Die unmodernen Wurzeln einer modernen Geschlechterpolitik

Eine moderne Familienpolitik würde nicht etwa die sogenannte „Alleinerziehung“ fördern, sondern darum besorgt sein, dass Eltern – gerade auch nach Trennungen – gemeinsam die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Mit dieser Feststellung endete der letzte Text hier im Blog. Dass die Politik des „Familienministeriums“ und die deutsche Gesetzgebung der mütterlichen Alleinerziehung faktisch Vorrang vor der gemeinsamen Erziehung durch beide Eltern einräumen, ist schädlich für Kinder, es ist schädlich für Väter, und es ist such schädlich für Mütter.

Wenn aber der Schaden so umfassend ist: Wem nützt denn dann eigentlich diese Politik?

Abgesehen von Lobbyistinnen profitieren ausgerechnet die Eltern von dieser Politik, die eben nicht im Interesse ihrer Kinder agieren: Mütter, die Väter aus der gemeinsamen Verantwortung ausgrenzen – und Väter, die sich auf Kosten der Kinder und der Mütter ihrer Verantwortung entziehen. In selteneren Fällen ist es auch umgekehrt.

Wie aber ist es möglich, dass uns eine Politik als ganz normal erscheint, die ein kindsschädigendes Elternverhalten fördert, ja sogar züchtet – während sie es Eltern beiderlei Geschlechts, die im Interesse ihrer Kinder agieren wollen, das Leben schwer macht?

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Ist das tatsächlich ein angemessenes Modell einer modernen Familienpolitik?

Wir haben uns offenbar in einem langen Prozess daran gewöhnt, destruktive familiäre Konstellationen als etwas ganz Normales wahrzunehmen, während uns konstruktivere Modelle als ungewöhnlich, riskant und als fragwürdig erscheinen. Weiterlesen

Vital und frei und perspektivlos – Fatih Akins „Tschick“

Schon zu Beginn des Films blamiert sich der vierzehnjährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) nachhaltig, ohne recht zu verstehen, wodurch eigentlich. Für den Deutschunterricht an seinem Gymnasium in Berlin-Marzahn hat er eine Routine-Hausaufgabe mit ausufernder Ausführlichkeit gemacht und einen trockenen, unfreiwillig komischen Text über den Alkoholismus seiner Mutter geschrieben.

Er steht vor der Klasse, trägt vor – und als er endlich unterbrochen wird und der Lehrer ihn fragt, wie viele Seiten der Text noch habe, zählt Maik nach und stellt zum Entsetzen aller anderen Anwesenden fest, dass es noch etwa sechs eng beschriebene DIN-A-4-Seiten bis zum Ende sind. Der Lehrer bricht den Vortrag ab und versichert Maik nach der Stunde, dies sei der abstoßendste Text seiner ganzen Lehrerkarriere gewesen.

Einerseits ist das Mitteilungsbedürfnis von Maik gigantisch und so uferlos, dass andere davor in Deckung gehen. Andererseits resultiert deren Eindruck, der Junge würde mit einer ganz unpassenden Komik über den Alkoholismus seiner Mutter schreiben, aus einem Missverständnis.

Maik selbst nimmt seine familiäre Situation als ganz normal wahr und schreibt entsprechend lakonisch darüber, wie seine Mutter selbst in schwer angetrunkenem Zustand ein Tennis-Match gewinnt, hinterher offen im Tennisclub erzählt, nun für einige Wochen in eine Beauty-Farm zu gehen, und dies gleich selbst als Chiffre für eine ihrer regelmäßigen Entziehungskuren auflöst. Ganz selbstverständlich erscheint es Maik auch, dass er auf seine Mutter aufpasst und für sie sorgt – nicht umgekehrt.

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Natürlich bleibt der Platz neben Maik leer – neben diesem Psycho möchte keiner aus der Klasse sitzen. Die Handlung des Films beginnt dann damit, dass dieser Platz doch besetzt wird. Der Lehrer führt einen neuen Mitschüler in die Klasse, einen mongolisch aussehenden Jungen (Anand Batbileg) mit seltsamem Haarschnitt und schräg-prolliger Kleidung, dessen Namen er kaum aussprechen kann. „Andrej Tschichatschoff“, korrigiert der Junge, der offenkundig angetrunken neben dem Lehrer steht und kaum seine Augen offen halten kann. Schließlich sitzt dann der Asi neben dem Psycho, und Maik rückt von ihm und seiner Alkoholfahne weg, so weit wie möglich an den Rand des Tisches.

Fatih Akin hat die Geschichte dieser beiden Außenseiter  nach dem gleichnamigen und auch als Schullektüre erfolgreichen Kult-Roman Wolfgang Herrndorfs verfilmt. Der Film ist – wie im Roman schon angelegt – ein klassisches Road-Movie mit Wurzeln bis hin zu Mark Twains Huckleberry Finn. Zugleich ist er auch eine Bestandsaufnahme der Situation vieler Jugendlicher im heutigen Deutschland, und er ist damit auf den zweiten Blick viel beunruhigender, als es in seiner gelösten, oft komischen Atmosphäre auf den ersten Blick erscheint. Weiterlesen

Harry Potter und der Fluch der verschwundenen Väter

Harry Potter und das verwunschene Kind (Harry Potter and the Cursed Child): Nachdem die Harry Potter-Geschichte vor acht Jahren und nach sieben Bänden abgeschlossen war, erscheint heute Nacht die späte Fortsetzung in ihrer deutschen Übersetzung. Kein neuer Roman, sondern der Text von einem Theaterstück in zwei Teilen, das am 30. Juni in London uraufgeführt wurde.

Die Geschichte setzt eben dort ein, wo sie vor acht Jahren stehenblieb: Auf dem Londoner Bahnhof King’s Cross, am Gleich 9 ¾, wo Harrys und Ginnys Sohn Albus Severus Potter zum ersten Mal nach Hogwarts fährt.

harry-potter-1640525_960_720 „Dad“ ist das erste Wort des Stückes, und damit ist auch sein zentrales Motiv schon genannt: Harry Potter ist hier nicht mehr der Junge, der in einem Verschlag unter der Treppe bei Onkel und Tante aufwächst – auch nicht mehr der Jugendliche, der die Welt gerettet hat, ohne es zu wissen, und der sie schließlich, in einer immer dunkler werdenden Geschichte, zum zweiten Mal vor dem brutalen und mächtigen Voldemort rettet. Er ist jetzt ein berufstätiger Mann mit einem wichtigen Posten als Chef der magischen Strafverfolgungsbehörde – und er ist ein Familienvater.

Während aber die Kinder James und Lily, benannt nach Harrys Eltern, unproblematische Kinder sind, hat Harry mit Albus Schwierigkeiten. Dass sein Sohn ihm am Bahnhof von seiner Angst erzählt, in der Magierschule Hogwarts dem Haus Slytherin – aus dem auch Voldemort stammte – zugeteilt zu werden, ist für lange Zeit die letzte Szene des Textes, in der er mit seinem Vater offen und friedlich redet.

Da Albus, nicht Harry Hauptfigur des Stückes ist, wird Vaterschaft zum zentralen Thema. Es ist ein Thema, das in den Romanen immer wieder aufschien, variiert wurde, aber fast durchweg einen düsteren, traurigen Unterton hatte. Wie es nun, mit Harry selbst als Vater, in Szene gesetzt ist – das ist auch unabhängig von allem Harry-Potter-Kult interessant.

Spoiler-Warnung: Ich werde in dem folgenden Text auf Passagen aus dem Theaterstück eingehen und einige zitieren. Wer das Buch noch lesen, das Stück noch sehen und sich die Spannung erhalten möchte, kann den Text in einem anderen Blog lesen – bei fisch&fleisch habe ich ihn in einer kürzeren, etwas veränderten und weitgehend spoilerfreien Version veröffentlicht. Weiterlesen

Lernen. Eine Triggerwarnung

Von seltsamen Geschehnissen an amerikanischen Universitäten berichtet in dieser Woche die Zeit:

„Im Februar wurde auf Drängen von Studentinnen der Northwestern University ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin eingeleitet, die erklärt hatte, dass die Missbrauchsangst bei Liebeleien auf dem Campus übertrieben werde.

Im Mai verlangten Studenten der Columbia University, Professoren müssten sie vor dem traumatisierenden Inhalt von Ovids Metamorphosen warnen.

Im Oktober löste in Yale eine Psychologin eine Protestwelle aus, als sie sich weigerte, Studenten vorzuschreiben, welche vermeintlich kulturell aneignenden Kostüme sie zu Halloween nicht tragen dürften.“ 

Aktueller Anlass für den Artikel: Die Kantine des berühmten Oberlin-College hatte internationale Speisen angeboten und dafür, voller Naivität, „wohl auf Lob gehofft“. Tatsächlich gab es heftige Proteste von Studentenvereinigungen: Die Speisekarte würde Güter fremder Kulturen vereinnahmen und mache sich der „kulturellen Aneignung“ (cultural appropriation) schuldig.

Stop

Heutige studentische Aktivisten würden, anders als ihre Vorgänger vor einigen Jahrzehnten, nicht mehr für „Free Speech“, die Freiheit der Rede, eintreten – so Josef Joffe in einem anderen Zeit-Artikel:

„Heute wollen die privilegierten Zöglinge von Yale (und anderen Elite-Colleges) nicht hören und sehen, was ihnen ‚Schmerz’ bereitet.“

Der Autor des zuerst zitierten Textes bleibt anonym: Ein solcher Artikel sei Selbstmord für seine akademische Karriere, habe ihm eine Freundin gesagt. Selbst überaus profilierte Rednerinnen, über deren Vorträge Universitäten normalerweise stolz wären, wurden aufgrund von Protesten wieder ausgeladen. Condolezza Rice, die Sicherheitsberaterin von G.W. Bush, und Christine Lagarde, die IWF-Chefin, zum Beispiel. Als vor wenigen Tagen die Feminismuskritiker Milo Yiannopoulos und Christina Hoff Sommers an der University of Minnesota eingeladen waren, konnten sie ihre Vorträge nur gegen massive Störungen halten. Erst in der Woche zuvor war ein Vortrag von Yiannopoulos an der Rutgers University ebenso heftig, und mit den Einsatz von Kunstblut, gestört worden.

Seit Jahren schon verlangen Studenten Trigger Warnings für Bücher – Warnungen davor, dass der Inhalt sie verstören könnte. Bücher wie Mark Twains Huckleberry Finn (weil darin das Wort „Nigger“ vorkommt), F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby (weil darin Gewalt vorkommt) oder Virginia Woolfs Mrs Dalloway (weil der Text an vergangene Verletzungen erinnern könnte) gehören dazu.

Bemerkungen, die ohne böse Absicht gesagt, aber von den Angesprochenen als verletzend erlebt werden, gelten als „Mikroaggressionen“ – die Frage an eine japanisch aussehende Studentin etwa, ob sie japanische Schriftzeichen lesen könne, schließe sie auf subtile Weise aus.

Auch Deutschland ist von solchen Entwicklungen nicht frei. Die feminismuskritische Monika Ebeling erlebte ebenfalls schon massive Proteste bei Reden an Universitäten. Eine Vorlesungsreihe des berühmten Berliner Politik-Professors Herfried Münkler wurde von anonym bleibenden Studenten in einem Blog  regelmäßig selektiv wiedergegeben, Münkler selbst wurde problematischer und diskriminiereneder Äußerungen bezichtigt. Kinderbücher von Astrid Lindgren und Ottfried Preußler lösten eine erregte Diskussion aus: Die Verlage hatten aus Pippi Langstrumpf und Die kleine Hexe den Begriff „Neger“ entfernt, so wie Mark Twains Verlag schon zwei Jahre zuvor im Huckleberry Finn den Begriff „negro“ mit „slave“ ersetzt hatte.

So skurril oder nebensächlich solche Konflikte wirken mögen, so haben sie doch ernsthafte Konsequenzen. Die oben erwähnte renommierte Kinderpsychologin beispielsweise, die ihren Studenten keine Vorschriften im Hinblick auf Halloween-Kostüme machen wollte, hat unter dem Druck massiver studentischer Proteste gegen sie – und gegen ihren Mann, der die Kühnheit besaß, sie offen zu verteidigen – ihre Lehrtätigkeit eingestellt. Für die Aktivisten ist das kein Grund, die Angemessenheit ihres Protestes zu überdenken.

„’Ich will nicht irgendwelche Debatten führen müssen’, schrieb eine Protestführerin in Yale während der Kontroverse um Halloween-Kostüme. ‚Ich will über meinen Schmerz reden.’“

Welchen Sinn aber haben solche Proteste? Und warum werden ausgerechnet Universitäten, die doch eigentlich Zentren offener Debatten sein müssten, zu Zentren ihrer massiven Behinderung?

Und – welche Auswirkungen hat das darauf, dass Universitäten eigentlich Stätten des Lernens sind? Weiterlesen

Jungen lesen anders

Am Wochenende saß ich wieder einmal mit einem Freund zusammen, der wie ich Lehrer ist und mit dem ich schon einmal einen Text für man tau gemeinsam geschrieben hatte: Über den Umgang mit Jungen, über unsere Erfahrungen mit Jungen in der Schule. Schließlich sind die spezifischen Schwierigkeiten von Jungen an und mit der Schule schon lange bekannt, werden aber kaum einmal zum Thema der Bildungspolitik. Der Erziehungswissenschaftler Markus Meier dazu:

„Aber es interessiert irgendwie auch niemanden, es geht nur um das ‚Aufholen‘ der Mädchen. Das Thema will niemand wahrhaben.“

Zudem werde der „literacy-Nachteil“ – die Nachteile in der Lesekompetenz – von Jungen kaum einmal angesprochen, obwohl er etwa viermal so hoch sei wie umgekehrt die häufig thematisierten spezifischen Nachteile von Mädchen im Fach Mathematik. Dabei sei ja gerade die geringere Kompetenz im Lesen noch deutlich bedeutender als ein Nachteil in der Mathematik – geringere Fähigkeiten im Lesen wirken sich schließlich nicht nur auf alle Fächer aus, sondern seien auch „lebenstechnisch“ bedeutsamer.

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Wir habe also am Wochenende gesammelt, welches aus unserer Erfahrung Gründe für die deutlich schlechteren Leseleistungen von Jungen sind – und was getan werden kann, um diese Leistungen zu verbessern, und um auch den Jungen Spaß am Lesen zu verschaffen. Dabei ist eine weit verbreitete Erklärung in unseren Augen schlicht falsch.  Weiterlesen

Wozu eigentlich brauchen wir eine Wirklichkeit?

Über Erzählmirnix, Lann Hornscheidt und den Wahnsinn als Methode

„Wissen und damit auch Gesellschaft als immerwährenden Prozess von Aushandlungen zu verstehen“:

Dieses Credo der Gender-Forscherin Franziska Schutzbach fiel mir wieder ein, als ich in vor einigen Tagen über erneuten Shit-Storm gegen die Bloggerin und Autorin Erzählmirnix las. Was Blockadelisten und Shit-Storm-Organisationen mit einem „Prozess von Aushandlungen“ zu tun haben, ist mir allerdings noch nicht ganz klar geworden.

Deutlich klarer ist mir schon die Kritik an diesem Credo, die von der Bloggerin drehumdiebolzeningenieur mit Bezug auf Karl Raimund Popper formuliert wird.

„Nein, Wissen ist in der naturwissenschaftlicher Erkenntnistheorie das Ergebnis der Konfrontation von Theorien und ihren Vorhersagen mit Experimenten. Danach wissen wir, welche Theorien falsch sind, kennen aber noch immer nicht die Wahrheit. Ausgehandelt wird da nichts.“

Kurz: Wissen muss sich in der Welt bewähren.

Das bezweifelt eigentlich auch niemand ernsthaft. Beispielsweise könnten wir durchaus in Aushandlungen zu dem Wissen gelangen, dass alle Menschen unsterblich seien, und alle Beteiligten hätten vermutlich gute Gründe, diesem Ergebnis zuzustimmen. Es würde nur an unserer realen Sterblichkeit in der realen Welt überhaupt nichts ändern.

Junge

Wie unangenehm, die Menschen nicht nur zu sehen, sondern von ihnen auch gesehen zu werden. Leider ist das ein Sachverhalt, der sich beim Leben in einer gemeinsamen Welt kaum vermeiden lässt….

Wir handeln eben nicht einfach irgendetwas aus, sondern müssen uns über reales Handeln in einer gemeinsamen Welt verständigen. Wer Selbstverständlichkeiten wie diese nicht akzeptiert, produziert damit eine ganze Reihe von seltsamen Konsequenzen: Er bezieht Positionen, die absurd sind, erklärt aber Absurdität zur Tugend – er diffamiert gemeinsame Regeln, die zur Kontrolle wissenschaftlicher Ansprüche dienen, als totalitäre Instrumente – und er produziert eine autoritäre, elitäre Politik, die sich nur mit immer größeren Aggressionen gegen ihre Kritiker aufrecht erhalten kann. Weiterlesen

Warum Männerfeindschaft modern ist

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’“
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:

„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
 
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
 
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
 
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.

So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er – denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand – und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?


Männerhass ist modern – und sooo 1800…

„Die Preisfrage in Bezug auf den Feminismus lautet (…) nicht: wieso transportiert der Feminismus Misandrie? Sondern sie lautet: warum hat der Feminismus, der sich explizit als eine kritische und aufklärerische Bewegung versteht, nicht erkannt, dass seine Misandrie eine zweihundert Jahre alte Ideologie reproduziert?“
So djadmoros in seinem Text. Tatsächlich präsentiert Kucklick in seinem Buch eine kaum überschaubare Menge von Beispielen, die wie frühe Stanzformen heutiger Rede über Männer anmuten.
 
Er erzählt also nicht noch einmal eine Heldengeschichte des modernen Feminismus, mit dem doch schließlich die patriarchatskritische „’Wahrheit’ über die Geschlechterverhältnisse gegen alle Widerstände obsiegt hätte“. (10f.) Stattdessen legt er eine „historische Tiefendimension des Männlichkeitszweifels in der Moderne“ (11) frei, so dass die feindselige Rede über Männlichkeit als ein zuverlässiger Begleiter moderner Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert erscheint.
 
Einfach formuliert: Männerhass ist modern, und das ist er auch immer schon gewesen.

Ein wesentliches Motiv ist das des Mannes als Tier, als nicht ganz menschliches Wesen, das nicht in der Lage und nicht gewillt ist, seine Triebe zu kontrollieren.

„Alle Männer sind Vergewaltiger – diese radikalfeministische These des späten 20. Jahrhunderts wurde bereits 200 Jahre früher formuliert, und zwar von Männern.“ (53)
Der Mann erscheint sogar als „noch bedrohlicher als das Tier, noch animalischer“ (73) und kann nur von der Frau zum Menschen gezähmt werden. Aber:
„Kaum werden Männer aus der Aufsicht der Frauen entlassen, kommt wieder das Tier zum Vorschein, das selbstsüchtige Wesen der Vorzeit.“ (83)
Die Fülle der Beispiele, die Kucklick so zusammenfasst, stammt eben nicht von misandrischen Frauen aus radikalfeministischen Gruppen, sondern von männlichen Schriftstellern der Aufklärungszeit. Welche Funktion aber hat dieser männliche Männerhass?

Erkennbar ist in jedem Fall ein tiefes Unbehagen angesichts der Möglichkeit, dass Männer allein und ohne Frauen leben könnten. Exemplarisch führt Kucklick vor, wie Fichte den Mann als „das moralische Mängelwesen“ (250) beschrieben habe, das allein durch die Leitung einer Frau zur Moralität finden könne. Besonders kritikwürdig seien daher Männer betrachtet worden, wenn sie „die Ehe geringschätzen, zerstören oder meiden“ (119).

Hagestolze, also unverheiratet bleibende Männer, seien beispielsweise als „Feinde der Gemeinschaft“ beschimpft worden (200), als Menschen, die sich selbst aus der Gesellschaft ausschlössen, indem sie den Anschluss in der Ehe verweigerten. Die Vorgänger der MGTOWs, die schon zu dieser Zeit ihren eigenen Weg gegangen sind, stießen damit offenbar auf noch mehr Misstrauen als ihre heutigen Nachfahren.

Gegen die männliche Onanie, die „Hochzeit mit der eigenen Hand“ statt mit einer Frau, wurde eine so gewaltige Kampagne gefahren, dass Kucklick ihr ein eigenes längeres Kapitel widmet. (288-330)

Womöglich noch schockierender sei es gewesen, wenn Männer nicht nur die Ehe gemieden, sondern statt einer Frau andere Männer geliebt hätten.

„So wandelte sich eine in Maßen tolerante Gesellschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zum Horror für Schwule. Und parallel dazu wurden die Heteros in immer schärferen Disziplinaranstalten eingehegt, in Internaten, Kasernen, Gefängnissen und Krankenhäusern.“
So Kucklick in seinem Zeit-Artikel.

Ebenso verachtenswert sei auch ein Mann gewesen, der Frauen zwar nicht mied, sie aber im eigenen Interesse manipulierte – der „Verführer“. Widerwärtig sei dieser Vorgänger des heutigen PU-Artist nicht nur gewesen, weil er die verführte Frau „korrumpiert“ (202) habe, sondern auch, weil er sie in seinen männlichen Egoismus eingesponnen habe, anstatt sie als Gegenmittel gegen eben diesen Egoismus zu verstehen.

 
Diese und andere Männertypen ihrer Zeit – „sie alle treffen sich wieder in der Bestimmung der maskulinen Natur: Egoismus, Sinnlichkeit, einseitige Vernunft, Gewalttätigkeit.“ (204)

Demgegenüber sei dann die Frau als das unbedingt notwendige Gegenmittel erschienen, idealisiert als „Hüterin der Zivilisation“ (194), als „Hüterin der Ordnung“ (263), als liebesfähiges Gegenstück zum Mann. Der sei wiederum als „Idiot der Liebe“ (249) gedacht worden, dessen „männliche Liebesdefizienz“ (253) allein die Frau heilen könne.

„Nur in der femininen Zähmung des brutalen Mannes kann sich die bürgerliche Gesellschaft noch ihren Bestand denken.“ (16)
Wozu aber brauchen moderne Autoren diese Darstellung des Mannes als „Monster“ (16, 47), das nur durch die Frau und eine „Feminisierung der Moral“ (159) in die Humanität eingeführt werden könne? Und was ist daran eigentlich modern?
 
Und: Warum findet die „Revolution des Geschlechterverhältnisses“, mit der das „Wesen der Geschlechterbeziehung systematisch als Unterdrückung der Frau durch den Mann gedacht“ (52) wurde, ausgerechnet in dieser Zeit statt – in einer Zeit also, die keineswegs durch „gesteigerte Gewalttätigkeit“ auffiel, sondern ganz „im Gegenteil hin zu einer zunehmenden Pazifizierung der Gesellschaft“ verlief (61)?

Bruchstücke, gefesselt an Bruchstücke Grundthese Kucklicks ist, dass sich in diesen Geschlechterzuschreibungen moderne Entwicklungen spiegeln, die in ihrem Kern keineswegs zwingend mit Geschlechtern zu tun haben. (337) Im Bild des tierischen, brutalen Mannes habe die Moderne sich mit ihrem problematischen Zügen gleichsam selbst gespiegelt, und das täte sie noch heute. „In Männern fixiert die Moderne ihre Ressentiments gegen sich selbst.“ (13)

 
Männer würden dabei „als das Geschlecht aufgefasst, das bis ins Innerste von den Modernisierungs- und Differenzierungsprozessen der Gesellschaft geprägt“ (12) sei – als Sinnbild ihrer positiven Seiten, aber auch in einem tief negativen Denken der Männlichkeit. (12f.)

Djadmoros skizziert in seinem Text, wie „die Frau“ als Gegenstück dazu konzipiert worden sei:

„Die bürgerliche Gesellschaft sucht nun in dieser Situation einen Ausweg aus der Entfremdung, indem sie die Frau als nicht entfremdetes Wesen konstruiert.“
Auch die idealisierenden Phantasien über Frauen seien, so Kucklick, ein Produkt der Moderne (196) – aber Weiblichkeit werde dabei eben gerade, in der Moderne, als „Gegenprojekt zur Moderne“ (197) und ihren überfordenden Entwicklungen imaginiert. 
„Der entscheidende Punkt ist: Geschlecht wird zu Beginn der Moderne in die Differenz von Interaktion und Gesellschaft eingebaut, die im 18. Jahrhundert als gesellschaftliches Strukturmerkmal wahrgenommen und semantisch bewältigt wird.“ (211)
Was aber soll das sein, „Interaktion“ und „Gesellschaft“? Und was hat „Geschlecht“ damit zu tun?

Interaktion grenzt für Kucklick die „Gesamtheit der Kommunikationen (ab), die sich unter Anwesenden abspielen“ – unterschieden „von solchen Kommunikationen, die nicht auf gegenseitige Anwesenheit angewiesen sind“ (217) und die er als „Gesellschaft“ (218) bezeichnet. Die Unterscheidung wirkt undramatisch, sie ist für Kucklick gleichwohl grundlegend, und er setzt sie parallel mit Unterscheidungen wie der von „Lebenswelt“ und „Systemrationalität“ (Habermas) oder der von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ (Tönnies). (232)

Die Bedeutung lässt sich so erklären: Mit der Moderne, mit den modernen Institutionen, der modernen Wissenschaft, dem Leben in immer größeren Städten, mit der Möglichkeit des weltweiten Handels und der weltweiten Kommunikation, ändert sich die Position von Menschen grundlegend. Sie sind jetzt nicht mehr bloß Teil einer überschaubaren Welt, die ihnen vertraut ist, mit einem festen Platz zwischen Mitmenschen, die sie weitgehend persönlich kennen – sie sind zugleich auch Teil einer Welt, die sie nicht überschauen können, in die sie aber, auf ebenfalls immer unüberschaubare Weise, tief verwickelt sind.

Einer konkreten Welt, die auf gegenseitige Bekanntschaft und Vertrauen setzt, steht nun eine abstrakte Welt gegenüber, in der einander Unbekannte auf allgemeine Rechte und formalisierte Verfahren bauen müssen.

Zugleich ändert sich die Struktur der Gesellschaft. Statt einer geschichteten Ständegesellschaft, deren Teile („Teilsysteme“) in einem klaren hierarchischen Verhältnis zueinander gestanden hätten, entwickle sich eine „funktional-differenzierte Gesellschaft“, die prinzipiell nicht hierarchisch organisiert sei. Menschen unterscheiden sich nun weniger durch ihren Stand als durch die Funktion, die sie erfüllen – insbesondere die berufliche.

 
Keines der Teilsysteme könne dabei gesellschaftliche Führung beanspruchen.
„Die Kunst steht nicht über der Politik, diese nicht über der Wirtschaft oder der Wissenschaft, sondern alle sind auf die Funktionserfüllung der jeweils anderen Teilsysteme angewiesen, ohne einander dirigieren zu können.“ (212)
Menschen hätten nun keinen festen Platz mehr in einem Teil der Gesellschaft, der wiederum im Gesamten einen festen Platz gehabt habe. Statt dessen müssten Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen Funktionen erfüllen können – in persönlichen und familiären wie in beruflichen, in juristischen, politischen, ökonomischen.
 
Es gibt keine glaubwürdige Zentralperspektive, die all diese Perspektiven zu einem schlüssigen Ganzen ordnen könnte – den Menschen erscheine ihre Gesellschaft ebenso zerrissen, wie sie sich selbst als zerrissen erschienen. Im sechsten seiner Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen brachte Friedrich Schiller dieses Weltgefühl 1795 auf den Punkt:
„Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“
Um in dieser unübersichtlichen Welt sinnvoll leben zu können, müssen Menschen darauf vorbereitet sein, in ganz verschiedenen Zusammenhängen sinnvoll agieren zu können – im Geschäft wie in der Familie, in fremden Ländern wie im Heimatdorf. Sie müssen sich nicht nur auf das einstellen, was da ist, sondern beständig auch auf das, was sein könnte, was ihnen unverhofft begegnen könnte.

Wer sich auf diese Welt einstellt, kann also nicht nur einen einzigen festen Platz in einer festen Ordnung haben, sondern ist daraus gleichsam freigesetzt. Das einzige verlässliche Verhältnis, das er hat, ist das zu sich selbst – in der beständigen Anforderung, sich auf ganz unterschiedliche, potenzielle Anforderungen vorzubereiten.

Diese freigesetzten Menschen nun werden von ihren Zeitgenossen, die ebenso freigesetzt sind, offenkundig als sehr beunruhigend erlebt – sie hätten in ihrer Freiheit eben auch die „Freiheit zum Bösen“ (133). Da sie grundsätzlich bestehende soziale Ordnungen bedrohen würden, seien sie „Erziehungsbedürftige“ (276), die Anleitung und Führung nötig hätten, um überhaupt im Rahmen dieser sozialen Ordnungen leben zu können.

Männliche Heillosigkeit und weibliche Heilung Das ist die Vorbereitung für die Pointe von Kucklicks Buch.

„Zu allem bisher Gesagten tritt hinzu, dass Geschlecht ein geeignetes Mittel ist, um Gesellschaft in vereinfachter Form darzustellen und zu bearbeiten. Es macht kommunikationsfähig, was sonst nicht zu kommunizieren wäre.“
Damit sei die moderne Erzählung von den Geschlechtern „die Simplifizierung eines hochkomplexen Sachverhalts, die Greifbarmachung des Un(be)greifbaren.“ (234)
 
Mann und Frau würden nämlich einfach, sauber geordnet, in beide Seiten der modernen Erfahrung hineinsortiert: die Frau in den Bereich der Interaktion, der Vertrauten, Sicheren, Konkreten, Tatsächlichen – der Mann in den Bereich der Gesellschaft, der Unvertrauten, Unsicheren, Abstrakten, Potenziellen. „Sklaven der Abstraktion“ seien die Männer – so zitiert Kucklick Friedrich Schleiermacher. (191)

Kucklick erklärt nicht, warum Männer und Frauen in dieser Form zugeordnet würden – aber, so auch schon djadmoros, es liegt nahe, die „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ in bürgerlichen Familien als Grund anzusehen. Es waren eben Männer weit mehr als Frauen, die in ihren Berufen mit den gesellschaftlichen Fliehkräften der Moderne direkt konfrontiert waren.

So sei der Mann als Sinnbild des modernen Menschen wahrgenommen worden. Freigesetzt aus sozialen Ordnungen der Menschen habe er jederzeit wieder zum Tier werden können – ja, zu noch Bedrohlicherem, weil er im Unterschied zu Tieren ja „unbestimmt“ (73) sei und sich ganz allein selbst bestimmen könne, auch zum Monster.

 
Seine Animalität werde in dieser Vorstellung nicht mehr durch soziale Einbindung gezähmt. Sein Selbstbezug, der den Bezug zu den traditionellen sozialen Ordnungen ersetzt habe, mache ihn egoistisch und unfähig zur Liebe.

Allein durch die Frau, die den Schrecken der modernen Gesellschaft ferner blieb als er, könne er wieder ganz zum Menschen werden.

So spiegele sich die moderne Gesellschaft, die sich selbst unüberschaubar geworden ist, in den Geschlechtern wieder und entdecke im Mann ihre Heillosigkeit, in der Frau die Möglichkeit der Heilung.

Es ist offensichtlich, dass diese Klischees keine realen Menschen beschreiben, sondern Ausdruck massiver Ängste und Verunsicherungen, aber auch Ausdruck erheblicher Sehnsüchte sind. Das wäre vielleicht nicht einmal schlimm und so harmlos wie Erzählungen von Einhörnern, Rumpelwichten und anderen Fantasiegestalten – wenn diese Klischees nicht für reale Menschen erhebliche reale Konsequenzen gehabt hätten und bis heute haben.

Welche Konsequenzen das sind und waren, beschreibe ich in einem zweiten Teil an einigen Beispielen von Kucklick und anderen.

In einem dritten Teil werde ich dann einige Konsequenzen aus Kucklicks Text für heutige geschlechterpolitische – und eben nicht nur geschlechterpolitische – Positionen skizzieren.

 
 

Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:

Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008