Die Ökonomie der Romantik

Whit Stillmans Jane Austen-Verfilmung Love & Friendship spiegelt unsere Geschlechterpolitik überraschend gut wieder

Ohne ihn wäre ich ganz allein unter Frauen gewesen. Er saß im Kinosessel direkt vor mir, ein älterer Herr, der vielleicht – einfach schon zu schwach zur Gegenwehr – einfach mit ins Kino gezerrt worden war. Ansonsten saßen vor, hinter und neben mir nur Frauen.

Das ist eigentlich schade. Jane Austen hat bei manchen Deutschen den Ruf, eine frühe Version Rosamunde Pilchers zu sein, aber in der englischen Literaturwissenschaft sind ihre Romane längst als grundlegend anerkannt. „Lady Susan“ allerdings ist ein kaum bekannter Briefroman, den Austen vermutlich als sehr junge Frau geschrieben hat. Er ist mit Kate Beckinsale in der Titelrolle als „Love & Friendship“ verfilmt worden und im vergangenen Monat in die Kinos gekommen.

Bei näherer Betrachtung ist es sehr seltsam, dass lauter Frauen und nicht lauter Männer im Kinosaal saßen.

Im Mittelpunkt des Filmes steht nämlich eine Frau, die so bissig, zynisch und ironisch präsentiert wird, als wäre sie der Fantasie eines ganz besonders schlecht gelaunten Männerrechtlers entsprungen. Eines ihrer zentralen Themen – das ökonomische Kalkül romantischer Liebe – hat Austen wohl an keiner anderen Figur mit einer solchen Schärfe durchgespielt wie an ihrer Lady Susan. Weiterlesen

Rape Culture gegen rechts!

Wie Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski Werbung für die AfD macht

Eigentlich war ich ja der Meinung, über Margarete Stokowski schon genug geschrieben zu haben. Ihr Buch wird zudem von Anja Kümmel in der Zeit als „unendlich wichtig“ gefeiert, die Autorin selbst wird von der Süddeutschen Zeitung  als „deutsche Laurie Penny ins Gespräch gebracht – wobei nicht ganz klar ist, ob das eher als Lob oder als Beleidigung gemeint ist.

Sie hat eine wöchentliche Kolumne in Spiegel, die zumindest auf mich den Eindruck macht, dass Frau Stokowski große Schwierigkeiten hat, sich jede Woche erneut etwas dafür einfallen zu lassen. Solch eine Kolumne ist ja eigentlich ein ungeheures Privileg – und es tut mir leid für die so in Anspruch Genommene, dass sie es vorwiegend als Belastung empfinden muss.

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Gefängnisse waren eigentlich lange kein Mittel der politischer Auseinandersetzung mehr. Eine Spiegel-Kolumnistin hätte das gern geändert

In dieser Woche aber passt Frau Stokowskis Kolumne beunruhigend gut in eine politische Landschaft, in der die Auseinandersetzung mit dem Gegner nicht mehr mit Argumenten, sondern dem Versuch der persönlichen Schädigung geführt wird. Sie empfiehlt dafür „mal locker-flapsig, mal kühl-analytisch“ (Zeit) die Vortäuschung sexueller Straftaten. Aber nur ganz ironisch, natürlich.

Oder? Weiterlesen

Ist Gleichberechtigung frauenfeindlich?

Ein Interview zur Verleihung der Sauren Gurke an den WDR-Film eMANNzipation

Die WDR-Sendung „eMANNzipation“ , die vor etwa einem Jahr den Anspruch der Gleichberechtigung aus einer männlichen Perspektive erhob, ist nun von der Organisation der Medienfrauen mit ihrem Negativ-Preis der Sauren Gurke ausgezeichnet worden. Die Medienfrauen sind Mitarbeiterinnen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands und Österreichs, und ihre Saure Gurke weist auf Sendungen hin, in denen Frauen „nur marginal erscheinen“.

Die Sendung berichtet etwa darüber, dass, so Arne Hoffmann in seinem oben verlinkten Text, „über 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle Männer betreffen“: Ist es wirklich das wesentliche Problem der Medienfrauen, so überlegte ich, dass dieser Umstand Frauen marginalisiert? Glücklicherweise hatte ich die Gelegenheit, eine Vertreterin der Organisation zu interviewen und ihr solche Fragen gleich selbst stellen zu können.

Nun hat allerdings die tagesschau ja vor wenigen Tagen über das Phänomen des Mansplaining berichtet: Männer reden nicht nur ständig selbst, sondern hören auch nicht zu – und sie gehen davon aus, jeweils besser zu wissen als eine Frau selbst, was sie eigentlich sagen möchte. Wenn ich daher im nun folgenden Interview nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten selbst geschrieben habe, dann war mein Ziel dabei keineswegs, ein Interview zu faken. Ganz im Gegenteil: Es ging mir darum, gleichsam die Essenz des Interviews freizulegen und zu erklären.

Daher konnte ich auch antizipieren, dass die interviewte Medienfrau in einem Blog wie man tau zum Schutz ihres Rufs ihren Namen nicht preisgeben möchte. Selbstverständlich respektiere ich diesen Wunsch, so sehr ich ihn auch bedauere, und bezeichne meine Interviewpartnerin daher im Folgenden schlicht als „Medienfrau“.

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Weltmännertag: Die lustigsten Witze

Über die seltsamen öffentlich-rechtlichen Reaktionen  auf einen Tag der Männergesundheit

Im November gibt es gleich zwei Tage, an denen international die Gesundheit von Jungen und Männern im Mittelpunkt steht: den Weltmännertag am 3. November, dessen Schirmherr Michail Gorbatschow ist und der im Jahr 2000 zum ersten Mal in Wien veranstaltet wurde,  und den Internationalen Männertag am 19. November, der seit den Neunziger Jahren weltweit in über 70 Ländern begangen wird.

In Großbritannien beispielsweise hat Premierministerin Theresa May ausdrücklich ihre Unterstützung für den Internationalen Männertag erklärt.

„Ich erkenne die Wichtigkeit der Themen an, die dieses Ereignis herausstellen soll, unter anderem die Männergesundheit, die Selbstmordrate bei Männern und die schlechteren schulischen Ergebmisse von Jungen – dies sind ernste Themen, die mit Bedacht angesprochen werden müssen.“

Dass Männer und Jungen tatsächlich spezifische gesundheitliche Risiken tragen, müsste eigentlich mittlerweile allgemein bekannt sein:

Ihre Lebenserwartung ist deutlich geringer als bei Frauen, ohne dass das so auf biologische Faktoren zurückzuführen wäre

– die Selbstmordrate ist bei Männern wie bei Jungen etwa drei Mal so hoch wie bei Frauen und Mädchen

– von vielen sozialen Risiken wie der Obdachlosigkeit  sind Männer deutlich stärker betroffen als  Frauen

– die Berufe mit den größten Gesundheitsgefahren sind typische Männerberufe

– Unterstützungsangebote für Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt richten sich fast ausschließlich an Frauen, obwohl auch viele Männer und Jungen unter ihnen sind

Jungen sind auf Haupt- und Förderschulen überrepräsentiert, auf Gymnasien und im Abitur unterrepräsentiert

– Väter sind rechtlich,  in der Gerichtspraxis und in den zuständigen Ämtern weiterhin erheblich gegenüber Müttern benachteiligt.

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Kurz: Ein Weltmännertag oder ein Internationaler Männertag drücken keineswegs aus, dass allein Männer und Jungen Opfer sozialer und gesundheitlicher Benachteiligungen sind – aber sie weisen darauf hin, dass es solche Benachteiligungen gibt, die spezifisch Männer und Jungen treffen.

Umso seltsamer ist es, dass es viele Akteure in den Medien gibt, die solch einen Tag als erhebliche Provokation wahrnehmen. Weiterlesen

Klappehalten auf Augenhöhe

Ein Nachtrag, der wichtig ist und den ich deshalb vorangestellt habe: Der Brief, den ich hier geschrieben hatte, hatte erfreulichere Folgen, als ich gedacht hätte. Ich bekam sehr schnell eine Antwortmail und auch eine entsprechende Nachricht der HRInfo-Redaktion auf Twitter, die mich auf die Mail hinwies. Die Kommentarfunktion sei nach wie vor geöffnet. Ich zitiere aus der Mail:

„Ich gebe zu, der Hinweis „Comments closed“ ist etwas missverständlich, da es sich um die generelle Kommentarfunktion der Plattform handelt, die wir aus Gründen der Programmierung geschlossen haben. Wir nutzen stattdessen als Kommentarfunktion das Tool „Scribble Live“ – das ist das Fenster, in dem Sie richtigerweise den Kommentar von Marsaffe (und auch die Antwort von StreitEngel darunter) gefunden haben. Genau in diesem Fenster steht es Ihnen und jedem anderen Nutzer immer noch und jederzeit frei, zu diskutieren und Kritik an uns, dem Projekt oder Frau Wizorek zu äußern.“

Ich wiederum gebe zu, dass ich dann nochmal probiert habe, die Kommentarfunktion zu finden, aber weiterhin nur die Nachricht „Comments Closed“ bekommen habe. Als ich auf einen anderen Browser gewechselt bin, von Chrome zu Edge, funktionierte es aber dann. Die Darstellung im Folgenden, das Kommentare nicht mehr möglich seien, stimmt so also nicht – es war eher ein technisches Problem.

Die inhaltliche Kritik daran, dass  ein Öffentlich-Rechtlicher Sender sich kritiklos einen politischen Aktivismus zu eigen macht, behalte ich bei. Dass aber eine sehr schnelle, auf meinen zum Teil ja durchaus scharfen Brief auch freundliche und verbindliche Antwort kam, die ein wesentliches Problem sogar löste – das finde ich sehr gut.

Abschließend heißt es in der Mail: „Ich freue mich auf weitere Wortmeldungen von Ihnen zu Frau Wizorek oder anderen Themen auf unserer Seite.“ Das verbunden mit der Aufforderung, eine „Streitregel“ zu formulieren. Diese Aufforderung aktiviert etwas zu sehr den Pädagogen in mit, und den versuche ich im Blog ja im Zaum zu halten. Gleichwohl ist das eine deutlich positivere Reaktion als die, die ich erlebt habe, wenn ich vorher mal auf Berichte, Sendungen, Artikel oder ähnliches reagiert hatte.

Lucas Schoppe

Ein Brief an die #besserstreiten-Redaktion beim Hessischen Rundfunk

Sehr geehrte Damen und Herren,

warum ich Ihnen einen Brief schreibe und nicht einfach einen Kommentar auf Ihrer Webseite hinterlasse, wird sicher gleich klar werden.

Besser streiten – das verkünden Sie auf Ihrer Seite, und unter diesem Reihentitel veröffentlichen Sie einen ermutigenden Artikel über Anne Wizorek.

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Argumente auszutauschen, anstatt sich einfach gegenseitig als „Sexisten“ bzw., korrekt gegendert, als „Sexist*innen“ darzustellen – das finde ich auch richtig. Im Text selbst wird es dann noch besser:

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 „Augenhöhe“, ohne „einfach nur alles abzubügeln“, „empathisch“ – das klingt alles viel besser als zum Beispiel das, was ich von Frau Wizoreks Mit-Grimme-Preisträgerin Jasna Strick noch im Kopf habe.

Gummibärensaft – das ist der Zaubertrank aus der alten Disney-Kleinkinder-Serie „Die Gummibärenbande“. Statt infantiler und stärkender Freude an Männertränen nun also Bereitschaft zur Empathie und zum sachorientierten Streit: Der Aufschrei-Feminismus wird erwachsen.

Dachte ich.

Nun hat am 25. Oktober, also wohl etwa zwei Wochen nach Veröffentlichung des Artikels, noch jemand einen recht kritischen Kommentar geschrieben. Dort bezeichnete er Frau Wizoreks Selbstdarstellung als „reines Lippenbekenntnis“. Bei Twitter würde Frau Wizorek auf sachliche Nachfragen damit reagieren, dass sie den Frager „blockt“ – sie würde zudem mit unseriösen Daten (etwa einer Falschangabe über ca. 200 Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest) oder unseriösen Quellen agieren. Trotzdem würde sie – und das ist offenbar der Punkt, der den Kommentator besonders stört –  „von den Medien hofiert, eingeladen und im Gespräch gehalten“.

Da zuvor für den sachorientierten Streit in den insgesamt recht desinteressiert wirkenden Kommentaren eine wichtige Grundlage fehlte, nämlich der sachliche Meinungsunterschied, war nun also endlich die Gelegenheit da, das Seitenmotto lebendig werden zu lassen. Doch was geschah noch am selben Tag?

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Wie eine Kampagne gegen „Hate Speech“ Hass fördern kann

Mit diesem Tweet verkündet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dass es sich der Europarat-Kampagne gegen Hate Speech im Internet und anderswo anschließt.

Nun wirkt eine solche Kampagne möglicherweise selbstverständlich und alternativlos – wer würde schon eine Gegenkampagne Für Hate Speech im Netz und anderswo begründen? Irritierend ist aber das Motto, das sich auch die zuständige Ministerin zu eigen macht.

Wer aber behauptet denn eigentlich, dass Hass eine Meinung sei? Es gibt gleich eine Reihe hier relevanter Straftatbestände, deren Sinn – soweit ich es sehe – niemand ernsthaft anzweifelt:  Beleidigung, Volksverhetzung, Nötigung, Bedrohung, Üble Nachrede, Verleumdung, Öffentliche Aufforderung zu Straftaten.

Wer behauptet denn beispielsweise, dass Gewaltandrohungen durch die Meinungsfreiheit gedeckt seien?

Die Äußerung von Schwesig und das Motto ihrer Kampagne ergeben nur dann einen Sinn, wenn bestimmte Äußerungen, die allgemein als „Meinungen“ verstanden werden, eigentlich gar keine Meinungen sind, sondern Ausdruck von Hass. Dann aber müsste sie deutlich machen, welche Meinungen das eigentlich sind.

Möglicherweise aber sind solche misstrauischen Überlegungen gegenüber einer möglicherweise ja vollständig wohlmeinenden Kampagne deplatziert. Woher dieses Misstrauen stammt, kann ich aber erklären im Rückblick auf eine Veranstaltung, die ich vor fast genau einem Jahr besucht habe. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hatte einen „Salon zum Thema Hate Speech“ veranstaltet.  Weiterlesen

Linke Männerpolitik, organisierte Liebe und lechte Illtümel

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Zu der Frage, wozu eigentlich eine linke Männerpolitik gut sein solle, hat es hier schon verschiedene Texte gegeben – einen von Leszek, einen auch von mir selbst. Ich hab zudem schon vor Wochen begonnen, etwas zu einer kurzen Diskussion zu schreiben, die eben zu diesem Thema im Blog Alles Evolution geführt worden war. Da ich allerdings gerade damit beschäftigt war, Abiturklausuren zu lesen, hat sich dieser Text hingezogen. Nun aber bin ich mit den Klausuren vorzeitig fast fertig, und so hab ich auch guten Gewissens meinen Text beenden können.

Es geht dabei ganz allgemein um die naheliegende Frage, was Kübra Gümüşays tränenreiche Rede zur organisierten Liebe auf der re:publica, die deutsche Linke, der amerikanische Wahlkampf und die Notwendigkeit einer linken Männerpolitik eigentlich miteinander zu tun haben.

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Führt es also nach links tatsächlich in Sackgassen?

Bei Alles Evolution gab es vor einer Weile eine kurze Diskussion zu einem Kommentar von mir  hier in diesem Blog. Dort hatte ich wiederum auf einen Kommentar von Fiete reagiert, der geschrieben hatte, dass er die politischen Zuordnungen „rechts“ und „links“ wenig sinnvoll bzw. „zunächst mal völlig Latte“ finde. Ich hatte dann dafür zu argumentieren versucht,  warum ich sie in Geschlechterdiskussionen durchaus sinnvoll sein könnten.

Zuerst hatte ich versucht zu beschreiben, warum ich Fietes Skepsis gegen die Begriffe teile – und dann, warum ich sie eben manchmal doch sinnvoll finde. Obwohl ich mich dabei deutlich einer linken Position zuordne, geht es mir dabei um keine generelle Abwertung von konservativen Positionen. Weiterlesen