Die Ökonomie der Romantik

Whit Stillmans Jane Austen-Verfilmung Love & Friendship spiegelt unsere Geschlechterpolitik überraschend gut wieder

Ohne ihn wäre ich ganz allein unter Frauen gewesen. Er saß im Kinosessel direkt vor mir, ein älterer Herr, der vielleicht – einfach schon zu schwach zur Gegenwehr – einfach mit ins Kino gezerrt worden war. Ansonsten saßen vor, hinter und neben mir nur Frauen.

Das ist eigentlich schade. Jane Austen hat bei manchen Deutschen den Ruf, eine frühe Version Rosamunde Pilchers zu sein, aber in der englischen Literaturwissenschaft sind ihre Romane längst als grundlegend anerkannt. „Lady Susan“ allerdings ist ein kaum bekannter Briefroman, den Austen vermutlich als sehr junge Frau geschrieben hat. Er ist mit Kate Beckinsale in der Titelrolle als „Love & Friendship“ verfilmt worden und im vergangenen Monat in die Kinos gekommen.

Bei näherer Betrachtung ist es sehr seltsam, dass lauter Frauen und nicht lauter Männer im Kinosaal saßen.

Im Mittelpunkt des Filmes steht nämlich eine Frau, die so bissig, zynisch und ironisch präsentiert wird, als wäre sie der Fantasie eines ganz besonders schlecht gelaunten Männerrechtlers entsprungen. Eines ihrer zentralen Themen – das ökonomische Kalkül romantischer Liebe – hat Austen wohl an keiner anderen Figur mit einer solchen Schärfe durchgespielt wie an ihrer Lady Susan. Weiterlesen

Vital und frei und perspektivlos – Fatih Akins „Tschick“

Schon zu Beginn des Films blamiert sich der vierzehnjährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) nachhaltig, ohne recht zu verstehen, wodurch eigentlich. Für den Deutschunterricht an seinem Gymnasium in Berlin-Marzahn hat er eine Routine-Hausaufgabe mit ausufernder Ausführlichkeit gemacht und einen trockenen, unfreiwillig komischen Text über den Alkoholismus seiner Mutter geschrieben.

Er steht vor der Klasse, trägt vor – und als er endlich unterbrochen wird und der Lehrer ihn fragt, wie viele Seiten der Text noch habe, zählt Maik nach und stellt zum Entsetzen aller anderen Anwesenden fest, dass es noch etwa sechs eng beschriebene DIN-A-4-Seiten bis zum Ende sind. Der Lehrer bricht den Vortrag ab und versichert Maik nach der Stunde, dies sei der abstoßendste Text seiner ganzen Lehrerkarriere gewesen.

Einerseits ist das Mitteilungsbedürfnis von Maik gigantisch und so uferlos, dass andere davor in Deckung gehen. Andererseits resultiert deren Eindruck, der Junge würde mit einer ganz unpassenden Komik über den Alkoholismus seiner Mutter schreiben, aus einem Missverständnis.

Maik selbst nimmt seine familiäre Situation als ganz normal wahr und schreibt entsprechend lakonisch darüber, wie seine Mutter selbst in schwer angetrunkenem Zustand ein Tennis-Match gewinnt, hinterher offen im Tennisclub erzählt, nun für einige Wochen in eine Beauty-Farm zu gehen, und dies gleich selbst als Chiffre für eine ihrer regelmäßigen Entziehungskuren auflöst. Ganz selbstverständlich erscheint es Maik auch, dass er auf seine Mutter aufpasst und für sie sorgt – nicht umgekehrt.

tschick_schule

Natürlich bleibt der Platz neben Maik leer – neben diesem Psycho möchte keiner aus der Klasse sitzen. Die Handlung des Films beginnt dann damit, dass dieser Platz doch besetzt wird. Der Lehrer führt einen neuen Mitschüler in die Klasse, einen mongolisch aussehenden Jungen (Anand Batbileg) mit seltsamem Haarschnitt und schräg-prolliger Kleidung, dessen Namen er kaum aussprechen kann. „Andrej Tschichatschoff“, korrigiert der Junge, der offenkundig angetrunken neben dem Lehrer steht und kaum seine Augen offen halten kann. Schließlich sitzt dann der Asi neben dem Psycho, und Maik rückt von ihm und seiner Alkoholfahne weg, so weit wie möglich an den Rand des Tisches.

Fatih Akin hat die Geschichte dieser beiden Außenseiter  nach dem gleichnamigen und auch als Schullektüre erfolgreichen Kult-Roman Wolfgang Herrndorfs verfilmt. Der Film ist – wie im Roman schon angelegt – ein klassisches Road-Movie mit Wurzeln bis hin zu Mark Twains Huckleberry Finn. Zugleich ist er auch eine Bestandsaufnahme der Situation vieler Jugendlicher im heutigen Deutschland, und er ist damit auf den zweiten Blick viel beunruhigender, als es in seiner gelösten, oft komischen Atmosphäre auf den ersten Blick erscheint. Weiterlesen

Ghostbusters: Wozu ein Desaster gut sein kann

„Das Beste über Paul Feigs Ghostbusters-Adaption gleich vorweg: Die Fanboys werden den Film hassen.“ 

Andreas Buscher verrät hier in der Zeit nicht, was genau eigentlich eine solch gute Idee daran sein sollte, mit einem 160 Millionen Dollar teuren Remake eines Filmklassikers aus den Achtzigern dessen – meist männliche – Fans entschieden gegen sich aufzubringen.

Die hätten sich jedenfalls monatelang darüber beschwert, „dass in der Neuauflage ihres Kultfilms vier Frauen die Hauptrollen spielen“, hätten abermals gezeigt, dass die sozialen Netzwerke sich „zunehmend zur Kloake der freien Meinungsäußerung“ entwickelten, und hätten sich in den „Hassforen selbsterklärter Fans“ ausgetobt. Im Unterschied womöglich zu Ghostbusters-Fans, die offiziell vom Feuilleton der Zeit dazu erklärt worden sind.

Ähnlich Dietmar Dath in der Frankfurter Allgemeinen, für den die Kritik am Film „aus der militanten digitalen Gosse“ stammt. Gosse, Kloake: Es wäre bestimmt einmal eine lohnende Aufgabe für eine sprachwissenschaftliche Arbeit, die Wortwahl deutscher Journalisten bei der Darstellung des Internets zu untersuchen.

Ganz in diesem Sinne schreibt auch David Kleingers im Spiegel: Die Macher des Films hätten einen „beispiellosen Shitstorm“ erlebt, inszeniert von Menschen,

„die es offenkundig nicht ertragen, dass Frauen es wagen, mit ihrem angestaubten Jungenskram zu spielen“.

Für ihn ist dann der Besuch des Films gar eine politische Aktion:

„Bildet Kinoschlangen. Für die ‚Ghostbusters‘ – und gegen den hässlichen Spuk.“

Tom Caspar Boehme schließlich hat weder unnötige Angst vor unangemessenem Pathos noch vor allzu nahe liegenden Metaphern, wenn er in der taz klarstellt, „das Gespenst des Sexismus“ habe in den ablehnenden Äußerungen zum Film „sein hässliches Haupt erhoben“.

Spätestens seit dem letzten Mad Max-Film bin ich allerdings zurückhaltend damit, mich bei solchen Aussagen vertrauensvoll mitzuempören. Damals hatten amerikanische und europäische Journalisten, offenbar jeweils voneinander abschreibend, wütend darüber berichtet, dass Männerrechtler zu einem Boykott des Films aufrufen würden – weil es ihnen nicht passe, dass die weibliche Figur der Imperator Furiosa stärker wirke als der Serienheld Max.

Tatsächlich kam der Boykottaufruf von einer einzigen Webseite, die sich von Männerrechtlern deutlich distanziert und die sowohl frauenfeindlich als auch antisemitisch ist. Dort rief ein Autor zum Boykott auf, der den Film gar nicht gesehen hatte.

Da es aber ja tatsächlich albern ist, wenn jemand einen Film wütend grottenschlecht findet, den er nur aus Trailern kennt – da es aber auch nicht sonderlich klug ist, wenn jemand einen Film toll findet, nur weil er dessen Gegner für Deppen aus Kloaken hält – habe ich mir den neuen Ghostbusters erst einmal selbst angesehen.

Nach dieser Erfahrung ist mein Eindruck, dass ausgerechnet der musikexpress zu einem deutlich seriöseren, abgewogeneren Urteil kommt als die ehrwürdigen seriösen Zeitungen, die oben zitiert sind. Daniel Krüger distanziert sich dort von den Anfeindungen, ohne den Film deswegen unkritisch grandios zu finden: Ghostbusters sei ein „ganz und gar furchtbarer Film“, der „zwar eine große Marke bedienen (wolle,)  in seiner Machart trotz hohem Budget aber ein ganz kleiner Film“ sei.

„Und obendrein noch einer, der die extremen Debatten im Vorfeld der Veröffentlichung nicht verdient hat.“ 

Auch wenn ich das Urteil über den Film unbedingt richtig finde – die Debatte darüber finde ich so lohnend, dass ich glatt ein wenig in sie einsteigen möchte. Denn auch wenn der Pop-Film wohl ein ökonomisches und ganz gewiss ein künstlerisches Desaster ist, lässt ich gerade an diesem Misserfolg vieles zeigen, das über ihn hinaus interessant ist. Weiterlesen

Die Ermordung eines Männerrechtlers – und was man daraus lernen kann

Ein Kommentar zur Bones-Folge The Murder of the Meninist

In den USA sind Männerrechtler mittlerweile immerhin so wichtig, dass es sich lohnt, sie zur besten Sendezeit zu ermorden. In der Folge The Murder of the Meninist der in den USA gerade laufenden elften Staffel der Krimiserie Bones wird einer von ihnen als verbrannte Leiche in einem Auto gefunden – und seine Gruppe, die fiktive Männerrechtsorganisation Men Now, wird ausführlich vorgestellt.

Arne Hoffmann kommentiert allerdings, die Serie lege

„Männerrechtlern Sätze in den Mund, die ich in den fast 20 Jahren, in denen ich bei diesem Thema aktiv sind, noch von keinem einzigen Männerrechtler (von welchem radikalen Flügel auch immer) habe sagen hören“  

Tatsächlich sind Männerrechtler in der Folge stumpf frauenfeindlich, auf die Unterordnung der Frau und auf die Wiederherstellung ihrer immer irgendwie angegriffenen männlichen Würde bedacht – ganz so, als ob die Produzenten ausgerechnet den MRA-feindlichen Soziologen Michael Kimmel („Angry White Men“) als wissenschaftlichen Berater engagiert hätten.

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Die Darstellung von Männerrechtlern in der Fernsehserie Bones ist durchaus nicht frei von Polemik. Trotzdem lohnt es sich, die Folge The Murder of the Meninist anzuschauen.

Trotzdem habe ich die Folge gesehen – und finde, dass es sich sehr gelohnt hat. Weiterlesen

Alles beim Alten im Universum

Der neue Star Wars-Film Das Erwachen der Macht (The Force Awakens) ist eigentlich ein idealer Film zum Jahreswechsel. Er wird angekündigt mit ungeheurem Getöse… es ist praktisch unmöglich, ihn nicht zu bemerken… und etwas ganz Neues beginnt – aber dann entwickelt sich eigentlich nur eine ganz alte Geschichte, die allen schon vertraut ist.

Immerhin bietet das eine Chance dazu, zu überlegen, wodurch denn neue Geschichten möglich würden….

Der Film hatte den „besten Start der Kinogeschichte“, dann „das beste Ergebnis eines Filmes in der zweiten Woche in den Vereinigten Staaten und Kanada“ und hat keine zwei Wochen nach dem Start schon weltweit über eine Milliarde Euro eingespielt. The Force Awakens – Das Erwachen der Macht: Das bezieht sich nicht allein auf seinen Inhalt, sondern vor allem auf den Film selbst. Star Wars kommt mit ihm dort wieder an, wo die Geschichte vor fast 40 Jahren 1977 startete.

Die Rückkehr zu den Anfängen ist sicherlich ein Grund für seinen enormen Erfolg, aber sie ist auch ein Problem. Weiterlesen

Wozu eigentlich brauchen wir eine Wirklichkeit?

Über Erzählmirnix, Lann Hornscheidt und den Wahnsinn als Methode

„Wissen und damit auch Gesellschaft als immerwährenden Prozess von Aushandlungen zu verstehen“:

Dieses Credo der Gender-Forscherin Franziska Schutzbach fiel mir wieder ein, als ich in vor einigen Tagen über erneuten Shit-Storm gegen die Bloggerin und Autorin Erzählmirnix las. Was Blockadelisten und Shit-Storm-Organisationen mit einem „Prozess von Aushandlungen“ zu tun haben, ist mir allerdings noch nicht ganz klar geworden.

Deutlich klarer ist mir schon die Kritik an diesem Credo, die von der Bloggerin drehumdiebolzeningenieur mit Bezug auf Karl Raimund Popper formuliert wird.

„Nein, Wissen ist in der naturwissenschaftlicher Erkenntnistheorie das Ergebnis der Konfrontation von Theorien und ihren Vorhersagen mit Experimenten. Danach wissen wir, welche Theorien falsch sind, kennen aber noch immer nicht die Wahrheit. Ausgehandelt wird da nichts.“

Kurz: Wissen muss sich in der Welt bewähren.

Das bezweifelt eigentlich auch niemand ernsthaft. Beispielsweise könnten wir durchaus in Aushandlungen zu dem Wissen gelangen, dass alle Menschen unsterblich seien, und alle Beteiligten hätten vermutlich gute Gründe, diesem Ergebnis zuzustimmen. Es würde nur an unserer realen Sterblichkeit in der realen Welt überhaupt nichts ändern.

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Wie unangenehm, die Menschen nicht nur zu sehen, sondern von ihnen auch gesehen zu werden. Leider ist das ein Sachverhalt, der sich beim Leben in einer gemeinsamen Welt kaum vermeiden lässt….

Wir handeln eben nicht einfach irgendetwas aus, sondern müssen uns über reales Handeln in einer gemeinsamen Welt verständigen. Wer Selbstverständlichkeiten wie diese nicht akzeptiert, produziert damit eine ganze Reihe von seltsamen Konsequenzen: Er bezieht Positionen, die absurd sind, erklärt aber Absurdität zur Tugend – er diffamiert gemeinsame Regeln, die zur Kontrolle wissenschaftlicher Ansprüche dienen, als totalitäre Instrumente – und er produziert eine autoritäre, elitäre Politik, die sich nur mit immer größeren Aggressionen gegen ihre Kritiker aufrecht erhalten kann. Weiterlesen

Wie ich einmal den neuen Mad Max-Film nicht boykottierte

„Ja, ich bin ein Feminist“, erklärt gerade der Schauspieler Ryan Gosling im Magazin der Süddeutschen Zeitung (S. 20) und hat dafür auch eine überraschend einfache Begründung: „Frauen sind besser als Männer.“
Keine umständlichen Reden also darüber, dass es um Gleichberechtigung gehe und um eine Öffnung der Geschlechterrollen und dass all dies auch für die Männer gut sei – stattdessen kommt Gosling sympathisch-unbekümmert gleich zur Sache.Skandalös ist seine Aussage trotzdem nicht. Gosling erklärt mit ihr nämlich seine eigene familiäre Erfahrung, nach der Mutter und Schwester im Unterschied zum Vater für ihn da gewesen seien. Es wäre allerdings hübsch, wenn sich nun aus Gründen der Symmetrie auch eine bekannte Schauspielerin zur Maskulistin erklären würde, weil schließlich Männer einfach besser wären als Frauen, irgendwie.

Deutlich schwerwiegender als solche persönlichen Einschätzungen sind politische Ideologien der Höherwertigkeit eines der Geschlechter, oder kulturelle Klischees, die ganz abgelöst von aller konkreten Erfahrung weiter transportiert werden.

Feministische Klischees eben dieser Art entdeckt der Blogger Aaron Clarey im vierten Mad Max-Film, Mad Max: Fury Road. Genauer: Er entdeckt sie in den Trailern des Films, da er den Film selbst nicht gesehen hat, aber prophylaktisch trotzdem schon einmal zu seinem Boykott aufruft.

Da nämlich die Figur des Max, so Clarey nach Ansicht der Trailer, hinter der Frauenfigur der Imperator Furiosa offenbar zur Staffage werde, da an dem Film die feministische Autorin Eve Ensler beteiligt gewesen sei, sieht der Blogger den Film als „feministisches Propagandastück“ (feminist piece of propaganda), als „Trojanisches Pferd“ (Trojan Horse) und als Vehikel, mit dem den Zuschauern eine Lektion in Feminismus in den Hals gestopft werde (to force a lecture on feminism down your throat).Darauf antwortet sogleich der feministische Blogger David Futrelle, der den Film ebenfalls nicht gesehen hat und der nun einen noch längeren Text darüber verfasst – um ihn gegen „diese Arschlöcher“ (these assholes) zu verteidigen. In weiteren Texten legt Futrelle nach und macht sich beispielweise über die „Mann-Babies mit Anspruchshaltung“ (entitled manbabies) lustig, die sich durch starke Frauenfiguren in einem Film bedroht fühlen würden.

Diese von beiden Seiten unseriös geführte Auseinandersetzung über einen ungesehenen Film hätte einfach eine von vielen Internet-Absurditäten bleiben können – wenn etablierte Medien sie nicht in großer Zahl aufgegriffen und aufgeregt über die Wut von „Männerrechtlern“ über den neuen Mad Max-Film und über Boykottaufrufe gegen ihn berichtet hätten.

Woher aber kommt eigentlich diese Aufregung?

Um das beantworten zu können, habe ich mir – auch wenn das in engagierten Geschlechterdebatten über einen Film möglicherweise als ungewöhnliche und unverständliche Idee erscheinen mag – erst einmal den Film angesehen.

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