Die unmodernen Wurzeln einer modernen Geschlechterpolitik

Eine moderne Familienpolitik würde nicht etwa die sogenannte „Alleinerziehung“ fördern, sondern darum besorgt sein, dass Eltern – gerade auch nach Trennungen – gemeinsam die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Mit dieser Feststellung endete der letzte Text hier im Blog. Dass die Politik des „Familienministeriums“ und die deutsche Gesetzgebung der mütterlichen Alleinerziehung faktisch Vorrang vor der gemeinsamen Erziehung durch beide Eltern einräumen, ist schädlich für Kinder, es ist schädlich für Väter, und es ist such schädlich für Mütter.

Wenn aber der Schaden so umfassend ist: Wem nützt denn dann eigentlich diese Politik?

Abgesehen von Lobbyistinnen profitieren ausgerechnet die Eltern von dieser Politik, die eben nicht im Interesse ihrer Kinder agieren: Mütter, die Väter aus der gemeinsamen Verantwortung ausgrenzen – und Väter, die sich auf Kosten der Kinder und der Mütter ihrer Verantwortung entziehen. In selteneren Fällen ist es auch umgekehrt.

Wie aber ist es möglich, dass uns eine Politik als ganz normal erscheint, die ein kindsschädigendes Elternverhalten fördert, ja sogar züchtet – während sie es Eltern beiderlei Geschlechts, die im Interesse ihrer Kinder agieren wollen, das Leben schwer macht?

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Ist das tatsächlich ein angemessenes Modell einer modernen Familienpolitik?

Wir haben uns offenbar in einem langen Prozess daran gewöhnt, destruktive familiäre Konstellationen als etwas ganz Normales wahrzunehmen, während uns konstruktivere Modelle als ungewöhnlich, riskant und als fragwürdig erscheinen. Weiterlesen

Lernen braucht Freiheit

…und Freiheit braucht Menschen, die lernen.  

Sieben Thesen zur Meinungsfreiheit an den Universitäten. Und ein Zitat.

Von irritierten „Nordamerikanistik-Studierenden der HU Berlin“ berichtet die taz am 6. Oktober dieses Jahres. Eva Boesenberg, Professorin für Nordamerikanische Literatur- und Kulturgeschichte, hatte in einem Seminar auch das Theaterstück The Emperor Jones des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers Eugene O’Neill auf die Leseliste gesetzt. Allein in der Eröffnungsszene käme dort, so hat die taz nachgezählt, 19 Mal das Wort „Nigger“ vor. Ein Stück aus dem Jahr 1920 –

„Doch eignet es sich heute für ein Seminar, in dem auch People of Color sitzen? ‚Für eine chinesische Studentin war das nicht auszuhalten’, erinnert sich Eva Boesenberg.“

Sie werde daher das Stück nicht wieder in einem Seminar behandeln.

Dass O’Neill prekäre Verhältnisse erlebt hat, jahrelang als Seemann arbeitete, im pazifistischen Flügel der Arbeiterbewegung engagiert war und dass seine Entwicklungsgeschichte hin zum Literaturnobelpreisträger ganz außergewöhnlich war – dass er als Dramatiker eine besondere Bedeutung für afro-amerikanische Schauspieler hatte – dass er eben über den Gebrauch des Wortes „Nigger“ schon eine Auseinandersetzung mit dem ersten Schauspieler der Hauptrolle hatte und ihm eben dieser Begriff wichtig war, um die Entfremdung Schwarzer in Amerika vorzuführen: Damit müssen sich Boesenbergs Studenten dann zukünftig nicht mehr beschäftigen.

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Ebenfalls an der Humboldt-Universität richteten im vergangenen Jahr Studenten ein Blog ein, in dem sie über die Vorlesung des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler berichteten und ihrem Professor, unter anderem, einen „militärischen Sprechduktus“ und „koloniale Praxen“ vorhielten.  Der Zeit erklärte Münkler, dass er gern mit den Blog-Betreibern reden würde,

„aber die schlagen aus dem Off zu. ‚Asymmetrische Kriegsführung’ nennt Münkler dieses Vorgehen.“

Damit ist eine Bewegung von nordamerikanischen und britischen Universitäten auch an deutschen Universitäten angekommen, in der sich politisches Engagement mit enormer Sensibilität für Gruppen verbindet, die als marginalisiert oder als unterdrückt wahrgenommen werden: für Schwarze, für Frauen, für Transsexuelle.

Der weltweit anerkannte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der seit Jahrzehnten an der Stanford-Universität lehrt, hat vor einer Weile in der Neuen Zürcher Zeitung von einer persönlichen Erfahrung damit berichtet. Ihm sei aufgefallen, dass er von der Universität keine Funktionen mehr zugeteilt bekommen habe, „die mit der Betreuung von jungen Kollegen und Doktoranden zu tun haben“. Erst auf Nachfrage bei der Dekanin  habe er den Grund erfahren, nämlich seinen „Hang zu frauenfeindlichen Äusserungen“. Er erfährt zudem,

„dass der Stein des Anstosses ein im öffentlichen Rahmen gefallener Satz war, in dem ich meine eigene und die Tochter eines Kollegen als Beispiele für sehr gutes Aussehen (‚looking gorgeous’) angeführt hatte.“

Das sei sicher nicht verletzend gemeint gewesen, so die Dekanin, da sich aber eben nicht alle Frauen als gutaussehend wahrnehmen, hätten einige das als aggressiv wahrnehmen können.

In diesem Sinne arbeiten amerikanische Universitäten dann, so der lange Zeit-Artikel weiter, routiniert mit Triggerwarnungen, die vor verstörenden Inhalten in Büchern warnen – z.B. vor Kants Kritik der reinen Vernunft.

Die Warnung des Verlags vor diesem Buch spricht übrigens nicht direkt die Leser, sondern Eltern an – sie sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, dass sich seit der Zeit Kants „die Sicht auf Themen wie Rasse, Geschlechterrolle, Sexualität, Ethnizität und interpersonelle Beziehungen verändert“ habe. Da Kinder ihre ersten Leseerfahrungen gemeinhin nicht mit Kants Kritik der reinen Vernunft machen, sind in diesem Beispiel offenbar die Eltern von Studenten angesprochen, und es sind eben diese Studenten, die dabei als schutz- und aufklärungsbedürftige Kinder dastehen.

So werden ihnen an Universitäten dann auch Safe Spaces geschaffen, sichere Plätzen, in denen sie vor Zumutungen provozierender Positionen sicher sind. Auch vor provozierenden Rednern und Rednerinnen werden sie geschützt – etwa vor einer transsexuellen Aktivistin, die an der Brown-Universität ausgeladen wurde, weil sie von einer jüdischen Gruppe eingeladen worden war. Das nämlich würde das Leid der Palästinenser unsichtbar machen.

Am Londoner Goldsmith Institut wiederum, auch das berichtet die Zeit, sei eine iranische Menschenrechtlerin gezwungen worden, „ihren Vortrag zu unterbrechen, weil der muslimische Studenten verletze.“

Zur dieser Kultur einer modischen Verachtung der Meinungsfreiheit sieben Thesen und ein Zitat: Weiterlesen

Jammer-Männer und Friedens-Frauen

Wie der Dialog der Geschlechter an die Wand gefahren wurde

Zweiter Teil

„Diese Gesellschaft braucht keine Jammer-Männer.“ Das schreibt Martin Rosowski, Vorsitzender des Bundesforum Männer, in einem Beitrag in der Zeit, in dem er sich mit ganz ähnlichen Themen beschäftigt wie denen des letzten Blog-Eintrags.

Der Vorwurf  knüpft an traditionelle Männerbilder an. Zum Ideal des soldatischen Mannes passt das Jammern zum Beispiel gar nicht: „Well, I don’t wanna be a soldier, mama, I don’t wanna die“, singt John Lennon zum Beispiel im Jahr 1971 auf seinem Imagine-Album.

Rosowski beschreibt – als wüsse gewiss jeder, wen er damit meint –

„diese jammernden Männer, die sich von den Frauen speziell und der Weiblichkeit (letztendlich in ihrer Wahrnehmung des Feminismus) an sich unterdrückt fühlen“.

Er unterstellt, Männer würden in heutigen Debatten gleichsam ein Spiegelbild zum Feminismus etablieren wollen – ein Bild, in dem eben nicht Frauen, sondern Männer das unterdrückte Geschlecht seien.

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Colleville-sur-Mer, ein US-amerikanischer Soldatenfriedhof in der Normandie Quelle

Damit entgeht Rosowski, dass Männer schon lange, und unabhängig vom Feminismus und seiner Kritik, Möglichkeiten der Veränderung durchspielen, die mit Unterdrückungsszenarien gar nichts zu tun haben. Lennon ist dafür nur eines von vielen Beispielen, wenn er sich von traditionell männlichen Tätigkeiten distanziert oder sich als Mann präsentiert, der früher seiner Frau gegenüber gewalttätig gewesen, nun aber geläutert sei. (Getting Better)

Gerade dann allerdings, wenn er an feministische Ideen anknüpft (Woman Is the Nigger of the World), stellt Lennon sich als Mann in einer Doppelrolle da: Als Täter und Unterdrücker, der seine Schuld bekennt – und zugleich als Kind, das sich entwickeln möchte und dabei die Partnerin als Mutterfigur verehrt. Der vorangegangene Text endete also mit zwei Fragen:

Wie war es möglich, dass ein solch ungleiches, unpartnerschaftliches Verhältnis zwischen Mann und Frau als neues Ideal, als Weg in eine schönere Zukunft erscheinen konnte?

Warum aber hat sich das einseitige Geschlechterverhältnis in den folgenden vier Jahrzehnten – zumindest, was seine Repräsentation im Lichte feministischer Politik betrifft – nicht zu einem Verhältnis der Gegenseitigkeit hin entwickelt, sondern sich beständig weiter betoniert und zugespitzt? Weiterlesen

Das Böse der Banalität

Wie die taz den Holocaust genderpolitisch entsorgt

Fritz Stern, US-amerikanischer Historiker deutscher Herkunft, war zwölf Jahre alt, als er mit seiner jüdischen Familie aus seiner Heimatstadt Breslau floh – im September 1938, gerade noch rechtzeitig vor den Pogromen gegen Juden in der Nacht vom 9. zum 10. November. Später studierte er an der Columbia University in New York, wurde dort Professor, kehrte aber für Gastprofessuren in Berlin, Konstanz, Mainz und Jena nach Deutschland zurück. Seine Werke über die deutsche Geschichte, aber auch sein Engagement in zeitgeschichtlichen und politischen Fragen machten ihn weltweit berühmt.

Im Alter von neunzig Jahren starb er im Mai 2016 in New York. In einem scharfen, seltsamen Kontrast zu den respektvollen Abschieden von Stern, die weltweit veröffentlicht wurden, stand ein kleiner Kommentar in der öffentlichen Facebook-Gruppe kritische geschichte. Dort schrieb die Historikerin Anka (meist: Anna) Hájkova, die an der englischen Universität von Warwick lehrt und die gerade als Gastwissenschaftlerin in Erfurt arbeitet:

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Der Kommentar war nicht nur bewusst verletzend und pietätlos, sondern wirkte auch unmotiviert, weil nicht erkennbar ist, was Fritz Stern Hájkova denn eigentlich getan hatte – abgesehen von der Tatsache, dass er ein weißer straighter alter Mann gewesen war.

Ein kurzer Essay, den Hájkova gerade am 5. September in der taz veröffentlicht hat, kann helfen, ihre so scharfe und gewaltsame Reaktion auf den Tod Sterns zu erklären. Ihr Text Warum wir eine queere Geschichte des Holocaust brauchen zeigt zugleich auch, dass ein gendertheoretischer Ansatz politisch vielfältig funktionalisiert werden kann – auch für Schlussstrich-Bedürfnisse bei der Erinnerung an den Holocaust. Weiterlesen

Die Strohmannfabrik – Zu Texten Margarete Stokowskis

Was ist eigentlich dieser Feminismus? Dritter Teil einer Reihe nach Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung: Margarete Stokowski

Zur Gewalt von Hooligans bei der Fußball-Europameisterschaft veröffentlichte Margarete Stokowski im Spiegel vor einer Weile einen viel diskutierten Text, der Gewalt als männlich und Männlichkeit als tendenziell gewalttätig präsentierte. Es ist ein Junge: Schon der Titel suggeriert, dass Männer ihre ihnen zugeschriebene Gewaltnähe von der Kindheit an mitbringen.

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Nein, natürlich sind nicht alle Männer gewalttätig. Allerdings müssen ALLE überlegen, welchen Anteil sie an der toxischen Männlichkeit haben….

Es passt also, dass der dritte Teil der Serie zu Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung, Feministinnen, die Sie kennen sollten, Margarete Stokowskis Texte zum Thema hat. Allerdings lohnt nicht allein die Spiegel-Kolumnistin selbst die Auseinandersetzung – wohl aber die Tatsache, dass an ihrem Beispiel gut gezeigt werden kann, welche Folgen die Umwandlung eines politischen Dialogs in einen Monolog hat.

Erste Folge: Rechtsstaat, Regen, Ressentiments. Antje Schrups Differenzfeminismus

Zweite Folge: Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus. Anne Wizoreks Aufschrei-Feminismus Weiterlesen

Jungen lesen anders

Am Wochenende saß ich wieder einmal mit einem Freund zusammen, der wie ich Lehrer ist und mit dem ich schon einmal einen Text für man tau gemeinsam geschrieben hatte: Über den Umgang mit Jungen, über unsere Erfahrungen mit Jungen in der Schule. Schließlich sind die spezifischen Schwierigkeiten von Jungen an und mit der Schule schon lange bekannt, werden aber kaum einmal zum Thema der Bildungspolitik. Der Erziehungswissenschaftler Markus Meier dazu:

„Aber es interessiert irgendwie auch niemanden, es geht nur um das ‚Aufholen‘ der Mädchen. Das Thema will niemand wahrhaben.“

Zudem werde der „literacy-Nachteil“ – die Nachteile in der Lesekompetenz – von Jungen kaum einmal angesprochen, obwohl er etwa viermal so hoch sei wie umgekehrt die häufig thematisierten spezifischen Nachteile von Mädchen im Fach Mathematik. Dabei sei ja gerade die geringere Kompetenz im Lesen noch deutlich bedeutender als ein Nachteil in der Mathematik – geringere Fähigkeiten im Lesen wirken sich schließlich nicht nur auf alle Fächer aus, sondern seien auch „lebenstechnisch“ bedeutsamer.

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Wir habe also am Wochenende gesammelt, welches aus unserer Erfahrung Gründe für die deutlich schlechteren Leseleistungen von Jungen sind – und was getan werden kann, um diese Leistungen zu verbessern, und um auch den Jungen Spaß am Lesen zu verschaffen. Dabei ist eine weit verbreitete Erklärung in unseren Augen schlicht falsch.  Weiterlesen

Verhandlungen ohne Verhandlungspartner: "Negotiating Gender" in der Schule

Ich bin vor einiger Zeit einmal gefragt worden, ob ich nicht einmal einen grundsätzlicheren Text zu einer gender-orientierten Pädagogik schreiben wolle. Eine Weile lang fand ich dafür keinen passenden Anfang – bis ich dann vor wenigen Tagen die neueste Ausgabe einer Zeitschrift in die Hand bekam, die eine Standardzeitschrift für den heutigen Englischunterricht ist: Der fremdsprachliche Unterricht Englisch mit seinem Themenheft Negotiating Gender.
 
Ich habe einen zweiteiligen Text geschrieben. In diesem ersten Teil gehe auf das – angesichts des Themas eigentlich unvertretbare – Desinteresse der Herausgeberinnen für die spezifischen schulischen Nachteile von Jungen ein. Zudem versuche ich an zwei ganz unterschiedlichen Beispielen – dem Film Billy Elliot und zwei Shakespeare-Sonetten – zu zeigen, wie hier gendertheoretische Annahmen einen Tunnelblick begünstigen, bei dem wesentliche Aspekte des Unterrichts ganz ausgeblendet bleiben.
 
Das mag philologisch interessant sein, hat aber vor allem erhebliche pädagogische Konsequenzen. Mit denen werde ich mich im zweiten Teil noch näher beschäftigen und fragen, ob nicht in der Gender-Pädagogik die klassische autoritäre Schulpädagogik einfach auf neue Weise verkauft wird.
Eine Gender Mainstreaming-Kampagne der Stadt Wien, die im Heft Negotiating Gender besonders lobend hervorgehoben wird. Zu beachten ist unbedingt, dass aus dem Asphalt sofort Blumen hervorsprießen, wenn nur Straßenbauarbeiten erst von Frauen verrichtet werden.

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