Wie man Väter rausberät

Erfahrungen eines Vaters mit ein Elternberatungen

Das Blog Alles Evolution behandelt heute ein Thema, das abstrakt klingt, das aber Eltern nach einer Trennung zentral ist: Beziehungsebene und Elternebene. Wie bekommen Eltern es hin, sich von den Verstrickungen ihrer gescheiterten Beziehung zu lösen und ihre gemeinsame Verantwortung als Eltern wahrzunehmen?

Eine kompetente Elternberatung kann dafür ungeheuer wichtig sein. Christian Schmidt fragt: „Hat einer Erfahrung mit einer solchen Beratung? Wenn ja, dann würde mich ein Bericht interessieren.“

Das hätte er lieber nicht tun sollen. Ich habe nämlich viel Erfahrung mit solchen Beratungsstellen. Das liegt einerseits daran, dass ich ausschließlich Beratungen erlebt habe, die zwar nur sehr unregelmäßig und unverlässlich stattfanden – die sich dafür aber über viele Monate oder gar Jahre hinzogen. Andererseits liegt es daran, dass die Mutter mit unserem gemeinsamen Kind gleich mehrfach umgezogen ist, so dass ich eine Reihe verschiedener Beratungsstellen in verschiedenen Teilen der Republik kennen gelernt habe.

Mein Kommentar wurde daher so lang, dass ich Christian nicht die Kommentarspalte verstopfen wollte und ihn nun lieber hier als Text veröffentliche. Ich weiß: Bei dem, was ich erzähle, sind einige Kleinlichkeiten dabei – die führe ich, beispielhaft, trotzdem an, weil gerade beständige Kleinlichkeiten ein Klima ja sehr prägen können.

kind-haende

Ich habe übrigens, was Erfahrungen mit Jugendamt und Gerichten angeht, Glück gehabt – weiß aber, dass andere viel schlechtere Erfahrungen machen und gemacht haben. Ich bin zwei Mal vor Gericht gegangen, um den Umgang zu sichern, weil die Mutter ihn immer schwieriger gemacht hat – und ich wurde jeweils in zwei verschiedenen Städten sowohl von den Mitarbeiterinnen des Jugendamts als auch von den Familienrichtern unterstützt. Ein drittes Mal bin ich in einer weiteren Stadt für das gemeinsame Sorgerecht vor Gericht gegangen, was ebenfalls gut geklappt hat.

Das bedeutet: Die Institutionen, mit denen viele Trennungsväter regelrecht traumatische Erfahrungen machen, habe ich selbst als einigermaßen positiv und konstruktiv erlebt. Sehr, sehr schlechte Erfahrungen habe ich hingegen mit anderen Institutionen gemacht: nämlich mit kirchlichen Beratungsstellen. Weiterlesen

Der WDR und der Hass auf Jungen

Hass? Ist das nicht sehr übertrieben? Selbst wenn eine journalistische Sendung mal danebenliegt, muss doch sicher nicht gleich von „Hass“ geredet werden?

Das stimmt. Nur ist die Rede von der Hassrede zur Zeit so einflussreich, wird institutionell so stark gefördert und wird sogar so weit und bis in die Gesetzgebung hinein getrieben, dass es sich lohnt, ihre Maßstäbe auch einmal an eine Positionen anzulegen, die nach ihrem Selbstverständnis des Hasses ganz unverdächtig sind.

jungen

Laien sehen hier lediglich zwei freundliche Kinder. Dem Experten aber bleibt die arrogante Neigung zur Faulheit nicht verborgen.

Nur 8,7 % aller Lehrkräfte an den Grundschulen Nordrhein-Westfalens sind nach Angaben des statistischen Landesamts zum vergangenen Jahr männlich – ein neues Rekordtief. Im Morgenecho des WDR hat die Journalistin Annika Franck in der Sendung Kleine Helden in Not Ursachen und Folgen davon auf eine Weise erläutert, die ihre Sendung tatsächlich als „Hassrede“ qualifiziert. Diese Zuordnung würde selbst selbst sicher überraschen – nach einschlägigen Definitionen dieses Begriffs ist sie aber zwingend. Weiterlesen

Alleinerziehend, alleinerzogen, alleingelassen

Was ist eigentlich so modern an der Alleinerziehung?

Vor drei Wochen war ich bei einem Familienkongress in Halle dabei, den der Väteraufbruch für Kinder gemeinsam mit dem Verband berufstätiger Mütter veranstaltete. Ich finde eine solche Zusammenarbeit sehr sinnvoll. Berufstätige Mütter haben schließlich ein offensichtliches Eigeninteresse an Vätern, die selbst für ihre Kinder sorgen wollen. Väter wiederum, die für ihre Kindern sorgen wollen, haben ein erhebliches Interesse an Müttern, die im Berufsleben stehen und die Verantwortung für die finanzielle Reproduktion der Familie nicht auf die Väter abwälzen.

Eine der Vortragenden war Alexandra Langmeyer-Tornier vom Deutschen Jungendinstitut in München. Sie berichtete über „kindliches Wohlbefinden“ in verschiedenen „Wohnarrangements nach Trennung und Scheidung“. Im Vortrag wurde klar, dass nach den bisherigen Ergebnissen in Deutschland die Doppelresidenz – also das sogenannte „Wechselmodell“, in dem Kinder wechselweise bei Vater und Mutter leben – dem Residenzmodell überlegen ist, in dem ein Kind bei nur einem Elternteil (normalerweise der Mutter) lebt.

Langmeyer-Tornier formulierte vorsichtig – die Datengrundlage in Deutschland ist schwach, weil hier nur knapp mehr als 4% der Kinder in einer Doppelresidenz leben, während sie beispielsweise in Belgien oder Italien mittlerweile Standardmodell ist. Trotzdem zeigt sich die Doppelresidenz in Studien im Hinblick auf das kindliche Wohlbefinden entweder überlegen, oder sie kommt dem Residenzmodell zumindest gleich. Im internationalen Vergleich werden die Ergebnisse noch deutlicher – hier gibt es Studien, aus denen hervorgeht, dass das Doppelresidenzmodell als einziges im Hinblick auf das kindliche Wohlbefinden nicht gegenüber dem Zusammenleben beider Eltern mit dem Kind abfällt.

Dass hingegen das kindliche Wohlbefinden im Residenzmodell, also in der Regel in der sogenannten „mütterlichen Alleinerziehung“, am größten wäre – das lässt sich an diesen Studien nicht belegen.

Trotzdem ist es ausgerechnet eben dieses Modell, das von der deutschen Politik und insbesondere von „Familienministerium“ gegenüber anderen Modellen erheblich bevorzugt wird. Das Ministerium unterrichtet Eltern beispielsweise nach Trennungen ausschließlich über das Betreuungsmodell der „Alleinerziehung“.

daf42-wonder-woman

Gerade haben daher sechs Verbände, darunter der Väteraufbruch und der Verband berufstätiger Mütter, mit einem offenen Brief  an Bundesministerin Schwesig gewandt und sie aufgeordert, die Bevorzugung der „Alleinerziehung“ zu beenden und die Resolution 2079 (2015)  des Europarats umzusetzen. Die nämlich fordert, unter anderem, eine völlige Gleichberechtigung der Eltern im Hinblick auf das Recht und die Möglichkeit zur Kindessorge sowie die Doppelresidenz als Standardmodell.

Warum aber hält die deutsche Politik, trotz eindeutiger wissenschaftlicher Ergebnisse und deutlicher Stellungnahmen auf europäischer Ebene, so verbissen an diesem Modell als Standardmodell nach Trennungen fest? Manche Mütter – nämlich Mütter mit zahlungskräftigen Vätern – können sich in der gegenwärtigen Gesetzeslage sogar ausrechnen, dass sie in der „Alleinerziehung“ Vorteile haben, die sie in der gemeinsamen Erziehung mit den Vätern nicht hätten: Der Staat lobt also regelrecht Prämien für Trennungen aus. Weiterlesen

Vital und frei und perspektivlos – Fatih Akins „Tschick“

Schon zu Beginn des Films blamiert sich der vierzehnjährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) nachhaltig, ohne recht zu verstehen, wodurch eigentlich. Für den Deutschunterricht an seinem Gymnasium in Berlin-Marzahn hat er eine Routine-Hausaufgabe mit ausufernder Ausführlichkeit gemacht und einen trockenen, unfreiwillig komischen Text über den Alkoholismus seiner Mutter geschrieben.

Er steht vor der Klasse, trägt vor – und als er endlich unterbrochen wird und der Lehrer ihn fragt, wie viele Seiten der Text noch habe, zählt Maik nach und stellt zum Entsetzen aller anderen Anwesenden fest, dass es noch etwa sechs eng beschriebene DIN-A-4-Seiten bis zum Ende sind. Der Lehrer bricht den Vortrag ab und versichert Maik nach der Stunde, dies sei der abstoßendste Text seiner ganzen Lehrerkarriere gewesen.

Einerseits ist das Mitteilungsbedürfnis von Maik gigantisch und so uferlos, dass andere davor in Deckung gehen. Andererseits resultiert deren Eindruck, der Junge würde mit einer ganz unpassenden Komik über den Alkoholismus seiner Mutter schreiben, aus einem Missverständnis.

Maik selbst nimmt seine familiäre Situation als ganz normal wahr und schreibt entsprechend lakonisch darüber, wie seine Mutter selbst in schwer angetrunkenem Zustand ein Tennis-Match gewinnt, hinterher offen im Tennisclub erzählt, nun für einige Wochen in eine Beauty-Farm zu gehen, und dies gleich selbst als Chiffre für eine ihrer regelmäßigen Entziehungskuren auflöst. Ganz selbstverständlich erscheint es Maik auch, dass er auf seine Mutter aufpasst und für sie sorgt – nicht umgekehrt.

tschick_schule

Natürlich bleibt der Platz neben Maik leer – neben diesem Psycho möchte keiner aus der Klasse sitzen. Die Handlung des Films beginnt dann damit, dass dieser Platz doch besetzt wird. Der Lehrer führt einen neuen Mitschüler in die Klasse, einen mongolisch aussehenden Jungen (Anand Batbileg) mit seltsamem Haarschnitt und schräg-prolliger Kleidung, dessen Namen er kaum aussprechen kann. „Andrej Tschichatschoff“, korrigiert der Junge, der offenkundig angetrunken neben dem Lehrer steht und kaum seine Augen offen halten kann. Schließlich sitzt dann der Asi neben dem Psycho, und Maik rückt von ihm und seiner Alkoholfahne weg, so weit wie möglich an den Rand des Tisches.

Fatih Akin hat die Geschichte dieser beiden Außenseiter  nach dem gleichnamigen und auch als Schullektüre erfolgreichen Kult-Roman Wolfgang Herrndorfs verfilmt. Der Film ist – wie im Roman schon angelegt – ein klassisches Road-Movie mit Wurzeln bis hin zu Mark Twains Huckleberry Finn. Zugleich ist er auch eine Bestandsaufnahme der Situation vieler Jugendlicher im heutigen Deutschland, und er ist damit auf den zweiten Blick viel beunruhigender, als es in seiner gelösten, oft komischen Atmosphäre auf den ersten Blick erscheint. Weiterlesen

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Außer…

Zum deutschen Umgang mit dem Artikel 7 der Menschenrechtserklärung

#article7

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.“

Eine allgemeine Formulierung, passend für eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die nicht zwischen Menschengruppen, bestimmten Situationen oder unterschiedlich strukturierten Staaten unterscheidet, sondern die einfach feststellt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien.

Im Kontrast dazu steht ein Zitat, das aus dem Blog eines Trennungsvaters stammt, der seit Jahren erfolgreich darum bemüht ist, die Möglichkeit des Kontakts zu seinem Kind zu bewahren.

„Ich weiß nicht ob Sie Kinder haben, aber wenn ja, dann bleiben Sie das nächste Mal nach dem zu Bett gehen noch 2 Minuten am Bett stehen und sagen Sie Sich einfach ein paar Mal, das ist jetzt das letzte mal dass ich meine Kinder sehe, nicht weil sie sterben, sondern weil es ein Richter so möchte. Sie werden sich, wenn Sie Sich auf dieses Spiel ganz einlassen, die Frage stellen, habe ich meinen Kindern alles gesagt was ich sagen wollte, habe ich noch etwas vergessen für ihren Weg in den nächsten 10 oder 12 Jahren. Soll ich weinen, darf ich weinen um zu zeigen dass ich sie vermisse oder ist es besser stark zu sein um zu zeigen dass diese Situation auch mich schmerzt.

Doch irgendwann werden Sie Sich fragen wie eine Gesellschaft das zulässt?“

Als ich selbst weitgehend den Kontakt zu unserem Kind verlor, war meine Elternzeit gerade zu Ende. Ich hatte nach der Geburt unseres Jungen viele Stunden täglich für ihn gesorgt, oft mehr als die Mutter. Ich hatte zudem in Situationen, in denen ich ohne den Kleinen war, festgestellt, dass es nicht allein einen Phantomschmerz gibt, sondern auch ein Phantomkuscheln: Auch wenn ich allein und ohne ihn auf einem Sessel saß, müde kurz vor dem Eindösen, dann spürte ich genau, wie der Kleine in meinem Arm lag, so wie er da nun einmal schon oft gelegen hatte.

Das war in den ersten Wochen eine der besten Methoden, ihn zu beruhigen, wenn er nachts mit den in diesem Alter häufigen Koliken aufgewacht war, schrie und nicht wieder einschlafen konnte. Ich nahm in dann in den Arm, tanzte mit ihm, schaukelte ihn, und wenn der Kleine schließlich eingeschlafen war, setzte ich mich mit ihm im Arm in einen Sessel und las ein Buch. Denn sobald ich ihn hinlegte, wurde er wieder wach und fing an zu weinen.

Um drei oder um vier Uhr morgens war das jeweils – und mit unserem Jungen im Arm dazusitzen und zu lesen ist für mich bis heute eine der friedfertigsten und schönsten Situationen, die ich erlebt habe.

Plötzlich war es vorbei, und ich habe nie erfahren, warum. Die Mutter wollte nicht mehr,  und in den kommenden Wochen hatte ich nur noch dann Kontakt zu dem Kleinen, wenn sie einen Termin hatte und ihn dabei nicht gebrauchen konnte. Ich konnte nicht verstehen, dass sie das einfach so tun konnte – dass es legal war, denn Kontakt zwischen Vater und Kind willkürlich zu verhindern, ohne dass etwas daran geändert werden konnte. Hätte ich mich umgekehrt so verhalten wie sie, dann wäre ich dafür wohl ins Gefängnis gegangen.

Sie hingegen hatte Anspruch auf meine finanzielle Unterstützung. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Eltern damals beinahe wütend auf mich waren, weil ich ihr diese Unterstützung zahlte: Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass sie einen Anspruch auf beträchtliche monatliche Zahlungen hatte, gerade weil sie unser Kind und mich voneinander trennte – und sie dachten, ich würde einen schlechten Scherz machen, als ich ihnen von diesem rechtlichen Anspruch erzählte.

Für mich bedeutet diese Situation eine doppelte, erhebliche Enttäuschung. Einerseits war ich natürlich unendlich von der Mutter unseres Kindes enttäuscht. Ich hätte ihr ein solches Verhalten niemals zugetraut – ich hätte überhaupt niemals einem Menschen, den ich kannte, zugetraut, so etwas zu tun. Hätte ich es, dann hätte ich ganz gewiss kein Kind mit ihr bekommen wollen. In dieser Hinsicht war meine Naivität ein Vorteil – denn ohne sie wäre unser Sohn heute gar nicht auf der Welt.

DSC_1061

Damien Hirsts Verity: Seine Allegorie der Gerechtigkeit hat das Schwert hoch erhoben, kann aber mit der Waage nicht so recht etwas anfangen…

Zweitens war ich unendlich enttäuscht von dem Staat, in dem ich lebe. Ich wusste, dass nach dem Grundgesetz die Würde des Menschen unantastbar ist, dass die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz garantiert ist, dass Politiker dieses Staates sich selbst für die Förderung der Gleichberechtigung rühmen.

Nun aber erlebte ich, dass ich tatsächlich faktisch rechtlos war. Abgesehen vom Umgangsrecht alle zwei Wochen, das ich in den Folgejahren hatte und bis heute habe und das ich gegen deutliche Schwierigkeiten durchsetzen konnte, war ich rechtlos – so, als ob ich weiter keinerlei Beziehung zu unserem Kind hätte, ihm ein weithin fremder Mann wäre. Dass unser Sohn und ich von Beginn an eine sehr enge Bindung zueinander hatten und haben, hat nie jemanden interessiert.

Ich konnte und kann mir bis heute nicht vorstellen, wie Menschen diesen massiven Widerspruch rechtfertigen können: Werbewirksam für Gleichberechtigung einzutreten, dem Grundgesetz verpflichtet zu sein – und zugleich in einer für Kinder wie Erwachsene zentralen Lebensfrage stumpf darauf zu bestehen, dass einige Menschen recht- und schutzlos sein müssen, einfach aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit.

Zudem lernte ich dann im Laufe der kommenden Jahre Männer kennen, deren Situation noch verzweifelter war als meine – die ihre Kinder überhaupt nicht mehr sehen konnten, ohne dass sie ihnen oder der Mutter jemals etwas getan hätten.

Ich erlebte auch, dass es kleine rechtliche Verbesserungen für Väter gab: Nicht, weil es eine offene Diskussion in Deutschland gegeben hätte, sondern weil der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und das Verfassungsgericht die deutsche Politik dazu zwangen. Aus eigener Kraft heraus war und ist diese Politik reformunfähig, und die Verbesserungen wurden trotz eindeutiger Urteile zuständiger hoher Gerichte gegen verbissenen Widerstand durchgesetzt: Vor allem gegen den Widerstand der SPD übrigens, gegen die Partei, der meine Eltern seit vielen Jahrzehnten angehörten.

Mittlerweile glaube ich, dass es grundsätzlich zwei Strategien gibt, mit denen Menschen sich den Widerspruch zwischen einem oberflächlichen Engagement für gleiche Rechte und dem verbissenen Festhalten an rechtlicher Ungleichheit kaschieren können. Weiterlesen

Jedes Kind ist wertvoll – Eine Antwort an die Hilfsorganisation Plan International

Auf den offenen Brief, den ich an die Hilfsorganisation PLAN geschrieben hatte, habe ich nun doch noch eine Antwort bekommen. Ich hatte die Hilfsorganisation danach gefragt, warum auf ihrer großen und weithin präsenten Werbeaktion Gewalt gegen Mädchen, aber nicht Gewalt gegen Kinder generell abgelehnt werde. Denn dadurch würde Gewalt gegen Jungen als weniger schlimm, vielleicht gar als ganz in Ordnung erscheinen.

Nun hat bei Facebook, wo ich den Brief gepostet hatte, „dein Team von Plan“ geantwortet.

Lieber Man tau – Lucas Schoppe,
es tut uns leid, dass wir bis jetzt noch nicht auf deinen Beitrag auf unserer Seite reagiert haben, es muss uns versehentlich im Tagesgeschäft durchgerutscht sein.
Wir setzen uns für die Kinderrechte und die Gleichberechtigung von Mädchen UND Jungen ein. Das heißt, wir fördern Mädchen und Jungen gleichermaßen, berücksichtigen aber auch geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Natürlich leiden auch Jungen unter Kinderrechtsverletzungen. Auch ihnen wiederfährt Gewalt, sie werden ausgebeutet oder misshandelt – das wissen wir als Kinderhilfsorganisation aus unserer Arbeit vor Ort. Mit unserer Kampagne „Gewalt gegen Mädchen stoppen“ wollen wir die Aufmerksamkeit aber speziell auf den Umstand lenken, dass Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen. Das bedeutet nicht, dass wir die Kinderrechtsverletzungen, die Jungen widerfahren, kleinreden oder gar ignorieren wollen. Das bedeutet auch nicht, dass wir Jungen nicht helfen.
Im Gegenteil: Unsere Erfahrung ist, dass man geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen und Gleichberechtigung nur fördern kann, wenn man beide Geschlechter in die Arbeit mit einbezieht. In unseren Partnerländern arbeiten wir deshalb auch immer mit Jungen und Männern. Unter folgendem Link erfährst du mehr zu unserem Arbeitsansatz: https://www.plan.de/wie-wir-arbeiten/gleichberechtigung-foerdern.html
Viele Grüße,

Welchen Sinn aber hat es eigentlich, so fragte ich mich beim Lesen der Antwort wieder einmal, abzuwägen, ob nun Jungen oder Mädchen mehr leiden? Dass „Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen“, kann eigentlich nur jemand behaupten, der die Situation von Kindern selektiv wahrnimmt.

DSC_2075

Es ist durchaus möglich, dass Hilfsorganisationen um Spenden für KINDER bitten, nicht allein für Mädchen. Warum macht Plan International das nicht ebenso?

Denn dass etwa Jungen sehr viel häufiger als Mädchen als Kindersoldaten missbraucht werden und dass sie deutlich häufiger in der Kinderarbeit ausgebeutet werden als Mädchen, spielt für PLAN International hier keine Rolle. Laut der hier verlinkten Bundeszentrale für politische Bildung ist gar der

„Rückgang der Kinderarbeit in den Jahren 2004 bis 2008 (…) ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Mädchen unter den 5- bis 17-jährigen Kinderarbeitern von 102,7 auf 87,5 Mio. sank.“ 

Wenn überhaupt jemand zwischen der Hilfe für männliche und der Hilfe für weibliche Kinder unterscheiden wollte, gäbe es also offenbar Gründe, die Hilfe auch einmal auf Jungen zu konzentrieren.

In meinen Augen ist es allerdings deplatziert, die Verantwortung Erwachsener für Kinder anhand der Geschlechtszugehörigkeiten aufzuteilen und unterschiedlich zu bemessen. Erwachsene, Männer ebenso wie Frauen, haben Kindern gegenüber Verantwortung, gegenüber Jungen ebenso wie gegenüber Mädchen. Das reicht. Warum also PLAN seine Hilfe so beflissen und grundsätzlich zwischen den Geschlechtern aufteilt, wird auch nach dem Statement nicht deutlich.

Immerhin erkennt die Organisation an, was ohnehin nicht zu leugnen ist – dass auch Jungen „ausgebeutet oder misshandelt“ werden. Die Feststellung, dass PLAN „auch immer mit Jungen und Männern“ arbeitet, steht hier allerdings nicht im Zusammenhang mit einer Hilfe für Kinder in Not, sondern mit dem Abbau „geschlechtsspezifischer(r) Benachteiligungen“.

So wirft die Antwort also mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Ich bin daher vor meiner Rückantwort an PLAN International einmal dem Link gefolgt, mit dem die Antwort endet, und habe mir dort einige Materialien durchgelesen – unter anderem ein fast dreihundert Seiten starkes Trainingshandbuch für die Arbeit von PLAN International mit Jungen. Weiterlesen

Gewalt gegen Jungen ist okay: Bitte spenden Sie jetzt!

Ein Brief an das Kinderhilfswerk Plan

 

Sehr geehrte Damen und Herren vom Kinderhilfswerk Plan,

Ich hatte zunächst lange nach der Pointe gesucht. „Gewalt gegen Mädchen“ steht auf Ihren Plakaten, das Wort Gewalt ist dick und rot durchgestrichen, und daneben sieht uns ein großes Mädchengesicht an. Eine aggressive Kampagne, mit Anzeigen und Beilagen in vielen Medien und Plakaten in mehreren Städten, oft gleich mit drei oder vier Plakaten nebeneinander, immer mit demselben Bild und Text.

Warum aber wird nur Gewalt gegen Mädchen kritisiert, nicht gegen Kinder? Ich bin seit vielen Jahren Lehrer und für Jungen und Mädchen natürlich gleichermaßen verantwortlich, und ich bin auch Vater eines Jungen. Warum sollte eine offenbar große Organisation sehr viel Geld ausgeben, um gegen die Gewalt gegen Mädchen zu protestieren, Jungen dabei aber ohne Angabe von Gründen auszulassen?

DSC_1685

Also suchte ich auf den Plakaten nach Hinweisen darauf, fand aber keine. Ich suchte nach alternativen Plakaten mit einem Jungengesicht oder einfach mit einem Bild von Kindern und den Slogans „Gewalt gegen Jungen“ oder „Gewalt gegen Kinder“, in denen das Wort Gewalt ebenso deutlich durchgestrichen wird – ich fand aber keine. Dafür immer dasselbe Mädchengesicht, dies aber viele dutzend Male.

Nun bin ich gerade gestern noch einmal an diese Kampagne erinnert worden, als einer der bekanntesten deutschen Blogger in einem Text am Beispiel der Terrorgruppe Boko Haram kritisierte, dass die weltweite Gewalt Jungen nicht annähernd so ernst genommen werde wie die Gewalt gegen Mädchen – er verlinkte dazu Ihr Plakat. Ich habe dann auf Ihrer Homepage nachgelesen, wie sie die Fixierung auf Mädchen – statt auf Kinder – begründen und bin nun noch ratloser als zuvor. Weiterlesen