Liebe SPD,

Ein Brief eines Sozialdemokraten, der auf gar keinen Fall SPD wählt

Gerade las ich bei Arne Hoffmann einen Artikel darüber, dass die SPD auf männliche Wähler pfeife – mitten in die Euphorie über den Kanzlerkandidaten Schulz hinein. Hoffmann stellt gegenüber, was die SPD in Nordrhein-Westfalen für Frauen zu tun gedenke – ein langer prall gefüllter Absatz – und was sie für Männer tun will: Auch ein langer Absatz, der aber ganz leer bleibt.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie das polemisch und unsachlich finden. Ich kann aber ein paar Erfahrungen beisteuern, die zeigen, dass es das nicht ist. Mehr noch: Das Verhältnis von Männern und Frauen, wie es die SPD beschreibt, sagt weit über Geschlechterbeziehungen hinaus etwas über Ihre Partei aus, das Sozialdemokraten eigentlich in Panik versetzen müsste.

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Von gleichen Pflichten ist heute keine Rede mehr. Gleiche Rechte sind durch „Gleichstellung“ ersetzt worden. Aber sonst ist fast alles geblieben, wie es war.

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Lernen braucht Freiheit

…und Freiheit braucht Menschen, die lernen.  

Sieben Thesen zur Meinungsfreiheit an den Universitäten. Und ein Zitat.

Von irritierten „Nordamerikanistik-Studierenden der HU Berlin“ berichtet die taz am 6. Oktober dieses Jahres. Eva Boesenberg, Professorin für Nordamerikanische Literatur- und Kulturgeschichte, hatte in einem Seminar auch das Theaterstück The Emperor Jones des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers Eugene O’Neill auf die Leseliste gesetzt. Allein in der Eröffnungsszene käme dort, so hat die taz nachgezählt, 19 Mal das Wort „Nigger“ vor. Ein Stück aus dem Jahr 1920 –

„Doch eignet es sich heute für ein Seminar, in dem auch People of Color sitzen? ‚Für eine chinesische Studentin war das nicht auszuhalten’, erinnert sich Eva Boesenberg.“

Sie werde daher das Stück nicht wieder in einem Seminar behandeln.

Dass O’Neill prekäre Verhältnisse erlebt hat, jahrelang als Seemann arbeitete, im pazifistischen Flügel der Arbeiterbewegung engagiert war und dass seine Entwicklungsgeschichte hin zum Literaturnobelpreisträger ganz außergewöhnlich war – dass er als Dramatiker eine besondere Bedeutung für afro-amerikanische Schauspieler hatte – dass er eben über den Gebrauch des Wortes „Nigger“ schon eine Auseinandersetzung mit dem ersten Schauspieler der Hauptrolle hatte und ihm eben dieser Begriff wichtig war, um die Entfremdung Schwarzer in Amerika vorzuführen: Damit müssen sich Boesenbergs Studenten dann zukünftig nicht mehr beschäftigen.

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Ebenfalls an der Humboldt-Universität richteten im vergangenen Jahr Studenten ein Blog ein, in dem sie über die Vorlesung des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler berichteten und ihrem Professor, unter anderem, einen „militärischen Sprechduktus“ und „koloniale Praxen“ vorhielten.  Der Zeit erklärte Münkler, dass er gern mit den Blog-Betreibern reden würde,

„aber die schlagen aus dem Off zu. ‚Asymmetrische Kriegsführung’ nennt Münkler dieses Vorgehen.“

Damit ist eine Bewegung von nordamerikanischen und britischen Universitäten auch an deutschen Universitäten angekommen, in der sich politisches Engagement mit enormer Sensibilität für Gruppen verbindet, die als marginalisiert oder als unterdrückt wahrgenommen werden: für Schwarze, für Frauen, für Transsexuelle.

Der weltweit anerkannte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der seit Jahrzehnten an der Stanford-Universität lehrt, hat vor einer Weile in der Neuen Zürcher Zeitung von einer persönlichen Erfahrung damit berichtet. Ihm sei aufgefallen, dass er von der Universität keine Funktionen mehr zugeteilt bekommen habe, „die mit der Betreuung von jungen Kollegen und Doktoranden zu tun haben“. Erst auf Nachfrage bei der Dekanin  habe er den Grund erfahren, nämlich seinen „Hang zu frauenfeindlichen Äusserungen“. Er erfährt zudem,

„dass der Stein des Anstosses ein im öffentlichen Rahmen gefallener Satz war, in dem ich meine eigene und die Tochter eines Kollegen als Beispiele für sehr gutes Aussehen (‚looking gorgeous’) angeführt hatte.“

Das sei sicher nicht verletzend gemeint gewesen, so die Dekanin, da sich aber eben nicht alle Frauen als gutaussehend wahrnehmen, hätten einige das als aggressiv wahrnehmen können.

In diesem Sinne arbeiten amerikanische Universitäten dann, so der lange Zeit-Artikel weiter, routiniert mit Triggerwarnungen, die vor verstörenden Inhalten in Büchern warnen – z.B. vor Kants Kritik der reinen Vernunft.

Die Warnung des Verlags vor diesem Buch spricht übrigens nicht direkt die Leser, sondern Eltern an – sie sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, dass sich seit der Zeit Kants „die Sicht auf Themen wie Rasse, Geschlechterrolle, Sexualität, Ethnizität und interpersonelle Beziehungen verändert“ habe. Da Kinder ihre ersten Leseerfahrungen gemeinhin nicht mit Kants Kritik der reinen Vernunft machen, sind in diesem Beispiel offenbar die Eltern von Studenten angesprochen, und es sind eben diese Studenten, die dabei als schutz- und aufklärungsbedürftige Kinder dastehen.

So werden ihnen an Universitäten dann auch Safe Spaces geschaffen, sichere Plätzen, in denen sie vor Zumutungen provozierender Positionen sicher sind. Auch vor provozierenden Rednern und Rednerinnen werden sie geschützt – etwa vor einer transsexuellen Aktivistin, die an der Brown-Universität ausgeladen wurde, weil sie von einer jüdischen Gruppe eingeladen worden war. Das nämlich würde das Leid der Palästinenser unsichtbar machen.

Am Londoner Goldsmith Institut wiederum, auch das berichtet die Zeit, sei eine iranische Menschenrechtlerin gezwungen worden, „ihren Vortrag zu unterbrechen, weil der muslimische Studenten verletze.“

Zur dieser Kultur einer modischen Verachtung der Meinungsfreiheit sieben Thesen und ein Zitat: Weiterlesen

Das Strafrecht als Erzieher

Zur Entscheidung des Bundestags für ein neues Sexualstrafrecht

Das neue Sexualstrafrecht, das im Bundestag beschlossen wurde, hat wohl nicht nur eine rechtsstaatliche, sondern auch eine pädagogische Funktion – der WDR bezeichnet es gar als Signal an die Männerwelt. Die Debatte darüber zeigt: Welche Konsequenzen es haben wird, ist auch den Abgeordneten noch nicht ganz klar. Trotzdem war ihre Entscheidung einstimmig. Warum eigentlich?

Einstimmig!

Ohne eine Gegenstimme und ohne Enthaltung hat der Bundestag das neue Strafrecht zur Vergewaltigung und sexuellen Nötigung beschlossen – zumindest den ersten, wesentlichen Teil des Gesetzes, der den Grundsatz „Nein heißt nein!“ betont. In anderen Abstimmungen – zur Strafbarkeit sexueller Übergriffe aus Gruppen, zur Erleichterung von Abschiebungen nach sexuellen Übergriffen – gab es Gegenstimmen.

Bei einem näheren Blick auf das Gesetz ist die restlose Zustimmung allerdings nicht ganz verständlich: Dass das Parlament für das Gesetz stimmt, mag gute Gründe haben, aber dass es keine einzige Gegenstimme gibt, ist rätselhaft.

Am 7. Juli verabschiedete der Bundestag einstimmig ein neues Sexualstrafrecht. Der Bundesrat muss noch zustimmen – doch an dieser Zustimmung bestehen keine Zweifel.

Denn tatsächlich enthält das Gesetz gleich mehrere Aspekte, die stark umstritten sind und die zudem nach meinen Erfahrungen alltäglichen Erwartungen über die Strafbarkeit menschlicher Handlungen nicht entsprechen. Dazu ein Beispiel, dass ich vor einigen Monaten selbst erlebt habe: Weiterlesen

Die Strohmannfabrik – Zu Texten Margarete Stokowskis

Was ist eigentlich dieser Feminismus? Dritter Teil einer Reihe nach Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung: Margarete Stokowski

Zur Gewalt von Hooligans bei der Fußball-Europameisterschaft veröffentlichte Margarete Stokowski im Spiegel vor einer Weile einen viel diskutierten Text, der Gewalt als männlich und Männlichkeit als tendenziell gewalttätig präsentierte. Es ist ein Junge: Schon der Titel suggeriert, dass Männer ihre ihnen zugeschriebene Gewaltnähe von der Kindheit an mitbringen.

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Nein, natürlich sind nicht alle Männer gewalttätig. Allerdings müssen ALLE überlegen, welchen Anteil sie an der toxischen Männlichkeit haben….

Es passt also, dass der dritte Teil der Serie zu Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung, Feministinnen, die Sie kennen sollten, Margarete Stokowskis Texte zum Thema hat. Allerdings lohnt nicht allein die Spiegel-Kolumnistin selbst die Auseinandersetzung – wohl aber die Tatsache, dass an ihrem Beispiel gut gezeigt werden kann, welche Folgen die Umwandlung eines politischen Dialogs in einen Monolog hat.

Erste Folge: Rechtsstaat, Regen, Ressentiments. Antje Schrups Differenzfeminismus

Zweite Folge: Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus. Anne Wizoreks Aufschrei-Feminismus Weiterlesen

Aufschrei und Gewalt

Im Text über Anne Wizorek habe ich einen kurzen Nachtrag zu Shit-Storms im Zusammenhang mit dem #Aufschrei angekündigt. Nun aber passt eine aktuelle Geschichte so gut in den Zusammenhang, dass ich mit ihr beginne.

Unter dem Hashtag #TeamGinaLisa, dem Wizorek sich hier demonstrativ anschließt, wird Gina-Lisa Lohfink in einer Gerichtsverhandlung unterstützt – sie muss sich mit dem Vorwurf der Falschbeschuldigung auseinandersetzen. Wizorek  setzt diesen Fall in ihrem verlinkten Text sogleich mit allgemeinen Statistiken in einen Zusammenhang.

„In Deutschland ist jede 3. Frau von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt betroffen.“  

Damit bezieht sie sich auf eine EU-Studie aus dem Jahr 2014. Dass sich die Zahl nicht auf Frauen in Deutschland, sondern auf Frauen in Europa allgemein bezieht, ist ein geringes Problem.

Deutlich gravierender ist es schon, dass bei den Befragungen der Studie – was Wizorek natürlich nicht ausweist – eine enorme Spannbreite von Handlungen als „Gewalt“ gewertet wurde: vom Schubsen oder Stoßen bis hin zum Angriff mit einer Schusswaffe.  Nach diesen Kriterien ist es verwunderlich, dass nicht jede oder fast Frau irgendwann einmal zum Opfer von Gewalt wurde – so wie vermutlich auch jeder oder fast jeder Mann angegeben hätte, zum Opfer von Gewalt geworden zu sein. Männer aber wurden in der Studie überhaupt nicht gefragt.

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Das Muster, dass sich auch im #aufschrei ausbildet, findet sich hier schon in einer EU-Studie: Der Eindruck einer weit verbreiteten, spezifisch frauenfeindlichen Gewalt wird durch zwei simple Entscheidungen begünstigt. Einerseits werden ganz unterschiedliche und unterschiedlich schwerwiegende Handlungen gleichermaßen als Gewalt gewertet, so dass die Zahl der Gewalthandlungen schließlich sehr hoch angesetzt werden kann. Andererseits werden Männer schlicht nicht nach ihren Erfahrungen gefragt – so dass der Eindruck entsteht, die Erfahrung der Gewalt sei ein spezifisches Problem von Frauen.

Ein wesentliches Problem dieses Umgangs mit Gewalt aber ist, dass er Gewalt nicht verhindert, sondern begünstigt. Weiterlesen

Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus

Was ist eigentlich dieser Feminismus? Zweiter Teil einer Reihe nach Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung: Anne Wizorek

Etwas voreilig habe ich hier das Projekt gestartet, zur Vorstellung der Feministinnen, die Sie kennen sollten in der Süddeutschen Zeitung eine kleine Serie zu starten. Voreilig, weil gerade ein sehr kurzes Schuljahr zu Ende geht, der Beruf sehr hektisch ist und das Bloggen darüber ohnehin zurückstehen muss. Aber immerhin, nach dem Text über Antje Schrupp kommt hier einer über die wohl derzeit bekannteste deutsche Feministin nach Schwarzer.

Der von Anne Wizorek und anderen im Jahr 2013 initiierte, später mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete #Aufschrei ist heute die stilprägende Aktionen des Netzfeminismus. Zugleich hat er gerade bei Twitter viele Männer aktiviert, die der Art und Weise, wie hier über Männer geredet wird, ihre eigene Perspektive entgegensetzen wollten.

Oft sei

„den übergriffigen Männern oft gar nicht klar ist, was sie da tun, oder ihr Verhalten gar selbstverständlich finden, weil sie eben Männer sind“,

schreibt die Bloggerin Meike im Januar 2013 in einem Text für das Blog kleinerdrei. Wizorek beruft sich ausdrücklich auf diesen Text, wenn sie die Wurzeln von #Aufschrei schildert. Tatsächlich ist dessen Grundmotiv in Maikes Text schon enthalten: Das Leben in öffentlichem Raum sei von übergriffigem Männerverhalten geprägt, aber Männern sei dieses Verhalten gar nicht bewusst – weil sie aufgrund ihrer männlichen Privilegien die Folgen dieses übergriffigen Verhaltens nicht wahrnehmen müssten.

aufschrei

Die Pointe des #Aufschrei ist also nicht, dass alle Männer SO seien – aber dass alle Männer so PRIVILEGIERT seien, sich übergriffig verhalten zu können, ohne die Folgen zu beachten. Warum dieser Aufschrei ein so enormer Erfolg war – und warum bis heute zwischen (nicht-feministischen) Männern und (feministischen) Frauen ein Dialog darüber nicht möglich ist: Das sind Fragen, die zu wesentlichen Problemen heutiger Geschlechterdebatten führen. Weiterlesen