesitz und Spekulation sowie Besitz von kulturellem und politischem Kapital an der Spitze der Gesellschaft stehen (vgl. Priester 2012: 12). Rechtspopulismus ist dementsprechend weniger eine Weltanschauung oder Handlungsstrategie, sondern vielmehr eine Mentalität der unteren und mittleren sozialen Schichten, Klassen und Milieus, die kritisch gegenüber den gesellschaftlichen Eliten sind und durch neureiche Aufsteigereliten, denen bisher der Zugang zu gesellschaftlichen Spitzenpositionen verwehrt wurde, mobilisiert werden. (Priester 2012: 49)

Horizontale Abgrenzung: Die Fremden

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Flüchtlinge

Neben dieser vertikalen Abgrenzung („die da oben“) des Rechtspopulismus erfolgt parallel und zusätzlich eine mehr oder weniger horizontale Abgrenzung („den Anderen“) zu den „Fremden“ (Migranten, Flüchtlinge, Ausländer etc.). Durch diese pluralismus- und fremdenfeindliche Identitätspolitik ist der Rechtspopulismus eindeutig rechts im politischen Spektrum zu verorten im Kontrast und Widerspruch zur universalistischen Ideologie (soziales Gleichheitsverständnis) der klassischen Linken. (Bauer 2016: 8) Im Kontext dieser horizontalen Ebene („die Anderen“, „die Fremden“) sind ständig wiederkehrende Themen zu beobachten wie die Rückeroberung bzw. Verteidigung des Wohlstands- und Lebensniveau der autochonen Bevölkerung gegen die „Fremden“ (Ausländer, Migranten Flüchtlinge etc.) sowie die Verteidigung und den Schutz der eigenen ethnisch-kulturellen Identität und Lebensweise. Gefordert werden Privilegien für die einheimische Bevölkerung mittels geeigneter Rahmbedingungen, die Ungleichheiten zwischen „Fremden“ und „Einheimischen“ begünstigen sollen und dabei das durch die Demokratie und die Verfassung verankerte Prinzip der sozialen und individuellen Gleichheit negieren; Gegner des Rechtspopulismus ist in diesem Fall dementsprechend der Rechtsstaatsliberalismus. (Bauer 2016: 13)

Weitere Gegner: Sozialschmarotzer, Missbrauch, Korruption, Staatssektor

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„Sozialstaatliche Hängematte“ 🙂

Weitere Gegner des Rechtspopulismus sind vielfach die Sozialhilfebezüger, die es sich in der sozialstaatlichen Hängematte gut gehen lassen, also die „Parasiten“, „Faulen“ und „Schmarotzer“. (Priester 2012: 27) Auch wenn vielfach nur das politische System gemeint ist, ist der Rechtspopulismus größtenteils anti-elitär, anti-institutionell und anti-systemisch. Angeprangert wird vielfach die Absprachepolitik der etablierten Parteien und den übrigen einflussreichen gesellschaftlichen Akteuren (Neo-Korporatismus). (Priester 2012: 14) Kritisiert werden Ämterpatronage, mangelnde Transparenz und Durchlässigkeit, Bestechlichkeit, Interessenverfilzung, Missbrauch von Sozialleistungen etc. (Priester 2012: 93) Seit es den modernen Wohlfahrts-, Sozial- und Interventionsstaat gibt, wird dieser von den Rechtspopulisten unter Dauerbeschuss genommen, zumal dieser eine neue Schicht von Staatsbediensteten produziert hat. (Priester 2012: 93) Dementsprechend bestehen nicht nur cleavages zwischen Volk und Eliten sowie Einheimischen und Fremden, sondern auch zwischen zwei Gruppierungen innerhalb der Mittelschicht: nämlich dem selbstständigen privaten Sektor unter Einbezug der Arbeiter sowie den Bediensteten des Staatssektors. (Priester 2012) Arbeiter im privaten Sektor und Selbstständige wählen überdurchschnittlich häufig populistische Parteien im Vergleich zu Lohnabhängigen im Staatssektor (Mayer 2003: 105 f.)

Autoritarismus, Führerkult, Nationalismus, Freund-Feind-Denken

Rechtspopulistische Bewegungen neigen häufig zu einem Führerkult, einem Nationalismus und einem Autoritarismus. Insbesondere die nationale Identität wird gerne gegen die wirtschaftliche Globalisierung und die europäische Integration in Stellung gebracht.  Charakteristisch für solche Parteien ist ausserdem ein Freund-Feind-Denken (Bauer 2016: 9), einhergehend mit einer Dämonisierung des Gegners, einem Manichäismus, d.h. einem dichotomischen Gesellschaftsbild und apokalyptischen Endzeitstimmungen. (Priester 2012: 13)

Goldenes Zeitalter: jenseits von Liberalismus und Sozialismus

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Das Goldene Zeitalter

Das Ziel des Rechtspopulismus ist schlussendlich eine Rückkehr zu einem imaginierten oder realen „Goldenen Zeitalter“, das gleichsam einen dritten Weg jenseits von Sozialismus und Liberalismus propagiert. Damit verbunden ist die Aufwertung der Lebenswelt gegenüber dem System, das jedoch nicht als Ganzes abgelehnt wird, sondern nur dessen negativen Bestandteile wie technokratischer Machbarkeitswahn, Filz, Missbrauch, Überheblichkeit der Eliten und Gigantismus. (Priester 2012: 49)

Topoi, die immer wiederkehren

Ethisch-moralische Bedingungen sind dem Rechtspopulismus als politischem Phänomen gleichsam vorgelagert. Topoi, die immer wiederkehren sind die folgenden Polarisierungen:

1.     Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmung/Bevormundung

  1. common sense/Alltagswissen vs. Experten- und Intellektuellenwissen

  2. Konkretion vs. Abstraktion

  3. Wahrheit vs. Heuchelei, echt vs. unecht

  4. Persönliche Verantwortung vs. Anonymisierung in Großaggregaten

  5. Lebensweltliche Tradition vs. Überfremdung

  6. organisches Wachsen vs. technokratisches ›Machen‹

  7. überschaubare lokale Gemeinschaft vs. atomisierte Gesellschaft und Gigantismus

  8. Regionale/nationale Identität vs. Kosmopolitismus der »einen Welt«

  9. Partikularismus vs. Universalismus.“ (Priester 2012: 68 ff.)

    Fortsetzung: Reihe Rechtspopulismus (3): Politikstil und Rhetorik

Reihe Rechtspopulismus (1): Erste Annäherung

Rechtspopulismus ist das Schreckgespenst des liberal-demokratischen politischen Systems und seit Trump und Brexit allerorts diskutiert. Eine gute Gelegenheit, in einer mehrteiligen Serie auf man tau, ein wenig tiefer in die Materie einzusteigen.

Einleitung

Spätestens seit Donald Trump ist der Rechtspopulismus in aller Munde. Wenngleich dieses Phänomen bereits seit Mitte der 1980er Jahren in diversen westeuropäischen Ländern auftaucht: man denke nur an Jean-Marie Le Pen mit seinem Front National in Frankreich, Jörg Haider mit seiner FPÖ in Österreich, Christoph Blocher in der Schweiz mit der SVP oder Silvio Berlusconi mit der Forza Italia. Brexit, Donald Trump, Norbert Hofer, Beppe Grillo, AfD und Marine Le Pen sind die gegenwärtigen Schreckgespenster der liberal kosmopolitischen Elite in den USA und in Europa. Historische Analogien werden gezogen: beispielsweise mit den 1930er Jahren, als der Faschismus in Europa seinen Durchbruch erlangte. Das Phänomen Rechtspopulismus hat demzufolge in der Wissenschaft (als analytische Kategorie und Forschungsgegenstand) wie in der breiten Öffentlichkeit höchste Relevanz erlangt.

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Im Zusammenhang des Geschlechterdiskurses ist Rechtspopulismus ebenso fortwährend ein Thema: Vornehmlich die Männerrechtsbewegung wird von bestimmten Kritikern gerne mit dem Rechtspopulismus in Verbindung gebracht: Männerrechtler und Maskulisten seien gleichsam die Klientel des Rechtspopulismus, zumal Männer überdurchschnittlich rechtspopulistische Parteien wählen und folglich zu den Modernisierungs- und Globalisierungsverlierern gehören würden. Mit der Gleichsetzung (und Askription) von Männerrechtlern und Rechtspopulisten exkulpiert man sich gewissermaßen von einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit deren Anliegen. Rechtspopulismus demnach als probates Mittel, um Dämonisierung, Diffamierung, Diskreditierung und Ausgrenzung vorzunehmen.

Die Reihe über Rechtspopulismus ist in sechs Teile gegliedert, die m.E. einen ersten guten Überblick über diesen Untersuchungsgegenstand geben, um dieses Phänomen im Allgemeinen wie im praktischen Alltag identifizieren, einordnen und bewerten zu können.

Folgende Gliederung:

  1. Erste Annäherung
  2. Ideologie
  3. Politischer Stil und Rhetorik
  4. Ursachen
  5. Die Wähler
  6. Gefahr oder nützliches Korrektiv

Konservative Gegenbewegung auf Schattenseite der Moderne

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Als konservative Gegenbewegung auf die Schattenseite der Moderne taucht der Populismus als politische Strömung am Ende des 19. Jh. auf. Als politische Kategorie erscheint der Populismus-Begriff in Westeuropa jedoch erst in den 1980er-Jahren; im Gegensatz zu den USA wird er in Europa meist mit negativen Zuschreibungen versehen.  (Bauer 2016: 7) Insbesondere in sozialen und ökonomischen Transformationen, die mit politischer Desillusionierung und dem Verlust des Vertrauens in die politischen Eliten einhergehen, werden populistische Tendenzen virulent. (Priester 2012: 11)

Populismus ist nicht allein eine Mobilisierungsstrategie von Eliten, um die Subalternen für ihre Sache einzunehmen, sondern eine sozialstrukturelle und ideologisch spezifische Erscheinung, die den von Modernisierungstransformationen (Globalisierung, Individualisierung, EU-Integration etc.)  Betroffenen, den ökonomisch wie sozial Zukurzgekommenen, von den Intellektuellen verfemten (kulturelle Praktiken als Distinktionsstrategien) und von den paternalistischen Eliten Gegängelten eine Ausdrucksmöglichkeit gibt. (Priester 2012)

Populismus hat dementsprechend ökonomische und rationale Ursachen, obwohl sich der Protest größtenteils in diffusen und widerstrebenden Feindseligkeiten äußert.

Auf die Verwerfungen fortschreitender Modernisierung (Globalisierung, Individualisierung, Verteilungs-, Repräsentations- und Identitätskrise), reagieren nun rechtspopulistische Akteure nicht reflexiv, sondern mit traditionalistischen Bewältigungsstrategien. Mit seiner typischen Theorie- und Intellektuellenfeindlichkeit verweigert sich der Rechtspopulismus einer reflexiven Problemlösung mit den Schattenseiten der Moderne. Stattdessen wird auf ein unreflektiertes Erfahrungswissen des „Volkes“, den common sense, abgestellt. (Priester 2012: 11)

Mega-Missstand = Einwanderung

Vom Rechtspopulismus werden nicht nur einzelne Missstände in bestimmten Politikfeldern (EU-Integration, Ausländerkriminalität, Sozialhilfemissbrauch, korrupte Eliten) angeprangert, sondern gleichsam ein epochaler Mega-Missstand konstatiert: die ethnische und kulturelle Überfremdung durch Einwanderung. Auf Einwanderung wird keineswegs nur mit geläufigen Phrasen wie „Ausländer raus!“ oder „zuerst kommt das eigene Volk“ reagiert, sondern es wird gleichsam antipolitisch eine Welt nach Harmonie, Konfliktfreiheit und Authentizität angemahnt. (Priester 2012)

Populismus als „dünne Ideologie“

Zumal  Rechtspopulismus vielfach als politischer Kampfbegriff verwendet wird, ist es für die Sozialwissenschaften zusätzlich schwierig, ihn einer wissenschaftlichen Analyse zuzuführen. Als autonomer Forschungsgegenstand und analytische Kategorie bleibt er aufgrund seines weitläufigen und mehrschichtigen Charakters innerhalb der Wissenschaft häufig umstritten und kontrovers diskutiert. (Bauer 2016: 7) Populismus wird von einigen Referenten vielfach bloß als ein Stilmittel (Politik-, Interaktions- und Kommunikationsform) verstanden und Gemeinsamkeiten zwischen rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien werden primär im formalen und erst sekundär im inhaltlichen Bereich gesehen; dabei wird ihm gleichsam eine vollwertige Ideologie im klassischen Sinne abgesprochen: viel eher wird er als „dünne Ideologie“ charakterisiert. (Bauer 2016: 7)

Anti-Establishment und charismatischer Führer

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Marine le Pen – Vorsitzende des Front National

Zwei herausragende Merkmale geben dem Rechtspopulismus seine Charakteristik: Einerseits ihre Anti-Establishment- und Anti-Parteien-Geisteshaltung und der daraus resultierende Bewegungseigentümlichkeit sowie andererseits die hervorgehobene Stellung eines autoritären Führers mit besonderer Ausstrahlungskraft. (Bauer 2016: 12) Neben der starken Personalisierung auf einen autoritären Führer ist ein klassenübergreifender Kollektivismus charakterisierend für den Rechtspopulismus. Vorausgesetzt wird ein kollektiver Volkswillen, demzufolge ein einheitliches Volk im Sinne einer Wir-Gruppe und einen unerbittlichen Antagonismus zu anderen Akteuren. Diese kulturell oder ethnisch einheitliche Gemeinschaft lässt alle anderen Gegensätze (Klassen, Schichten, Milieus etc.) innerhalb der Wir-Gruppe verschwinden; soziale Differenzierungen werden über Sekundärtugenden wie Fleiss, Ehrlichkeit, Anständigkeit etc. geltend gemacht. (Bauer 2016: 12)

Traditionalismus und Entschleunigung der Moderne

Hinsichtlich des gesellschaftlichen Wandels bevorzugt der Rechtspopulismus das organisch Gewachsene, gleichsam eine „natürliche“ Ordnung und verabscheut folglich mechanisch und künstlich hergestellte gesellschaftliche Transformationen. Abgelehnt werden deshalb Großaggregate wie Großstädte, Zusammenschlüsse in Handel und Industrie, große Organisationen, Institutionen oder Parteien mit einer riesigen bürokratischen Struktur. Für gesellschaftliche Veränderungen, die nicht im Sinne des Rechtspopulismus sind, werden Schuldige gesucht, die sich gegen das Volk verschworen haben. Rechtspopulisten sind jedoch nicht Antimodernisten, sie sind infolgedessen nicht gegen gesellschaftlichen Wandel, sie bevorzugen jedoch einen zeitlich verlangsamten bzw. entschleunigten Weg in die Moderne, der ihr das in der Lebenswelt erworbene Erfahrungswissen nicht durch Technokraten und Experten entwertet. (Priester 2012)

Fortsetzung: Reihe Rechtspopulismus (2): Ideologie

Schwarze Identitätspolitik = gut vs. weisse Identitätspolitik = böse?  

 

Unter dem Titel „It’s identity politics, stupid!“ hat sich Patricia Putschert (Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern) in einem Essay mit Identitätspolitik insbesondere im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl in den USA auseinandergesetzt. Mit dem Historiker Eric Hobsbawm im Gepäck wird ein Versuch unternommen, die Schwächen der Argumentation herauszuarbeiten.

Der Vorspann des Essays lautet dabei wie folgt:

In Zeiten eines post-identitären Liberalismus und einer weissen rassischen Identitätspolitik, die auf Verteidigung von Privilegien zielt, werden die ursprünglichen Ziele von Identitätspolitik umkodiert. Ein Essay über Identitätspolitik als Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik, in der partikulare Interessen nicht negiert, sondern abgebildet werden.

PP schreibt:

Identitätspolitik ist in aller Munde. Seit der Wahl Donald Trumps wird in den Feuilletons jenseits und diesseits des Atlantiks darüber diskutiert, ob Hillary Clintons Niederlage auch der Tatsache zugeschrieben werden muss, dass ihre Kampagne explizit unterprivilegierte Gruppen adressiert hat: Frauen, LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*) oder People of Color.

Bei diesen Ausführungen fällt besonders auf, dass beispielsweise Klassen, Schichten, Milieus, Konfessionen etc. als mögliche unterprivilegierte Gruppen fehlen. Dies könnte ev. damit zusammenhängen, dass Hillary Clinton vorrangig die Gruppen einbezogen hat, die ihr am meisten am Herzen liegen. Dies wäre allerdings bereits ein erster Hinweis darauf, dass ihr andere unterprivilegierte Gruppen weniger wichtig sind und ihr Anliegen partikularistisch ist und keiner universalen Programmatik folgt.

Mark Lilla und der postidentitäre Liberalismus

PP schreibt:

In einem vielbeachteten Artikel fordert der Historiker Mark Lilla einen post-identitären Liberalismus, der sich auf gemeinschaftliche Werte zurückbesinnt, statt sich an partikularen Anliegen zu orientieren. Ähnlich argumentieren sozialistisch orientierte Linke: Angesagt sei eine gemeinsame Klassenpolitik, die den Fokus über alle Differenzen hinweg auf ökonomische Ungleichheit richte. Diese Einwände sind nicht neu. Seit Jahren zeichnen westliche Medien das Zerrbild einer Identitätspolitik, gemäss der privilegierte Linke den eigenen Lebensstil zum politischen Gravitationszentrum erklärten und dabei sämtliche drängenden Fragen der Zeit ausblenden würden.

Warum sollte dies bloss Zerrbild sein? Setzt sich die privilegierte Linke immer und überall für Frieden und gegen Militarisierung und Krieg ein? Gegen Waffenlieferungen, für gerechte Handelsbeziehungen weltweit und insbesondere für die Länder Afrikas und den sogenannten 2.- und 3.-Weltländer (die eigentlichen Ursachen für Fluchtgründe)? Setzt sich die privilegierte Linke immer und überall dafür ein, dass die Schere bei den Einkommen und Vermögen weltweit und innerhalb der Nationalstaaten zwischen Klassen, Schichten, Milieus etc. nicht mehr weiter aufgeht? Ist sie immer und überall gegen prekäre Arbeitsbedingungen, Leiharbeit, Niedriglohnarbeit, für Wirtschaftsdemokratie, gegen Postdemokratie, für transnationale Öffentlichkeit, gegen EU-Demokratiedefizit etc. Im Übrigen alles Themen, die  Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit etc. fördern können, weil diese Probleme geschickt von Rechtspopulisten für ihre politische Agenda instrumentalisiert werden.

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Franziska Schutzbach: Über männliche Abwehr feministischer Kritik (Teil I)

In einem sehr langen Interview mit der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach im Online-Magazin FICKO geht es insbesondere über männliche Abwehr feministischer Kritik. Die nachfolgende Auseinandersetzung mit dem Interview gibt einen guten Einblick in die Widersprüche und Schwächen der Schutzbachschen Argumentation.

Das Interview im Online-Magazin FICKO ist wirklich sehr, sehr lang und wurde deshalb bei diversen Stellen gekürzt, die für eine thematische Auseinandersetzung nicht sonderlich fruchtbar sind. Publiziert wird die Auseinandersetzung mit dem Interview in drei Teilen.

Welches Geschlecht die Täter haben, ist für Schutzbach interessant

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Weshalb ist das Geschlecht bei Tätern so wichtig?

FS schreibt im Zusammenhang der Aufschrei-Kampagne:

Ja, es kamen Argumente wie, wir würden die Probleme der Männer vergessen und sie pauschal zu Tätern machen. Oder wir würden lügen. Aber nicht nur, es gab auch viel Solidarität von Männern, Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexion. Es sind auch neue Verbindungen entstanden.

Die Kritik dürfte m.E. richtig sein, zumal Männer durch den „Aufschrei“ mehr oder weniger pauschal zu Tätern gestempelt wurden. Wie würde FS reagieren, wenn man pauschal erzählen würde, sämtliche Ausländer seien potentiell oder überdurchschnittlich kriminell oder alle Menschen darüber hinaus auffordern würde, über ihre Erlebnisse mit Ausländerkriminalität in den sozialen Medien zu berichten? Oder wie wäre es, wenn man über Kindstötungen einen Aufschrei lancieren würde und alle Menschen über das Internet einladen würde, sie sollten doch über Vorkommnisse und Erfahrungen berichten, zumal Frauen hier wohl zu 2/3 bis ¾ der Täter ausmachen? Wenn möglich noch sehr emotional, moralisierend und auf Empörungsbewirtschaftung aus.

Außerdem wurde ebenfalls Kritik an diesem Aufschrei dahingehend geäußert, dass er populistisch ist, demnach dasselbe gemacht wird, wie wenn die Rechtspopulisten Ausländerkriminalität thematisieren: vornehmlich mit viel Emotionalität, Moralisierung und Empörungsbewirtschaftung. Der Mediensoziologe Kurt Imhof hätte möglicherweise von Bauchstalinismus gesprochen. Außerdem: Die Rolle der Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer wurde vermutlich überhaupt nicht thematisiert. Obschon man weiß, dass neuere Studien darauf hinweisen, dass Männer annähernd so zahlreich Opfer von sexueller Gewalt werden wie Frauen oder dass Männer gleichermaßen häufig Opfer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz werden wie Frauen. Das wird von Feministinnen wie FS schlichtweg nicht thematisiert, dass Frauen ebenfalls Täterinnen sind.

FS schreibt:

Und ja, auch Männer sind von sexualisierter Gewalt betroffen, keine Frage, aber das ändert noch nichts daran, dass auch die Gewalt an Männern meistens von anderen Männern ausgeht. Täter sind zu einem hohen Prozentsatz Männer.

Was hilft es den männlichen und weiblichen Opfern, wenn man weiß, dass, falls das überhaupt richtig sein sollte, Männer größtenteils die Täter sind? Was hilft das einem Opfer von Gewalt, wenn es weiß, dass der Täter eine Frau oder ein Mann gewesen ist? Gewiss: Für die Prävention von Straftaten mag das eine Rolle spielen, aber sicherlich nicht für die Opfer. Und abermals: weshalb eskamotiert FS Frauen als Täterinnen? Weshalb ist es kein Thema, dass Frauen wahrscheinlich genauso zahlreich Gewalt gegenüber Kindern und alten Menschen ausüben wie Männer? Oder die häusliche Gewalt! Wenn wir auf die Quantität fokussieren: weshalb werden Frauen als Täterinnen häufig außen vor gelassen? Ich verweise einmal auf die Dissertation von Bastian Schwithal: „Weibliche Gewalt in Partnerschaften. Eine syntologische Untersuchung“.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht vielfach ebenfalls von Frauen gegenüber Männern aus. Zudem, wenn wir die neueren Studien einbeziehen, bei denen Männer fast gleich häufig wie Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind, dann dürfte hier ein erheblicher Anteil der Täterinnen Frauen sein. Es dürfte demnach ein erhebliches Tabu geben, dass Männer überhaupt als Opfer und Frauen als Täterinnen wahrgenommen werden.

FS schreibt:

Männer müssen akzeptieren, dass das strukturell ist, und dass sie daran arbeiten müssen. Männliche Gewalt ist ein Problem, das man nicht anderen in die Schuhe schieben kann. Sie hat unter anderem mit bestimmten Männlichkeitsidealen zu tun. Oft wenden Männer Gewalt an, wenn sie diese Ideale nicht erreichen, sie versuchen, ihre real erlebte Schwäche mit Gewalt auszugleichen.

Das ist eine interessante Aussage: Wenn z.B. von gewissen Feministinnen darauf hingewiesen wird, Frauen würden in bestimmten Bereichen benachteiligt bzw. diskriminiert (Gläserne Decke, Care-Arbeit, Gender Pay Gap), dann sind das vielfach Benachteiligungen, die strukturell erklärt werden und folglich müssen die Maßnahmen, die Abhilfe schaffen sollen, auf die Strukturen wirken und nicht bloß am einzelnen Individuum ansetzen. Es wird folglich nicht gesagt, dass Frauen individuell selbst schuld sind, an dem beanstandeten Zustand, sondern strukturelle Begebenheiten werden ins Feld geführt und Maßnahmen zur Verbesserung der Situation müssen an den Strukturen ansetzen.

Wenn aber Männer offenbar strukturell vermehrt Täter bei Straftaten sind, dann wird freilich anerkannt, dass wir hier bekanntermaßen ebenfalls ein strukturelles Problem haben, aber die Lösung des Problems wird individualisiert und die Schuld einzig und alleine dem individuellen Mann aufgebürdet oder ergänzend der Gesamtpopulation der Männer, obwohl es nicht intelligibel ist, weswegen nicht ebenfalls Frauen, gleichermaßen wie Männer, diese Strukturen aufrechterhalten. Wer sagt beispielshalber, dass nicht ebenso Frauen und Mütter dafür verantwortlich sind, zumal sie massgeblich zur Sozialisation und Erziehung der Männer beitragen?

Eine solche widersprüchliche Argumentation müsste eigentlich auch FS stutzig machen: Wo Frauen Probleme haben oder machen, sind vielfach Strukturen verantwortlich und schuld und vereinzelt bis nie die individuelle Frau selbst; bei den Männern gilt der umgekehrte Fall.

Sexualisierte Gewalt eine Form von Machtausübung?

FS schreibt:

Sexualisierte Gewalt ist aber auch eine Form der Machtausübung, bei der es gezielt um Herabsetzung und Demütigung von Frauen (manchmal anderen Männern) geht, und nicht um Sex.

Das mag sein, dass es bei sexualisierter Gewalt in gewissen Fällen um eine Form von Machtausübung gehen kann, aber ich halte es für einen Mythos, dass dies in den meisten Fällen so ist. Herabsetzung und Demütigung können demnach ohne Sex durchgeführt werden, dazu braucht es keine Vergewaltigung. Abgesehen davon, dass Herabsetzung und Demütigung ebenfalls mittels psychischer Gewalt vollzogen werden und sich die Frage stellen würde, wie oft Frauen hier Täterinnen sind.

 Gibt es eine Kollektivschuld?

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Gibt es eine Kollektivschuld?

FS schreibt:

Männer sind dafür verantwortlich, sich zu fragen, was hier eigentlich abgeht. Klar geht es auch um die Frauen und ihre Rolle. Und auch darum, dass Männer sich als Opfer (einer bestimmten Männlichkeit) begreifen. Aber erstmal geht es um eine klare Übernahme von Verantwortung, ohne Wenn und Aber, darum, dass Männer selbstkritisch fragen: Was ist da los bei uns? Warum wird Männlichkeit und männliches Selbstbewusstsein oftmals über die Herabsetzung von anderen hergestellt?

Leider geht es hier abermals bloß um Frauen als Opfer und Männer als Täter und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer werden gleichsam gänzlich ausgeblendet. Es ist indes richtig, dass sich ein Mann oder eine Frau, wenn sie eine Straftat begangen haben, fragen sollten, was ihre individuelle Verantwortung dabei ist. Gleichzeitig kann es für Täter sinnvoll sein, wenn man schaut, was sind gesellschaftliche Strukturen, die ein solches Tatverhalten begünstigen oder eher hemmen. Und es kann freilich ebenso sinnvoll sein, wenn Männer und Frauen, die keine Straftat begangen haben, darüber nachdenken, welches die gesellschaftlichen Ursachen für derartige Straftaten sind. Aber: Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb bei Straftaten, die vermehrt von Männern begangen werden, bloss Männer darüber reflektieren sollen, welche gesellschaftlichen Strukturen dafür verantwortlich sind, dass gewisse Männer vermehrt Straftaten begehen im Vergleich zu Frauen. Oder Männer hier quasi alleine in Sippenhaft genommen werden. Wer sagt, dass nicht Mütter und Erzieherinnen zu einem beträchtlichen Teil dafür verantwortlich sind, dass Männer im Vergleich zu Frauen überdurchschnittlich gewisse Straftaten begehen? Man weiss aus der Kriminologie, dass die Faktoren Alter, Geschlecht, soziale Schicht/Klasse/Milieu, sowie Wohnort und bei gewissen Delikten auch soziokulturelle Faktoren (z.B. relative Deprivation) eine zentrale Rolle spielen, die sich hemmend oder fördernd auf die Kriminalitätsbelastung auswirken können. Es ist nicht einsehbar, dass allein Jugendliche und junge Erwachsene, die überproportional in die Kriminalität verstrickt sind, gleichsam alleine reflektieren sollen, welche Strukturen und Interaktionen zu einer grösseren Kriminalitätsbelastung führen oder die unteren Schichten nun vor allem die Aufgabe erhalten, zu reflektieren, welche Strukturen und Interaktionen dafür verantwortlich sind, dass ihre Kriminalitätsbelastung überdurchschnittlich hoch ist. Wer sagt, dass nicht vielfältigste Faktoren dafür verantwortlich sind, dass schlussendlich Männer bei gewissen Straftaten überdurchschnittlich involviert sind im Vergleich zu Frauen und Frauen mithilfe ihres Verhaltens bzw. ihrer Interaktionen mit Männern derartige Strukturen mithelfen zu reproduzieren?!

Männer erleben auch Sexismus – trotzdem keine strukturelle Benachteiligung

 FS schreibt:

Sicher erfahren Männer Sexismus, werden teilweise auf ihr Geschlecht reduziert, erleben Benachteiligung. Aber dass ihnen daraus als Gruppe ein gesellschaftlicher und struktureller Nachteil entsteht (zum bsp. ökonomisch, beruflich), stimmt nicht. Es ist einfach nicht so, dass dadurch ein gesamtgesellschaftliches Ungleichgewicht zuungunsten der Männer entsteht.

Selbstverständlich gibt es auch bei Männern Benachteiligungen die gesamtgesellschaftlich zu einem Ungleichgewicht führen:

Zumal Männer in der Regel viel härtere und gesundheitsschädlichere Arbeiten durchführen „müssen“ im Vergleich zu Frauen: Arbeiten (Strassenbau, vermutlich ein grosser Teil des Bausektors und industrielle wie handwerkliche Berufe), bei denen Männer in der Regel bereits mit 50-55 Jahren in die Frühpensionierung gehen müssen, weil sie invalid sind. Oder Männer eben 3x häufiger Selbstmord begehen oder 90% der tödlichen Berufsunfälle erleiden oder 4-5 Jahre früher sterben als Frauen, viel häufiger obdachlos sind als Frauen sind etc.  Hier haben wir ein gesamtgesellschaftliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und weshalb das nicht relevant sein soll, ist wahrlich nicht einsehbar.

Das Männlichkeits-Ideal ist schuld, dass Männer Benachteiligungen haben

 FS schreibt:

Weiter ist es so, dass Benachteiligung von Männern oft aus dem vorherrschenden Männlichkeits-Ideals resultiert (sterben in Kriegen, werden krank und gehen nicht zum Arzt). Was ich sagen will: es ist nicht die Schuld der Frauen oder Feministinnen, dass Männer Schlachten führen. Oder sich als Manager zu Tode arbeiten. Oder zu schnell Auto fahren.

Woher weiss FS, dass Benachteiligungen von Männern oft aus dem vorherrschenden Männlichkeits-Ideal resultieren. Gibt es darüber vielfältige repräsentative empirische Studien, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen sind? Und was ist ein Männlichkeits-Ideal genau? Und wer bestimmt, was ein Männlichkeits-Ideal ist? Gibt es nur ein Männlichkeits-Ideal oder mehrere? Wenn Präventionsmassnahmen gegen Unfälle im Strassenverkehr durchgeführt werden, spielt es da eine Rolle, ob die Autofahrer selbst Schuld sind oder nicht? Und werden solche Präventionsmassnahmen nur durchgeführt, wenn die Autofahrer nicht selbst Schuld sind und sonst ist es egal?

Wer ist schuld daran, dass Männer Schlachten führen? Frauen haben seit Jahrzehnten das Wahlrecht in den meisten Ländern Europas. Deutschland und viele andere Länder in Westeuropa sind repräsentative Demokratien, somit bestimmen auch die Frauen (sind mehr als 50% des Souveräns), was in der Politik geht und was nicht. Frauen sind also genau gleich mitverantwortlich dafür wie Männer, dass primär Männer in den Krieg ziehen müssen und nicht Frauen. Auch Frauen sind mehrheitlich dafür, dass es eine Armee gibt und dass offenbar vor allem Männer eine Militärdienstpflicht haben. Es ist schon interessant: Wenn Männer Benachteiligungen haben, dann sind Frauen absolut unschuldig daran und wenn Frauen Benachteiligungen haben, sind Frauen auch absolut unschuldig, aber die Männer sind schuld daran, wenn Frauen Nachteile haben und auch Schuld daran, wenn sie selbst Nachteile haben. Frauen sind immer Opfer und nie Täterinnen und Männer immer Täter und nie Opfer oder dann selbstverschuldete Opfer. FS soll doch mal diese Argumentationskette mit repräsentativ empirischen Studien belegen, sonst muss davon ausgegangen werden, dass dies leere Behauptungen sind.

Männer erfahren keine Unterdrückung, sondern nur Frauen

 FS schreibt:

Männer müssten sich nicht aus weiblicher Unterdrückung befreien, ihr Befreiungskampf ist ein anderer, vor allem von eigenen Identitätskonzepten der Stärke und Überlegenheit.. Und das macht es vermutlich für Männer komplexer, sie können keine Unterdrückung beklagen durch eine weibliche Herrschaft. Weil sie sind es ja selbst, die mehrheitlich an den so genannten Schaltstellen der Macht agieren (die These von der angeblichen Feminisierung der Gesellschaft ist ein Mythos). Sie müssen also ein Stück weit an ihrem eigenen Ast sägen. Ein schwieriges Unterfangen. Weil sie ja auch immer wieder viele Credits bekommen in diesen Positionen.

Aus welcher männlichen Unterdrückung müssen sich heute Frauen befreien? Frauen stellen seit Jahrzehnten mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns und sie können somit ganz legal und demokratisch alle Gesetze ändern, die dafür sorgen, dass Benachteiligungen aufgehoben werden, sollten sie irgendwo benachteiligt sein. Wenn sie das nicht machen, dann ist es kein Problem der Männer, sondern ein Problem der Männer und Frauen. Das Gleiche gilt für männliche Geschlechtsrollen und -identitäten und sonstige strukturelle Bedingungen, die die Sozialisation der Männer steuern. Frauen sind durch ihre Interaktionen und Handlungen mitbeteiligt an der Reproduktion von männlicher Identität, männlichen Geschlechterrollen und sonstigen Strukturen. Eine fein säuberliche Trennung von gesellschaftlichen Veränderungen ist, solange nicht eine vollständige Apartheid zwischen Männern und Frauen herrscht, ein Ding der Unmöglichkeit. Sollten alle Männer getrennt von Frauen leben, dann wäre ein solches Ansinnen von FS berechtigt, nicht aber, wenn sie auf Mikro-, Meso- und Makroebene mit den Männern in Interaktionen, Institutionen und überindividuellen Strukturen verbunden sind.

Strukturell können auch Frauen in Westeuropa keine Unterdrückung durch Männer mehr beklagen, weil sie politisch alle Möglichkeiten dazu haben, irgendwelche Unterdrückungsverhältnisse, sollte es diese geben, zu verändern, weil sie ja mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns ausmachen.

Weshalb sind denn die Männer vermehrt an den Schaltstellen der Macht als Frauen? Und überproportional an den Schaltstellen der Macht zu sein, heisst noch lange nicht, dass diese Leute zum Vor- bzw. Nachteil eines Geschlechts agieren. Noch einmal: Die Frauen stellen mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns dar. Das heisst, wenn Frauen nur Frauen in die Legislative wählen (Bund, Kanton [Länder], Gemeinde [Kommune]), dann haben sie innert kürzester Zeit eine satte Mehrheit von Frauen in der Legislative. Das Gleiche gilt für die Exekutive und Judikative: Entweder wird die Exekutive und Judikative direkt durch den Souverän gewählt oder durch die Legislative. Und wenn wir in Legislative, Judikative und Exekutive innert kürzester Zeit eine satte Frauenmehrheit haben, dann kann diese Frauenmehrheit auch in allen Politikfelder intervenieren: Sie kann Quoten im privaten wie im staatlichen Sektor festlegen für Führungspersonen usw. usf. Weshalb passiert das nicht: Weil dies offenbar nicht alle Frauen so wollen oder wünschen. Das heisst: Wenn die Schaltstellen der Macht vermehrt durch Männer besetzt sind, dann ist dies nun einmal Ausdruck der Mehrheit des Souveräns, bei dem Frauen mehr als 50% stellen und somit folglich vollständig mitverantwortlich an Unterdrückungen sind, sollte es irgendwelche Unterdrückungen geben.

Militärdienstpflicht der Männer ergibt kaum Nachteile

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Militärdienstpflicht eher mit Privilegien verbunden?

FS schreibt:

Die Wehrpflicht in der Schweiz für Männer kann man zum Beispiel durchaus als Sexismus sehen. Gleichwohl sind damit ja auch Karrieren und gesellschaftliches Prestige möglich. Es erwachsen einem keine schwerwiegenden Nachteile, im Militär gewesen zu sein, während man das eben als Frau ökonomische und andere Nachteile erfährt, wenn man 10 Jahre lang auf die Kinder aufgepasst hat.

Nun kann man sich fragen, weshalb Frauen 10 Jahre lang auf ihre Kinder aufpassen. Es ist keine Frau dazu gezwungen, Kinder auf die Welt zu stellen, ist vollständig freiwillig. Außerdem könnte die Frau sagen, der Mann solle zu Hause bleiben oder der Mann soll genau gleich viel Arbeit in die Care-Arbeit investieren wie die Frau selbst auch. Wenn dies der Mann nicht macht, dann sollten Frauen halt vorher schauen, dass sie nicht mit einem solchen Mann ein Kind haben oder eine Familie gründen. Des Weiteren gilt das Gleiche wie oben: Frauen haben politisch alle Mittel in der Hand, um Änderungen einzuleiten, sollten sie irgendwo benachteiligt sein.

Auch beim Militärdienst fehlt leider bei FS die Empathie für Männer, die sie sonst immer bei Frauen aufbringt: Es gibt Männer, die wollen aus unterschiedlichsten Gründen keinen Militärdienst leisten: das können ethische, religiöse, politische oder psychische Gründe sein. Als es in der Schweiz noch keinen Zivildienst gab, mussten Männer entweder schauen, dass ein Arzt sie untauglich für den Militärdienst schreibt oder sie mussten den Militärdienst verweigern, was jedoch hiess, dass sie in der Regel eine unbedingte Gefängnisstrafe von ca. 5-9 Monaten erhielten. Sie waren also nachher vorbestraft und waren in der bürgerlichen Welt geächtet oder bekamen teilweise auch keinen Job mehr. Es ist auch heute noch so, wer keinen Zwangsdienst leisten will (Militärdienst, Zivildienst, Zivilschutz) etc,, bekommt eine Gefängnisstrafe. Für eine bestimmte Anzahl von Männern hat somit die Dienstpflicht sehr einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben, die die Frauen eben nicht haben. Und selbstverständlich tragen auch Frauen dazu bei, dass Männer weiterhin Zwangsdienste leisten müssen, von denen Frauen befreit sind.

Männer sind das Allgemeine – Partikularität ist nicht ihr Ding

FS schreibt:

Es fällt Männern viel schwerer, sich als partikular zu begreifen, kulturgeschichtlich hat der Mann kein Geschlecht. Die Rolle der Partikularität haben Frauen, sie sind der Körper, das Geschlecht, der Mann steht für Geist, für Vernunft, Objektivität und Neutralität. Der Mann steht für das Allgemeine, die Frau für das Partikulare, das Andere. Deshalb waren ja Frauen auch bei der Deklaration der Menschenrechte nicht mit gemeint. Mit Mensch war der Mann gemeint. Der Mann als Mensch hat kein Geschlecht, das ist, was viele Männer bis heute empfinden, sie erleben sich als geschlechtlos, ihre Position als unmarkiert. Nur die anderen sind markiert. Und sie erleben es als Degradierung, wenn sie über ihre Geschlechtlichkeit nachdenken sollen, über ihre eigene Partikularität. Über die eigene Geschlechtlichkeit nachzudenken bedeutet, zu realisieren, dass unsere Wahrnehmung von der Welt eben gerade nicht neutral oder allgemein ist.

Es stellt sich schon einmal die Frage, ob diese Kulturgeschichte überhaupt richtig ist. Wenn man das Buch „Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie“ von Christoph Kucklick heranzieht, ergibt sich eben eine andere Kulturgeschichte und der Mann ist sehr wohl markiert:

„Hinter der Gender-Debatte steht die Überzeugung: In der Moderne inszeniert sich der Mann als rationales Alphatier, die Frau gilt als seine andere: als emotional und minderwertig. Diesen Mythos dekonstruiert Christoph Kucklick mit einem systemtheoretischen close reading kanonischer Texte zum Geschlechterverhältnis aus der Zeit um 1800. Er bringt eine ganz andere Redeordnung ans Licht: die negative Andrologie, in der der Mann als abschreckendes Produkt der Modernisierung erscheint: als gewalttätig, unmoralisch und triebgesteuert. Sogar Fichtes Deduktion der Ehe – bislang gelesen als Manifest des Machismo – kann so neu verstanden werden: als Anleitung zur Zivilisierung der „bösen Männer“.“

Abgesehen davon, dass es im Mittelalter und Neuzeit die Ständegesellschaft sowie später Klassen und Schichten gab, sodass auch hier wohl jedem Mann klar werden musste, dass seine Sichtweise (des jeweiligen Standes oder der jeweiligen Schicht und Klasse) nur eine partikulare sein konnte und nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen konnte. Des Weiteren ist fraglich, ob die Kulturgeschichte der Moderne überhaupt die unteren und mittleren Klassen ausreichend repräsentiert, zumal diese nur rudimentär schreiben und lesen konnten und noch viel weniger Zeit hatten, dicke Bücher zu schreiben, sodass die Kulturgeschichte eben vor allem eine Kulturgeschichte des Adels, des Klerus oder des Bürgertums ist, aber sicherlich nicht primär die der Bauern, Arbeiter, Handwerker etc. Ferner ist es fraglich, eine diskursive Ordnung, die im 18., 19. und 20. Jh. vielleicht eine gewisse Wirkmächtigkeit hatte, einfach „freihändig“ auf die heutige Zeit zu übertragen und zu sagen, diese Geschlechterordnung würde auch heute noch die Sozialisation der Geschlechter nachhaltig bestimmen. Um hier überhaupt valide Aussagen machen zu können, müssten empirische Untersuchungen getätigt werden.

Viel wirkmächtiger scheint mir der auch heute noch dominante Sozialisationsmodus der Externalisierung bei Männern zu sein: Das heisst, das „Innen“ wie Gefühle, Emotionen, Hilflosigkeit, Trauer etc. sind für den Mann eher gefährlich, er holt sein Selbstvertrauen, seine Selbstbestätigung, sein Selbstbewusstsein also nicht aus dem „Innen“, sondern aus äusseren Tätigkeiten wie Berufserfolg, Schulerfolg, materielle Symbole wie Auto, Motorrad, Immobilien, Besitz, Sport etc.

FS schreibt:

Als Mann oder männlich sozialisierte Person entwickelt man spezifische Perspektiven auf die Welt, das einzugestehen, fällt nicht leicht, wenn man sich gewöhnt ist, die eigene Sicht für neutral und allgemein zu halten.

Wie gesagt, halte ich bereits die Prämissen dieser Aussagen für nicht zutreffend oder zumindest ohne jegliche empirische Absicherung und ad hoc ist nicht nachvollziehbar, weshalb es schwierig sein sollte, die eigene Sichtweise als eine partikulare anzusehen.

FS schreibt:

Ich halte es aber für einen entscheidenden Schritt, die Begrenztheit, Partikularität und auch Gewordenheit der eigenen Perspektive zu reflektieren. Ich glaube, man kann sich nur auf andere wirklich einlassen, andere verstehen, wenn man die eigene Sicht nicht für universell hält. Wenn man also den Radius öffnet, indem man die eigene Begrenztheit erkennt.

Ja, man kann die andere Sicht der Menschen verstehen, wenn man eine gewisse Empathie hat, die nicht nur eine kognitive Perspektiveübernahme impliziert, sondern desgleichen eine emotionale etc. Aber wie gesagt: Empathie heisst hier das Losungswort und wer keine Empathie für sich selbst aufbringen kann/darf, der wird ebenfalls Schwierigkeiten haben, Empathie bei anderen Menschen für deren Perspektive zu zeigen.

Teil 2 folgt am Montag, den 30. Januar 2017

 

Hanna Herbst erklärt die Welt

Die 1990 geborene Journalistin Hanna Herbst hat in einem Artikel im Online-Magazin Vice (30. September 2016) über den weißen Heteromann geschrieben – und sie meint es gut mit ihm; also: eine fast maternalistische „weißer Heteromann“-Versteherin.

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Das Übel der Welt: der weisse Heteromann

Der Titel Ihres Artikels lautet wie folgt:

Wir sollten nicht den weißen Heteromann bekämpfen, sondern seine Strukturen

Das würde demzufolge heißen: Hanna Herbst et al. bekämpfen den weißen Heteromann und freilich die gesamte Population der weißen Heteromänner. Das könnte man indessen bereits als Eingeständnis werten, dass demnach doch ein Kampf gegen die weißen Heteromänner stattfindet; ein Kampf, der möglicherweise häufig mit Hass einhergeht, obgleich dies ja fortwährend von gewissen Feministinnen abgestritten wird.

Die Frage würde sich sodann stellen; was sind eigentlich Strukturen? Und welche Strukturen besitzt der weiße Heteromann? Und lassen sich solche gesellschaftlichen Strukturen akkurat trennen: Hier die Strukturen der weißen Heterofrau, da die Strukturen des weißen Heteromanns usw., usf.?

HH schreibt im Vorspann des Artikels weiter:

Viele Männer haben aufgehört, mitzudiskutieren. Bevor sie etwas Falsches sagen, sagen sie lieber nichts. Oder sie sagen, dass sie dafür schämen, ein Mann zu sein.

Also doch: Weiße Heteromänner werden offenbar dämonisiert, und es wird ein Feindbild geschaffen, wenn sie scheinbar nichts mehr sagen und sich dafür schämen, dass sie ein Mann sind. Das finde ich interessant: Das wird ja von gewissen Feministinnen andauernd bestritten.

Dämonisierung der Männer mittels Kriminalitätsbelastung

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HH schreibt:

Was haben Mord, Steuerhinterziehung, Körperverletzung, rechtsextremistische Gewalttaten, Vergewaltigungen, Raub und Sachbeschädigung gemeinsam? Die Verursacher sind zum Großteil Männer. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich laut Statistik Austria 29.511 Personen rechtskräftig verurteilt. 85,5 Prozent davon waren männlich.

Bloß frage ich mich, weshalb bringt die Autorin gleich zu Beginn ihres Textes die Kriminalbelastung (Verurteilungsquote) ins Spiel und außerdem aufgeschlüsselt nach dem Geschlecht? Weshalb nicht auch nach Alter, Wohnort, soziale Schicht/Klasse/Milieu, Nationalität, Konfession etc.? Bei Nationalität und Konfession könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass dies für die Autorin mutmaßlich ein Tabu ist – dementsprechend politisch außerordentlich unredlich. Wenn wir mit einer Verfremdung arbeiten und die Population der Männer durch „Ausländer“ ersetzen, dann sieht es wie folgt aus.

Was haben Mord, Steuerhinterziehung, Körperverletzung, rechtsextremistische Gewalttaten, Vergewaltigungen, Raub und Sachbeschädigung gemeinsam? Die Verursacher sind zum Großteil Ausländer. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich laut Statistik Austria 29.511 Personen rechtskräftig verurteilt. 85,5 Prozent davon waren Ausländer.

Würde Hanna Herbst eine solche Aussagen tätigen? Oder hätte sie Angst, dass sie ev. als Rechtspopulistin oder als fremdenfeindlich taxiert würde?

Aber sehen wir uns an, was diese Zahlen exakt aussagen:

Von den 29‘511 Personen, die in Österreich verurteilt wurden, sind 85,5% Männer, das heißt: 25‘100 Männer. In Österreich gibt es insgesamt ca. 4‘350‘000 Männer, das bedeutet, dass 0.6% aller Männer verurteilt wurden; 99.4% der Männer wurden infolgedessen nicht verurteilt.

Frauen machen 14.5% der Verurteilten aus: folglich ca. 4‘279 Personen. Die Gesamtzahl der Frauen in Österreich beträgt ebenfalls ca. 4‘350‘000. Das heißt: 0.1% der Frauen wurden verurteilt oder 99.9% wurden folglich nicht verurteilt. Frauen und Männer sind somit mit über 99% nicht verurteilt worden.

Es dürfte unverkennbar sein: Die Autorin Hanna Herbst möchte mit ihrem Beispiel der Verurteilungsquote eine Verknüpfung (Konnotation?) von der gesamtgesellschaftlichen Kriminalität zu der Population der Männer schaffen. Wenn die Autorin dasselbe Prozedere bei der Population der Ausländer oder bei einer Konfession machen würde, würde ihr in ihrem gesellschaftlichen Milieu wahrscheinlich der Vorwurf der Fremdenfeindlilchkeit und des Rechtspopulismus gemacht. Bemerkenswert ist jedoch folgendes: Wenn sie bei Männern eine Dämonisierung vornimmt, dann muss sie keineswegs mit einem derartigen Vorwurf rechnen.

Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …

HH schreibt:

Versteht mich nicht falsch: Ich habe Freunde, die Männer sind. Auch mein Nachbar ist ein Mann und der ist eigentlich ganz nett. Ich habe nichts gegen Männer. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich denke, dass wir einigen von ihnen ab und zu Unrecht tun, ohne es bewusst zu merken.

Selbstverständlich verstehen wir die Autorin nicht falsch, zumal wir die Wörter „Mann“ und „Männer“ mit anderen Populationen austauschen (Verfremdung), sodass unverkennbar wird, was Hanna Herbst gewissermaßen meinen könnte – also:

Versteht mich nicht falsch: Ich habe Freunde, die Ausländer/Juden/Moslems sind. Auch mein Nachbar ist ein Ausländer/Jude/Moslem und der ist eigentlich ganz nett. Ich habe nichts gegen Ausländer/Juden/Moslems. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich denke, dass wir einigen von ihnen ab und zu Unrecht tun, ohne es bewusst zu merken.

Demzufolge – die Verfremdung weiter gesponnen: „Hannah Herbst hat nichts gegen Ausländer, Juden oder Moslems, zumal die eigentlich ganz nett sind. Aber offenbar bloß eigentlich und ab und zu könnte es sein, dass sie einigen (natürlich bloß einigen, zu großzügig will sie jetzt auch wieder nicht sein) Unrecht tut.“

Ich könnte mir gut vorstellen, dass, wenn Hannah Herbst derlei Aussagen in ihrem angestammten sozialen Milieu machen würde, sie als Rassistin, Antisemitin oder Moslemhasserin bezeichnet würde; weshalb dies jedoch bloß bei gewissen Populationen der Fall ist und bei anderen nicht, ist irgendwie unverständlich.

Das neue Feindbild: alte, weiße Männer und Männerrechtler

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Der weisse Heteromann als neues Feindbild

HH schreibt:

Nicht den Hasspostern dieser Welt, nicht den rückwärts gewandten, alten (oder unverständlicherweise auch jungen), nach außen hin verklemmten, weißen Heteros, die glauben, Diskriminierung gebe es nicht, nur weil sie diese selbst noch nie gespürt haben. Nicht den paranoiden und in Selbstmitleid badenden Männerrechtlern, die in Gleichberechtigung eine Bedrohung für ihre Vormacht und Männlichkeit sehen.

Gibt es beispielsweise keine Hassposter, die Frauen sind? Oder People of Color oder Homosexuelle? Sind die ausnahmslos anständig, freundlich, angenehm und liebenswürdig?

Und woher weiß die Autorin, dass alte, weiße Männer rückwärtsgewandt sind? Gibt es keine rückwärtsgewandten Frauen oder Homosexuelle etc.? Woher weiß die Autorin, dass es weiße Heteros gibt, die glauben, Diskriminierungen gebe es nicht? Wie viele sind das wohl? Hat sie darüber hinaus empirisch repräsentative Untersuchungen, die allesamt zum selben Ergebnis kommen? Und gewisse Frauen und Feministinnen sind demzufolge nicht paranoid, wenn sie offenbar eine gesamte Population, demnach die weißen Heteromänner dämonisieren und eine Bedrohung in Männerrechtlern sehen, wenn diese sich für Benachteiligungen, Diskriminierungen und Problemlagen von Männern einsetzen?

HH schreibt:

Aber weil es genau diese Männer gibt und weil viele von ihnen laut sind, scheren wir manchmal alle weißen, privilegierten, heterosexuellen, im Westen sozialisierten Männer über einen Kamm. Und damit schaden wir (für Gleichberechtigung Kämpfenden) uns schlussendlich selbst.

Und wie viele Männer gibt es derzeitig von diesen Männern genau? Und weshalb sind außerdem allein weiße heterosexuelle Männer im Westen privilegiert? Gibt es keine weißen heterosexuellen Frauen, die privilegiert sind? Gibt es keine weißen homosexuellen Frauen, die privilegiert sind? Haben Frauen kein kulturelles, soziales, ökonomisches oder z.B. politisches Kapital? Ist ein weißer, heterosexueller obdachloser Mann privilegiert? Oder ein weißer, heterosexueller Mann, der Harz 4 bekommt oder psychisch oder körperlich krank oder behindert ist oder sonst kaum ökonomisches, kulturelles oder politisches Kapital besitzt?

Nicht weiße Heteromänner sind das Feindbild, sondern ihre Strukturen

HH schreibt:

Wir kämpfen nicht gegen den weißen, westlichen Heteromann und manchmal kommt mir vor, vergessen wir das. Wir kämpfen gegen die Strukturen, die er (sich) geschaffen hat und gegen die, die nicht bereit sind, etwas an diesen Strukturen zu ändern. Wir kämpfen gegen die, die eine Gleichberechtigung nicht tolerieren wollen oder ihr aktiv entgegenwirken und ja, das sind zu einem großen Teil weiße Heteromänner.

Wiederum: was sind weiße, westliche Strukturen der Heteromänner? Und was genau sind Strukturen? Und haben dementsprechend die weißen Heteromänner andere Strukturen als die weißen Heterofrauen? Haben alle nach Geschlecht getrennt ihre eigenen Strukturen? Österreich ist eine repräsentative Demokratie (politische Strukturen) und die wahlberechtigten Frauen machen über 50% des Souveräns aus: Das heißt, die Frauen haben sämtliche politischen Möglichkeiten/Mittel in der Hand, die Strukturen, die ihnen nicht behagen, zu modifizieren. Wenn sie hier keine Mehrheit erhalten, dann sind insbesondere ebenso die Frauen an der Aufrechterhaltung dieser Strukturen verantwortlich! Die Frauen müssten sich folglich vorab einmal selbst an der Nase nehmen, wenn sie nicht wählen gehen oder Personen wählen, die keine Veränderung der Strukturen wollen.

Auch weiße, männliche Hetero sollten ein Mitspracherecht haben

HH schreibt:

Aber wenn wir allen, die weiß, männlich und hetero sind, jegliches Mitspracherecht verweigern, schließen wir damit Leute aus der Diskussion aus, die dasselbe Recht haben sollten, an ihr teilzunehmen wie jede andere.“

Richtig, das wäre dann sonst Sexismus mit umgekehrten Vorzeichen. Aber dass man das überhaupt extra erwähnen muss?! Weil der Feminismus will ja Geschlechtergerechtigkeit – oder?

Verständnis entgegenbringen, damit sie nicht zu den Männerrechtlern abwandern

HH schreibt:

Wahrscheinlich werden wir diejenigen, die sich trotzdem noch mit Feminismus auseinandersetzen und am Diskurs teilhaben wollen, nicht an Männerrechtler verlieren. Aber wir verlieren sie im Kampf um die Unterstützung. Ja, mit manchen muss man gar nicht diskutieren. Ja, manchen kann mit voller Kraft entgegentreten, manchen muss man nicht zuhören, über manche kann man drüberfahren—und zwar mit Freude und Inbrunst, weil ihr Verhalten viel zu lange toleriert wurde.

Was ist außerdem daran so übel, wenn Männer sich für Menschenrechte oder Gleichberechtigung einsetzen, bei denen sie bislang diskriminiert wurden im Vergleich zu den Frauen? Man weiß z.B., dass Männer für dasselbe Delikt härter bestraft werden als Frauen oder Männer vielfach Zwangsdienste wie beispielsweise Militärdienst leisten müssen im Gegensatz zu Frauen oder dass Frauen früher pensioniert werden als Männer usw., usf.

HH schreibt:

Aber denen, die dabei sein wollen, sollten wir vielleicht manchmal mit ein wenig Verständnis begegnen. Damit wir die Gräben nicht tiefer machen, sondern zuschütten.

Ich würde ergänzend ein bisschen weitergehen: Ich würde insbesondere ebenfalls den Männerrechtlern Verständnis entgegenbringen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, die sich jedoch ebenso für Benachteiligungen, Diskriminierungen und Problemlagen von Männern stark machen; es dürfte gegebenenfalls mit der Gleichberechtigung für alle schneller vorangehen, wenn man sich nicht gegenseitig bekämpft.

Fazit

Hanna Herbst versucht zu Beginn ihres Artikels die gesamte Männerpopulation in Verbindung mit Kriminalität zu bringen (Verurteilungsquote) und sie demzufolge zu dämonisieren. Ein bekanntes politisch-rhetorisches Stilmittel, wie es insbesondere der Rechtspopulismus fortwährend handhabt, um die Migration oder die Asylgesuche zu begrenzen.

Des Weiteren trachtet sie danach, pauschal Frauen als Opfer, Diskriminierte und Benachteiligte zu framen, wenngleich die Frauen mit über 50% des wahlberechtigten Souveräns seit vielen Jahrzehnten sämtliche politischen Mittel in der Hand haben, um alle Benachteiligungen bzw. Diskriminierungen mittels politischer Steuerung bzw. Intervention aufzuheben, sollten Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern auf Diskriminierung beruhen. Das heißt: Frauen sind wie die Männer allesamt an der Konservierung der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen mitverantwortlich. Und sollten Homosexuelle und beispielsweise People of Color rechtliche diskriminiert sein, dann sind Frauen wie Männer gleichermaßen dafür verantwortlich.

Es ist ein rhetorisch-politischer Trick, wenn sich Frauen wie Hanna Herbst aus ihrer Verantwortung exkulpieren wollen, indem sie sich symbolisch auf die Seite der People of Color oder der Homosexuellen stellen und gleichzeitig die weißen Heteromänner für sämtliches Übel der Welt verantwortlich machen, obschon ihre Population, die Frauen, sämtliche politischen Mittel in der Hand haben, alle Diskriminierungen, falls dergleichen vorhanden sind, aus der Welt zu schaffen und sie demzufolge ebenso wie die Männer die gesellschaftlichen Strukturen konservieren und reproduzieren.

Ich werde diesen Text Hanna Herbst zukommen lassen, und es würde mich selbstverständlich freuen, wenn eine Debatte diesbezüglich zustande kommen würde.

 

Laurie Penny: Über Faschismus und Feminismus

Laurie Penny hat sich in der taz  mit Feminismus und Faschismus auseinandergesetzt. Der martialische, feindbilderzeugende und dämonisierende Duktus erinnert selbst frappant an einen rechtspopulistischen Sprachduktus.

Der neue Faschismus und der brutale Kulturkrieg

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Laurie Penny

LP schreibt:

2016 war geprägt von einem kulturell-gesellschaftlichen Rückschlag. Der neue Faschismus verlangt einen schärferen feministischen Widerstand.

Was versteht man eigentlich unter dem neuen Faschismus? Und seit wann gibt es diesen neuen Faschismus und wo genau hat er sich ausgebreitet? Und was genau ist mit diesem kulturell-gesellschaftlichen Rückschlag gemeint?

LP schreibt:

Etwas hat sich verändert in diesem Jahr. Die Spielregeln haben sich geändert. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass da ein Krieg läuft, ein heftiger und brutaler Kulturkrieg, dessen größte Schlachten erst noch kommen. Viele glauben irrigerweise, dieser Krieg würde zwischen dem Islam und dem Westen gekämpft oder zwischen mehrheitlich weißen Nationen und dem Mittleren Osten. Sie liegen falsch.

Was genau hat sich denn nun verändert in diesem Jahr? Und von welchen Spielregeln spricht LP? Es läuft demnach ein heftiger und brutaler Kulturkrieg? Was muss man sich eigentlich darunter vorstellen? Und woher weiß die LP, dass die größten Schlachten noch kommen – ist sie Hellseherin? Nun, ein Krieg läuft vielfach tatsächlich im mittleren Osten oder in den sogenannt islamischen Staaten, aber diese Kriege sind real: also reale Bomben, reale Kugeln, reales Töten, reales Sterben. Und LP möchte jetzt ihren selbsternannten Kulturkrieg, bei dem wir immer noch nicht wissen, was darunter verstanden werden soll, mit diesen Kriegen gleichsetzen oder vergleichen? M.E. eine vollständig deplatzierte Analogie, die die Kriegen auf aller Welt verharmlost!

LP schreibt:

Der Krieg tobt zwischen jenen, die Fortschritt, Toleranz und Menschenrechte für unabdingbar halten, und den anderen. Zwischen jenen, die an eine lebenswerte Zukunft glauben, und jenen, die sich in eine mystifizierte Vergangenheit zurücksehnen. Der Krieg wird innerhalb von Nationen gekämpft, innerhalb von Gemeinden, von Familien, ja manchmal sogar innerhalb eines einzelnen Menschen. Und wenn wir diesen Krieg nicht gewinnen, verlieren alle – sogar die auf der ‚anderen‘ Seite.

Und für diese Behauptungen von LP gibt es nun allesamt empirische Belege? Folglich repräsentativ empirische Studien, die exakt das festgestellt haben?

Warum schreibt die LP nicht gleich, dass der „Krieg“ zwischen dem Guten und dem Bösen läuft? Dies wäre analytisch beispielsweise genau gleich aufschlussreich wie ihre befleißigte Unterteilung von Zukunft, Fortschritt, Menschenrechte vs. Vergangenheit. Und vor allem erinnert es stark an den Rechtspopulismus, der auch bloß die Guten („das Volk“, „die schweigende Mehrheit“)  und die Bösen (die Fremden, die Anderen, die Eliten) kennt. Demzufolge ein manichäisch dualistisches Weltbild bei LP – analog der Rechtspopulisten. Und was für ein Krieg soll das nun genau sein? Sind alle Interessens- und Wertkonflikte bei LP jeweils Kriege? Diese martialische Sprache von LP erinnert nun wiederum eher an eine faschistische Sprache und nicht an Menschen, die konfliktsensitiv denken oder Konflikte konstruktiv lösen möchten.

Köln und die weissen Nationalisten

LP schreibt:

Vor fast genau einem Jahr wurden in Köln Dutzende Frauen sexuell belästigt, offensichtlich von muslimischen eingewanderten Männern. Seit diesen Angriffen habe ich zu hören bekommen, der ‚westliche‘ Feminismus sei gescheitert, die wahren Beschützer von Frauen wie mir seien die weißen Nationalisten.

Was möchte LP damit aussagen? Fängt sie jetzt an zu klagen, zumal gewisse Leute, die nicht ernst zu nehmen sind, irgendeinen Unfug erzählen und dem Feminismus etwas in die Schuhe schieben, für das er nichts kann?

LP schreibt:

Es hieß auch, der Feminismus trage eine Schuld am Aufstieg des Rechtspopulismus überall auf der Welt: dass wir mit unserem Gejammer über solche belanglosen Themen wie Geschlechter- und Identitätsfragen die Linke gespalten hätten, dass wir nur endlich unsere Mäuler und unsere Schenkel geschlossen halten und uns auf die Klassenfrage konzentrieren sollten, dann könne der Faschismus auch geschlagen werden. Das ist Unsinn.

Ehrlich gesagt, halte ich tatsächlich nicht so viel von Identitätsfragen. Mir selbst ist es nahezu egal, ob ich ein Mann, eine Frau, Transgender, homo-, hetero- oder bisexuell bin oder Deutscher, Schweizer, Franzose etc. Ich nehme allerdings zur Kenntnis, dass dies offenkundig für manch Menschen nicht so egal ist, aber ich denke mir, dass sich diese Menschen ihre Probleme vielfach noch selbst machen, wenn sie sich so nachhaltig mit einer „Wesenseinheit“ identifizieren und ihren Selbstwert, ihr Selbstbild oder ihr Wohlbefinden von solchen Dingen abhängig machen. Und ob diese Identitätspolitik die Linke tatsächlich gespalten hat, wäre eine empirische Frage; ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass diese These einen realen Gehalt hat. Der Faschismus wird möglichenfalls nicht geschlagen, wenn man sämtliche Konflikte auf die Klassenfrage reduziert. Aber es dürfte gleichermaßen verkürzt sein, wenn man ihn auf die Geschlechterfrage herabsetzen würde.

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Frauke Petry – eine Akteurin des neuen Faschismus?

Feminismus ist Kampf gegen Faschismus

LP schreibt:

Feminismus ist keine irgendwie alberne Flause im Kampf gegen den Faschismus. Er ist für diesen Kampf essentiell. Eines der vielen Dinge, die die neuen Autoritären verbindet – unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Herkunft – ist ihre Verachtung der weiblichen Befreiung. Schau dir die politischen Ideen der amerikanischen Neonationalisten oder der deutschen AfD an und du findest die gleichen Ansichten über die angemessene Rolle von Frauen und Mädchen: Wir sollen ruhig und gehorsam sein, dekorativ und gottesfürchtig, Hausfrauen und Mütter. Wir verdienen weder Selbstbestimmung über unseren Körper noch Schutz vor Gewalt oder das Recht auf Gesundheitsversorgung.

Ich habe mir das Grundsatzprogramm der AfD kurz angeschaut: Um es gleich vorwegzusagen: Ich halte vermutlich mindestens 80% des Parteiprogramms für Unfug. Aber: Ich finde nirgends eine explizite Aussage, die die Verachtung der weiblichen Befreiung konstatiert, es steht ebenfalls nirgends, Frauen sollen ruhig, gehorsam, dekorativ und gottesfürchtig sein. Des Weiteren steht ebenso nichts darüber, dass Frauen keine Selbstbestimmung über ihren Körper, keinen Schutz vor Gewalt oder kein Recht auf Gesundheitsversorgung haben sollen. Alles herbei phantasierte Strohmänner und Schreckgespenster der LP.

Neofaschismus = Männlichkeitskult

LP schreibt:

 „Neofaschismus ist im Kern ein Männlichkeitskult: Männliche Stärke im Allgemeinen wird verehrt, und gewalttätige starke Männer im Besonderen. Man vergisst das gern mal, weil die neofaschistische Rhetorik sich so sehr auf Rasse und Nation konzentriert und die ersten Opfer Migranten, People of Colour und Angehörige religiöser Minderheiten sind. Aber beim Neofaschismus geht es mindestens ebenso sehr um männliche wie um weiße Vorherrschaft.

LP sollte irgendwann genau definieren und erklären, was sie mit Neofaschismus meint, was sie allemal nicht tut und folglich über alles und nichts palavert. Und Frauen spielen im Neo-Faschismus keine Rolle? Was ist eigentlich mit den rechtspopulistischen Frauen wie Marine Le Pen von dem Front National, Beatrix von Storch und Frauke Petry von der AfD? Sind das nun Neofaschisten oder doch nicht? Und sollten es Neofaschisten sein, lässt sich dann dieser offenbar vorhandene Männlichkeitskult aufrechterhalten? Steht im Grundsatzprogramm von der AfD irgendetwas drin, das einem Männlichkeitskult gleicht? Und gibt es außerdem keine religiösen Minderheiten oder People of Color, die auch neofaschistisch sind? Oder anders gefragt: Können nur weiße Männer neofaschistisch sein und alle anderen Menschen sind das Gute? Gegenwärtig dürfte zumindest das, was ich unter Neofaschismus verstehe, in den meisten Ländern Europas eine Randerscheinung sein. Sollte es mal keine Randerscheinung mehr sein in Europa, dann werden sicherlich nicht die Frauen primär die Verfolgten und Ausgegrenzten sein, sondern sie werden wahrscheinlich kräftig mithelfen am verfolgen und ausgrenzen von ethnisch und religiösen Minderheiten etc.

Westliche Männer wollen Frauen straffrei vergewaltigen

LP schreibt:

So viel sie auch jeden Tag davon reden, wie sehr doch westliche – sie meinen weiße – Frauen durch die ethnisch und religiös andersartigen Einwanderer bedroht seien, so sehr geht es ihnen doch gleichzeitig darum, diese Frauen ihrer sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung zu berauben. Muslimen und Einwanderern muss es verwehrt bleiben, westliche Frauen zu missbrauchen, aber die Kehrseite davon ist, dass westliche Männer das straffrei tun dürfen: Es ist ein Wettstreit verschiedener Stile patriarchaler Gewalt.

Wer redet jeden Tag von was genau? Die Neofaschisten? Und wer will den Frauen ihre sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung rauben? Die Neofaschisten? Und wer ist das nun ganz genau und wie viele sind das? Steht das auch irgendwo im Grundsatzprogramm der AfD drin? Ich habe nichts davon gelesen. Die westlichen Männer wollen demzufolge allesamt straffrei Frauen vergewaltigen? Wer sagt das genau und wie viele Personen sind das. Es dürfte offensichtlich klar sein, dass LP hier wiederum einen Popanz aufbaut und quasi ein Feindbild kreiert und Dämonisierung betreibt, das dieses Mal „westliche weiße Männer“ heißt. Man könnte dies, wenn man möchte, auch Sexismus plus Rassismus nennen. Es ist dasselbe, wie wenn man gleichsam alle Ausländer unter Kriminalitätsverdacht stellen würde. Wir sehen: LP argumentiert gewissermaßen analog wie der Rechtspopulismus, bloß einfach mit umgekehrten Vorzeichen: Dämonisierung, Feindbilderzeugung und ein manichäisches dualistisches Weltbild.

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Beatrix von Storch – Akteurin des neuen Faschismus?

LP schreibt:

Sie fordern den Respekt gegenüber Frauen ein, aber Migrantinnen und Frauen of Colour sind die häufigsten Opfer jener, die Gewalt auf der Straße als legitimen Ausdruck politischer Meinungen ansehen. Übergreifender Feminismus ist ein Rahmen für den Widerstand gegen dieses neue und furchterregende Narrativ. Fortschrittlicher, kompromissloser, antirassistischer Feminismus wird in dieser kommenden Auseinandersetzung von zentraler Bedeutung sein.

Abermals: Wer fordert was ein und wie viele sind das? Wer sieht Gewalt auf der Straße als legitimen Ausdruck politischer Meinungen an? Steht das ebenfalls im Grundsatzprogramm der AfD? Also, ich habe nichts davon gelesen. Und könnte dieses furchterregende Narrativ nicht wiederum ein Popanz, gleichsam ein Schreckgespenst sein? Selbstverständlich heißt das nicht, dass es keine rechts- und linksextreme Gewalt gibt und desgleichen viel Gewalt, die nicht unbedingt politisch motiviert ist, aber es heißt noch lange nicht, dass dieses Narrativ quasi hegemonial geworden sei und gewissermaßen ubiquitär ist. Sollte es rassistischen Feminismus geben, dann wäre es durchaus sinnvoll, wenn sich dieser in einen antirassistischen Feminismus transformiert. Aber eigentlich würde es vollständig ausreichen, wenn die Menschen einfach antirassistisch eingestellt sind – darüber hinaus braucht es nicht noch extra einen antirassistischen Feminismus.

Die Neue Rechte: bei Genderthemen völlig durchgedreht

LP schreibt:

Die neue Rechte ist schon immer bei Genderthemen völlig durchgedreht. Viele der Techniken von Bedrohung und Herumtrollen, die jetzt benutzt wurden, um extremistische Führer an die Macht zu bringen, wurden in den letzten fünf Jahren online erprobt, als sich Gruppen von Männern und Jungs zusammenschlossen, um „Feminazis“ mundtot zu machen und Frauen aus dem Internet zu drängen.

Wiederholt wäre es interessant zu erfahren, wer LP unter die neue Rechte subsumiert, damit man weiß, von was sie eigentlich spricht. Um welche extremistischen Führer handelt es sich? Geht es um Marine le Pen oder Frauke Petry? Gruppen von Jungs und Männer wollten demnach „Feminazis“ mundtot machen? Wer genau will das? Und wie viele sind das? Und Frauen waren nicht dabei? Und die „Feminazis“ waren alle immer angenehm und freundlich in ihren Online-Aktivitäten? Könnte es nicht ebenso sein, dass Feministinnen ab und an nicht so konstruktiv handeln? Ich verweise einmal auf den Artikel von Stephan Schleim:

Junge weisse Männer radikalisieren sich

LP schreibt:

Einige von uns haben schon vor Jahren deswegen Alarm geschlagen und darauf hingewiesen, dass auch junge weiße Männer sich radikalisieren und in gewalttätige rassistische und frauenfeindliche Fantasien abrutschen, und dass das ernstgenommen werden sollte. Es macht mich nicht glücklich, recht gehabt zu haben.

Woher weiß LP das, dass desgleichen junge weiße Männer sich radikalisieren etc.? Und die jungen, nichtweißen Männer radikalisieren sich nicht? Sind also alle süß und freundlich? Und die jungen weißen und nichtweißen Frauen, die sind auch alle anmutig und freundlich?

LP schreibt:

Es wird in den kommenden Jahren viele neue Versuche geben, frauenpolitische Ansätze kaputtzumachen und Frauen entlang Fragen der Ethnizität, der Klasse und der Identität zu spalten. Es wird einen Wettstreit unterschiedlicher autoritärer Anschauungen darüber geben, wie gut eine Frau sein sollte, wie sie aussehen sollte, wie sie arbeiten sollte, wann sie sprechen sollte, wen und wie oft und mit wessen Erlaubnis sie vögeln sollte. Es geht jetzt wirklich darum, was Feminismus bedeutet und warum er wichtig ist.

Woher weiß LP das, was in Zukunft passieren wird? Hat sie eine Glaskugel? Und was ist eigentlich mit männerpolitischen Ansätzen? Die werden gewiss alle gutgeheißen – was? Also nur Frauenpolitik wird ev. und vielleicht bekämpft – oder?

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Hillary Clinton – Akteurin des „vertrockneten, liberalen Feminismus“?

LP schreibt:

Ein Gutes an Hillary Clintons Niederlage ist, dass wir vielleicht endlich die Vorstellung vergessen können, dass ein vertrockneter, liberaler Feminismus, der sich auf die Sorgen wohlhabender weißer Frauen im Westen konzentriert, jemals ausreichen könnte.

Nein, ein Feminismus, der sich allein auf die wohlhabenden weißen Frauen begrenzt, dürfte tatsächlich wesentlich ein Eliteprojekt sein und für die 95% der übrigen Frauen unnütz. Aber brauchen wir für diese fürwahr bahnbrechende Einsicht wirklich die LP, die uns das sagt?

Befasst sich der Feminismus mit Nichtigkeiten?

LP schreibt:

Es ist vielleicht zu viel gehofft, auch die endlosen Diskussionen in der Presse darüber loszuwerden, welche Berühmtheiten Feministinnen sind oder nicht, ob es feministisch ist, sich die Beine zu rasieren oder ob sich Lippenstift und Frauenbefreiung vertragen, als ob Feminismus auch nur eine weitere Kategorie zur Beurteilung von Frauen und ihrer Mängel wäre. Das Private ist natürlich immer noch politisch, und intime Dinge sind immer noch wichtig – aber vielleicht können wir es jetzt mal vermeiden, das Politische ausschließlich ins Private zu ziehen.

Selbsterkenntnis ist durchaus der beste Weg zur Besserung. LP hat vermutlich auch allmählich selbst bemerkt, dass das feministische Wehklagen über Nichtigkeiten mit der Zeit bloß noch ermüdet und ein Klagen auf höchstem Niveau ist.

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Melania Trump – hat sie einen Revolver im Rücken?

LP schreibt:

Schönheitskultur, Aussehen und Beziehungsfragen sind alles feministische Themen – sogar mehr noch angesichts der Wiederkehr einer konservativen Kultur, die von Frauen homogene, gehorsame Weiblichkeit einfordert, die will, dass wir den glatten, geschmeidigen Family-First-Frauen der Trump-Regierung nacheifern, mit ihrem scheuen Lächeln, das sie aussehen lässt, als würde ihnen jemand eine Waffe in den Rücken halten.

Hier habe ich offenkundig den Tag vor dem Abend gelobt: Das Gezeter auf höchstem Niveau fängt flugs wieder an. In welchem Parteiprogramm steht eigentlich, dass eine homogene, gehorsame Weiblichkeit eingefordert wird? Wer fordert, dass Frauen den glatten, geschmeidigen Family-First-Frauen der Trump-Regierung nacheifern sollen? Und klar! Diese Frauen sind selbstverständlich alle abermals bloß Opfer: Keine selbstständige Entscheidung, diese Männer zu heiraten?! Die Frauen wurden wahrscheinlich allesamt dazu gezwungen, Trump et al. zu heiraten und sich so zu kleiden, wie sie sich kleiden?

LP schreibt:

Aber rassistischer Hass ist auch ein feministisches Thema. Sozialstaat, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Gerechtigkeit sind feministische Themen, und der neue Faschismus verlangt einen neuen, schärferen feministischen Widerstand. Glücklicherweise passiert das bereits.

Das überrascht selbstverständlich nicht, dass dies allesamt ebenfalls ein feministisches Thema ist: Welches Phänomen auf dieser Welt und in der gesamten Galaxie dürfte schon kein feministisches Thema sein? Und weiterhelfen würde es, wenn uns die LP endlich sagen würde, was genau unter diesem neuen Faschismus verstanden werden soll!

Feministin zu sein, ist gefährlich

LP schreibt:

Sich heute Feministin zu nennen ist radikaler und gefährlicher als letztes Jahr.

Wie kommt die LP auf diese Aussage? Folglich wie wird diese begründet? Mit dem neuen Faschismus, von dem wir immer noch nicht wissen, was überhaupt damit gemeint ist? Muss die LP derzeitig um ihr Leben fürchten? Muss sie unter Polizeischutz gestellt werden? Darf sie nirgends mehr schreiben, insbesondere in den Leitmedien nicht mehr?

LP schreibt:

Feminismus ist natürlich nicht nur eine Identität, sondern ein Prozess, ein Verb, eine Bewegung. Aber Widerstand fängt im Herzen an, und wenn ich mich selbst Feministin nenne, dann ist das ein Statement des Widerstands gegen den globalen Männlichkeitskult. Wenn ich mich Feministin nenne, erinnere ich mich selbst und alle, die zuhören, dass mein Körper und mein Leben nicht der rechtmäßige Besitz irgendeines Mannes sind, ob im Weißen Haus, im Repräsentantenhaus oder bei mir zu Haus.

Was genau ist außerdem dieser „globale Männlichkeitskult“? Demzufolge Definition, Operationalisierung, Indikatoren etc., damit dieser für alle erkennbar und sogar empirisch erfassbar wird? Steht irgendwo in einem Gesetz oder einer Verfassung in einem Land in Europa oder in den USA, dass de iure der Körper einer Frau der rechtmäßige Besitz eines Mannes ist? Nein?! Eben! LP ist abermals an den Strohmännern und an den Schreckgespenstern bauen, um sich flugs als Robin Hood –  pardon -, als Jeanne d’Arc inszenieren zu können. Desgleichen ein bekanntes Muster des Rechtspopulismus.

Deswegen sind die heutigen Faschisten so besessen vom Feminismus als einer zersetzenden Macht. Sie nennen ihn eine Krebszelle, und das Bild passt schon, denn wenn er einmal im Herzen ist, wird er sich weiterfressen, wird die Person, den Haushalt, die Familie, die Stadt, die Welt verändern. Wenn das Krebs ist, will ich keine Heilung.

Und erneut die Frage? Wer genau ist der heutige Faschismus? Wie viele Personen umfasst dieser? Oder anders ausgedrückt: LP baut vor allem an Schreckgespenstern – ähnlich wie der Rechtspopulismus, der ebenfalls durchweg Feinde, Missstände, Abgründe und Apokalypsen sieht.

Lächerliche Fanatiker und kleine Tyrannen

LP schreibt:

Es gibt überall Milliarden von Frauen, die nicht einfach zuschauen werden, wie die von unseren Vormüttern hart erkämpften Fortschritte von lächerlichen korrupten Fanatikern und kleinen Tyrannen kaputtgemacht werden, aus welchem Glauben heraus oder in welchem Land auch immer. Jeder Faschist weiß, dass Freiheit eine Bedrohung sein kann, aber die Frauen und Mädchen von heute sind damit groß geworden. Wer von ihnen erwartet, sie im Namen eines Nationalstolzes wieder aufzugeben, hat einen heftigeren Kampf vor sich, als er sich vorstellen kann.

Alsdann ist ja eigentlich alles gut! Bloß sehe noch nicht ein, weshalb LP so ein Lamento macht und man den Eindruck bekommt, wie der neue Faschismus, von dem wir immer noch wissen, wer dies genau ist und wer alles darunter zu subsumieren ist, angeblich sämtliche Frauen und alle Frauenrechte platt machen möchte.

Fazit

Wenn man den Text von LP liest, erhält man den Eindruck, dass hier keine Frau schreibt, die demnächst 31 Jahre alt wird, sondern eine Jugendliche in ihrer Adoleszenz. Wenn man den charakteristischen Duktus des Rechtspopulismus mit dem vorliegenden Text von LP vergleichen würde, dann bin ich mir sicher, dass man diverse Parallelen finden würde: Eher ein Schwarz-Weiss-Denken, ein mandäisches dualistisches Weltbild, kriegerische und martialische Metaphorik, mehrfach Verallgemeinerungen, die mit umkehrten Vorzeichen in Sexismus und Rassismus (junge, weiße Männer oder weiße Männer) enden, ganz allgemein keine differenziert erklärende Analyse, sondern eher Moralisierung verknüpft mit der Erzeugung von Feindbildern. Es wird gleichsam über alles und nicht gesprochen: einmal neue Rechte, dann Neofaschismus, dann neuer Faschismus, dann AfD, zusätzlich Behauptungen aufgestellt, die nicht belegt werden.

Es überrascht, dass ein solch populistischer Text Eingang in die taz findet und LP gleichsam als eine Ikone des neuen Feminismus gehandelt wird. Dessen ungeachtet ist der Hype wiederum nicht erstaunlich, zumal er sich ja geradeswegs eines populistischen Duktus und Stils bedient und daher wie der Rechtspopulismus Menschen findet, sich gerne ein Weltbild wünschen, das möglichst unmissverständlich vorgibt, wo das Böse und das Gute zu lokalisieren ist.

Ich werden diesen Text außerdem der taz-Redaktion zukommen lassen und sie anfragen, ob ich gewissermaßen eine Replik auf den Text von LP bei Ihnen veröffentlichen darf.